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DALIA SVIDERSKIENĖ

Institut für Litauische Sprache

ORCID-ID: orcid.org/0000-0003-3060-4713

Forschungsrichtung: Onomastik (Untersuchungen zur Bildung, Nomination, Motivation und Semantik von Eigennamen).

DOI: doi.org/10.35321/all88-04

DIE STRUKTUR DER TOPONOMASTISCHEN SCHICHT IM SOZIAL-GEOGRAFISCHEN RAUM DES DORFES ŠEIMYNIŠKĖLIAI NACH DEN DATEN DES FLURNAMENFRAGEBOGENS (1935)

Die Struktur der toponymischen Schicht im sozialgeografischen Raum des Dorfes Šeimyniškėliai auf der Grundlage des Land Names Questionnaire (1935)

ABSTRACT

Auf der Grundlage der 97 Einheiten umfassenden, durch toponymische Vielfalt gekennzeichneten Sammlung der Eigennamen aus dem Dorf Šeimyniškėliai im Amtsbezirk Anykščiai des Kreises Utena, die in der Žemės vardų anketos (1935) enthalten ist, wurde eine komplexe Analyse der im Gebiet dieser Siedlung aus der lebendigen Sprache aufgezeichneten Onyme durchgeführt und wird im vorliegenden Artikel vorgestellt. Die standardisierten Fragebogenblätter enthalten im Rahmen der Befragung von Informanten gewonnene und aufgezeichnete extralinguistische Informationen über die Struktur der Siedlung und Einzelheiten der Landschaft, auf den Erfahrungen der Einheimischen beruhende Bemerkungen sowie enzyklopädische Angaben über die Region und ihre territorialen Grenzmarken: den Šeimyniškėlių piliakalnį (Vórutą), den alten Friedhof Kapaničą in Šeimyniškėliai, das Šeimyniškių Dorf, die Flüsse des Šventosios-Beckens Ełmę und Vó l upį sowie das Nomenklatursystem der linearen Objekte – Wege und (Quer-)Gassen, anders: ūlytėlės – des für Aukštaitija typischen Straßendorfs. Dies ermöglichte es, den Raum des besiedelten Ortes sowohl „von innen“ (aus der Position des Benenners) als auch „von außen“ zu betrachten, d. h. die Ortsnamen aus linguistischer Perspektive zu bewerten, eine kohärente Identität des Ortes und seiner Namen zu rekonstruieren und den im Sprachgebrauch der Vertreter der Sprachgemeinschaft aktualisierten raumzeitlichen Inhalt, ihre Orientierungsprioritäten und kommunikativen Leitlinien zu ermitteln (zu interpretieren).

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DALIA SVIDERSKIENĖ

SCHLÜSSELWÖRTER: Bedeutung von Ortsnamen im Sprachgebrauch, Motivation, onomastische Benennungsgründe, psychologische Benennungsgründe, Explikation mehrschichtiger toponymischer Strukturen.

ANNOTATION

Ausgehend von der toponymisch vielfältigen Sammlung von 97 Eigennameneinheiten aus dem Dorf Šeimyniškėliai (Bezirk Anykščiai, Kreis Utena), die in der Land Names Questionnaire (1935) enthalten ist, wurde eine komplexe Analyse der im Gebiet der Siedlung aus der gesprochenen Sprache erhobenen Onyme durchgeführt, die im vorliegenden Artikel vorgestellt wird. Die extralinguistischen Informationen über die Struktur der Siedlung und die Elemente ihrer Landschaft, die im Verlauf der Befragung von den Informanten gesammelt und auf den standardisierten Fragebogenblättern festgehalten wurden, ebenso wie die auf den Erfahrungen der Einheimischen beruhenden Bemerkungen und die enzyklopädischen Angaben über die Region und ihre territorialen Grenzmarken – den Šeimyniškėliai hillfort (Vóruta), die alte Begräbnisstätte Šeimyniškėliai Kapanica, das Šeimyniškiai village, die Flüsse des Šventoji-Beckens Elmė und Vólupis sowie das Nomenklatursystem der linearen Objekte, d. h. der Wege und (Quer-)Straßen, auch ūlytėlės genannt, des sogenannten linearen, für die Region Aukštaitija typischen Dorfes ermöglichten es, den Raum der bewohnten Siedlung sowohl „von innen“ (aus der Position des Informanten) als auch „von außen“ zu betrachten, d. h. Ortsnamen aus linguistischer Perspektive zu bewerten, eine kohärente Identität des Gebietes und seiner Namen zu rekonstruieren, den in der gesprochenen Sprache der Vertreter der Sprachgemeinschaft zum Ausdruck gebrachten raumzeitlichen Inhalt, ihre Orientierungsprioritäten und kommunikativen Leitlinien zu interpretieren.

SCHLÜSSELWÖRTER: Bedeutung von Ortsnamen im Sprachgebrauch, Motivation, onomastische Benennungsgründe, psychologische Benennungsgründe, Explikation der vielschichtigen toponymischen Struktur.

EINLEITUNG

In der Sprachwissenschaft wird Motivation gewöhnlich als Beziehung eines Wortes zu anderen Wörtern, Morphemen u. Ä. definiert, die die Wahl seiner formalen Zusammensetzung bestimmen und seine Bedeutung bedingen (vgl. Jakaitienė 1980: 26 zur Appellativlexik), beziehungsweise als extralinguistischer Grund für die Auswahl oder Schaffung des erforderlichen Eigennamens zur Benennung eines bestimmten Objekts (vgl. Podołskaja 1978: 87 zur Eigennamenlexik). Wie die Ergebnisse der litauischen toponymischen Forschung zeigen (LOFGN 2019, Hrsg. Grasilda Blažienė, Laimutis Bilkis; Tamulaitienė 2021 u. a.), erneuert sich die Eigennamenlexik tendenziell, indem sie die vorhandene sprachliche Gesamtheit und die Verfahren der Namenschöpfung „nutzt“. Die so entstandenen Ableitungen, Komposita, zusammengesetzten Namen

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Toponomastinio sluoksnio struktūra socialinėje–geografinėje Šeimyniškėlių kaimo erdvėje Žemės vardų anketos (1935) duomenimis

umfangreichere Namen mit zusammengesetzter Struktur und präpositionalen Komponenten haben in der Sprache eine Grundlage und sind motiviert. Die Untersuchungen zur Nomination und Motivation von Vertretern verschiedener semantischer Gruppen (Phytonyme, Zoonyme, Mykon̈yme, Personennamen, Ortsnamen)1 haben die typischsten Merkmale der die Gruppen bildenden Einheiten der Appellativ- und Eigennamenlexik sowie die charakteristischste, sowohl durch objektive als auch durch subjektive Gründe bedingte Motivation2 aufgezeigt. In jüngerer Zeit gelangen auch topografische Einheiten geschlossener bewohnter Räume und ihre Gruppen in den Blick der Nominationsforschung. Veslava Sidaravičienė (2018) untersuchte den urbanen Raum Vilnius mit seiner authentischen mehrsprachigen Gesamtheit; die Eigennamenlexik von Dörfern, Städten und Gartenbauvereinen erforschten Razumovas 2013; Mezenko 2015; 2017; Mezenko, Vasil’eva, Galkovskaja 2017 u. a. Diese Art von Onymie besitzt einen eigenen Terminus zur Bezeichnung der genannten thematischen Gruppen: Konlokatonym (lat. conlocationem) „Siedlungsname“. Den durchgeführten Untersuchungen zufolge weist die Benennung spezifischer topografischer Objekte innerhalb der Siedlungsgrenzen zahlreiche Merkmale auf, die auf verschiedenen Sprachebenen festgestellt werden – der lexikalisch-semantischen, nominativen, strukturellen, grammatischen und linguokulturellen. Zu den Merkmalen, die die Lexik einer Gruppe von der einer anderen unterscheiden, gehören: der Namensbestand, der unterschiedlichen Nominationsprinzipien entspricht, der Produktivitätsgrad der festgestellten Modelle, Anzahl und Verhältnis der strukturellen (derivativen) Namenstypen, das Inventar der Nomenklaturtermini, die Orientierungsprioritäten der Siedlungsbewohner u. a. Nach der Analyse der Benennungen bewohnter Orte wird festgestellt, dass die genannten Varianten der Bezeichnungen topografischer Objekte als autonome Kategorien von innerhalb der Siedlung befindlichen Namen gelten können, die den Konlokationssektor repräsentieren (vgl. auch Mezenko 2017). Somit bieten Untersuchungen der Namen topografischer Objekte, die in Siedlungen verschiedener Typen funktionieren, gute Zukunftsperspektiven – im Vergleich angewandt, liefern sie zusätzliches Material nicht nur zur Bestimmung von Unterschieden, sondern auch allgemeiner Tendenzen. Aufgrund seiner Spezifik eignet sich der Konlokationssektor besonders als Gegenstand einer anthropozentrisch ausgerichteten Linguistik, da die Sprache im Rahmen der kognitiven Richtung zusammen mit anderen Komponenten untersucht wird: der Reaktion des Individuums auf die Umwelt, dem Denken, den Erinnerungen und der Vorstellungskraft. Dies ermöglicht zu klären, welche Rolle Sprachformen bei der Widerspiegelung der spezifischen Merkmale dieser Prozesse sowie bei der besonderen Nutzung der gewonnenen Ergebnisse spielen (vgl. Wulf 2000; Blanár 2004; Selivanova 2012; Wenzel 2014: 384–385; Skorupa 2021; Sviderskienė 2022 u. a.). Außerdem hat sich in den neuesten toponymischen Untersuchungen auch das Verständnis der Bedeutung einer Spracheinheit verändert; sie wird als Verbalisierung eines bestimmten Begriffs, eines integralen Teils des Gesamtsystems der Begriffe, verstanden. Das vielschichtige Begriffssystem, die Besonderheiten seiner Struktur, von denen

1 Zu diesen Untersuchungen siehe auch Sviderskienė 2022: 44.

2 Zu diesen Gründen siehe Butkus 1995: 25; Wenzel 2014: 188.

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insbesondere auch die Definition der Nomination abhängt, ermöglichen es zudem, die Wahl der einen oder anderen Spracheinheit im Kontext des gesamten semantischen Feldes, dem sie angehört, zu verstehen und zu erklären.

In der litauischen Toponymik werden die Namen kleiner territorialer Einheiten Flurnamen³ genannt. Sie werden im Rahmen regionaler Untersuchungen erforscht, doch wurden Flurnamen bislang noch nicht in das Feld einer detaillierteren topografischen Untersuchung des territorialen Sektors einbezogen. Den Ergebnissen regionaler Untersuchungen zufolge besitzen sie einen räumlichen Bezug, geben Auskunft über Art und Entwicklung der Siedlung sowie über die wirtschaftliche Nutzung des Gebiets und spiegeln die natürlichen Besonderheiten eines bestimmten Raumes wider. Flurnamen ermöglichen die Rekonstruktion der Inhalte des vergangenen Jahrhunderts und stellen zugleich die Lebenswirklichkeit der Menschen im Zwischenkrieg wieder her. Ein korrektes Verständnis dieser Ony̆me liefert reichhaltiges Material für Landschaftsuntersuchungen, für die Erforschung der wirtschaftlichen Tätigkeit und der ethnischen Zugehörigkeit der Bewohner u. a. Flurnamen bewahren zahlreiche Termini, die diese Ortsnamen bilden; ihre normative Schreibweise ist sowohl für die Sprachwissenschaft als auch für die Kartografie wichtig. Neben den bereits genannten Gründen, die diese Untersuchung spezifischer topografischer Objekte innerhalb der Siedlungsgrenzen angeregt haben, ist auch die Gefahr des Verlusts von Flurnamen zu erwähnen. Allgemein wird anerkannt, dass Flurnamen besondere Sprach- und Geschichtsdokumente für die Namenkunde, Sprachwissenschaft, Geschichte, Geografie und andere Wissenschaftsbereiche darstellen (Waser 2004: 349; Wenzel 2014: 167).

