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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXVII (1997)

PROBLEME DER LEXIKOGRAFIE UND LEXIKOLOGIE

Anatolij NEPOKUPNYJ

ZUM PROBLEM DER DERIVATE IN HISTORISCHEN UND ETYMOLOGISCHEN WÖRTERBÜCHERN DER BALTISCHEN UND SLAVISCHEN SPRACHEN

0.1. Das Hauptwerk der litauischen Lexikografie des 20. Jahrhunderts – der mehrbändige „Wörterbuch der litauischen Sprache“ – ist eine eigentümliche Kreuzung zahlreicher Wege nicht nur in der Philologie, sondern, weiter gefasst, auch in der Geschichte und Kultur Litauens im gesamteuropäischen Kontext. Aus diesem Grund wäre es wohl kaum korrekt, sofort den einen oder anderen Band auf dieser oder jener Seite aufzuschlagen, ohne zuvor wenigstens einen flüchtigen Blick auf die Retrospektive der Entstehungsgeschichte dieses Thesaurus der litauischen Sprache zu werfen. Dies erscheint umso notwendiger, als die gesamte erste Hälfte des Jahrhunderts in der Geschichte der grundlegenden Publikation mit dem Titel „Lietuvių kalbos žodynas“ hauptsächlich mit den Namen ihrer beiden Begründer und Schöpfer – K. Būga und J. Balčikonis – verbunden war.

Wie uns scheint, sollten die Materialien jener Diskussion um den „Wörterbuch der litauischen Sprache“, die 1952–1953 stattfand, nun erneut gelesen werden, um die Kriterien besser zu verstehen, an denen sich die Lexikografen der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts orientierten, und um im mehrbändigen Werk nicht nach etwas zu suchen, das darin nicht vorgesehen war. So bewertete B. A. Larin in einem 1953 verfassten und 1957 ergänzten Artikel einerseits das Erbe von K. Būga hoch [„man sollte eine besondere Monografie... den Wörterbucharbeiten von K. Būga... widmen“ (Ларин, 1957: 138)], postulierte andererseits jedoch eine Abkehr vom Prinzip des Historizismus im litauischen Thesaurus. Als der Wissenschaftler über die Vorbereitung einer unter seiner Leitung erarbeiteten neuen Instruktion sprach, nach der „der III. Band des Wörterbuchs überarbeitet wurde“, zog er folgendes Fazit: „Die Materialien aus den ältesten Quellen wurden als Mittel zur Schaffung eines historischen Hintergrunds im Wörterbuch an die zweite Stelle gerückt, denn ein akademisches Wörterbuch der m o d e r n e n [hier und im Folgenden im zitierten Text hervorgehoben. – A. N.] litauischen Sprache kann nicht nach einem historischen, einfachsten chronologischen Schema aufgebaut werden – an erster Stelle sind darin die Grundbedeutungen des Wortgebrauchs in u n s e r e r Z e i t, in der zeitgenössischen belletristischen, politischen und wissenschaftlichen Literatur sowie in der Sprache gebildeter Menschen angegeben“ (Ebenda: 143).

Was nun die entgegengesetzte Seite betrifft, die an der Diskussion beteiligt war, so fällt hier die Haltung von J. Balčikonis auf, der sich erstens gegen die Einteilung „in angeblich notwendige und unnötige Wörter“ wandte: „... wenn irgendein unnötiges Wort aufgenommen wird, wird das Wörterbuch dadurch nicht sehr leiden. Das Wort kann sich als notwendig erweisen“

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(Balčikonis I 213) und zweitens unter Berufung darauf, dass „die gesamte lexikografische Arbeit keine festgelegten endgültigen Prinzipien besitzt“ (Ibidem: 214), gegen die übereilte Vorbereitung einer neuen Redaktion des Gemeinschaftswerks Einwand erhob: „Jetzt hat es für uns überhaupt keinen Sinn, mit der Umarbeitung unseres Wörterbuchs zu eilen“ (Ibidem: 215).

Dennoch musste J. Balčikonis aus der Redaktion des „Wörterbuchs der litauischen Sprache“ ausscheiden.

Somit wurde der „Wörterbuch der litauischen Sprache“ mit Ausrichtung auf die Gegenwart erstellt, wobei sogar ein so subjektives Kriterium wie die Bewertung der Notwendigkeit oder Unnötigkeit eines Wortes einbezogen wurde. Dies ist zu berücksichtigen, wenn man sich diesem Werk als Informationsquelle sowohl für weit gefasste als auch für engere Fragen der litauischen Lexikologie nähert. Insbesondere gilt das Gesagte auch für das Problem der Derivate.

