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ALGIRDAS SAUDARGAS

Europäisches Parlament

Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie

Forschungsschwerpunkte: kognitive Linguistik, kognitive Neuropsychologie, Biophysik.

PHONOSEMANTISCHE SAGEN IM WÖRTERBUCH DER LITAUISCHEN SPRACHE

Phonosemantische Sagen im Wörterbuch der litauischen Sprache

ZUSAMMENFASSUNG

Der Artikel stellt einen Ansatz zur Erklärung phonosemantischer Phänomene in der litauischen Sprache dar. Dieser Ansatz gliedert den Bedeutungsinhalt eines Wortes in einen konzeptuellen Teil und jene Inhalte, die räumliche, zeitliche und kraftdynamische Beziehungen ausdrücken. Phonosemantische Phänomene werden aus dieser Perspektive als Erweiterungen der kognitiven Topologie des Wortbedeutungsnetzes auf phonologisch ähnliche, aber nicht etymologisch verwandte Wörter erklärt. Einige Beispiele werden untersucht. Analysiert werden die Bedeutungsnetze litauischer Wörter mit den Konsonanten K/L; N/R; M/L <> L/M im Wortstamm.

SCHLÜSSELWÖRTER: phonosemantische Sage, Referenz-Frame, Bildschema, Kraftdynamik, kognitive Topologie.

ANNOTATION

Es wird eine Darstellung vorgelegt, die phonosemantische Phänomene in der litauischen Sprache erklärt. Diese Darstellung unterteilt den Inhalt der Wortbedeutung in einen konzeptuellen Teil und einen Inhalt, der räumliche, zeitliche und kraftdynamische (STD) Aspekte ausdrückt. Phonosemantische Phänomene werden in diesem Ansatz als Ausweitung der kognitiven Topologie des Netzwerks von Wortbedeutungen auf phonologisch ähnliche, jedoch genetisch nicht verwandte Wörter erklärt. Mehrere Beispiele werden untersucht. Analysiert wird das Bedeutungsnetz litauischer Wörter mit den Konsonanten K/L; N/R; M/L <> L/M.

SCHLÜSSELWÖRTER: phonosemantische Sage, Bezugsrahmen, Bildschema, Kraftdynamik, kognitive Topologie.

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ALGIRDAS SAUDARGAS

0. EINLEITUNG

„...das eigene Denken lässt sich nur in der eigenen Sprache ausdrücken.“

Antanas Maceina

Vor mehr als drei Jahrzehnten erschienen im Selbstverlag die Überlegungen von Algirdas Patackas zur baltischen Kultur Saulė ir kryžius (Patackas 1983; Patackas 2014: 30–85). Dort wurde erstmals das „Symmetriegesetz“ erwähnt: Man stellte fest, dass beim Vertauschen der Wurzelkonsonanten einiger Wörter auch deren Bedeutung auf gewisse Weise eine symmetrische Bedeutung annimmt und eine eigentümliche Bedeutungsinversion eintritt (zum Beispiel: meilė – laimė) (Patackas 2014: 78). Eine weitere Beobachtung war, dass die Bedeutung von Wörtern mit denselben Wurzelkonsonanten, aber unterschiedlichen Vokalen durch eine gemeinsame Idee verbunden bleibt, obwohl die Wörter selbst überhaupt nicht miteinander verwandt sind (zum Beispiel: nokti – nykti) (Patackas ir kt. 1984; Patackas ir kt. 2014: 93). Aus Sicht der formalen Linguistik wirkten diese Beispiele wie völlig unbegründete Ausweitungen bekannter linguistischer Phänomene – Metathese und Ablaut – und konnten nicht akzeptiert werden.

Patackas weckte mein Interesse an den in seiner Studie aufgeworfenen Sprachproblemen und ermunterte mich, meine Gedanken schriftlich darzulegen. Dieser Text (Saudargas 1986) ist voller philosophischer Überlegungen, die heute allenfalls für Forschende des Selbstverlagsgenres von Interesse sein könnten. Doch er gründet auf einer Idee, die auch den Kern dieses Artikels bildet. Mein Blick richtete sich auf Wörter, deren Wurzeln phonologisch ähnlich sind, deren Verwandtschaft jedoch nicht belegt ist. Ich versuchte, ihre semantischen Beziehungen aufzudecken. Leitend war (und ist) Antanas Maceinas Auffassung von der Muttersprache: „Der Reichtum des Wörterbuchs der litauischen Sprache und die Vielfalt ihres grammatischen Aufbaus zeigen, dass das litauische Denken imstande ist, in erstaunlich weitem Umfang und tiefem Maße in den Gegenstand des Denkens einzudringen und selbst kaum wahrnehmbare, aber doch wirklichkeitsbezogene Nuancen seiner Verbindungen und Beziehungen auszudrücken. In dieser Hinsicht steht die litauische Sprache keiner anderen Sprache nach, in der im Laufe der Geschichte Philosophie auf hohem Niveau geschaffen wurde oder geschaffen wird. Mūsų Sprache ist ein offener Weg zu mūsų Philosophie. Ob wir ihn juo beschreiten oder den erstarrten Weg der Fremdwörter einschlagen, hängt von unserer Einsicht ab, dass savas Denken nur in der sava Sprache zum Ausdruck gebracht werden kann“ (Maceina 1994: 309). In dem genannten Text behandelte ich Verben, die den Gesichtssinn bezeichnen: žiūrėti, domėtis, regėti, matyti sowie vysti (vydo), und verglich ihre Semantik mit der von Wörtern mit phonologisch ähnlichen Wurzeln. Als ich diese phonosemantischen Beziehungen untersuchte, waren mir die Studien der sich herausbildenden kognitiven Linguistik unbekannt, da sie unter den damaligen Bedingungen nur schwer zugänglich oder vielleicht sogar völlig unerreichbar waren. Vor einem Jahrzehnt griff ich diese Überlegungen wieder auf und stellte schon nach kurzer Zeit fest, dass die kognitive Linguistik über die erforderlichen Forschungsmethoden verfügt. Damals wusste ich auch vieles andere nicht, worauf ich heute eingehe.

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Fonosemantinės šaknės lietuvių kalbos žodyne

Die in diesem Artikel versammelten Texte wurden im vergangenen Jahrzehnt verfasst. Sie wurden mehrmals neu überdacht und umgeschrieben. Als ich sie zu einem Ganzen zusammenführte, überdachte, korrigierte und erweiterte ich alles noch einmal. Vieles musste ich vollständig neu schreiben.

Diese Texte sind zweierlei Art. Die Texte der ersten Art sind empirische Untersuchungen, in denen ich so objektiv wie möglich zu sein versuchte. Daher definierte ich die untersuchten Gegenstände genau: Es sind die Lexeme des Lietuvių kalbos žodyno (im Folgenden LKŽ) und nur diese. Die Untersuchung zielt darauf ab, die semantischen Beziehungen phonologisch ähnlicher Wörter (die im Stamm dasselbe Konsonantenpaar aufweisen) zu beschreiben. Ziel der Untersuchung ist zu zeigen, dass einige phonologisch ähnliche litauische Wurzeln (sogenannte Wurzelbündel) auch semantische Ganzheiten bilden, die der Einfachheit halber als phonosemantische Sagen bezeichnet werden. Das Wesen der Untersuchung besteht darin, den Bedeutungsgehalt litauischer Wörter in einen konzeptuellen und einen raumzeitlichen Teil aufzugliedern. Die raumzeitlichen Gehalte umfassen auch die Wechselwirkung von Kräften (Dynamik), daher verwende ich die Abkürzung ELD (Raum, Zeit, Dynamik). Für die semantische Untersuchung verwende ich die Methoden der kognitiven Semantik. Ich bemühte mich, mich auf möglichst verlässliche, bewährte Methoden zu stützen; so verwende ich etwa zur Beschreibung der Wechselwirkung von Kräften die inzwischen klassischen Kraftdynamik-Schemata von Leonard Talmy. Alle empirischen Ergebnisse sind hinreichend offensichtlich, auch wenn es (wie ich selbst erfahren musste) bei einigen eine gewisse Gewöhnung an die verwendete Methode erfordert, um sie zu erkennen.

Die Texte der zweiten Art sind subjektiv. Sie waren nötig, weil die erwähnten empirischen Untersuchungen im traditionellen Spektrum linguistischer Studien keinen Platz haben. Selbstverständlich kann jeder in seiner Freizeit die Bedeutungen von Wörtern erforschen, so sehr ihm danach ist. Ob sich solche Untersuchungen in der Poesie niederschlagen, entscheidet der Leser. Sollen sie der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Kenntnis gebracht werden, müssen sie ihren Platz finden. Auf der Suche nach einem solchen Platz stellte sich heraus, dass diese Untersuchungen in der Linguistik extrasystemisch oder sogar gänzlich extralinguistisch sind. Genauer gesagt sind phonosemantische Sagen Gegenstand an der Schnittstelle verschiedener Wissenschaften, obwohl sich die Sprachwissenschaft im weitesten Sinne für sie interessieren sollte. Auf der Suche nach Analogien streifte ich zwischen mathematischer Topologie und mittelalterlicher Alchemie umher. Auf der Suche nach Argumenten blätterte ich in Monografien, Dissertationen und Artikeln aus den unterschiedlichsten Fachgebieten: von der als randständig geltenden Phonosemantik bis zur modernen Hirnforschung. Solche Streifzüge drohen immer wieder in sinnlose Zerstreuung der Gedanken umzuschlagen, denn es ist nur sehr begrenzt möglich, sich in weit auseinanderliegende Fachgebiete gleichermaßen zu vertiefen. Andererseits verändern sich Paradigmen und bilden sich neue Strömungen nur an den Schnittstellen der Wissenschaften. Daher stütze ich mich in diesen Texten auf die unterschiedlichsten Autoren und Quellen, die alle gründlich zu studieren mehrerer Leben bedürfte; die angegebenen Verweise ersparen jedoch neugierigen Lesern Zeit. Es versteht sich, dass Texte dieser Art meine subjektive Auswahl und persönlichen Einschätzungen widerspiegeln und keinen Anspruch auf eine wissenschaftlich umfassende Übersicht über irgendein Fachgebiet erheben können. Nun ist es an der Zeit, zu konkreteren Einsichten überzugehen. Zunächst aber gilt es, an die Wegbereiter zu erinnern, mit denen alles begann.

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ALGIRDAS SAUDARGAS

1. EINBLICKE IN DIE METHODE

1.1. Wegbereiter und ihre Kritiker

„Auch ihm scheint selbst der Honig bitter“ (LKŽ)

Algirdas Patackas entwickelte zusammen mit Aleksandras Žarskus erste Einsichten zu einer eigenständigen, auf umfangreichen ethnografischen Quellen beruhenden Studie über die Lenkung spiritueller Wandlungen in der alten baltischen Kultur weiter (Patackas, Žarskus 2013). Dainius Razauskas bewertete diese Untersuchungen folgendermaßen: „Das Werk von Algirdas Patackas und Aleksandras Žarskus ist eine der interessantesten und tiefgründigsten Erscheinungen in der zeitgenössischen litauischen Wortkultur, seinem Geist nach vielleicht vergleichbar mit der Erscheinung Vydūnas vor hundert Jahren“ (Razauskas 2006: 47). Doch Razauskas zufolge „vergiftet ein ‚Löffel Teer‘ den mit gewaltiger Arbeit zusammengetragenen spirituellen ‚Honig‘“ (ebd.: 45). Gemeint ist Patackas’ und Žarskus’ „Verhältnis zur Sprache oder vielmehr zur Sprachwissenschaft, zu den Sprachwissenschaften“ (ebd.). Tatsächlich waren die Überlegungen von Patackas und Žarskus bereits ein Jahrzehnt zuvor auf scharfe (und offenbar berechtigte) Kritik des Sprachwissenschaftlers Simas Karaliūnas (1995) gestoßen. Die offizielle Welt der Sprachwissenschaft erkannte in den genannten Untersuchungen kein Phänomen, das sich untersuchen ließe. Razauskas, der Karaliūnas’ Kritik abmildert, behauptet in einem emotionalen, 1996 gehaltenen Vortrag mit dem Titel „Linguistischer Wahnsinn und heilige Sprache“: „Hier geht es nicht darum, die Herkunft dieses oder jenes Wortes oder die etymologische Verwandtschaft von Wörtern nachzuweisen, sondern die Aufmerksamkeit auf eine mitunter wirklich verblüffende Entsprechung zu lenken, etwa zwischen der phonetischen und semantischen Symmetrie von Wortwurzeln, wobei die Frage nach der Herkunft der Wörter ganz außen vor bleibt“ (Razauskas 1997: 10). Dennoch resigniert Razauskas aus irgendeinem Grund: „Wie dem auch sei, ein solches Ziel gehört offenbar tatsächlich nicht zur Linguistik. Kurz und bündig: Das untersuchte Verhältnis zur Sprache ist keine Linguistik, keine Wissenschaft“ (ebd.). Anschließend lenkt Razauskas die Erörterung auf das von Ferdinand de Saussure entdeckte und von Vladimir Toporov wiederentdeckte Phänomen der Anagramme. Das Problem formuliert er zutreffend: „Kann man – und wenn ja, auf welcher Grundlage, gestützt worauf – die bloße phonetische Symmetrie der Konsonanten einer Wortwurzel mit der Semantik der betreffenden Wörter verbinden, zumal mit einer ganzen, gleichsam nur vermeintlichen Weltanschauung?“ (ebd.). Leider taucht er, nachdem er in den interessanten, aber weiterhin recht verschwommenen Strom der Anagrammforschung und der damit verbundenen Untersuchungen zur indoeuropäischen Poetik eingetaucht ist, mit einer ausgesprochen ethnosophischen (in seinen eigenen Begriffen1) Antwort wieder auf: „Wir haben also nicht nur zwei Sprachen – die gewöhnliche, alltägliche und die heilige, poetische –, sondern entsprechend auch zwei Linguistiken,“

1 Vgl. Razauskas 2006.

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Fonosemantinės sakmės lietuvių kalbos žodyne

ABB. 1. Das phonosemantische Netzwerk des Akademikers Paulius Slavėnas

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d. h. zwei unterschiedliche, theoretisch und methodologisch unterschiedlich begründete Beziehungen zur Sprache als Spiegelungen unterschiedlicher Beziehungen zur Wirklichkeit überhaupt – nämlich eine einfache, profane und eine geheime, heilige Linguistik“ (ebd.: 16).

Ein weiterer Vorläufer, der Patriarch der litauischen Astronomie, Akademiker Paulius Slavenas, der zwischen 1974 und 1985 eine Reihe von Artikeln veröffentlichte, untersuchte die Beziehungen zwischen Laut und Bedeutung in der litauischen Sprache auf sehr interessante Weise (Slavenas 2001; 1984). Er bemerkte, dass ein Wechsel der Vokale im Wortstamm die Bedeutung eines Wortes sehr häufig nicht grundlegend verändert, sondern sie lediglich modifiziert. Nachdem er verschiedene Kombinationen durchgesehen und ungeeignete verworfen hatte, zeichnete er ein Schema auf einer Ebene. Seiner eigenen Aussage zufolge „nahm die Zeichnung, nicht sehr detailliert ausgeführt, etwa ein Drittel eines Quadratmeters ein“ (Slavenas 1984: 34). Da Slavėnas’ Studie bei den Linguisten keine Beachtung fand, präsentiere ich in Abbildung 1 seine Zeichnung des phonosemantischen Netzwerks (Slavenas 2001: 278).

Die Zeichnung selbst ist lediglich eine Methode, linguistische Informationen zu ordnen. Die Konsonantenstruktur wird auf die einfachste kombinatorische Weise zusammengefügt. Mit seiner Untersuchung schlägt Slavenas gleichsam vor: Vergessen wir vorübergehend alles, was wir über Wortstämme wissen, und betrachten wir, welche Bedeutungsassoziationen phonologisch ähnliche Wörter hervorrufen. Dann lassen sich in einem sorgfältig erstellten phonosemantischen Netzwerk bestimmte Regelmäßigkeiten erkennen. Eine solche Methodik ist nicht nur in den experimentellen Naturwissenschaften üblich, sondern auch in theoretischen Untersuchungen. Der Fairness halber ist anzumerken, dass auch Linguisten selbst eine solche Methodik häufig anwenden. Ein derartiges Experimentieren mit Wortstämmen verletzt also keine bekannten sprachwissenschaftlichen Gesetze. In der Freizeit steht es jedem frei, sich an solchen Experimenten zu erfreuen. Wenn wir jedoch etwas zur Wissenschaft beitragen wollen, müssen wir aus diesen Experimenten Schlussfolgerungen ziehen und sie verteidigen. Akademiker Slavenas zieht aus seinen Untersuchungen ausgesprochen gewagte Schlussfolgerungen, die der linguistischen Gemeinschaft nicht hinreichend begründet erscheinen. Ich werde einige Auszüge aus dem Artikel „Die Bedeutsamkeit der Ursprache“ anführen.

„Die Ursprache eines alten, isolierten Stammes entwickelte sich allein durch Nachahmung der älteren Generation und genetisch programmierte Sprechgewohnheiten. Sie bestand nicht aus Wörtern (im Sinne der litauischen Sprache), sondern aus kürzeren, mehrdeutigen Formanten, die später sowohl zu Wortstämmen als auch zu Stammzusätzen werden konnten. Genauer gesagt besitzt ein Formant keine Bedeutungen, sondern einen weiteren Bedeutungsbereich, eine etwas vage Denkkategorie; Bedeutungen entstehen erst in Verbindungen von Formanten. Ein Formant ist weder ein Wort im üblichen grammatischen Sinne noch eine Einheit einer Wortart: In verschiedenen Verbindungen könnte er eine Substantiv-, Verb- oder eine andere Bedeutung haben, also über das verfügen, was im heutigen Englisch Konversion genannt wird, und sich für eine Bezeichnung, einen Spitznamen, eine Feststellung, eine Handlung oder einen anderen Zweck eignen. Ein einzelner Formant gab lediglich einen Hinweis darauf, worum es ging; die Bedeutung trat in der Verbindung hervor“ (Slavenas 2001: 261).

„Die verschiedenen hier gemachten Beobachtungen führen zu dem recht paradoxen Gedanken, dass die Aufspaltung der indoeuropäischen Sprachen eine Entfernung nicht von einer hypothetischen vorsanskritischen Ursprache, sondern von der archaischen, noch lebendigen Struktur der litauischen Sprache bedeutet“ (ebd.: 273).

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Fonosemantinės sakmės lietuvių kalbos žodyne

Diese Einsichten sind wirklich tiefgründig und interessant, aber trotz ihrer schmeichelhaften Wirkung auf die Eitelkeit der litauischsprachigen Gemeinschaft nicht hinreichend begründet. Daher ist es völlig verständlich, dass die Linguisten die Untersuchungen des alten Akademikers vergessen haben.

1.2. Die Apotheke des Geistes

„Die Apotheke des Geistes ist unter jenem Dach. Vielleicht erfreut sie den Menschen mit einer Meinung.“

Dionizas Poška

„Der unbewusste Geist schlägt vor, der bewusste Geist wählt aus.“

Stanislas Dehaene

Kehren wir zu Razauskas’ Schlussfolgerung zurück, dass „wir [...] zwei unterschiedliche, theoretisch und methodologisch unterschiedlich begründete Beziehungen zur Sprache als Spiegelungen unterschiedlicher Beziehungen zur Wirklichkeit überhaupt [haben] – nämlich eine einfache, profane und eine geheime, heilige Linguistik.“ Wo ist die Methodik zu finden, mit der sich das Phänomen untersuchen lässt, das uns interessiert? Ein erster Schritt könnte die These sein, dass die „alltägliche, einfache, profane“ Linguistik die bewusst wahrgenommenen Sprachphänomene untersucht, während die „geheime, heilige, poetische“ aufzudecken sucht, was in der Sprache unbewusst ist, das heißt, dem Bewusstsein nicht unmittelbar zugänglich. Dass alles vom Blickwinkel abhängt, zeigt ein einfaches Beispiel. Grammatik ist zweifellos ein traditionelles Gebiet der Linguistik. Doch dieselbe Grammatik lässt sich von zwei Seiten betrachten. Vorschulkinder sprechen grammatisch korrekt, obwohl sie nie Grammatik gelernt haben. Wenn sie in der Schule beginnen, Grammatik zu lernen, erscheint dieses Fach vielen von ihnen lästig und langweilig. Das ist allgemein bekannt und klar. Wie wir beim Fahrradfahren oder Autofahren manche Handlungen automatisch ausführen und andere bewusst, so sprechen wir auch automatisch Wörter und grammatisch korrekte Sätze aus, während das Bewusstsein den sinnvollen Kontext beobachtet und lenkt. Das Wort ist jenes Fenster, durch das das Bewusstsein auf die Bedeutung blickt; doch die Bedeutung ist im Unterbewusstsein des Menschen versunken, und die Grenze zwischen Bewusstem und Unbewusstem lässt sich nicht leicht erfassen...

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den Begriff. Im nächsten Abschnitt frage ich, was neurophysiologische Messungen der Gehirnaktivität uns heute helfen können. In den letzten Abschnitten mit methodischen Einblicken wird die phonosemantische Sage definiert – der Untersuchungsgegenstand dieses Artikels.

Eine besonders wichtige Dimension der Sprache liegt zwischen Eindeutigkeit und Zweideutigkeit (engl. ambiguity2. Es scheint, als sollte Eindeutigkeit das Ideal der Sprache sein. Das ist tatsächlich der Fall, wenn Mehrdeutigkeit gefährlich sein kann. Ein Befehl eines Offiziers muss eindeutig verstanden werden. Anweisungen eines Chirurgen während einer Operation dürfen nicht mehrdeutig sein. Davon hängt das Leben von Soldaten oder Patienten ab. In der Gesetzgebung und vielen anderen Bereichen wird angestrebt, dass die verwendeten Begriffe eindeutig verständlich sind. Warum gibt es also Zweideutigkeit in der Sprache? Zweideutigkeit in der Sprache ist eine empirische Tatsache. Man muss sie als Quelle sprachlicher Kreativität betrachten, als Garant für die Lebendigkeit der Sprache. In der Sprache gab es stets sowohl den Terminus als auch das poetische Wort3.

Im Litauischen unterscheiden sich Zweifel und Ungewissheit subtil: Zweifel betont die unvermeidliche Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, Ungewissheit bezeichnet auch einen Zustand, der beide Möglichkeiten umfasst. Man kann sagen, dass Zweifel eher für die mechanische Auswahl einer Maschine anhand vorab festgelegter Kriterien typisch sind und den Verzweigungspunkt eines Algorithmus markieren. Ungewissheit hingegen beschreibt die Arbeitsweise des Instruments des Geistes – des menschlichen Gehirns. Zweideutigkeit steht heute im Mittelpunkt kognitionswissenschaftlicher Forschung (Zeki 2004). Damit wird der Ort unserer Forschungsmethode im Wissenschaftssystem deutlich: Uns interessiert Sprache als Mittel zur Erkenntnis des Geisteszustands. Heute ist dieses Gebiet kognitive Linguistik im weitesten Sinne (Cuyckens, Geeraerts 2007).

In der Sprache begegnen uns zwei unterschiedliche Richtungen der Auswahl. Das einfachste Beispiel sind Homonymie und Synonymie (siehe Abb. 2). Wenn wir ein mehrdeutiges Wort hören (zum Beispiel baras), befinden wir uns an einem Punkt der Ungewissheit. Um eine Entscheidung zu treffen, müssen wir gewöhnlich zusätzliche Informationen aus dem einen oder anderen Kontext abwarten. In die entgegengesetzte Richtung gelangen wir an einen Punkt der Ungewissheit, wenn uns mehrere Möglichkeiten zur Verfügung stehen, dieselbe Bedeutung auszudrücken: Der Vogel fliegt / der Vogel saust. Wieder entscheiden wir uns mithilfe zusätzlicher Informationen.

Je nach Richtung unterscheiden wir onomasiologische und semasiologische Zweideutigkeit4. Homonymie und Synonymie sind nicht unmittelbar Gegenstand unserer Untersuchung. Eine polyseme Wurzel stellt semasiologische Zweideutigkeit dar. Die Wechselwirkung zwischen semasiologischer und onomasiologischer Zweideutigkeit liegt im Kern des Sprachverstehensmechanismus. Eindeutigkeit und Zweideutigkeit sind keine zwei diskreten Zustände, sondern die entgegengesetzten Pole einer wichtigen Dimension der Tätigkeit des menschlichen Geistes. Der menschliche Geist

2 Dieser Begriff wird sehr weit gefasst verwendet. Für uns ist die Auffassung wichtig, die Semir Zeki in seinem Artikel (Zeki 2004) und an anderer Stelle darlegt.

3 Panašiai mano ir Skirmantas Valentas (2012: 12).

4 Vgl. Geeraerts 2010: 281–284.

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Phonosemantische Sagen im Wörterbuch der litauischen Sprache

ABB. 2. Homonymie und Synonymie als semasiologische und onomasiologische Zweideutigkeit

Das Instrument – das Gehirn – ist kein Computer. Das Wesen der Architektur moderner Computer hat sich seit den Zeiten Alan Turings und John von Neumanns nicht verändert. Man kann sagen, dass die Computerarchitektur die Tätigkeit des bewussten Geistes widerspiegelt (Dehaene, Brannon 2011; Zylberberg et al. 2011). An diesem Pol der Eindeutigkeit erscheint das menschliche Gehirn im Vergleich zu modernen Computern hoffnungslos langsam. Doch selbst die leistungsfähigsten Computer und intelligentesten Programme sind bislang nicht in der Lage, auch nur die einfachsten Aufgaben des menschlichen Geistes zuverlässig zu lösen. Warum das so ist, ahnte bereits von Neumann: Die größte Arbeit verrichtet der menschliche Geist unbewusst, indem er parallel arbeitende analoge Gehirnmechanismen nutzt. Stanislas Dehaene beschreibt die Ergebnisse der sorgfältigen Untersuchungen der Sprachpsychologen der vergangenen drei Jahrzehnte folgendermaßen:

„Unser unbewusster Geist ist also intelligent genug, um parallel sämtliche semantischen Assoziationen eines Wortes im Gedächtnis abzulegen und aus diesem abzurufen – selbst wenn das Wort mehrdeutig ist oder nur eine einzige seiner Bedeutungen zum Kontext passt. Der unbewusste Geist macht Vorschläge, der bewusste Geist wählt aus“ (Dehaene 2014: 66).

