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ILIJA LEMEŠKIN

Institut für Litauische Sprache

Forschungsschwerpunkte: altbaltische Schriftlichkeit und Literatur, vergleichende Folkloristik, Lexikografie, Geschichte der Baltistik.

DOI: https://doi.org/10.35321/al181-01

DER ÄLTESTE BALTISCHE TEXT UND SEINE ANTHROPONYME

Der älteste baltische Text und seine Anthroponyme

ZUSAMMENFASSUNG

2013 wurde in den Seiten der Acta Linguistica Lituanica eine neue linguistische und genrebezogene Interpretation der Basler Spur (Dini 2004; 2014: 553–558) vorgeschlagen (Lemeškin 2013: 11–29), die auf einer Analogie mit gesungenen, rezitativischen Stückchen beruht, die den Weihnachtsliedern eng verwandt sind. Die neue Lesart wurde durch die Metadaten des Manuskripts gestützt und gefördert, nämlich durch den Hinweis auf die Datierung, die der Schreiber im Kolophon bewusst besonders hervorheben wollte: Die Wortverbindung in vigilia epiphanie stellte er an den Anfang, während er den zunächst geschriebenen Abschnitt per manus illius qui scripsit eas erst danach setzte. Der Großteil der Wortformen, aus denen der Mikrotext besteht, fand unter Berücksichtigung ihrer formalen Merkmale und der erkennbaren Genremerkmale des Textes eine logische und überzeugende Erklärung; mit der Interpretation der Wortverbindung thoneaw labonache war der Autor jedoch nicht vollständig zufrieden. Die Wortform thoneaw wurde als Kurzform des Vokativs Singular des Personennamens „[An]tonijau“ gelesen (Lemeškin 2013: 19–20). Für das Wort labonache wurden weitere potenziell mögliche, jedoch künstliche bzw. erhebliche graphische Korrekturen erfordernde Hypothesen vorgeschlagen. In diesem Artikel kehren wir, an der zuvor vorgeschlagenen Textinterpretation festhaltend, zur Analyse dieser Wörter zurück.

SCHLÜSSELWÖRTER: ältester baltischer Text, Kolophon von 1369, Lesart der Basler Spur, Bitte um Geschenke, Adressat von Weihnachtsliedern, (italienische) Anthroponyme.

ZUSAMMENFASSUNG

In 2013, a new linguistic and genre-related interpretation of the Trace of Basel (Dini 2004; 2014: 553–558) based on analogy with singing, recitative, texts akin to Christmas carols was put forward in the pages of Acta Linguistica Lituanica (Lemeškin 2013: 11–29). The new reading was supported and encouraged by the manuscript’s metadata or, specifically, reference to time, which was intentionally emphasized by the scribe in the composition

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des Kolophons: Die Formulierung in vigilia epiphanie wurde an den Anfang gestellt, und die Passage per manus illius qui scripsit eas, die zuerst geschrieben worden war, wurde erst danach niedergeschrieben. Unter Berücksichtigung der formalen Merkmale und der genrespezifischen Eigenschaften des Textes ließ sich für die meisten Wortformen des Mikrotextes eine logische und überzeugende Deutung finden; mit der Interpretation der Wendung thoneaw labonache war der Autor jedoch nicht ganz zufrieden. Die Wortform thoneaw wurde als abgekürzte Vokativ-Singular-Form des Personennamens „[An]tony“ gelesen (Lemeškin 2013: 19–20). Für das Wort labonache wurden weitere zwar potenziell mögliche, aber künstliche Hypothesen vorgelegt, die erhebliche graphische Korrekturen erforderten. Der Artikel greift die Analyse dieser Wörter wieder auf und hält dabei an der früheren Interpretation des Textes fest.

SCHLAGWÖRTER: ältester baltischer Text, Kolophon von 1369, Lesung der Basler Spur, Bitte um Gaben, Adressat von Weihnachtsliedern, (italienische) Anthroponyme.

