Page 1Acta Linguistica Lithuanica 2025, Bd. 93, S. 1–6 Inhaltslink / Link zum Inhaltsverzeichnis ISSN 2669–218X (online / elektronisch)
BLUNKANČIOS TAPATYBĖS PAIEŠKOS, ARBA PALIATYVIOJI LITUANISTIKOS STRATEGIJA (APIE KALBĄ, MOKSLĄ IR ŠVIETIMĄ)¹
DANGUOLĖ MIKULĖNIENĖ Institut für die litauische Sprache E-Mail: danguole.mikulėnienė@lki.lt ORCID ID: https://orcid.org/0000-0001-7781-7236 Forschungsgebiete: Geolinguistik, Dialektologie der baltischen Sprachen, synchrone und diachrone Dialektologie, Morphonologie, Geschichte der litauischen Sprache und Sprachwissenschaft.
https://doi.org/10.35321/all93-11
Vor gut einem Jahrzehnt ging die Nachricht um die Welt: Nachdem er gerade einmal hundert Jahre gelebt hatte, verendete die letzte Galápagos-Schildkröte namens Lonesome George. Die Naturforscher waren sehr besorgt, denn Schildkröten dieser Art leben doppelt so lange. Ich möchte nicht, dass mein Vortrag einem Nachruf ähnelt, doch der Tod ist immer ein unangenehmes Wort. Das als Symbol dieser Inseln geltende Tier erinnerte die Welt daran, dass alle Kinder der Natur sterblich sind. Leider nicht nur sie. Auch Sprachen sterben.
Und zwar sehr viel häufiger, als wir denken würden – noch vor einigen Jahrzehnten hieß es, dass wir weltweit alle zwei Wochen mindestens eine Sprache verlieren. Mit jeder Sprache und jeder Kultur werden wir ärmer. Wenn der letzte Mensch stirbt, der sie spricht, geht eine nicht aufgezeichnete oder nicht aufgenommene Sprache unwiederbringlich verloren. Traurig, nicht wahr? Die Menschen verstehen, dass ihre Sprache stirbt, wissen aber nicht, wie schnell das geschehen wird.
Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit wuchs unser Selbstwertgefühl mehrere Jahrzehnte lang. Mit ihm stieg auch der Wert der litauischen Sprache. Schließlich wissen wir, dass wir gemeinsam mit unseren lettischen Brüdern diejenigen sind, die der Welt
¹ Der Artikel wurde auf der Grundlage eines Vortrags verfasst, der am 27. Juni 2025 auf dem litauischen Kulturkongress gehalten wurde, der dem 100. Jahrestag des litauischen Kulturkongresses und dem 150. Geburtstag von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis gewidmet war.
Copyright © 2025 Danguolė Mikulėnienė. Herausgegeben vom Institut für die litauische Sprache. Dies ist ein Open-Access-Artikel, der gemäß den Bedingungen der Creative Commons Attribution Licence verbreitet wird. Diese gestattet die uneingeschränkte Nutzung, Verbreitung und Vervielfältigung in jedem Medium, vorausgesetzt, der ursprüngliche Autor und die Quelle werden genannt. // Herausgegeben vom Institut für die litauische Sprache. Dieser Artikel ist frei zugänglich und wird gemäß den Bedingungen der „Creative Commons“-Namensnennungslizenz verbreitet, die die uneingeschränkte Nutzung, Verbreitung und Vervielfältigung des Inhalts in jedem Medium gestattet, sofern Autor und Quelle angegeben werden.
Received: / Eingegangen: 2025-10-14. Accepted: / Angenommen: 2025-11-14.
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Page 2die baltischen Sprachen bewahrt haben. Und als wir uns an den indoeuropäischen Sprachbaum von Augusto Schleicher erinnerten und den Zweig der baltischen Sprachen zwischen den zahlreich verwendeten germanischen und slawischen Sprachen sahen, waren wir stolz auf unsere Vergangenheit. Noch aus der Sowjetzeit waren wir auf die romantische SPRACHVERGANGENHEIT ausgerichtet (beinahe die älteste Sprache; haben nicht etwa Adam und Eva im Paradies diese Sprache gesprochen? und dergleichen). Wir sollten uns nicht wundern – damals hatten wir für unsere Sprache keine ZUKUNFT.