In sorgfältigen Studien untersuchen Psychologen heute, wie Kinder Wörter verstehen. Die bekannte Psychologin Jean Mandler stellt bei der Zusammenfassung dieser Untersuchungen fest, dass ein zweijähriges Kind vor einem doppelten Problem steht: In welchen Fällen soll es ein gelerntes Wort verwenden und welches Wort soll es in einem konkreten Fall benutzen (Mandler 2004: 131). In unserer Terminologie begegnet das Kind semasiologischer und onomasiologischer Ungewissheit. Das Wort ist dasselbe, bedeutet für das Kind aber etwas anderes als für einen Erwachsenen. In der Kommunikation verringert das Kind die Ungewissheit, bis sie das gleiche Niveau erreicht wie in der sprechenden Gemeinschaft. Diese und

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Viele andere Untersuchungen zeigen, dass das Zweideutige der dem Eindeutigen entgegengesetzte Pol des menschlichen Geistes ist, der in den Gewässern des Unterbewusstseins versunken liegt5.

Wie stets legt Marshall McLuhan (gemeinsam mit dem kanadischen Dichter Wilfred Watson) das Verhältnis von Bewusstem und Unbewusstem auf seine eigene, interessante Weise in seinem selten in Erinnerung gerufenen Buch Vom Klischee zum Archetyp dar (McLuhan 2011 (1970)). Um diesen Übergang – vom eindeutigen, erstarrten Klischee zum Zweideutigen unter dem Archetyp und wieder hin zu einem neuen Klischee – zu veranschaulichen, zieht er die letzten Zeilen aus dem Gedicht „The Circus Animals’ Desertion“ des irischen Dichters William Butler Yeats heran:

Diese meisterhaften Bilder, weil vollkommen, erwuchsen im reinen Geist – doch woraus nahmen sie ihren Anfang? Aus einem Abfallhaufen oder dem Kehricht einer Straße, alten Kesseln, alten Flaschen und einer zerbrochenen Dose, altem Eisen, alten Knochen, alten Lumpen, jener tobenden Hure, die die Kasse hütet. Nun, da meine Leiter fort ist, muss ich mich dorthin legen, wo alle Leitern beginnen: in den schmutzigen Lumpen- und Knochenladen des Herzens.

Jenen Bereich unseres Geistes, der mit alten Klischees und ihren Überresten angefüllt ist und von Archetypen beherrscht wird, die neue Klischees hervorbringen, nennt er nach dem Text des Dichters rag-and-bone shop of the heart. Das war ein englischer Trödelladen des 19. Jahrhunderts, der Lumpen (rag) oder sogar Tierknochen (bones) handelte. Wie uns der Herausgeber des Buches erklärt, waren sogar Tierknochen ein gefragter Sekundärrohstoff für die Herstellung von Düngemitteln, Klebstoff oder Porzellan (McLuhan 2011: vii). Dieser Bereich des Geistes ist eine Quelle neuer Formen und Bilder – die Welt der Archetypen (McLuhan 2011: 104). Dort brodelt die poetische Schöpfung; auf sie stützen sich Jakobs Leitern, die Yeats in seinen Versen erwähnt. McLuhans Analyse trifft ins Schwarze, doch das Buch selbst ist schwer zu lesen und kunstvoll konstruiert. Wichtig ist uns hier nur die unbestreitbare Analogie zu dem, was die Begründer der Psychoanalyse das Unterbewusste und die Archetypen nannten, auch wenn der letztgenannte Begriff sehr vage ist und davon abhängt, wer ihn verwendet. Auf Litauisch können wir den im Herzen des Dichters befindlichen Trödelladen Apotheke des Geistes nennen. Dionizas Poška lädt in sein Baubliai-Museum „Menschen mit Verstand“ ein, damit sie sich vergnügen, denn „unter diesem Dach befindet sich die Apotheke des Geistes“. Das Museum ist eine Quelle der Vorstellungskraft, aus der der „verständige“ Bastler Bilder und Ideen für seine Arbeiten schöpfen kann. Wir können ein wenig mit Wörtern spielen – schließlich sind váistas und vaistas etymologisch verwandte Wörter, Homographen, die sich nur durch den Akzent unterscheiden. Das Wort váistas leitet Wojciech Smoczyński in seinem Słownik etymologiczny języka litewskiego (im Folgenden SEJL) von der den Balten und Slawen gemeinsamen Wurzel *vaid- „Wissen (über das Beschwören von Krankheiten)“ ab (SEJL 2007: 713), während die Form vaistas eine sekundäre Wurzel des Verbs vysti (išvydo) hat, nämlich vais-, die er zurückführt

5 Ein weiteres wichtiges Thema, das mit der Dichotomie von Eindeutigkeit und Zweideutigkeit verbunden ist, ist die Asymmetrie des Gehirns (McGilchrist 2009).

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Fonosemantinės sakmės lietuvių kalbos žodyne

iš prokalbės šaknies *ueid- (SEJL 2007: 762, 763). Vaistas (be kirčio) yra abeją, apimanti vaizdinę (vaistas) (LKŽ: Dievas kalbėjo Izraeliui vaiste) ir veikliąją (váistas) dalį, kuri tinka nurodyti į archetipinį informacijos pobūdį. Jungas tai vadino lotynišku žodžiu imago – pasąmonės turinių telkinio (komplekso) suvokimo schema. Imago apima įvairius pojūčius (kaip šiuolaikinėje psicholingvistinėje literatūroje vadina – modalumus): tai ir regimo vaizdinio schema, ir garsinė melodija ar ritmas, ir lytėjimo, kvapo ar skonio motyvas, bet taip pat ir ritualinio (schematiško) judesio pajautimas savame kūne. Tai ir vaistas, ir váistas. Proto vaistinė (vaištinė ir váistinė vienu metu) tai ta pati pranokėjų Patacko ir Žarskaus vydija (tos pačios šaknies naujadaras!), tai Freudo ir Jungo pasąmonė, tai XX a. pabaigoje psichologų eksperimentuose tiriama implicitinė atmintis (Mancia 2006), tai McLuhano poeto Yeatso kūryboje surasta „sendaičių krautuvėlė širdyje“, tai tie sąmonei tiesiogiai nepasiekiami atminties klodai, iš kurių James’as Joyce’as du dešimtmečius jam vienam težinomais būdais traukė Finegano budynių į kitas kalbas neišverčiamus sakinius. Daugelis žmogaus dvasios tyrinėtojų mėgina pasidairyti proto vaistinėje. Ten pat žvelgia ir Skirmantas Valentas (1997; 2007; 2012) savo trilogijoje, gilindamasis į Antano Baranausko, Vlado Braziūno, Sigito Gedos ir kitų poetų kūrybinę virtuvę.

Die „verständigen“ Bastler waren (und sind noch immer) Schöpfer von Mythen. Was Claude Lévi-Strauss (1997) über mythisches Denken schreibt, gehört zum Alltag des modernen interdisziplinären Diskurses: „Auch in unserer Zeit ist ein Bastler6 jemand, der alles selbst, mit eigenen Händen und unter Verwendung verschiedenster, oft zufällig verfügbarer Mittel erledigt – im Gegensatz zum Fachmann (Spezialisten) auf einem bestimmten Gebiet. [...] Mythisches Denken ist also eine Art intellektueller Bastelei“ (Lévi-Strauss 1997: 29). „[...] Das mythische Denken bildet, wie die Bastelei auf praktischer Ebene, strukturelle Ganze, indem es nicht unmittelbar andere strukturelle Ganze verwendet, sondern die substrathaften Überreste und Trümmer von Ereignissen [...] Bruchstücke und Reste – gleich Fossilien, in denen sich die Geschichte eines Individuums oder einer Gesellschaft widerspiegelt“ (Lévi-Strauss 1997: 34). „Im verkleinerten Modell wird, anders als beim Versuch, einen Gegenstand oder ein Wesen in tatsächlicher Größe zu erkennen, zuerst das Ganze und erst danach die einzelnen Teile erkannt“ (Lévi-Strauss 1997: 37).

Wir haben uns lange genug auf den Feldern poetischen und mythisch-poetischen Schaffens umgesehen. Wir wollten uns nur vergewissern, dass wir bei der Suche nach der „heiligen Sprache“ keineswegs allein sind. In der Apotheke des Geistes treiben alte Klischees und ihre Überreste in den Gewässern des Unterbewusstseins in Gestalt von Bildern und Bildfragmenten. Es sind nicht nur visuelle Bilder, sondern auch Klangfolgen (Wörter, Sätze oder Melodien), Gerüche, Empfindungen, Geschmäcker und Eindrücke verschiedenster Emotionen. Diese Bilder treten hervor und verblassen, verbinden sich auf alle möglichen

6 In der litauischen Ausgabe wurde das französische Wort bricolage mit „Bastelei“ übersetzt.

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Kombinationen. Von dort beziehen nicht nur Dichter, sondern auch Mathematiker ihre Ideen (Hadamard 1945). Wer ordnet diese Bilder, und welche Grammatik haben sie?

Phonosemantische Phänomene sind insofern besonders, als Bedeutung in unbewusste Vorgänge einbezogen wird. Diese Phänomene werden bereits seit mehr als einem Jahrhundert erforscht. Einer der Begründer der Psychoanalyse und Schöpfer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung (zusammen mit Franz Riklin), begann seine wissenschaftliche Laufbahn Anfang des 20. Jahrhunderts mit Wortassoziationsexperimenten in der Burghölzli-Klinik in der Schweiz. Er setzte die Versuche von Kraepelin und Aschaffenburg fort, durch die festgestellt worden war, dass Versuchspersonen im ausgeruhten Zustand Wörter nach ihrer Bedeutung, im müden Zustand dagegen nach ihrem Klang assoziieren. Jung präzisierte die Bedingungen. Es zeigte sich, dass lautliche, das heißt phonologische, Assoziationen überwiegen, wenn das Bewusstsein gedämpft und seine Aufmerksamkeit zerstreut ist, zum Beispiel unmittelbar nach dem Aufwachen oder wenn das Experiment einfach Langeweile hervorruft. Jung kam zu dem Schluss, dass konzentrierte Aufmerksamkeit lautliche Assoziationen unterdrückt, während sie bei nachlassender Aufmerksamkeit immer zahlreicher werden, bis nur noch lautliche Assoziationen übrig bleiben (Kugler 1980: 2–7). Deshalb fragt Paul Kugler (1980: 15) in seiner Dissertation: Gibt es in unserer Sprache autonome Assoziationsgruppen, die phonetisch verbunden und in einem archetypischen Bild mit Bedeutung versehen sind?7? Freud schenkte lautlichen Assoziationen und Versprechern ebenfalls große Aufmerksamkeit. Häufig wird der von ihm 1909 beschriebene Fall Rat Man angeführt (in dem deutsche Wörter assoziiert werden: Ratten, Raten, Spielratte, Rita, Heiraten, Rathaus8.

1.3. Der lebendige Geist

„Nun, natürlich, Harry, das geschieht in deinem Kopf, aber wer hat dir gesagt, dass es deshalb nicht wirklich ist?“ (Albus Dumbledore)9

Die Hirnforschung, von der nun die Rede sein wird, hat ebenfalls eine dreißigjährige Geschichte. Etwa zur selben Zeit, als Akademiker Slavenas seine Schemata zeichnete, wollte die aus Ungarn stammende amerikanische Wissenschaftlerin Marta Kutas an der University of California in San Diego, am Rand des sich entwickelnden berühmten Silicon Valley, herausfinden, wie das elektrische Potenzial des menschlichen Gehirns (EEG) die semantische Beziehung eines Wortes zum Satzkontext widerspiegelt. Die moderne Technik ermöglicht es, die Reaktion des Gehirns auf ein gesprochenes Wort aufzuzeichnen, obwohl ein einzelnes Wort

7Ein paar Jahre später entwickelte Paul Kugler seine Überlegungen in dem Buch Die Alchemie des Diskurses weiter, das zwei Jahrzehnte später neu aufgelegt wurde (Kugler 2002).

8 Freudo aprašytus atvejus būtina vertinti kritiškai (žr. Sulloway 1991: 255).

9 J. K. Rowling. Haris Poteris ir Mirties Relikvijos. Vilnius: Alma littera, 2008, 572.

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das Reaktionssignal manchmal zehnmal schwächer ist als das EEG selbst. Wissenschaftler untersuchen solche Reaktionen, die als ereigniskorrelierte Potenziale bezeichnet werden (engl. event related potential – ERP), bereits seit mehreren Jahrzehnten. Ein ERP dauert bis zu einer Sekunde und schwingt dabei mehrmals in charakteristischen Hügeln und Tälern. Jedes Maximum oder Minimum hat seine eigenen Eigenschaften; ihre Beschreibung würde viele Seiten füllen. Uns interessiert eine Wendung in der Forschung, die Ende der 1970er Jahre eintrat. Die erwähnte Wissenschaftlerin wollte mit ihren Kollegen herausfinden, wie sich das ERP verändert, wenn man zum Beispiel im Satz Ich rasierte mir Schnurrbart und Bart das letzte Wort von Bart zu Stadt ändert (Kutas, Hillyard 1980). Der Satz wird semantisch unstimmig. Die Forscher stellten fest, dass sich der zweite Hügel verändert, der seither N400 genannt wird. In den fast fünfundzwanzig Jahren seit dieser Beobachtung ist N400 zu einem Marker der semantischen Gehirnaktivität geworden (Münte et al. 2000). Es stellte sich heraus, dass die Zunahme der Amplitude dieses Markers den Aufwand misst, der nötig ist, um ein Wort mit dem Satzkontext in Einklang zu bringen. Für solche Untersuchungen eignen sich am besten Sätze, die dem genannten Beispiel ähneln. Das letzte Wort kann erwartet (wie Bart) oder unerwartet sein (wie Stadt). Ein solcher Test wird Lückentextverfahren genannt (engl. cloze). Entscheidend ist, dass sich sofort zeigte, dass N400 nicht nur auf Unerwartetheit reagiert, sondern auf sehr unterschiedliche Parameter, die die Übereinstimmung zwischen Satz und Wort widerspiegeln.

Nach drei Jahrzehnten sorgfältiger Forschung hat sich ungefähr folgende allgemeine Auffassung herausgebildet. Wenn wir ein Wort hören oder auf dem Bildschirm lesen, nehmen wir es in einem ziemlich präzisen zeitlichen Rhythmus wahr. Während des ersten Viertels der Sekunde wird der Reiz analysiert, bis das Wort erkannt ist. Im zweiten Viertel der Sekunde, das sich im Marker N400 widerspiegelt, wird das wahrgenommene Wort an den gerade relevanten Kontext angepasst. Danach folgt, was man als Korrekturen bezeichnen kann. Zum ersten Viertel der Sekunde ist anzumerken, dass bei der Worterkennung alle bis dahin über die Sinne eingegangenen Informationen sofort genutzt werden. Darüber hinaus haben psychologische Experimente und neurophysiologische Messungen bewiesen, dass während sich ein Wort entfaltet, kontinuierlich direkter Zugang zu semantischen Informationen besteht, ohne abzuwarten, bis das Wort erkannt ist. Das zweite Viertel der Sekunde ist ein genau abgegrenztes Zeitfenster, in dem das bereits erkannte Wort zunächst an den Satzkontext, aber auch an allgemeinere, gerade relevante Wissensbestände angepasst wird. Das für die Anpassung vorgesehene Zeitfenster hängt nicht von den Eigenschaften der im Wort und im Kontext enthaltenen Informationen ab. Die Zeitspanne, in der das Wort im Kontext verstanden werden soll, ist vorgegeben; ist sie abgelaufen, liegt das Ergebnis vor, das innerhalb dieser Zeit erreicht werden konnte. Außerdem darf man nicht vergessen, dass alles unbewusst abläuft. Wenn die Verständigung nicht gelungen ist, muss man im Licht des Bewusstseins nachbessern. Was ist dieser Kontext aus der Sicht des neuronalen Netzwerks? Zweifellos sind es die durch den gehörten oder gesehenen Satz angeregten neuronalen Wortensembles sowie andere aktivierte neuronale Netzwerke, die grammatische, prosodische (mit Akzent, Tonverlauf, Dauer, Intonation oder Ähnlichem verbundene) oder nicht sprachlich ausgedrückte Informationen widerspiegeln, und der aus dem Langzeitgedächtnis abgerufene Inhalt, der Assoziationen hervorgerufen hat. Entscheidend ist, dass das Gehirn das neue Wort aktiv anpasst. Das Gehirn

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Die Mechanismen sagen ständig voraus und versuchen abzuschätzen, welche Informationen auf sie zukommen. Ein Wort wird nicht mechanisch in einen bereits bestehenden Kontext eingefügt oder diesem hinzugefügt. Das Wort fällt in das Netz, das bereits auf es wartet. Das oben erwähnte Beispiel zeigt lediglich, dass das Wort barzdą vorhergesagt und erwartet wurde und deshalb gar nicht überprüft werden musste. Dies spiegelte sich in einer geringen Amplitude des N400-Markers wider. Das unerwartete Wort miestą belastet das Gehirn dagegen, wie jedes andere Wort, das nicht zum Satzkontext passt, mit der Suche nach irgendeinem Zusammenhang mit dem Kontext. Dies spiegelt sich in der maximalen N400-Amplitude wider, die zeigt, dass das Gehirn das ihm zum Prüfen zur Verfügung stehende Zeitfenster vollständig für die Suche nach Bedeutung ausgeschöpft hat. Natürlich ist der Kontext nicht immer so einschränkend, dass es nur eine eindeutige Vorhersage gäbe. Der Kontext verändert sich ständig, und seine einschränkenden Eigenschaften wandeln sich und pulsieren. Ebenso pulsiert die Vorhersage des Gehirns zwischen völlig unbestimmt und sehr konkret. Das Gehirn sagt auf allen Ebenen voraus – von der Bilderkennung bis zum Verständnis von Sprache und Gesprächsabsichten.

Am interessantesten beim Sprachverstehen ist die Form der Vorhersage des erwarteten Wortes. Es stellte sich heraus, dass die Reaktion des Gehirns nicht nur zwei Ausprägungen hat – erwartetes und unerwartetes Wort. Zwischen ihnen liegt ein ganzes Spektrum von Zwischenreaktionen. Die N400-Amplitude kann nicht nur maximal oder minimal sein, sondern jede beliebige Zwischenstellung einnehmen. In Wirklichkeit kann das gehörte Wort nicht nur erwartet oder unerwartet, sondern auch ein wenig erwartet oder ein wenig überraschend sein. Beispielsweise sagt das Gehirn die Wortkategorie voraus und erwartet typische Vertreter dieser Kategorie eher als untypische. Wenn der Kontext darauf hindeutet, dass das Wort der Name einer Frucht sein sollte, wird ein Apfel eher erwartet als eine Birne und erst recht eher als irgendeine exotische Frucht. Das Gehirn erwartet häufiger vorkommende Wörter eher als seltenere – und so weiter.

Bei litauischen Wörtern wurde der N400-Marker anscheinend noch nicht gemessen, doch ließe sich das leicht nachholen und die nachstehenden Überlegungen überprüfen. Um die Bedeutung dieser Forschung für unsere Fragestellung hervorzuheben, formulieren wir ein entsprechendes litauisches Beispiel. Nehmen wir folgenden Satz: Kas rytą teka saulė. Der Satzanfang Kas rytą teka ist sehr stark einschränkend. Wenn man gebeten wird, den Satz zu vervollständigen, werden viele saulę nennen. Ein unerwarteter Satzabschluss könnte etwa so lauten: Kas rytą teka drambl ys. Wie sich herausstellt, erwartet das Gehirn nicht nur Wörter, die semantisch, sondern auch solche, die phonologisch dem wahrscheinlichsten Wort ähneln. Dies wurde durch Forschungsarbeiten des letzten Jahrzehnts von Kara Federmeier, einer Schülerin von Marta Kutas, gemeinsam mit ihrer Doktorandin Sarah Laszlo nachgewiesen (Federmeier, Laszlo 2009). Ihre Schlussfolgerungen erläutere ich anhand desselben litauischen Beispiels. Während sie auf den wahrscheinlichsten Satzabschluss – saulė – warten, aktivieren die menschlichen Gehirne nicht nur semantisch verwandte oder miteinander verknüpfbare Wörter mėnuo, vanduo, mergina (unter Nutzung der Polysemie des Verbs teka), sondern auch phonologisch verwandte Wörter. Dazu könnten Wörter gehören, die sich auf saulė reimen: sala, sula, siela, seilė oder suolas. Die erleichterte Verarbeitung solcher Wörter beruht darauf, dass nicht nur Verbindungen im semantischen Kontext, sondern auch der phonologische Kontext vorhergesagt werden, der nicht unbedingt irgendeine Bedeutungsinterpretation haben muss. Deshalb

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sollte das zu erwartende Versuchsergebnis folgendermaßen aussehen: saulė – minimale N400-Amplitude; dramblys – maximale; suolas oder mėnuo – mittlere. Dies ist eine experimentell nachgewiesene Tatsache über die Organisation des Sprachsystems in unserem Gehirn. Warum aktiviert das Gehirn nicht nur semantische, sondern auch phonologische Verbindungen? Vieles deutet darauf hin, dass Wörter nacheinander, Phonem für Phonem, erkannt werden. Das Gehirn arbeitet, indem es gleichzeitig weitreichende parallele Informationsströme verarbeitet. Nicht nur Wörter, sondern auch Phoneme werden vorhergesagt, solange die endgültige Auswahl noch nicht feststeht. Die Erkennung eines Wortes aktiviert also ein ganzes Bündel phonologisch benachbarter Wörter. Sobald das Wort erkannt ist, ist das neuronale Ensemble eines dem erwarteten Wort phonologisch ähnlichen Wortes bereits aktiviert. Man geht davon aus, dass eine solche Erkennungsstrategie die Zuverlässigkeit erhöht und den Vorteil des Gehirns – das Prinzip der parallelen Informationsverarbeitung – wirksam nutzt.

Wir haben uns mit dem Ergebnis eines psychologischen Experiments näher befasst. Dieses Forschungsgebiet wird Neurolinguistik genannt, im weiteren Zusammenhang kognitive Neuropsychologie. Die Spezialisierung der modernen Wissenschaft hat tiefe Gräben zwischen verschiedenen Disziplinen geschaffen; die durch sorgfältige Experimente und gründliche theoretische Analyse errichteten Brücken über die konzeptuelle Kluft sind unsicher und brechen oft unwiederbringlich zusammen. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis Hirnforschung und künstliche Intelligenz in naher Zukunft alle Klüfte überbrücken und wir einen festen Grund unumstößlicher Wissenschaft verspüren? Wird für die uns vertraute Linguistik und Psychologie noch Platz bleiben? 2016 wurden auf dem Brain forum in Lausanne die in den USA, Europa, China und Japan laufenden Hirnforschungsprogramme vorgestellt, die sich bereits eine Finanzierung in Milliardenhöhe gesichert haben. Einige dieser Programme und weitere ähnliche Forschungsarbeiten werden in dem von Gary Marcus und Jeremy Freeman herausgegebenen Band Smegenų ateitis besprochen (Marcus, Freeman 2015; vgl. Adolphs 2015). Im Schlusswort dieses Bandes legten Christof Koch und Gary Marcus eine Prognose für die Neurowissenschaften für die kommenden fünfzig Jahre vor (Koch, Marcus 2015). Mit Blick auf den Fortschritt der Kognitionswissenschaften behaupten sie, dass Denken, Sprache, soziale Beziehungen und andere dem menschlichen Geist eigene Phänomene auch in fünf Jahrzehnten noch nicht auf der Grundlage neuronaler Hirnaktivität erklärt werden können. Ihrer Ansicht nach wird weiterhin unklar sein, wie das Gehirn die Bedeutung eines Wortes oder den Sinn eines Satzes kodiert, obwohl Nanoroboter bis dahin bis zu einzelnen lebenden Neuronen vordringen können. Daher werden wir uns im kommenden halben Jahrhundert auf hängende Brücken verlassen müssen …

Diese nüchterne Perspektive mahnt dazu, keine Erkenntnisse zu verwerfen, unabhängig davon, wann und mit welchen Mitteln sie gewonnen wurden. Vergleichen wir, welche Schlussfolgerungen wir aus der ERP-Studie im Silicon Valley ziehen können, mit psychologischen Experimenten, die vor einem Jahrhundert in der Burghölzli-Klinik durchgeführt wurden. Die Messungen des N400-Markers zeigten, dass das menschliche Gehirn den Satzabschluss vorhersagt (zum Beispiel saulė), wodurch ein ganzes damit verbundenes Fragment des semantischen und phonologischen Netzwerks aktiviert wird (zum Beispiel mėnuo oder suolas). Diese Information wird mit dem im Experiment präsentierten Wort verglichen.

