Page 1LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXVII (1997)
LEKSIKOGRAFIJOS IR LEKSIKOLOGIJOS PROBLEMOS
Giedrė ČEPAITIENĖ
ANREDEN IN DEN BRIEFEN JONAS JABLONSKIS
Dank der Bemühungen von Professor Arnoldas Piročkinas sind bislang 424 Briefe von Jonas Jablonskis veröffentlicht worden (Jablonskis 1985; Jablonskis 1991). Die meisten dieser Briefe wurden auf Litauisch (353) verfasst, einige auf Russisch (70) und einer auf Polnisch.
Der Inhalt der Briefe von J. Jablonskis ist gewöhnlich sachlicher Art, weshalb sie wenig Persönliches oder Emotionen enthalten. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Briefe an seinen Sohn Konstantinas, ein Teil der an Kazimieras Jokantas gerichteten Briefe sowie der eine oder andere Brief etwas stärker.
J. Jablonskis verwendet Anreden in seinen Briefen gewöhnlich nur am Anfang oder gar nicht. Briefe ohne Anrede lassen sich nach ihrem Zweck in zwei Gruppen einteilen: 1) Sie dienen der Erörterung von Fragen der betreffenden Sprache, des Buchverlags oder der Tätigkeit gesellschaftlicher Organisationen (vgl. Jablonskis 1985: 47, 94, 324–352 u. a.); 2) sie sind an Leiter verschiedener Einrichtungen adressiert. Letztere Briefe beginnen gewöhnlich mit der Nennung des Adressaten, z. B. An Prof. M. Biržiška, Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät; an den Bildungsminister K. Jokantas; an den Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät, Prof. V. Kreve-Mickevičius. Ähnlich verfährt er in einigen Briefen an Juozas Tumas. Auch sie beginnen häufig mit der Angabe des Standes des Adressaten (An Pfarrer J. Tumas); später folgt entweder eine Anrede oder der Brief wird ganz ohne Anrede geschrieben. Natürlich gibt es den einen oder anderen Brief ohne Anrede, der anders ist und sich keiner der genannten Gruppen zuordnen lässt.
Heute wird zur Anrede gewöhnlich der Vokativ einer Personenbezeichnung (d. h. eines Substantivs) verwendet, bisweilen um Attribute erweitert (LKG III: 689–683; DLKG: 637–638). In den Briefen von J. Jablonskis ist die Tendenz beim Gebrauch von Anreden etwas anders. Hier werden zur Bezeichnung einer Anrede viel häufiger verschiedene pronominale Adjektive ohne Bezugswort verwendet.
Am häufigsten wird das Adjektiv gerbiamasis (gerbiamoji, gerbiamieji). als Anrede verwendet. J. Jablonskis verfuhr so während fast der gesamten Korrespondenzzeit (1904–1926); auf diese Weise wandte er sich an nahezu alle Korrespondenzpartner. Bemerkenswert ist, dass sich in den erhaltenen Briefen nur an wenige Personen kein einziges Mal diese Anrede findet – an den Schriftsteller Jonas Biliūnas, Petras Leonas, Povilas Višinskis und seinen Sohn Konstantinas. Auch in den erhaltenen Briefen an Vincas Kudirka wird diese Anrede nicht verwendet. An die genannten Personen wandte sich J. Jablonskis mit wärmeren Worten, was darauf schließen lässt, dass sie keineswegs nur sachliche Beziehungen miteinander verbanden.
Zu Beginn der Korrespondenz wurde einige Male die Form gerbiamasai. verwendet. J. Jablonskis hat diese Form in seinen Grammatiken beschrieben. In der Grammatik von 1901 heißt es bei der Erläuterung des Aufbaus pronominaler Adjektive (hier werden sie „verdoppelte“ genannt), dass sie „aus dem einfachen Adjektiv und dem Pronomen jis oder dem Nominativ
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Page 2Die bestätigenden Partikeln ar” werden zwar bestätigt, doch in den unmittelbar benachbarten Flexionsparadigmen finden sich keine derartigen Beispiele (Jablonskis 1957: 84–85). Ähnlich wird auch in der Grammatik von 1922 argumentiert (Jablonskis 1957: 211). Wie die Briefe zeigen, verwendete J. Jablonskis nach 1905 selbst eine solche Form nicht mehr.