Auf der Grundlage der Sammlung von Eigennamen aus dem Flurnamenfragebogen⁴ (1935) des Dorfes Šeimyniškėliai im Amtsbezirk Anykščiai des Kreises Utena, die durch eine toponomastische Vielfalt von 97 Ortsbezeichnungen gekennzeichnet ist, wird im Folgenden ein der Rekonstruktion zugänglicher Bedeutungsbestandteil des Erbes der Zwischenkriegszeit beschrieben, der Aufschluss darüber gibt, wie der innere Mechanismus der Sprache funktioniert, der sich in der Wechselwirkung der in der Siedlung aufgezeichneten Eigennamen mit dem gesamten Denkinhalt des Individuums offenbart.

Nach den heutigen enzyklopädischen Angaben liegt das Dorf Šeimyniškėliai in der Gemeinde Anykščiai, 1,5 Kilometer nördlich von Anykščiai. An seinem Westrand grenzt es an das linke Ufer des Flusses Šventoji, im Nordwesten an den Fluss Varius. Durch das Dorf fließt der Fluss Eĺmė – ein linker Nebenfluss der Šventoji –, Vėlpuis, ein linker Nebenfluss der Eĺmė; hier befindet sich auch der Zusammenfluss dieser Flüsse. Das Dorf Šeimyniškėliai grenzt an die Dörfer Gōjus, Pavariai, Paelmis und Naujieji Eĺmininkai sowie an die Stadt Anykščiai. Der Burgberg Šeimyniškėliai, Vōruta genannt, liegt am nördlichen Rand von Anykščiai, an der Straße nach Rokiškis, beim Dorf Naujieji Eĺmininkai (vgl. Abb. 1).

³ Zum Umfang des Begriffs Flurname siehe Sviderskienė 2020. In der wissenschaftlichen Publikation werden auf der Grundlage von Kazys Alminauskis’ Anleitung zur Erfassung des litauischen Flurnamenbestands (im Folgenden – LŽVI) die Entstehungsumstände des Terminus im Kontext der landesweiten Erfassung der Ortsnamen in den Fragebögen des litauischen Flurnamenbestands 1935–1937 dargelegt.

⁴ Die toponomastischen Auskunftspersonen waren Vincas Tuskenis und Anelė Pakštienė; Geburtsort beider war Šeimyniškėliai. Wie im Fragebogen angegeben, gehörten die Auskunftspersonen zur Altersgruppe von 40–60 Jahren (im Fragebogen ist das Alter der Gewährspersonen als Jahresintervall angegeben).

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Toponomastinio sluoksnio struktūra socialinėje–geografinėje Šeimyniškėlių kaimo erdvėje Žemės vardų anketos (1935) duomenimis

ABB. 1. Die heutige territoriale Lage des Dorfes Šeimyniškėliai und des Burgbergs Šeimyniškėliai nach den Daten der Google-Karte (abgerufen am 08.09.2022)

Der Burgberg wurde 1990–2005 vom Archäologen Gintautas Zabiela5 untersucht. Heute ist er der am umfassendsten erforschte Burgberg Litauens und einer der am gründlichsten untersuchten im gesamten Ostseeraum. Dieser sattelförmige, längliche Berg erhebt sich zwischen zwei Senken, liegt in der Mitte eines von vier [wohl: Erhebungen] und ist durch tiefe Einschnitte vom übrigen Teil des Höhenrückens getrennt. Die Hänge des Burgbergs sind heute nur etwa 25 m hoch, jedoch sehr steil. Nach dendrochronologischen Untersuchungen wurde der Burgberg im Jahr 1232 angelegt. Er wird mit der einzigen bekannten Burg des Königs Mindaugas, Vóruta6, in Verbindung gebracht. Aus heutiger Sicht wirkt der Verweis auf den Burgberg daher auch als touristische (oder sogar kommerzielle) Attraktion – als Anziehungspunkt in einem bewohnten Gebiet.

Das Ziel des Beitrags besteht darin, auf der Grundlage miteinander verbundener historisch-kultureller Daten der Landschaft und des bewohnten Ortes sowie des 1935 durch Befragung gewonnenen und aufgezeichneten empirischen Materials eine detaillierte Untersuchung der aus der gesprochenen Sprache erfassten dörflichen Toponymie durchzuführen: die Ausdrucksformen und die Bedeutung der Namen der Siedlung und ihres Umfelds zu analysieren

5 Näheres siehe Zabiela 1992; 1992a; 1993.

6 Näheres siehe die Artikel in VLEe. Online verfügbar unter: https://www.vle.lt/straipsnis/seimyniskiu-pilia-kalnis/; https://www.vle.lt/straipsnis/voruta/ [abgerufen am 27.09.2022].

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und ihre Bedeutung zu untersuchen, die aus der linguistischen Analyse gewonnenen Daten zu interpretieren, die Identität des Ortes und seiner Namen zu erklären sowie die gegenseitige räumliche Anordnung und den Zusammenhang (die Struktur) der zusammengesetzten Teile des bewohnten Ortes zu bestimmen.

Zur Verwirklichung des Ziels sind folgende Aufgaben zu lösen: 1) die im Fragebogen festgehaltenen Informationen über die benannten Objekte zu analysieren; 2) die aus der gesprochenen Sprache aufgezeichneten damaligen situativen Daten anhand der von den Gewährspersonen über die Objekte geäußerten Wörter oder Aussagen zu bewerten; 3) sie mit der älteren und dialektalen Lexik und ihrer Semantik zu vergleichen, die im elektronischen Wörterbuch der litauischen Sprache (im Folgenden – LKŽe) erfasst ist; 4) die objektivsten und subjektivsten Gründe des Benennungsprozesses zu identifizieren; 5) das Benennungsmerkmal bzw. die Benennungsmerkmale offenzulegen; 6) zu erklären: a) was die Ortsnamen im Sprachgebrauch bedeuteten (konnotierten), b) welche Information sie über das Objekt vermittelten und welchen Begriff (oder Teil eines Begriffs) sie bezeichneten; 7) die von den Ortsnamen repräsentierten Schemata der onomastischen Nomination aufzuzeichnen.

Wert der Untersuchung: Die Untersuchungsergebnisse werden der Sammlung, Systematisierung und Aufnahme von Sprachdaten, ihren Typen und Modellen in ein breiteres Feld regionaler Untersuchungen dienen, zur Aufklärung verschiedener Regelmäßigkeiten beitragen, die unter etymologischem, ethnolinguistischem, ethnogeografischem und kognitivem Gesichtspunkt von Bedeutung sind, Kenntnisse über die Geschichte und räumliche Entwicklung des Ortes sowie über die ethnografische Region Aukštaitija⁷ vermitteln. Das Beispiel der Explikation der linguistischen Landschaft kann als methodologisches Instrument für die Untersuchung der Toponymie bewohnter Orte größerer territorialer Einheiten und anderer Regionen genutzt werden. Die durchgeführte detaillierte komplexe Untersuchung wird dazu beitragen, die toponomastische Wissenschaft praktisch anzuwenden. Unter Nutzung der im Fragebogen festgehaltenen Daten zur räumlichen Organisation der Parzellensiedlung könnten bei Bedarf die Flächen der Grundstücke und ihre physischen Grenzen präzisiert sowie Lokalisierungskartogramme für registrierte Kulturdenkmalsgrundstücke in den Gebieten der Gemeinden erstellt werden, wodurch die auch in den Fragebögen aus der Zeit des unabhängigen Litauens bezeugte Kartografietradition fortgesetzt würde (vgl. Abb. 2). Der Fragebogen des Dorfes Šeimyniškėliai ist nur eine von vielen Quellen, die auch in der Topografie genutzt werden können.

Im Beitrag werden Vertreter geogener und anthropogener semantischer Gruppen vorgestellt, die im Dorf Šeimyniškėliai im Gebiet der ostaukštaitischen Mundart, der Sprechweise von Anykščiai, aufgezeichnet wurden. Zu ihrer Analyse wurden die wissenschaftliche Erkenntnismethode (Gruppierung der Ony̆me in bestimmte Gruppen anhand ihrer Ähnlichkeiten oder Unterschiede nach ausgewählten Kriterien: benannte Objekte⁸, Wortarten, lexikalischer Status der Bildungs- bzw. Nominationsgrundlage, semantische und formale Struktur, Benennungsprinzipien u. a.), Methoden der inneren Rekonstruktion, der Komponentenanalyse, der pragmatischen und kognitiven Interpretation sowie die deskriptiven Methoden angewandt. Die im Fragebogen aufgezeichneten Ortsnamen wurden zunächst im Kontext des toponymischen Systems des Untersuchungsgebiets bewertet, bei Bedarf

⁷ 2023 – das Jahr Aukštaitijas.

⁸ Nach semantischen Gruppen (im Folgenden – SG).

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verglichen und auch mit den Vertretern des gesamten Sprachgebiets, die aus der lebendigen Sprache in der Ortsnamenkartei (im Folgenden – VK) aufgezeichnet wurden. Bei der Analyse der Ortsnamen werden die Geografie der als Benennungsgrundlage dienenden Einheiten der Appellativ- und Eigennamenlexik, wie sie in lexikografischen Quellen erfasst ist, sowie die im Kontext bereits durchgeführter Untersuchungen dieses Bereichs entwickelte Version der Erklärung von Nomination und Motivation berücksichtigt (zu allen Quellen siehe am Ende des Beitrags); ferner werden die in der Toponymieforschung üblichen und etablierten Kriterien der Materialpräsentation beibehalten⁹.

ABB. 2. Kartogramm der Lage der in den Flurnamenfragebogen (1935) eingetragenen Flurnamen in der Siedlung Piktagalis im Amtsbezirk Anykščiai des Kreises Utena sowie der Lage dieses Dorfes im Verhältnis zu den anderen Dörfern des Amtsbezirks und zu den Himmelsrichtungen (Foto des Kartogramms aus dem Archiv des Zentrums für baltische Sprach- und Namenforschung des LKI)

⁹ Zur Ordnung der Analyse und zur Gliederung des Materials siehe auch Sviderskienė 2017: 246–247; 2022: 43–45. Im Beitrag werden die Abkürzungen wie in den Quellen verwendet; sie werden nicht gesondert erläutert.