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Alles geschieht unbewusst. Dem Bewusstsein wird nur eine einzige endgültige Variante der Satzbedeutung präsentiert. Jungs und Riklins Experimente verraten uns noch etwas mehr. Die Versuchsteilnehmer werden aufgefordert, zu einem vorgegebenen Wort ihre Assoziation anzugeben. Die Ergebnisse zeigen, dass Assoziationen sowohl semantischer als auch phonologischer Art sind. Das entspricht den Ergebnissen der ERP-Studie. Doch Untersuchungen in der Burghölzli-Klinik zeigten, dass die Art der Assoziation vom Bewusstseinszustand der untersuchten Person abhängt. Jung zog den wichtigen Schluss, dass der bewusste Geist nach semantischen Assoziationen sucht und phonologische unterdrückt. Phonologische Assoziationen brechen durch, wenn das Bewusstsein der untersuchten Person gedämpft ist. Ähnliche Ergebnisse wurden bei Untersuchungen an Amnesiepatienten erzielt, die sich nicht daran erinnern konnten, dass sie ein visuelles Computerspiel gespielt hatten (das explizite Gedächtnis war beeinträchtigt) (zum Beispiel Tetris), aber vor dem Schlafengehen Bilder dieses Spiels gesehen oder davon geträumt hatten (Stickgold et al. 2000). Psychologen erklären dies als Ausdruck des impliziten Gedächtnisses.

Die moderne Bewusstseinsforschung unterscheidet fünf Arten unbewusster Gehirnaktivität (Dehaene 2014: 190–197). Der Hypothese des „globalen Arbeitsraums“ zufolge wird ein bewusst wahrgenommener Gedanke von großen Neuronenverbänden im Gehirn breit „weitergeleitet“. In den Fokus des Bewusstseins können nur starke, sogenannte überschwellige Signale gelangen. Solche Signale können im Gehirn gleichzeitig zahlreich vorhanden sein, doch das Bewusstsein wählt jeweils nur eine zusammenhängende Sequenz aus. Diese Signale verschwinden nicht, sondern warten auf die Aufmerksamkeit des Bewusstseins und können für eine globale Weiterleitung verstärkt werden. „Der unbewusste Geist schlägt vor, der bewusste Geist wählt aus“ (Dehaene 2014: 66). Diese starken, aber noch auf die Aufmerksamkeit des Bewusstseins wartenden Signale sind unbewusste Gehirninhalte der ersten Art. Signale der zweiten Art sind zu schwach, um die Aufmerksamkeit des Bewusstseins auf sich zu ziehen. Es handelt sich um unterschwellige Signale, die verschwinden und dem Bewusstsein unzugänglich bleiben. Diese Signale sind selbst nicht imstande, die Aufmerksamkeit des Bewusstseins auf sich zu ziehen, können aber während ihrer kurzen Lebensdauer später bewusst wahrgenommene Informationen beeinflussen. Die unbewusste Gehirnaktivität der dritten Art umfasst den gesamten Automatismus unseres Nervensystems, zum Beispiel die Atmung. Die vierte Art umfasst jegliche primäre Kodierung von Sinneseindrücken, die dekodiert werden muss, bevor sie in den Wahrnehmungshorizont des Bewusstseins gelangt. Am meisten interessiert uns die fünfte Art unbewussten Wissens, die Dehaene als ruhend bezeichnet. Diese Information ist in synaptischen Verbindungen kodiert. Sie wird bereits vor der Geburt angesammelt. Im ersten Lebensjahr werden die synaptischen Verbindungen mit hoher Geschwindigkeit geknüpft, obwohl die meisten Neuronen des menschlichen Gehirns bereits an ihrem Platz sind. In den ersten beiden Lebensjahren wächst das Gehirn auf die Hälfte seiner Größe im Erwachsenenalter – von einem Viertel auf drei Viertel seines Volumens. Dennoch erinnern wir uns an nichts aus den ersten drei Lebensjahren (die sogenannte infantile Amnesie). Wohin ist diese Information verschwunden? All dies ist das ruhende Gedächtnis. Die Information ist noch vorhanden, aber dem bewussten Gedächtnis nicht zugänglich. Dort liegen die gesamte Grammatik und Phonologie der Sprache, und sie liegen so tief, dass die Leiter milliardenschwerer Gehirnforschungsprojekte nicht erwarten, in den kommenden fünfzig Jahren Zugang zu ihnen zu erhalten.

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Das ruhende Gedächtnis ist dieselbe Apotheke unseres Geistes. Es ist dem Bewusstsein nicht unmittelbar zugänglich, kann aber auf dem Weg der Intuition erreicht werden. An diese Quelle der Kreativität wenden sich sowohl Dichter als auch Mathematiker. Der französische Mathematiker Jacques Hadamard (1945) gliedert diesen Dialog, gestützt auf die inzwischen klassische Erfahrung eines der bedeutendsten Mathematiker, Henri Poincarés, in vier Phasen: Vorbereitung, Inkubation, Erleuchtung und Verifikation. Ein Mathematiker wird keine Eingebung erwarten können, wenn ihm nicht eine lange, mühsame Vorarbeit vorausgeht, die oft nicht zum gewünschten Ergebnis führt. Der Mathematiker arbeitet mit bewusst wahrgenommenen Denkformen, die er sich durch langes Studium angeeignet und durch angestrengtes Nachdenken verfeinert hat. In der Inkubationsphase tauchen Kombinationen bewusster Denkformen des Mathematikers in einen Urbilderozean ein, der von im Unterbewusstsein liegenden, ruhenden, aber realen schematischen Instrumenten gelenkt wird. Die Erleuchtung (Inspiration) kommt, wenn das Unterbewusstsein eine unerwartete Lösung ans Licht des Bewusstseins bringt. Ihre Form entspricht der von der Psychoanalyse beschriebenen Gestalt – dem Archetyp. Sie ist stets emotional aufgeladen. In der Mathematik äußert sich die Emotion ästhetisch: Eine unerwartete Lösung ist immer schön.

1.4. Phonosemantische Fabeln

„Ein in der litauischen Sprachwissenschaft nahezu unbearbeitetes Feld – der Zusammenhang zwischen Semantik und phonetischer Struktur der Wurzel“

Audronė Kaukienė (Geschichte des litauischen Verbs Bd. I)

„Ach, Kater, Kätzchen, warum hast du die Brachfelder nicht umgepflügt, warum hast du keinen Flachs gesät?“

Juozas Tumas Vaižgantas (LKŽ)

Audronė Kaukienė schreibt in ihrer Studie Lietuvių kalbos veiksmažodžio istorija: „Der Zusammenhang zwischen Struktur und Semantik ist schon seit Langem bekannt. Häufig wird der Zusammenhang der phonologisch-morphologischen Struktur mit der konkreten Semantik hervorgehoben.“ Weiter stellt sie fest: „Ein in der litauischen Sprachwissenschaft nahezu unbearbeitetes Feld – der Zusammenhang zwischen Semantik und phonetischer Struktur der Wurzel“ (Kaukienė 1994: 164, 165). Diese brachliegenden Felder der Sprachwissenschaft (die in der Unterüberschrift dieses Abschnitts erwähnt werden) sind jenes von der Wissenschaft noch unerforschte Gebiet, das die Vorreiter betreten, die im ersten Abschnitt erwähnt werden. Es gibt keine Widersprüche zu bekannten sprachlichen Tatsachen, doch das Problem bleibt in einer für die Wissenschaft akzeptablen Weise unformuliert. Andererseits liegt dieses Gebiet nur in der Erforschung der litauischen Sprache brach. Heute arbeiten dort große Gruppen von Wissenschaftlern mit modernster Technik, auch wenn – wie die Volksweisheit mahnt (ebenso wie die Leiter milliardenschwerer Gehirnforschungsprojekte) – bis zur Ernte des gesäten Flachses noch ein langer und mühsamer Weg ist. Dies ist ein Grenzgebiet der Wissenschaften,

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zu der auch die Forscher der litauischen Sprache nun aufbrechen sollten (sie müssen lediglich die Trägheit eines katzenhaften Vaižgantas überwinden...). Wie wir uns überzeugen konnten, führt der Weg in dieses Gebiet vorerst nur über Hängebrücken. Die Fachleute eines einzelnen Fachgebiets, die sich sicher an ihrem eigenen Ufer festhalten, werden das andere Ufer nicht erreichen. Es bedarf intellektuellen Risikos. Eine Hängebrücke bietet keine Sicherheit. Hypothesen können sich als falsch erweisen, doch die Wissenschaft kennt keinen anderen Weg. Wichtig ist, dass die Brücke, die zwei Gebiete verbindet, auf beiden Seiten zuverlässig befestigt ist.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel – das litauische Verbpaar lemti / limti. SEJL gibt die ursprachliche Wurzel *lemH– mit einem Fragezeichen an, das offenbar für die Bedeutung ‚brechen‘ (poln. łamać) steht (SEJL 2007: 344). Diese Wurzel finden wir auch in MA, wo wir erfahren, dass diese in den baltischen und slawischen Sprachen sehr produktive Wurzel in der enzyklopädisch umfassenden Monografie über die indoeuropäische Geisteswelt nur in Gestalt schrecklicher Nachtgeister erhalten geblieben ist: lat. lemures und griech. lamia (MA 2006: 411). Natürlich sind sie, was das Erschrecken von Kindern angeht, mit unseren laumės vergleichbar. Die vergleichende Sprachwissenschaft neigt dazu, unter dem Druck der Autorität der klassischen Trias (Sanskrit, Griechisch, Latein) die baltischen Wörter zu vergessen, obwohl die Forscher der indoeuropäischen Poetik sich ihrer erinnern (vgl. West 2007: 384, 386).

Betrachten wir diese einfache Abbildung (siehe Abb. 3), die wir in Texten wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Untersuchungen schon Hunderte Male gesehen haben.

ABB. 3. Schema des Verhältnisses von Ganzem und Teil

Sie war gewöhnlich von anderen ähnlichen Abbildungen umgeben und mit Zahlen übersät. Dies ist das Schema eines Bildes, das auf das Verhältnis des Ganzen zu seinem Teil verweist. Das Bildschema (engl. image schema) ist eines der wichtigsten Instrumente der kognitiven Linguistik10. Hier ist für uns nur wichtig, daran zu erinnern, dass ein Bildschema weder eine Abbildung noch eine Zeichnung ist (diese kann ganz anders aussehen), sondern ein gedankliches Urbild, auf das die Abbildung lediglich verweist (Cuyckens, Geeraerts 2007).

Im LKŽ gibt es nach wie vor eine Bezeichnung für einen Teil des Ganzen:

10 Terminą „vaizdinys“ vartoju pagal Jakaitienės vadovėlį (Jakaitienė 2010: 45).

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ABB. 4. Konzeptuelle Metapher

1 lãmas 1. ‚ein Teil von etwas, Stück, Bruchstück‘11 I Wie hast du so ein lămą pyrago (Stück Kuchen) so schnell verschlungen! Ms.

Verben mit L/M im Wortstamm werden in der Bedeutung ‚brechen‘ offenbar nicht mehr verwendet (zum Beispiel lamėti ‚brechen‘, vgl. slaw. lomati). Substantive gibt es viele: lãmas ‚ein Teil von etwas, Stück, Grundstück, Parzelle‘, lamatà ‚heftiges Brechen (bei Sturm)‘, lomà ‚vertiefte Bodenfläche, Tal, Stück, Klumpen, Grundstück, Parzelle‘. Das Wort luomas führt uns in den sozialen Bereich. Im LKŽ werden folgende Bedeutungen angegeben: ‚eine nach Herkunft, Vermögen oder Beschäftigung gebildete gesellschaftliche Gruppe‘; ‚Familienstand‘; ‚Art, Herkunft‘; ‚Fläche, Parzelle, Stück‘; ‚Zahlenklasse‘. Das feminine Gegenstück luoma hat neben der ersten Bedeutung von luomo noch weitere: ‚Glück, Schicksal‘; ‚Mal, Reihe‘; ‚zeitliche Grenze, Termin‘.

Allen ist klar, was das Wort laimė bedeutet. Wir kennen seine Verbindungen zu den Wörtern lemti, likimas. An dieser Stelle müssen wir innehalten und auf das ausführliche zweite Kapitel von Algirdas Julius Greimas’ Studie „Aušrinė und Laima“ verweisen (Greimas 2005b). Darin werden offengelegt

11 In diesem Artikel sind die elementaren Objekte Lexeme aus dem LKŽ (nur einige wenige Beispiele stammen aus dem DLKŽ). Lemmata sind fett gedruckt und mit ihrer Nummerierung versehen. Die Begriffe „Lexem“ und „Lemma“ verwende ich gemäß der Definition von Jakaitienė (2005; 2010), jedoch in einem engeren Sinne als strukturelle Objekte des LKŽ.

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ABB. 5. Der Rėda-Kreis

Verbindungen zwischen Glück und Schicksal, Glück und Geschick, Laima und Laumė im weiten Kontext der litauischen Folklore. Der semantische Gehalt der litauischen Lexik und Mythologie ist in allgemeinster Form in Abbildung 4 dargestellt. Die Pfeile weisen jedem Bereich (Frame) eine schematische Struktur zu oder übertragen sie von einem Bereich auf einen anderen. Die vergleichende Sprachwissenschaft, die sich nicht für die kognitive Struktur der Wortbedeutungen interessiert, reduziert die geistige Welt der Indoeuropäer auf das Niveau von (in diesem Fall) Kinderschreckgestalten. Dies ist nur ein Beispiel, das zeigt, dass die vergleichende Sprachwissenschaft zumindest einen Teil der Verantwortung für den erwähnten „Löffel Teer“ übernehmen sollte.

Betrachten wir ein anderes Beispiel, das die formale Linguistik automatisch verwirft. Patackas und Žarskus ordnen die Wandlungen zum Rėda-Kreis an (siehe Abb. 5) (Patackas, Žarskus 2013: 10; Patackas 2014: 87).

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ABB. 6. Schema des Verbs 2 nókti

Nichts hindert daran, ähnlich klingende Wörter (nokti – nykti) oder invertierte Wörter (migti – gimti) zur Bezeichnung von Wandlungsbeziehungen zu verwenden. Die traditionelle Linguistik lehnt jeglichen Zusammenhang solcher Wortpaare mit der Sprachwissenschaft ab. Nehmen wir das Wortpaar nokti / nykti. Die vergleichende Sprachwissenschaft rekonstruiert folgende ursprachliche Wurzeln: *neh₂k- / *nik- (SEJL 2007: 427, 425). Es sind unterschiedliche Wurzeln und unterschiedliche etymologische Wortfamilien. Damit endet das Interesse12. Der kognitive Gehalt der Semantik interessiert Linguisten, wie wir gesehen haben, kaum. Dennoch sollte man sich damit befassen.

Zunächst ist festzustellen, dass der semantische Gegensatz, der im Rėda-Kreis dem Wortpaar nokti / nykti zugeordnet wird, bereits im Verb nokti enthalten ist: 1 nókti 1. ‚reifen (von Früchten, Getreide)‘ 1 nókti 4. ‚schwächer werden, abnehmen‘

Erinnern wir auch an das Verb, das zunehmend aus dem Gebrauch verschwindet: 2 nókti 1. intr. ‚gehen, jemandem folgen‘ 2 nókti 2. tr. ‚verfolgen, nachsetzen‘

Die Struktur dieses Bedeutungsfeldes lässt sich als zwei konzeptuelle Metaphern darstellen (Cuyckens, Geeraerts 2007). Den Gehalt des Verbs 2 nókti ‚gehen, jemandem folgen; verfolgen, nachsetzen‘ veranschaulicht die Zeichnung in Abbildung 6.

Am Punkt P hat der Verfolger panoko ‚eingeholt‘ und pranoko ‚überholt‘. Die erste Metapher {2 nókti → 1 nókti 1. ‚reifen‘} überträgt die Struktur der Zeichnung aus dem Bewegungsraum

12 Vgl. Karaliūnas 1995: 8.

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vom Bereich in den Bereich der Natur, wobei der Punkt P den Höhepunkt der Reife markiert. Dieselbe Metapher spiegelt sich auch im Verb prieiti wider:

1 prinókti 1. ‘reifen, zur Reife gelangen’

prieiti 1. ‘gehend näher kommen (an etwas)’ Er kam ans Ende der Brücke.

prieiti 13. ’reifen, ausreifen’ Dieses Jahr reifte der Roggen früher.

Eine andere Metapher weist eine Wertungsinversion auf:

{2 nókti → 1 nókti 4. ‘schwächer werden, dahinschwinden’}

Der Kulminationspunkt entspricht nicht dem Positiven, sondern dem Negativen (Nōks nōks i nu-nōks (numirs)). Das Verb nykti bewahrt vor der unbequemen Inversion. Daher lässt sich die vollständige kognitive Struktur beider Verben durch zwei solche Metaphern beschreiben:

{2 nókti → 1 nókti 1. ‘reifen’} + {1 nókti 4. ‘schwächer werden, dahinschwinden’ ← 1 nýkti}

Das erste Beispiel war lediglich ein sanfter Vorwurf an die auf dem Gebiet der vergleichenden Sprachwissenschaft tätigen Linguisten, dass sie sich (offensichtlich) wenig mit der modernen Semantik befassen; doch dieses Beispiel wirft Fragen auf. Die dargestellte Struktur ist eine kognitive Struktur auf der Ebene des im LKŽ widergespiegelten lexikalischen Gebrauchs (der synchronisch mehrere Jahrhunderte und die Verbreitung in den Dialekträumen umfasst). Ihrer Bedeutung nach schließt sie natürlich nicht nur Wörter aus einer etymologischen Wortfamilie ein, sondern auch phonologische „Nachbarn“13. Wie solche Strukturen entstehen, ist die Frage an die Linguisten. Die Entwicklung konzeptueller Metaphern ist Gegenstand breiter Diskussionen (Fusaroli, Morgagni 2009). Die kognitiv orientierte Linguistik erkennt die Bedeutung der Metapher für den Sprachwandel an. Welche Entwicklung die semantische Struktur von nokti / nykti bezeugt, ist eine Frage, die sorgfältiger Untersuchung bedarf. Das Verb 2 nókti, das die raumzeitliche Grundlage der konzeptuellen Metapher bildet, ist bereits aus dem Gebrauch verschwunden, obwohl das Ereignisverb 2 pranókti nach wie vor eine produktive Quelle neuer Metaphern ist (davon kann man sich überzeugen, indem man dieses Wort in das Programm Google eingibt). Zum dargestellten Schema müsste noch ein Wendepunkt hinzugefügt werden, den das Verb noko in den beiden Volksliedern anschaulich zeigt:

Es reifte die Raute, es reifte die Minze, es reifte das Lilienblümchen, es reiften meine jungen Tage wie ein grünes Rautenkraut (d.) Gs. Im Garten reift die Rose, reift das Lilienblümchen, es reift meine Jugend bei einem schlimmen Burschen LTR (Mrk).

LKŽ und DLKŽ führen diese Sätze unter der Bedeutung ‘an Frische verlieren, welken’ an (DLKŽ gibt nur den ersten Satzteil wieder). Interessanterweise bemerkt Professor Smoczyński die Ambiguität, indem er diesen Satz auf zweierlei Weise übersetzt: „Dojrzewała (= reifte) ruta, dojrzewała mięta, dojrzewała lilia, jak zielona rutka więdły (= welkten) dni mej młodości“. Übersetzung oder Ersetzung der Verben offenbart und fixiert jeweils eine bestimmte Interpretation. Die einzigartige Schönheit der Volksdichtung liegt in der Ambiguität: überall steht dasselbe Verb nokti, doch im ersten Satzteil tendiert es zur Bedeutung ‘reifen’, während in der Schlussphrase des Satzes die Gefahr aufscheint, ‘an Frische zu verlieren,’

13 Plg. Federmeier, Laszlo 2009.

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verwelken’. Das ist der Wendepunkt, der im Wesen der Hochzeitsbräuche und des Rasos-Festes liegt. Leider steht die Sprachwissenschaft in Litauen dieser Ambiguität noch immer gleichgültig gegenüber.

Die Bedeutungen eines Wortes stehen zueinander in paradigmatischer Beziehung. In den Sätzen Gėlė noksta oder Obuolys noksta hängt der Sinn davon ab, welche Bedeutung des Wortes noksta wir wählen: 1 nókti 1 „reifen“ oder 1 nókti 3 „an Frische verlieren, verwelken“. Im Satz Nóko rūta, nóko mėta, nóko lelijėlė, nóko mano jaunos dienos kap žalia rūtelė dagegen stehen dieselben Bedeutungen in der Interpretation des SEJL in syntagmatischer Beziehung: zuerst noksta, danach vyksta. Dieses Syntagma liegt nicht auf der Ebene der Satzsyntax, sondern der Narrativstruktur. Vergleichen wir drei Varianten dieses Satzes:

Nóko rūta, nóko mėta, nóko lelijėlė, nóko mano jaunos dienos kap žalia rūtelė = Ambiguität in der Folklore;

Vyto rūta, vyto mėta, vyto lelijėlė, vyto mano jaunos dienos kap žalia rūtelė = Interpretation des LKŽ und DLKŽ;

Brendo rūta, brendo mėta, brendo lelijėlė, vyto mano jaunos dienos kap žalia rūtelė = Interpretation des SEJL.

Der erste Satz ist, wie erwähnt, eine Ambiguität, die der Folklore interpretative Offenheit verleiht. Im zweiten Satz wird das Wort nóko durch ein vom LKŽ vorgeschlagenes Synonym ersetzt. Der dritte Satz ist eine Rückübersetzung aus dem Polnischen.

Formal betrachtet ist die Interpretation des LKŽ korrekt. Das Wörterbuch spiegelt die Weltanschauung des Landwirts wider, die sich über mehr als ein Jahrtausend hinweg herausgebildet hat. Die Sprache ist für wichtige Merkmale der Lebensumwelt äußerst sensibel und präzise. Die Hauptbedeutung des Verbs 1 nókti lautet „reifen (von Früchten, Getreide)“. Von einer Blume kann man das nicht sagen. Das wird an folgendem Satz deutlich:

Der Mohn bekommt beim Blühen wie eine Rose kleine Löcher, reift aus, zerfällt, wenn der Wind ihn schüttelt B.

Der Mohn blüht zuerst (wie eine Rose), dann reift er. Die Blüte reift nicht, sondern blüht, bis sie verwelkt. Es reifen Früchte, Getreidekörner und Samen (sie zerfallen, wenn der Wind sie schüttelt). Doch die Jugend blüht, reift und verwelkt zugleich:

Petniūnas traute den Freiern nicht und wagte nicht, einen Schwiegersohn ins Haus zu nehmen, obwohl die Tochter immer reifer wurde, bis sie überreif war und den Reiz der Jugend verlor rš. (LKŽ).

Dieser Satz, den das LKŽ als übertragen gebraucht kennzeichnet, also als konzeptuelle Metapher, überträgt ein Schema aus der Pflanzenwelt auf die biologische Natur des Menschen. Jugend lässt sich sowohl mit einer Lilienblüte als auch mit einem reifenden Apfel und (leider) mit einer überreifen Frucht oder einer verwelkten Blüte vergleichen. Dieser Wendepunkt ist im Schema des Rėdos-Kreises anschaulich und konzeptuell präzise beschrieben; uns interessieren jedoch die Aspekte seines sprachlichen Ausdrucks. Ersetzen wir im Satz formal genau nóko durch vyto, geht das gesamte poetische Wesen der Folklore verloren. Das Verb vyto enthält keine Ambiguität und eröffnet daher dem Leser (und dem Zuhörer – schließlich ist es ein Lied!) keinen Zugang zum Wendepunkt (wie ihn die kognitive

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(Psycholinguistik). Die SEJL-Interpretation versucht, unter Preisgabe der Genauigkeit14, diesen Zugang zu konstruieren. Der Wendepunkt wird auf der bewussten rationalen Ebene offengelegt, als Entfaltung des Diskurses (die Lilie reifte > und meine jungen Tage welkten). Die Folklore nutzt die in dem Verb nokti enthaltene Ambiguität, um einen unbewussten Zugang zum Wendepunkt zu eröffnen. Das ist der Unterschied zwischen Prosa und Poesie.

Dieser zweifellos langlebige Inhalt findet in den Bahnen der vergleichenden Sprachwissenschaft keinen Platz, obwohl SEJL bei der Rekonstruktion der Form *neh₂k- keinen Zweifel an der indogermanischen Herkunft der Wurzel hegt. Ob dieser für die Weltanschauung des Bauern zentrale Inhalt aus der Ursprache stammt oder in den baltischen Sprachen entstanden ist, wie die postpositiven Lokative, und nun bereits schwindet – das sind Fragen, die die kognitive Analyse aufwirft. DLKŽ zeigt, wie dieses weite und tiefe Bedeutungsfeld Risse bekommt. Sprache verändert sich unvermeidlich. Was bewahrt werden sollte und was unwichtig ist – das ist die entscheidende Frage. Ich werde die Bedeutung der Stabilität des Ausdrucks (und der Orthografie) weder kommentieren noch infrage stellen. Wir lernen Sprache unbewusst, daher sind die Mechanismen des unbewussten Wahrnehmens für die Lebendigkeit der Sprache von entscheidender Bedeutung. Damit wir wissen, was und wie zu bewahren ist, muss sie gründlich untersucht werden.

Betrachten wir nun die vierte Variante des Satzes, in der das letzte Verb nokti durch das Verb nykti ersetzt wurde.

Keine Raute, keine Minze, keine Lilie; meine jungen Tage vergingen wie eine grüne Raute.