1. Die funktional-strukturelle Analyse des Kolophons von 1369 lässt vermuten, dass die Niederschrift des ältesten baltischen Textes durch die genrespezifischen Gesetzmäßigkeiten der Kolophonentwicklung bestimmt war. In der Schrifttradition des 13.–14. Jahrhunderts sind Kolophone mit besonders komplexer (fortlaufender) Struktur belegt, in denen ein Hexameter den Abschnitt mit dem gewöhnlichen Inhalt (einschließlich der üblichen Metadaten) abschloss: Omnibus omnia non mea sompnia dicere possum „Ich kann nicht allen alle meine Träume erzählen“. Wörtlich gelesen schien der deklarative Hexameter die Ausdrucksfreiheit einzuschränken, weshalb der Skriptor ihn (den Hexameter und das Kolophon) in einer unverständlichen, d. h. künstlich konstruierten oder wenig bekannten, schriftlich nicht (weitverbreitet oder überhaupt) verwendeten Sprache fortsetzte. Der nichtöffentliche Teil eines solchen besonderen Kolophons offenbarte den verborgenen sornniurr des Schreibenden – einen vor allen Menschen (außer einem engen Kreis kai kurių gebildeter Landsleute) verborgenen Durst (ausführlicher zu diesem Kolophontyp siehe Lemeškin 2019; 2000).

Im ausgeführten Kolophon besteht zwischen dem genannten Hexameter und der Sprachspur, die beide eine Einheit bilden, eine besonders enge Beziehung: Hätte der Skriptor nicht die ausdrucksstarke lateinische Formulierung verwendet, die seine Ausdrucksfreiheit einschränkte, wäre der unverständliche, rätselhafte Text (aus der Sicht des breiten Lesepublikums) niemals in das Manuskript aufgenommen worden. Funktional gesehen lässt sich also sagen, dass der älteste baltische Text ohne die im Hexameter deutlich zum Ausdruck gebrachte Haltung des Schreibers niemals niedergeschrieben worden wäre. Zu derselben Kategorie unbekannter Sprachen gehört auch die danebenstehende deutsche Losung ihs ich leid. Dieser Umstand weist darauf hin, dass die Spur dort entstand, wo Deutsch und Preußisch exotische Sprachen waren, d. h. geografisch irgendwo weit entfernt vom Siedlungsgebiet der Preußen und Deutschen. Gerade unter solchen Bedingungen konnte der Schreibende nach dem Hexameter Omnibus omnia non mea sompnia dicere possum in diesen Sprachen seinen verborgenen Durst „aussprechen“.

Der Vergleich mit anderen Schriftdenkmälern dieser Art machte die Bemühung des Skriptors deutlich: den unverständlichen Teil des Kolophons metrisch an den Hexameter anzupassen. In der Kölner Spur (Abschrift der Decretales Papst Gregors IX. aus der Zeit um 1300 – Decretales – Köln, Dombibliothek, Codex 130) wurde das dänische Distichon iac wet en frugha iwaeraeldet waere /

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haenna lif tha wil iac aer[e] „Wenn ich mit der Dame in dieser Welt wäre, / dann wollte ich ihr Leben ehren“ wurde nach dem Vorbild des Hexameters Omnibus omnia non mea sompnia dicere possum in eine einzige Zeile gesetzt: iac wet en frugha iwaeraeldet waere haenna lif tha wil iac aera.

Abb. 1. Kölner Spur

Derselbe Mechanismus ist auch in der Basler Spur belegt, die nach dem Aufbau des Hexameters präsentiert und anschließend von Forschenden ebenfalls als Hexameterdistichon interpretiert wurde:

Abb. 2. Basler Spur

Alles kann ich sagen, doch nicht alle meine Träume

Kayle rekyſe · thoneaw labonache thewelyſe · Eg · koyte · poyte · nykoyte · pēnega do yte ·

Unter Berücksichtigung des rhythmischen Gleichklangs¹, des Binnenreims (rekyſe – thewelyſe; poyte – doyte; koyte – nykoyte), des Parallelismus der Wortarten, ihrer Formen und ihrer Semantik empfiehlt es sich, die Strophe (nach dem Vorbild der Kölner Spur) auch anders zu gliedern – in drei Zeilen:

¹ Abgesehen von der Assonanz <oy> in den Zeilen lassen sich offenbar auch Anzeichen von Alliteration erkennen: Kayle rekyſe (thoneaw la-bonache) thewelyſe. / Eg · koyte · poyte · / nykoyte · pēnega doyte.

