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Abteilung für Allgemeine Linguistik
O. O. Potebnia-Institut für Linguistik
Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine
Forschungsgebiete: semiotische Aspekte verschiedener Diskurs- und Textsorten (Alltagssprache, Belletristik, Poesie und Sprichwörter), Untersuchung der inneren Form auf verschiedenen Sprachebenen sowie der Wechselbeziehungen zwischen der semiotischen Struktur verschiedener Arten sprachlicher Zeichen und der epistemologischen Perspektive des Diskurses.
TITEL VON SCHÜCHTERNEN UND BARFÜSSIGEN GEDICHTEN: ZU JAN TWARDOWSKIS VAGEN SYNEKDOCHISCHEN BIBLIONYMEN
„Titel von schüchternen und barfüßigen Gedichten“: Zu Jan Twardowskis vagen synekdochischen Biblionymen
ANNOTATION
Der Autor widmet sich einigen Titeln von Gedichten des polnischen Priesters und Autors Jan Twardowski (1915–2006), die er als synekdochisch bezeichnet (da sie einen Teil des Textes wiederholen, den sie benennen); insbesondere geht es um jene Titel, die uninformativ und zufällig oder willkürlich gewählt wirken und nur vage, wenn überhaupt, durch den Inhalt des Gedichts motiviert sind. Ihre Besonderheit erklärt er durch die semiotischen Merkmale der ihnen als Namen poetischer Texte eigenen Motivation einerseits und durch ihre Rolle als integraler Bestandteil des poetischen Textes andererseits: Aus ihrem Kontext herausgelöst und an die hervorgehobene Position des Titels gestellt, bezeichnen solche Textfragmente den Text nicht nur formal nach dem Prinzip „pars pro toto“, sondern werden auch neu interpretiert, erhalten eine neue Bedeutung und verleihen dem Gedicht zusätzlichen Sinn. Die scheinbare Unbestimmtheit solcher Titel dient dazu, den Leser nach den Informationen suchen zu lassen, die sie dem Text hinzufügen. Aufgrund ihrer Unbestimmtheit und äußersten stilistischen Bescheidenheit verkörpern diese Titel jene Merkmale von J. Twardowskis Poetik, die die christlichen Tugenden der Armut und den Glauben an das Unglaubliche widerspiegeln.
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SCHLÜSSELWÖRTER: Jan Twardowski, Biblionym, Zeichenrepräsentation, Motivation, Textstruktur.
ZUSAMMENFASSUNG
Straipsnyje analizuojami kai kurie lenkų autoriaus kunigo Jano Tvardovskio (1915–2006) eilėraščių pavadinimai, kurie vadinami sinekdochiniais (pavadinimai pakartoja dalį jais pavadinto teksto), ypač tie, kurie atrodo neinformatyvūs, atsitiktinai pasirinkti ir neaiškiai arba iš viso nepagrindžiami eilėraščio turiniu. Paaiškinama jų kilmė, kurią, viena vertus, nulemia semiotiniai jų, kaip poetinio teksto vardų, motyvacijos požymiai, o kita vertus – jų, kaip sudedamosios poetinio teksto dalies, vaidmuo: išimti iš konteksto ir patalpinti matomoje pavadinimo vietoje, šie teksto fragmentai ne tik formaliai nurodo į tekstą, vadovaujantis pars pro toto principu, tačiau jie yra ir naujai interpretuojami, įgydami naują reikšmę ir suteikdami eilėraščiui papildomą prasmę. Tariamas tokių pavadinimų neaiškumas naudojamas kaip priemonė, skatinanti skaitytoją ieškoti informacijos, kurią jie suteikia tekstui. Dėl savo neaiškumo ir visiško stilistinio kuklumo šie pavadinimai išreiškia tokius Jano Tvardovskio poetikos bruožus, kurie atspindi krikščioniškąsias neturto dorybes ir tikėjimą nepaprastais dalykais.
WESENTLICHE BEGRIFFE: Jan Twardowski, Biblionym, Zeichenausdruck, Motivation, Textstruktur.
Der vorliegende Beitrag untersucht die Titel poetischer Werke des herausragenden und sehr populären polnischen Autors und Priesters Jan Twardowski (1915–2006) und konzentriert sich dabei auf diejenigen, die ich synekdochisch nenne. Das Thema des Beitrags ist somit in zweifacher Hinsicht aktuell und betrifft zwei Bereiche der linguistischen Forschung: zum einen spezifischer die Untersuchung der Titel J. Twardowskis als Bestandteil seiner poetischen Sprache und Diktion, zum anderen allgemeiner die Theorie der (literarischen) Eigennamen. Ich nähere mich diesen Titeln semiotisch und betrachte sie als Zeichen, deren Objekte die Werke sind, auf die sie verweisen. Das Verhältnis zwischen dem Titel eines Textes (auch Biblionym genannt, siehe: Подольская 1988: 42) und dem übrigen Text, den er benennt (oder dem eigentlichen Text), ist jedoch ambivalent und komplexer als bei anderen Zeichentypen. Einerseits gilt der Titel als integraler Bestandteil der Textstruktur, als deren Anfang, mit dem sich der Leser zuerst auseinandersetzt (Kostkiewiczowa 1976: 474). Andererseits kann der Titel aber auch durchaus autonom auftreten, etwa wenn er den Text in bibliografischen Verzeichnissen oder Fußnoten repräsentiert. Diese doppelte Natur des Verhältnisses zwischen dem Titel und dem Text, auf den er verweist, zeigt sich im Charakter des Titels als sprachlicher Einheit: Yu.O.Karpenko vertrat die Auffassung
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dass der Titel als Name des Textes betrachtet eine Einheit der lexikalischen Ebene ist, während er als anfängliche Textkomponente einen Satz darstellt (Карпенко 1975: 4). Er wies außerdem darauf hin, dass diese Dualität des Biblionyms dadurch bedingt ist, dass sowohl der Text als auch sein Name dieselbe, nämlich sprachliche, Ausdrucksform haben (ebd.); ergänzend lässt sich hinzufügen, dass der Texttitel sich aufgrund dieser Dualität zusammen mit dem eigentlichen Text selbst bezeichnet.