Er wird nicht vorgelegt, um den Liedtext zu ersetzen. Dem, was über die Ambiguität gesagt wurde, ist nichts hinzuzufügen. Der Ausdruck dieses Satzes (nokti / nykti) lässt die Ambiguität im ersten Satzteil bestehen (nóko lelijėlė), enthüllt dem Bewusstsein aber im zweiten Satzteil eine Bedrohung (nyko mano jaunos dienos). In der Folklore liegt der Wendepunkt tief eingetaucht in der Polysemie des Verbs nokti. Dieser Satz hebt den Wendepunkt auf die Bewusstseinsebene (wie auch die SEJL-Interpretation), bleibt aber durch die phonologische Ähnlichkeit im Unbewussten verankert. Das ist keine neue linguistische Tatsache, die den Schlussfolgerungen der vergleichenden Sprachwissenschaft widerspricht. Es ist ein Verweis auf ein semantisch zusammenhängendes Reservoir, das beide Wurzelformen der Ursprache umfasst. Das semantische Ganze (Gestalt) liegt in der Sprache und umfasst beide etymologischen Nester, die phonologisch „in ablautender Distanz“ zueinander stehen. Das Beispiel Nokti / nykti motiviert die Bezeichnung phonosemantische Sage. Sage ist ein Begriff auf der Ebene des Narrativs. Dieser Artikel widmet sich der Methodik zur Suche nach und Beschreibung solcher Strukturen. In diesem Beispiel umfasst die phonosemantische Sage das gesamte Ausdruckskontinuum im LKŽ: nokti, nykti, neikti, niūkti, [...] niekas, naktis [...] usw. Das Fundament der semantischen Gestalt bilden das erwähnte Metaphernpaar und der Wendepunkt. Aus der Perspektive von Paul Kuglers „Diskursalchemie“ handelt es sich um ein Reservoir phonetisch ähnlicher Wörter, vereint durch einen emotional stark motivierten Bedeutungszusammenhang

14 Dojrzewala wird im Wörterbuch mit „reift, wird reif“ übersetzt. Wie wir gesehen haben, weist das LKŽ Blumen diese Bedeutungen nicht zu. Ob man das polnische Wort dojrzewala nicht nur für Früchte, sondern auch für Blumen verwenden kann – darüber wage ich nicht zu urteilen.

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des Ganzen – imago. Übrigens ist die mit nokti / nykti verbundene Bedrohung des Wendepunkts dieselbe, die ausführlich im Buch der Wandlungen beschrieben wird und von der das Hauptbeispiel der Studie des Psychoanalytikers handelt (Verlust der Jungfräulichkeit; Kugler 1980: 11). Dem von Psychoanalytikern beschriebenen Komplex unbewusster Inhalte fehlt jedoch eine strukturelle Ordnung. Die Archetypen des kollektiven Unbewussten bei Jung lassen nur sehr allgemeine Merkmale erkennen. Hier muss eine Brücke zu festerem Fels geschlagen werden – zur Mathematik. Der aus Chile stammende Schweizer Psychologe Rafael Núñez (derzeit an der University of California, San Diego, tätig) stellt bei der Analyse des Briefwechsels Jungs mit dem berühmten Physiker Wolfgang Pauli eine konzeptuelle Entsprechung zwischen den Archetypen des kollektiven Unbewussten und den in der kognitiven Linguistik verwendeten Bildschemata fest (Núñez 2008: 9). Zusammen mit einem der Begründer der kognitiven Linguistik, George Lakoff, legte Núñez gegen Ende des Jahrtausends die kognitive Struktur des mathematischen Denkens offen (Núñez, Lakoff 1998; Lakoff, Núñez 2001). Dies sind die ersten Schritte auf dem Weg zu der bereits erwähnten wissenschaftlichen Untersuchung der mathematischen Kreativität, die Hadamard vor einem halben Jahrhundert durchgeführt hat (siehe 1.3). Heute verwenden die in dieser Richtung arbeitenden Wissenschaftler sowohl Methoden der kognitiven Linguistik und Psychologie als auch neurophysiologische Messungen der Gehirnaktivität (siehe Núñez, Marghetis 2014; Marghetis, Edwards, Núñez 2014; Dehaene, Brannon 2011; Dehaene 2014).

1.5. Die Gestaltung phonosemantischer Sagen

„Auch in unserer Zeit ist ein Bastler jemand, der alles selbst, mit den eigenen Händen und – anders als ein Meister [Spezialist] auf einem bestimmten Gebiet – mit allerlei, oft zufällig verfügbaren Mitteln macht.“

Claude Levi-Strauss

Zusammenfassend können wir sagen, dass eine phonosemantische Sage ein Reservoir phonetisch ähnlicher Wörter ist, deren Bedeutungsräume – Raum, Zeit und Kraftdynamik (ELD) – zusammen einen semantischen Zusammenhang bilden, der oft emotionale Aufladung erhält. Wo ist nach solchen Sagen zu suchen? Antwort: im LKŽ. Kugler interessiert sich für Erscheinungsformen des Unbewussten in der menschlichen Psyche und untersucht Fälle, in denen sich Reservoirs phonetisch ähnlicher Wörter in Träumen oder Visionen erkennen lassen. Im Krankhaften dieser Psyche (der von Freud beschriebene Fall des Rat Man) oder in Versprechern äußert sich der Zustand der individuellen Psyche. Direkt in der Sprache kann man nach Sagen in geschaffenen Texten oder in der Struktur des Wörterbuchs selbst suchen. Die Folklore, wie wir gesehen haben, verbirgt die kognitive Struktur in der Mehrdeutigkeit des Wortes – der Ambiguität. Syntagmatisch entfalten sich die Klangentsprechungen durch Flexions- und Wortbildungsklassen (LKŽ: Aš keleivis keleivėlis, keleliu keliavęs KlpD20). Texte

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Mit Folgen phonetisch ähnlicher, aber nicht verwandter Wörter schafft die Folklore offenbar keine Texte (vgl. nóko lelijėlė / nyko mano jaunos dienos). Solche Texte wären bemerkt und untersucht worden. Das Problem lässt sich anhand eines künstlichen kleinen Textes veranschaulichen. Vergleichen wir drei Geschichten über Raben:

I. Warten drei Raben. Einer flog davon, der andere blieb, der dritte wartet noch.

II. In einem Käfig warteten drei Raben. Die Zeit flog vorbei. „Es ist schon Zeit“, sagte ein Rabe und flog nach draußen. Der zweite Rabe blieb. Er hielt Käse im Schnabel und dachte: „Ich hungere, mich wird er nicht umstimmen.“ Der dritte Rabe wartete noch. Ihn hielt die Sehnsucht nach der Heimat zurück. „Nie wieder“, krächzte er.

III. In einem Käfig saßen drei Raben. Das Leben zog vorbei. „Es ist an der Zeit“, sagte ein Rabe und flog aus dem Käfig. Der zweite Rabe flog nicht davon. Er hatte Käse im Schnabel und dachte: „Ich habe nichts gegessen, mich wird er nicht zwingen.“ Der dritte Rabe blieb länger. Ihn zog die Sehnsucht nach der Heimat. „Nie wieder“, krächzte er.

Die Subjekte der ersten Geschichte sind drei Raben, und alle Verben weisen dieselbe konsonantische Wurzelstruktur L/K auf, obwohl sie nicht unbedingt miteinander verwandt sind, da sie verschiedenen etymologischen Nestern angehören (laukti < *leuk; lėkėti < *lek; likti / laikyti < *leiku / *liku). In der zweiten Geschichte finden sich weitere Wörter mit derselben Wurzelstruktur L/K (laikyti, lenkti, alkti, laukan, laikas). Die Raben wurden durch Kolkraben ersetzt, die in der Folklore zahlreiche Assoziationen wecken; der Käse verweist auf den bekannten Fabelstoff, und die Wendung „nie wieder“ erinnert Bewunderer von Edgar Poes Dichtung an das berühmte Gedicht „Der Rabe“ (engl. The Raven). In der dritten Geschichte gibt es kein einziges Wort mehr mit Wurzeln vom Typ L/K, doch ihre Handlung hat sich kaum verändert.

Niemand verfasst Texte des ersten Typs und niemand spricht so. Die zweite Geschichte entfaltet den semantischen Kern der Verben der ersten Geschichte, indem sie Wurzeln desselben Typs verwendet (mit Ausnahme des letzten Satzes). Die dritte Geschichte bewahrt die kognitive Struktur des Diskurses, obwohl alle phonologischen Verbindungen gelöscht sind. So sind Sprachtexte beschaffen. Doch die Struktur der Sprache ist nirgendwo verschwunden. Wie wir gesehen haben, belegen psychologische Experimente und sogar präzise Messungen der elektrischen Gehirnaktivität, dass Wörter in unbewussten Mechanismen sowohl semantisch als auch phonetisch miteinander verbunden sind. Auf diese Weise treten phonosemantische Einheiten hervor und beeinflussen Denken und Sprache. Psychoanalytiker bemerken sie in ihren Untersuchungen. In der Sprache sind sie in morphonologischen Paradigmen verankert. Doch nicht alles ist in Grammatiken festgehalten. Daher lautet die Antwort: Phonosemantische Erzählungen liegen in der kognitiven Struktur der Wortbedeutungen des LKŽ.

Eine phonosemantische Erzählung findet sich nicht in Texten. Eine phonosemantische Erzählung muss inszeniert werden. Wir beginnen mit dem phonologischen Teil und wählen dazu ein Wortfeld aus Wörtern mit gleich aufgebauten Wurzeln. Anschließend werden wir mithilfe der kognitiven

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linguistischen Methode die semantische Struktur des Wortfeldes hinsichtlich Raum, Zeit und Dynamik ausarbeiten.

Betrachten wir Abbildung 7, die zeigen soll, dass die in dieser Untersuchung verwendete Methode bekannten Sprachfakten nicht widerspricht, sondern sie ergänzt. Auf dieselbe Spalte mit Wortformen können wir aus linguistischer Sicht (von links) oder aus extralinguistischer Perspektive (von rechts) blicken15. Betrachten wir beide Perspektiven genauer. Die Wortformen sind vertikal nach dem Wurzelvokal angeordnet (einschließlich des Fehlens eines Vokals – ø). Alle Wörter haben dasselbe konsonantische Wurzelskelett (das wir mit K/L bezeichnen und bei Unterscheidung zwischen vokalisierten und nicht vokalisierten Formen mit K-L bzw. KL-). Die links angegebenen rekonstruierten Formen der indogermanischen Grundsprachwurzel habe ich hier und andernorts (sofern nicht anders vermerkt) Smoczyński entnommen, Słownik etymologiczny języka litewskiego. Somit gehören die vokalisierten Wurzeln zwei verschiedenen etymologischen Nestern an, und auch die Verben kloti, klėsti und klysti sind nicht miteinander verwandt.

Die Verben kelti / kilti, kalti / kulti, kloti, klėsti, klysti sind phonologisch ähnlich. Man kann behaupten, dass ihre phonologische Ähnlichkeit derjenigen des Wechsels der Wurzelvokale (Ablaut) entspricht. Kelti / kilti sind miteinander verwandte Wörter; daher wird der Unterschied ihrer Struktur dem Ablaut zugeschrieben. Kelti / kalti sind nicht miteinander verwandt, und ihre phonologische Ähnlichkeit wird nicht dem Ablaut zugeschrieben, obwohl sich die Wurzelvokale ebenso unterscheiden wie in kelti / kalnas. Kelti / kloti Das Verhältnis der Wurzelvokale wird im Litauischen grundsätzlich nicht dem Ablaut zugerechnet, doch eine solche Konsonantenverbindung findet sich in verwandten Wörtern anderer Sprachen (Smoczyński 2006). Die Wurzeln können nach ihrer konsonantischen Struktur gruppiert werden (siehe Abb. 8). Das Schema wurde erstellt, indem aus dem SEJL alle etymologischen Nester mit dem entsprechenden litauischen Konsonantenskelett ausgewählt wurden. Die Menge der Wurzeln, die vom Knoten aus in Pfeilrichtung nach unten verläuft, nennen wir Wurzelbündel (ŠP). Das Wurzelbündel K-L besteht beispielsweise aus Wurzeln mit folgenden Skeletten: K-L; K-LB; K-LP16. Die Zahlen geben die Anzahl der etymologischen Nester an. Sieben solcher Nester fanden wir im Wurzelbündel L/K, und im Wurzelbündel K/L sogar neunzehn. Die zentrale Aussage unserer Untersuchung hängt nicht davon ab, wie genau diese Verteilung ist. Eine andere Methodik oder mögliche Fehler bei der Interpretation der Quelldaten ändern die Hauptschlussfolgerung nicht: Es gibt zahlreiche diskrete Bedeutungsgruppen, die nicht miteinander verknüpft sind.

15 Claude’as Vandeloise’as (Vandeloise 2010: 171) savo erdvinių žodžių genezės sistemoje lingvistinį požiūrį vadina vidiniu (an. internal lexical formation), o ekstralingvistinį – išoriniu (external lexical formation) kalbos sistemos atžvilgiu. Jo sistema remiasi ekstralingvistiniu erdvės sąvokų genezės mechanizmu (plg. skirsnyje 2.1 minimą Herberto Clarko P- erdvės ir L- erdvės skirtį).

16 Diese Notation ist mehrdeutig – sie bezeichnet gleichermaßen das Konsonantenskelett selbst und das von ihm ausgehende Wurzelbündel. Das führt nicht zu Verwirrung, da aus dem Kontext klar ist, worum es geht.

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ABB. 7. Wurzeln mit den Konsonanten K/L

Dies ist lediglich eine Ordnung der Informationen – dem Wurzelpaar (ŠP) wird keinerlei linguistischer Inhalt zugeschrieben. Das Wurzelpaar ist jedoch nicht auf der Grundlage der Phonetik, sondern der vergleichenden Sprachwissenschaft gebildet (zum Beispiel würde lizdas zum Wurzelpaar ŠP S–D gehören)17.

17 Darin unterscheidet sich die Bildung des Wurzelpaars von Paulius Slavėnas Schema, das auf der Phonetik beruht (siehe den ersten Abschnitt).

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ABB. 8. Etymologische Nester mit den Konsonanten K/L

Im LKŽ finden wir folgende grundlegende Bedeutungen der Verben: kélti 1. „etwas Schweres nach oben heben“ 1 kálti 1. „mit einem Hammer schlagen, durch Schlagen treiben, stechen“ klóti 1. „auf einer Oberfläche ausbreiten, legen, etwas hinlegen“ 1 klė́sti 1. „fegen, kehren, klastyti“ klýsti 1. „auf einem falschen Weg gehen, unbewusst vom richtigen Weg abkommen“

Ein unmittelbarer Vergleich dieser Bedeutungen erscheint willkürlich. Aus Sicht der traditionellen oder strukturellen Semantik bieten diese Bedeutungen keine Grundlage dafür, nicht verwandte Verben miteinander zu verbinden. Greimas Methodik ermöglicht es, lineare (kelti, kalti) und nichtlineare (kloti) Bewegung zu unterscheiden (siehe Greimas 2005a: 64; Nastopka 2010: 144)18. Die auf dem Gegensatz von Oppositionen beruhende strukturalistische Methodik kommt hier zum Stillstand. Die kognitive Struktur des Raums erschließt sich ihr nicht. Die kognitive Linguistik untersucht Wortbedeutungen nicht in einem geschlossenen linguistischen System, sondern stützt sich auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten des Denkens—

18 Genau genommen fällt die Bedeutung des Verbs kloti nach Greimas’ Analyse nicht nur in die semantischen Achsen der Räumlichkeit, sondern auch der Horizontalität (Lateralität). Für die weitere Erörterung ist dies nicht von Bedeutung.

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—gesetzmäßigkeiten, d. h., in unserer Abbildung nähert sie sich dem Wort von der extralinguistischen (rechten) Seite. Diese Sichtweise widerspricht den Tatsachen der vergleichenden Sprachwissenschaft nicht, sondern ergänzt sie. Dass vokalisierte Wurzeln lineare Bewegung bezeichnen (kelti von der Oberfläche weg; kalti – etwas zurück auf die Oberfläche bringen), Wurzeln mit dem Konsonantencluster KL- dagegen nichtlineare Bewegung, ist eine empirische Tatsache. Für das linguistische System des Litauischen ist diese Tatsache extrasystemisch und erscheint daher willkürlich. Die kognitive Methode verortet diese Tatsache im extralinguistischen System der Raumwahrnehmung.

Das linke Ende von Abbildung 7 ist sicher am Ufer der vergleichenden Linguistik befestigt. Verlässliche Korrekturen dort kann nur ein Spezialist mit großer Erfahrung vorschlagen. Um eine „Hängebrücke“ zu bauen, müssen wir auch den rechten (extralinguistischen) Teil sicher befestigen. Wie bereits erwähnt, greifen die Methoden der strukturellen Linguistik hier nicht mehr. Wir verbleiben im diskreten Feld semantisch unverbundener etymologischer Nester. Innerhalb eines etymologischen Nestes ist eine semantische Verbindung zwingend (es sei denn, sie wäre im Lauf der Sprachentwicklung verblasst), während die semantischen Verbindungen zwischen Nestern hinsichtlich der Phonologie willkürlich sind. Das Wurzelpaar (ŠP) lässt sich problemlos auf die Bedeutungsmenge des LKŽ projizieren. Die elementaren Objekte unserer Untersuchung sind Lexeme aus dem LKŽ. Wir stellen keine Bedeutungsbeschreibungen infrage. Die extralinguistische Sichtweise verändert dort, wo Wurzeln eine tiefe und reichhaltige ELD-Struktur aufweisen, grundlegend die Beziehungen zwischen den Lexemen. Das bedeutet nicht, dass das Wörterbuch umgeschrieben und die Reihenfolge der Lexeme geändert werden sollte. Die ELD ordnet die Lexeme nichtlinear um – sie ist kein Wörterbuchfragment mehr, sondern eine Episode eines semantischen Netzwerks.

Auf der rechten Seite von Abbildung 7 sind allgemeinste ELD-Schemata dargestellt, die verschiedenen Wortgruppen entsprechen. Wenn wir einen Gegenstand anheben, lösen wir ihn von der Oberfläche und bringen ihn über diese Oberfläche. Beim Hämmern verfahren wir umgekehrt – wir bringen den Gegenstand zurück auf die Oberfläche. Beide Bewegungen sind linear, d. h. eindimensional. Beim Ausbreiten bringen wir zweidimensionale Oberflächen zur Deckung. Eine solche Überlegung wird sinnvoll sein, wenn wir die gemeinsame Gesamtheit dieser Schemata angeben, ein bestimmtes Gestaltmuster, hinsichtlich dessen Struktur sich Wortbedeutungen miteinander verbinden oder voneinander unterscheiden. Diese Gesamtheit wird von den grundlegenden Verben kelti und laikyti in ihren Grundbedeutungen hervorgebracht. Der konzeptuelle Gehalt des Verbs kelti verweist auf die Erdanziehung, also die Gravitation. Die Erfahrung der Gravitation ruft einen räumlichen Bezugsrahmen (AF) bestimmter Struktur hervor und beschränkt die Art der Kraftdynamik. Ein wesentliches Merkmal ist die Aufteilung des isotropen dreidimensionalen Raums in eine zweidimensionale Oberfläche, die isotrop bleibt, und eine eindimensionale vertikale Richtung. Gegenstände haben Gewicht, und wir heben sie vertikal nach oben; doch das Gewicht der Gegenstände ist auf der Erdoberfläche überall gleich. Aufgabe des zweiten Kapitels ist es zu zeigen, dass die Bedeutungen der Wörter des Wurzelpaars ŠP K/L gemäß einem AFK-L vokalisiert werden, in dem die zweidimensionale Oberfläche unbegrenzt ist, und gemäß einem AFL-K, in dem die zweidimensionale Oberfläche begrenzt und geschlossen ist. Alle unsere Beobachtungen, wie oben erwähnt, werden durch die Prinzipien des linguistischen Systems eingeschränkt (wir wählen nur Wörter baltischen Ursprungs aus und schließen Lautmalereien und Lehnwörter aus), aber nicht von ihnen determiniert. Anders gesagt: Die Untersuchung widerspricht den bekannten linguistischen Tatsachen nicht,

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sondern sie ergänzen sie. Woher stammt diese zusätzliche Information? Die Lexikologie grenzt ihren Untersuchungsgegenstand von der Grammatik ab. Sie untersucht nur Nomina und deren Bedeutungsgehalt, invariant hinsichtlich der Flexion. ELD-Strukturen äußern sich jedoch meist in grammatischen Informationen. Hierarchische Systeme, die Raumkonzepte generieren, werden anhand von Präpositionen verschiedener Sprachen veranschaulicht. Talmy begründet seine Klassifikation der Formen der Kraftdynamik in erster Linie mit syntaktischen Strukturen. Auch das grammatische System des Litauischen verfügt über entsprechende Ausdrucksmittel, die mehr oder weniger systematisiert sind. In unserer Untersuchung ist die Verteilung der Bedeutungsinhalte phonologisch ähnlicher Wurzeln (einschließlich der Polysemie) die Informationsquelle. Anders gesagt: Wir suchen in der Lexik der Wörter nach ELD-Informationen, die gewöhnlich in grammatischen Ausdrucksformen liegen. Grammatische Information entsteht üblicherweise durch die Kombination von Bedeutungsmorphemen. In unserem Fall liegt die ELD-Information in der Wurzel selbst. Das Wort namas wird in Morpheme zerlegt – die Wurzel nam- und die Endung -as. Die kompositionell durch das Morphem vermittelte Information nam- (der Begriff des Hauses) und -as (der Nominativ) wird zu der durch das Wort namas vermittelten Information zusammengeführt. Diese Sichtweise ist für strukturalistische oder generative linguistische Traditionen charakteristisch. Heute reicht sie nicht mehr aus. Das bedeutet nicht, dass diese Sichtweise falsch ist, sondern dass sie begrenzt ist. Sie deckt nur einen Aspekt des Phänomens auf. Die kognitive Linguistik betrachtet die Dinge anders. Erstens sind, obwohl lexikalische Information (die durch die Wurzel vermittelt wird) und grammatische Information (die durch die Endung vermittelt wird) grundsätzlich unterschiedlicher Art sind, beide bedeutungsvoll (Talmy 2000: 21; Langacker 2008: 18). Grammatik besteht nicht aus Regeln, sondern hat semantischen Gehalt. Die Wurzel (nam-) eröffnet über einen Frame, auf den der jeweilige Kontext verweist, den Zugang zum enzyklopädischen Gedächtnis. Die Endung (-as) eröffnet den Zugang zum grammatischen Paradigma: zum Netzwerk der Flexions- oder Wortbildungsformen, in dem nam- ein phonologisches Invariant ist. Eine Wurzel hat keine Bedeutung. Nur Wörter haben Bedeutungen. Jede Wortbedeutung ist ein Gebrauchsinvariant. So ist das LKŽ aufgebaut. Jeder Lexemartikel enthält ein Lemma (das ein Flexionsparadigma repräsentiert), dessen Beschreibung (das semantische Gebrauchsinvariant) und Gebrauchsbeispiele. SEJL bietet eine Abfolge phonologischer Transformationen von der rekonstruierten indoeuropäischen oder baltischen Wurzel bis zur Wortwurzel. Genau genommen hat nur das Lexem eine Bedeutung (die durch die im LKŽ gegebene Beschreibung erfasst wird), während den semantischen Gehalt eines Wortes (abgesehen von recht seltenen und uninteressanten Ausnahmen) die Gesamtheit der ihm zugehörigen Lexeme ausmacht. Diese Gesamtheit ist nicht bloß eine nummerierte Liste von Lexemen, sondern umfasst die semantische Motivation der Beziehungen zwischen den Inhalten (Beschreibungen) der Lexeme. Die Wortbedeutung, die als Hauptbedeutung angegeben wird, repräsentiert somit lediglich das gesamte motivierte System der Wortbedeutungen. Der semantische Gehalt eines etymologischen Nestes umfasst das motivierte System sämtlicher Bedeutungen aller verwandten Wörter. Die Auswahl der Hauptbedeutung eines Wortes wirft für Lexikographen zahlreiche synchrone und diachrone Probleme auf (Jakaitienė 2005: 2010). Umso mehr gilt dies für die einer rekonstruierten Wurzel zugewiesene „Hauptbedeutung“, die den semantischen Gesamtgehalt des Nestes nur selten angemessen repräsentiert.

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Struktur. Besonders deutlich wird dies, wenn wir nur den semantischen Gehalt des etymologischen Nestes litauischer (oder baltischer) Wörter betrachten, während die „Hauptbedeutung“ der Autorität der klassischen Sprachen geschuldet ist19. Der reiche semantische Gehalt des litauischen Nestes, der im LKŽ wie auf dem Präsentierteller vorliegt, wird schlicht ignoriert. Es bildet sich die schlechte Gewohnheit heraus, die Wurzel (eines Wortes oder eine in der Ursprache rekonstruierte Wurzel) als bedeutungstragend zu betrachten und mit dieser Bedeutung häufig zu manipulieren. Diese Auffassung von Semantik muss geändert werden. Präziseres Denken (im Sinne der Semantik als Wissenschaft) muss den semantischen Gehalt der Abfolge {Lexem < Wort < Wurzel < rekonstruierte Wurzel} als eine schrittweise Offenlegung beider betrachten. Das Lexem bringt das Streben nach Eindeutigkeit in der bewussten Sprache zum Ausdruck. Die rekonstruierte Wurzel weist die größte Mehrdeutigkeit auf. Aus einer solchen Perspektive können wir von der Bedeutungsrelevanz eines Konsonantenpaares sprechen. Dabei handelt es sich erst recht nicht um eine Bedeutung, sondern um die motivierte Gesamtheit aller Wörter und aller Bedeutungen. Die phonosemantische Sage ist die Bedeutung des ŠP – sein motivierter semantischer Gehalt. Die Abfolge lässt sich fortsetzen: {Lexem < Wort < Wurzel < rekonstruierte Wurzel < phonosemantische Sage}.