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a) Kayle rekyfė · thewelyfę „Skalsink Dieve, tėveli! b) Eg · koytė · poytė · wenn du willst – gib (ihm / ihnen) zu trinken, c) nykoytė · pėnega doyte · wenn du nicht willst – gib das Geld“

Lässt man das „dissonante“ Fragment thoneaw labonache weg, das als fakultativ gelten kann, erhält die Spur eine geglättete metrische Gestalt und strukturelle Geschlossenheit.

2. Eine ältere „Lesung“ der Baseler Spur wurde 1974–1975 vorgeschlagen:

Kayle rekyfė · thoneaw labonache thewelyfė · Eg · koytė · poytė · nykoytė · pėnega doyte ·

„Sei gegrüßt, mein Herr! Wenn du trinken willst, [aber]

Du bist kein guter Onkel mehr – du willst [nicht mehr] Geld geben“

(Schmalstieg 1974; McCluskey, Schmalstieg, Zeps 1975; Mažiulis 1975).

1982 modifizierte W. P. Schmid eine Variante dieser traditionellen „Lesung“:

„Sei gegrüßt, mein Herr! Wenn ich trinken möchte,

Du bist wirklich nicht mehr [unser] Vater, [aber] du willst überhaupt kein Geld geben“

(Schmid 1982).

Bei der Erörterung und Überprüfung der bislang aufgezeigten Richtungen des grammatischen und semantischen Verständnisses der Baseler Spur (als Persiflage und nach dem Modell der Weihnachtslieder) kann man die Verwendung des Begriffs skaitymas („Lesung“) infrage stellen. Es ist sinnvoll zu fragen: Wie ist dieser Begriff definiert?

Lesung bedeutet „die semantische Erschließung eines niedergeschriebenen (vorliegenden) Textes und das Erfassen der im Text enthaltenen Bedeutungen“. In diesem Sinne handelt es sich bei den von W. R. Schmalstieg, V. Mažiulis und W. P. Schmid vorgeschlagenen Interpretationsversuchen wohl kaum um skaitymai („Lesungen“), denn die genannten Forscher neskaito („lesen nicht“) die Baseler Spur, sondern gestalten sie radikal um. Erst die Häufung der vorgeschlagenen Korrekturen ergibt die gewünschte (vorweggenommene) Semantik. Das 1974–1975 formulierte Verständnis der Spur beruhte auf dem Modell: Anrede – negative Charakterisierung des Adressaten – Begründung dieser Charakterisierung. Eine solche auf Persiflagen beruhende „Lesung“ verlangte den Forschern eine Menge

² Auf F. 63r ist ein Weihnachtsliedersänger oder sind Weihnachtsliedersänger gezeichnet.

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Korrekturen. Als Beispiel seien die von V. Mažiulis vorgeschlagenen Korrekturen angeführt, bei denen nur eine einzige Form unversehrt bleibt – conį. Eg ‚wenn‘:

Originalformen:

V. Mažiulis zufolge ist zu korrigieren zu:

Kayle

Adj. Nom. Sg. Kayls oder Kayles ‚gesund‘

reky̨e

Subst. Nom. Sg. rekys ‚Herr‘

thoneaw

Pron. 2. Pers. Sg. thu ‚du‘ + Adv. neaw ‚nicht doch‘

labonache

Adj. Nom. Sg. labanats ‚Guter‘

thewely̨e

Subst. Nom. Sg. thewelys ‚Onkel‘

Wenn

–

koyte

Praes. 2. Pers. Sg. koy-tu ‚du willst‘ (mit enklitischem Pron. tu ‚du‘)

poyte

Inf. pot ‘trinken’

nykoyte

nykoy-tu vgl. koyte

pēnega

Subst. Akk. Sg. penigas ‘Geld’

doyte

Inf. dot ‘geben’