Wie dem auch sei, das Verhältnis zwischen dem literarischen Werk und seiner Überschrift ist noch komplizierter. So wichtig die Wahl des Titels für ein nicht-künstlerisches Buch oder einen Artikel auch sein mag, ein solches Biblionym ist an sich lediglich ein Etikett oder eine Kennzeichnung, das heißt, es ist ein äußeres Merkmal des von ihm bezeichneten Textes, eine Textkomponente mit nominativischer und informativer (und möglicherweise persuasiver) Funktion: Es soll den Text, auf den es verweist, identifizieren und von anderen Texten unterscheiden, indem es ihn wirkungsvoll und attraktiv präsentiert. Aus diesem Grund können selbst Titel streng wissenschaftlicher Arbeiten ein ausgeprägtes bildhaftes und stilistisches Element aufweisen; vgl. die Sammlung von Arbeiten und Erinnerungen von H.Popowska-Taborska mit dem Titel „Z różnych szuflad“, die fantasievollen Titel Roman Jakobsons, etwa „Poetry of grammar and grammar of poetry“, die Monografie von Daniel Nettle „Vanishing Voices. The extinction of the world’s languages“ sowie das Buch von David Bello „Is that a fish in your ear? Translation and meaning of everything“ und Ähnliches. Der Titel des Artikels «До питання про пареміологічний парадокс» des Linguisten und Paremiologen Z.H.Kotsiuba ist ein hervorragendes Beispiel für eine Überschrift, in der sich alle relevanten Funktionen die Waage halten: Der Titel gibt den Inhalt der Arbeit objektiv wieder und führt den Leser daher angemessen in die behandelten Themen ein; zugleich wird die Erwähnung eines Paradoxons den Leser unweigerlich neugierig machen und als zusätzlicher Anreiz sein unmittelbares Interesse an dem Artikel wecken.
Der Titel eines literarischen Werks ist dagegen nicht nur all dies, sondern auch unmittelbar und wesentlich stärker in dessen semantische Struktur eingebunden, insbesondere bei einem poetischen Werk, dessen Titel angesichts der (relativen) Kürze eines Gedichts und der im Allgemeinen kürzeren Verszeilen im Vergleich zu Prosazeilen visuell in den Text integriert ist und mit einem Blick erfasst werden kann. Diese Einbindung beruht vermutlich auf einer Eigenschaft des Kunstwerks (sowohl des verbalen als auch des nichtverbalen): seiner umfassenden Ikonizität. In einem solchen Werk ist jedes seiner formalen Merkmale bedeutungstragend, sodass jede Veränderung seiner Form auch eine Bedeutungsveränderung nach sich zieht; siehe (Milewski 1969: 14–15; Єрмоленко 2006: 185–193). Daher ist die Vielfalt literarischer Werktitel im Allgemeinen größer als die nichtliterarischer Titel. I.R.Gal’perin wies darauf hin, dass der literarische Titel seine Bedeutung häufig nicht unmittelbar ausdrückt (was eine weitere Folge des künstlerischen Charakters des Textes ist: Bekanntlich duldet die Kunst keine schlichte Rede; siehe (Потебня 1976: 340)); vielmehr ist sein Sinn metaphorisch oder metonymisch „verschleiert“. Seiner Auffassung nach lassen sich literarische Titel nach der Form der in ihnen enthaltenen Information wie folgt klassifizieren: 1) Symboltitel, 2) Zitat
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Titel, 3) Botschaftstitel, 4) Anspielungstitel, 5) narrativer Titel (vgl. Kapitelüberschriften in englischen Romanen des 18th. Jahrhunderts) (Гальперин 2007: 134). Das soll jedoch nicht heißen, dass es keine namenlosen literarischen Werke oder Werke mit schlichten und wenig aussagekräftigen Titeln gäbe, denn solche gibt es durchaus; vgl. Gedichte mit drei Sternchen anstelle eines Titels sowie Gedichtsammlungen, die (vom Verleger oder vom Autor) schlicht „Gedichte“ genannt werden, etwa N. K. Kybal’chych erste Gedichtsammlung „Поезії“ (1913) oder B. Oliijnyks gleichnamiges Buch (1986). Natürlich gibt es auch Romane und Erzählungen, die nach ihrer Hauptfigur benannt sind, etwa Stephen Kings Dolores Claiborne, Christie, oder Carrie. Auch wenn man I. R. Gal’perin, der N. D. Arutiunova für irrtümlich hielt, als sie behauptete, der Romantitel Anna Karenina von L. N. Tolstoi erfülle keine einführende Funktion (ebd.), nicht unbedingt zustimmen muss – offensichtlich erfüllt er sie doch –, ist dieser Name selbst für jemanden, der den Inhalt des Romans nicht kennt, mehr als nur ein Name. Als Titel eines Kunstwerks verweist er vermutlich auf die einzigartige literarische Figur (andererseits kann ein solcher Name motiviert sein und entsprechend eine intertextuelle Anspielung zum Ausdruck bringen, die auf einen Präzedenztext oder eine allgemeinere literarische Tradition verweist; siehe z. B. L. Yu. Gornakovas Dissertation über das anspielungsreiche russische Poetonym Лиза (Горнакова 2010)), während der folgende Text die übrige Arbeit leisten muss, insbesondere dazu beitragen muss, dass der Figurenname seine potenziellen semantischen Merkmale entfaltet: In Anna Karenina werden solche Merkmale A. A. Fomin zufolge durch den Gegensatz der paronymisch gedeuteten Namensbestandteile erzeugt – als Opposition von QUADRAT und KREIS –, nämlich (Каре)нина und (Обло)нский (Фомин 2012). In einem allgemeineren Sinne lässt sich hier eine Parallele zu künstlerischen Fotografien oder Gemälden mit Titeln wie Mary, Louise und Ähnlichem ziehen: Die als Titel verwendeten Anthroponyme bedeuten etwas grundsätzlich anderes als das, was sie im alltäglichen Gebrauch bezeichnen, selbst wenn die abgebildeten Personen tatsächlich diese Namen tragen.
Andererseits gibt es auch kompliziertere literarische Titel, deren Originalität jedoch unterschiedlich ausgeprägt sein kann, denn, wie T. Kostkiewiczowa hervorhebt, „sind sowohl die Art der Bildung des Titels eines literarischen Werks als auch seine Struktur den allgemeinen Prinzipien der Poetik des betreffenden Werks untergeordnet; da sie historisch variabel sind, unterliegen sie ebenso wie andere Bestandteile des literarischen Werks der Konventionalisierung“ (Kostkiewiczowa 1976: 474); das bedeutet insbesondere, dass die Wahl eines Titels von literarischen Modevorlieben abhängen kann (vgl. folgenden Ausschnitt aus Vladimir Nabokovs Erinnerungen „Другие берега“: „...и у меня была с собой целая кипа беленьких книжечек стихов со всей гаммой тогдашних заглавий, т.е. от простецкого «Ноктюрны» до изысканного «Пороша»“ (Набоков 1991: 167)).