Manchmal beginnen die Briefe mit der Anrede brangusis. In der frühen Korrespondenz von J. Jablonskis ist diese Anrede äußerst selten – sie kommt nur einmal in einem Brief an P. Višinskis vor (Ende November 1904). Wieder findet sich diese Anrede in Briefen aus den Jahren 1924–1927. Jeweils einmal begegnet sie in Briefen an Juozas Balčikonis (1924 06 11), Kazimieras Jokantas (1925 05 07) und Merkelis Račkauskas (1927 06 16); zweimal richtet er sich so an Zigmas Kuzmickis (1927 08 06; 1927 12 16). Einmal, als er Gabriele Petkevičaitė-Bitė anlässlich ihres Eintritts in den Ruhestand schrieb, gebrauchte J. Jablonskis zwei Adjektive in der Anrede: Brangioji, gerbiamoji (1924 10 18).
Noch seltener wurde das Adjektiv mylimasis (mylimieji) als Anrede verwendet. J. Jablonskis gebrauchte eine solche Anrede jeweils einmal im Briefwechsel mit seinem Sohn Konstantinas, in Briefen an Juozas Tumas-Vaižgantas, an die Litauische Wissenschaftliche Gesellschaft sowie an Stasys Dabušis. Übrigens ist der letztgenannte Brief nicht erhalten; bekannt ist nur seine Abschrift. Darin ist die einfache (nicht pronominale) Adjektivform mylimas belegt, die nach Ansicht von A. Piročkinas einem nicht besonders gebildeten Abschreiber zuzuschreiben ist (Jablonskis 1985: 101).
Ein paarmal finden sich erweiterte adjektivische Anreden. Sie werden durch das Possessivpronomen mano erweitert. Im einzigen bekannten Brief an J. Biliūnas steht Mano mylimasis (1905 01 26); die Anrede mano brangusis findet sich in Briefen an Professor Eduardas Volteris (1926 03 06) und Z. Kuzmickis (1926 03 06). Üblicherweise heißt es, Possessivpronomen bezeichneten Besitzverhältnisse und das Pronomen mano gebe an, dass ein Gegenstand dem Sprecher gehöre (LKG I: 673; DLKG: 261). Offenbar trifft diese Beschreibung hier nicht ganz zu. Die Fügung mano brangusis ließe sich synchron als Nominalisierung der Aussage tu esi man brangus auffassen. In indoeuropäischen Sprachen ist ein solcher Wechsel zwischen Genitiv und Dativ üblich (Fillmor 1981: 460). A. Rosinas zufolge lassen sich Konstruktionen mit possessiven Genitiven und Dativformen als gegenseitige Periphrasen betrachten (Rosinas 1988: 22). Ähnliche Wendungen hat J. Jablonskis als Dativ des Betroffenen und des Zustands bezeichnet und betont, dass sie „nicht nur zur Bezeichnung von Ereignissen, die einem Gegenstand widerfahren, sondern auch zur Wiedergabe seiner verschiedensten Zustände“ gebraucht werden (Jablonskis 1957: 600). Offenbar könnte man auch die genannten Anreden als Zustandsbezeichnungen auffassen. Entscheidend ist dabei natürlich nicht das Attribut (Pronomen), sondern der Kern dieser Anreden – das Adjektiv.