Die ihrem Wesen nach unterschiedlichen Korrekturen und die sie in ihrer Vielzahl begründenden Annahmen sorgten für die sogenannte „Flüssigkeit“ der Lesung. Das Ausmaß des „Eindringens“ in den vermeintlich „lesbaren“ Text wird durch Folgendes deutlich: Alle auf die eine oder andere Weise verbesserten Stellen sind der Reihe nach hervorgehoben:

Kayle Reky̨e. tho-neaw labonache thewely̨e. Eg · koy-te · poyte · nykoy-te · pēnega doyte ·

Eine Situation, in der von elf Formen nur eine „unversehrt“ bleibt und die meisten Formen an verschiedenen Stellen mehrfach unterschiedlich korrigiert werden, ist absurd, denn auf diese Weise wird die Semantik des Textes nicht rekonstruiert, sondern konstruiert – ebenso wie der Text selbst, der auf diese Weise „gelesen“ wird.

Wenn es im Text keine Anzeichen für Abschreibfehler gibt, muss der Philologe eine nichtinvasive Lektüre des Textes anstreben. Dies führt zu einer grundsätzlich anderen Strategie der Textlektüre: Die Begrüßung ist eine höfliche Anrede (des Weihnachtsliedersängers an den Hausherrn), mit Namen und unter Berücksichtigung des sozialen Merkmals, sowie eine durch den Imperativ ausgedrückte Aufforderung-Bitte.

3. Die nichtinvasive Lektüre der Basler Spur legt nahe, die bei der Interpretation von thoneaw und labonache auftretenden Probleme auszuräumen. Die Form thoneaw gilt als besonders problematisch: „Only ‘thoneaw’, in spite of the numerous interpretative hypotheses surrounding it, has remained rather obscure“ (Ardoino 2016: 13). Bislang wurde die in der Korrespondenz von Ch. Stang mit W. R. Schmalstieg geäußerte Deutung nur wenig aufgegriffen, der zufolge thoneaw eine konkrete Person bezeichnet (An)tonius.

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Namen: „[T]honeaw ist mir ziemlich unklar. Könnte es sich um einen Vokativ Singular eines nominalen u-Stamms handeln, vielleicht um einen Eigennamen?“ (nach Dini 2000: 201); „Stang (persönliche Mitteilung) meint, dass thoneaw ein Eigenname sein könnte. Wenn dem so ist, könnte das Couplet vom Schreiber selbst handeln, etwa: ‚Auf Ihr Wohl, mein Herr! Anthony ist ein prächtiger Bursche […]‘“ (McCluskey, Schmalstieg, Zeps 1975: 162). Neben Ch. Stang und W. R. Schmalstieg erwägen auch A. Bammesberger (Bammesberger 1998: 125–126), P. U. Dini (Dini 2000: 398) und I. Lemeškin (Lemeškin 2013: 21; 2017: 96) diese Möglichkeit, F. Kortlandt (Kortlandt 1998: 128) verwirft sie jedoch als theoretisch und nicht überzeugend. F. Kortlandt, der keinerlei Argumente zur Untermauerung seiner Behauptung vorgebracht hat, kann man nicht zustimmen.

Die Identifizierung als Personenname wird durch die Position und die funktional-strukturelle Analyse des Textes bestimmt. Das Geschlecht thoneaw steht nach dem etikettierenden Interj. *kaileis rīkis „Skalsink Dieve“ und vor der im Vokativ ausgedrückten Anrede gleichsam an einen Vater, thewelyłe; dadurch wird der Anthroponym natürlich zu sich „hingezogen“. Die für einen Personennamen günstige Position – zwischen dem Interj. Kayle rekyłe und dem Vok. Sg. thewelyłe – findet eine Entsprechung in der litauischen Parallele Buk sweykas ku-mey (VUB, f. 102–JR4: 63), auf die A. Nepokupnas aufgrund der Baseler Spur hingewiesen hat (Непокупный 1979: 167)³. Die prußische Konstruktion unterscheidet sich nur dadurch, dass sie um den Namen der konkreten angesprochenen Person erweitert ist.