Wenden wir uns nun den Titeln der Gedichte von J. Twardowski zu: Auch sie sind von unterschiedlicher Art; dieser überaus ungewöhnliche Autor (seine Biografie der Journalistin Magdalena Grzebałkowska aus der „Gazeta
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Wyborcza“ trägt den Titel „Ksiądz Paradoks“) weist auch hier ein breites Spektrum auf: Einige Titel sind recht geläufig und traditionell, z. B. Matka Boża Powstańcza [1, 20]1, O ludzkim sercu pod wielkim baldachimem [1, 86], Wiersz dydaktyczny [2, 396], Zaufalem drodze [1, 405], Posąg Dawida [1, 64], Modlitwa [1, 77; 1, 87; 1, 127; 1, 160; 1, 264; 2, 143] (neben sechs Gedichten mit diesem Titel gibt es drei weitere, in denen Modlitwa zusammen mit anderen Wörtern vorkommt), Ku wodzie [2, 330], Do Jezusa umęczonego organami [1, 141], Do albumu (drei Gedichte tragen diesen Titel: [2, 21; 2, 244; 2, 387]), Do albumu po raz drugi [2, 141], Dobranocka [2, 386] und so weiter. Darunter finden sich Titel des Typs, den Galperin metonymisch nannte: Sie bestehen aus einem Wort, einem Satz oder einer Äußerung, die auch im Text vorkommt und ihn somit repräsentiert. Semiotisch betrachtet können solche Titel als indexikalisch bezeichnet werden (d. h. sie gehören zu den indexikalischen Zeichen im Sinne von Ch. S. Peirce (Ермоленко 2006: 19–20), die auf verschiedenen Arten von Kontiguität zwischen ihnen und ihrem Objekt beruhen) und, wie man hinzufügen sollte, auch als ikonisch (ebenfalls gemäß Peirces Klassifikation der Repräsentationsbeziehungen zwischen Zeichen und Objekt), da der im Titel wiedergegebene Teil des Textes dem entsprechenden Textfragment ähnelt oder mit ihm identisch ist. Im Folgenden werde ich sie der Kürze halber und weil eines ihrer wesentlichen Merkmale ihre Motivation nach dem Prinzip „pars pro toto“ ist, synekdochisch nennen. Unter den Titeln dieser Art von J. Twardowski gibt es einige recht ungewöhnliche; sie sind Gegenstand dieses Artikels.
Der synekdochische Titeltyp ist natürlich an sich völlig geläufig, und unter J. Twardowskis Biblionymen gibt es recht viele solche üblichen und, wenn man so sagen darf, unauffälligen Titel. Von seinen zwei Gedichten, deren Titel das Wort koniec (Koniec [1, 419] und Koniec nie-koniec [2, 398]) enthalten, kommt das Wort jedoch nur im ersten auch an anderer Stelle im Text vor (Koniec – to klamczuch w świecie nieskończonym). Beide Titel wirken dennoch geläufig und vorhersehbar, denn tatsächlich geht es in beiden Gedichten um das Ende; somit bringen die Überschriften das Thema der Gedichte zum Ausdruck und verallgemeinern folglich deren Inhalt.
Und doch gibt es in J. Twardowskis Dichtung auch Biblionymen, die thematisch kaum mit dem Text verbunden zu sein scheinen, den sie benennen, und unangemessen wirken, weil sie den Eindruck erwecken, zufällig oder willkürlich gewählt worden zu sein – nicht durch den Text motiviert oder bestimmt und daher ungeeignet oder kaum geeignet, das bezeichnete Gedicht zu repräsentieren. Gemeinsam ist ihnen mit dem Gedicht lediglich ein darin vorkommendes Wort oder eine Wendung. Unabhängig von ihrer Zusammensetzung ist ihr Hauptmerkmal
1 Die Beispiele stammen aus seiner Gedichtsammlung: Twardowski Jan. Miłosc milosci szuka. Wiersze 1937–1998. Warszawa: PIW / Poznan: Ksiegarnia Swietego Wojciecha, 1999. V. 1–2.
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Ein gemeinsames Merkmal ist ein recht lockerer oder sogar (scheinbar) nicht vorhandener Bedeutungszusammenhang mit dem Gedicht, das sie benennen.
Auch solche Biblionyme sind in der Literatur nicht unbekannt, und die Gründe für ihre Wahl können unterschiedlich sein. So bezieht sich etwa die Überschrift von W. Somerset Maughams Kurzgeschichte The book-bag nicht unmittelbar auf den Gegenstand der Geschichte, eine Liebesbeziehung zwischen einem Bruder und einer Schwester, von der ein anderer Engländer dem Erzähler berichtet, der durch Malaya reist. Der Charakter dieser Beziehung, obwohl er sich aus dem Gesagten eindeutig erschließen lässt, wird weder in der Erzählung des Autors noch in der eingebetteten Geschichte ausdrücklich benannt; vielleicht ist es dieses Thema, das damals „zu heikel“ war, das den Grund für den etwas irreführenden, auf recht indirekte Weise motivierten Titel dieser Geschichte bildet (die Geschichte beginnt damit, dass der Erzähler von seiner Leseliebe erzählt, die ihn dazu bringt, auf Reisen eine riesige Büchertasche mitzunehmen; sein malaiischer Gastgeber, ein britischer Resident, leiht sich von ihm Byrons Biografie aus, deren Einzelheiten ihn dazu veranlassen, seine eigene Geschichte über die Liebe zwischen einer Schwester und einem Bruder zu erzählen).