Doch die Vergangenheit – das ist für die Jugend die Generation der Einwohner, die in Europa den größten Einfluss ausüben kann; sie ist schlicht uninteressant, weil die Welt der jüngeren Generationen die Grenzen des Nationalstaats längst überschritten hat. Sie sind Menschen der Welt. Andererseits können auch wir, die in postsowjetischen Ländern leben, nicht die ganze Zeit nur darüber sprechen, wie es dort zu Sowjetzeiten für uns war oder wie wir damals waren. Wir müssen darüber sprechen, wie wir sein werden, selbst wenn es uns nicht mehr gibt.
Nachdem wir die Unabhängigkeit für Lietuva wiederhergestellt hatten, schufen wir zunächst für die litauische Sprache eine GEGENWART. Einige verstanden sie als rechtlich geregelte Identität, unterstützten Gesetze und Förderprogramme für die Staatssprache und glaubten naiv, dass der Erfolg, der die Prioritäten der Lituanistik in der Zwischenkriegszeit so deutlich aufgewertet hatte, auch dieses Mal nicht ausbleiben würde. Andere forderten gleichzeitig uneingeschränkte Freiheit für sich und natürlich auch für die Sprache – ohne jegliche Regelungen, weil diese mit der Sowjetzeit, der Zensur und wer weiß was sonst noch assoziiert wurden. Ja, nach 1990 wurde die Staatssprache institutionalisiert: Beim Verfassunggebenden Seimas arbeitete die Staatliche Kommission für die litauische Sprache, die staatliche Sprachinspektion wurde gefestigt, und nicht nur um den Unterricht der litauischen Sprache, sondern auch um litauischsprachige Schulen in Südostlitauen kümmerte sich das Ministerium für Bildung und Wissenschaft (in guter Erinnerung behalten wir die Amtszeit des Ministers Zigmas Zinkevičius)... 1995 wurden die litauische Sprache und ihr Gebrauch gesetzlich geregelt...
Also ist das alte Gesetz über die Staatssprache bereits dreißig Jahre alt. In drei Jahrzehnten ist unsere Sprache aus diesem Gewand herausgewachsen. Der beste Beweis dafür sind die ersten Humanoiden Ąžuolas und Liepa, die auf Litauisch zu sprechen begannen. An ihnen als Beispiel möchte ich sagen, dass die Sprache in diesen Zeiten der künstlichen Intelligenz und der modernen Informationstechnologien nicht so funktioniert, wie sie beispielsweise im 19. Jahrhundert funktionierte, als sie die Grundlage der Nationalstaaten war. Daher braucht der Staat Lietuvos ein neues, konstitutionelles Gesetz über die Staatssprache. Doch das haben wir bereits vor gut einem Jahrzehnt, 2012, festgestellt, als wir den neunzigsten Jahrestag der Staatssprache begingen... Hat sich etwas verändert? Nichts... Alle Entwürfe des künftigen Verfassungsgesetzes liegen in den Archiven des Seimas und in den Schreibtischen der Seimas-Mitglieder... Warum? Verstehen wir nicht, dass die GEGENWART die ZUKUNFT hervorbringt?
Eine Sprache stirbt, wenn sie von Generation zu Generation weitergegeben wird. Obwohl die Zahl der Sprecher nicht besonders wichtig ist, zählen Linguisten sie sorgfältig. Bekannt ist, dass beispielsweise vor einigen Jahrzehnten in Indien zwischen eintausend und zweitausend Einwohner die Aku-Sprache sprachen, während in Mexiko gerade einmal 650 bis eintausend Menschen die Seri-Sprache sprachen². David Crystalas sagt es einfacher: Diese Sprachen werden ungefähr innerhalb der Lebensspanne von zwei Generationen aussterben³.
Nun, worauf willst du hinaus? Das ist doch zu viel, werden Sie sagen. Aber hat ein solches Schicksal nicht unsere Brüder, die Prußen, ereilt? Wie Sie wissen, sind von den baltischen Sprachen der gesamten indoeuropäischen Familie heute nur zwei lebende Sprachen erhalten, und Lettisch sprechen noch weniger Menschen als Litauisch... Ende des 19. Jahrhunderts
² Duomenys iš National Geographic (Litauen) 7(34), 2012: 54.