Es gibt erweiterte substantivische Anreden. Sie werden durch Adjektive erweitert, zum Beispiel: Mylimas Drauge (Brief an V. Kudirka, 1883 04 14), Brangus Drauge (an P. Višinskis, 1903 04 11), Brangieji Draugai (an die Lehrerversammlung, 1928 11 03), Brangus Tautieti (an einen unbekannten Adressaten, 1898 11 14), Gerbiamoji Tautiete (an Morta Zauniūtė, 1904 12 09). Bemerkenswert ist, dass J. Jablonskis in diesen Fügungen sowohl die einfache als auch die pronominale Adjektivform verwendet. Auch in den Beispielsätzen der Grammatik von 1922 finden sich sowohl einfache als auch pronominale Adjektivformen: Ko verki, sesele jaunoji? Ko liūdi sesele, balta lelijėle (Jablons-
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Page 3kis 1957: 408). Žinoma, pateiktieji pavyzdžiai nėra visiškai adekvatūs: pirmajame sakinyje turime daiktavardinį kreipinį, išplėstą įvardžiuotine būdvardžio forma, antrajame – kreipinys išplėstas priedėliu ir jame pavartota paprastoji būdvardžio forma. Kalbėdama apie šio tipo kreipinius, Antanė Kučinskaitė kaip vartotinas nurodo tik įvardžiuotines būdvardžių formas (Kučinskaitė 1985: 62).
Nur einmal richtet sich J. Jablonskis an einen uns unbekannten Adressaten mit der in der Umgangssprache üblichen Wendung Sveikas gyvas (1926 08 11). A. Kučinskaitė betrachtet solche Briefanreden als vertraulich (Kučinskaitė 1985: 72). Eine solche Anrede J. Jablonskis’ ließe also vermuten, dass der Empfänger des Briefes ein recht enger Bekannter J. Jablonskis’ gewesen sein muss, zumal diese Anrede in der vergleichsweise umfangreichen Korrespondenz des Sprachwissenschaftlers einzigartig ist.
Eine Anrede ausschließlich mit einem Substantiv im Vokativ ist für J. Jablonskis’ Briefe nicht charakteristisch. Gewöhnlich wird hier das Wort brolau verwendet. Einmal gebrauchte J. Jablonskis diese Anrede zusammen mit einem Vornamen und wandte sich so an V. Kudirka: Vincuti Brolau (1883 07 15). Der Adressat wird also besonders herzlich angesprochen, als der liebste Mensch überhaupt, obwohl der Brieftext selbst allerlei Vorwürfe enthält. Offenbar sollte mit den herzlichen Worten der Anrede die Verbundenheit mit dem ehemaligen Mitschüler aus dem Gymnasium zum Ausdruck gebracht werden. Spätere Briefe an V. Kudirka sind uns leider nicht bekannt. In keinem anderen litauischsprachigen Brief J. Jablonskis’ wird eine Person mit ihrem Namen angeredet; nur auf einer Postkarte an J. Balčikonis wird der Name des Adressaten erwähnt, doch der Gruß ist auf Latein: Josepho et consortibus Joanne cum consortibus salutem dicit (1915 09 24).
Die Anrede brolau ist besonders häufig in Briefen an Juozas Balčikonis (16-mal), Kazimieras Jokantas (12-mal), Merkelis Račkauskas (7-mal), Kazimieras Būga (4-mal) und Petras Leonas (3-mal). Ein- oder zweimal wird sie auch gegenüber anderen Korrespondenten gebraucht: Jonas Basanavičius, Antanas Smetona, Jurgis Šlapelis und Povilas Višinskis. Aus der Häufigkeit dieser Anreden lassen sich die Beziehungen zwischen den Korrespondenten nur teilweise erschließen, denn längst nicht alle Briefe J. Jablonskis’ sind erhalten. Außerdem wäre für einen solchen Vergleich eine Analyse der wechselseitigen Korrespondenz erforderlich. Bemerkenswert ist, dass die meisten Briefe mit der Anrede brolau zwischen 1909 und 1913 aus Brest, Hrodna und Velizh geschrieben wurden. Zeugen diese Anreden vielleicht von einer gewissen Unruhe des Sprachvaters, der fern von Litauen lebte und arbeitete, eine Zeit lang sogar ohne seine Familie, als er „im wahrsten Sinne des Wortes zum Broterwerb weggefahren war, wie nach Amerika“ (Piročkinas 1978: 56)?