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1. BENENNUNGEN NACH DEN EIGENSCHAFTEN DER (GEO-)OBJEKTE

1.1. Vertreter direkter Nomination.

1.1.1. Desubstantivische Bildungen.

1.1.1.1. Sekundäre Bildungen, die durch Onymisierung entstanden sind, indem ein geografischer oder ein anderer Nomenklaturterminus (entsprechend GNT und NT; im Folgenden – (G)NT) in die Klasse der Toponyme überging. Dieser onomastische Prozess wird durch das allgemeine Nominationsschema (G)NT ⇒ Toponym ausgedrückt. Im Folgenden werden einzelne Fälle der Toponymie des Untersuchungsgebiets erläutert, die nach diesem Schema entstanden sind: Dirvū́nas Ackerflur, vgl. die typischste und eine Nebenbedeutung des Appellativs dirvū́nas „aufgelassener, unbestellter, überwachsener Boden“, „umgepflügte Wiese“; bei der Benennung wurde vermutlich die Nebenbedeutung aktualisiert¹¹; Liū́nas Wiese (schwankender Schlamm)¹², vgl. lit. liū́nas „nachgebende Mooskruste im Moor, an vermoorten Seen oder Flüssen“ und „Sumpf, Morast“. Zum Flurnamen Salà Ackerflur wurde im Fragebogen eine Information vermerkt, die eine solche Wahrnehmung des bezeichneten Objekts erklärt: zwischen den Sümpfen und dem Fluss Šventoji [...]. Daraus ließ sich schließen, dass die Bedeutung des Ortsnamens im Sprachgebrauch ein kleines Ackerlandstück, das zwischen Sümpfen und dem Fluss erhöht liegt war; vgl. die Nebenbedeutung des lit. salà „ein Acker- oder Bodenstück zwischen Wiesen“ || „eine kleine Wiese mitten in einem Sommergetreide- oder Roggenfeld“, ferner den in einem anderen Gebiet aufgezeichneten Wiesennamen Sālos mit der erweiterten Objektangabe sandig, vom Fluss Varduva umgeben (VK¹³). Zwei pluralia-tantum-Formen dieses Typs von Ortsnamen wurden aufgezeichnet: Kapaĩ Friedhofsflur¹⁴ – Ort der Gräber, vgl. die typischste Bedeutung von lit. kapai „Ort, an dem Menschen bestattet werden“; Lãnkos Wiese (4 ha; am Fluss Šventoji), vgl. lit. lankà große ebene Wiese, gewöhnlich an einem Fluss gelegen und während des Hochwassers überschwemmt¹⁵.

1.1.1.2. Der Name eines Objekts, das in horizontaler Richtung eine kleine Raumfläche einnimmt, ist nach dem Schema GNT + –elė ⇒ Flurname gebildet: Brastelė Furche (Brastelė; vier Meter über den Bach Elmė), vgl. brastà „flache Stelle eines Flusses, an der man zu Fuß oder mit einem Fahrzeug hinübergehen bzw. -fahren kann“¹⁶. Der Name eines Objekts, das in vertikaler Richtung eine kleine Raumfläche einnimmt

¹⁰ Zu diesem Terminus siehe Podol’skaja 1978: 95–96; TMOI 37, 40, 42, 48 u. a.

¹¹ Zum besseren Verständnis der gegenseitigen Lage und des Zusammenhangs der bezeichneten Objekte innerhalb der Siedlung vgl. ferner den im Fragebogen aufgezeichneten Namen der 1,5 ha großen Ackerflur Didísaı dirvū́nas.

¹² Weitere Angaben aus dem Fragebogen: Flachs wird eingeweicht, es gibt viele Fische.

¹³ Fragebogen zu den Flurnamen des Dorfes Rimoliai im Amtsbezirk Seda des Kreises Mažeikiai.

¹⁴ Nach den Angaben des Fragebogens: 0,2 ha; an der Straße nach Anykščiai.

¹⁵ Zum besseren Verständnis der gegenseitigen Lage und des Zusammenhangs der bezeichneten Objekte innerhalb der Siedlung vgl. ferner den Namen der kleinen Wiese (0,3 ha; zwischen dem Wäldchen Biliūnas und dem Fluss Šventoji) Lankelė (vgl. 2.1.1.).

¹⁶ Siehe auch LVŽ I 547–549.

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Toponomastinio sluoksnio struktūra socialinėje–geografinėje Šeimyniškėlių kaimo erdvėje Žemės vardų anketos (1935) duomenimis

(im Sinne einer Vertiefung) einnehmenden Objekts ist nach demselben Schema gebildet: Duobėlė Schlamm (Dumblas; 0,1 ha; nördlich des Dorfes Šeimyniškėliai am Bach Elmė), vgl. duobė „ausgegrabene oder anderweitig eingesunkene Stelle in der Erde; Senke, Tal, Vertiefung“17.

1.1.1.3. Bei der Benennung wurde aktualisiert, was in einem bestimmten Siedlungsgebiet vorhanden ist, wächst u. Ä.

(1) Terminologische Gruppe der unbelebten Natur18 Bezeichnung eines Vertreters (Stein, dial. kìmsas) + –ynė ⇒ Flurname: Akmenynė Untiefe [in der Šventoji], vgl. lit. akmenynė „Boden, Erde, Stelle eines Feldes mit vielen Steinen, steiniger Feldabschnitt“, seklumà „flache Stelle in einem Fluss […]“. Die verallgemeinerte Bedeutung dieses Ortsnamens ist „flache Stelle mit steinigem Grund“ in der Šventoji; Kemšynė (auch Kimšynė) Wiese (Schlamm), vgl. dial. kimšynė = kemšynė „mit kemšai bewachsene Stelle“; die Bedeutung des Ortsnamens ist „mit kemsai bewachsene Wiese“. Bezeichnung eines Pflanzenvertreters der terminologischen Gruppe (Weide) + –ynė ⇒ Flurname: Karklynė Weide, vgl. karklynė „Ort, der mit Weiden bewachsen ist, Weidengebüsch“19; die Bedeutung des Ortsnamens ist „Weideland, das mit Weiden bewachsen ist“.

(2) Der steinige, stellenweise mit Bäumen bewachsene und 0,3 km nördlich des Dorfes verlaufende „Höhenzug“20 wurde Karčkalnis Ackerflur, Berg (Sand mit Lehm; 3 ha; steinig21) genannt, vgl. lit. kãrtis „Reihe, Kette“, kálnas. Andererseits vgl. hinsichtlich des ersten Bestandteils des Bergnamens karč- lit. kártis „Haare einiger Tiere am Nacken, Mähne“; ferner die Information über das Denotat im Fragebogen: stellenweise mit Bäumen bewachsen. Aus der Perspektive des Dorfgebiets konnte der weiter entfernt liegende Berg, dessen Gipfel mit wenigen Bäumen bewachsen war, beim Benennenden sowohl den Eindruck des Nackenhaars eines Tieres als auch den eines Kamms hervorrufen. Bei der Benennung wurden daher vermutlich die Eigenschaften des Gipfels aktualisiert: steinig [Berg] oder [Berg] mit Bäumen. Das Nominationsschema des Flurnamens mit der motivierenden Lexem kãrtis (kartis?) lautet – LM + GNT ⇒ Flurname (Oronym).

Das Schema mit dem motivierenden Lexem LM + GNT ⇒ Flurname (Drimonym) zeigt, dass das kleine Wäldchen nach seiner Bedeutung im Leben des Zwischenkriegsdorfbewohners benannt wurde: Pakūrmiškis Wäldchen22, vgl. lit. pãkūros „Brennholz, Brennstoff“. Das markierte Glied der Arbeitsopposition (Bezeichnung des Brennholzes pãkuros) zeigt, dass man in diesen nahe am Dorf gelegenen Wald fuhr, um Späne und Birkenrinde als Brennmaterial zu beschaffen. Somit ist Pakūrmiškis ein „Wald mit Brennstoffressourcen“.

17 Siehe auch LVŽ II 397–403.

18 TG – terminologische Gruppe.

19 Im Fragebogen wurden weitere Angaben zum bezeichneten Ort festgehalten: Schwarzerdeboden; 0,5 ha; nördlich des Dorfes Šeimyniškėliai; nass, am Waldrand.

20 Lit. kalnynas „Bergkette, Gesamtheit von Bergzügen“.

21 In der Beschreibung der Daten zum Denotat im späteren Fragebogen des Dorfes Šeimyniškėliai (1961) heißt es: Karčkalnis – ein sehr steiler Berg, der in alter Zeit befestigt war; etwas kleiner als Voruta, unmittelbar am Fluss Šventoji.

22 Nach den Angaben des Fragebogens: 0,5 ha groß; 1,5 km nordöstlich des Dorfes Šeimyniškėliai.

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1.1.2. Deadjektivische Bildungen.

1.1.2.1. Vertreter der Oronym-SG: Dubė Berg. Obwohl im Fragebogen weitere Informationen enthalten sind, wurden keine erläuternden Angaben gefunden; der Name der Erhebung ist als Ableitung mit der Endung –ė zu bewerten. Diese Form des Ortsnamens wurde vermutlich aufgrund der physischen Eigenschaften des Ortes gewählt – seiner eingesunkenen oder grubigen Oberfläche, vgl. lit. dubùs, –i ‘įdubęs, įduobtas, gilus; duobėtas, duburiuotas’.

1.1.2.2. Vertreter der Agronym-SG, gebildet aus bestimmten Adjektiven. Sie sind untereinander nicht gleichartig.

(1) Einwort-Onyme, deren Objektbezug (das verkürzte GNT) aus ihrer Semantik nicht eliminiert wird: Ilgōji Wiese; die zusätzliche Information des Fragebogens am Rand des Baches Elmė erklärt die Lage der Wiese in dieser Landschaftszone – eine Wiese parallel zum Uferstreifen. Daher ist verständlich, warum sie Ilgōji genannt wurde, vgl. lit. ilgōji, ferner ilgas, –a „etwas, das der Länge nach verläuft, toli (erdvėje)’²⁴; Siaurōji Wiese (Schwarzerde; 0,5 ha; nass), vgl. lit. siaurōji, ferner siauras, –a „das geringe Breite besitzt“.

(2) Zweigliedrige Onyme, die dem Schema attributives Bestimmungsgefüge ⇔ Flurname entsprechen: Didisai dirvōnas ar. ž. (1,5 ha)²⁵, vgl. lit. didisai, ferner vgl. didis, –ė (–ẽ, –ì, didžia) ‘seiner Ausdehnung nach bemerkenswert, groß’, dirvōnas ‘umgepflügte Wiese’²⁶; ferner vgl. pakraštys ‘Ort am Rand; Uferbereich’; Ilgasai liūnas ln. (Sumpf; 0,5 ha; vom Dorf Šeimyniškėliai aus westlich), vgl. lit. ilgasai, vgl. ilgas, –a ‘was sich in die Länge erstreckt, weit (im Raum)’. Die Bedeutung dieses Helonyms ist somit: ein westlich vom Dorf langgezogener Sumpf²⁷.

1.1.3. Deverbativum.

Belegt ist ein Vertreter der Gewässernamen-SG, entstanden aus dem Verb der gerichteten Bewegung mit horizontaler Verschiebung elmėti²⁸: Elmė Fluss²⁹ (schnell fließender, steiniger [Bach]; 9 km; beim Dorf Šeimyniškėliai mündet er in den Fluss Šventoji). Bei der Benennung wurde auch das in einer bestimmten Landschaftszone hervorgerufene Geräusch des Hydroobjekts

²³ Siehe ferner LVŽ II 346–353.

²⁴ Siehe ferner LVŽ IV 12–30.

²⁵ Den Angaben des Fragebogens zufolge liegt der Acker außerhalb der Siedlung, bei dem Dorf Niūroniai und den staatlichen Waldflächen im Gebiet Nergelis; ringsum Sumpf; dazu siehe ferner LVŽ II 224–242.