³ Crystal David 2005: Sprachtod, Vilnius: Tyto alba, 8.
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Page 3Fridrichas Kuršaitis legte die erste Karte des litauischen Sprachgebiets und die Gesamtzahl der Litauer vor, die damals ungefähr zwischen 1,5 und 2 Millionen lag⁴. Allerdings lebten damals noch etwa 150.000 Litauer in Ostpreußen. Nachdem der Autor festgestellt hatte, dass die Stadtbevölkerung nirgendwo litauisch war (in Ostpreußen Deutsche, im Lietuva Russijos ir Lenkijos – Polen), räumte er ein, dass die Litauer auch unter den Dorfbewohnern „nur die unterste Klasse“ seien. Daher musste nach Ansicht von F. Kuršaitis die Zahl der Litauischsprachigen weiter abnehmen. In Preußen verdrängte die deutsche Sprache das Litauische, anderswo das Polnische und im Teil des zaristischen Russlands auch das Russische. Nachdem der Druck mit lateinischen Buchstaben verboten worden war, grenzte das Überleben der litauischen Sprache in der Zeit des zaristischen Russlands an ein Wunder, und darauf sind wir zu Recht stolz...
Aber müssen wir uns wegen der jährlich sinkenden Einwohnerzahl von Lietuva nicht Sorgen machen? Ist unser Staat nicht zu den von F. Kuršaitis genannten zwei Millionen zurückgekehrt? Gegenwärtig sind in Lietuva zwei Tendenzen zu beobachten: Seit 1990 hat Lietuva mehr als 1 Million Einwohner verloren, also ein Drittel der gesamten Bevölkerung (in 20 Jahren emigrierten 774.000 Einwohner aus Lietuva, 321.000 kehrten zurück)⁵. Obwohl 2021 der größte Teil der Bevölkerung von Lietuva litauischsprachig war (85,3 Prozent), nimmt ihr prozentualer Anteil in den letzten Jahren ab. Mit der Verbesserung der sozioökonomischen Lebensbedingungen wächst die Zahl der Immigranten überproportional (2023 lebten in Lietuva ungefähr 222.000 Ausländer⁶). Die Bevölkerung von Lietuva verändert sich also allmählich, ebenso wie das sprachliche Bild ganz Europas.
Ein großer Zustrom von Immigranten erreichte uns nicht nur aus der kriegsführenden Ukraine, sondern auch aus Staaten Afrikas und Asiens. Sehr viele ausländische Studierende leben und lernen in den Universitätsstädten Vilnius, Kaunas und Klaipėda. Für einige von ihnen bleibt die litauische Kultur selbst nach dem Abschluss eines Hochschulstudiums fremd. Ich verstehe, dass die Hochschulen die Zahl der Studienplätze nicht verringern wollen, aber dann sollten wir zusätzliche Mittel für die tatsächliche Integration der Ausländer finden... Damit sie auch nach ihrer Ausreise aus Lietuva Botschafter unserer Kultur sind.
Bemerkenswert ist, dass nicht alle Zugewanderten eilig die litauische Staatssprache lernen. Immigranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken (Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan usw.) verständigen sich in Lietuva weiterhin auf Russisch. Und wie viele von ihnen haben Litauisch gelernt? Die genaue Zahl kennen wir nicht, aber wir wurden darüber informiert, dass kein Geld für ihre Zertifizierung vorhanden ist. Daher müsse man angeblich die Qualifikationsprüfungen aufschieben, aus demselben Grund auch das Erlernen der litauischen Sprache... Ich unterstütze alle, die sich gegen Aufschiebungen aussprechen, denn... diese Geschichte wiederholt sich bereits: Dasselbe hörten wir 1995, aber wir haben nichts aufgeschoben... Und das war gut so.
Was ist der Ausweg? Ganz einfach: Wir sollten so viele Migranten in das Land einladen und bringen, dass wir in der Lage sind, ihnen günstige Bedingungen nicht nur zum Arbeiten, sondern auch zum Leben zu schaffen. Der Mensch lebt nicht allein von Arbeit
⁴ Grammatik der littauischen Sprache von Dr. Friedrich Kurschat, Halle: Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, 1876, 8; litauische Übersetzung: Frydrichas Kuršaitis, Lietuvių kalbos gramatika 1876, bearb. von B. Kabašinskaitė, aus dem Deutschen übersetzt von A. Tekorius, wissenschaftlich redigiert von R. Venckutė, Vilnius: Verlag der Universität Vilnius, 2013, 40–41.