Doch der (scheinbare) Mangel an Motivation in den poetischen Biblionymen von J. Twardowski scheint ganz anderer Art zu sein und nichts mit Tabuthemen zu tun zu haben (tatsächlich mied J. Twardowski als religiöser Dichter schwierige und kontroverse Fragen des Glaubens und der Religion nie und versuchte nie zu beweisen, was sich nicht beweisen lässt). Betrachten wir beispielsweise eines der beliebtesten Gedichte von J. Twardowski, Kiedy mówisz [2, 68]. Dieser Aleksandra Iwanowska, seiner langjährigen Assistentin und literarischen Sekretärin, gewidmete sehr kurze Text ist eine imperative Äußerung in der zweiten Person, die sich offensichtlich als Antwort auf ihren Brief voller Klagen über Unglück und Missgeschick an die Adressatin richtet. Die beiden Schlusszeilen des Gedichts fassen die Essenz der Botschaft zusammen: a od zwykłych rzeczy naucz się spokoju / i zapomnij że jesteś gdy mówisz ze kochasz. Die dem Titel entsprechende Wendung findet sich in der zweiten dieser Zeilen, mit dem Unterschied, dass ihr im Text der relative Pronominaladverb gdy vorangestellt ist, während im Titel gdy vielleicht aus Gründen des Wohlklangs durch seine Variante kiedy ersetzt wird. Für sich genommen scheint diese Wendung jedoch in keiner bedeutsamen Weise mit dem Hauptgedanken des Gedichts, wie er in diesen Zeilen oder überhaupt im gesamten Text zum Ausdruck kommt, zusammenzuhängen; vielmehr erzählt sie von etwas anderem. Im Kontext eines Dialogs (etwa eines Briefwechsels) scheint das Textfragment gdy mówisz ze kochasz auf etwas zu verweisen, das die Adressatin zuvor gesagt hat, wobei zusätzlich der angebliche, das heißt noch nicht (vollständig) erwiesene Inhalt der wiedergegebenen/zitierten Aussage hervorgehoben wird. Tatsächlich aber handelt es sich um eine idiomatische Wendung, die ungefähr dasselbe bedeutet wie gdy kochasz, jedoch die Wahrheit dieser Aussage betont (gdy naprawdę mówisz ze kochasz „wenn du wirklich meinst, was du sagst“ = gdy naprawdę kochasz „wenn du wirklich liebst“): Die Darstellung durch den Sprecher dessen, was die Adressatin selbst berichtet (gdy mówisz ze kochasz)
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fungiert als Mittel der Hervorhebung, offenbar auf der Grundlage der folgenden Überlegung: „Wenn etwas als wahr bezeichnet wird, muss es wahr sein“; die zugrunde liegende Annahme ist, dass etwas zu sagen gleichbedeutend damit ist, die Wahrheit zu sagen. Mit anderen Worten liegt diesem Ausdruck eine Sprachauffassung zugrunde, die dem Grice’schen Prinzip ähnelt, insbesondere der Maxime der Qualität, die sich auf die Wahrhaftigkeit des Gesagten bezieht (Грайс 1985: 222–223). Die Wendung gdy mówisz aus ihrem Kontext herauszulösen und als Titel des Gedichts zu verwenden, scheint daher ein zusätzliches Thema in den Vordergrund zu rücken: die Verantwortung, etwas wahrheitsgemäß zu behaupten, insbesondere wenn man etwas Wesentliches über sich selbst behauptet (etwa, eine christliche Tugend zu besitzen).
Ein Titel dieser Art verschiebt somit den Schwerpunkt der poetischen Äußerung, weicht vom Hauptthema ab und betont einen anderen Aspekt des Gedichtinhalts oder fügt ihm sogar einen neuen Aspekt hinzu. So findet sich beispielsweise im nur vierzeiligen Gedicht Lura [2, 344] dieses Wort, das ein wässriges Getränk oder eine wässrige Speise bezeichnet, in der ersten Hälfte des Gedichts, wo ein Friedhof im Herbst beschrieben wird: Listopad cmentarz pusty / deszcz zimna lura. Diese Beschreibung bildet den Hintergrund für die folgende Aussage (die von einer nicht näher bezeichneten Person geäußert wird): - to straszne – ktoś mówi / przestać kochać zmarłego dlatego że umarł. Und doch hebt der Titel ein Merkmal dieses Hintergrunds hervor: den kalten Herbstregen. Dieses Merkmal, der folgenden Aussage überlagert, lässt sich jedoch als Metapher für eine schwache und deshalb unzulängliche Liebe deuten, die mit dem Tod des geliebten Menschen endet; die Schwäche ist das gemeinsame Merkmal dieser Liebe und eines wässrigen Getränks (vgl. insbesondere einerseits die Definition von lura: „słaby, mało esencjonalny napój“ (Dubisz 2004), und andererseits das Attribut silny, das Liebe im eigentlichen Sinne des Wortes beschreibt, wie in der Definition von miłość: „silna więź emocjonalna, jaką łączy ludzi sobie bliskich“ (ebd.)).
Im Gedicht Na pół [2, 176] tritt die als Biblionym verwendete adverbiale Wendung mit der Bedeutung „halb“ später im Text erneut auf, wo sie das Partizip przedarte näher bestimmt; dieses ist Bestandteil einer kopflosen Nominalphrase aus mehreren Bestimmungen (Niedokończone / przerwane / przedarte na pół / niekochane / nic już nie warte), die das semantische Merkmal „unzulänglich“ teilen. Ausgehend von diesen Bestimmungen lässt sich erschließen, dass die Bedeutung des ausgelassenen Kopfes als „dein Leben“ zu verstehen ist: Das unmittelbar anschließende Verb im Imperativ der 2.nd Person, nie wybrzydzaj, zeigt an, dass es sich beim gesamten Text um eine apostrophische Äußerung handelt, die an eine ungenannte Person gerichtet ist, möglicherweise an das lyrische Subjekt selbst (d. h. den Sprecher, wie er in der inneren Welt des Kunsttextes dargestellt ist), das sich angeblich über die Unzulänglichkeit seines Lebens beklagt. Wenn wir jedoch den allgemeinen Gedanken des Gedichts berücksichtigen (etwa: „Unzulänglichkeit ist eine allgemeine menschliche Bedingung“), dann wird das, worauf die als Titel verwendete adverbiale Wendung Bezug nimmt, als menschliches Los verstanden. Im allgemeinen Kontext des Gedichts lässt sich der Titel Na
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pól impliziert, dass auch die menschliche Natur ihrem Wesen nach geteilt und nicht ganzheitlich und daher widersprüchlich ist, da sie aus zwei Teilen besteht, einem guten und einem schlechten. Somit ist auch dieser Titel indexikalisch, sowohl formal als auch semantisch, und fügt der Aussage des Gedichts eine wichtige Verallgemeinerung und einen tieferen philosophischen Sinn hinzu.
In einem anderen Gedicht von J. Twardowski, das sich ebenfalls mit dem existenziellen Aspekt der menschlichen Verfassung befasst und den Titel Na okrągło trägt, ist diese adverbiale Wendung ebenfalls Teil des Textes. Die Wendung ist mehrdeutig; ihre primäre Bedeutung lautet „rund“, die sekundäre „fortwährend, unablässig“. Da dieses sehr kurze Gedicht von Einsamkeit und Entfremdung handelt und na okrągło im Text das Kopfnomen jęk (Samotność pośród ludzi / podrapana droga / telefon jak ryba śnięta / skrzynka na listy dla serca pułapka /...jęk na okrągło / samotność bez Boga) näher bestimmt, liegt auf der Hand, dass die Wendung im Text in ihrer zweiten Bedeutung verwendet wird. Da sie jedoch an die prominente Stelle des Gedichttitels gerückt ist, scheint sie ihm einen zusätzlichen Sinn zu verleihen, dem ihre wörtliche Bedeutung zugrunde liegt und der das Bild von etwas Rundem oder Kreisförmigem vermittelt. Darüber hinaus spricht der Autor in der ersten Zeile von Einsamkeit unter Menschen (Samotność pośród ludzi) und in der letzten von Einsamkeit ohne Gott (samotność bez Boga); diese „Einsamkeit“, die bezeichnenderweise zweimal, am Anfang und am Ende des Gedichts, erwähnt wird, evoziert ebenfalls das Bild der Kreisförmigkeit, eines geschlossenen Kreises, der ein bekanntes Symbol einer ausweglosen Lage ist, die trotz aller Bemühungen unverändert bleibt; vgl. die polnische Redewendung mit der entsprechenden inneren Form koło (kółko) się zamyka „gewisse Situationen und Faktoren bedingen einander gegenseitig und machen eine Lösung des Problems unmöglich; die Lage ist trotz zahlreicher unternommener Maßnahmen dieselbe wie zu Beginn“ (ibid.)2. Und so bewertet der Dichter diese Art von Einsamkeit: als endlos und verzweifelt. Außerdem ist anzumerken, dass Kreisförmigkeit als Merkmal eines heidnischen (oder mythischen) Zeitmodells gilt (Мелетинский 1992: 252–253)3, das sich von einem linearen und gerichteten (und zugleich hoffnungsvollen) Zeitbild unterscheidet, wie es vom Christentum konzipiert wird (Леон-Дюфур et al. 1998: 927).