Die weitere Konkretisierung der linguistischen Lesart der Baseler Spur (bislang die einzige; andere Versuche kann man unseres Erachtens nicht als Lesarten ansehen, da es sich um künstliche linguistische Reinterpretationen handelt) wird durch den italienischen Entstehungskontext der Baseler Spur bestimmt⁴. Der älteste Text in einer baltischen Sprache, der auf 1369 datiert wird, stammt aus dem Umfeld des litauischen Fürsten Butautas in Prag; die Niederschrift dieser Spur selbst wird mit der Reise Kaiser Karls IV., der Königin und ihres Gefolges nach Rom in den Jahren 1368–1369 in Verbindung gebracht. Die Abschrift des Werks von N. Oresme muss mit dem akademischen Umfeld der Prager Universität in den Jahren 1368–1369 zusammenhängen. Auch der Schöpfer der Baseler Spur dürfte diesem selben historischen und kulturellen Umfeld entstammen; die Spur selbst jedoch (als Bestandteil des Kolophons) wurde wahrscheinlich andernorts – in der Toskana – in eine gerade fertiggestellte oder bereits abgeschlossene Abschrift eingefügt (ausführlicher zu den möglichen Umständen und zum Kontext der Textentstehung siehe Lemeškin 2017; 2019).

³ Die von einem ukrainischen Baltisten zufällig gefundene Inschrift steht ebenfalls im Zusammenhang mit den Umständen der Niederschrift von Büchern: Jokingas tev buwa zmogus, kuris szta kniga raszie. Buk sweykas kumey. So reagierte eine andere Person auf den Priester, der das Kirchenbuch verfasst hatte.

⁴ Hier ist besonders zu betonen, dass der italienische Entstehungskontext der Spur nicht künstlich ausgewählt, das heißt nicht eigens „entdeckt“ wurde, um die Herkunft des rätselhaften thoneaw labonache zu „erklären“. Der historische Kontext wurde unabhängig davon und wesentlich später ermittelt (2013 → 2017); nachdem man sich das Original genauer angesehen hatte (die für die Realisierung von Eigennamen günstige Position), wurde eine entsprechende linguistische Interpretation dieser Wörter vorgeschlagen.

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Der in der Toskana weit verbreitete Taufname Antonio wurde regelmäßig zu Tonio /'tonjo/ verkürzt. Das zeigen auch die folgenden zeitlich nahe liegenden Beispiele aus dem Korpus Corpus OVI dell’ Italiano antico:

1 Simintendi, a. 1333 (tosc.) L. 12 3, 74.25

giacea (questo sa tuo padre), mandai lo coltello per gli fianchi di colui che spogliava. Tonio e Teleboas giacciono morti per la mia spada. Quelli avea prima portato lo ramo con

2 Cronaca sen. (1202–1362), c. 1362 123.6

schale e introro per una finestra e rupeno due uscia per volere amazare Mino e Tonio e ’l Porina figliuoli di miser Meio Talomei. E quando chostoro sentiro el busso del

3 Cronaca sen. (1202–1362), c. 1362 127.41

finì e nondimeno vi morì IIII persone: e uno el quale aveva nome Sano di Tonio, ligritiere, mise fuocho in santo Pavolo da lato di verso el Chanpo, e none ardendo

4 Doc. imol., 1350–1367 Debitori 16.1.1360 355.11

per 2 ciroli da le lode, pexò l. 1½: s. 9 a f. 124 r. Tonio Tartagno di avere per 468 fasadelli de legne de salexe, a s. 40.C.: monta

5 Doc. imol., 1383–1385 Ausgaben 21.11.1384 345.2

per fare pontelare la stazone ch’è cho gle fradi de Penitenzia che la tene Tonio da le Sele per traue e per una cholona e per murare Gostolo in somo

6 Doc. imol., 1383–1385 Ausgaben 21.11.1384 345.

una cholona e per murare Gostolo in somo L. VIIII e chasì pa el dito Tonio a maistri tochomene per la mitade L. IIII, s. X.