0.2. Das Problem der Identifizierung von Derivaten als eigenständigen nicht nur Formen, sondern bereits Wörtern mit einer eigenen neuen Bedeutung ist für die Lexikografie von großer Bedeutung. Denn in der Praxis der Wörterbucherstellung entsteht nicht selten die Situation, dass ein faktisch bereits neues Wort weiterhin lediglich als wortbildende Variante einer bekannten Bezeichnung für den einen oder anderen Gegenstand oder Sachverhalt betrachtet wird. So wurde beispielsweise im Artikel unter dem Wort knūgos auch die Form knygelės aus dem „Katechismus“ von M. Mažvydas aufgenommen (LKŽ VI 242). Wie wir jedoch nachweisen konnten, handelt es sich hier um den neuen pädagogischen Terminus knygelės mit der Bedeutung nicht mehr „Büchlein“, sondern „Lehrbuch“ (Nepokupnas 1994: 76). Folglich verdient das angeführte Wort, in künftigen lexikografischen Arbeiten als selbstständige Einheit des Wörterbuchbestands aufzutreten.

Der „Wörterbuch der litauischen Sprache“ enthält teilweise Elemente sowohl eines historischen als auch eines etymologischen Wörterbuchs. Aus diesem Grund kann man einige seiner Artikel mit voller Gewissheit in eine Reihe mit den entsprechenden Bearbeitungen stellen, die nicht mehr in allgemeinen, sondern in speziellen lexikografischen Arbeiten zur baltischen und slavischen Sprachwissenschaft enthalten sind – in historischen und etymologischen Lexika.

Im Folgenden werden den Forschern zwei Studien vorgelegt, in denen das Ausgangsmaterial aus dem „Wörterbuch der litauischen Sprache“ stammt. Während in der ersten von ihnen Derivate betrachtet werden, die mithilfe eines gemeinsamen germanisch-baltisch-slavischen Suffixes von der baltisch-germanischen und slavischen Bezeichnung für ein Kind gebildet wurden, wird in der zweiten ein Fall paralleler semantischer Wortbildung analysiert – der Übergang einer baltischen und baltisch-slavischen Bezeichnung für eine Erhebung in den Bereich der meteorologischen Terminologie.

1.0. Wenn man versucht, eine der führenden Kategorien kurz zu bestimmen, deren wortbildender Ausdruck sozusagen „profilbildend“ in der Terminologie der Verwandtschaft ist, so wird dies die Kategorie der Possessivität (Zugehörigkeit, Possessivität) sein, was mit der Herkunft des Bezeichneten zusammenhängt. Wie O. N. Trubatschow schrieb, ist „die Bedeutungsentwicklung von отсы im Slawischen ‚Väter‘ > ‚Vater‘ – ein Beispiel für die vorkommende Deetymologisierung von Ableitungen mit einem Zugehörigkeitssuffix; dabei nimmt die Ableitung erneut die Bedeutung der nichtabgeleiteten Grundform an – ‚Vater‘.“

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Vgl. dt. Mensch ‚Mensch‘ < ahd. mennisco ‚der von Mannus Stammende‘ mit dem Suffix – isco (Трубачев 1959: 26).

Das Beispiel des dt. Mensch (unter Verweis auf das Werk: F. Kluge. Nominale Stammbildungslehre der altgermanischen Dialekte. 2. Aufl. Halle, 1899, S.10) ist für uns in diesem Fall besonders wichtig, da mit demselben Suffix – isco nicht nur germanische, sondern auch baltische und slavische Derivate von der Bezeichnung für ein Kind auftreten, von denen im Folgenden die Rede sein wird.

1.1. In der speziellen Studie „Semantik von lit. bérnas: lett. bērns und ihren Derivaten“ zeigte R. Bertulis überzeugend, dass die ursprüngliche Bedeutung des genannten ostbaltischen Lexems ‚Kind; Knabe‘ nur in der modernen lettischen Literatursprache erhalten geblieben ist, während es im Litauischen eine ganze Kette semantischer Übergänge erkennen lässt, die sich als ‚Kind‘→‚Junge‘→‚Bursche‘→‚Tagelöhner‘ sowie ‚Mann‘ rekonstruieren lässt (Bertulis 1972: 32). Wenn also der „Wörterbuch der litauischen Sprache“ als Wörterbuch thesaurusartigen Typs die Bedeutungen eines Wortes in der Reihenfolge ihrer historischen Entwicklung darstellen würde, müsste das nur in Denkmälern und in der Mundart von Pelyasa belegte ‚Kind‘ nicht an zweiter (LKŽ I2, 767), sondern an erster Stelle stehen.