Besonders interessant hinsichtlich der verwendeten Anreden sind J. Jablonskis’ Briefe an K. Jokantas. Obwohl dieser J. Jablonskis’ Schüler am Gymnasium in Mitau gewesen war (Jablonskis 1985: 416), verband die beiden nicht nur ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, sondern eine weit engere Beziehung. Wie bereits erwähnt, wurde K. Jokantas in den Briefen aus Brest häufig mit brolau angeredet, einmal auch mit der Koseform broliukai (1909 10 29). Auch der Inhalt dieser Briefe ist bemerkenswert: J. Jablonskis erwägt wiederholt eine mögliche Heirat K. Jokantas’ mit einer Ausländerin und versucht, ihm Rat zu geben. In einem Brief (November–Dezember 1909) beginnt J. Jablonskis, offenbar um seine Überzeugungskraft zu erhöhen, mit imaginären Gesprächspartnern zu polemisieren und mögliche Reaktionen von ihnen wiederzugeben; dabei verwendet er auch Anreden:
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Page 4Wenn ich heute ein junger Mensch wäre und, nachdem ich mich in einem Volk niedergelassen hätte, das sich nur schwer zu entfalten beginnt und deshalb sehr verletzlich ist, mich in ein Mädchen dieses Volkes verliebte, dem die Belange seines Volkes überaus am Herzen liegen, dann würde ich ihr – glaub mir – nur dabei helfen, sich um die Angelegenheiten ihrer Heimat zu kümmern, und alles dafür tun, dass meine Kinder gute Arbeitskräfte dieses Volkes würden (von der Sprache wäre gar nicht erst die Rede). Wenn meine eigenen Landsleute mir bei einem solchen Verhalten sagten: „Verräter“, würde ich ihnen einfach ins Gesicht spucken und könnte kühn sagen: „Ich will keine Hermaphroditen erziehen [...]“. Wenn meine eigene Tochter erwachsen wird und irgendwo einen Letten heiratet, in Lettland, werde ich ihr sagen: „Deine Kinder, mein Kind, können nur gute Letten sein; darum kümmere dich [...]“
[...] In deinen beiden letzten Briefchen bist du meiner Ansicht nach beim Thema „Patriotismus“ zu weit gegangen. Wenn ich so denken würde, könnte ich kühn verkünden: „Nehmt euch, Männer, die Mädchen, die zu eurer Kultur und Erziehung passen; das Volk spielt dabei keine Rolle. Lebt nicht in Pilviškiai oder Kupiškis, sondern dort, wo ihr eine höhere, besser zu euch passende Kultur findet...“
Bemerkenswert ist, dass J. Jablonskis, als würde er die gesprochene Sprache zitieren, substantivische Anredeformen wählt, die in seinen Briefen nicht häufig vorkommen. Es fällt auf, dass er seine Tochter hier vaikeli nennt, obwohl das Wort vaikas in J. Jablonskis heimischem Dialekt bei Verwandtschaftsbezeichnungen gewöhnlich „Sohn“ bedeutet. Übrigens ist der erwähnte Brief der einzige, in dem die Anrede an den Empfänger nicht nur zu Beginn, sondern auch im Schlussteil des Briefes vorkommt: „Bruder! Ich selbst kann keinen Antrag machen [...]“.