In einem weiteren Gedicht von J. Twardowski, Na słomce, entspricht der Titel einer präpositionalen Wendung, die sich an einer anderen prominenten Stelle findet, nämlich ganz am Ende der letzten Zeile und entsprechend des letzten Satzes des Textes: Matka Boska mnie trzyma / jak niezdarną bańkę na słomce. Zu Beginn stellt sich das lyrische Ich seinen Tod am Altar vor (Przygasnę przy ołtarzu iskierka po iskierce / zostaną tylko buty jak przydeptane serce), und die letzte Zeile dieses kurzen Gedichts bringt durch den Vergleich mit einer Seifenblase dessen gefährlich schwachen
2 Ibid.
3 Элиаде Мирча. Миф о вечном возвращении. Архетипы и повторяемость, пер. с франц. Спб.: Алетея, 1998, 249 с.; Мелетинский Е.М. Время мифическое. – Мифы народов мира. Энциклопедия 1, гл. ред. С.А.Токарев. Москва: Сов. энциклопедия, 1992, С. 252–253.
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Verfassung des Herzens des Autors (tatsächlich litt J. Twardowski in den frühen Jahren seines Priestertums an einem unklaren, aber schweren Gesundheitsproblem, das nie diagnostiziert wurde (Grzebalkowska 2011: 133)). Es sei darauf hingewiesen, dass die Wendung na słomce, die im Text als Teil des Vergleichs jak niezdarną bańkę na słomce verwendet wird, syntaktisch eine lokale adverbiale Bestimmung innerhalb einer komparativen adverbialen Bestimmung ist; die Wendung gehört somit zur syntaktischen und semantischen Peripherie des letzten Satzes. Das heißt, der Dichter vergleicht sich mit einer von der Jungfrau Maria auf einem Strohhalm gehaltenen Blase und greift im Gedichttitel lediglich ein peripheres (aber vermutlich bedeutungsvolles) Merkmal dieses Bildes auf. Dabei verzichtet er darauf, sowohl auf sich selbst als auch auf den Gegenstand, mit dem er sich vergleicht (eine Blase), direkt hinzuweisen, und benennt lediglich den Ort, an dem sich diese Blase befindet (also einen Strohhalm). Dadurch ist dieser Titel doppelt indexikalisch, denn er ist sowohl Teil des gesamten Gedichttexts als auch eines Textfragments, das ein komplexes Bild ausdrückt (ein Strohhalm anstelle einer Blase auf einem Strohhalm anstelle des lyrischen Ichs). Obwohl das Thema des Gedichts die Verfassung des Dichters ist, verbirgt der Titel ihn, indem er ihn sozusagen hinter dem Strohhalm platziert. Hinzu kommt, dass ein Strohhalm, das heißt ein getrockneter Getreidehalm, leicht, zerbrechlich, rasch vom Feuer verzehrt und leicht vom Wind bewegt wird, wodurch er sich als perfektes metaphorisches Bild für etwas oder jemanden eignet, der ebenso zerbrechlich, verletzlich und vergänglich ist. Somit verbirgt und profiliert der Titel zugleich das lyrische Ich.
Dieselbe indirekte und gewissermaßen partielle Benennung des Gegenstands innerhalb der textinternen Welt veranschaulicht der Biblionym Gorętsza od spojrzenia [1, 99]. Das Gedicht, auf das er sich bezieht, enthält eine Liste negativer und positiver Wünsche des lyrischen Ichs, die durch Infinitivwendungen ausgedrückt werden. Zunächst sagt es, was es nicht sein möchte (Żeby nie byc taką czcigodną osobą / ktorej podają parasol / ktorą do Rzymu wysyłają...), dann, was es sein möchte (Ale byc chlebem / ktory krają / żywicą którą z sosny na kadzidło skrobią / czymś z czego robią radio / żeby choremu przy termometrze śpiewało /... żółtym dla dzieci balonem). Der Übergang vom ersten zum zweiten Wunsch, der grammatisch durch den Wechsel vom Negativ zum Affirmativ markiert ist, wird auch durch den doppelten Zwischenraum angezeigt. Der letzte der positiven Wünsche lautet, immer eine Hostie zu sein (also eine für die Kommunion verwendete Brotscheibe): // a zawsze hostią małą / gorętszą od spojrzenia / co się zmienia w ofierze. Die Bedeutung dieses Wunsches wird erneut durch den doppelten Zeilenabstand hervorgehoben, der den entsprechenden Gedichtabschnitt (zugleich den letzten) vom vorhergehenden trennt. Entsprechend ist es die Hostie, die der als Gedichttitel verwendete Komparativsatz beschreibt. Dies geschieht jedoch indirekt: Die Hostie wird nicht benannt, sondern stattdessen durch ein Attribut („glühender als der Blick“) näher bestimmt. Dadurch verlagert sich der Fokus von den Wünschen des Autors auf die Hostie, die nicht direkt, sondern durch ihre Eigenschaft dargestellt wird. Dieser Perspektivwechsel wird durch den Wechsel der Kasusform noch deutlicher: Im Titel steht das Adjektiv gorętsza im Nominativ.
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anstelle des Instrumentals. Diese Ausrichtung auf die Hostie stimmt mit dem überein, was in der letzten Zeile des Gedichts über sie gesagt wird (co się zmienia w ofierze), und bringt den zugrunde liegenden Wunsch des Autors nach Selbstlosigkeit, Selbstverleugnung und Selbstaufopferung um Gottes willen zum Ausdruck, vgl.: Tunc Iesus dixit discipulis suis si quis vult post me venire abneget semet ipsum et tollat crucem suam et sequatur me (Matth. 16, 24). Die Gegenüberstellung der Hostie mit dem Blick hinsichtlich der Temperatur und, metonymisch wie metaphorisch, der Intensität des Gefühls (Апресян 1995: 2, 460; Черниш 2003: 129–151, 392) legt wohl nahe, dass die Kommunion mit dem unsichtbaren Gott durch das Opfer näher, wichtiger und tiefer ist als die Kommunion mit anderen Menschen durch Blickkontakt.