Die Endung -eaw entspräche in diesem Fall einer Vokativform. Dieselben Entstehungsumstände der Baseler Spur – Siena, 1369, der Vorabend der Heiligen Drei Könige – erlauben es, im Spektrum der Eigennamen elegant (d. h. ohne jegliche Korrekturen) die problematische Form labonache zu entschlüsseln, denn in ihr „tritt“ ein anderer italienischer Anthroponym „hervor“ – der in der Toskana besonders beliebte (bis heute) Familienname Bonacci /boˈnatʃ:i/, der im 13.–14. Jahrhundert mit dem Digraphen <ch> zur Bezeichnung der Affrikate geschrieben wurde (Larson 1988), z. B. laut Corpus OVI dell’ Italiano antico:

Doc. sen., 1277–1282 – S. 280, Zeile 30

a ssere Ristoro del Seta per factura d’ una charta di mille libre da Gulielmo Bonachi. Ancho III lib. et XIIII sol. et IIII den. nel dì ai signori de la

Fragen wirft nur das Element la- auf, das einen bestimmten Artikel im Femininum voraussetzt. Offenbar stützte sich der Schreibende auf weithin gebräuchliche bzw. vor Ort

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gehörte Anthroponyme, beherrschte aber die italienischen Artikel nicht: Statt debonachi (dē [dei < di + i] Bonacci „aus der Familie Bonacci“; zur Entstellung dieses Anthroponyms vgl. auch Guglielmo dei Bonacci > Leonardus fi [d. h. filius] Bonacci > Leonardo Fibonacci) ließ er aus metrischen Gründen (um einen dreisilbigen Fuß zu erhalten) die Präposition aus und schrieb den Artikel la.

Andererseits war die Herkunft des Familiennamens Bonachi (einer Ableitung von Personennamen des Typs Bono, Bonito, Ottobono, Omobono, Giambono...) allen klar: bon- < bonus (vgl. ital. bonaccia, mittellat. bonacia ‚Windstille‘ – nach malus parätymologisch umgebildet zu malacia ‚windstilles Meer‘). Da die Baseler Spur den Kolophon spielerisch fortsetzt (ludere scriptor eat), ließe sich hier auch eine einfallsreiche Wurzeldopplung erkennen: labonache = lab-bon-ache „lab-Bonier, guter Gutmann“. Eine solche Lesart bzw. eine übertrieben demütige Anrede, die gleichsam die Bedeutung der anderen prußischen Form bonache erklärt, passt zur Situation des Sternsingens, denn um gute Gaben zu erhalten, muss der Adressat geehrt werden: thoneaw labonache thewelyje „Anton, Lab-Gutmann, Väterchen“.

Somit lässt sich die geheimnisvolle Wortverbindung thoneaw labonache auffassen als thoneaw la bonache oder thoneaw la(b)bonache „[An]ton, [aus der] Familie Bonacci / [An]ton, Lab-Gutmann“. Der problematische Digraph <ch> muss nur aus baltistischer Sicht unbedingt korrigiert werden; bei der Baseler Spur findet sich jedoch keine redaktionelle Anmerkung, dass alle hier angeführten Wörter zum prußischen Lexikbestand gehören. Der aus baltistischer Sicht anomale Digraph, der zwischen der formelhaften Interjektion *kailes rīkis „Gott segne dich“ und der durch den Vokativ ausgedrückten Anrede thewelyje steht, ist ein gewichtiges Argument dafür, gerade an dieser Stelle ein fremdsprachiges Element zu erkennen – bzw. einen italienischen Anthroponym in seiner ursprünglichen Schreibweise. Wie hätte ein Pruße im 14. Jahrhundert sonst Eigennamen aus anderen Sprachen aufzeichnen sollen? Das Bestreben, ein fremdsprachiges Element zu litauisieren, ist wesentlich später belegt. Von der Absicht, im behandelten Zeitraum etwas „zu verprußisieren“, kann keine Rede sein.

