Page 1LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXVI (1996)
LIETUVIŲ KALBA: TYRĖJAI IR TYRIMAI
Juozas KARACIEJUS
J. GERULIS „ALTLITAUISCHE LESETEXTE“: AUSWAHLPRINZIPIEN UND BEDEUTUNG FÜR DIE LITUANISTIK (im Vergleich mit der „Chrestomathie zur Geschichte der litauischen Literatur“)
Die meisten litauistischen Studierenden sowohl der Vorkriegsuniversität Kaunas (ab 1930 Vytauto Didžiojo-Universität) als auch der Nachkriegsuniversität Vilnius (vielleicht mit Ausnahme der Jahre 1945–1955) begannen ihre Bekanntschaft mit den alten litauischen Schriften, ihren sprachlichen Besonderheiten und literarischen Elementen gewöhnlich anhand der von J. Gerulis zusammengestellten und 1927 herausgegebenen Chrestomathie „Senieji lietuvių skaitymai. I dalis: Tekstai su įvadais“1 (im Folgenden: Skaitymai). Die ersteren hatten vielleicht auch noch M. Biržiškas „Rinktiniai mūsų senovės raštai“ (im Folgenden: Raštai) zur Hand, die im selben Jahr erschienen waren, die letzteren außerdem die bereits 1957 herausgegebene, von K. Korsakas und J. Lebedys redigierte „Lietuvių literatūros istorijos chrestomatija“ (im Folgenden: Chrestomatija). Deren Herausgeber hatten sich vorgenommen, alle früheren Veröffentlichungen ähnlicher Art zu übertreffen, denn „die früher herausgegebenen Chrestomathien der alten litauischen Literatur sowie Sammlungen von Schriften (von E. Volteris, M. Biržiška, J. Gerulis u. a.) sind veraltet und entsprechen nicht den heutigen Anforderungen“2.
Da J. Gerulis’ Skaitymai nicht nur von Studierenden, sondern auch von Forschern der litauischen Sprache (teilweise auch der alten litauischen Literatur) häufiger genutzt wurden und weiterhin genutzt werden, wird deutlich, dass die Chrestomatija die Skaitymai nicht ersetzen kann. Somit ist die Bedeutung der Chrestomatija für die Lituanistik deutlich geringer als erwartet. Daher stellt sich völlig zu Recht die Frage, was die Beliebtheit von J. Gerulis’ Skaitymai begründet hat. Um sie zu beantworten, sollten wir zunächst klären, nach welchen Kriterien die Texte ausgewählt wurden und auf welchen Prinzipien die Herausgeber beider Chrestomathien bei der Präsentation der ausgewählten Texte für die Leser beruhten.
Allerdings sollte man, bevor man Antworten auf die genannten Fragen sucht, nicht vergessen, dass die von K. Korsakas und J. Lebedys redigierte Chrestomatija hinsichtlich Umfang, Inhalt und teilweise auch Zweck den Raštai von M. Biržiška nähersteht als den Skaitymai von J. Gerulis, die nur litauische Schriften des 16.–17. Jahrhunderts umfassen. Daher
Heute kann man nur bedauern, dass J. Gerulis sein Versprechen nicht einlösen und den zweiten Teil dieser Ausgabe nicht vorbereiten konnte. Darin wollte er nicht nur „jene Formen und jene Wörter erklären, die nicht allen Litauern verständlich sind“, sondern hatte offenbar auch vor, praktisch eine Frage zu beantworten, die bei der Vorbereitung des ersten Teils aufgekommen war: „Sollte man nicht auch aus den deutschen, lateinischen und polnischen Originalen wenigstens einige Seiten abdrucken? Denn der größte Teil unserer alten Schriften sind Übersetzungen; deshalb wäre es interessant zu sehen, wie die Übersetzer mit ihren Quellen umgehen“ (S. V).
Lietuvių literatūros istorijos chrestomatija. Feodalizmo epocha. Red. K. Korsakas ir J. Lebedys. V.: Valstybinė grožinės literatūros leidykla, 1957, 5.