Doch auch in J. Twardowskis Biblionymikon gibt es Fälle, die weitaus weniger eindeutig sind. So zählt der Autor beispielsweise in seinem Gedicht mit dem Titel Kochanowskiego przekład psalmow materielle wie geistige Gegenstände auf, die er in jungen Jahren besessen hat und um deren Rückgabe er den Herrn bittet, damit er sie anschließend mit ins Grab nehmen kann. Darunter finden sich …herbaty gorzkiej łyk w manierce /i umarłego ojca list, / sweter od siostry, matki serce Kochanowskiego przekład psalmów / spalony z Wilczą w czas powstania i wszystko czego życzę innym – a sam niestety nie dostanę und so weiter [1, 46]. Obwohl Jan Kochanowskis Übersetzung des Buches der Psalmen, die als Meisterwerk der polnischen Literatur und Denkmal der polnischen Literatursprache gilt, nur eines der Elemente dieser Liste ist, wird sie im Gedicht bezeichnenderweise zweimal erwähnt: sowohl im Text als auch im Titel. Im Text wird die Wortverbindung Kochanowskiego przekład psalmow zudem in der ersten Zeile der zweiten Strophe wiederholt und nimmt damit eine recht hervorgehobene Stellung in der Textstruktur ein. Dennoch lässt sich dem Text nicht entnehmen, was das Buch für das lyrische Subjekt so besonders macht. Andererseits kann man annehmen, dass der Autor gerade dadurch, dass er es im Titel erwähnt, den Wert des Buches im Vergleich zu seinen übrigen Wünschen hervorgehoben hat.
Es gibt auch weitere Gedichte, in denen das Motiv für die Wahl eines bestimmten Teils als Titel tatsächlich unklar scheint – oder vielmehr überhaupt kein solches Motiv erkennbar ist. So findet sich etwa im Gedicht Z pliszka siwa [2, 186] die entsprechende Präpositionalphrase mit einem Objekt, das den Vogel Bachstelze (Motacilla alba L.) bezeichnet, in einer Passage, in der Dinge aufgezählt werden, an die man sich nach dem Tod eines Menschen erinnert: jak pachniał orzech suszona lawenda / jak wujek kochał ciotkę w pamiętniku / bawił dowcip o kuchni z widokiem na cmentarz / spotkanie we dwoje nad wodą zieloną / z pliszką siwą co pogląda na wysokich nóżkach / nad Narwią zwą ją starą panną młodą. Diese Liste ist eingebettet in die Überlegungen des Autors über den Tod und dessen entscheidende Rolle dabei, alles zu bewahren, was das Leben mit Liebe erfüllt und so flüchtig und vergänglich (ebenso wie trivial und alltäglich) ist wie das Leben und die Liebe selbst. Doch die Bachstelze nimmt in diesen Erinnerungen eindeutig einen nebensächlichen Platz ein: Der Vogel begleitet lediglich – und ist gleichsam Zeuge eines Stelldicheins am Ufer.
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der Narew. Betrachtet man jedoch den zuvor erwähnten Kontext, in den das Gedicht eingebettet ist, und berücksichtigt J. Twardowskis bekannte franziskanische Biophilie (Czernysz, Jermolenko 2000: 12), seine Liebe zu Tieren und Pflanzen sowie sein lebenslanges Interesse an Zoologie und Botanik, und nimmt man außerdem an, dass er persönliche Erfahrungen mit Bachstelzen – oder einer bestimmten Bachstelze – gemacht hat, die, wenn auch nur lose, mit den Ufern des Narew verbunden waren, so verleiht gerade die Erwähnung der Bachstelze im Titel dem Ornithonym einen verallgemeinerten Sinn und macht aus diesem liebenswert kleinen Vogel ein Symbol für alles, was der Tod unsterblich macht.
So unbedeutend und willkürlich gewählt ein Titel dieser Art auch erscheinen mag: Indem ein Gedichtfragment zum Titel gemacht wird, erhält es im Gesamttext des Gedichts eine bedeutungsvolle Hervorhebung, und gerade durch seine scheinbare Bedeutungslosigkeit wird signalisiert, dass es einen tieferen Sinn in sich birgt.
Die konkrete Botschaft, die ein Titel dieser Art vermittelt, kann mehr oder weniger unklar sein und eher eine Frage als eine Aussage darstellen. So handelt etwa das Gedicht W grudniu [2, 187] von jahreszeitlichen Ereignissen, die sich in verschiedenen Monaten zutragen: W marcu przylatują zięby… / w maju mignie wilga jak w niebieskim fartuszku dziewczynka / w październiku czernieją szpaki / w grudniu kocha / podaje nam ręce / na śmierć grzecznie ubrana choinka. Warum wird also ausgerechnet der Dezember im Titel genannt? Vielleicht vor allem wegen Weihnachten, des wichtigsten Festes im römisch-katholischen liturgischen Kalender, das im Dezember gefeiert wird und mit dem der Weihnachtsbaum verbunden ist: Indem der Weihnachtsbaum als liebend, den Menschen die Hand reichend und für sie geopfert beschrieben wird, ähnelt er eindeutig Jesus. Diese Ähnlichkeit wird durch Assoziationen verstärkt, die das Kreuz mit dem Baum verbinden: Das griechische ξύλον „Holz“ bezeichnet als kontextuelles Synonym von σταυρός das Kreuz, an dem Jesus Christus im Neuen Testament starb (Acts 5, 30; 10, 39; 13, 29; Galatians 3, 13; 1 Peter 2, 24; see also (Дворецкий 1958: 2, 1147)). Doch wie steht es mit den anderen Monaten? J. Twardowski nennt vier Monate: zwei Frühlingsmonate (März und Mai), einen Herbstmonat (Oktober) und einen Wintermonat (Dezember); Sommermonate fehlen. In allen außer dem Dezember ereignen sich Vorgänge im Leben wildlebender Vögel, sodass die Vögel (der Buchfink, der Pirol und der Star) dem Tannenbaum gegenübergestellt werden. Was diese Gegenüberstellung „Vögel vs. Baum“ bedeutet, ist nicht unmittelbar ersichtlich – zumindest mir nicht – und lässt sich unterschiedlich beurteilen. Andererseits könnte es gerade eine Diskussion gewesen sein, die zum Nachdenken über das Gedicht und seinen Titel anregt, und genau das könnte der Autor beabsichtigt haben.