Die späteren Briefe an K. Jokantas wurden 1925 geschrieben, als dieser Bildungsminister war. Der Ton der meisten Briefe J. Jablonskis ist nun etwas anders. Auch die gewählten Anreden unterscheiden sich. Fast alle Briefe beginnen förmlich mit der Angabe des Amtes des Empfängers: Švietimo Ministerija: Ministr. J. Jokantui; Švietimo Ministeriui K. Jokantui; K. Jokantui, Švietimo Ministeriui. Auf diese Bezeichnung folgt bisweilen die Anrede gerbiamasis, manchmal wird aber auch ganz ohne Anrede gleich zur Sache übergegangen.
Dennoch finden sich in zwei an den Minister gerichteten Briefen gewisse Ausnahmen. In einem Brief, in dem die Angelegenheiten der Bildung der Terminologiekommission erläutert werden, wird der Empfänger überhaupt nicht genannt; stattdessen erfolgt die Anrede auf Latein: Salve, Carissime (1925 03 16). In einem anderen Brief, in dem J. Jablonskis Sommerpläne geschildert werden, lautet die Anrede Brangusis (1925 05 07). Daraus ließe sich schließen, dass J. Jablonskis zwar in seinen Briefen meist eine bestimmte Hierarchie berücksichtigte, sich aber dennoch erlaubte, nicht nur Achtung, sondern auch Gefühle zu zeigen.
Andere substantivische Anreden sind in J. Jablonskis Briefen selten. In seiner Korrespondenz mit seinem Sohn Konstantinas von 1906 bis 1917 verwendete er gewöhnlich die Anrede vaikeli (nur ein einziges Mal wird der Sohn mit mylimasis angesprochen). In Briefen aus Pskow an J. Šaulys wurde ein paarmal die Anrede tautieti verwendet (1903 01 26; 1903 02 01). Einmal findet sich in einem Brief an J. Balčikonis die Anrede Pilieti (1926 12 29). Nach heutigem Verständnis handelt es sich um eine bürokratische, offiziell-formelle Anrede, die meist mit Strafverfolgungsbehörden in Verbindung gebracht wird. A. Kučinskaitė zufolge ist sie nur für Beamte geeignet, die die Einhaltung der Gesetze überwachen (Kučinskaitė 1985: 64). Angesichts des besonders engen und freundschaftlichen Verhältnisses zwischen J. Jablonskis und J. Balčikonis wirkt eine solche Anrede merkwürdig. Ihr Sinn erschließt sich jedoch aus dem Inhalt des Briefes. Darin lädt J. Jablonskis J. Balčikonis zur Mitarbeit an der Tageszeitung „Lietuvis“ ein. Die Wahl der Anrede pilieti wurde demnach wahrscheinlich nicht vom Verhältnis der Korrespondenten zueinander bestimmt,
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Page 5sondern vom weiteren Kontext – der Tätigkeit, die gefördert werden sollte, möglicherweise auch vom Namen der Tageszeitung.
Anders sind die Anreden in den russischen Briefen. Diese Briefe richten sich meist an verschiedene Wissenschaftler und Beamte. Von allen auf Russisch verfassten Briefen sind vier an J. Balčikonis adressiert. Nur einer davon beginnt mit der Anrede Dorogoj Kollega, deren Entsprechung brangusis kolega in den litauischen Briefen nicht belegt ist. Auch in den übrigen auf Russisch verfassten Briefen wird diese Anrede nicht mehr verwendet. Dort wird gemäß den üblichen russischen Gepflogenheiten angeredet: Der Vorname und das Patronym des Empfängers werden genannt und nicht selten durch verschiedene Epitheta ergänzt.