Auf die Verbindung zwischen ŠP und ELD-Strukturen weisen auch die von Patackas erwähnten Symmetrie- und sogenannten nokti / nykti-Gesetze sowie Slavenas’ Wurzelnetz hin. Diese Erkenntnisse der Vorläufer fanden in der Sprachwissenschaft keine Anerkennung, weil, wie bereits erwähnt, phonologische Beziehungen extrasystemisch und semantische Beziehungen extralinguistisch sind. Dennoch lässt sich für sie beispielsweise in Ray Jackendoffs paralleler Architektur ein Platz finden (Jackendoff 2003).

Die generative Struktur von Morphologie und Syntax, die auf dem phonologischen System beruht, bildet das grundlegende Prinzip zur Systematisierung sprachlicher Fakten. Ein autonomes Wissenssystem zur Beschreibung der Sprache, dessen Grundlagen Ferdinand de Saussure legte und dem die von Noam Chomsky angeführte Generation der Generativisten formale Strenge verlieh, begründete das Streben nach Linguistik als exakter Wissenschaft und schuf die Illusion einer vollständigen Formalisierung der Sprache. Die Bemühungen der generativen Linguistik, Sprache zu formalisieren, wurden vor dem Hintergrund der Suche nach künstlicher Intelligenz als kognitive Revolution bezeichnet. Die Strömung der kognitiven Linguistik entstand als Reaktion auf den unfruchtbar gewordenen Formalismus generativer Methoden. Jackendoff nahm eine Zwischenposition ein, gewissermaßen die eines Vermittlers, und schlug eine parallele Architektur vor. Dabei stellte er fest, dass es in der Sprache nicht nur ein einziges eigenständiges generatives System gibt. Die Perspektive der parallelen Architektur fordert dazu auf, nach der Beschreibung einzelner generativer Strukturen ihre wechselseitigen Beziehungen zu untersuchen. Die grundlegenden generativen Strukturen sind die phonologische, die syntaktische (einschließlich der Morphologie) und die semantische. Darüber hinaus erwähnt Jackendoff auch eine Raumstruktur (siehe Abb. 9). Der Autor selbst räumt ein, dass die Raumstruktur auch die Wahrnehmung von Zeit und Formen der Kraftdynamik umfasst (Jackendoff 2003). Räume,

19 Pgl. MA 2006: 396, 404, kur prokalbės šaknys *h₁enek- ir *bher- indoeuropiečių kalbų spektre apima reikšmes ‘imti’, ‘nešti’ ir ‘duoti’ plačiame freime, bet „pagrindinė reikšmė“ parenkama pagal „autoriteta“.

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ABB. 9. Parallele Architektur nach Jackendoff

phonosemantisch

ABB. 10. Die phonosemantische Sage in der parallelen Architektur

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Die Wahrnehmung des Zusammenspiels (der Dynamik) von Zeit und Kräften sowie dessen sprachlicher Ausdruck werden in den letzten Jahrzehnten immer intensiver untersucht. Jackendoff schlägt in seiner Parallelarchitektur vor, phonologische, syntaktische und semantische generative Strukturen zu beschreiben und ihre Zusammenhänge zu erforschen.

Für die räumliche Struktur sieht er nur eine Verbindung zur konzeptuellen Struktur vor. Diese bezeichnet die Verteilung des Inhalts von Begriffen über verschiedene menschliche Sinne (Modalitäten). Verbindungen der ELD-Strukturen mit der Syntax oder Phonologie sieht er nicht vor. Die unmittelbare Verbindung der ELD mit der phonologischen Struktur der Sprache bildet gerade jenes Gebiet, auf dem die erwähnten unberührten Brachfelder der litauischen Sprachwissenschaft liegen. Unser Ansatz schlägt einen unmittelbaren Ausdruck der ELD-Strukturen in der Phonologie vor. Anders gesagt postuliert dieser Ansatz, dass die Verbindung der konzeptuellen Struktur mit dem phonologischen Ausdruck nicht nur von einer Verbindung über die Syntax (einschließlich der Morphologie), sondern auch von einer Verbindung über ELD begleitet wird. Wenn wir uns an die von Anhängern der kognitiven Linguistik stets betonte Sinnhaftigkeit der Grammatik (einschließlich der Syntax) sowie an die im grammatischen Inhalt vorherrschenden ELD-Informationen erinnern, können wir Jackendoffs Dreieck der Parallelarchitektur zu einem Tetraeder erweitern (siehe Abb. 10).

2. DIE SAGE VON WEG UND ZEIT

2.1. Wahrnehmung und sprachlicher Ausdruck von Raum, Zeit und Dynamik

„Das ursprüngliche Bild des Raumes ist also eine apriorische Anschauung und kein Begriff“

Imanuelis Kantas (Kantas 1982: 77)

Fragen wir, was in Abbildung 11 dargestellt ist – eine Blume in der Hand oder auf der Hand? Offensichtlich hängt die Wahl des Lokativs oder der Präposition ant davon ab, wie wir beim Betrachten des Bildes den Raum aufteilen: ob die Hand als Behälter (geschlossene Oberfläche) oder als Stütze (offene Oberfläche) wahrgenommen wird.

Diese Situation hat in jüngster Zeit nicht ohne Grund besondere Aufmerksamkeit erregt20. In ihr kreuzen sich der Ausdruck der Kraftdynamik und die Wahrnehmung des Raumes. Sowohl der Gebrauch der englischen Präpositionen on / in als auch die Präpositionssysteme verschiedener Sprachen wurden eingehend untersucht. In der Sprachforschung wird der Kontext, in Bezug auf den von lokalisierten Gegenständen gesprochen wird, Bezugsrahmen genannt. Die Psychologie untersucht, wie sinnlich wahrgenommen wird

20 Siehe Evans, Chilton 2010 und die zahlreichen dortigen Verweise.

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11 ABB. Eine Blume in der Hand oder auf der Hand?

Das Bild wird innerhalb des einen oder anderen Bezugsrahmens interpretiert. Aus semantischer Sicht treffen hier die onomasiologische Perspektive (wie ein und dasselbe Erlebnis unterschiedlich benannt werden kann) und die semasiologische Untersuchung (auf welche Situationen die eine oder andere polyseme Präposition angewendet wird) aufeinander. Beide Perspektiven werden sichtbar, wenn man den dreidimensionalen Raum mithilfe einer zweidimensionalen Fläche unterteilt.

Der Raum ist dreidimensional und isotrop. Etwas im Raum können wir nur im Verhältnis zu etwas anderem platzieren. In der Mathematik und den exakten Wissenschaften, die sie verwenden, werden Gegenstände in Bezug auf ein Koordinatensystem angeordnet. Sprachen haben eigene Möglichkeiten, die Beziehungen des kartesischen Koordinatensystems auszudrücken: oben / unten; vorn / hinten; links / rechts (Landau, Jackendoff 1993). Räumliche Beziehungen werden sowohl durch lexikalische als auch durch grammatische Mittel ausgedrückt. Bezugsrahmen können unterschiedlich sein, und Sprachen nutzen sie auf ihre jeweilige Weise.

Bereits in den 1970er-Jahren legte Herbert Clark eine Analyse vor, die eine Perspektive eröffnet, welche unmittelbar danach fragt, wie wir Raum wahrnehmen (Clark 1973). Ich werde diese Perspektive kurz überblicken. Ein Kind kommt in eine Welt, in der es aufrecht auf ebener Erde geht und überall die Wirkung der Schwerkraft spürt. Dies formt die Struktur seiner Raumwahrnehmung, die der Autor als perzeptuellen Raum – P-Raum – bezeichnet. Wenn das Kind zu sprechen beginnt, verwendet es für diese Erfahrung räumliche Sprachbegriffe, die ein System bilden, das der Autor L-Raum (Sprachraum) nennt. Clark untersucht zwei Hypothesen: die Korrelationshypothese und die Komplexitätshypothese. Die Korrelationshypothese besagt, dass der L-Raum in seiner Struktur dem P-Raum entsprechen muss. Die Komplexitätshypothese behauptet, dass das Kind sich zunächst einfachere und erst danach komplexere Begriffe aneignet (siehe Clark 1973: 28).

Seit dem erwähnten Artikel von Clark sind zweifellos mehrere Jahrzehnte interdisziplinärer Forschung vergangen. Ich habe diesen Artikel erwähnt, weil die darin formulierten zwei Hypothesen den allgemeinen Kontext dieses Kapitels beschreiben. Die Literatur zur Raumwahrnehmung und ihrem sprachlichen Ausdruck ist kaum zu überblicken. Einen allgemeinen Überblick und eine Analyse legte vor zwei Jahrzehnten Stephen C. Levinson vor (Levinson 1996); eine Sammlung späterer Arbeiten wurde von Evans und Chilton herausgegeben (Evans, Chilton 2010). Dort finden sich

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12 ABB. Unterteilung des dreidimensionalen Raums durch eine unbegrenzte Ebene oder eine begrenzte Fläche

auch zahlreiche Hinweise zu einschlägigen Themen. Ergänzend sei der Überblick über die Wahrnehmung von Raum, Zeit und Zahlen im Gehirn genannt (Dehaene, Brannon 2011) sowie Chiltons kürzlich erschienene Monografie (Chilton 2014).

Das kartesische Koordinatensystem führt für jede Dimension des dreidimensionalen Raums eine Achse ein. Uns interessiert der allererste Schritt, durch den die Isotropie des Raums verringert wird. Wir untersuchen den Ausgangsschritt, bei dem die drei Dimensionen in eine zweidimensionale Fläche und eine eindimensionale Linie unterteilt werden. Die zweidimensionale Fläche bleibt bei dieser anfänglichen Unterteilung isotrop. Es gibt zwei grundlegende und einfachste Möglichkeiten – eine unendliche Ebene oder eine geschlossene Fläche. Unterteilt man den dreidimensionalen Raum durch eine Ebene, ist die verbleibende Dimension die vertikale Richtung, die die Fläche schneidet. Die Ebene bleibt isotrop. Im Fall einer geschlossenen Kugel ist die verbleibende Dimension der vom Zentrum ausgehende Radius. Auch die Kugel bleibt isotrop (siehe Abb. 12).

In der Struktur litauischer Wurzeln entspricht dies der Abbildung der Inversion K/L >< L/K auf die Bezugsrahmen AFK-L und AFL-K. Strukturen der Raumwahrnehmung werden meist auf der Ebene der Syntax untersucht. Dabei werden die Präpositionssysteme verschiedener Sprachen analysiert. Bisher ist es mir nicht gelungen, Untersuchungen dazu zu finden, wie sich die anfängliche Unterteilung des Raums in der Sprache manifestiert. In jedem Fall können wir einem Bezugsrahmen die eine oder andere Art der Unterteilung zuordnen. Diese Unterteilung steht in engem Zusammenhang mit der Einteilung der Bezugsrahmen in egozentrische und allozen-trische, deckt sich jedoch nicht mit ihr. Für die Untersuchung litauischer Wurzeln werden wir diese anfängliche Verringerung der Isotropie des Raums zugrunde legen.

Die Unterteilung des Raums wirkt mit der Wahrnehmung von Zeit und Kraftdynamik zusammen. Im Bezugsrahmen AFK-L wird Zeit als eindimensionale oder anderweitige Bewegung im Raum wahrgenommen. Im Bezugsrahmen AFL-K hingegen besitzt Zeit eine eigene, einzigartige Natur, die sich nicht auf eine räumliche Form zurückführen lässt; das

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gražiai parodo lietuviški veiksmažodžiai laukti ir likti (plg. Galton 2011). Toks erdvės padalijimas glaudžiai susietas su dvejopų jėgų santykiu. Jei perkeliant vieną daiktą judesys perduodamas kitam, tai gali vykti dviem būdais: judesį valdantis daiktas kito atžvilgiu yra atrama arba talpykla. Tai aišku iš mūsų pradinio pavyzdžio. Bet, pereidami nuo sintaksės lygmens prie šaknies sandaros, lietuviškų šaknų semantikoje atveriame gilesnę erdvės, laiko ir jėgų dinamikos santykį. Neurofiziologiniai erdvės suvokimo tyrimai parodė, kad smegenys taip pat linkusios trimatę erdvę dalyti į paviršių ir vertikalią kryptį.21

Das Gesagte lässt sich in einer Tabelle zusammenfassen:

AFK-L

AFL-K

offen

geschlossen

Weg

Zeit

Raum

Ebene + Vertikale

Kugel + Radius + Punkt

Zeit

Trajektorie im Raum

Dauer an einem Punkt

Kraft

über die Oberfläche verteilt, in einer Linie wirkend

in einem Punkt konzentriert

2.2. Kraftdynamik in der Polysemie der Verben kelti und laikyti

Pasigilinkime į jėgos dinamiką pagal Leonardo Talmy (Talmy 2000: 409; De Mulder 2007). Kadangi šis, kognityvinėje lingvistikoje jau senokai tapęs klasika, metodas lietuviškuose semantikos tyrimuose dar labai retai sutinkamas, išdėstysiu jo esmę smulkiau. Jėgos dinamika nusako santykį tarp dviejų sąveikaujančių jėgų: agonisto ir antagonisto. Agonistas tai tas objektas, į kurį nukreiptas sakinio dėmesys ir kuris arba pasižymi polinkiu išlaikyti esamą stacionarią būseną, arba pats turi potenciją judėti ar kitaip veikti. Antagonistas veikia priešingai agonistui. Susidaro keturios situacijos. Dvi situacijos yra, kai antagonistas nugali agonistą:

JDa – der Agonist strebt danach, einen stationären Zustand aufrechtzuerhalten, aber der Antagonist bringt ihn in Bewegung;

JDd – der Agonist hat die Potenz, sich zu bewegen, aber der Antagonist hält ihn zurück.

Die beiden anderen Situationen sind analog, nur gelingt es dem Antagonisten nicht, den Agonisten zu überwinden, und dieser behält seinen stationären Zustand oder seine Bewegung bei. Sie sind entsprechend mit JDb und JDc bezeichnet. Talmy (2000: 412) untersucht in seiner Monografie vor allem die Kraftdynamik, die sich in der Syntax des Satzes manifestiert. Wenn ein Ball (Basketball, Fußball oder Golfball) liegt

21 Žr. trimatės erdvės neurofiziologinių tyrimų apžvalgą (Jeffery et al. 2012).

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auf dem Boden, bleibt er dort, sofern ihn niemand tritt, aufhebt oder anderweitig in Bewegung versetzt. Nehmen wir an, es weht ein ausreichend starker Wind, der den Ball in Bewegung versetzt. Dann beschreibt folgender Satz die Situation JDa: Bei starkem Wind rollt der Ball über das Spielfeld. Wenn wir den Ball auf einen Hang legen, wird er dazu tendieren, hinunterzurollen, sofern ihn niemand festhält: Der Ball rollt nicht den Hang hinunter, weil ihn dichtes Gras festhält. Hier liegt der Fall JDd vor. In beiden Fällen ist der Ball der Agonist, auf den die Aussage gerichtet ist. Der Wind und das dichte Gras sind Antagonisten, die in die Situation eingreifen und den Zustand des Agonisten verändern (oder zu verändern versuchen). Talmy betrachtet diese beiden Schemata als grundlegend, da sie Handlung und deren Ursache in die Sprache einbringen. Er symbolisiert sie mit den Konjunktionen weil / da: Der Ball rollt, weil / da ein starker Wind weht; Der Ball rollt nicht, weil / da ihn dichtes Gras festhält. Die beiden anderen Situationen beschreiben die erfolglose Einwirkung des Antagonisten; Talmy symbolisiert sie mit dem Wort trotz: Der Ball liegt unbewegt da, trotz des starken Windes; Der Ball rollt trotz des dichten Grases.

Uns interessieren jene Fälle, in denen die Kraftdynamik in der Verbalwurzel selbst liegt. Mit anderen Worten: Wir untersuchen den ELD-Gehalt der Verbbedeutung. Bei der Betrachtung litauischer lexikalischer Beispiele können wir sie in der in Abbildung 13 dargestellten Form veranschaulichen. Hier vergleichen wir die Grundbedeutungen von kelti und laikyti sowie ihre Verneinungen:

kelti I.1. ‚etwas Schweres nach oben heben‘ Heb den Ballen. Kannst du ihn vom Boden hochheben?

kelti I.10. ‚pflügen, umackern‘ Ach, Kater, Kätzchen, warum hast du die Brachfelder nicht gepflügt, warum hast du keinen Flachs gesät?

laikyti 1. ‚halten, damit etwas nicht herunterfällt oder sich losreißt‘ Das Mädchen steht an seiner Seite und hält in der Hand ein seidenes Tuch; Gut hast du getan, Schwesterchen, dass du die Pferdchen nicht festgehalten hast.

In dieser Abbildung bezeichnet der Kreis den Agonisten und der Halbmond den Antagonisten. Der Pfeil oder der Punkt in der Mitte des Kreises zeigt die Tendenz des Agonisten an (sich zu bewegen oder stillzustehen), während das Pluszeichen im Halbmond oder im Kreis anzeigt, wer gewinnt – der Antagonist oder der Agonist. Die gestrichelte Linie unten veranschaulicht das Endergebnis: Bewegung oder Stillstand. In den Sätzen aus dem LKŽ ist das Verb, das die JD ausdrückt, fett gedruckt, der Agonist unterstrichen.

JDa und JDd legen den ELD-Gehalt der Semantik der Grundbedeutungen kelti I.1. ‚etwas Schweres nach oben heben‘ und laikyti 1. ‚halten, damit etwas nicht herunterfällt oder sich losreißt‘ offen. Wie bereits erwähnt, handelt es sich um zwei grundlegende Schemata, da sie auf mögliche Veränderungen der Situation verweisen: Der Antagonist gewinnt und bringt den Agonisten in Bewegung (JDa) oder hält ihn an (JDd). In beiden Fällen ist der Halbmond des Antagonisten mit einem Pluszeichen markiert. Es überrascht nicht, dass diese Schemata die Bedeutungen der Grundbedeutungen ausdrücken (kelti I.1 und laikyti 1). Die beiden anderen Schemata verweisen auf Fälle, in denen der Agonist gewinnt und die Situation unverändert bleibt. Die Schemata JDb und JDc können wir durch Anwendung einer logischen Transformation – der Verneinung. – aus den Schemata JDa und JDd ableiten. Betrachtet man die Schemata JDa und JDb, so sieht man, dass sie sich nur dadurch unterscheiden, dass das Pluszeichen vom Halbmond (dem Antagonisten) in den Kreis (den Agonisten) verlagert wird. Darin besteht die Semantik der Verneinung: Die Bemühungen des Antagonisten werden zunichtegemacht, und der Agonist gewinnt (behält seine Tendenz bei): hob den Ballen nicht hoch (pflügte die Brachfelder nicht). Analog dazu, indem wir das Pluszeichen verschieben

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ABB. 13. Kraftdynamik mit Negation

Mit dem Plus wechseln wir von JDd zu JDc (hielt nicht, hielt nicht stand, hielt die Braunen nicht zurück (Seidenhalstücher)).

Talmy’s Schema legt vier mögliche Beziehungen zwischen Agonist und Antagonist offen. Uns interessiert sein Zusammenhang mit der Raumwahrnehmung. Ich werde zeigen, dass nach einer vertikalen Teilung des Viererschemas JDa und JDc auf der linken Seite im Frame AFK-L wahrgenommen werden, während JDb und JDd auf der rechten Seite entsprechend im Frame AFL-K verbleiben (siehe Abb. 14).

Um die Raumwahrnehmung deutlicher hervortreten zu lassen, ersetzte ich die Sätze mit Negation in JDb und JDc durch Verwendungen der intransitiven Verben steigen und bleiben. Betrachten wir die intransitive Verbform steigen. Sie bezeichnet den Zustand eines Gegenstands. Wenn wir einen Gegenstand heben, steigt er. Die Beispiele im LKŽ und die Beschreibung selbst zeigen jedoch etwas anderes:

steigen 1. ’sich nach oben bewegen’ Über den Ulmen steigt der Mond auf.

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ABB. 14. Kraftdynamik und Raumaufteilung

Der Mond steigt nicht auf, weil ihn jemand hebt. Weder ausgehend von der alltäglichen Weltanschauung noch mit astronomischem Wissen können wir eine Kraft benennen, die ihn gemäß dem Schema JDa hebt. Auch der Mond selbst erhebt sich nicht. Der Mond steigt einfach auf. Der Satz drückt die beobachtbare Bewegung des Mondes relativ zum Ulmenbaum aus. Mit anderen Worten: Die Kraftdynamik ist im Satz nicht mehr vorhanden. Dennoch lässt das Wortpaar heben / steigen keine vollständige Abwesenheit zu. Die Kraftdynamik ist nicht verschwunden, sondern an den Rand der Wahrnehmung – in den Hintergrund – gedrängt. Im Vordergrund steht die reine räumliche Bewegung. Das wesentliche semantische Unterscheidungsmerkmal von heben / steigen ist die Verlagerung der JD aus dem Vordergrund (Profil) in den Hintergrund, während das Profil

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dem Raum-Zeitlichen überlassen bleibt. Daher können wir diesen Satz noch bedingt dem Schema JDc zuordnen. Vergleichen wir diese Situation mit den Schemata der Grundbedeutungen heben (JDa) und halten (JDd). Der Mond steigt nicht auf, weil ihn jemand hebt, sondern er steigt auf (gemäß Talmys ursprünglicher Interpretation) trotz der Schwerkraft. So lauten alle direkten (ohne metaphorische Übertragung) Phänomene bezeichnenden Sätze im LKŽ:

Riesige Staubwolken stiegen himmelwärts.

Im Frühling steigt warmer Nebel aus deinen Wiesen auf.

Der Halbmond auf der Antagonistenseite, der im Schema sein Plus verloren hat, ist einerseits aus JDd hervorgegangen (die Schwerkraft vermag den im Sichtfeld aufsteigenden Mond nicht zurückzuhalten). Andererseits spiegelt er eine der beiden in JDa interagierenden Kräfte wider (die Schwerkraft ist keine Kraft, die hebt, sondern eine Kraft, die das Heben behindert). Die überlegene Kraft des Antagonisten wirkt, wie wir gesehen haben, überhaupt nicht mehr mit; im Schema JDc des Unterlegenen ist die Kraft des Antagonisten die Schwerkraft, die im Schema JDa durch die Hebekraft überwunden wird. Die Semantik des Verbs steigen bezeichnet also eine vertikale Bewegung vor dem Hintergrund der Schwerkraft. Dies ist der durch das Verb heben hervorgerufene Referenzframe AFK-L. Es ist anzumerken, dass der Ersatz des Verbs steigen durch die reflexive Form sich erheben in manchen Fällen passt, aber die Bedeutung verändert. Das reflexive Verb bleibt im Schema JDa, wobei Agonist und Antagonist gleichgesetzt werden. Andere Sprachen verwenden anstelle des litauischen steigen (oder entsprechender Verben) meist gerade reflexive Formen. Im Litauischen zerstört eine solche Ersetzung, wenn sie keine kognitive Struktur ausdrückt, das tiefgreifende Gefüge unserer Sprache. Analog lässt sich auch halten / bleiben erörtern. Wichtig ist uns, dass steigen und bleiben nach dem Zurücktreten der JD in den Hintergrund in unterschiedlichen Referenzframes stehen. Das Verb steigen überführt die Bewegung in den Ausdruck eindimensionaler Bewegung, die das Substantiv Weg treffend symbolisiert. Der Frame AFL-K schließt nach dem Entfernen der Kräfte in einem inneren, abgeschlossenen Raum ohne räumliche Bewegung ein. Übrig bleibt nur die Zeit.

Ein Beispiel aus der Poesie zeigt anschaulich, dass das Verb steigen in seiner Bedeutung JD als Hintergrund hat. Im LKŽ finden sich zwei Sätze, die das Lexem aufsteigen 2 ’sich nach oben erheben’ veranschaulichen:

Bunte Falken stiegen zum Himmel auf V.Myk-Put.

Ein Schwarm Vögel erhob sich Kl121.

In der Poesie können bunte Falken nicht wie Nebel oder einfach ein Vogelschwarm aufsteigen. Daher offenbaren die folgenden Zeilen aus Vinco Mykolaitis-Putinas Gedicht „Bunte Falken“ die in den Hintergrund gedrängte JD:

Spät, dem verlöschenden Glühen folgend

Bunte Falken erhoben sich in den Himmel.

Sie verachteten die trügerischen Träume der Erde,

spannten in den Lüften ihre Flügel aus.

Es wird deutlich, dass sich die bunten Falken nicht einfach erheben, sondern die Verbindung zur Erde abbrachen, die sie hielt, indem sie sie mit trügerischen Träumen lockte, während ihre ausgebreiteten Flügel sie emporheben.

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ABB. 15. Das Verb pakelti in verschiedenen Bezugssystemen

Die Behauptung, dass wir beim Übergang vom Verb kelti zum Verb laikyti und umgekehrt ihre räumliche Bedeutung erfassen, indem wir ein Bezugssystem durch ein anderes ersetzen, bedarf einer genaueren Analyse. Deshalb werden wir in der Polysemie der Verben kelti und laikyti den Schnittpunkt der Wahrnehmung ausfindig machen (semasiologische Perspektive), an dem beide Verben als Synonyme auftreten, und zeigen, dass sich die Wahrnehmung ihrer übereinstimmenden Bedeutungen lediglich hinsichtlich des Bezugssystems unterscheidet (onomasiologische Perspektive). Was das verbreitete Sprichwort Daug rankų didžią naštą pakelia bedeutet, muss man höchstens Grundschulkindern erklären. Die Verfasser der Wörterbücher verstehen es jedoch unterschiedlich. Das LKŽ führt es bei der Bedeutung an

pakėlti I.1. ‚fähig sein, etwas Schweres nach oben zu heben‘.

Die Verfasser des DLKŽ ordnen es dagegen der Bedeutung zu

pakelti 9. ‚fähig sein, etwas zu halten‘.