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Page 2Vergleichen lassen sich nur die in beiden Ausgaben enthaltenen litauischen Texte aus diesen Jahrhunderten und ihre Kommentare. Außerdem hatten die Herausgeber ähnlicher Veröffentlichungen in erster Linie die künftigen Leser vor Augen, das heißt, für wen diese Veröffentlichungen bestimmt waren und welche Ziele sie verfolgten. Gerade diese Umstände bestimmten die Prinzipien der Textauswahl und -aufbereitung. J. Gerulis sagt in der „Prakalba“ zu den Skaitymai nicht ausdrücklich, für wen das Buch bestimmt ist; aus ihrem Anfang lässt sich jedoch schließen, dass sich die Ausgabe an Fachleute richtet, vgl.: „Unsere alten Sprachdenkmäler sind über die ganze Welt verstreut. Nur wenige können alle nutzen, und neue Ausgaben gibt es ebenfalls kaum. Deshalb habe ich, angeregt von dem verstorbenen Būga, die kurzen Texte vollständig und aus den längeren umfangreiche Auszüge abgedruckt“3. Außerdem wird hier auch erläutert, wie die Texte für diese Ausgabe ausgewählt wurden.
Die Herausgeber der Chrestomatija legen im „Pratarmė“ konkreter dar, an wen sie ihre Ausgabe richten, vgl.: „Die Primärquellen der alten litauischen Literatur, die sich in der Epoche des Feudalismus entwickelt hat, und die meisten alten litauischen Schriften sind heute schwer zugänglich: Sie sind zu bibliografischen Raritäten geworden, von denen selbst in den großen Bibliotheken der Republik nur noch hier und da ein Exemplar erhalten ist. Diese Schriften oder zumindest ihre charakteristischsten Auszüge unserer Gesellschaft, insbesondere der Schülerschaft, zugänglich zu machen (von mir hervorgehoben. — J. K.), ist die Aufgabe dieser Chrestomathie“4. Auch die Kriterien für die Textauswahl werden hier erörtert: „Diese Chrestomathie ist eine Chrestomathie der litauischen Literatur, nicht allgemein der Geschichte der litauischen Schriften. Sie enthält daher nur jenes Material, dessen Gattungs- oder Stilmerkmale es der sich historisch entwickelnden schönen Literatur zuordnen lassen. Deshalb enthält diese Chrestomathie keine alten litauischen Texte, die entweder rein staatlich-administrativen Charakter haben (z. B. verschiedene Dokumente, Rechtsakte, Regierungsaufrufe u. Ä.), unmittelbar dem religiösen Kult angehören (z. B. verschiedene Gebete, Kirchenlieder als solche u. Ä.) oder durchweg philologischen und pädagogischen Inhalts sind, etwa Texte aus Wörterbüchern, Grammatiken und Fibeln. Darin unterscheidet sich diese Chrestomathie von den früher herausgegebenen Chrestomathien der alten litauischen Literatur, in die üblicherweise Texte aller litauischen Schriften aufgenommen wurden, ungeachtet ihrer Gattungs- oder Stilmerkmale. Deren Herausgeber waren meist bemüht, Material nicht so sehr für die Erforschung unserer Literatur als vielmehr für die Erforschung der Vergangenheit und Kultur Litauens sowie der Geschichte der litauischen Sprache bereitzustellen. Darüber hinaus waren die während der Herrschaft der Bourgeoisie herausgegebenen Chrestomathien b e s o n d e r s ü b e r l a d e n m i t v e r s c h i e d e n e n T e x t e n r e i n r e l i g i ö s e n u n d k u l t i s c h e n C h a r a k t e r s (G e b e t e, K i r c h e n l i e d e r, P r e d i g t e n, B i b e l ü b e r s e t z u n g e n). D a d u r c h w u r d e i n i h n e n d i e R o l l e r e l i g i ö s e r S c h r i f t e n i m k u l t u r e l l e n L e b e n d e s l i t a u i s c h e n V o l k e s b e t o n t h e r v o r g e h o b e n (von mir hervorgehoben. — J. K.), und andererseits wurde den weltlichen Schriften und der schönen Literatur deutlich zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet“
3 Gerulis J. Senieji lietuvių skaitymai. I dalis. K.: Lietuvos universiteto leidinys, 1927, [p.] V.
4 Lietuvių literatūros istorijos chrestomatija, 5.
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Page 3… für die Anfänge in der altlitauischen Schriftkultur.
In dieser Chrestomathie hingegen wird gerade den Schriften weltlichen Inhalts und jenen Texten der altlitauischen Schriftkultur der Hauptplatz eingeräumt, in denen weltliche Motive und erste Elemente künstlerischen Ausdrucks sichtbar werden. Deshalb werden in dieser Chrestomathie zahlreiche Vorreden, Widmungen und Panegyriken aus verschiedenen religiösen Büchern aufgenommen, in denen gerade weltliche Motive und Mittel des literarischen Ausdrucks am stärksten hervortraten“5.