Bei hochrangigen Personen wählt J. Jablonskis besonders ausführliche Anreden. Briefe an A. Byčkov, den Vorsitzenden der Abteilung für russische Sprache und Literatur der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg, beginnen mit: Vaše Vysokoprevoschoditelstvo, Mylostivij Gosudar, Afanasij Fiodorovič (1897 05 09: 1899 03 21). An den Rektor der Moskauer Universität, G. Ivanov, schreibt er: Vaše Prevoschoditelstvo Monogouvažajemij Aleksej Aleksandrovič (1888 03 09). Im selben Stil redete J. Jablonskis auch seinen Professor N. Tichonravov an: Vaše Prevoschoditelstvo Nikolaj Savvič (1888 10 04). Der Brief an den Schriftsteller V. Korolenko beginnt mit der Anrede Mylostivij Gosudar, ohne Vor- und Patronym des Empfängers zu nennen.
Andere Empfänger, meist wissenschaftliche Kollegen, werden weniger umständlich angeredet; Vor- und Patronym werden jedoch stets von ehrerbietigen Adjektiven begleitet, etwa mnogouvažajemij oder dobrešij. In den Briefen an V. Lamanski wechseln sie sich ab (vgl. die Briefe vom 1896 06 04 und 1901 02 03). A. Šachmatov, mit dem J. Jablonskis durch die langjährige gemeinsame Sorge um das Schicksal des Juškų-Wörterbuchs verbunden war, wurde auf mehrere Arten angeredet: Mnogouvažajemij Aleksej Aleksandrovič (1897 01 11; 1897 04 01; Februar 1901; 1901 09 14 u. a.); Dobrešij Aleksandr Aleksandrovič (1900 12 10; 1901 04 18; Dezember 1901; 1902 01 07 u. a.); Glubokouvažajemij Aleksej Aleksandrovič (1914 09 20). Bemerkenswert ist, dass J. Jablonskis die letzte Anrede nicht in einem Brief zu sprachwissenschaftlichen Fragen verwendete, sondern als er um Hilfe für seinen begabten Schüler bat. In Briefen an andere Empfänger wird gewöhnlich das Adjektiv mnogouvažajemij verwendet.
Gesondert zu erwähnen sind die Anreden, die J. Jablonskis in Briefen an Professor Eduard Volter verwendete. Von den vier veröffentlichten Briefen an ihn sind drei auf Russisch und einer auf Litauisch verfasst. In allen russischsprachigen Briefen spricht J. Jablonskis ihn mit Mnogouvažajemij Eduard Aleksandrovič an (Dezember 1894 – Januar 1895; 1885 02 06; 1905 02 15), also ebenso wie viele andere Kollegen. Die Anrede im litauisch verfassten Brief ist viel herzlicher – Mano brangusis (1926 03 19). Zeugt sie vielleicht von der Freundschaft, die sich im Laufe der langjährigen Bekanntschaft entwickelte, wurde sie möglicherweise dem Anlass des Briefes angepasst (E. Volter wird dazu beglückwünscht, „das Alter von 70 Jahren erreicht zu haben“), oder spiegelt sie die stilistischen Anforderungen des Litauischen und des Russischen wider? Das Material reicht bislang nicht aus, um diese Frage zuverlässig zu beantworten; wahrscheinlich waren jedoch alle drei Faktoren für die unterschiedlichen Anredeformen ausschlaggebend.
Wie bereits erwähnt, ist von allen veröffentlichten Briefen nur einer auf Polnisch verfasst. Er
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Page 6für den polnischen Sprachwissenschaftler und Folkloristen J. Karlovičius bestimmt. Die Anrede in diesem Brief ist ausgesprochen raffiniert: Szanowny i łaskawy Panie! Dobrodzieju!