Letztere Bedeutung entspricht der LKŽ-Bedeutung

pakelti I.2. ‚fähig sein, etwas zu halten, standzuhalten, auszuhalten, zu ertragen; leiden zu können‘.

Die Bedeutungen im LKŽ liegen nebeneinander – unterscheiden sie sich also nur geringfügig? Werfen wir einen Blick auf Abbildung 15.

Auf der linken Seite der Abbildung ist Atlas zu sehen, auf dessen Schultern das Himmelsgewölbe lastet. Wenn wir das Bild betrachten und hören, wie jemand sagt: Atlantas pakėlė naštą, wählen wir die Bedeutung des DLKŽ, denn die Stimmung des Bildes lässt uns an eine statische Variante denken, die durch einen weiteren Satz aus demselben Artikel gestützt wird: Uždėsiu maišą ant pečių, ar pakėlsi? Die dynamische Zeichnung rechts lässt keinen Zweifel daran, dass das Verb pakelia im Sprichwort Daug rankų didžią naštą pakelia gemäß der Hauptbedeutung des Verbs im LKŽ verstanden wird.

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DLKŽ ist ein Wörterbuch der modernen Sprache, und eine solche Bedeutungsverschiebung würde auf eine Veränderung der Interpretation hindeuten. Das Bild rechts ist jedoch noch zeitgemäßer, da es aus Unterrichtsmaterial für Grundschüler stammt22. Kindern fällt es leichter, eine dynamische Interpretation des Sprichworts zu erlernen. So findet sich im Geschichtsübungsheft für Fünftklässler folgende Aufgabe: Auf dem Bild sind Menschen zu sehen, die einen Wald roden; es soll gesagt werden, mit welcher Form der Landwirtschaft dies zusammenhängt und wie das Bild zu unserem Sprichwort passt (Viele Hände heben eine große Last)23. Schüler, die über Wanderfeldbau gelesen haben, werden ihn leicht erkennen und erklären, dass es für einen einzelnen Menschen zu schwierig ist, ein Ackerfeld aus dem Wald zu roden, dass aber alle gemeinsam das Ziel erreichen können. Das Sprichwort stellt die Anstrengungen eines Einzelnen der gemeinsamen Arbeit einer Gruppe von Menschen gegenüber (viele Hände). Das Verb hebt ist in diesem Sprichwort zweitrangig. Viele Hände können auch andere Arbeiten verrichten: einen großen Stein wegrollen, eine hohe Burg bauen oder Bäume im Wald fällen. Die Volksweisheit wählte eine einfache, aber anschauliche Arbeit – eine große Last heben. Das Verb heben brachte seine zweideutige Natur auch in das Sprichwort ein. Die Kontexte, in denen das Sprichwort verwendet werden kann, unterscheiden sich sogar emotional, doch der belehrende Gehalt des Sprichworts bleibt unverändert. Die Bedeutung des Sprichworts ist invariant und unabhängig von der Interpretation der Bedeutung des Verbs hebt. Daher ist die Frage, welches Wörterbuch recht hat, sinnlos, denn beide Interpretationen sind angemessen. Das wird selten bemerkt, weil die Mechanismen, die den Unterschied bewirken, nicht ins Bewusstsein gelangen.

Unser Ziel ist es, mit JD-Schemata den Übergang von den grundlegenden zu den übereinstimmenden Bedeutungen von heben und halten auszudrücken. Um die kognitiven Eigenschaften der Bedeutungen zu beschreiben, müssen wir tief bis zu einer elementaren geistigen Bewegung vordringen. Betrachten wir die Sätze:

Die Kiefern werden den Stürmen standhalten.

Die Wellen tobten, schäumten und wanden sich wie Schlangen, und es schien, als würde das Schiff dem Sturm nicht standhalten.

Welchem JD-Schema entspricht der Inhalt dieser Sätze? Wenn wir uns Talmy’s Beschreibung vergegenwärtigen (Der Ball liegt unbeweglich da, trotz des starken Windes), können wir behaupten, dass es sich um JDb handelt. Die Kiefern (das Schiff) bleiben trotz des Sturms im ursprünglichen Zustand (ungebrochen): Die Kiefern (das Schiff) hielten den Stürmen stand (hoben sie). Erinnern wir uns daran, dass wir das Schema JDb durch die Negation von JDa erhalten haben. Wenn die Handlung des Antagonisten misslingt oder der Antagonist (wie jener Kater) seine Tätigkeit aufgibt, bleibt der Agonist in einem stationären Zustand: Der Kater liegt auf dem Boden, die Brachflächen sind nicht umgepflügt. In diesem Fall gibt es keine Negation, und die Transformation des Schemas ist eine andere. Man könnte die Situation mit einer Negation beschreiben, doch das Verb wäre ein anderes: Die Stürme brachen die Kiefern (das Schiff) nicht. Um die beiden Sätze syntaktisch einander anzunähern, müssen wir Subjekt und Prädikat vertauschen, das heißt ins Passiv wechseln: Die Kiefern

22 Kašubienė 2012: 15 skaidrė.

23 IPU 2014: 7.

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(das Schiff) wurden von den Stürmen nicht gebrochen. Alle Verwendungen dieser Verben vermitteln denselben Inhalt:

standhalten (den Stürmen);

aushalten (die Stürme);

nicht sein (von den Stürmen) gebrochen.

Es gibt einen wesentlichen Unterschied. Die Kiefern oder das Schiff werden vom Agonisten zum Antagonisten. Nicht von den Stürmen gebrochen zu werden oder den Stürmen standzuhalten (sie auszuhalten) unterscheidet sich durch eine Verschiebung des Aufmerksamkeitsfokus. Wir können uns fragen, ob die Kiefern nicht selbst die Ursache des Sturms sind (Stürme verursachen):

Die Kiefern werden Stürme verursachen.

Die Kiefern werden keine Stürme verursachen.

All diese Bedeutungen werden durch ein Schema zusammengefasst, in dem für uns vor allem der Wechsel des Agonisten (unterstrichen) mit dem Antagonisten wichtig ist (siehe Abb. 16). Wenn wir zur Veranschaulichung anstelle der Grundbedeutung eine durch konzeptuelle Metapher entstandene Bedeutung verwenden (heben VII. 2. ’machen, verursachen’), erhalten wir einen Satz über die Kiefern, die von sich aus keine Stürme verursachen, und können ihn mit dem Satz vergleichen, den wir erhalten haben, als wir standhalten werden durch verursachen werden ersetzten:

Die Kiefern werden keine Stürme verursachen.

Die Kiefern werden Stürme verursachen.

Formal betrachtet sind die Sätze die logische Negation voneinander, doch ihre JD-Schemata stimmen überein. Überein stimmt jedoch nur der Schematyp (JDb), während die Anwendung des Schemas unterschiedlich ist: Agonist und Antagonist wechseln ihre Plätze. So wie die Katze keineswegs vorhat, die Brachflächen zu bestellen, und diese daher unverändert bleiben, so haben auch die Kiefern an sich nicht die Macht, Stürme auszulösen; deshalb besteht zwischen den Kiefern und dem Entstehen eines Sturms kein kausaler Zusammenhang. Interpretieren wir denselben Satz mit demselben Verb wird aufrichten / wird nicht aufrichten, weisen aber nicht den Stürmen, sondern den Kiefern die Rolle des Agonisten zu, erhalten wir eine völlig andere Bedeutung, obwohl das Schema gleich bleibt. Das ist nicht nur eine formale Umverteilung, sondern ein psychologischer Vorgang. Die Zuweisung der Rollen von Agonist und Antagonist ist mit der Reihenfolge der Aufmerksamkeitslenkung verknüpft. Der Agonist ist nicht so sehr der Hauptakteur als vielmehr derjenige, auf den die Aufmerksamkeit zuerst gelenkt wird. Der Antagonist wird in eine bereits bekannte Situation eingeführt, und seine Wirkung wird im Verhältnis zum Agonisten bewertet. Im Satz Die Kiefern werden nicht aufrichten Stürme richten wir die Aufmerksamkeit zuerst auf die Stürme und beziehen dann die Kiefern in den Aufmerksamkeitsbereich ein, wobei wir feststellen, dass sie keinen kausalen Zusammenhang mit dem Entstehen der Stürme haben (werden sie nicht aufrichten =werden sie nicht auslösen). Im Satz Die Kiefern werden aufrichten Stürme ist die Verteilung der Aufmerksamkeit umgekehrt. Zuerst wird die Aufmerksamkeit auf die Kiefern gelenkt, danach wird festgestellt, dass die Stürme die Kiefern nicht zu Fall bringen können. Diese Anordnung der Aufmerksamkeit (im Litauischen) hängt nicht von der Wortstellung im Satz ab, sondern spiegelt sich in der Syntax wider. Bei JDa oder JDb mit Negation steht der Antagonist als Subjekt. Durch die Umkehrung der Aufmerksamkeit machen wir das Subjekt zum Agonisten.

Das ist eine Art Passivsituation, obwohl es sich grammatisch nicht um eine Passivform handelt. Dasselbe können wir über das Verb halten sagen. In diesem Fall eignet sich eine Form mit einem anderen Präfix besser: Die Kiefern werden zurückhalten Stürme. Die Negation dieses Satzes ist JDb, aber die positive

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ĮDa

Kiefern werden auslösen Stürme.

ĮDb

Kiefern werden nicht auslösen Stürme.

Kiefern werden aufrichten Stürme.

Kiefern werden standhalten Stürmen.

Kiefern werden nicht zurückhalten Stürme.

ĮDc

ĮDd

Kiefern werden zurückhalten Stürme.

Abb. 16. Kraftdynamik der Verben heben und halten

Der Satz wird in das Schema ĮDd überführt. Diese Art von Alchemie destilliert die gesuchte unbewusste Bewegung des Geistes heraus. Das ist die Rückkehr zur Reihenfolge der Aufmerksamkeitslenkung. Sie verwandelt die Bedeutungen der Hauptbedeutungen (ĮDa und ĮDd) in eine übereinstimmende Bedeutung (ĮDb). Für unsere Untersuchung ist entscheidend, dass sich in den Bedeutungen der Verben heben und halten nur das ELD-Schema verändert, der konzeptuelle Inhalt aber gleich bleibt. Aus semasiologischer Perspektive werden die Hauptbedeutungen durch eine einzige Bewegung des Geistes in eine der peripheren Bedeutungen der Anordnung im LKŽ oder DLKŽ überführt. Ist die empirische Tatsache, dass diese Bedeutungen Synonyme sind, arbiträr? Das ist die zentrale Frage. Die Arbitrarität lässt sich widerlegen, indem man die Motivation aufzeigt. Die semasiologische Perspektive muss zeigen, worin das Motiv für eine solche Bedeutungserweiterung besteht. Aus onomasiologischer Perspektive müssen wir die Frage beantworten, warum dieselbe Sache mit verschiedenen Wörtern benannt wird. In unserem Fall haben wir Synonyme, die durch Erweiterung erhalten wurden

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ABB. 17. Schema der Polysemie des Verbs kelti

Hauptbedeutungen. Die semasiologische Motivation muss die Grundlage für die onomasiologische Motivation bilden.

Woher rührt der Bedarf an dieser peripheren Bedeutung? Betrachten wir zunächst den durch das Verb kelti ausgedrückten Vorgang. Den Gegenstand, den man heben soll, müssen wir vom Boden an einem Ort L1 aufnehmen und ihn gegen die Schwerkraft an einen höher gelegenen Ort L2 heben (siehe Abb. 17). Grammatische Mittel und der Satzkontext können die Bewegung in verschiedenen Phasen ausdrücken. Die Aufmerksamkeit kann auf den Beginn der Bewegung gerichtet sein (pakelti, atkelti – Wirst du ihn vom Boden heben?), auf ihr Ende (užkelti – Heb den Sack auf den Wagen) oder auf den Verlauf der gesamten Trajektorie (perkelti). In jedem Fall wird die beschriebene Bewegung durch zwei stationäre Zustände begrenzt, wie Physiker sagen würden. Die Bewegung kann verlängert werden, indem man die Last in unbegrenzt vielen Wiederholungen noch höher hebt. Die von uns untersuchte periphere Bedeutung entsteht, wenn wir das Verhältnis der Kräfte erfassen wollen, nachdem das Heben in einer Zwischenposition zum Stillstand gekommen ist. Hier begegnen wir der erwähnten Umkehrung der Aufmerksamkeit. Um einen Gegenstand vom Boden zu heben, sind wir in der Rolle des Antagonisten (Heb den Sack. Wirst du ihn vom Boden heben?). Wenn wir die Last angehoben haben, müssen wir sie in den Händen halten, und der schwere Gegenstand wird zum Antagonisten, der unseren Widerstand zu brechen sucht (Ich lege mir den Sack auf die Schultern, wirst du ihn hochheben?). Warum hat das Litauische dasselbe Verb zur Bezeichnung dieser Situationen beibehalten? Warum das so ist, können wir nicht beantworten – dies ist eine interessante Frage für künftige Forschungen. Unsere Untersuchung zeigt lediglich, dass das Litauische diesen zentralen Punkt der Kraftdynamik aufmerksam und präzise erfasst hat, an dem das Zusammenspiel der Kräfte mit wesentlichen Wendepunkten der Raum- und Zeitwahrnehmung zusammenfällt. Um den Zustand JDb am Punkt L2 auszudrücken, wählen wir AF (siehe Abb. 18).

Wenn wir laiko sagen, wählen wir AFL/K, und die Vorstellung im Raum ist statisch, während sich nur die Zeit verändert. Wenn wir kelia sagen, wählen wir AFK/L, und die Vorstellung ist dynamisch und zeichnet den Bewegungsweg im Raum nach. Mit der Wahl von AF legen wir die onomasiologische Idee offen

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ABB. 18. Überlagerung der Polysemieschemata der Verben kelti ir laikyti

(vgl. Abb. 19). Dies ist eine sehr wichtige Information, um die Architektur des generativen Schemas des ELD zu verstehen.

Die Sprache konzeptualisiert grundlegende, sich häufig wiederholende Merkmale der beobachteten Welt. Sie muss jedoch offen bleiben für eine sich wandelnde Welt. Dadurch werden Wortbedeutungen offen für Interpretationen. Betrachten wir die Folklore. Welche Bedeutungen hat das Verb kelti in den folgenden Versen:

Die Erde hob das Gras, Das Pferd hob den Sattel, Das Gras hob den Tau, Der Sattel hob den Reiter, Der Tau hob das Hufeisen, Der Reiter hob das Käppchen, Das Hufeisen das Pferd. Für das alte Mütterchen.

Im LKŽ finden wir die ersten beiden Zeilen dieser Strophen: kelti I.2. „eine Schwere aushalten, tragen (wenn etwas nach unten drückt); auf sich, auf seiner Oberfläche tragen“ Die Erde trägt das Gras, das Gras trägt den Tau J. Jabl (Rm); Die Oberfläche des Tümpels trägt nur einen Menschen (mit Pferden kann man nicht darüberfahren).

Im Wörterbuch wird eine doppelte Beschreibung gegeben. Der erste Teil, „eine Schwere aushalten, tragen (wenn etwas nach unten drückt)“, drückt eindeutig das Kräfteverhältnis JDb aus. Der zweite Satz über die mit Eis zugefrorene Oberfläche eines Tümpels, die einen Menschen trägt

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ABB. 19. Semasiologische und onomasiologische Zweideutigkeit der Verben kelti und laikyti

(hebt), das Pferd jedoch nicht, entspricht dieser Beschreibung vollkommen. Auch alle übrigen im Artikel kelti I.2. aufgeführten Beispiele passen dazu, mit Ausnahme des Fragments aus unserem Vers. Der zweite Teil der Beschreibung, „auf sich, auf seiner Oberfläche tragen“, ist offensichtlich nur für diesen bestimmt, denn für alle anderen Beispiele wäre eine solche Erklärung überflüssig. Der erste Teil der Beschreibung, „ein Gewicht halten, tragen (wenn etwas nach unten drückt)“, passt nicht recht zum ersten Satz. Tatsächlich klänge die Erklärung der Bedeutung des Verbs kelia im Satz Žemė kelia žolę, dass die Erde das Gewicht des Grases aushält, das auf sie nach unten drückt, wenig überzeugend. Auch der Druck des Taus auf das Gras würde merkwürdig wirken. Im Grunde erlaubt es der zweite Teil der Beschreibung, das Verb kelia durch das Verb laiko: Žemė laiko žolę. zu ersetzen. Da wir JDb als unpassend ausgeschlossen haben, was bedingt dann die Synonymie der Verben? Sehen wir uns an, wie der Vers aussieht, wenn wir die Verben überall vertauschen:

Die Erde hielt das Gras, der Sattel hielt den Reiter, das Gras hielt den Tau, der Reiter hielt das Hütchen, der Tau hielt das Hufeisen, für die alte Mütterchen. Das Hufeisen – das Pferd (der Reiter hob das Hütchen, das Pferd hielt den Sattel, für die alte Mütterchen)

Überall außer in der letzten Wendung ist das Verb laikyti korrekt in wörtlicher oder übertragener Bedeutung verwendet. Das Verb laikyti gibt das beschriebene Bild genauer wieder als kelti

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ABB. 20. Kanizsa-Würfel

Das Bild bleibt jedoch statisch. Das Verb laikyti ist gemäß dem Schema]Dd verwendet. Doch die gesamte poetische Wirkung des Liedchens geht verloren, denn das Wort laikė ruft in unserem Bewusstsein einen statischen Frame AFL/K hervor. Die Volksdichtung wählt das Verb kėlė und damit zugleich einen dynamischen Frame AFK/L, und zwar durch ein für das Verb untypisches Schema]Dd („auf sich, auf seiner Oberfläche tragen“). Mehr noch: Das Verb kėlė bringt seine gesamte Polysemie (mit]Da und]Db) in der Gestalt der Zweideutigkeit mit sich (erinnern wir uns an das Sprichwort!): Rasa kėlė pasagėlę – verstehe es, wie du willst, das heißt auf alle Weisen zugleich. Dies ist ein wunderbares Beispiel für Zweideutigkeit in der Volksdichtung, ein wahres, in den Sprachlauten verborgenes Lächeln der Mona Lisa, vergleichbar mit den von Zeki erwähnten Werken Michelangelos oder Vermeers aus der bildenden Kunst (Zeki 2004:).

Kehren wir zum Sprichwort zurück (Viele Hände heben eine große Last). Hören wir das Sprichwort ohne konkreten Kontext, verstehen wir seine Lehre mühelos, ohne uns mit der konkreten Interpretation des Verbs pakelia näher zu befassen. Eine Interpretation wählen wir, wenn wir auf eine konkrete Situation treffen. Je nach Situation ruft das Sprichwort drei wesentlich unterschiedliche Bilder hervor. Dieser Wechsel des inneren Bildes ist vollkommen analog zu bekannten visuellen Illusionen, etwa zum sogenannten Kanizsa-Würfel (oder Necker-Würfel; siehe Abb. 20).

Fragt man, was in der oberen Zeichnung dargestellt ist, erhält man die eindeutige Antwort, dass es ein Würfel ist. Die Wahrnehmung des Bildes in dieser Zeichnung ist analog zum Sprichwort

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ohne eine konkrete Interpretation für das Verständnis der Bedeutung. Wenn wir beginnen, uns näher mit der konkreten Bedeutung des Verbs pakelia zu befassen, geraten wir in eine mehrdeutige Situation, die der in den unteren Zeichnungen mit gestrichelten Linien dargestellten Situation ähnelt. Wenn wir fragen, ob der Würfel auf dem Bild von oben oder von unten betrachtet dargestellt ist, zeigt sich, dass die obere Zeichnung mehrdeutig ist. Diese beiden Interpretationen sind miteinander unvereinbar. Die neurophysiologische Grundlage der Illusion besteht darin, dass die Mechanismen unseres Gehirns keine eindeutigen Kriterien für die Interpretation dieses doppeldeutigen Bildes haben und sich die Wahrnehmung unwillkürlich umkehrt. Es ist zu beachten, dass diese Analyse unbewusst erfolgt. Der Kanizsa-Würfel entspricht der abstrakten lehrhaften Bedeutung des Sprichworts; indem wir die mit Punkten verdeckten Linien markieren, erleichtern wir die eine oder andere Interpretation. Analog dazu bringt die konkrete Bedeutung des Verbs pakelia, ohne die Bedeutung des Sprichworts zu verändern, ein für sie charakteristisches Vorstellungsbild mit sich. Zweifellos sind die Gehirnmechanismen, die für die Wahrnehmung visueller und sprachlicher Vorstellungsbilder verantwortlich sind, analog.

2.3. Die Struktur der ELD-Polysemie des Verbs kelti

LKŽ führt 45 Bedeutungen von kelti, 16 von kilti und 33 von laikyti an. Hinzu kommen noch etwa 300 Bedeutungen mit Präfixen. Die Struktur der ELD ermöglicht es, diese Vielfalt erheblich zu vereinfachen, indem sie die Beziehungen zwischen den Bedeutungen systematisiert. In diesem Abschnitt behandeln wir die Polysemie des Verbs kelti. Als Grundlage nehmen wir die grundlegenden Bedeutungen des imperfektiven Aspekts. Die Semantik der perfektiven Verben (mit Präfixen) bildet im Wesentlichen die Struktur des imperfektiven Aspekts nach. Die Semantik der grundlegenden Bedeutungen des Verbs kilti im Hinblick auf JD wurde in Abschnitt 2.2 behandelt. LKŽ gliedert die Bedeutungen von kelti folgendermaßen:

I. „etwas nehmen, nach oben schieben; etwas an einen höher gelegenen Ort stellen“

II. „erhöhen, vergrößern, verstärken“

III. „bauen“

IV. „wecken, wachrufen, anregen; in Bewegung geraten“

V. „entstehen, sprießen, wachsen; blähen; verbreiten“

VI. „von einem Ort an einen anderen transportieren; auffädeln, machen“

VII. „etwas vorbereiten, organisieren“.

Zunächst ist festzustellen, dass die meisten dieser Bedeutungen (31) konzeptuelle Metaphern sind:

I. 3, 9, 10; II. 2–8; III. 3–6; IV. 1–6; V. 1–9; VII. 1–2.

Eine konzeptuelle Metapher überträgt natürlich die Struktur der ELD auf einen anderen Bereich (siehe Abbildung 4). Die Metapher selbst ist nicht unser Thema. Uns interessiert der reine Ausdruck der ELD-Struktur in der Wurzel. Die entsprechenden Bedeutungen im LKŽ werden anhand des konzeptuellen Teilbereichs klassifiziert, auf den die Metapher abgebildet wird. Genau genommen ist das für ein Wörterbuch ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Für die künftigen Entwickler eines semantischen Netzes der litauischen Sprache (falls die Impulse zur Entwicklung eines solchen Netzes in Litauen bereits

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Es als ernst zu bewerten, ist eine ernsthafte Aufgabe. Untersuchungen zur Struktur und Entwicklung von Metaphern sind äußerst zahlreich (Cuyckens, Geeraerts 2007; Fusaroli, Morgagni 2009). Dass die Quelle von Metaphern unerschöpflich ist, können wir uns vergegenwärtigen, wenn wir uns an die Aufgabe für Fünftklässler aus Abschnitt 2.2 erinnern. Bei der Interpretation des Sprichworts Daug rankų didžią naštą pãkelia müssen die Schüler tatsächlich die Quelle des SZZ (Quelle > Pfad > Ziel)-Schemas als wilden Wald und das Ziel als Ackerland konstruieren und den Pfad mit Beispielen verschiedenster Tätigkeiten aus ihrem eigenen Wissensschatz füllen. Die Struktur des ELD bleibt dem Bewusstsein verborgen. Es handelt sich um das SZZ-Schema der Bedeutung des Verbs pakelia, das Abbildung 21 veranschaulicht. Wenn wir die Disziplinen wechseln und den Bildungsstand der Schüler berücksichtigen, können wir für ein und dasselbe Sprichwort eine unbegrenzte Zahl solcher Aufgaben entwickeln. Im LKŽ finden sich selbstverständlich bereits sogenannte tote Metaphern oder Metaphern mit unterschiedlichem Grad der Konventionalisierung, die oft zu sprachlichen Klischees geworden sind (Lakoff 1987; Lakoff 1993; Allan 2009). Dies ist ein weites Forschungsgebiet, und in diesem Artikel vertiefen wir uns nur dann darin, wenn es für die zentralen formulierten Ziele unbedingt erforderlich ist.

Betrachten wir die übrigen 14 Bedeutungen. Die allererste Bedeutung I.1 ‘was schwer nach oben zu nehmen ist’ haben wir bereits im JD untersucht. Eine unmittelbare Folge des JD für Raum und Zeit ist ein topologisches Ereignis24. Tatsächlich müssen wir, um etwas pakelti zu können, die der Schwerkraft des zu hebenden Gegenstands entgegenwirkende Kraft überwinden. In den Sätzen Kelk pūrą. Ar pakelsi nuo žemės? weisen die Verben sowohl einen durativen als auch einen punktuellen Aspekt auf. In der Aufforderung kelk pūrą gibt es noch keine Information darüber, ob der pūras tatsächlich angehoben werden wird. Der durative Aspekt liefert eine solche Information nicht. Die Aussage kelia pūrą lässt beide logischen Folgen offen, die der punktuelle Aspekt zwingend offenbart: pūrą pakėlė oder pūro nepakėlė. Diese Offenheit ist jedoch nicht symmetrisch, da das Verb kelti eindeutig jene Information voraussetzt, die im punktuellen Aspekt enthalten ist: Das gegenteilige Ergebnis des misslungenen Hebeversuchs erfordert eine Verneinung mit den dazu passenden morphologischen Markierungen (dem Präfix ne-). Zugleich bezeichnet das Verb kelti eindeutig die raumzeitlichen Folgen des JD, die im punktuellen Aspekt aktualisiert werden: Der pakeltas Gegenstand wird von der Oberfläche getrennt, mit der er verbunden war (Ar pakelsi nuo žemės?), und bewegt sich nach oben. Wenn der pūras den Kontakt zum Boden nicht verloren hat, wird keine Beobachterkommission anerkennen, dass er pakeltas wurde, es sei denn, er wurde pajudintas, patrauktas oder paslinktas. Den Inhalt des Verbs kelti im Raum und in der Zeit bestimmen drei Bildschemata: die Vertikale, das SZZ und das JD. Die allgemeinsten Merkmale ihrer Wechselbeziehungen sind in Abbildung 21 dargestellt. Die Lexeme verlagern den Fokus von einem Schema zum anderen. I.1 richtet den Fokus auf den Beginn der Bewegung – das topologische Ereignis (in Abbildung 21 eingekreist; es entspricht dem Schema des Abhebens von einer Oberfläche in Abbildung 7). Dies ist die Quelle des SZZ-Schemas. Gehen wir zum Lexem über:

I.4. ‘etwas an einen höheren oder an einen anderen Ort legen, tragen’ Kelk maišą į ratus.

