Go to originalLocalized version was produced by AI. It may contain inaccuracies.
Preparing document pages…
Page 1
ROLANDAS KREGŽDYS
Institut für Kulturforschung Litauens
Forschungsschwerpunkte: die alte baltische Religion und Mythologie, Quellenforschung; vergleichende Grammatik und Etymologie der baltischen und anderer indogermanischer Sprachen.
QUINTESSENZ DER INTERFERENTIELLEN BEZIEHUNG ZWISCHEN MORPHOLOGISCHER UND SEMASIOLOGISCHER EBENE LITAUISCHER LEXEME: KIRNIS
Bestimmung der interferentiellen Beziehung der Lexeme auf morphologischer und semasiologischer Ebene: Kirnis
ZUSAMMENFASSUNG
Der Artikel erörtert Besonderheiten einer zweifachen Analyse (semasiologisch / onomasiologisch) der interferentiellen Beziehung zwischen semantischem Extensional und Referent von Lexemen. Nach der semasiologischen Analyse des in Jano Łasickis Werk De Diis Samagitarum (1582) erwähnten Gottesnamens Kirnis wird die onomasiologische Wortuntersuchungsmethode als kasuistisch beurteilt.
Auf der Grundlage einer neu vorgenommenen textologischen und grammatischen Analyse des lateinischen Textes sowie einer etymologischen Analyse des Ononyms wird die bisherige semantische Explikation des litauischen Theonyms Kirnis widerlegt. Dieser Gottesname wird nicht mit einem Phytonym, sondern mit dem Verehrungsobjekt einer sozialen Gruppe von Holzfällern in Verbindung gebracht.
ANNOTATION
Der Artikel befasst sich mit der Bestimmung der interferentiellen Beziehung zwischen semantischem Extensional und Referent, die auf Argumenten zweierlei Kriterien beruhen soll (ono-
W I C H T I G E B E G R I F F E: semasiologische / onomasiologische Methode, Theonym, Janas Łasickis, Kirnis.
S C H L Ü S S E L W Ö R T E R: onomasiologische / semasiologische Wortforschungsmethodik, Theonym, Jan Łasicki, Kirnis.
Straipsniai / Articles
105
Page 2
ROLANDAS KREGŽDYS
masiologisch und semasiologisch). Auf Grundlage der dargestellten semasiologischen Analyse des Theonyms lit. Kirnis, das in De Diis Samagitarum (1582) von Jan Łasicki erwähnt wird, wird die onomasiologische Wortforschungsmethodik als kasuistisch bestimmt.
Außerdem wird eine neue Erklärung des semantischen Werts des Theonyms Kirnis vorgestellt. Die Annahme, einen Kult einer Gottheit einer individuellen sozialen Gruppe von Holzfällern zu rekonstruieren, stützt sich auf die jüngste Übersetzung von Fragmenten aus Łasickis Werk aus dem Lateinischen und deren textuelle Untersuchung sowie auf die etymologische Analyse des Theonyms. Die Existenz eines als Kirschbaum verehrten Objekts wird widerlegt.
0. EINLEITUNG
Das Verhältnis zwischen dem semantischen Extensional und dem Referenten von Lexemen begründen Forschende mit einer zweifachen Methodik: 1) der semasiologischen Analyse, bei der man laut Vincas Urbutis „bei der Untersuchung von der Ausdrucksseite zum Inhalt übergeht“ (LKE 566); 2) der onomasiologischen Methode, bei der man „bei der Untersuchung vom Inhalt zur Ausdrucksseite übergeht“ (LKE ibd.), d. h. die Motivation der ersten semantischen Explikation von Wörtern wird durch eine interferentielle Folge von Semantemen begründet, die die Konnotation des bezeichneten Objekts / Subjekts widerspiegelt, während die zweite auf einer synkretischen Bedeutungsentfaltung beruht, deren strukturelle Elemente durch den hyperonymischen Status des bezeichneten Objekts / Subjekts taxonomisch bestimmt werden.