Was die Derivate betrifft, wies R. Bertulis insbesondere darauf hin, dass das die ursprüngliche Bedeutung des Ausgangswortes bewahrende Derivat berniškė ‚Kindheit, Jugend‘ (Ibidem: 770) nur in alten Denkmälern vorkommt (Bertulis 1972: 21); genauer gesagt – ausschließlich in der „Postille“ von M. Daukša, wo diese Form dreimal belegt ist. Und hier möchten wir auf die wissenschaftliche Bedeutung hinweisen, die die Darstellung dieses Derivats im „Wörterbuch“ für die vergleichende historische Sprachwissenschaft besitzt.

Die Sache ist die, dass die Denkmäler der gotischen Sprache nicht nur das Substantiv barn (Neutrum) mit der einzigen Bedeutung ‚Kind‘ bewahrt haben, sondern auch das davon gebildete Adjektiv barnisks ‚kindlich‘ sowie das von Letzterem abgeleitete barniski (Neutrum) ‚Kindheit‘ (Wright 1910/1981: 170,178,310). So finden wir im „Zweiten Brief des heiligen Apostels Paulus an Timotheus“ (Kapitel III, Vers 15): jah batei us barniskja weihōs bōkōs kunþēs... (Ibidem: 290), d. h. „Und du kennst die Heilige Schrift von Kindheit an“...

Folglich verläuft zwischen dem gotischen Bibelübersetzer, Bischof Wulfila (um 311 – um 383), einerseits, und dem litauischen Übersetzer der „Postille“ (1599), dem Kanoniker M. Daukša, andererseits eine gemeinsame gotisch-litauische lexikalisch-wortbildende Parallele: got. barniski (Neutrum) ‚Kindheit‘ – lit. berniškė (Femininum) ‚dasselbe‘.

Das angeführte Beispiel bezeugt den erheblichen wissenschaftlichen Wert der im „Wörterbuch der litauischen Sprache“ enthaltenen Derivate und überzeugt zugleich davon, dass es im künftigen etymologischen Wörterbuch der litauischen Sprache offenbar nicht mehr ausreichen würde, sich nur auf einen kurzen Artikel zum Ausgangswort bė́rnas zu beschränken (vgl. Fraenkel 1962: 40).

1.2. In der „Laurentius-Chronik“ – einer 1377 angefertigten Kopie der Chronikzusammenstellung von 1305 – findet sich zum Jahr 945 ein Eintrag: Волга же бяше в Киевѣ съ [ы]н[о]мъ своимъ съ дѣтьскомъ [св]ятославом (55), den die Bearbeiter des historischen Wörterbuchs der russischen Sprache als Beleg

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in dem Artikel zum Wort дѣтский (Adjektiv mit der Bedeutung „minderjährig, im Kindesalter“) als Illustration anführen (СлРЯ XI–XVII вв. IV 239). Offensichtlich handelt es sich hier jedoch nicht um das Adjektiv дѣтский, sondern um die davon abgeleitete, nunmehr substantivische Form дѣтьско (Neutrum) „Kind, kleines Kind“, der im zitierten Wörterbuch ein eigener Artikel hätte gewidmet werden müssen.

Derselbe Fehler wiederholt sich auch in einer Untersuchung zur historischen Lexikologie der ukrainischen Sprache. So wurde unter den „Bezeichnungen, die den Menschen und seine altersbezogenen Besonderheiten betreffen“ die Form „Дѣтьскъ (substantiviertes Adjektiv) < dětьskъ ‚Kind‘“ herausgestellt, was durch ein Beispiel aus der Galizisch-Wolhynischen Chronik unter dem Jahr 1206 illustriert wird: король же Андрѣи... хотѧще дати д[ъ]щерѣ свою за кнѧзѧ Данила объѣ-има дѣтьскома бывшима (ИУМ ЛР 31). Die Formen der Dativ-Instrumental-Fälle des Duals auf -ома (vgl. дѣтьскома) haben jedoch Substantive nicht nur des Maskulinums, sondern auch des Neutrums. Deshalb ist anstelle der vom Autor vorgeschlagenen Bearbeitung einer nicht existierenden Variante des Lexems дѣтьскъ die neutrale Form дѣтьско ‚Kind‘ zu rekonstruieren. Was die semantische Angemessenheit dieser Bezeichnung betrifft, sei daran erinnert, dass Fürst Daniel von Galizien (1201–1264) im Jahr 1206, dem Zeitpunkt der Aufzeichnung in der Chronik, erst fünf Jahre alt war.