24 „Topologie“ ist ein mathematischer Begriff, dessen Verwendung in der Linguistik noch nicht hinreichend geklärt ist (Talmy 2000: 25; Petitot, Doursat 1998).

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21 ABB. Schemata der Polysemie des Verbs kelti

Hier steht das Ziel des SZZ-Schemas im Vordergrund. Das SZZ-Schema selbst ist weiterhin mit der Vertikalen verknüpft. Ein weiteres Lexem führt wieder zur Quelle zurück, und das JD nimmt die Gestalt einer (topologischer Natur entsprechenden) Kausalbeziehung an:

I.7. ‘abnehmen’ Kels nu galvelės rūtų vainikelį, maus nu pirštelio sidabro žiedelį.

Das Lexem I.8. ‘aushängen, von den Scharnieren nehmen (Türen, Fenster, Tore...)’ ist lediglich eine Anwendung desselben ELD auf eine konkrete Situation.

Hier lohnt es sich, an Kazimieras Būga zu erinnern, der betonte, dass das litauische Verb kelti im Unterschied zu seinen slawischen Entsprechungen im durativen Aspekt (ohne Präfix) mit den Bedeutungen pakelti und nukelti verwendet werden kann (Būga 1958: 477). Natürlich lenken die Präfixe die Aufmerksamkeit auf die Bestandteile des SZZ-Schemas (Quelle > Pfad > Ziel) und modifizieren dabei die Bedeutung auf ihre übliche Weise. Der durative Aspekt wird aus dem Gebrauch verdrängt. Er besitzt eine gilesnę abeĵą und hat es deshalb schwerer, in oberflächlichen

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in einer mit Details überladenen Sprache. Hier und da ist er noch lebendig. Hier sind noch vier Lexeme:

VI.1. ‘etwas an einen anderen Ort transportieren, wegbringen’ Im Herbst wird man auch die Häuser schon in die Kolchose umsetzen müssen Ktk.

VI.2. ‘jemanden mit dem Boot über das Wasser ans andere Ufer bringen’ Bring mich im Boot über den Fluss J.

VI.3. ‘an einen anderen Ort anbinden (Vieh auf der Weide)’ Der Vater ging, um die Kühe umzubinden Dgl.

VI.4. ‘machen, einsetzen (ein Tor)’ Setz das Tor nicht ganz ein KlvD92.

Alle haben dieselbe ELD-Struktur. Im Vordergrund (Profil) ist fast nur das Schema ŠTT geblieben, ohne JD und Vertikale (die in den Hintergrund gerückt sind). Beim Umweiden hebt niemand die Kühe nach oben. Dies ist eine rein raumzeitliche Struktur topologischer Art. Von der Quellendomäne lösen und mit der Zieldomäne verknüpfen. Man könnte meinen, die Kontexte seien völlig überholt und solche Schemata heute niemandem mehr von Nutzen. Ganz und gar nicht. Die Kontexte ändern sich, die Schemata bleiben. Heute verschieben wir nach einem solchen Schema Dateien von einem intelligenten Gerät auf ein anderes. Das ist keine Metapher. Information hat kein Gewicht. Wie das kleine Kälbchen lösen wir sie von einem Datenträger und binden sie an einen anderen.

Wenn Quelle und Ziel mit zwei gewöhnlichen, aber entgegengesetzten Zuständen des menschlichen Körpers verknüpft werden – liegend und aufrecht –, haben wir nicht nur zwei weitere Lexeme, sondern auch ein ganzes Bündel von Metaphern. Diese beiden Lexeme:

III.1. tr. ‘jemandem beim Aufstehen helfen, bewirken, dass jemand steht, aufrichten’

III.2. intr. ‘aufstehen (nach einem Sturz, vom Sitzen)’

können wir ebenfalls als Metaphern interpretieren, aber das ist schon ein anderes Thema.

Die beiden anderen Lexeme:

I.5. ‘jemandem eine höhere Stellung geben, bewirken, dass jemand aufsteigt’

II.1. ‘etwas höher, erhabener machen’

nehmen eine Zwischenstellung ein. Es sei daran erinnert, dass

I.2. ‘eine Belastung aushalten, standhalten (wenn etwas nach unten drückt)’

I.2. ‘auf sich, auf der eigenen Oberfläche tragen’ Die Erde trägt das Gras, das Gras trägt den Tau

haben wir bereits in Abschnitt 2.2 besprochen. Es ist noch eine reflexive Form übrig:

I.6. refl. „hinaufsteigen, sich nach oben bewegen“ Aus den Wiesen erhob sich Nebel.

Hier müssen wir uns das Verb kilti ins Gedächtnis rufen, dessen JD wir bereits in Abschnitt 2.2 besprochen haben:

kìlti 1. „sich nach oben erheben“ Hinter den Ulmen steigt der Mond auf; Im Frühling steigt warmer Nebel aus deinen Wiesen auf.

Teks dar kartą pažvelgti į Būgos raštus (Būga 1959: 113). Jo žodžiai skamba kiek senoviškai, bet jų prasmė labai šiuolaikiška: „Svetimoji kalbos dvasia dau-gio inteligentų smageninėje nustelbė ne tiktai tą dalyvį, bet ir ištisą savaiminų veiksmažodžių (neutra, media) rūšį. Vietoje sakyti kyla, pakilo; [...] daug kas da-bar ima sakyti ir rašyti keliasi, pasikėlė; [...]“. Be abejo, lema I.6 refl. LKŽ yra visai teisėtai. Galima sakyti abe-jopai:

Aus den Wiesen stieg Nebel auf;

Aus den Wiesen erhob sich Nebel.

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Ihr kognitiver Gehalt unterscheidet sich jedoch. Wie wir in Abschnitt 2.2 gesehen haben, entspricht das Verb kilo dem Schema]Dc, bei dem die Gravitation im Hintergrund bleibt und nur die räumliche Bewegung sichtbar ist (Vertikalschema). Die reflexive Form hingegen kann als eine Art Variante des Schemas]Da interpretiert werden, bei der Agonist und Antagonist zusammenfallen. Vergleichen wir die Sätze:

Ein Wölkchen steigt aus dem Meer auf, das Heu wird mir mager ausfallen.

Ein Wölkchen erhebt sich aus dem Meer, das Heu wird mir mager ausfallen.

Ein Wölkchen erhebt sich aus dem Meer, das Heu wird mir mager ausfallen.

Der erste Satz stammt aus einem Lied und ist beim LKŽ kilti 1 angeführt. Darin begegnet uns die zweite der im LKŽ aufgeführten Präsensformen: kȳla, kilsta, kȳlna. Im zweiten Satz wird zum Vergleich die erste Form verwendet (kȳla), im dritten Satz dagegen die reflexive Form, entsprechend dem Beispiel aus dem Lemma:

kelti 6. refl. „hinaufsteigen, sich nach oben bewegen“ Ein schwarzes Wölkchen zieht herauf, das Heu auf der Wiese wird mir mager ausfallen.

Das Wölkchen mit kȳla ist aufgrund der in Abschnitt 2.2 besprochenen Gründe passiv. Die reflexive Form belebt das Wölkchen und verleiht ihm dadurch Lebendigkeit (die reflexive]D-Form kommt zum Einsatz). Die im LKŽ angeführte Verbform kilsta ist mit diesem Lemma homophon:

kilst Interj. [zur Bezeichnung eines plötzlichen Anhebens]

Was wurde im Lied verwendet: der Lautmaler kilst oder die verkürzte Form kilti 1 kilsta?

Wie dem auch sei: In unseren „Gehirnen“ erklingen sehr feine und tiefgründige Dinge. Ist es nicht an der Zeit, sie in einer wirklich strengen (nicht formalen!) Wissenschaftssprache zu benennen?

2.4. Aufbau der Wurzelbündel K-L und KL-

Ich bin ein Reisender, ein kleiner Reisender, der auf einem Weg gereist ist KlpD20 (LKŽ)

Seide aus Blättern bedeckt die Erde S.Nėr (LKŽ)

Ein Ahornbäumchen wuchs am höchsten, breitete seine Blättchen am weitesten aus (LKŽ)

Betrachten wir die Bedeutungen des Verbs kalti. Wieder haben wir ein Bündel von Metaphern:

1 kalti 4, 5, 8, 11–13. Übrig bleiben folgende Lexeme:

1 kalti 1. tr., intr. ‚mit einem Hammer schlagen, durch Schlagen treiben, einstechen‘

1 kalti 2. tr., intr. ‚schlagen, prügeln, draufhauen‘

1 kalti 6. tr., intr. ‚hauen, hacken‘

1 kalti 7. tr. ‚schärfen, schlagen (Mühlsteine)‘

1 kalti 10. tr., intr. ‚Metall mit einem Hammer bearbeiten‘

1 kalti 14. tr. ‚schlagen, dengeln (eine Sense), schärfen‘

1 kalti 3. tr., intr. ‚klopfen, hämmern, pochen; tropfen‘

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ABB. 22. Schemata der Verben kelti und kalti

Wir sehen einen wesentlichen Unterschied zur Polysemie des Verbs kelti. Alle Bedeutungen weisen dieselbe ELD-Struktur auf, während sich ihre Unterschiede auf der konzeptuellen Ebene zeigen (mit oder ohne Metapher). Für uns ist nur die Beziehung zwischen den ELD-Strukturen der Verben kelti und kalti von Interesse (siehe Abb. 22). Die raumzeitlichen und JD-Eigenschaften des Verbs kalti eignen sich für die Struktur des AFK/L-Frames und füllen sie sogar aus. Nachdem wir der Schwerkraft entgegengewirkt, einen Gegenstand von einem niedrigeren Ort L1 angehoben und an einem höher gelegenen Ort L2 abgelegt haben, stehen uns mehrere Möglichkeiten offen (siehe Abb. 17). In Abschnitt 2.2 haben wir die Schnittstelle zwischen dem statischen Zustand (Zeit) und dem anschließenden Heben (Weg) untersucht (vgl. Abb. 18). Im Zustand L2 kann man den Gegenstand loslassen oder auf den Boden fallen lassen. Wenn wir jedoch den Kontakt mit dem Gegenstand und die Kontrolle über ihn aufrechterhalten, können wir ihn nur auf eine natürliche Weise auf die zweidimensionale Oberfläche zurückbringen, von der er angehoben worden war – indem wir ihn einschlagen.

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L-K(T) lekti

L-(J)K likti, laikyti, laikas

L-(V)K laukas I,II

L-(V)K laukti

L-(N)K lenkti, linkti

LK alkūnė

LK alkti, alka I,II

K-L kelti, kilti

K-L kalti

K-L kalėti

(S)K-LB kalbėti

K-L kelias

K-L kelta

K-L kaulas

K-LP Schlinge

K-L Hals

KL legen

KL auseinanderfallen I,II

KL-JD sich verirren, faseln

KL-V sich an etwas klammern, hindern

KL fragen, zuhören

KL-B kleben

KL-VB knien

KL-N Sturzbach

KL-V Ahorn

KLŠ Kulschė

AFL/K

3D-Raum

AFK/L

ABB. 23. Raumwahrnehmung im Wurzelbündel K/L <> L/K

SEJL sondert das Verb kalėti in ein eigenes etymologisches Nest aus. Betrachtet man dieses Bündel von LKŽ-Lexemen aus extralinguistischer und extrasystemischer Perspektive, sollte es keine Probleme bereiten, sie im Sinne des ELD parallel zu kalti zu interpretieren:

3 kálti, kãli (kãla), kãlė [siehe 1 kalėti 3] Ein großer Baum bedrängt einen kleinen Baum oder beschattet ihn.

1 kalėti, kãli, -ėjo 1. intr. „im Gefängnis sein“

1 kalėti 3. tr. „Pflanzen bedrängen, überwuchern, beschatten“

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1 kalėti 4. intr. „an einem Ort oder unter Druck zugrunde gehen“ Vielleicht werden andere, die die Weiten des Himmels erahnt haben, in der Einsamkeit nicht mehr verkümmern B. Sruog. refl.: Ich bin den ganzen Tag eingeschlossen und langweile mich].

2 kàiti, kãlia, kõlė tr. „etwas auf etwas setzen, verstecken, anlehnen“.

Betrachten wir nun fünf Substantive, die SEJL verschiedenen etymologischen Nestern zuordnet (siehe Abb. 23). Zu ihrer Beschreibung verwende ich den Begriff „Reifizierung“ ungefähr im Sinne Ronald Langackers (Langacker 2008: 95, 107, 119), damit unser Ansatz unabhängig von der Wortbildung bleibt. Zur Verdeutlichung nehmen wir ein Beispiel. Bei der Darstellung der Polysemie des Verbs kelti haben wir das Schema QUELLE > PFAD > ZIEL verwendet. In der erweiterten Form des Schemas fokussiert das Verb kelti den Anfang und das Ende und ignoriert den Verlauf selbst. Das Verb kilti drückt, wie wir gesehen haben, das Schema VERTIKALITÄT aus. Das Substantiv kelias ist also die Vergegenständlichung oder Reifizierung eines Teils des eindimensionalen Frames AFK/L, völlig unabhängig von der Wortbildung oder Etymologie dieses Wortes.

Im Verhältnis zum Verb kelti ist kelias die Reifizierung des mittleren PFAD-Teils des Schemas. Dieses Schema wiederum dient als Prototyp für die konzeptuelle Metapher, die den Gebrauch des Substantivs kelias prägt.

Der grundlegende Gebrauch ist konkret:

1 kelias 1. „ein Erdstreifen, auf dem man geht oder fährt“ Dieser Weg wird jetzt nicht mehr (von Menschen) befahren J.]abl.

In anderen Verwendungen desselben Lexems wird kelias anders verstanden: Dieser Weg führt durch Svieriai. Das ist eine fiktive Bewegung (Talmy 2000: 99). Neben dem Weg, dem Landsträßchen, wuchs eine grüne kleine Eiche. Hier ist der Weg Teil der Landschaft.

1 kelias 3. „eine Linie im Raum (in der Luft, im Wasser), entlang derer Bewegung stattfindet“ Ich werde sie auf den Sternenwegen führen Mair.

Das ist eine konzeptuelle Metapher. Die Definition im LKŽ beschreibt den Prototyp.

Diese Liste ließe sich fortsetzen, doch das Schema wäre überall dasselbe. Dasselbe lässt sich, mit einigen Kommentaren, auch über andere etymologische Nester sagen. Kaulas ist offensichtlich ein eindimensionales Objekt, obwohl sein Gebrauch die mechanischen Eigenschaften eines Knochens nutzt. Kilpa ist eine eindimensionale geschlossene Linie. Den Hals nutzen wir nicht nur, um den Kopf um die vertikale Achse zu neigen, sondern können uns auch in der horizontalen Ebene umsehen. Interessanterweise kommt hier die vergleichende Sprachwissenschaft zu Hilfe: kaklas < *kal-klas (SEJL 2007: 245). Man kann es verschieden deuten, doch gemäß dem Frame AFK/L muss es genau so sein.

Es bleibt das archaische Wort kėlta (in dieser Form in SEJL angegeben). Im LKŽ finden wir:

1 kėlta 1. siehe 1 keltas

1 keltas „eine hölzerne schwimmende Brücke, über die man auf die andere Seite des Flusses gelangt, wenn es keine Brücke gibt; ein Floß“

2 kėlta siehe keltava 1

kėltava 1. siehe keltuva 1

kėltuva „Rind, Vieh“.

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Wie passt dieses Wort zu AFK/L? Mit einer keltuvėlė hatten wir es bereits zu tun:

1 keltuvė „Kuh“.

Erinnern wir uns:

kélti VI.3. „an einen anderen Ort treiben (Vieh auf der Weide)“ Der Vater ging, um die Kühe umzutreiben.

Diese heute schon fast vergessene Tätigkeit war seit der Neolithischen Revolution das charakteristischste Merkmal des Weideviehs, also der keltuvai. Offensichtlich sind keltuvos diejenigen, die ständig umgetrieben werden müssen (natürlich: kélti VI.3). Was sagt die vergleichende Sprachwissenschaft? SEJL leitet das Wort kelias von der Form *kelas und dem verschwundenen Verb *kelti (Bedeutung „in Bewegung setzen, einen Stoß oder eine Drehung auslösen“) ab, die mit der ursprachlichen Wurzel *kʷelh₁-o- in Verbindung gebracht werden (SEJL 2007: 271). Das verbindende Glied für eine solche Erklärung ist das Wort kélta. Demnach ist kelias gemäß (SEJL 2007: 272) „der Weg, auf dem das Vieh auf die Weide getrieben wird“. Irgendwie steht alles auf dem Kopf. Doch wir betrachten es ja auch aus unterschiedlichen Perspektiven …

Zusammenfassend können wir feststellen, dass die ELD-Struktur der ŠP K-L überall an der Begrenzung durch den eindimensionalen Teil der Raumaufteilung festhält. Die Vielfalt der ELD konzentriert sich auf die Polysemie des grundlegenden Verbs kelti. Die weitere Entwicklung der ELD-Struktur verbindet untereinander nicht etymologisch verwandte Wörter (kelti / kalti), während der Wandel der ELD innerhalb einer etymologischen Wortfamilie die Wortbildung und Flexion auf übliche Weise begleitet.

Wenden wir uns der ŠP KL– zu und betrachten wir den verbleibenden Teil der Raumaufteilung – die zweidimensionale Fläche. Verständlicherweise zieht das Verb kloti unsere Aufmerksamkeit auf sich:

klóti 1. trans. „ausbreiten, hinlegen, etwas auf eine Fläche legen“ Seide aus Blättern bedeckt die Erde S.Nėr. Die übrigen Bedeutungen weisen dieselbe ELD-Struktur auf. Vielleicht lohnt es sich, zwei charakteristische Metaphern zu erwähnen:

22. refl. „gut gehen“ Auf der Reise lief es bei mir gut.

išklóti 7. übertr. „ausführlich erzählen, darlegen, erklären“ Man muss einen solchen Menschen finden, der es versteht … einem gegenüberzutreten und alles so darzulegen, wie es sich gehört LzP.

wie Blätter ausbreiten „flüssig sprechen“.

Wir haben jedoch zehn etymologische Wortfamilien (siehe Abb. 23). Was verbindet sie mit der zweidimensionalen Fläche? Wir untersuchen empirisches Material und müssen ihm daher nichts aufprägen, müssen aber klären, wie es innerhalb des akzeptierten theoretischen Schemas interpretiert werden kann. Erinnern wir uns daran, dass das Verb kelti, obwohl es innerhalb der Begrenzungen des eindimensionalen Teilens bleibt, seine Polysemie im abstrakten Schema ŠTT weiterentwickelt hat und sich dabei sowohl von der vertikalen Bewegung als auch von der JD selbst völlig entfernt hat (immer dieselbe Kuh oder moderne Information). Dasselbe finden wir auch bei ŠP KL-. Die Sprache hat den Gegensatz {eindimensionale Linie <> zweidimensionale Fläche} zu einer abstrakten Gegenüberstellung einer zielgerichteten eindimensionalen Bewegung (ŠTT) und ihrem Gegenteil ausgebaut. Kloti ist lediglich eine unmittelbar räumliche Interpretation. Tatsächlich finden wir zwei wesentliche Verallgemeinerungen, die das gesamte Bündel der KL-Lexik motivieren. Die erste Verallgemeinerung ist die Ausdehnung der Bewegung von der zweidimensionalen Ebene in den dreidimensionalen Raum (klėsti) samt den entsprechenden Metaphern (klėstėti). Die zweite Verallgemeinerung ist die Verneinung zielgerichteter Bewegung (klysti):

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irren 1. intr., tr. ‘auf einem falschen Weg gehen, unversehens vom richtigen Weg abkommen’.

Man kann Stunden um Stunden mit dem LKŽ verbringen und sich davon überzeugen, dass alle zahlreichen, sowohl hinsichtlich ihres phonologischen Ausdrucks als auch ihrer Bedeutungsnuancen stark aufgefächerten Lexeme des Wortbündels aus Sicht der ELD auf die eine oder andere der genannten Arten motiviert sind. Im Folgenden führe ich nur einige Beispiele an.

1 aufhäufen, klėsčia (–čia, klėčia, klėčia), -tė (klėtė, klėšo)

1. tr. ‘fegen, herumfegen, klastyti’

3. tr. ‘umhüllen, bedecken’

4. tr. ‘verbergen, schützen, verteidigen’

6. intr. ‘sich bewegen, treiben’

usw.

Kommentare sind nicht nötig. Klesčia (1 klėsti 9. ‘ausbreiten, erweitern’), breitet sich also aus und entwickelt sich weiter, sowohl im Ausdruck als auch in den Bedeutungsnuancen unterschiedlichster Kontexte. Unter den Verwendungsweisen finden wir:

Das Ahornbäumchen wuchs am höchsten, breitete seine Blättchen am weitesten aus.

Aus Sicht der ELD braucht man nicht mehr zu fragen, was ein Ahorn ist.

klejóti 1. ‘irregehen, faseln’

klejóti 3. ‘verirrt umhergehen, umherirren, den Weg nicht finden’

SEJL wählte klejóti als Lemma. Lautliche Veränderungen folgen ihren eigenen Kriterien. Hinsichtlich der ELD-Struktur ist klejóti 1 eine Metapher, deren Ausgangsbild klejóti 3. ist. Typisch ist also die bereits erwähnte Bedeutung irren 1. Den Gegensatz zwischen Berg und Tal wiederholt sprechen / hören. Diese Liste ließe sich fortsetzen. Eine Interpretation konnte ich nur für das zum K–L-Bündel gehörende Schwein nicht finden. Ich habe es nicht in die Liste aufgenommen, weil SEJL die Etymologie des Schweins für undurchsichtig hält. Wir könnten behaupten, dass die Übereinstimmung hundertprozentig ist, wenn nicht irgendein Schwein etwas daran auszusetzen hätte. Aber auch das Schwein träumt von Wolken (Vertikale!).

3. DIE SAGE VON NARNIA

Die Helden der Kinderbücher von Clive Staples Lewis gelangen immer wieder in das geheimnisvolle Land Narnia und kehren nach verschiedenen Abenteuern von dort zurück. Bei jedem Abenteuer gelangen die Kinder auf unterschiedliche Weise dorthin, doch eines haben sie alle gemeinsam: Man gelangt nach Narnia, indem man taucht. Nicht immer taucht man ins Wasser. Einmal müssen sie durch die Rückwand eines alten Kleiderschranks hindurchgehen (hindurchtauchen), ein anderes Mal eine andere reale (auch eine Wasser-) oder imaginäre Oberfläche überschreiten. Lewis’ Helden gelangen stets nicht nur in einen anderen Raum, sondern auch in eine andere Raumzeit. Oft kehren sie nicht durch dasselbe Tor nach Hause zurück, durch das sie hineingelangt sind, sondern auf anderen Wegen und mit Wendungen der Handlung, indem sie die besuchten Welten mit ihrer eigenen zu einem Weltbild verflechten.

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ABB. 24. Wurzelbündel N-R

Es heißt, der Schriftsteller habe den Namen des Märchenlandes zufällig gewählt. Beim Durchblättern einer alten Landkarte Italiens fiel ihm das Städtchen Narnia (heute Narni) in Umbrien auf, auf halbem Weg zwischen Rom und Assisi. Der Klang des Namens gefiel ihm. Das ist Zufall, doch die Verbindung Narnias mit dem litauischen Verb nerti ist nicht willkürlich. Durch das Städtchen Narni fließt der umbrische Fluss Nera, der in den Tiber mündet, und die Wurzel ner bedeutet auf Umbrisch ‚Held‘. Auch in Litauen fließt ein Fluss namens Neris, und statt eines Helden gibt es unter Wasser ein nūri nirà oder neróvė. Dies ist indoeuropäisches Erbe. Der griechische Meeresgott heißt Nereus, seine Töchter sind die Nymphen, die Nereiden. In der skandinavischen Mythologie werden der Gott Njord und seine Gefährtin Nertus mit dem Wasser in Verbindung gebracht. Vergessen wir auch nicht Narziss’ Beziehung zur Wasseroberfläche, die sein Gesicht widerspiegelt (MNM 1992: 212, 231, 201). Es sollte uns nicht mehr wundern, dass wir die kognitive Struktur nur im Litauischen finden, denn das Verb nerti hat seine Hauptbedeutung 1 nérti 1. ‚plötzlich hineingehen, hinabsteigen (z. B. ins Wasser)‘ nur in den baltischen und slawischen Sprachen bewahrt (MA 2006: 293).