Befürworter der onomasiologischen Analyse setzen die prädisponierende Wirkung des Referenten auf die Struktur des semantischen Extensionals häufig mit kohärenten Systemen von Arbeitselementen gleich, d. h. sie bewerten die kompositionellen Bildungen der Morpheme eines Wortes als identisch. Vgl. den Versuch von Vytautas Mažiulis (PEŽ II 195), die semantische Entwicklung des bislang ungeklärter Herkunft (siehe Горошева 2009: 306) stammenden Subst. lat. cornum ‘Hartriegel (Cornus); Frucht des Hartriegels’ (OLD 446) zu deuten, wobei er sie auf das rekonstruierte Adjektiv indogerm. *kr̥nō-(–ā–)– ‘abgeschnitten, abgehauen’ zurückführt. Angeblich legt das lateinische Wort das Semem *‘Frucht mit einem harten (ritzen oder schneiden könnenden) Kern’ nahe; das heißt, es wird eine hypothetische morphologisch-semantische Verbindung angenommen, die durch Faktenmaterial nicht belegt ist, denn es gibt keinen Hinweis darauf, dass jemand jemals mit Hartriegelkernen etwas geschnitten oder sich daran geschnitten hätte. Außerdem ist zu erwähnen, dass in schriftlichen Quellen der Antike die Härte des Holzes einiger mit diesem Phytonym bezeichneter Pflanzen hervorgehoben wird, nicht aber besondere morphologische Merkmale der Bestandteile ihrer Früchte (siehe Анненковъ 1878: 109–110; БСЭ XX 611–612; LE XXVII 149; СД II 492–494). Vgl. den Vergleich des Hartriegels mit einem Speer: ae-rata torsit graue cuspide O. 8.408, d. h. mit bronzener Spitze den Speer (d. h. den Hartriegel – R. K.) lenkte; bona bello cornus V. G. 2.448, d. h. für den Krieg geeignetes Hartriegelholz (siehe OLD ibd.).
106
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Page 3
Lietuvių kalbos leksemų morfologinio ir semasiologinio lygmenų interferencinio ryšio kvintesencija: Kirnis
1. SUBST. LIE. KIRNIS ‘(BOT.) SAUERKIRSCHE (PRUNUS CERASUS)’ / SUBST. LIE. KIRNĖ ‘EBENSO’ UND DES THEONYMS LIE. KIRNIS: DAS PROBLEM IHRES INTERFERENZVERHÄLTNISSES
Bei der Lösung etymologischer Probleme von Wörtern stützt man sich häufig gerade auf die Bestimmung des onomasiologischen Verhältnisses zwischen semantischem Extensional und Referent, die zur Entstehung phantasmagorischer Hypothesen führt. Einige von ihnen sind bis heute nicht widerlegt, und das Ergebnis einer derart rigorosen Haltung gegenüber der Herkunft von Wörtern ist die Kodifizierung von Pseudolexemen bzw. ihre Aufnahme in die maßgeblichen lexikografischen Sammlungen der litauischen Sprache (zum Beispiel LKŽ[e]), an deren Zuverlässigkeit (bzw. Historizität) des Materials gewöhnlich nicht gezweifelt wird. Im blinden Vertrauen auf die Faktenangaben der genannten Wörterbücher und unter Anwendung der bereits erwähnten onomasiologischen Methode (bzw. ohne die Besonderheiten der Ähnlichkeit mit der internen sprachlichen Rekonstruktionsmethode zu berücksichtigen) haben einige Forschende sogar prototypische Formen der urspr. idg. Sprache rekonstruiert (zu Hjalmar Frisk und Viačeslav Ivanovs Hypothese siehe unten).