²⁶ Damit die gegenseitige Lage und Verbindung der benannten Objekte innerhalb der Siedlung besser verständlich werden, vgl. ferner den Namen des 1 ha großen Ackers Dirvōnas: lit. dirvōnas ‘aufgegebenes, nicht bewirtschaftetes, überwuchertes Ackerland; umgepflügte Wiese’.

²⁷ Siehe ferner LVŽ IV 12–30: Aus der lebendigen Sprache ist aus einer anderen Zeit auch eine weitere benachbarte Variante (Akzentvariante) dieses Ortsnamens belegt: Ilgasai liūnas, Ilgasai liūnas liūn., plk. An.

²⁸ Zu Verben dieses Typs siehe ferner Jakulis 2004: 20–21.

²⁹ Zu diesem Gewässernamen siehe ferner LUEV 39, 100.

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Struktur der toponymischen Schicht im sozial-geografischen Raum des Dorfes Šeyniškėliai nach den Angaben des Fragebogens zu den Flurnamen (1935)

hervorgerufene Geräusch³⁰, vgl. lit. elmėti, elma, –ėjo ‘hallen’, ferner vgl. almėti ‘laufen, tosen’ (Sv), garmėti Nebenbedeutung ‘mit Lärm laufen, fließen’³¹. Die verallgemeinerte Bedeutung des Flussnamens im Gebrauch ist somit: ein schnell fließender Fluss mit geräuschvoll steinigem Bett³².

1.2. Vertreter der indirekten Nomination.

1.2.1. Benennungen nach der Beschaffenheit der Geländeformen: einer Reliefaushebung, einer bestimmten durch die Bodenqualität bedingten Farbe (Farbnuance), der Größe sowie anderen räumlichen Eigenschaften der Objekte.

(1) Bei der Benennung nach dem Schema abgeleitetes GNT + –iškis ⇒ Flurname (Drimon) wurde die Beschaffenheit der Geländeoberfläche (mit Erhebungen) aktualisiert: Salūkiškis mš.³³, vgl. lit. salūkė, ferner vgl. salà Nebenbedeutung ‘Fläche oder Büschel einer Art von Gräsern oder anderen Pflanzen’, den lokal im nahen Dialektgebiet belegten Beispielsatz Krūmuos plukės kad žydžia salõm – atsižiūrėt negali Ob (LKŽe), der die Bedeutung des Waldnamens im Gebrauch erklärt: eine mit Kiefern bewachsene, erhöhte Fläche der Geländeoberfläche.

Vertreter des dörflichen (sozialen) Umfelds (Kegel) + –iškis ⇒ Flurname: Kūgiškis Ackerflur (Lehm; 3 ha) – eine Ableitung mit dem Suffix –iškis, vgl. lit. kūgis ‘kleiner Heuschober oder Haufen von Sommergetreide’. Bei der Benennung der Ackerfläche hat die lehmige Oberfläche der Geländeform mit kleinen kegelförmigen Vorsprüngen an den Enden des Haufens wahrscheinlich diese Wahrnehmung des Objekts und die Wahl des genannten Lexems ausgelöst und bestimmt³⁴. Mit dem Namen Kūgiškis wurde somit der Begriff Fläche mit Erdkegeln. benannt.

Appellative Personenbezeichnung (žydas) mit dem Suffix –iškiai ⇒ Flurname: der Name des vom Dorfgebiet entfernten gepflügten Landstücks Žydiškiai ar. ž. (sandiger Lehm; 2 ha; an der Šventoji). Die im Fragebogen festgehaltenen Angaben liefern weitere Informationen über die Bodenqualität und den Zustand der Bodenformation, vgl. [...] lockere, leichte, mürbe Schwarzerden und sandige Lehmböden (LKŽe, siehe priesmėlis). Somit entstand die Ableitung mit dem Suffix –iškiai vermutlich aufgrund bestimmter Eigenschaften der Oberfläche dieses Landstücks.

³⁰ Die Flüsse des Šventoji-Beckens sind, wie Bischof Antanas Baranauskas schrieb, unsere Anykšta und unsere Šventoji fließen ruhig und schmal, ohne große Wirbel (zit. nach Kviklys 1965: 82).

³¹ Die typischste Bedeutung dieses Wortes ist ‘laufen, eilen, sich lärmend, in einer Schar oder in Haufen bewegen’.

³² Anders LVŽ II 481: Dort wird der Flussname mit lit. elmėti ‘hallen’ verbunden, vgl. almėti ‘langsam sickern, tropfen, eitern; langsam strömen’, und als langsam strömender Fluss erklärt.

³³ Nach den Angaben des Fragebogens: Sand; 3 ha; beim staatlichen Wald von Niūroniai; Kiefern wachsen.

³⁴ Vgl. den aus LKŽe stammenden Beispielsatz, der in diesem Dialektgebiet aufgezeichnet wurde: Kūgelis šieno Šmn. Ferner vgl. die Nebenbedeutung von lit. kūgis ‘Haufen von Blüten an einer Stelle, Traube’.

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und die von ihnen hervorgerufenen Assoziationen – wegen der dunklen, schmalen, erhöhten Streifen des Ackerlands, die sich vor dem Landschaftshintergrund im Haufen dahinzogen³⁵. Im untersuchten Gebiet wurde auch ‘ein verlaufener Tintenfleck, Schlacke’ als jüdisch bezeichnet Dbk (LKŽe)³⁶. Angaben dafür, dass das benannte Objekt einer Person jüdischer Nationalität gehört hätte, enthält der Fragebogen nicht.

Der attributiven Bedeutung dieser Ableitungen entspricht im Gebrauch das verallgemeinerte Schema der onomastischen Nomination zur Benennung der geografischen Wirklichkeit Attr. + N-Suffix ⇨ Flurname.

(2) Die mit der Endung -ė gebildete Ableitung Degutė Ackerflur (Schwarzerde; zwischen dem Bach Elmė) offenbart, dass die Benennung nicht direkt, sondern durch einen Vermittler erfolgte, den Träger der Eigenschaft der Dunkelheit, den Namen des aus Birkenrinde und harzigen Baumstümpfen gebrannten Wagenschmiermittels lit. degutas, vgl. die erstarrte Wortverbindung kaip (lyg) degūtas: Juodas kaip degūtas (PŽ 75).

(3) Ortsnamen vergleichenden Typs, die ein gemischtes Motivationsmodell von Größe und Form (im Folgenden MM) repräsentieren: Miestėlis Ackerflur, Wiese³⁷, vgl. lit. miestelis, dessen Nebenbedeutung ‘Gruppe von Gebäuden bestimmter Zweckbestimmung’³⁸, salа ‘kleine Acker- oder Ackerlandfläche zwischen Wiesen’. Eine kleine, zwischen Sümpfen erhöhte Ackerfläche wird mit einer Gebäudegruppe verglichen. Bei der Benennung wurden die Größe der Geländeform und ihre mit der Form korrelierende Ausprägung aktualisiert. Eine durch ihre Größe gekennzeichnete (2 ha) Geländeform wurde Starkalizdis Ackerflur genannt, vgl. lit. starkalizdis ‘Storchnest’. Bei der Benennung bestimmte nicht nur das Größenmaß des Ackers die Wahl dieses Lexems; die Ackerfläche war wahrscheinlich kreisförmig und flach und möglicherweise etwas über das gewöhnliche Reliefniveau erhöht, gleichsam vor dem Landschaftshintergrund aufragend³⁹.

(4) Ein Ortsname, der nach dem Schema unkoordiniertes Bestimmungsgefüge ⇨ Flurname: Ložoriaus sietuvà Gumpen. (3 m tiefe Stelle; Vertiefung im Bach Elmė), vgl. die appellativische Personenbezeichnung lit. ložorius ‘Invalide,’

35 Vgl. lit. rūožas ‘streifenförmiges Grundstück, Fläche, Streifen’, ferner vgl. režys, rėžis ‘langes schmales Grundstück eines Bauern in einem nicht in Einzelhöfe aufgeteilten Dorf’.

36 Sprachwissenschaftlerinnen, die Texte und Kontexte eines anderen litauischen Gebiets (des žemaitischen Dialekts) analysierten, stellten fest, dass Juden neutrale stereotype, mit dem Aussehen verbundene Eigenschaften zugeschrieben werden: dunkler Teint, groß (siehe ausführlicher Balčiūnienė, Petrošienė 2020: 125).

37 Nach den Angaben des Fragebogens: Inselchen; Schwarzerde; 0,5 ha; ringsum Sümpfe, 0,5 ha [Entfernung] westlich vom Dorf.

38 Die typischste Bedeutung des Appellativs miestelis ist ‘kleine Stadt’, vgl. lit. miestas ‘große Siedlung, Verwaltungs-, Handels-, Industrie- und Kulturzentrum’. Zu lit. miestas siehe ferner Sabaliauskas 1990: 231.

39 Vgl. Eine Hütte steht mitten im Ackerland wie ein Storchnest Žem (LKŽe). Ferner vgl. den im Fragebogen des Dorfes Pasmūdai aufgezeichneten Namen einer Ackerfläche Starkalizdis And, die als hügelig, nach vorn abfallend beschrieben wird; 15 ha, zwischen den Dörfern Ližiai, Pienionys und Pagojys gelegen; vgl. den Sumpfnamen Starkalizdis (|| Kaukasus) b. Utenos aps. Alantos vls. Šunakaujai k. 1935 (VK).

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‘Kranker’, Personenname Lõzorius (LVKŽ⁵ 222), sietuvà ‘tiefe, breite Stelle des Flusses […]’, ferner vgl. die erstarrte Wortverbindung kaip lõzorius be kõjų: Vedu berióką – tas eina kap lõzo-rius (Invalide) (PŽ 242), lit. bekõjis, –ė übertragen ‘jemand, der langsam geht’. Wahrscheinlich könnte ein reales Ereignis das benannte Objekt geprägt haben; jedoch dürfen auch andere mögliche Umstände der Entstehung dieses Ortsnamens nicht außer Acht gelassen werden, die durch die Gemeinsamkeit der abgeleiteten Semantik von Tiefe / Vertiefung und der Begriffe schwer gehend, nicht gehfähig / schwer passierbar, unpassierbar, nicht durchwatbar gekennzeichnet sind. Für die Mitglieder der Sprachgemeinschaft führte der Hinweis auf die wohlbekannte Situation des Lõzorius⁴⁰ und der Einfluss ihres konnotativen Hintergrunds, der bekannte Informationen über den benannten Wirklichkeitsausschnitt mit dem situativen Erkenntniskontext verband, wahrscheinlich zur Herausbildung einer neuen Bedeutung, genauer: eines Begriffsbestandteils, auf der Grundlage der Neuinterpretation bereits verbalisierter Kenntnisse.

2. BENENNUNGEN NACH DEM AUFENTHALTSORT DER (GEO-)OBJEKTE IM GEBIET DES DORFES UND SEINER UMGEBUNG

2.1. Vertreter der direkten Nomination.

Alle aufgezeichneten Einheiten des Eigennamenlexikons sind Desubstantive.

2.1.1. Benennungen aus Appellativa.

(1) Am Fluss Šventoji lag, wie im Fragebogen geschrieben steht, eine Weidefläche mit dem Namen Kulys Weide (3 ha), vgl. lit. kulỹs ‘Winkel || ‘Rand, Stück⁴¹. Das Benennungsschema des Namens der den Eckbereich des Dorfraums einnehmenden Fläche lautet (G)NT ⇨ Flurname.