Somit wird die Identifizierung italienischer Eigennamen im ältesten baltischen Text durch folgende Argumente gestützt:

a. Die Schreibung des Digraphen <ch> lässt sich nicht als Abschreibfehler erklären, denn die Spur weist keine Merkmale eines abgeschriebenen Textes auf. Für den Schreibenden muss er eine gewisse lautliche Bedeutung gehabt haben.

b. Der Baseler Kolophon von 1369 ist geografisch nicht an einen bestimmten Ort gebunden, d. h. die mögliche Geografie der Entstehung der Baseler Spur ist weit gefasst – folglich könnte darin eine fremde lokale Sprache berücksichtigt worden sein.

c. Die Identifizierung des Personennamens wird durch seine Position nahegelegt, die für die Verwendung von Anthroponymen spricht: nach der formelhaften Interjektion *kailes rīkis „Gott segne dich“ und vor der durch den Vokativ ausgedrückten Anrede, gleichsam an einen Vater, thewelyje.

d. Die aus baltischer Sicht problematische Form labonache steht neben dem rätselhaften Wort thoneaw. Wenn neben einer verwirrenden Form (aus prußischer Sicht),

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Da bereits Ch. Stang sie mit dem Taufnamen Antonijus verglichen hat, muss bei einer anderen, unklaren Form zunächst geprüft werden, ob es sich nicht um ein Onym fremder Herkunft handelt, denn die Verwendung zweier oder mehrerer Onyma in Folge (Vorname + Nachname; Vorname + Patronym; Vorname + Katoikonym) ist regelmäßig und sehr häufig. Dies erklärt, warum gerade an dieser Stelle, d. h. zwischen der Interjektion und der durch den Vokativ ausgedrückten Anrede, zwei undurchsichtige Formen (im Hinblick auf das Preußische) zusammenstehen:

Kayle Reky̨e · thoneaw labonache thewelyse · Eg · koyte · poyte · nykoyte · pėnega do yte ·

e. Eine nicht-invasive Lesart der Mischformen – aus der Perspektive italienischer Onyma – korreliert gut mit dem zuvor umrissenen historischen Kontext der Entstehung der Baseler Spur: der Hof Butautas in Prag (1365–1380) und der langjährige Aufenthalt dieses Hofes in der Toskana, genauer 1368–1369.

f. Die Schreibweise der genannten Onyma findet genaue Entsprechungen in der Datenbank Corpus OVI dell’Italiano antico.

g. Der genrebezogene Aspekt legt die Deutung als Personennamen nahe. In Weihnachtsliedern waren Personennamen ein übliches Phänomen (Lemeškin 2013). Es findet sich eine große Vielfalt: Arlaus­kas, Arlauskienė, Barisa, Bielinis, Čelna, Ignotas, Janulevičienė, Kaspara­vičius, Kašėta, Saikauskas, Kabaras, Valatka, Valatkienė, Velička, Adelė, Gabriū­kas, Juozas, Petrutis (KL 357, 345 A); Baltramiejus, Grinkevičienė, Tamošius, Žukauskas, Žukauskienė (KL 357, 345 B).

LITERATŪRA

Ardoino Diego 2016: Interpreting and translating Old Prussian micro­texts: the Trace of Basel. – Vertimo Studijos 9, 7–20.

Bammesberger Alfred 1998: Anmerkungen zum Baseler Epigramm. – Baltistik: Aufgaben und Methoden. Heidelberg: C. Winter, 121–126.

Corpus OVI dell’Italiano antico. Prieiga internete: http://gattoweb.ovi.cnr.it/(S(jr3myz­f3h3slmh453zzwor45))/CatForm01.aspx.

Dini Pietro Umberto 2000: Sul ‘Frammento di Basilea’ e altri inediti nel carteggio fra Chr. Stang e W. R. Schmalstieg. – Res Balticae 6, 195–209.

Dini Pietro Umberto 2004: Nota terminologica: come chiamare la scritta in prus­siano antico di Basilea? – Res Balticae 10, 243–246.

Dini Pietro Umberto 2014: Foundations of Baltic Languages. Vilnius: Eugrimas.

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ILJA LEMEŠKIN

Kortlandt Frederik 1998: Who is who in the Old Prussian Epigram. – Baltistík: Aufgaben und Methoden. Heidelberg: C. Winter, 127–128.

Larson Pär 1988: Italiano <ch>, <gh>: lingua germana in aure romana? – Studi linguistici italiani, 38–49.