⁵ Vor einigen Jahren haben Linguisten bereits davor gewarnt, dass dies beträchtlichen Einfluss auf die litauische Sprache und das Bildungswesen haben kann (siehe Tamulionienė Aurelijа 2022: Migration and Linguistic Integration in Lithuania. – 19. EFNIL-Konferenz „Language and Migration“, 12. Oktober 2022, Vilnius: Seimas der Republik Lietuva).
⁶ Quelle – Statistikamt von Lietuva. Online verfügbar: https://123.emn.lt// [abgerufen am 19.09.2025].
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Page 4lebendig... Vor einiger Zeit hörten wir Informationen über Abiturienten nichtlitauischer Schulen, die staatliche Prüfungen in einer nichtstaatlichen Sprache abgelegt hatten. Tatsächlich waren es nur einige Dutzend... Das Ministerium sagt, dies sei kein Problem. Aber ist eine sehr schlechte, gerade noch ausreichende Unterrichtsqualität an einzelnen Schulen wirklich kein PROBLEM für ganz Lietuva?
Deshalb sage ich: Lietuva hat keine Strategie für die Staatssprache. Andere würden sagen: keine Politik. Aber meines Erachtens ist DAS FEHLEN EINER STRATEGIE EBENFALLS POLITIK. Die Verteilung ukrainischer Kinder im Schulalter auf russischsprachige Schulen ist ebenfalls Politik. Wäre es wirklich nicht möglich gewesen, Gruppen an Schulen mit litauischer Unterrichtssprache zu bilden?
Wie Menschen kann eine Sprache sicher, gefährdet oder tot sein. Die Situation gefährdeter Sprachen erörtern Linguisten anhand vieler Kriterien. Ihrer Ansicht nach kann eine Sprache noch gerettet werden, wenn die Mitglieder der Gemeinschaft sich zur gemeinsamen Arbeit zusammenschließen und jedes Gemeinschaftsmitglied es als seine Pflicht betrachtet, zum gemeinsamen Ziel beizutragen; wenn eine Analyse des Sprachgebrauchs in verschiedenen Lebensbereichen durchgeführt wird; wenn entschieden wird, was bewahrt werden soll – das symbolische sprachliche Erbe oder doch die im Alltag verwendeten Mittel der geschriebenen und gesprochenen Sprache; wenn man sich auf die Erfassung und Aufbewahrung der Sprachdaten einigt; wenn die geschriebene und gesprochene Sprache normiert wird, wenn diese Sprache in Schulen unterrichtet wird und angestrebt wird, dass in ihr alle Fächer unterrichtet werden; wenn in dieser Sprache Lehrmaterial für Kinder und Erwachsene gedruckt wird; wenn in dieser Sprache Literatur geschaffen wird; wenn die Sprache als Staatssprache anerkannt ist⁷.
Offensichtlich schafft der Status der Staatssprache rechtliche Voraussetzungen für die Existenz einer Sprache, kann aber unseren Wunsch und unsere Entschlossenheit, die Muttersprache lebendig zu erhalten, nicht ersetzen. Die Verwendung der geschriebenen und gesprochenen Sprache im staatlichen Sektor, in der Schule und in den Medien ist noch nicht alles. Auch die Schaffung spezieller Normierungs- oder Aufsichtsbehörden ist nicht alles, wenn ihre Tätigkeit unzureichend ist, weil ihnen eine langfristige Perspektive fehlt.
Zum ersten Mal wurde die litauische Sprache 1922 zur Staatssprache erklärt. In der Zwischenkriegszeit verfolgte man eine sehr wirksame Sprachplanungstrategie: Der Status wurde geplant, eine normierende Tätigkeit durchgeführt, die nicht nur die Normierung, sondern auch Fragen des Sprachunterrichts umfasste, und die Gesellschaft selbst kümmerte sich um das Prestige der Sprache... Heute funktioniert das Sprachschutzsystem in Lietuva scheinbar ähnlich, aber es kommt ins Stocken und kann mitunter bereits nicht mehr mit den aktuellen Herausforderungen Schritt halten, die durch Emigration, Immigration, Globalisierung und unser eigenes Unvermögen, Ordnung zu schaffen, entstehen... Daher muss es eine kontinuierliche (wenn Sie wollen, permanente) Beobachtung geben, und zusammen mit der realen Analyse des Sprachgebrauchs sollte auch die Strategie der Staatssprache ständig aktualisiert werden.