(2) Vertreter der Agronym-SG, Ableitungen mit dem Suffix –el– (–eliai, –elė), gebildet nach dem Schema (G)NT + –el– ⇨ Flurname: Kulẽliai Weide (2 ha); Lankẽlė Wiese (Wiesenfläche; 0,3 ha)⁴². Die Entstehung der Ableitungen mit den Suffixen –eliai, –elė wird durch die größeren „territorialen Nachbarn“ erklärt, deren Namen nichtabgeleitete Onyma sind, vgl. den Ortsnamen Kulỹs (3 ha),

⁴⁰ Zu ihr siehe ausführlicher den Artikel VLEe. Online verfügbar unter: https://www.vle.lt/straipsnis/lozorius/ [abgerufen am 08.10.2022]. Zum Prozess der Appellativierung siehe Rutkowski 2007: 29, 60.

⁴¹ Vgl. ebendort im Dorf, im Uferabschnitt, den anderen Namen einer kleineren Weidefläche Kulẽliai (siehe 2.1.1.).

⁴² Weitere Fragebogendaten zum Denotat: Sand, sandiger Lehm; zwischen dem Wäldchen Biliūnas und dem Fluss Šventoji; mehrere Quellen sprudeln.

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Lañkos (4 ha) (zu ihnen siehe jeweils 2.1.1. und 1.1.1.1.). Die letztgenannten Geoobjekte erstreckten sich im selben Uferabschnitt der Šventoji.

(3) Die Entstehungsumstände des Sumpfnamens Pakrióklis werden durch die im Fragebogen über das Objekt gemachte Angabe erklärt – [Sumpf] an der Šventoji, nordwestlich vom Dorf. Wahrscheinlich bildet lit. krioklė ‘starker, geräuschvoller Wasserlauf, Wasserströmung’ die Grundlage für die Entstehung des Vertreters der Helonym-SG. Sein Benennungsschema lautet pa– + (G)NT ⇒ Helonym.

(4) Belegt ist ein Gewässername, der im Gebrauch als Vertreter des Ausdrucks der Zugehörigkeit eines Ortes zu einer bestimmten Landschaftszone fungierte. Dies zeigt sein Benennungsschema mit dem motivierenden Lexem võlas – LM + GNT ⇒ Gewässername: Võlupis Fluss1.43 (Bach von 4 km Länge, östlich des Burgbergs Voruta), vgl. lit. võlas ‘Erdaufschüttung, Erdwall’. Die Bedeutung des Gewässernamens ist somit: Bach neben einem Erdwall. Die Errichtung des Walls neben dem Burgberg bestimmte wahrscheinlich die topografische Lage des Ortes: Von der Landseite, als weniger sicherem Ort, wurde Erde aufgeschüttet44.

(5) Aus den abgeleiteten Appellativa prūdelis und paupė entstanden die folgenden Flurnamen nach dem Schema unkoordiniertes Bestimmungsgefüge ⇒ Flurname:

• Vertreter der Agronym-SG: Paupės daržai Gartenland (am Fluss Šventoji, westlich); Paupės pievos Wiese, Weide (40 ha; am Fluss Šventoji); lit. paupė ‘Ort am Fluss, Uferbereich’, daržas Nebenbedeutung ‘kleines Grundstück’ (vgl. die typischste Bedeutung dieses Appellativs ‘Grundstück am Gehöft für Gemüse’), pievos.

• Hodonym: Paupės kėlias Weg (1 km; vom Dorf Šeimyniškėliai zur Gilią brastą über den Fluss Šventoji) – ein am Flussufer verlaufender Weg;

• Oronym und • Agronym Prūdelio kalnas Berg (Lehm, mit Baumstümpfen; 4 ha); Prūdelio pievelė Wiesenfläche (Schwarzerde; 1 ha) entstanden aus der Bezeichnung der nahe gelegenen aufgestauten Stelle prūdelis, vgl. prūdas ‘Teich’.

(6) Aus Zusammensetzungen mit Präposition entstanden die im Fragebogen aufgezeichneten Namen von Wiesen und Weiden; die Namen bezeichneten ihre zwischenliegende räumliche Lage, jeweils zwischen gleichartigen Geoobjekten und zwischen gleichartigen Pflanzen: Tarpūbalai Wiese (Schlamm; am Fluss Šventoji), vgl. tarpūbalis ‘Ort zwischen Sümpfen’; Tarpūliniai Weide (0,5 ha), vgl. lit. tarpū, tarp, die das Vorhandensein von etwas an einem von anderen Objekten begrenzten Ort [...] bzw. in bestimmter Entfernung liegende zusammengehörige Objekte bezeichnen, ferner vgl. tárpas ‘Raum, Stelle zwischen Dingen’; lit. línas ‘Faser- und Ölpflanze (Linum)’.

43 Dieser Gewässername ist im offiziellen Gewässernamenverzeichnis Litauens nicht belegt. Es wurde festgestellt, dass er im Agronym erhalten ist, das im Fragebogen des Dorfes Šeimyniškėliai aufgezeichnet wurde; vgl. den Namen der nahe gelegenen Wiese Volupėlis, zu dessen Bildung und Motivation siehe 2.1.2. Zu Gewässernamen eines anderen litauischen Gebiets, die anhand der Angaben der Fragebögen zu den Flurnamen die vorhandenen Daten der litauischen Hydronymie ergänzten und präzisierten, sowie zum Wert solcher faktischen und linguistischen Daten siehe Sviderskienė 2010.

44 Mehr zu den Typen der Burgberge in Litauen siehe LE XXII 500.

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2.1.2. Benennungen aus Eigennamen.

(1) Namen von Geoobjekten, deren Entstehungsgrund die Namen anderer, in der Nähe des Dorfes gelegener Gebietseinheiten – Wohnorte – sind:

• Der Dorfname Šeimyniškėliai Dorf An wurde mit dem Suffix –ėliai nach dem Schema Name des Wohnorts + –ėliai ⇒ Oikonym gebildet. Das Suffix bezeichnet eine später entstandene territorial benachbarte Einheit mit derselben Wurzel, vgl. Šeimyniškiai Dorf Šmn (ATSŽ II 301)⁴⁵. Diese Oikonyme geben die räumliche Entwicklung des Gebiets zu erkennen.

Die Lage der Orte zueinander sowie ihre räumlichen Verbindungen mit anderen Siedlungen zeigen die im Gebiet des Dorfes Šeimyniškėliai aufgezeichneten Flurnamen.

• Vertreter der Agronym-SG: Ableitungen mit dem Suffix –iškė, gebildet nach dem Schema Name des Wohnorts + –iškė ⇒ Flurname: Paelm iškė Ackerflur (2 km östlich vom Dorf Šeimyniškėliai, dort treffen die Felder des Dorfes Šeimyniškėliai und des Einzelhofs Paelmis zusammen) – aus dem in offiziellen Quellen nicht belegten Namen des Einzelhofs Paelmis, vgl. Paelmis Dorf An (ebd., 210); Vėjeliškė Wiesenfläche (nahe dem Fluss Šventoji), der Ortsname entstand wahrscheinlich nach demselben Benennungsschema aus dem Siedlungsnamen, vgl. Vėjeliškiai Dorf Šmn (ebd., 339).

• Vertreter der Hodonym-SG: In einem größeren Dorfgebiet aufgezeichnete Einheiten des Eigennamenlexikons, gebildet nach dem Schema unkoordiniertes Bestimmungsgefüge ⇒ Flurname: Gōjaus kėlias Weg (vom Dorf Šeimyniškėliai nach Norden): Gōjus Dorf An (ebd., 88)⁴⁶; Stakių kėlias Weg (1 km): Stakės Dorf An (ebd., 288).

• Die Entstehungsumstände des Furtnamens Gylių brasta werden durch die aufgezeichnete ausführliche Bezeichnung Wiesenfurt und die Angaben zur Lage des Objekts verständlich: über den Fluss Šventoji zum Dorf Gyliai. Es stellte sich heraus, dass das erste Kompositionsglied des Namens Gylių [Dorfwiesen] und das zweite brasta ist, vgl. den Dorfnamen Gyliai Šmn (ebd., 84), brasta ‘seichte Stelle im Fluss, die man durchwaten oder überfahren kann; sumpfige Wiese’.

(2) Namen von Geoobjekten aus Gewässernamen.

• Der Bachname, eine Ableitung mit dem Suffix –elis Volupėlis, entstand aus dem Namen eines anderen nahe fließenden Flusses Vōlupis (dazu siehe 2.1.1.) nach dem Schema Gewässername + –elis ⇒ Gewässername. Die Wahrnehmung des benannten Objekts und sein Verhältnis zum anderen nahe fließenden Hydroobjekt werden durch die Angaben im Fragebogen erklärt: Im Volupėlis gibt es Wasser nur im Frühling. Nach den Angaben des Fragebogens münden Vōlupis und Volupėlis vereinigt in den Bach Elmė.

• Agronyme, Ableitungen mit dem Präfix pa, entstehen aus dem Namen eines Flusses, an dessen Ufer oder etwas weiter entfernt die benannten Objekte (Acker mit Wiese) lagen: Paelmis Acker (6 ha; am Bach Elmė); Wiesenfläche (Schwarzerde; 2 ha; weiter vom Bach Elmė entfernt): Elmė Fluss An (LUEV 39). Ihr Benennungsschema lautet pa- + Gewässername ⇒ Flurname.

⁴⁵ Siehe ferner Razmukaitė 1998: 39.

⁴⁶ Siehe ferner LVŽ II 238.

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Agronyme, die aus den Namen von Bächen entstanden, die durch das Dorfgebiet flossen (die Objekte lagen nahe beieinander); ihr Schema unkoordiniertes Bestimmungsgefüge ⇒ Flurname: Kiauliupio pieva Wiesenfläche (am Kiauliupis-Gebiet): *Kiauliupis Bach⁴⁷; Vėlpupio darželiai Ackerflur, Gartenland (0,5 ha): Vėlpupis Bach, darželis, vgl. daržas.

(3) Namen von Geoobjekten aus Flurnamen.

• Agronym und • Helonym, Präfixableitungen, entstanden nach dem Schema pa- + Flurname ⇒ Flurname: Pakařčkalnė Acker, Wiesenfläche (bei Elmė, 0,3 km nördlich vom Dorf): Karčkalnis Ackerflur (siehe 2.2.); Pažalčpievis Sumpfwiese (0,3 km nördlich vom Dorf): *Žalčpievis Wiese⁴⁸. Präfixableitungen bezeichnen den Ort eines Geoobjekts neben anderen.

• Ein Vertreter der Hodonym-SG einer anderen Struktur, der die Bewegungsrichtung im Dorfgebiet angibt: Kapaničių kelėlis (‖ Karošo kelėlis) Weg An (1 km östlich vom Dorf, zum Burgberg); sein Benennungsschema ist unkoordiniertes Bestimmungsgefüge ⇒ Flurname. Die frühere Bedeutung des Ortsnamens im Gebrauch war somit ein Weg, der zu den alten Friedhöfen führt, vgl. den im Fragebogen belegten Ortsnamen Kapanicos (siehe 2.2.).