Somit wird auf der Grundlage zweier Chronikeinträge: 1) unter dem Jahr 945 – über den Kiewer Fürsten Swjatoslaw (?–972) und 2) unter dem Jahr 1206 – über den galizisch-wolhynischen Fürsten Daniel für die Geschichte der ukrainischen Sprache das Wort дѣтьско als eine der Bezeichnungen für ein Kind rekonstruiert.

Ausgehend von dieser Rekonstruktion ist die Stellung des entsprechenden Derivats in den beiden in Russland und Polen parallel erscheinenden Wörterbüchern der urslavischen Sprache zu betrachten. Während im ersten Formen wie poln. dziecko ‚Kind‘ in einem gemeinsamen Artikel unter dem Wort dětiьskъ(jь) behandelt werden (ЭССЯ V 17), ist im zweiten die substantivierte Form des neutralen Adjektivs dětьsko mit dem Hinweis auf ihren westslavischen Charakter in einem eigenen Artikel herausgestellt (SP III 174–175).

Die von uns gewonnenen Materialien bestätigen die Zweckmäßigkeit einer gesonderten Bearbeitung des diskutierten Derivats. Zugleich ist bereits jetzt darauf zu verzichten, diese Bildung aufgrund ihrer Verbreitung als westslavisch zu bestimmen. Neben den bereits von uns angeführten neuen Fakten vgl. auch den Nachweis der gesuchten Form im südslavischen Areal. So ist beispielsweise im Slowenischen das expressive Wort děčko bekannt (insbesondere sagt man so über einen kräftigen Burschen), das um 1800 als (dezhko) belegt ist (Bez laj 1977: 98).

Somit gehört das Derivat dětьsko ‚Kind‘ sowohl aufgrund der Chronologie als auch aufgrund seiner geographischen Belege zweifellos zu den Bildungen der urslavischen Periode und muss als solches in den künftigen Ergänzungen zum Wörterbuch der urslavischen Sprache seinen Platz finden.

2.0. Die Schwierigkeit einer adäquaten Darstellung sowohl der historischen als auch der dialektalen Lexik im „Wörterbuch der litauischen Sprache“ besteht darin, dass in diesem Teil des lexikalischen Bestands nicht selten solche Wortformen sowie ihre Bedeutungen vorkommen, hinter denen noch keine einigermaßen gefestigte Tradition nicht nur der lexikografischen, sondern sogar der lexikologischen

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Interpretation steht. Das Gesagte betrifft insbesondere auch jenen Teil der Derivatbildungen, bei denen die Derivation ohne Veränderung der strukturellen Wortform ausschließlich auf semantischer Ebene erfolgt, wenn der Lexikograf vor der Notwendigkeit steht, sich zu entscheiden, womit er es zu tun hat: gleichsam mit einer „einmaligen“ Abweichung von der weithin bekannten alten Bedeutung oder aber mit einer neuen Bedeutung. Im vorliegenden Fall geht es um die semantische Derivation, die bei einer der litauischen Bezeichnungen für eine Erhebung (gaubrỹs, gū̃brys u. a.) zu beobachten ist; das Material dazu ist in seiner Grundbedeutung im „Kommentar“ Nr. 80 zum „Atlas der litauischen Sprache“ (LKA I 180) dargestellt.

2.1. Im Artikel unter dem Wort gūburas (gùburas) werden im „Wörterbuch der litauischen Sprache“ nur zwei dialektale Quellen erwähnt – die Mundarten von Lenas und Dusetos: die erste mit dem Hinweis auf die Bedeutung ‚kauburys, kurpstas, kelmas, kalva‘ (d. h. entsprechend ‚Hügel, Erhebung, Baumstumpf, Anhöhe‘), die zweite zur Belegung des Beispiels – Šiandiej ant dangaus daug gūburų (panašių į kelmus debesų) – reikia bul’vos sodint – gerai augs (LKŽ III 691), d. h. ‚Heute gibt es am Himmel viele „Erhebungen“ (Wolken, die Baumstümpfen ähneln) – man muss Kartoffeln pflanzen – sie werden gut wachsen‘.