Lemeškin Ilja 2013: Bazelio ketureilis / dvieilis – dovanų prašymo pavyzdys. – Acta Linguistica Lituanica 69, 11–29.

Lemeškin Ilja 2017: Bazelio kolofonas: tarp Prahos ir Sienos? – Incontri baltistici in Pisa. Studi e saggi (Studia baltica pisana 2). Novi Ligure: Joker Edizioni, 95–110.

Lemeškin Ilja 2019: Lithuanica aliter. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas.

Lemeškin Ilja 2020: Bazelio pėdsako pateikimo pozicija ir jos motyvacija pagal Kölno pėdsako (danų kalbos) analogiją. – Incontri baltistici in Pisa. Studi e saggi (Studia baltica pisana 3). Novi Ligure: Joker Edizioni (spaudoje).

Mažiulis Vytautas 1975: Seniausias baltų rašto paminklas. – Baltistica 11(2), 125–131.

McCluskey Stephen C., Schmalstieg William R., Zeps Valdis J. 1975: The Basel epigram: A new minor text in Old Prussian. – General Linguistics 15, 159–165.

Schmalstieg Williams R. 1974: An Old Prussian Grammar: The Phonology and Morphology of the Three Catechisms. University Park.

Schmid Wolfgang P. 1982: Jesus, ich leid. – Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, Sonderheft 50. Innsbruck: Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck, 205–208.

Непокупный Анатолий Павлович 1979: Балтійські родичі слов’ян. Київ: Наукова думка.

The Oldest Baltic Text and Its Anthroponyms

SUMMARY

The identification of Italian onyms in the composition of the oldest Baltic text is determined by the following arguments:

a. The insertion of the digraph <ch> cannot be explained as a transcription error, because the trace does not have the features of a transcribed text. In the eyes and ears of the scribe it must have had a certain phonetic meaning.

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b. The colophon of Basel of 1369 is not geographically linked with a specific location, i.e. the potential geography of the origin the Trace of Basel is broad; when the trace was being inscribed, some foreign local language could have been taken into account.

c. The identification of an anthroponym is determined by the position, which naturally supports the use of anthroponyms: it comes after the etiquette-based interjection *kaileis rūkis “good day” and before the address expressed in the vocative form thewelyfe as if addressing one’s father.

d. The word form problematic from the perspective of Baltic languages, labonache, comes next to the mysterious word thoneaw. If one confusing form (from the perspective of the Prussian language), which was compared (by Christian Stang already) to the first name Antony, comes next to another confusing word form, we must first check whether it is not an onym of foreign origin, because the use of two or more onyms next to one another (name + surname/nickname; name + patronymic; name + katoikonym) is a regular and very frequent phenomenon. It explains why two confusing forms (in terms of the Prussian language) stand together in this particular place, i.e. between the interjection and the address expressed in the vocative form:

Kayle rekyfe thoneaw labonache thewelyfe Eg koyte poyte nykoyte pėnega doyte

e. The non-invasive reading of mysterious forms – from the perspective of Italian onyms – well correlates with the historical context of the origin of the Trace of Basel discussed before: the manor of Butautas in Prague (1365–1380) and the long-term existence of this manor in Tuscany (1368–1369).

f. The inscription of the above onyms finds exact equivalents in the database Corpus OVI dell’Italiano antico.

g. The aspect of genre also invites us to see personal names. Personal names were a commonplace phenomenon in Christmas carols. A wide variety of them can be found: Arlauškas, Arlauskienė, Barisa, Bielinis, Čelna, Ignotas, Janulevičienė, Kasparavičius, Kašėta, Saikauskas, Kabaras, Valatka, Valatkienė, Velička, Adelė, Gabriukas, Juozas, Petrutis (KL 357, 345 A); Baltrameijus, Grinkevičienė, Tamošius, Žukauskas, Žukauskienė (KL 357, 345 B).

Įteikta 2019 m. gruodžio 1 d.

ILJA LEMEŠKIN

Lietuvių kalbos institutas Petro Vileišio g. 5, LT–10308 Vilnius, Lietuva [email protected]

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