• Ein Vertreter des beschreibenden Motivationstyps Galų Dubės ravėlai Graben, gebildet aus der Präpositionalphrase Galų Dubės und dem abgeleiteten Terminus ravėlai, entsprechend dem Schema Präpositionsphrase + abgeleitetes GNT ⇒ Gewässername, vgl. lit. galū ‘am Ende oder am äußersten Ende eines Gegenstands einen Ort bezeichnend’, den in diesem Dorfgebiet aufgezeichneten Bergnamen Dubė; lit. ravėlis, vgl. rāvas ‘Graben; kleiner Bach’. Die Angaben des Fragebogens zwei Gräben münden in den Piestupis; nur im Frühling fließt Wasser ergänzen und erklären die Beschreibung und Motivation des benannten Objekts.

(4) Namen von Geoobjekten, deren Entstehungsgrund ein Kulturgebäude ist (ein dem Heiligen errichtetes Kreuz). Vertreter der Agronym-SG, entstanden aufgrund der Lage der Objekte im Verhältnis zum Kreuz für den Heiligen Johannes: Švęnto Jōno dirvā Ackerflur (nahe dem Kreuz für den Heiligen Johannes bei Piestupis) – aus den im Fragebogen enthaltenen Angaben zum Denotat wird deutlich, dass dieses Onym im Gebrauch aus Gründen der Sprachökonomie verkürzt wurde. Die vollständige, implizite und informativere Form des Ortsnamens ist Švęnto Jōno [krŷžiaus] dirvā Ackerflur. Im Fragebogen ist noch eine „ökonomische“ Form des Ortsnamens aufgezeichnet: Švęnto Jōno pieva Wiesenfläche (Piestupys beginnt aus dieser Sumpf-Wiesenfläche⁴⁹), ferner vgl. die Angaben zur früheren Aufzeichnung des Ortsnamens im Fragebogen nahe Piestupis steht ein Kreuz für den Heiligen Johannes. Die vollständige Form des Wiesennamens lautet somit Švęnto Jōno [krŷžiaus] pieva.

⁴⁷ Zu verwandten Gewässernamen siehe ferner LHEŽ 155. Dieser Gewässername ist im offiziellen Gewässernamenverzeichnis Litauens nicht belegt.

⁴⁸ Das Agronym ist im Fragebogen des Dorfes Šeimyniškėliai nicht aufgezeichnet; daher wird es als Bildungsgrundlage mit Rekonstruktionszeichen angegeben.

⁴⁹ Durch das Dorf Šeimyniškėliai fließt der Piestupÿs, ein kleiner linker Nebenfluss der Šventoji. Der Bach fließt durch hügeliges Gelände in einem tiefen Tal. Im Teil des Wäldchens Biliūnas gräbt er sich in einen ziemlich tiefen, mit Kiefern bewachsenen Graben ein [...] (Kviklys 1965: 90). Zu diesem Gewässernamen siehe ferner LUEV 123; LHEŽ 257.

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2.2. Vertreter der indirekten Nomination. Fälle toponymischer Metonymie⁵⁰.

Diese Art der Entstehung von Toponymen ist besonders für Flurnamen charakteristisch. In der Toponomastik wird sie als eine der Arten der Transonymisierung⁵¹ bewertet, bei der der Name eines anderen Objekts auf ein nahe gelegenes Objekt übertragen wird, seine Bedeutung jedoch unverändert bleibt (Schema Ortsname ⇒ Ortsname)⁵². Im Folgenden werden die typischsten Fälle dieses Prozesses vorgestellt und erklärt, die im Fragebogen von 1935 aufgezeichnet wurden.

Auf ein Agrarobjekt übertragene Bezeichnung eines Viehtriebswegs: Išvara Wiesenfläche (1 ha; am Rand des Baches Elmė), vgl. lit. išvara (išvarà) ‘Weg, auf dem Vieh zur Weide getrieben wird, Viehtrieb, Trift’⁵³; Lydimas Ackerflur, Wald, vgl. lydimas ‘gerodete oder abgebrannte Fläche im Wald, Kahlschlag, Lichtung’, ferner vgl. die auf menschlicher Erfahrung beruhende Erklärung Wo Wald war, hat man heute Rodungen hinterlassen (LKŽe). Wie die Objektangaben im Fragebogen zeigen, wurden sowohl der Wald als auch der nahe gelegene Acker mit demselben Namen bezeichnet⁵⁴; Plėšimas Ackerflur (schwarzer Sand; 6 ha; früher Wald), vgl. plėšimas ‘umgepflügtes Brachland, Neubruch, Neuland’⁵⁵. Bei der Benennung wurde die damalige neue Bestimmung der Fläche aktualisiert: Ackerland an der Stelle eines früheren Waldes.

Im Fragebogen ist eine pluralische Namensform der alten Friedhöfe aufgezeichnet, wie es im Fragebogen heißt: Kapanicos Friedhof (3,5 ha); dazu vgl. weißruss. kanaпиця ‘Flussbett; Altarm, Altwasser; (künstlicher) Kanal’ (BRS 377). Dass der Ortsname und die bewertende Objektangabe alte Friedhöfe⁵⁶, die nicht aus der Semantik des Namens eliminiert wird, verschiedenen semantischen Gruppen angehören, zeigt, dass dieser Name durch metonymische Übertragung entstand. Ein weiterer Fall toponymischer Metonymie, der in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in VK aufgezeichnet wurde, stützt die genannte Erklärung der Entstehung des Ortsnamens: Kapanica – Gebüsch bei der Altwasserstelle (alter Bacharm) (Bezirk Ukmergė, Umgebung Žemaitkiemis, Dorf Siesartis, Expedition 1977). Weitere Daten aus unterschiedlichen Zeiträumen, die auf VK-Zetteln aufgezeichnet wurden, beweisen, dass

⁵⁰ Zu ihr siehe ausführlicher TMOI 48.

⁵¹ Transonymisierung – ein linguistischer Prozess, der den Übergang eines Onyms beliebiger Klasse in ein Toponym bezeichnet (eines Anthroponyms in ein Toponym, eines Toponyms in ein anderes Toponym) (zu diesem Terminus siehe Podol’skaja 1978: 152).

⁵² Siehe ferner TMOI 46–50, 71, 151, 225.

⁵³ Siehe ferner LVŽ IV 83.

⁵⁴ Im Fragebogen sind weitere ortsbezogene Angaben aufgezeichnet: Sand; 24 ha; gemeinschaftlich von den Dorfbewohnern bewirtschafteter Wald; steiniger Kiefernwald.

⁵⁵ Vgl. ferner naujiena ‘neu umgepflügtes Land; plėšinys, plėšinỹs ‘neu umgepflügtes Brachland; […]’.

⁵⁶ Vgl. kapinės ‘Begräbnisstätte, Gräber’, ferner vgl. lit. sénkapis ‘altes, aufgegebenes Grab’. Zum archäologischen Denkmal Šeimyniškėlių sénkapis siehe https://www.anykstenai.lt/vietoves/vietove.php?i651 [abgerufen am 15.10.2022].

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In der lebendigen Sprache fungierten auch Namen eines anderen Typs für Flussbetten, Altarme, Bäche, Gräben u. Ä., deren Bedeutung im Gebrauch der Bedeutung des GNT-Verweises, der die Referenz des Objekts repräsentiert, nahekam: Kapanica – trockener Graben südlich des Dorfes (Rajon Kaišiadorys, Umgebung Žiežmariai, Dorf Mediniai Strevininkai, gemeinschaftlicher Arbeitseinsatz 1986); Kapanica ein Nebenarm des Flusses Levens, mit Weiden bewachsen (Kreis Pušalotas; PKk-Kartei57), vgl. ferner das Gewässernamengut Kapanica Graben, Bach Brb, das im Kontext der Untersuchungen zur regionalen Toponymie eines anderen Gebiets analysiert und mit dem litauischen kopanica ‘griovys, kanalas, upės vaga’ (SJP II 464) in Verbindung gebracht wurde.

Ein auf ein Agrarobjekt übertragener Burgbergname: Piliakalnis || Vóruta Ackerland (Lehmboden; 2 ha; auf den Parzellen der Familie Grimašauskas östlich des Dorfes Šeimyniškėliai, 1,6 km entfernt; Voruta erst vor Kurzem genannt, die Menschen nannten ihn nur Piliakalnis; erkennbar ist, dass es einen Burgberg gegeben hat, Ziegelstücke und Brandreste werden gefunden; gepflügt59). Nach Kviklys’ Aussage befindet sich am Zusammenfluss von Elme und Šventoji der Burgberg von Šeimyniškėliai, angeblich zwischen zwei Schluchten auf einem schmalen Vorsprung; der Burgberg ist durch Gräben vom übrigen Teil des Vorsprungs abgetrennt. Erhalten ist noch ein 4 m hoher Damm sowie weitere mächtige Anlagen aus jener Zeit. Die Hänge sind etwa 25 m hoch und ragen stellenweise in einem Winkel von *60–70* auf (Kviklys 1965: 89). Aus linguistischer Perspektive vgl. hinsichtlich des Ortsnamens litauisch piliakalnis ‚Berg, auf dem eine Burg steht oder stand, Burgberg‘60; hinsichtlich der nebengeordneten Namensform Vóruta vgl. das stammverwandte Gattungswort litauisch vórupė ‚altes Flussbett, Altarm‘, Gewässernamen mit dem motivierenden Lexem vóras Vórupė Fluss, Pabaiskas, Dorf Raguvos, in den See Žirnajai (LUEV 200), Vorupis Bach, Kreis Mažeikiai, Bezirk Mažeikiai, Dorf Kirkai, 1935 (VK), Vórupė Fluss, Rsn, Vorupė Fluss, Gmb (LHEŽ 392). Die letztgenannten Gewässernamen brachte A. Vanagas unter Berufung auf William R. Schmolstyg mit litauisch vóras ‚alt‘61 in Verbindung.

Das Ackerland, das neben einer nach ihrer Funktion benannten Grube lag (litauisch mólduobė ‚Grube, aus der Ton abgebaut wird oder wurde, häufig mit Wasser gefüllt‘), bewahrte den Namen der Letzteren: Mólduobė Ackerland (Ton; 2 ha; steinig).

Magazínas Ackerland, vgl. magazínas istor. ‘sandėlis laikyti kokioms nors atsargoms’62; siehe ferner Kviklys 1965: 89, wo geschrieben wird, dass die Bewohner des Dorfes Šeimyniškėliai vom Fischfang, von der Vorbereitung und Flößung von Holzflößen sowie von anderen Waldarbeiten leben. Es wurde

57 Karteikarte aus der PKk-Kartei. Diese Kartei wird im Zentrum für baltische Sprach- und Namenforschung des Instituts für die litauische Sprache aufbewahrt; sie ist das Ergebnis der in den Jahren 1935–1937 von der Kommission für Familiennamen und Ortsnamen organisierten und von Linguisten durchgeführten Erfassung von Namen bewohnter und unbewohnter Orte.

58 Zum letztgenannten Ortsnamen siehe ausführlicher Sviderskienė 2010: 343.

59 Zur kulturellen Schicht des Burgbergs siehe ferner Zabiela 1992; 1992a.

60 Zu den Burgbergen in Litauen siehe ferner LE XXII 499–504.

61 Zum Alter der litauischen Burgberge siehe ebenda, 504.

62 Vgl. die den historischen Kontext erläuternden illustrativen Sätze, die im Untersuchungsgebiet aufgezeichnet wurden: Alle Dörfer schütteten für die Vorräte in unfruchtbaren Jahren bereits im Herbst in bestimmte, „Magazine“ genannte Speicher die festgelegte Menge aller Getreidearten A. Vien. (LKŽė); Der gesamte Amtsbezirk schüttete in das Magazin Pn (ebenda).