Im zitierten Artikel fällt auf, dass sein Bearbeiter (oder Redakteur) unter vier möglichen Varianten der Interpretation des dialektalen Beispiels die Ähnlichkeit mit Baumstümpfen gewählt hat.

Bezeichnenderweise ist in derselben Mundart von Dusetos auch das Adjektiv guburiuotas belegt: Šiandiej guburiuotas dangus, gera sėmenija (LKŽ III 692), d. h. ‚Heute (übersetzen wir) ein „hügeliger“ Himmel, eine gute Zeit für die Aussaat‘. Und davon, dass ein solches Adjektiv nicht zufällig ist, zeugen eindrucksvoll noch drei Beispiele aus der litauischen Presse vor 1940:

1) gauburiuotas: Du žalsvi garlai viai nuplaukė į šiaurę, kur renkasi gauburiuoti debesys (LKŽ III 161); 2) gūbriuotas: Padangė šliaužiojo sunkūs, gūbriuoti debesys (LKŽ III 690); 3) guburiuotas: Tolumoje juoduoja guburiuoti debesys (LKŽ III 692), d. h. 1) ‚Zwei grünliche Dampfschiffe fuhren nach Norden, wo sich „hügelige“ Wolken sammeln‘; 2) ‚Über den Himmel krochen schwere „hügelige“ Wolken‘; 3) ‚In der Ferne schwärzen sich „hügelige“ Wolken‘.

In allen oben angeführten Beispielen haben wir für unsere wörtliche Übersetzung die Ähnlichkeit der Wolken nicht mit einem Baumstumpf, wie im „Wörterbuch der litauischen Sprache“ vorgeschlagen, sondern mit einem Hügel gewählt, wozu die nächste slavische Perspektive verpflichtet.

2.2. Die veröffentlichten Artikel beider Wörterbücher der urslavischen Sprache über den ostslavischen Regionalismus – die Bezeichnung einer Erhebung вцгът (SP I 436, ЭССЯ III 79) – können inzwischen durch neues Material ergänzt werden.

So stellt sich von baltischer Seite lit. vįgur̃s ‚mažas pakilimas‘, d. h. ‚kleine Erhebung‘, als besonders wertvoller Beleg dar; es wurde von V. Maurčujai im Rajon Prienai von Sammlern der Materialien für den „Atlas der litauischen Sprache“ aufgezeichnet (LKA I 180): Bis heute war die baltische Entsprechung nur im Lettischen bekannt.

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Was die neuen Belege der Dialektologie von eigentlich slavischer Seite betrifft, so erweisen sie sich auch für die Interpretation der Parallelen aus derselben lexikalisch-semantischen Gruppe des baltischen Wörterbuchs als nicht weniger wichtig.

So führte A. F. Žuravljov in seinen „Ergänzungen zu den lexikalischen Materialien“ des genannten Wörterbuchs der russischen Etymologen unter anderem zuvor nicht berücksichtigte Belege der belarussischen dialektalen Lexikografie an: бургы ‚Kumuluswolken‘ und Dim. бугарок ‚Wölkchen‘ (Журавлев 1990: I, 36). Das erste Beispiel (Plural; meteorologischer Terminus) wurde im Dorf Ochremowzy, Rajon Braslaw, Gebiet Witebsk, aufgezeichnet: Як вязной буграми неба – садзіць гуркі трэба (СБГПЗБ I 232), d. h. ‚Wenn im Frühling der Himmel voller Hügel ist, muss man Gurken pflanzen‘. Der zweite Beleg stammt aus dem Rajon Loyew im Gebiet Homel (Я н к о в а Т. С. Дыялекты слоўнік Лоеўшчыны, Minsk, 1982, 58; zitiert nach dem Text der Veröffentlichung von A. F. Žuravljov).

Somit sind бугарок ‚Wölkchen‘ und бургы ‚Kumuluswolken‘ an diametral entgegengesetzten Rändern Weißrusslands belegt, wobei der Rajon Braslaw sogar an den Rajon Zarasai in Litauen grenzt, auf dessen Gebiet (Dusetos) auch Šiandiej ant dangaus daug guburų … aufgezeichnet wurde (siehe oben), d. h. – bereits auf dialektaler Ebene übersetzt – ‚Heute gibt es am Himmel viele Hügel‘.