Eines dieser Wörter ist das Subst. lit. kirnis in der Bedeutung ‘(bot.) Sauerkirsche (Prunus cerasus)’, das im Wörterbuch der litauischen Sprache ausschließlich auf Grundlage zweier Quellen angeführt wird: der Angaben von Kazimieras Būga und der Verfasser des Werks Litauisches botanisches Wörterbuch. Teil I (zusammengestellt von der Kommission des Botanischen Wörterbuchs unter Leitung von Doz. L. Vailionis. Redigiert von Dr. J. Dagys. Kaunas 1938) (siehe LKŽ[e]); das Subst. lit. kirnė ‘ebenso’ hingegen nur auf Grundlage des Werks Litauisches botanisches Wörterbuch (LKŽe). Es bestehen begründete Zweifel, dass es sich dabei um einen künstlichen botanischen Terminus handelt, der nach der Methodik des ersten Er forschers der litauischen Flora, Jurgis Ambraziejus Pabrėža, geschaffen wurde, der „‹...› Neubildungen prägte und neben anderen auch Pflanzen nach litauischen (samogitischen) mythologischen Wesen benannte (neben Austėja etwa auch Eraičinas, Gardunytis, Guboja, Poklius, Raganė, Ratainytė, Sotvaras, Tvertikas, Gabė usw.) <...>“ (Balsys 2006: 78). Leider neigen einige Forschende dazu, diese Formen zu archaisieren (Senvaitienė 2002: 6), obwohl sie diese Vermutung nicht mit linguistischen, sondern mit botanischen Argumenten begründen (siehe Anm. 4).
Es lässt sich die vorsichtige Annahme treffen, dass K. Būga, gestützt auf den in Jan Łasickis Werk De Diis Samagitarum Cæterorumque Sarmatarum, & falforum Chriſtianorum. Item de religione Armeniorum (1582)1 erstmals erwähnten Theonym lit. Kirnis2, vermutlich f e h l e r h a f t (siehe unten) als Kirschgott interpretiert (vgl. Kirnis ceraſos arcis alicuius fecundum lacum ſitæ curat, d. h. „Kirnis – wacht über die bei einem …
1 Apie šį veikalą ir jo tyrimo aplinkybes bei peripetijas plačiau žr. Dini 2010: 305–307; Kregždys 2011a: 101–106; Ališauskas 2012.
2 Apie šio teonimo iki šiol nenustatytą funkcinę atribuciją plačiau žr. Senvaitė 2002: 6.
Straipsniai / Articles
107
Page 4
ROLANDAS KREGŽDYS
“), den man in Samogitien verehrte3. Praeterea, sunt certis agris, quemadmodum nobilioribus familiis, fingulares dei. videlicet Deuoitis agri Poiurskij, Vetuftis Retovovskij, Guboi ac Tvoerticos Sarakovvskij, Kirnis Plotelfcij, d. h. „Außerdem haben bestimmte Gegenden, ebenso wie die vornehmeren Familien, ihre besonderen Götter. So wird in der Küstenregion Deuotis [Dievaitis], in Rietavas Vetustis, in Sarakas Guboi und Tvverticos und in Plateliuose Kirnis verehrt“ [Łasickis 1969: 19, 21, 40–41]), bezeichnete damit eine Pflanze, ‘Sauerkirsche (Prunus cerasus)’. K. Būga stützte sich offenbar auf die von Otto Schrader (I 589; 1907: 175) aufgestellte Hypothese (der Max Niedermann [1902: 97] zustimmte), wonach das im Werk von J. Łasicki De Diis Samagitarum... erwähnte Theonym Kirnis ‘Gott – Beschützer der Kirschen’ das vorlit. *kirnas ‘Kirsche’ (→ *Kirnijas) widerspiegele (ausführlicher siehe IEW 572; Walde, Hofmann I 277; siehe auch Грошева 2009: 307–308).
Dieser Versuch der Forschenden, ein baltisches Erbwort mit Nullstufe der Wurzel zu rekonstruieren, ist offenbar misslungen (vgl. Beekes I 771) und hat zur Entstehung zahlreicher falscher Aussagen geführt, die in späteren Werken erwähnt werden4.