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Die Struktur der toponomastischen Schicht im sozial-geografischen Raum des Dorfes Šeimyniškėliai nach den Daten der Ortsnamens-Fragebögen (1935)

zur Lagerung von Holzmaterial eingerichtete Holzlager. Somit bewahrte der Ackername die Bezeichnung des daneben stehenden Gebäudes.

Die im Fragebogen aufgezeichneten Angaben zum Denotat – 0,5 km [Länge]; vom Staatsforst Niūronys bis zum Fluss Šventoji, nach Norden; trennte die Felder durch einen Zaun, heute sind keine Zäune mehr vorhanden – erklären die Benennungs- und Entstehungsfolge der beiden durch das Flurnamens Priėtuoris bezeichneten Objekte. Früher bezeichnete Priėtuoris einen Ort am Zaun, an dem das Dorfgrenzzeichen siena⁶³ stand; vgl. litauisch tvorà ‚jede Art von Umfriedung um Hof, Gehöft, Garten oder ein anderes Grundstück, prie die typischste Gebrauchsanzeige für die Bezeichnung räumlicher Beziehungen im LKŽe: verwendet zur Angabe, dass sich etwas neben einem Gegenstand befindet oder dort geschieht || verwendet zur Angabe, dass etwas zusammen mit jemandem vorhanden ist oder geschieht; vgl. ferner litauisch siena in der Nebenbedeutung ‚hohe Umfriedung, Trennwand || vertikale seitliche Oberfläche von etwas‘.

Ein Hodonym übernahm den Namen des Hydroobjekts: Maciūko ravėlis Weg, vgl. den Familiennamen Maciūkas (PDBe), litauisch ravėlis, vgl. rãvas ‚Graben‘. Die an der Straße gelegenen Agrarobjekte wurden mit demselben Namen wie der Böschungsabhang des Straßenkörpers bezeichnet: Patrašės pakriūta Ackerland, Graben (nördlich der Straße von Niūronys und an der Straße), vgl. litauisch patrasẽ, ferner trasà ‚in der Landschaft markierte Linie [...], die die Bewegungs- oder Geraderichtung festlegt‘; den physiografischen Terminus pakriūta ‚steiles, abschüssiges, erodierendes Ufer oder Berghang‘.

Insgesamt wurden im Fragebogen über 30 Fälle toponymischer Metonymie erfasst (einschließlich wiederkehrender Ortsnamen). Aufgrund der Umfangsbeschränkungen des Artikels und der Druckausgabe wurde darauf verzichtet, den verbleibenden Teil der Ortsnamen dieser Untergruppe zu beschreiben.

3. BENENNUNGEN NACH DER BEZIEHUNG ZU EINER PERSON (DEM EIGENTÜMER DES BODENS, DES HAUSES, EINEM NEUSIEDLER O. Ä.)

Repräsentanten der Toponymie des Dorfraums Šeimyniškėliai mit possessiver Bedeutung, deren Benennungsgrundlage die Personennamen der Bewohner der Siedlung bilden.

• Repräsentant der Agronymen-SG: eine Bildung nach dem Schema Adv. + NT ⇒ Flurname, Šlėndaržis Ackerland⁶⁴: Familienname Šlenys (PDBe), daržas.

Eine umfangreichere Bildung nach dem Schema uneigentliches Attributgefüge ⇒ Flurname: Sapkauškienės laũkas Ackerland: Familienname Sapkauškienė, vgl. Familienname Sapkauškas (PDBe), laũkas.

⁶³ Nach den Angaben der VK werden Wege oder Grenzen, die die Gebiete von Siedlungen voneinander, den Wald vom Dorf u. Ä. trennen, meist siena genannt.

⁶⁴ Im Fragebogen wurden außerdem weitere Informationen zur bezeichneten Stelle und zu ihrem Boden aufgezeichnet: 1 ha; warmboden, kaltboden, vgl. litauisch šilžemis ‚Boden mit Sandbeimischung, Weißboden, sandiger Lehmboden, Sandboden‘, šalt ažemis ‚feuchter, kaum austrocknender, gewöhnlich unfruchtbarer Boden mit überwiegendem Sand- oder Lehmbodenanteil; nur Flachs gedeiht hier gut, kein Gartenboden‘.

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Auf dieselbe Weise entstanden auch mehrere weitere Flurnamen dieses Dorfes:

• Helonym: Šlėnio liūnėlis Sumpfwiese (Schlamm; 0,1 ha; am Fluss Šventoji; trocknet im Sommer aus), vgl. den Familiennamen Šlenys (PDBe), litauisch liūnėlis, vgl. liūnas ‚Sumpf‘;

• Hodonym (Weg eines alten Dorfes): Karōšo kelelis (‖ Kapanicų kelelis) Weg (1 km östlich des Dorfes, zum Burgberg): Familienname Karōšas (PDBe), litauisch kelėlis, vgl. kelias.

• Andere lineare Objekte – Gässchen (ulytėlės65). Diese Namen sind ebenfalls aus uneigentlichen Attributgefügen gebildet, deren erstes Glied durch den Genitiv des Personennamens des Eigentümers (des ersten Neusiedlers?) der Gehöftstelle ausgedrückt wird, durch die das lineare Objekt im Zwischenkriegsdorf führt (sich erstreckt), während das zweite Glied die Bezeichnung des Gässchens ist ūlytėlė, vgl. ūlyčia, ūlyčià ‚Weg, Straße eines alten Dorfes‘: Grimašausko ūlytėlė Gasse66: Familienname Grimašauskas (PDBe); Kanapeckaičios ūlytėlė Gasse (Gässchen; 50 m lang; vom Dorf Šeimyniškėliai [führt zum Burgberg; nach Nordosten): Personenname Kanapeckaičia, vgl. Familienname Kanapeckas (PDBe); Navicko ūlytėlė Gasse (Gässchen; 200 m lang; vom Dorf nach Westen; zum Rand des Flusses Šventoji): Familienname Navickas (PDBe).

• Name eines Kulturbaus: Karōšo kryžius Kreuz (an der Landstraße nach Svedasa67), vgl. Familienname Karōšas, kryžius.

ZUSAMMENFASSENDE BEMERKUNGEN

1. Die Explikation der vielschichtigen toponomastischen Struktur des sozial-geografischen Raums des Dorfes Šeimyniškėliai zeigte, dass diese territorialen Onyme – die Flurnamen des Ortes – physische, geografische, soziale, historische und kulturelle Fakten in einem bestimmten gesellschaftlichen Zustand dokumentieren, bewahren und widerspiegeln, indem sie thematisch aktualisierte Informationen über die Vergangenheit in verschiedenen sprachlichen Formen in die Gegenwart überführen, die durch eine komplexe Analyse der Flurnamen lesbar werden.

1.1. Die Vertreter der direkten Nomination korrelieren mit der Landschaft und den physisch-geografischen Besonderheiten des Reliefs und vermitteln Informationen mithilfe entsprechender geografischer nomenklatorischer Termini in den Ortsnamen Dirvōnas, Liūnas u. a. Die Bezeichnungen der Objekte, die kleine Flächen des Dorfraums einnehmen, Brastėlė Furth, Duobėlė Grube, sind mit dem Suffix -ėlė aus den physiografischen Termini brastà, duobė gebildet. Die physischen Eigenschaften der Objekte innerhalb der Siedlung bezeichnen auf der Grundlage von einfachen und bestimmten

65 Wie in einem Sachlexikon geschrieben steht, ist der für Aukštaitija typische traditionelle Siedlungstyp das Straßendorf, das vom 16. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts vorherrschte (LEAE 93). Dies bestätigen auch die Daten dieses Fragebogens. Wessen Grundstücke von der ūlytėlė durchquert werden, wird im Fragebogen nicht angegeben.

66 Im Fragebogen lautet der Objektverweis skersgatvelė.

67 Vgl. die offizielle Form dieses Siedlungsnamens Švedasai Kleinstadt (ATSŽ II 296).

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Toponomastinio sluoksnio struktūra socialinėje–geografinėje Šeimyniškėlių kaimo erdvėje Žemės vardų anketos (1935) duomenimis

Auf der Grundlage von Adjektiven entstehen Flurnamen. Die Bildung mit der Endung –ė Dubė bezeichnet eine vertiefte (grubenartige) Oberfläche des Ortes. Die parallel zum Uferstreifen liegende Wiese wurde Ilgōji genannt, der westlich des Dorfes langgestreckte Sumpf – Ilgasis liūnas, die durch ihre Ausdehnung (1,5 ha) auffällige Brachfläche – Didisai dirvōnas u. a. Das Verb der horizontalen Bewegung elmėti wurde als Grundlage der Benennung gewählt, um die Eigenschaften des schnell fließenden Flusses El̄mės mit steinigem Bett und rauschendem Lauf zu bezeichnen. Geografische Eigenschaften der Objekte – einen Ort in einem Fluss mit steinigem Grund, ein Gebiet des Pflanzenwachstums, einen Ort mit Sodenhügeln – bezeichnen jeweils die Ableitungen mit dem Suffix –ynė Akmenynė, Karklynė, Kemsynė.

1.2. Einen aus ethnolinguistischer Sicht wichtigen Teil des toponymischen Mosaiks des Dorfes bildet die Schicht der Vertreter indirekter Nomination. Hier wird eine Eigenschaft von Geoobjekten durch Vermittler ausgedrückt, die als typischste Träger einer bestimmten Eigenschaft der Erdoberfläche (Dunkelheit) fungieren (Jude, Teer) und unterschiedlichen thematischen Gruppen angehören. Dies belegen die Ableitungen mit dem Suffix –iškiai, die zur Kategorie der Bezeichnungen von Eigenschaftsträgern gehören, sowie die Ableitungen mit der Endung –ė: Žydiškiai Ackerland, Degutė Ackerland. Die Ableitungen mit dem Suffix –iškis Kūgiškis, Salūkiškis bezeichnen Flächen von Ackerland mit vorspringenden Erdhügeln kūgiais sowie Waldflächen mit Erhebungen, die mit Kiefern bewachsenen salukėmis.

1.3. Die übrigen Vertreter des vergleichenden Motivationstyps Miestėlis Ackerland, Wiese, Star̄kalizdis Ackerland sind ebenfalls als verbalisierte menschliche kognitive Tätigkeit zu bewerten, die die Verbindung zwischen verschiedenen Entitäten der Welt bewahrt und ihr Verhältnis in den geschaffenen gemischten MM-Namen ausdrückt: Eine vor dem Hintergrund der Landschaft emporragende Ackerinsel wird einer Gebäudegruppe, einem miestėlis, gleichgesetzt, ein großes, rundes, flaches Gebilde der Erdoberfläche einem starkalizdis.

1.4. Der Prozess der Benennung der Tiefe Lōzoriaus sietuvą steht mit der Ableitung des Begriffs der Tiefe (dubumo) und der wertenden Kategorisierung der Flusstiefe in Verbindung. Im Gebrauch bezeichnete dieser Name möglicherweise die Ungeeignetheit des Ortes für menschliche Bedürfnisse – eine unpassierbare (nicht zu durchwatende) Stelle des Flusses.

2. Am reichhaltigsten durch die Forschungsergebnisse belegt ist die Schicht der Flurnamen mit lokativer Bedeutung. Diese Onyma spiegeln das System der Orientierung im Siedlungsraum wider.