2.1–2. Die beiden Begriffe für eine Erhebung – lit. gūburas und belar. бугор – weisen, bei gleicher semantisch-wortbildender Struktur (in beiden Fällen: eine baltisch-slavische Wurzel mit der Bedeutung ‚biegen, beugen‘ + Suffix -úras/-тьь = ‚Erhebung‘), dieselbe Richtung der weiteren semantischen Derivation ‚Erhebung‘→‚Wolke‘ auf: das Bild eines bewölkten Himmels durch das Prisma der Wahrnehmung des Reliefs der Erdoberfläche. In diesem Zusammenhang dürfte es wohl nicht überflüssig sein, auch an die Anfangszeile des Gedichts von A. S. Puschkin „Редеет облаков летучая гряда...“ zu erinnern.

2.3. Angesichts der Feststellung der belarussisch-litauischen Isoglosse (бугор / gūburas) ‚Erhebung‘→‚Wolke‘ erscheint es zweckmäßig, auf eine der Thesen der Verfasser des grundlegenden Werkes „Indoeuropäische Sprache und Indoeuropäer“ zurückzukommen, die behaupten, dass „die Verbindung der Bedeutungen ‚Berge‘ und ‚Wolke‘, ‚Gewitterwolke‘ in einem Wort... ein reales Bild der Landschaft der alten Indoeuropäer widerspiegelt: An den Gipfeln ‚hoher Berge‘ sammeln sich ‚Gewitterwolken‘, wodurch sich die in den alten indoeuropäischen Traditionen erkennbare semantische Verbindung dieser Bedeutungen erklären lässt“ (Гамкрелидзе, Иванов 1984: 667–668).

Gleichzeitig kann die Verwirklichung der semantischen Derivation (des Übergangs) ‚Erhebung‘→‚Wolke‘ unter den Bedingungen der osteuropäischen Ebene (Areal der litauischen und belarussischen Sprachen) in diesem Fall als Gegenargument in der Diskussion über den gebirgigen Charakter der Urheimat der Indoeuropäer dienen. Vgl. die Auffassung des amerikanischen Komparativisten W. P. Lehmann, der bei der Bewertung des oben zitierten Werkes feststellte, dass „man nicht allen ihren (d. h. T. W. Gamkrelidzes und Wjatsch. Ws. Iwanows. – A. N.) Schlussfolgerungen zustimmen kann, insbesondere nicht hinsichtlich der Urheimat der Indoeuropäer... die Gebiete nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meeres erscheinen als Lokalisierung der Urheimat wahrscheinlicher, da sich in diesem Fall die aufeinanderfolgenden Entwicklungsstufen der Ursprache leichter erklären lassen...“ (Леман

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1991: 24–25).

1–2. Die Identifizierung von Derivaten – sowohl auf der wortbildenden als auch auf der rein semantischen Ebene – ist eine der wichtigsten Aufgaben der modernen baltischen und slavischen Lexikografie. Von der Sorgfalt des Vorgehens bei der Bestimmung des Zusammenhangs zwischen der Ausgangsbildung einerseits und ihrem Derivat andererseits hängt die korrekte Darstellung der jeweiligen abgeleiteten Form nicht nur in der modernen Sprache ab.

Wie die Erfahrung im Umgang mit den historischen und etymologischen Wörterbüchern der baltischen und slavischen Sprachen lehrt, bedürfen diese teilweise einer erneuten Lektüre, da es infolge einer ungenauen oder sogar fehlerhaften Interpretation der darin enthaltenen Derivate bisweilen vorkommt, dass äußerst wichtige Belege, die nicht nur für eine bestimmte Einzelsprachwissenschaft, sondern für die Indoeuropäistik insgesamt von Bedeutung sind, dem Forscher gegenüber „blockiert“ bleiben.

Dank der Schaffung des mehrbändigen „Wörterbuchs der litauischen Sprache“ wird die lexikalische Basis des künftigen „neuen Fraenkel“ im Vergleich zu jener, über die der Verfasser des Werkes mit dem Titel „Litauisches etymologisches Wörterbuch“ verfügte, unermesslich reicher sein. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass sich auch die Position der Bearbeiter des „Etymologischen Wörterbuchs der litauischen Sprache“ ändern wird, wenn beispielsweise die Informationen über die Derivate des Verbs gaũbti künftig nicht nur im Artikel zu diesem Verb enthalten sein werden, sondern zumindest teilweise in den entsprechenden Bearbeitungen unter den davon abgeleiteten Wörtern verstreut erscheinen.