Die zuvor besprochenen poetischen Biblionyme J. Twardowskis oder ihre Bestandteile hatten appellativische Entsprechungen aus Wortklassen wie Substantiv, Adjektiv oder Adverb. In J. Twardowskis Biblionymikon finden sich jedoch auch synekdochische Titel, die durch den Gebrauch von Einheiten anderer Wortklassen gebildet werden. Diese Titel
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Auch sie erwecken den Eindruck einer zufälligen und willkürlichen Auswahl, und dieser Eindruck bleibt selbst bei genauerer Prüfung bestehen. Einige dieser Titel werden mithilfe eines Verbs gebildet, vgl. Ryczał [2, 53] oder Spojrzał [1, 190], wobei ryczał und spojrzał zugleich die Wörter sind, mit denen die jeweiligen Gedichte beginnen. Der erste Titel ist recht eindeutig motiviert: Das Gedicht beschreibt die Reaktion einer nicht näher bezeichneten Person auf den Verlust der Liebe; darauf folgt die Ermahnung des lyrischen Subjekts (Ryczał na cztery strony że miłość odeszła... głuptasie nie wybrydzaj / wystarczy że przyszła). Zugleich ist die Bildung eines Biblionyms aus einer finiten Verbform in der Vergangenheit, die nicht von weiteren Wörtern begleitet wird, sowohl grammatisch als auch stilistisch recht ungewöhnlich – als hätte der Autor, auf der Suche nach einem (synekdochischen) Titel, sich nicht sonderlich um seine Aufgabe gekümmert und das Wort tatsächlich nur deshalb verwendet, weil es ihm als Erstes im Text begegnet war.
Der zweite Titel wiederholt das erste Wort des Gedichts, das zugleich dessen erste Zeile ist. Außerdem ist es eines der vier verbalen Prädikate im Text und bezieht sich eindeutig auf dasselbe elliptische Subjekt, das als Jezus zu verstehen ist, wie die Zeile stanął w kącie załamał odjęte z krzyża ręce besonders deutlich macht. Der Text dieses Gedichts erzählt von Jesus Christus, der beim Anblick des fein geschmückten Kircheninneren denkt, dass all dies vielleicht nicht für Ihn bestimmt ist (i pomyślał / chyba to wszystko nie dla mnie). Der Titel stellt somit einen peripheren Teil des Gedichtthemas dar (im Sinne der funktionalen Satzperspektive): die Kirche, wie Christus sie sieht; dieser Teil wird anschließend dem Rhema des Gedichts, dem Urteil Christi, gegenübergestellt. Doch möglicherweise steckt mehr dahinter als eine periphere Motivierung und eine ungrammatische Bildung. Eine weitere Deutung dieses Titels scheint möglich: Sie bezieht die von Jesus in einer Kirche vollzogene Handlung des Sehens auf das bekannte christliche Konzept und Bild des Auges der Vorsehung (oder des allsehenden Auges Gottes), das in Polen wie auch anderswo bekannt ist und gewöhnlich als Auge dargestellt wird, das von einem Glanz umgeben und in ein Dreieck eingeschlossen ist (Oko opatrzności 2014). In diesem Fall ließe sich die vom Titel nahegelegte Bedeutung etwa mit „Gott beobachtet und sieht alles“ wiedergeben und würde den Leser daran erinnern, sich zu bemühen, alles – auch kirchliche Angelegenheiten – so zu sehen, wie Er es sieht.
Das Gedicht Sześć listków, dessen Titel eine Zahl enthält, erzählt von einem Mann, der so tief in suizidaler Verzweiflung versinkt, dass ihm alles schwarz erscheint. Doch diese Sicht ist nicht wahr; dies beweist das Leberblümchen przyłaszczka “hepatica”, das zu ihm kommt und ihm direkt vor der Nase seine sechs blauen Blütenblätter zeigt. Der Inhalt des Gedichts gründet somit auf Farbsymbolik: Der Gegensatz zwischen Schwarz und Blau bringt den Gegensatz von Verzweiflung und Hoffnung zum Ausdruck. Da das Leberblümchen als Träger der blauen Farbe der Hoffnung dargestellt wird, wäre es naheliegend gewesen, wenn das Biblionym, das seine Blütenblätter erwähnt, auch deren Farbe statt ihrer Anzahl genannt hätte. Doch der Titel hebt das Gegenteil hervor: die Anzahl statt der Farbe. Vermutlich war für den Autor die Zahl der Blütenblätter des Leberblümchens an sich ebenso wichtig
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vgl. in diesem Zusammenhang sein Gedicht Pisze (Piszę to co widzę niczego nie zmysłam...[2, 188]), in dem er unter anderem darauf hinweist, dass das Gänseblümchen manchmal achtundneunzig Blütenblätter hat, und weitere Tatsachen über Pflanzen und Tiere nennt. Darüber hinaus ist es möglich, dass diese Anzahl der Blütenblätter des Leberblümchens aus Sicht des Dichters ebenfalls ein Hoffnungssymbol ist – warum hätte er sie sonst im Titel eines Gedichts, das von Verzweiflung und Hoffnung handelt, ausdrücklich erwähnen sollen?
Einige Biblionyms von J. Twardowski leiten sich von Pronomen verschiedener Typen ab. So ist etwa unter den Titeln, die mithilfe von Personalpronomen mit Bezug auf Jesus Christus gebildet werden, Ty (später geändert zu Kaznodzieja [1, 158]) synekdochisch; das Pronomen erscheint dann erneut ganz am Anfang der ersten Zeile (Ty co nie zbawiasz dusz prośniętych słowami). Dasselbe gilt für Z Tobą [1, 136], während das Pronomen in On [2, 102] und Porzucili wszystko i poszli za nim [2, 373] nur im Titel vorkommt.
Es gibt auch pronominale Titel anderer Art, etwa zwei Biblionyms mit dem Relativpronomen który ohne ausdrücklich genanntes Bezugswort: Który [1, 214] und Ktory stwarzasz jagody [1, 331]. Im zweiten Gedicht wird der dem Titel zugrunde liegende Satz in der ersten Zeile wiederholt, und zwar nach dem Pronomen Ty; im ersten bleibt das Bezugswort hingegen unausgesprochen (Który stworzyłeś / pasikonika jak szmaragd z oczami na przednich nogach...). In beiden Fällen richtet der Dichter seine Meditation oder Bitte an den Herrn, und in den Texten beider Gedichte leitet który den Attributsatz ein, in dem einige Geschöpfe des Herrn (Lebewesen, Tiere und Pflanzen sowie auch einige geistige Wesen) zusammen mit bestimmten charakteristischen Merkmalen aufgezählt werden.