Unter den Bedingungen der modernen Welt, in der die großen Sprachen (Englisch, Chinesisch, Spanisch...) vorherrschen, müssen die kleinen Sprachgemeinschaften anspruchsvoller sein. Bitte verstehen Sie mich richtig: Ich bin keine Gegnerin anderer Sprachen, aber eine oder mehrere weltweit vorherrschende Sprachen dürfen nicht den Platz anderer Sprachen einnehmen. Daher ist es kein Zufall, dass man sich in den letzten Jahren in ganz Europa um die Bewahrung der lokalen Sprachvarietäten bemüht. In den Arbeiten moderner Dialektologen (und überhaupt von Linguisten) als Vertretern der modernen Gesellschaft vermisse ich daher eine Zukunftsstrategie für unsere Nationalsprachen (und Dialekte), die auf die Bewahrung dieser Sprachen und Dialekte ausgerichtet wäre. Das bedeutet nicht, dass wir ihre natürliche Entwicklung aufhalten, sondern dass wir für günstigere Bedingungen ihres Fortbestehens sorgen werden
⁷ Näheres siehe Crystal David 2005: Sprachtod, Vilnius: Tyto alba, 159–160.
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Page 5Bedingungen. In Europa muss nicht nur gegenüber der Natur, sondern auch gegenüber der Sprache eine ökologische Haltung vorherrschen. Und es spielt überhaupt keine Rolle, ob es sich um eine Staatssprache, die Sprache einer nationalen Minderheit oder lediglich um irgendeine lokale Sprachvarietät handelt.
Wir sprechen heute also über neue Aufgaben, die sowohl für Lietuva als auch für Europa entstehen. Eine davon besteht darin, unsere sprachliche (und damit auch dialektale) Vielfalt zu bewahren. Das können wir nicht erreichen, indem wir uns allein an unsere Vergangenheit klammern, doch wir müssen sie achten. Die Gestalter moderner Lehrpläne müssen noch nach dem passenden Schlüssel suchen (und ihn finden), um das historische und kulturelle Erbe Kleinlitauens auszuwählen (nachdem sie das erste litauische Buch nur flüchtig in Übersichten erwähnt und Ieva Simonaitytė aufgegeben haben, betrachten wir es selbst nur mit den Augen der „unhöflichen“ Bauern Donelaitis’...). Diejenigen, denen aus den „Jahreszeiten“ nur das Krähenessen im Gedächtnis geblieben ist, möchte ich beruhigen: In den Programmen der litauischen Fernsehsender gibt es eine Fülle gastronomischer Sendungen (dazu rechne ich auch jene, in denen die Macher zum Grillen und zum Filmen des Grillens an die „Bauchredner“ fahren)... Können wir also bestreiten, dass die einflussreichsten Medien eine gastronomische Sicht auf die Geschichte, Sprache und Kultur Lietuvas prägen?
Auf den Feldern der Lituanistik reiten wir – wie in der gesamten Wissenschaft und im Bildungswesen von Lietuva – noch immer auf dem Pferd der Internationalität: Wir zählen internationale Projekte, in Fremdsprachen verfasste Artikel und Monografien, die in renommierten ausländischen Verlagen erscheinen. Ihre Bedeutung als Prestigeobjekte bestätigen (oder verneinen) jedes Jahr die Funktionäre des Lietuvos mokslo taryba (LMT). Wir stecken also unser eigenes Geld in fremde Taschen... Allerdings muss man sagen, dass die Lituanistik auch diese Lektion gelernt hat – sie stärkt jedes Jahr ihre internationale wissenschaftliche Komponente. Aber muss das Wesen der Lituanistik in Lietuva wirklich allein in der Internationalität liegen?
Überlegen wir sprachwissenschaftlich, was diese internationale Komponente (tarptaut-) ohne das Element (taut-) ist? Es bleibt nur die Präposition (zwischen)... Und was bedeutet sie? Sehen Sie es, wie Sie wollen... aber das ist nur eine leere Stelle...