ЛИТЕРАТУРА

Гамкрелидзе Т. В., Иванов Вяч. Вс. 1984: Индоевропейский язык и индоевропейцы. Реконструкция и историко-типологический анализ праязыка и протокультуры, Тбилиси: Издательство Тбилисского университета.

Журавлев А. Ф. 1990: К уточнению представлений о славянских изоглоссах. Дополнения к лексическим материалам “Этимологического словаря славянских языков” 1, Москва: Институт русского языка.

ІУМ ЛФ 1983: Історія української мови. Лексика і фразеологія, Київ: Наукова думка.

Ларин Б. А. 1957: Краткий исторический обзор литовской лексикографии. – Лексикографический сборник 2, Москва: Государственное издательство иностранных и национальных словарей, 119–144.

Леман В. П. 1991: Новое в индоевропеистических исследованиях. – Вопросы языкознания 5, Москва: Наука, 5–26.

СБГПЗБ I – Слоўнік беларускіх гаворак паўночна-заходняй Беларусі і яе пагранічных зямель 1, Мінск: Навука і тэхніка, 1979.

СлРЯ XI–XVII вв. IV – Словарь русского языка XI–XVII вв. 4, Москва: Наука, 1977.

Трубачев О. Н. 1959: История славянских терминов родства и некоторых древнейших терминов общественного строя, Москва: Издательство Академии Наук СССР.

ЭССЯ III, V – Этимологический словарь славянских языков. Праславянский лексический фонд 3,5, Москва: Наука, 1976, 1978.

Balčikonis J. J.: [Выступление на лексикологической, лексикографической и терминологической конференции 24 IV 1952 г.]. – Balčikonis J. Rinktiniai raštai 1, Vilnius: Mokslas, 1978, 212–216.

Bertulis R. 1972: Liet. bėrnas latv. bērns un tā atvasinājumu semantika. – Baltistica I priedas, 17–32.

Bezlaj F. 1977: Etimološki slovar slovenskega jezika 1, Ljubljana: Slovenska akademija znanosti in umetnosti.

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Fraenkel E. 1962: Lituanisches etymologisches Wörterbuch 1, Heidelberg: Universitätsverlag.

LKŽ I – Lietuvių kalbos atlasas 1, Leksika, Vilnius: Mokslas, 1977.

LKŽ II – Lietuvių kalbos žodynas 1, Vilnius: Mintis, 1968.

LKŽ III, VI – Lietuvių kalbos žodynas 3,6, Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla, 1956, 1962.

Nepokupnas A. 1994: M.Mažvydo “Kate kizmo” būlojančio vadovėlio (knygelių) vaizdas istorijos ir kultūros kontekste. – Protestantizmas Lietuvoje: istorija ir dabartis, Vilnius: Apyausis, 70–77.

SP I, III – Słownik prasłowiański 1,3, Wrocław–Warszawa–Kraków–Gdańsk: Wydawnictwo Polskiej Akademii Nauk, 1974, 1979.

Wright J. 1910/1981: Grammar of the Gothic language, Oxford: At the University Press.

DĖL VEDINIŲ ISTORINIUOSE BEI ETIMOLOGINIUOSE BALTŲ IR SLAVŲ KALBŲ ŽODYNUOSE

Santrauka

Pagrindinis XX a. lietuvių leksikografijos darbas – “Lietuvių kalbos žodynas” turi ir istorinio, ir etimologinio žodyno elementų. Norint nustatyti, kiek jis laikytinas lietuvių kalbos tezauru, būtina įsigilinti į 1952–1953 m. vykusios leksikografinės diskusijos priežastis ir padarinius, kai K. Būgos ir J. Balčikonio žodyno darbo kryptis buvo pakeista ir istorinę medžiagą imta pateikti “kaip foną”.

Etimologinis leksikografinio pateikimo principas, kuriuo remiantis įvairios formos nurodomos į vieną pagrindinę formą, ne visuomet tinka. Mat vediniai neretai tampa savarankiškais žodžiais, turinčiais kitą reikšmę.

Dėl šių procesų neįvertinimo lietuvių kalbos ir pedagogikos istorijoje nebuvo žinomas jau M. Mažvydo “Katekizme” vartotas terminas knygelės ‘vadovėlis’. Ukrainiečių kalbos istorijoje neatsižvelgta į vaiko pavadinimą Дѣтско, užfiksuotą 945 m. ir 1206 m. metraščiuose.