Aus diesen längeren Auszügen aus dem „Vorwort“ der Chrestomathie geht hervor, dass dieses den damaligen Bedürfnissen entsprechende Buch nicht für Fachleute (nicht einmal für Studierende!), sondern für die Öffentlichkeit, insbesondere für Schüler, bestimmt ist und vor allem das Ziel verfolgt, die Leser auf eigene und neuartige Weise mit alten Schriften oder zumindest mit charakteristischen Auszügen daraus bekannt zu machen. Leider muss gleich gesagt werden, dass es den Herausgebern der Chrestomathie aufgrund der damals vorherrschenden ideologischen Einstellungen nicht gelang, dieses Vorhaben vollständig umzusetzen. Das zeigen deutlich der Umfang einiger in der Chrestomathie enthaltener altlitauischer Schriften6. Man könnte annehmen, dass auch die Herausgeber der Chrestomathie dies verstanden und empfanden und dass deshalb im „Vorwort“ des Buches die längsten sophistischen Ausführungen erschienen, mit denen man den Leser davon zu überzeugen versucht, dass die alten religiösen Schriften keine besonders bedeutsame Quelle für die Erforschung der litauischen Kultur und Literatur seien. Solche Behauptungen haben, wie ich zu sagen wage, sehr dazu beigetragen, dass sich eine negative Einstellung gegenüber den alten Schriften durchsetzte.
Da sich die Zielgruppe der besprochenen Chrestomathien unterscheidet, versteht es sich von selbst, dass auch die Grundsätze für die Wiedergabe der ausgewählten litauischen Texte voneinander abweichen müssen: Was für Fachleute erforderlich ist, ist für gewöhnliche Leser keineswegs notwendig und umgekehrt. Wie also werden die bereits ausgewählten Texte in beiden Ausgaben wiedergegeben? J. Gerulis schreibt zu den Grundsätzen der Textwiedergabe: „Sprache und Rechtschreibung habe ich weder verbessert noch vereinheitlicht. Denn wir wollen erfahren, wie man damals tatsächlich sprach und schrieb, und nicht, wie jemand von uns anstelle von Mažvydas, Daukša oder Širvydas angeblich geschrieben hätte. Nur die gröbsten Druckfehler korrigiere ich in den Anmerkungen, aber, wie mir jetzt scheint, oft auch diese unnötigerweise“7. J. Gerulis bemühte sich also, authentische litauische Texte vorzulegen, das heißt solche, wie sie Fachleute benötigen.
Anders gingen die Herausgeber der Chrestomathie mit den alten Texten um. Sie sagen: „Bei der Vorbereitung dieser Chrestomathie musste die schwierige Frage der sprachlichen Wiedergabe der Texte gelöst werden. Bekanntlich sind die litauischen Schriften der Feudalismus-Epoche in einer eigenen, sehr uneinheitlichen Rechtschreibung verfasst, die sich von unserer heutigen Rechtschreibung unterscheidet; außerdem enthält ihre Sprache zahlreiche Archaismen und Dialektformen, die in unserer heutigen Literatursprache nicht mehr verwendet werden. All dies erschwert die Lektüre dieser Schriften erheblich und macht ihren Inhalt in manchen Fällen sogar schwer verständlich. Mit dem Ziel, in dieser Chrestomathie zunächst Material zur Geschichte der litauischen Literatur vorzulegen“
5 Ebenda.
6 Zum Beispiel werden die litauischen Schriften des berühmtesten Schriftstellers des 16. Jahrhunderts, M. Daukša, in der Chrestomathie lediglich durch knapp 21 Zeilen der Postille repräsentiert (18 Zeilen von Seite 7 und 2,5 Zeilen von Seite 339). Daher lässt sich aus solchen Auszügen kaum etwas über die sprachlichen und stilistischen Besonderheiten von M. Daukšas litauischen Schriften sowie über deren literarische Elemente und Ausdrucksmittel aussagen.
7 G e r u l i s J. Die alten litauischen Lesestücke, [S.] V.
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Page 4Für das Studium musste dafür gesorgt werden, dass die in die Chrestomathie aufgenommenen Texte der alten litauischen Schrift leicht verständlich waren. Deshalb wurden sie in die heutige Orthografie und teilweise in die heutige Literatursprache übertragen; dabei verzichtete man auf zahlreiche phonetische und morphologische Archaismen sowie Dialektformen, ohne jedoch den Wortschatz und die Syntax zu verändern. Von den alten morphologischen Formen blieben bei der Übertragung nur diejenigen erhalten, die für die Geschichte der litauischen Sprache besonders charakteristisch sind und der Sprache und dem Stil der alten litauischen Schriften eine eigene Färbung verleihen. Alle alten lexikalischen, morphologischen und syntaktischen Formen, die heutigen Lesern unverständlich sein könnten, werden in Fußnoten zu jedem übertragenen Text erläutert.8.