2.1. Die Flurnamen bewahrten aufgezeichnete Informationen über die Lage bestimmter Topoobjekte im Verhältnis zu anderen und vermittelten sie mithilfe der Präfixe pa–, prie– (Paėlmis, Pakařčkalnė, Pažalčpievis; Priėtoris) und entsprechender abgeleiteter Termini (paūpė, prūdėlis) (Paupės daržai, Paupės pievos, Paupės kelias, Prūdėlio kálnas, Prūdėlio pievelė).

2.2. In der Struktur anderer Flurnamen sind den Ortsbewohnern bekannte topografische Elemente festgehalten (Kiaūliupis, Vōlupis, Dubė), anhand deren die Lage des jeweiligen Objekts innerhalb des Dorfes oder in dessen Umgebung bestimmt wurde: Kiaūliupio pieva, Vōlupio darželiai, Galū Dubės ravėliai.

2.3. Das Verhältnis der Ortsnamen im Raum und in der Zeit wird durch die Dorfnamen Šeimyniškiai Šmn und Šeimyniškėliai An repräsentiert. Das Verhältnis der im Abschnitt am Fluss Šventoji ausgedehnten Objekte zueinander zeigen die Namen der Weideplätze Kul̄ys und Kulėliai,

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die Wiesennamen Laṅkos und Lankėlė, die Namen der Bäche, die durch die Abschnitte des Burgbergs flossen, Vōlupis und Volupėlis. Die distinktive Funktion der Flurnamen zeigt sich auch in den zweiten Bestandteilen der Agrarobjekte Paupės daržai und Vōlupio darželiai, die in verschiedenen Sektoren des Dorfes lagen (an der Šventoji und an der Bodenerhebung).

2.4. Die mit den motivierenden Lexemen kārtis (kartis?), pākūros, vōlas gebildeten Flurnamen repräsentieren unterschiedliche Inhalte, die durch unterschiedliche ursprüngliche Eigenschaften der benannten Objekte bestimmt sind: Der Berg Karčkailnis wurde nach den Eigenschaften seines Gipfels benannt (steinig, mit Bäumen bewachsen und sich im Dorfraum nach Norden erstreckend), das Wäldchen Pakurmiškis nach seiner Funktion (ein Wald für Brennholz), der Bach Vōlupis nach dem Ort seines Laufs (bei der Walze).

2.5. Im Fragebogen sind mehrere umfangreichere beschreibende Ortsnamen dokumentiert, die die sprachliche Ökonomie bezeugen: Gỿlių [Dorfwiesen] brasta Furth, Švęnto Jōno [Kreuz-]dirvà Ackerland, Švęnto Jōno [Kreuz-]pieva Wiese. Hier kennzeichnen die eckigen Klammern den beim Sprechen nicht verbalisierten Namensteil; durch sein Auslassen wurde die kommunikative Funktion der Namen nicht beeinträchtigt.

2.6. Aus mehreren im lebendigen Sprachgebrauch fungierenden nebengeordneten Namensformen benachbarter Orte lassen sich unterschiedliche Informationen gewinnen. Die Namensformen des Weges Karōso kelėlis || Kapaničų kelėlis (möglicherweise nur innerhalb des Dorfes verwendet) ermöglichten die Orientierung an verschiedenen Abschnitten des linearen Objekts – sowohl zur Gehöftstelle Karosas, an der es vorbeiführte, als auch in Richtung des Burgbergs.

Zu erwähnen ist auch die semantische Funktion einer anderen im lebendigen Sprachgebrauch koexistierenden nebengeordneten Form. Der Burgberg Vōruta || Piliākalnis || Šeimyniškėlių piliakalnis wird benannt, um die Eigenschaften dieses Wirklichkeitsobjekts zu präzisieren. Im weiteren Sinne lassen sich nebengeordnete Formen auch als Prozess der Veränderung (des Wandels) des Namens eines Objekts mit symbolischer Bedeutung, das für eine soziale Gruppe bedeutsam ist, im Laufe der Zeit definieren.

2.7. Die Straßenabschnitte sind ebenso wie der Abschnitt des Furts vom Inneren der Siedlung nach außen orientiert; dies zeigen die strukturellen Elemente der Namen – die Namen der nächstgelegenen Dörfer (Gōjaus kelias, Stakių kelias; Gỿlių brasta).

2.8. Einige Flurnamen zeigten, dass der Siedlungsraum selbst ein Mittel zur Bestimmung der Lage der benannten Objekte ist. Der Weideplatz, der den Eckteil des Dorfgebiets am Flussstreifen einnahm, wurde Kulỹs genannt; Agrarobjekte, die eine mittlere räumliche Lage zwischen Objekten einer Art und zwischen Pflanzen einer Art (Flachs) einnahmen, wurden Tarpūbaliai und Tarpūliniai genannt. Nach den Angaben des Fragebogens sind šaltžemės eine der Bodenarten dieses Gebiets; daher wuchs hier auch Flachs.

3. Possessive Flurnamen spiegeln die Verbindung von Segmenten des Dorfumfelds mit dem Menschen wider. Ihre Benennungsgrundlage bilden die Personennamen der Bewohner der Siedlung (Karōsas, Šlenỹs u. a., die dialektale Form Kanapeckaičia). Diese Ortsnamen entstanden meist auf der Grundlage sozialen Eigentums; sie werden nach dem vorherrschenden Benennungsschema ausgedrückt: uneigentliches Attributgefüge ⇒ Flurname.

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Die Struktur der toponomastischen Schicht im sozial-geografischen Raum des Dorfes Šeimyniškėliai nach den Daten der Ortsnamens-Fragebögen (1935)

4. Die Untersuchung zeigte, dass sozial bedeutsame Infrastrukturobjekte des Dorfes benannt werden. Neben den genannten onomastischen und psychologischen Faktoren nimmt auch der soziale Indikator im Benennungsprozess einen wichtigen Platz ein. Dies wurde durch die ursprüngliche Eigenschaft des analysierten Raums als bewohnter Ort bedingt.

5. Auf der Grundlage der vorgelegten Analyseergebnisse trat eine weitere wichtige Eigenschaft der Flurnamen hervor – sie fungieren als Orientierung verbindendes Element im sozial-geografischen Raum.

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The Structure of Toponymic Layer in the Social-Geographic Space of Šeimyniškėliai Village Based on Land Names Questionnaire (1935)

SUMMARY

To reconstruct the organization of space in the interwar village and the peculiarities of its perception, the article creates a complex analysis algorithm. Referring to the data of proper names recorded in the form of a questionnaire-based survey in 1935 and the information sources confirming the settlement’s infrastructure, landscape and historical period, the article reveals how land names are motivated by the fact of functioning and usage alone. The complex study of the space of Šeimyniškėliai village (and its surroundings) enabled us to understand the configuration of the constituent elements of the toponyms collected in the questionnaire and their relationship (composition) and to interpret the data obtained.

1. One layer of place names was attested to by the secondary representatives of direct naming correlating with relief and directly revealing the physical-geographical landscape properties. It is revealed by the derivatives with the suffix -ynė, such as Akmenynė, Karklynė, Kemsynė, which point to the type of land surface, i.e., places covered with stones, hillocks, willows; the land names based on simple and pronominal adjectives, such as meadow names Ilgōji, Siaurōji, Didisai dirvōnas, etc., describing the segments of the settlement characterized by different properties; the river name Ėlmė which derives from the directional horizontal movement verb elmėti underlining the properties of a rapid river flowing noisily over a stony bed across the village, etc.

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2. The layer of the representatives of indirect naming constitutes an ethnolinguistically important piece in the toponymic puzzle of the village. In this case, the properties of geo-objects are expressed through intermediaries as the most typical expressers of certain properties (form and darkness respectively), such as kūgis, salūkė (cf. salà) and degūtas, žydas, which belong to different thematic groups and bear the suffixes attributable to the category of property bearers –iškis, –iškiai and the ending –ė: Kūgiškis arable land, Salūkiškis forest, Žydiškiai arable land, Degūtė arable land. Other indirect-naming mixed-motivation model representatives of comparative motivation type, such as Miestėlis arable land, island, Starkalizdis arable land, should also be interpreted as a verbalized human cognitive activity maintaining a connection between different entities of the world and expressing the relationship with them through the given names. The process of naming the depth as Lõzoriaus sietuvà is related to the deduction of the concept of depth (hollowness) and the evaluative categorization of the river depth. In language usage, this name could possibly mean the inappropriateness of the place for human needs, i.e., the impassable (unwaddle) place of the river.

3. The layer of land names expressing the meaning of place is most commonly attested to in research findings. These land names reflect the system of orientation in the space of the settlement: a) there is information on the position of certain topo-objects in respect of others conveyed by means of the prefixes pa-, prie- (Paėlmis, Pakařkalnė, Pažalčpievіs; Priėtvoris); b) the land names formed with motivational lexemes kārtis (kārtis?), pākūros, vôlas represent a different content determined by the different natural properties of the named objects: the hill Karčkalnis is named on the basis of the properties of its top; the forest Pakūrmiškis is named with regard to its purpose, whereas the river Vôlupis is named after the place where it flows; c) the names of pastures Kulỹs and Kulėliai, meadows Larĩkos and Lankėlė, rivers Vôlupis and Volupėlis flowing by the hillfort show the relationship of the objects situated by the Šventõji River; d) certain land names revealed that the space of the settlement is by itself a way for the position of the named objects to emerge (Kulỹs, Tarpūbaliai, Tarpūliniai); e) the topographic elements known to local people were identified in the structure of other land names (Kiaũliupis, Vôlupis, Dubė); these elements were used as a reference point in establishing the position of one or another object inside the village or in its vicinity: Kiaũliupio pieva, Vôlupio darželiai, Galù Dubės ravėliai; f) roads, just like a segment of a ford, are oriented from the inside towards the outside of the settlement; it reveals in their structural elements, i.e., the names of villages situated in the nearest vicinity (Gõjaus kelias, Stakių kelias; Gylių brasta); g) the adjacent forms of the hillfort name Vóruta || Piliãkalnis || Šeimyniškėlių piliakalnis can be defined as the process of change (transformation) of the name of the object carrying a symbolic charge and important to a social group in time.

4. The layer of place names of possessive meaning reflects the relationship between the agrarian segments of the village environment and the person on the basis of social possession (Šlėndaržis, Sapkauskienės laukas, etc.).

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Toponomastinio sluoksnio struktūra socialinėje-geografinėje Šeimyniškėlių kaimo erdvėje Žemės vardų anketos (1935) duomenimis

Hence, the study revealed yet another important property of land names – they function as a reference point in the social-geographic space. It was determined by the inherent property of the space under analysis as an inhabited place.

The place names which are not attested to in contemporary official sources came to the fore in the research: single-homestead settlement name Paėlmìs and three river names (*Kiaũliupis, Vőlupis, Volupėlìs). One of them was reconstructed from the meadow name Kiaũliupio pìeva, which is described in the questionnaire as [a meadow] near Kiauliupis land; according to the questionnaire, there was water in the river Volupėlìs in spring only; after the rivers Vőlupis and Volupėlìs join together, they flow into the river El̃mė.

Whereas toponyms are associated with a conserving function, the research demonstrated a collection of interwar nomenclature terms: išvara, lydymas, pakriūta, patrašė, plėšimas, etc.

Įteikta 2023 m. sausio 28 d.

D A L I A S V I D E R S K I E N Ė

Lietuvių kalbos institutas Petro Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius, Lietuva [email protected]

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