Das phonologische Konsonantenschema ist in Abbildung 24 dargestellt. Im SEJL finden sich acht Artikel, die sich zu vier etymologischen Nestern zusammenfassen lassen:

N-R nerti I, nerti II, narys, niuras

N-R norėti, norint

N-RŠ neršti

N-RT nertėti

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Aus semantischer Sicht führt die Etymologie die Bedeutungen der ŠP N-R auf fünf prototypische Bedeutungen zurück:

1 nėrti 1. ‘plötzlich hineingehen, hinabtauchen (gewöhnlich ins Wasser)’

2 nėrti 1. ‘eine Spitze oder ein Netz herstellen; stricken’

norėti 1. ‘den Wunsch verspüren, begehren’

1 neršti ‘Eier ablegen, laichen (gewöhnlich von Fischen und Fröschen)’

nertėti 1. ‘sehr wütend sein, rasen, toben, zornig sein’

Das LKŽ führt das Verb nerti in zwei getrennten Artikeln auf: 1 nerti ‘plötzlich ins Wasser hinabtauchen’ und 2 nerti ‘stricken’. Ob es sich um unterschiedliche Bedeutungen eines einzigen Wortes oder um Homonyme handelt, also um Wörter, deren Bedeutungen so weit auseinanderliegen, dass sie in getrennten Artikeln aufgeführt werden müssen, ist unter Sprachwissenschaftlern umstritten. Im Lehrbuch von Jonas Palionis (1999: 185) wird daran erinnert, dass in der ersten Ausgabe des DLKŽ (1954) die erste Lösung gewählt wurde, während in den späteren Ausgaben, ebenso wie im LKŽ, die zweite gewählt wurde. Das Lehrbuch erläutert, dass „bislang noch keine strengeren Kriterien festgelegt worden sind, anhand derer sich sagen ließe, ob wir es in einem bestimmten Einzelfall mit einem polysemen (mehrdeutigen) Wort mit weit auseinanderliegenden Bedeutungen oder mit zwei Wörtern – Homonymen – zu tun haben“ (ebd.). Mit anderen Worten ist noch unklar, was der Begriff „auseinanderliegende (oder nahe beieinanderliegende) Wortbedeutungen“ bedeutet.

Die vergleichende Sprachwissenschaft erklärt in diesem konkreten Fall kaum mehr. SEJL gibt folgende Etymologie an:

1 tauchen I, 2 tauchen, niuras, narys < *nerH-

norėti < noras < *nārā- < *nā-ra < *neh₂-ro-

neršti < *nerḱ-

SEJL zufolge ist 2 nerti „wahrscheinlich etymologisch verbunden“ mit 1 nerti, doch werden dafür keine Argumente angeführt (SEJL 2007: 421, 422). MA führt 1 nerti als Beispiel für eine im Litauischen erhaltene Verbform an, die dem ursprachlichen Präverb *ner (po) entspricht. Dieses Präverb brachte auf bemerkenswerte Weise das germanische Wort north – Norden – hervor (denn die Indoeuropäer verbanden den Norden mit unten). 2 nerti wird dagegen im selben Werk als Beispiel für die Wurzel *(s)ner- (Bedeutung ‘mit einem Faden oder Seil befestigen’) angeführt (MA 2006: 234, 293). Tatsächlich besteht dasselbe Problem: Die rekonstruierten Wurzeln haben ähnliche Bedeutungen wie die litauischen Wörter, sodass dieselbe Frage nach der Nähe oder Ferne der Bedeutungen beantwortet werden muss.

Die räumlich-zeitliche Struktur des Tauchens ins Wasser (1 nerti) ist in Abbildung 25 dargestellt. Für das Stricken (2 nerti) reicht eine solche Abbildung nicht mehr aus. Worin ähneln sich die räumlich-zeitlichen Strukturen der beiden Bedeutungsgruppen, und worin unterscheiden sie sich? Beide sind gemeinsam in Abbildung 26 dargestellt. Stellen wir uns eine Oberfläche P vor, die über eine geschlossene Linie L gespannt ist. Die Bewegung beginnt am Punkt A und durchquert die Oberfläche P am Punkt B. Danach ist der Punkt C markiert, an dem zwischen zwei Möglichkeiten der Fortbewegung gewählt werden kann. Wenn die Oberfläche P die Oberfläche eines Gewässers und die Linie L dessen Uferlinie ist, kann die Bewegung unter der Oberfläche weitergehen; um jedoch zum Ausgangspunkt A zurückzukehren, müssen wir sie erneut durchqueren (das Wasser)

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ABB. 25. Die raumzeitliche Struktur des Verbs 1 nerti

an einem Punkt D der Oberfläche. Wenn P eine (gedachte) Oberfläche auf einer geschlossenen Linie ist, können wir in die andere Richtung gehen und, nachdem wir die Grenze L umrundet haben, ohne die Oberfläche zu kreuzen, zum Ausgangspunkt A zurückkehren. Genau am Punkt C findet die Wahl zwischen 1 nerti und 2 nerti statt. Dieser Entscheidungspunkt ist Gegenstand unserer Untersuchung. Was ist das für ein Objekt, und welche Wissenschaften untersuchen solche Objekte? Die Zeichnung lässt sich leicht mathematisch interpretieren. Sie veranschaulicht eine wichtige Eigenschaft einer zweidimensionalen begrenzten Oberfläche: Nachdem wir eine solche Oberfläche durchdrungen haben, stehen uns zwei Wege offen, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Diese Situation lässt sich als Tatsache eines mathematischen Teilgebiets – der Topologie – formulieren. Den Mathematikern ist es jedoch völlig gleichgültig, dass diese beiden Möglichkeiten durch dieselbe litauische Wurzel ausgedrückt werden. Für eine semantische Untersuchung braucht man ebenfalls keine Mathematik. Die räumlichen Beziehungen sind offensichtlich, und das anspruchsvolle Gebiet der Mathematik würde hier nichts hinzufügen.

Alle sehen dieselben Verblesarten, die im LKŽ ausführlich beschrieben sind, doch jeder sieht nur das, was das Paradigma der jeweiligen Wissenschaft zu sehen vermag und sehen will. Die Bedeutungen des Verbs nerti lassen sich eindeutig in zwei Gruppen von Begriffen einteilen, die sich grundlegend voneinander unterscheiden: 1 nerti (sich plötzlich ins Wasser stürzen) und 2 nerti (stricken). Das Tauchen ins Wasser hat mit dem Stricken nichts zu tun. Was entgeht dieser Sichtweise? Sie erfasst nicht das, was das zentrale methodologische Instrument unserer Untersuchung ist: einen Teil des Bedeutungsinhalts eines Wortes,

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ABB. 26. Die gemeinsame raumzeitliche Struktur der Verben 1 nerti und 2 nerti

die die Beziehungen zwischen Raum, Zeit und Kraftdynamik (ELD) ausdrückt. Setzen wir die sich windende Katze in Punkt C, damit sie die gesamte ELD-Struktur erblickt. Gegenstand unserer Untersuchung ist weniger der Punkt selbst als vielmehr der Geisteszustand angesichts einer Entscheidung. In Abschnitt 1.2 haben wir einen solchen Zustand als Abėja bezeichnet. Wenn wir unser Beispiel auf diese Weise betrachten, sehen wir nicht nur die Gesamtheit der Wortbedeutungen, sondern können auch eine bemerkenswerte Tatsache der litauischen Sprache erkennen. Die Wurzel ner hat in der litauischen Sprache ihren Zustand der Abėja bewahrt. Das lässt sich leicht feststellen, wenn man etwa den folgenden Satz schrittweise entfaltet:

Ich stricke… Ich stricke ein Netz… Ich stricke ein Netz ins Wasser.

Mit einfachen psychologischen Tests, wie sie weltweit täglich zu Tausenden durchgeführt werden, ließe sich überprüfen, wie sich das Verständnis des Satzes verändert. Sehr wahrscheinlich würde es sich in folgender Reihenfolge verändern: 1 nérti > 2 nérti > 1 nérti. Bis sich Psychologen in Litauen für die einzigartigen Eigenschaften ihrer eigenen Sprache interessieren, bleibt uns nichts anderes übrig, als die Untersuchung mit eigenen Mitteln fortzusetzen. Am Punkt C wählen wir einen räumlichen Kontext,

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den sogenannten Bezugsrahmen (AF). Die Wahl, zu der dieses und andere litauische Beispiele führen, wird in der modernen Forschung zur Raumwahrnehmung zu Unrecht ignoriert. Erinnern wir uns daran, dass der Raum dreidimensional und isotrop ist. Die Semantik des Verbs nerti führt zu demselben ersten Schritt, mit dem die Isotropie des Raums verringert wird, den wir in Abschnitt 2.1 besprochen haben. Die beiden einfachsten möglichen Entscheidungen unterscheiden die Bedeutungen 1 nérti und 2 nérti. Die Bedeutung 1 nérti wird im Bezugsrahmen AFK-L wahrgenommen, da die Wasseroberfläche, durch die hindurchgetaucht wird, in keiner Verwendung begrenzt ist. Anders als bei der Semantik von K/L, bei der alles oberhalb der Erdoberfläche geschieht, wird hier ein Zustand unterhalb der (Wasser-)Oberfläche bezeichnet. Die Bedeutung 2 nérti ist nicht mehr mit Wasser verbunden, doch die Oberfläche, durch die hindurchgetaucht wird, ist begrenzt. Wir wechseln nicht in den Bezugsrahmen AFL-K wie im Fall von L/K, sondern in die Schnittmenge der Bezugsrahmen AFK-L und AFL-K. Hier sollte der Begriff „Schnittmenge“ in Anführungszeichen gesetzt werden, denn er bezeichnet unmittelbar nur die geometrische Tatsache, dass die Kontur L als Schnitt einer offenen und einer geschlossenen Oberfläche entsteht. Für die Kombination der Bezugsrahmen selbst müsste man wohl die Technik der konzeptuellen Verschmelzung (engl. blending) verwenden. Das würde in diesem Artikel zu viel Platz beanspruchen.

4. DIE SAGE ÜBER LIEBE UND GLÜCK

Die Struktur des Wurzelbündels L-M/M-L ist in Abbildung 27 dargestellt. Die Stichwörter des SEJL werden zu 11 etymologischen Nestern zusammengefasst:

L-M bestimmen, Glück

M-L lieb, liebevoll, lieben

M-L mahlen

M-L stampfen, Mühle, Specht, Schmelz, Mehl, Lehm, bläulich, Mehlkleie, Sand

M-L Lüge

M-LD beten

M-LD Klafter

M-LK Brennholz

M-LK Brennholz

M-LŠ schlagen, prügeln

M-LŽ melken, Riese

Das Wurzelbündel L-M umfasst nur ein etymologisches Nest, dessen Semantik, die das Verhältnis zwischen Teil und Ganzem ausdrückt, wir in Abschnitt 1.4 behandelt haben. Hier werden wir uns eingehender mit dem Wurzelbündel M-L befassen, das aus zehn etymologischen Nestern besteht. Ich werde nur die Semantik der vier wichtigsten Nester (ohne zusätzliche Konsonanten) behandeln. Im Titel der Sage liegt ein Hinweis auf Symmetrie: Liebe / Glück. Die kognitive Natur der Symmetrie liegt jedoch nicht in diesen geläufigen Wörtern, sondern in der Umkehrung des Verhältnisses zwischen Ganzem und Teil. Wenn wir die ELD-Struktur bestimmen / vergehen umkehren und als Abbrechen eines Teils (Scherbe) von einem Ganzen (Bestimmung) auffassen, müssen wir die entgegengesetzte Handlung erwarten – die Bildung eines Ganzen aus Teilen.

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ABB. 27. Wurzelbündel L-M / M-L

Die kognitive Struktur von M-L sagt etwas anderes. Wie wir sehen werden, führt die Semantik der M-L-Wörter zum Verhältnis von begrenzt / unbegrenzt und diskret / kontinuierlich. Die Verben des M-L-Bündels drücken eine Veränderung vom begrenzt Diskreten zum unbegrenzt Diskreten und anschließend eine Transformation zum begrenzt Kontinuierlichen aus. Wenn wir tatsächlich ein Stück Kuchen oder Brot abbrechen, nehmen wir keinen Bestandteil aus einem Mechanismus heraus, sondern trennen einen Teil eines begrenzten kontinuierlichen Objekts ab (wir brechen ein Stück ab). Unter diesem Gesichtspunkt wäre es interessant, Greimas mythologische Analyse eingehender zu untersuchen und neu zu überdenken. In diesem Artikel beschränke ich mich auf die Analyse des Wurzelbündels M-L, der ich mich nun zuwende.

Die Semantik von M-L / L-M hat die Gestalt einer konzeptuellen Metapher (wie sie in der kognitiven Linguistik verstanden wird). Es handelt sich um eine Abbildung von einem konkreten Bereich (Herstellung und Verzehr von Brot) auf einen abstrakten (Gemeinschaftsbeziehungen); beide sind durch dieselbe ELD-Struktur verbunden.

Die Herstellung (und der Verzehr) von Brot umfasst drei Phasen:

a) Getreide wird zu Mehl gemahlen,

b) Mehl wird (mit Wasser) angerührt,

c) Brot wird (im Feuer) gebacken,

d) Brot wird zum Verzehr aufgeschnitten.

Diese Phasen sind keine Erfindung, sondern der Sprache entnommen. Sie entsprechen drei etymologischen Nestern, deren Grundlage die Verben malti, milti ir lemti bilden. Alle übrigen Nester beruhen entweder auf Substantiven (zum Beispiel mylas) oder enthalten Konsonantencluster (zum Beispiel melsti) und sind kognitiv wie phonologisch abgeleitet. Diese

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Drei Phasen im Bereich der Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft sind nicht offensichtlich; daher stelle ich zunächst ELD vor.

Die kognitive Semantik teilt wahrgenommene Dinge in begrenzte / unbegrenzte sowie diskrete / kontinuierliche ein (Talmy 2000: 59). Die vier resultierenden Kombinationen sind in Abb. 28 dargestellt. Die Pfeile zeigen die Abfolge der Übergänge: den Übergang vom begrenzt Diskreten zum unbegrenzt Diskreten, die Transformation vom Diskreten zum Kontinuierlichen und schließlich die Umwandlung des kontinuierlich Unbegrenzten in das kontinuierlich Begrenzte. Unser Ziel ist es, festzustellen, ob die ELD-Struktur der Semantik von Verben mit der Wurzel M-L genau diesen Übergängen entspricht. Darüber hinaus verlaufen diese Übergänge parallel sowohl im konkreten Bereich (der Brotherstellung) als auch in der Abstraktion (den Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft), wie es das Schema der konzeptuellen Metapher verlangt.

Auf den ersten Blick ist nicht offensichtlich, dass das Verb malti mit der Transformation des begrenzt Diskreten in das unbegrenzt Diskrete verbunden ist: malti 1. ‚Getreide zu Mehl zerkleinern‘. Diese Bedeutung bezeichnet offensichtlich einen einfachen Mechanismus, durch den aus Getreide Mehl gewonnen wird. Der Gebrauch im weiteren Kontext – ‚etwas zu Mehl, zu kleinen Teilchen zerkleinern, reiben, zerstoßen‘ – ist noch deutlicher. Malti bedeutet, größere materielle Objekte in kleinere, feinere oder (im Fall von Mehl) sogar kaum sichtbare zu verwandeln. In diesem Sinne ist das Verb malti ein Synonym für die Verben zerstoßen, reiben, zerkleinern, spalten und ähnliche, die denselben Vorgang unter verschiedenen Aspekten und in unterschiedlichem Maß ausdrücken.

Betrachten wir den Kontext genauer, den uns LKŽ bietet. Dass miltai ‚ein Produkt aus gemahlenem Getreide‘ sind, sagt ebenfalls nichts Neues aus. Doch der Singular dieses Wortes verändert vieles: miltas ‚mehlhaltiger Teil des Getreidekorns‘. Da dies für unsere Untersuchung von entscheidender Bedeutung ist, lohnt es sich, eine Reihe von Beispielen anzusehen, die LKŽ anführt:

Avižų mažas miltas, o didelė sėlina. Grūdą parkandus, miltas matyti. Ar pupelė, ar žirnis – turia tokį pat miltą. Mažųjų linų sėmuo y[ra] juo pripurpęs, didelį miltą turia. Grūdai sudžiūvo, bet nebuvo dar milte, iš to badas [1868 m.].

Diese Beispiele veranschaulichen den Aufbau des Getreidekorns, der in der bäuerlichen Gemeinschaft sehr klar verstanden wurde. Daraus folgt, dass wir miltus nicht dadurch gewinnen, dass wir „Getreide zu Mehl zerkleinern“, sondern auf irgendeine andere Weise, denn miltas ist bereits im Korn enthalten. Man sagte sogar: „das Korn ist / ist nicht im milte“, je nachdem, ob miltas groß oder klein ist. Die Körner enthalten miltus bereits in sich. Jedes Korn enthält ein miltą, und ihre Gesamtheit bildet beim Mahlen das Mehl. Miltas befindet sich im Korn wie in einem Behälter, der sėlena genannt wird. Beim Mahlen wird das miltas von der Kleie⟧ getrennt und aus dem Behälter befreit.

Ziehen wir kognitive Strukturen heran, um den Unterschied zwischen den Bedeutungen des Verbs malti ‚Getreide zu Mehl zerkleinern‘ und ‚etwas zu Mehl, zu kleinen Teilchen zerkleinern, reiben, zerstoßen‘ zu verdeutlichen, obwohl LKŽ sie als dieselbe Bedeutung aufführt

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maltį:

begrenzt diskret

wird zu

unbegrenzt diskret

2 milti:

unbegrenzt diskret

wird zu

unbegrenzt kontinuierlich

1 milti:

kontinuierlich unbegrenzt

wird zu

kontinuierlich begrenzt

ABB. 28. Veränderung der M/L-Struktur des Märchens

Varianten. Steine können wir zu Schotter zerkleinern; noch feiner ist Kies, danach kommt Sand und schließlich Staub. Wenn wir das Mahlen von Getreide auf diese Weise verstehen, befinden wir uns auf einer gröberen Ebene der kognitiven Struktur, die für den Stein geeignet ist, aber die tiefere Einsicht in den Aufbau des Korns außer Acht lässt. Wenn wir einen Stein mahlen, wird das kontinuierlich Begrenzte zu diskret Unbegrenztem. Genauer gesagt handelt es sich um ein anderes Schema, bei dem ein einzelnes Objekt zu einer Vielheit wird. Wenn wir Getreide mahlen und den Aufbau des Korns berücksichtigen, wird das diskret Begrenzte zu diskret Unbegrenztem. Solche Veränderungen werden unterschiedlich verstanden. Ein Stein (kontinuierlich begrenzt), zu Staub (diskret unbegrenzt) gemahlen, ist kein Behälter für diesen Staub. Das Korn hat eine Kleie, die das Mehl enthält; wenn wir Getreide mahlen, befreien wir das Mehl aus diesem Behälter. Das sind grundverschiedene kognitive Strukturen. Die Sprache bringt dies sehr präzise zum Ausdruck. Wenn wir diskreten oder kontinuierlichen Inhalt aus einem Behälter befreien, verwenden wir unterschiedliche Wörter. Wasser (kontinuierlich) gießen wir aus einem Gefäß, Getreide (diskret) dagegen schütten wir aus einem Sack. Wasser können wir nicht schütten und Getreide nicht gießen. Mehl wird wie Staub weder geschüttet noch gegossen. Es nimmt eine Zwischenstellung ein, einen Übergangszustand, daher

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müssen wir ein universelles Wort verwenden: Mehl gießen (aber gießen können wir sowohl Wasser als auch Getreide). Die kognitive Struktur der Semantik von mahlen enthält also sowohl eine gröbere als auch eine tiefere Ebene. Ob mahlen ein Synonym für schütten oder zerkleinern ist, hängt von der Tiefe der Einsicht ab. Sprache kann sowohl präzise genau als auch poetisch frei sein. Wie bereits erwähnt, können wir Wasser nicht schütten und Getreide nicht gießen. Übertragen wir dasselbe Schema metaphorisch auf den sozialen Bereich, so finden wir im LKŽ, dass Menschen sowohl strömen als auch herbeiströmen und sich ergießen können. So begründen wir die oben erwähnte Phase der Brotherstellung a.

Der Aufbau der Phasen b und c ist völlig offensichtlich: Brot wird aus Mehl (diskret unbegrenzt) hergestellt, das durch Kneten und Backen zu einem kontinuierlichen Objekt wird. Übrigens wird das Wort Brot sowohl begrenzt (ein Laib Brot) als auch unbegrenzt verwendet (gib mir Brot). Diese Phase umfasst zwei Veränderungen: von diskret zu kontinuierlich und von unbegrenzt zu begrenzt. Wir betrachten sie gemeinsam, da sich die Semantik der Wörter auf interessante Weise überschneidet. Der Zusammenhang mit dem Verb milti ist nicht offensichtlich. Im LKŽ finden wir zwei Bedeutungen (und zwei phonologische Formen): 1 milti, milia, mylė „erhitzte Steine in kaltes Wasser geben (im Badehaus)“ Gehen wir ins Badehaus – ich habe schon gesehen, dass er die Steine hineingibt. 2 milti, milsta, milo „anfangen, einander zu lieben“ Wenn Menschen in Eintracht leben, beginnen sie, einander zu lieben.

Die zweite Bedeutung 2 milti offenbart die kognitive Ebene. Die im LKŽ angegebene Bedeutung „anfangen zu lieben“ bleibt an der Oberfläche, während das Beispiel auf eine tiefere Ebene verweist. Menschen milsta, wenn sie in Eintracht leben. Wir können dies so verstehen, dass Menschen anfangen, einander zu lieben. Die Verwendung des Verbs milsta ist jedoch intransitiv, das heißt, sie zeigt nicht, was die Menschen tun, sondern was mit ihnen geschieht – die Menschen milsta. Indem sie milsta, gehen die Menschen von einer Ansammlung einzelner Individuen (diskret unbegrenzt) zu einer Gemeinschaft (kontinuierlich begrenzt) über. Das ist dieselbe Veränderung wie bei der Herstellung von Brot aus Mehl. Im LKŽ finden wir keine Bedeutung, nach der Mehl, wenn es zu Brot wird, milsta. Wiederum ist es völlig unerheblich, ob es einst eine solche Bedeutung gab oder ob sie eine andere phonologische Ausdrucksform hatte. Konservativ ist die kognitive Struktur selbst, und sie wird durch die Bedeutung des Verbs bezeugt. Das Erstaunlichste ist, dass die erste Bedeutung des Wortes 1 milti direkt mit der Brotherstellung verbunden ist. Mehl hat seine Individualität verloren, aber ohne es lässt sich kein Brot backen. Damit es jedoch zu Brot wird, muss das Mehl eine symbolträchtige Prozedur aus Feuer und Wasser durchlaufen. Das Mysterium von Feuer und Wasser beginnt, und nur ihm verdanken wir das duftende Brot. Das Mehl ist also nicht bloß die Folge des Mahlens, sondern die Ursache eines weiteren Vorgangs (milti). Es fügt die Bestandteile zu einem Ganzen zusammen – dem Brot. Es bleibt nur daran zu erinnern, dass man in früheren Zeiten Brot im Badehaus buk …

Auch andere Wörter bezeugen die kognitive Struktur der Phasen b und c. Das SEJL führt das Wort mylas als Lemma für alle mit Liebe verbundenen Bedeutungen und Formen auf, darunter auch 2 milti. Separat aufgeführt ist nur 1 milti, dessen Herkunft ungeklärt bleibt. Die kognitive Perspektive hingegen fügt alles an seinen Platz. Die Substantive gruppieren sich um: mylas, mielas, mielės. Der gemeinsame Bedeutungskern lässt sich leicht erkennen – das Zusammenführende zu

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ein Ganzes (Brot, Gemeinschaft, Gebäude) in „Ferment“ verwandelt – ob damit Hefe, Gips oder ein lieber Mensch gemeint wäre. Dies ist ein Übergang vom Diskreten zum Kontinuierlichen.

Die letzte Phase d ist mit dem phonologischen Wandel M-L > L-M verbunden. Die Lautverschiebung L-M haben wir, wie erwähnt, in Abschnitt 1.4 besprochen. Interessant ist, dass das LKŽ auch eine phonologische Metathese milinys / liminys enthält. Es ist verständlich, dass ihr Ursprung ein ganz anderer ist.

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Fonosemantic Sagas in the Dictionary of the Lithuanian Language

SUMMARY

Several decades ago fonosemantic phenomena have been noticed in the Lithuanian language. It was observed that the senses of certain words with interchanged consonants remain related. Those observations were not supported by the scholars of the Lithuanian language.

In this article an account explaining fonosemantic phenomena in the Lithuanian language is presented. This account partitions the content of the word sense into the conceptual part and the content which expresses space, time and force dynamic (STD) aspects. The conceptual part of the word sense provides access to encyclopaedic knowledge and is processed consciously. STD part remains unconscious. The fonosemantic phenomena under this account are explained as the extension of the cognitive topology of the network of word senses to phonologically similar though not genetically related words.

Several examples are investigated. The network of senses of the Lithuanian verb kelti (to rise, to lift) is studied and expanded. It is demonstrated that STD content of verbs with consonants K/L in the root corresponds to the frame of reference which partitions isotropic 3D space into unbounded 2D manifold plus verticality of one dimension. On the other hand, STD content of senses of the verb laikyti (to keep, to hold) corresponds to the frame of reference which partitions isotropic 3D space by bounded 2D manifold.

Words with consonants N/R; M/L <> L/M are analysed in a similar manner.

Įteikta 2016 m. gegužės 5 d.

ALGIRDAS SAUDARGAS

Europos parlamento nario Algirdo Saudargo biuras

Teatro g. 8, LT-03107 Vilnius, Lietuva

[email protected]

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