Der Staat muss seine Strategie für die Staatssprache und seine Einstellung zu ihr ändern. Durch staatliche Aufträge müssen wir Elemente des Nationalen in die Zukunft einführen. LMT muss seine Einstellung zu den für Lietuva und die litauische Sprache wichtigen, das heißt grundlegenden, Arbeiten ändern – zum großen Wörterbuch der litauischen Sprache, zum Wörterbuch der litauischen Standardsprache, zur Datenbank der alten Schriften, zum Tarmynas und zu weiteren – und zwar in jedem Bereich der Lituanistik. Solche Listen haben nicht nur die Linguisten, sondern auch Literaturwissenschaftler, Philosophen, Archäologen, Historiker... Mit anderen Worten: Neben internationalen Prioritäten haben auch vorrangige nationale Projekte das Recht zu existieren und verwirklicht zu werden. Ihre Fortführung muss vom Staat garantiert werden... Und solange der Staat existiert...
Die Ersetzung der Muttersprache durch eine andere ist kein plötzliches oder epidemisches Phänomen. Zunächst ist sie wie ein kaum wahrnehmbarer Schatten, der nicht nur beim Kommunizieren, sondern auch beim Denken in einer anderen Sprache entstehen kann. Es scheint, als hätten wir uns noch vor Kurzem laut über nichtlitauische Warenzeichen oder Firmennamen empört, während wir heute beinahe stillschweigend den unstillbaren Wunsch hinunterschlucken, in der Sprache etwas zu verändern, zu brechen oder irgendein Suffix oder eine Endung zurückzuweisen... Meine Damen und Herren, Sprache darf nicht auf der Grundlage persönlicher Meinungen, politischer und ideologischer Argumente oder – scheuen wir uns nicht, es zu sagen – der Interessen bestimmter Politiker (und nicht nur ihrer) rekonstruiert werden... Also BESCHÄDIGEN WIR sie NICHT...
Gegenwärtig ist in Lietuva der Bedarf an einer „grünen“ (das heißt ökologischen) Sprachwissenschaft offensichtlich. Die traditionelle schulische Sprachpflege half, dem Einfluss der russischen Sprache standzuhalten, weil die Gesellschaft
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Page 6sie als eine bestimmte widerständige Form des Überlebens der Sprache verstand. Heute braucht die Sprache eine starke supportive Behandlung. Das alte Gesetz über die Staatssprache hat gute Arbeit bei der Umsetzung des Status der Staatssprache geleistet, aber dringend wird ein neues benötigt. Wir brauchen eine neue, moderne, strategisch abgestimmte präventive Sprachwissenschaft... Und vor allem eine starke rechtliche und wirtschaftliche Grundlage für ihre Umsetzung.
Das Dahinsiechen einer Sprache stellt keine offensichtliche Gefahr für den Staat dar und zieht nicht so viel Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich wie die globale Erwärmung oder andere Umweltprobleme. Damit eine Sprache jedoch nicht verschwindet, muss sie geschützt werden. Da diese Entscheidung „langfristig ist (und beträchtliche wirtschaftliche Investitionen sowie soziale Reformen erfordert), wird die Regierung – so Crystal – lieber eine kurzfristige „Reparatur“ wählen und Maßnahmen nur zur Lösung der offensichtlichsten Probleme ergreifen – im Grunde wird sie die Sprache nur dort abstützen, wo die größte Gefahr besteht. Leider ist die Wirksamkeit dieser Maßnahmen umgekehrt proportional zum sie begleitenden politischen Lärm. In der Sprachpflege kann nichts die sorgfältige Planung für die ferne Zukunft ersetzen, bei der die Förderung des kulturellen Umfelds der Sprache Vorrang hat, sowie die gewissenhafte Auswahl kurzfristiger Maßnahmen.8
Gegenwärtig verstärken sich in ganz Europa angesichts der deutlich herrschenden existenziellen Angst und der Bedrohungsstimmungen in verschiedenen, sogar alltäglichen Lebensbereichen die Narrative des Kampfes; häufig sagen wir, dass die National- und Kultursprache unsere Waffe ist. Schauen wir also, wer sie benutzt und in wessen Händen sie liegt.
8 Crystal David 2005: Sprachtod, Vilnius: Tyto alba, 131.
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