Būsimajame “Etimologiniame lietuvių kalbos žodyne” reikia daugiau dėmesio skirti išvestiniams žodžiams: M. Daukšos “Postilėje” randamas liet. berniškė turi tikslų gotų kalbos atitikmenį barniski ‘vaikystė’.

Lietuvių kalbos tarmių gūburas ir baltarusių tarmių бугор yra semantinės derivacijos ‘kalva’ → ‘debesis’ pavyzdys. Geografijos sąvoką reiškiantis žodis imamas vartoti meteorologijos sąvokai reikšti. Būtent šiuo semantiniu ryšiu remiamasi įrodinėjant, kad indoeuropiečių protėvynė buvo kalnuotoje vietovėje. Tačiau tai, kad lietuvių ir baltarusių izoglosa atsirado Rytų Europos lygumoje, galima laikyti kontrargumentu diskutuojant šiuo klausimu.

Formos ir semantikos vedinių problemos tyrimas istoriniuose bei etimologiniuose baltų ir slavų kalbų žodynuose yra labai svarbus. Jis suteikia daugiau galimybių įsigilinti ne tik į tam tikrų kalbų ar jų grupių, bet ir į indoeuropiečių kalbų šeimos žodžių išteklius.

ZU DEN ABLEITUNGEN IN DEN HISTORISCHEN UND ETYMOLOGISCHEN WÖRTERBÜCHERN DER BALTISCHEN UND SLAWISCHEN SPRACHEN

Zusammenfassung

Eine grundlegende Arbeit der litauischen Lexikographie im 20. Jh. ist “Lietuvių kalbos žodynas” (“Wörterbuch der litauischen Sprache”), das sowohl historische als auch etymologische enthält. Um festzustellen, inwiefern es als Thesaurus des Litauischen betrachtet werden kann,

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ist von Belang, auf die Gründe und Folgen der 1952/53 stattgefundenen lexikographischen Diskussion einzugehen, die dazu führte, daß die von K. Būga und J. Balčikonis in der Arbeit am Wörterbuch eingeschlagene Richtung geändert wurde und der historische Stoff nur als Hintergrund dargelegt wurde.

Das etymologische Prinzip, das der lexikographischen Darstellung zugrunde liegen sollte und nach welchem verschiedene Formen aus einer Grundform abzuleiten sind, erwies sich nicht in allen Fällen als passend. Die Ableitungen verwandeln sich häufig in selbständige Wörter mit einer neuen Bedeutung.

Da diese Wandlungsprozesse in der Geschichte der litauischen Sprache und Pädagogik nicht berücksichtigt wurden, blieb auch der im “Katechismus” von Mažvydas gebrauchte Terminus knygelės in der Bedeutung ‘Lehrbuch’ unbekannt. In der Geschichte der ukrainischen Sprache wurde auch die Bezeichnung für das Kind дѣтько, die 945 und darauf 1206 in den Chroniken vorliegt, nicht in Betracht gezogen.

In dem künftigen “Etymologischen Wörterbuch der litauischen Sprache” sind Ableitungen gründlicher zu untersuchen: so entspricht die in der “Postille” von M. Daukša vorhandene Ableitung lit. berniškė genau dem got. barniški ‘Kindheit’.

Das in den litauischen Dialekten vorliegende gūburas und in den weißrussischen бу́гор ist ein Beispiel der semantischen Derivation ‘Hügel’ → ‘Wolke’. Das einen geographischen Begriff bezeichnende Wort beginnt man für die Benennung eines meteorologischen Begriffs zu gebrauchen. Auf dieser semantischen Beziehung gründen die Beweise, daß die Urheimat der Indoeuropäer in einem bergigen Gebiet lag. Doch die Tatsache, daß die litauischen und weißrussischen Isoglossen auf der Osteuropäischen Ebene entstanden sind, wird als Gegenbeweis während Diskussionen verwendet. Das Problem der Ableitungen ihrer Form und Semantik nach verdient große Aufmerksamkeit in den für etymologische Wörterbücher der baltischen und slawischen Sprachen bestimmten Untersuchungen. Diese letzteren geben größere Möglichkeiten, sich nicht allein in den Wortschatz gewisser Sprachen bzw. Sprachgruppen zu vertiefen, sondern auch in den der indoeuropäischen Sprachfamilie.