„Um den Charakter der litauischen Schriften aus der Epoche des Feudalismus nicht nur hinsichtlich des Inhalts, sondern auch der Sprache, der Orthografie und der Drucktechnik so anschaulich wie möglich zu zeigen, werden in dieser Chrestomathie neben den übertragenen Texten auch deren authentische Fotokopien vorgelegt, außer in den Fällen, in denen der Originaltext nicht erhalten geblieben ist9.
Aus dem zitierten Passus aus dem „Vorwort“ der letztgenannten Chrestomathie geht nicht nur hervor, dass das Buch nicht für Fachleute bestimmt ist (weshalb es auch nötig war, litauische Texte des 16.–17. Jahrhunderts in die heutige Sprache zu „übersetzen“), sondern auch noch etwas anderes: Die Herausgeber der Chrestomathie betonten im „Vorwort“, das mit den damals obligatorischen ideologischen Floskeln gespickt war, mehrmals die Einzigartigkeit und Überlegenheit des Buches; zweifellos war ihnen bewusst, dass diese Behauptungen in der Luft hängen, wenn man die alten litauischen Texte nach solchen Grundsätzen aufbereitet. Deshalb mussten die Herausgeber einen Ausweg suchen – neben den in die heutige Sprache übertragenen Texten des 16.–17. Jahrhunderts auch deren Fotokopien aufnehmen. Für Schüler oder die breite Öffentlichkeit ist jedoch die Fotokopie jedes einzelnen Textes unnötig, für Fachleute wiederum sind die übertragenen Texte unnötig. Vielleicht lässt sich sogar bezweifeln, ob dieses Buch tatsächlich für die Öffentlichkeit bestimmt ist, zumal es am Ende des „Vorworts“ heißt: „Die fotografisch wiedergegebenen Texte ermöglichen es, das Material dieser Chrestomathie nicht nur für die Geschichte unserer Literatur, sondern auch für die litauische Sprache zu nutzen“10. Berücksichtigt man die Grundsätze der Textauswahl und -bearbeitung, scheint sich in dieser Aussage auch ein Widerspruch erkennen zu lassen.
Somit ist, selbst ohne die beiden Chrestomathien eingehender zu vergleichen, klar ersichtlich, dass die so zusammengestellte „Chrestomathie zur Geschichte der litauischen Literatur“ J. Gerulis’ „Alte litauische Lesestücke“ nicht ersetzen kann, denn eine nach derart eklektischen Grundsätzen erarbeitete Chrestomathie können wir heute auch nicht als Lehrbuch verwenden – Studierende sehen sich stets zuerst den übertragenen und nicht den fotografisch wiedergegebenen Text an. Wahrscheinlich können deshalb heute viele, selbst diplomierte Litauisten, die Schriften von M. Daukša oder K. Sirvydas kaum lesen. Da J. Gerulis’ Lesestücke inzwischen bibliografische Raritäten geworden sind, wird dringend eine neue Chrestomathie der alten Schriften benötigt. Bei ihrer Zusammenstellung sollte man nicht überstürzt vorgehen, sondern den von J. Gerulis vorgezeichneten Weg einschlagen und sich an seinen Grundsätzen orientieren.
8Diese Aussage erinnert sehr an J. Gerulis’ Versprechen, im zweiten Teil der Lesestücke „jene Formen und Wörter zu erklären, die nicht alle Litauer verstehen“ (P. V.).
9 Chrestomathie zur Geschichte der litauischen Literatur, 6.
10 Ebenda.
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Als der Artikel geschrieben und zum Druck eingereicht war, wurde ich auf die sachliche und recht strenge Rezension der ersten Fassung der „Chrestomathie zur Geschichte der litauischen Literatur“ aufmerksam, die in den Schriften von Prof. J. Lebedys veröffentlicht worden war (siehe Lebedys J. Lituanistikos baruose, t. 2. V. Vaga, 1972, p. 16-35). Darin werden unter anderem Fragen der Textauswahl und -präsentation aufgeworfen, die den im Artikel geäußerten Gedanken nicht diametral entgegenstehen. Aus der genannten Quelle geht außerdem hervor, dass Prof. J. Lebedys erst nach dieser Rezension, die mit einer recht strengen Schlussfolgerung endet – „Alle genannten Umstände zeigen, dass die Chrestomathie noch nicht fertiggestellt ist, sie aber dringend benötigt wird“ (Ebenda, S. 35) –, eingeladen wurde, das Buch zu redigieren und zu überarbeiten; offenbar war seine Stimme jedoch nicht in allen Fragen ausschlaggebend.
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