Die Analyse der von Jonas Jablonskis verwendeten Anreden zeigt, dass ihre Auswahl von mehreren Faktoren bestimmt wurde. Es lässt sich sagen, dass J. Jablonskis die Traditionen jeder Sprache berücksichtigte (wie die Briefe in russischer und polnischer Sprache zeigen). Für das Schreiben von Briefen gab es im Litauischen noch keine Traditionen; somit schuf J. Jablonskis sie mit seinen Briefen erst. Vergleicht man die Anreden in Briefen, die in verschiedenen Sprachen verfasst wurden, zeigt sich, dass J. Jablonskis nicht nach dem Prinzip der mechanischen Übertragung vorging, sondern eine eigene, dem litauischen Wesen entsprechende epistolare Kommunikation entwickelte. Die Anreden in seinen litauischen Briefen sind einfacher und der Umgangssprache näher als dem gehobenen Stil. Offenbar berücksichtigte J. Jablonskis bei der Wahl der Anreden den gesellschaftlichen Status des Adressaten. In J. Jablonskis’ Briefen wird am häufigsten mit attributiven Adjektivformen angeredet; Anreden mit Substantiven im Vokativ sind viel seltener.
LITERATŪRA
DLKG – Dabartinės lietuvių kalbos gramatika, Vilnius: Mokslas,1994.
J a b l o n s k i s J. 1957: Rinktiniai raštai 1, Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla.
J a b l o n s k i s J. 1985: Jono Jablonskio laiškai, Vilnius: Mokslas.
J a b l o n s k i s J. 1991: Straipsniai ir laiškai, Vilnius: Mokslas.
F i l l m o r Č. 1981: Delo o padeže. – Novoje v zarubežnoj lingvistike 10, Lingvističeskaja semantika, Moskva.
K u č i n s k a i t ė A. 1985: Lietuvių kalbos etiketas, Vilnius: Mokslas.
L K G I – Lietuvių kalbos gramatika 1, Vilnius: Mintis, 1965.
L K G III – Lietuvių kalbos gramatika 3, Vilnius: Mokslas, 1976.
P i r o č k i n a s A. 1978: J. Jablonskis – bendrinės kalbos puoselėtojas, Vilnius: Mokslas.
R o s i n a s A. 1988: Baltų kalbų įvardžiai, Vilnius: Mokslas.
WORDS OF ADDRESS IN J.JABLONSKIS’ LETTERS
Summary
The majority J. Jablonskis’ letters are written in Lithuanian (373), part of them are written in Russian (50) and only one – in Polish.
In the Lithuanian letters the adress is usually some form of adjective. The form Gerbiamasis is used very often. Sometimes we come across brangusis and very seldom mylimasis.
There are extended address forms consisting of adjectives and nouns: mano mylimasis, mano brangusis, mylimas drauge, brangus drauge.
Only once J. Jablonskis uses the colloquial form Sveikas gyvas! The person whom he addresses is not known to us.
The address consisting of a vocative noun is not typical of these letters. The form brolau apears rather only frequently and Vaikeli is used to address his son Konstantinas. J. Jablonskis addresses V. Kudirka with very worm words: Vincuti Brolau. There are no more personal names in the letters written in Lithuanian.
The addresses in the letters written in Russian are quite different. We come across number
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Page 7of epithets used together with names and patronymics: Vaše Vysokoprevoščoditelstvo Afanasij Fiodorovič, Milostivij Gosudar Gavril Afanasjevič, Vaše Prevoschoditelstvo Aleksej Aleksandrovič, Mnogouvažajemij Aleksej Aleksandrovič. Professor E. Volter is addressed with the words Mnogouvažajemij Eduard Aleksandrovič in the Russian letters, and with the words Mano brangusis in the Lithuanian letters.
The addresses in the letters written in Polish to the famous linguist J. Karlovich are very refined: Szanowny i łaskawy Panie! Dobrodzieju!
It could be said that J. Jablonskis considered the etiquette of the letters written in the Lithuanian language more simple, closer to the colloquial speech which does not demand a higher style. That is why close people and those having many things in common with J. Jablonskis are usually addressed warmly–brolau, in other cases adjectives expressing respect are used. The same person can be addressed in different ways depending on whether J. Jablonskis writes to him as to somebody higher in office or to a person sharing common ideas. His letters evidence that J. Jablonskis paid great attention to the position the person he was writing to occupied, as well as to their personal relationship, choosing the language accordingly.
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