Bei all diesen Titeln mit Pronomen, die sich direkt oder anaphorisch auf Gott beziehen, scheint die äußerst knappe indexikalische Darstellung (die eher auf etwas hinweist, als es zu benennen) dem dritten der zehn Gebote des Dekalogs zu entsprechen: „non adsumes nomen Domini Dei tui in vanum nec enim habebit insontem Dominus eum qui adsumps erit nomen Domini Dei sui frustra“ [Exodus, 20, 7; Deuteronium 5, 11; cf. aslo Proverbia 30, 9]. Zugleich entspricht diese bescheidene, ja dürftige Art, auf Gott zu verweisen, indem man Ihn lediglich bezeichnet, statt Ihn mit klangvollen Namen zu benennen, J. Twardowskis wiederholt geäußertem Wunsch nach einer kościół, die jeglichen Schmucks entbehrt; vgl. etwa das bereits zitierte Gedicht „Spójrzał“ oder die folgenden Zeilen aus dem Gedicht „Jak długo“ [1, 200]: pokaż się choć na chwilę w kościele – rozebranym do naga ze świecidełek / jak święci co nie mają nic do ukrywania... Bezeichnenderweise ist die Wendung rozebranym do naga ze świecidełek syntaktisch mehrdeutig, da sie entweder die kościele oder den unausgesprochenen Adressaten der Bitte des Autors, also Christus, näher bestimmen kann; der Autor wünscht, dass beide jeglicher unnötigen Ausschmückung beraubt seien.
Dies entspricht auch J. Twardowskis Neigung zu einer gleichermaßen schlichten, schmucklosen Benennung seines eigenen Werks, eine Neigung, die besonders deutlich wird in seinen
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Titel, die auch unter Verwendung anderer Pronomenarten sowie anderer Klassen funktionaler oder formaler Wörter (wie Konjunktionen und Partikeln) gebildet werden, sind recht zahlreich, vgl.: A jednak [1, 357], Chociaż [2, 161], Choćby [1, 298], Choćbyś [2, 205], Co potem [2. 126], Czemu [2, 77], Dlaczego [1, 372; 2, 128], Dlatego [1, 231], Gdyby [1, 401], Ile [2, 73], Jakże [1, 442], Jeszcze [1, 351], Jeszcze nie [1, 164], Jeśli [1, 385], Już [2, 130], Kiedy [1, 234; 2, 110], Którędy [1, 215], Który [1, 214], Może [1, 261], Nie [1, 167], Nie tak nie tak [1, 305]. Nie tylko [2, 23], Ta sama [1, 448], Tak [2, 372]. Ten sam [2, 123; 2, 158], Teraz [1, 409], To [2, 192], To samo [1, 289], Tylko [1, 417; 2, 33; 2, 206; 2, 318], Wszystkiego [1, 318; 2, 223]. Einige davon sind synekdochisch und treten an anderer Stelle im Gedicht auf, andere nicht. In beiden Fällen scheint der Grund für ihre Wahl als Titel jedoch zumindest teilweise mit der „Armut“ als gemeinsamer Eigenschaft ihres semantischen Inhalts im Sprachsystem zusammenzuhängen, das heißt außerhalb des jeweiligen Verwendungskontexts – etwas, das ihr isoliertes Stehen im Titel hervorhebt.
Dasselbe gilt, mutatis mutandis, allgemein für die Poetik von J. Twardowski. In seinem Gedicht „Królewna ze Skępego“ beschrieb er seine Gedichte, als er die Jungfrau Maria von Skępe (das Heiligtum, dem er besonders zugetan war) ansprach, folgendermaßen: …wiersze nieśmiale i bose / takie co nie idą jak krytyk za modą / …takie co nie świecą jak szyja ozdobna / za które nie płacą dolarami Nobla [2, 166] (um außerdem seine Unprofessionalität als Autor zu betonen, bezeichnete er sich selbst als Priester, der Gedichte schreibt, und nicht als Dichter). Seine Poetik folgt somit einem der drei christlichen Räte der Vollkommenheit, dem der Armut, ebenso wie Senecas Ausspruch Res sacra miser (der auf dem Giebel des Gebäudes der ehemaligen Warschauer Wohltätigkeitsgesellschaft zu lesen ist, in dem sich heute das Wohltätigkeitszentrum „Caritas“ der Erzdiözese befindet). Darüber hinaus gibt es eine weitere christliche Tradition (mit bemerkenswerten Parallelen zur Zen-Philosophie), der viele Titel von J. Twardowski offenbar entsprechen und die durch die bekannte Paraphrase von Tertullians Aussage (aus „Carne Christi“) knapp zum Ausdruck gebracht wird: „Credo quia absurdum“ (Credo quia absurdum 2014). In seinem synekdochisch und damit äußerst karg betitelten Gedicht „Jesteś“ schrieb J. Twardowski: bo gdzie sensu już nie ma to sens się zaczyna [2, 78]. Das erklärt, weshalb es in J. Twardowskis Biblionymikon Titel gibt, die sich einer logischen Erklärung scheinbar entziehen und zugleich den Leser herausfordern, die Botschaft aufzudecken, die sie vermutlich verbergen – gemäß dem grundlegenden Prinzip der Poetik ihres Autors: Da Gott eine Sprache spricht, die aus Sicht der menschlichen Logik unlogisch ist, können wir nur mithilfe des Paradoxons über Ihn sprechen (Czernysz, Jermolenko 2000, 12). Auf J. Twardowskis Biblionyms bezogen lässt sich dieses Prinzip folgendermaßen formulieren: „Nomino quia absurdum“; ihre Absurdität ist ein Zeichen des tieferen Sinns, den sie vermitteln.
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TITEL VON „GEDICHTEN SCHEU UND BARFUSS“: ÜBER JANO TVARDOVSKIOS UNKLARE SYNEKDOCHISCHE BIBLIONYME
ZUSAMMENFASSUNG
Bei der Analyse der Gedichttitel des Priesters Jan Twardowski unter dem Gesichtspunkt ihrer Motivation konzentriert sich der Verfasser des Artikels vor allem auf jene Titel, die einen offenbar unbedeutenden Teil des Gedichttexts wiederholen. Die Untersuchung zeigt jedoch, dass solche Titel
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ein integralerer Bestandteil der semantischen Struktur des Textes als ein äußeres Zeichen sind; ihre eigentümliche Stilistik spiegelt bestimmte christliche Tugenden wider.
Eingereicht am 28. Februar 2015.
SERHIY YERMOLENKO
Ukraine / Україна, 08292, Київська область, місто Буча, вул. Садова, №70/1
Ukraine / Україна, 01001 Київ, вул. Грушевського, №4, Інститут мовознавства ім. О.О.Потебні НАН України [email protected]
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