Diese Annahme lässt sich aus folgenden Gründen treffen: I. Faktische Unstimmigkeiten – a) k u l t i v i e r t e Kirschbäume wurden in Litauen erst im 16. Jahrhundert5 auf Gutshöfen angepflanzt; b) in der litauischen Folklore wird diese Pflanze nicht poetisiert,
3Besonders hervorzuheben ist, dass Jakobs Łaskowski, ein polnischer Adliger aus der Gegend von Kalisz und Landvermesser (Revisor) Sigismund Augusts in Samogitien, das mythologische Material für Jan Łasicki sammelte und bereitstellte (ausführlicher siehe LE 1958: 188). Die von ihm besuchten Orte lassen sich anhand der von J. Łaskowski selbst erstellten Verzeichnisse des Grundbesitzregisters nachvollziehen. Daher wird angenommen (LE ibd.), dass J. Łaskowski in Plateliuose und Gargždai (Gebiet der nordsamogitischen Kretingaer Mundart), Josvainiai (Dialektzone der westaukštaitischen Šiauliai-Mundart), Ariogala (Dialektgebiet der westaukštaitischen Kaunas-Mundart), im Dorf Šiaudinė (Gemeinde Kiduliai, Kreis Šakiai, bei Kaimelis [nahe Jurbarkas; Arealzone der westaukštaitischen Kaunas-Mundart]) sowie in Karšuva – in den Gebieten Westlitauens – tätig war (siehe auch Kregždys 2011a: 105; Ališauskas 2012: 32–33).
4Neben sprachwissenschaftlichen Arbeiten wurde diese phantasmagorische Erzählung auch in den Werken von Forschenden interpretiert, die sich für die litauische Mythologie interessieren (bedauerlicherweise stützen sich Folkloristen, die mythologische Themen zu interpretieren versuchen, nur äußerst selten auf Arbeiten von Linguisten; vgl. die linguistische Analyse von Zigmas Zinkevičius [1981: 96–97] zur von J. Łasicki erwähnten Gottheit Apidome (Lascius 1868: 12 [89]), die bis heute ignoriert wird [siehe Vaitkevičienė 2002: 18; Ališauskas 2012: 45, 113]); vgl. die Aussagen von Antonio Mierzyński (1892: 59, 77), Aleksander Brückner (1980: 212), Wilhelm Mannhardt (1936: 380), Jonas Basanavičius und Petras Klimas über eine dendrophore Tradition der litauischen Götterverehrung, die auf dem Kirnis-Kult beruhe (ausführlicher siehe LM II 153; 175). Diese äußerst zweifelhafte Idee wurde auch in den Arbeiten von Vittorė Pisani (1950: 91; siehe auch LM III 71), Walter Jaskiewicz (1952: 85), Marija Gimbutienė (2002: 54), Ignas Narbutas (2003: 617, 618, 619), Gintaras Beresnevičius (2004: 190), Romas Bატūra (2005: 115), Marta Eva Bětáková und Václav Blážek (2012: 91–93) u. a. weiterentwickelt. Algirdas Julius Greimas (1990: 95–96) zweifelte wohl als Erster an der Authentizität der Gottheit und meint, die von ihm angegebene Funktionsbeschreibung sei ein für die Renaissance typisches Stereotyp: Anstelle des seiner Ansicht nach für Sümpfe und Moraste zuständigen Gottes habe J. Łasicki eine Kirschgottheit geschaffen.
5Nach Mato Pretorius (MP II 387) gab es im 18. Jahrhundert in Preußen bereits reichlich Kirschen bzw. wurde der Kirschbaum zu einer gewöhnlichen Gartenpflanze (vgl. MP III 633).
108
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Page 5
Lietuvių kalbos leks emų morfologinio ir semasiologinio lygmenų interferencinio ryšio kvintesencija: Kirnis
t. y. suponuojama labai vėlyva jo etiologija (žr. Balsys 2006: 351). Be to, K. Būga (II 199–201, 225) yra konstatavęs, kad vyšnių – ir laukinės (resp. Cerasus vulgaris), ir kultūrinės (resp. Prunus cerasus L.) – pavadinimai lietuvių pasiskolinti iš slavų kalbų. Pirmieji šio augalo skoliniai datuojami V–VII a., remiantis lie. dial. (žem.) viešnė ‘vyšnia’ Pl (< sl. *vę̑[<-ei-]śnja ‘t. p.’). Skolinį vartojo ir vakarų baltai, plg. pr. wisnaytos ‘vyšnios’ E 620 (žr. PEŽ IV 255), tačiau tai nereiškia, jog tuo metu Lietuvoje tokie augalai buvo auginami. Kultūrinių skolinių statusą galima motyvuoti jų semantine diskrecija, plg. V. Mažiulio (PEŽ ibd.) teiginį, kad pr. *višnai-tā iš pradžių reiškė sememą *‘slyvų vaisiai ir medeliai.’
II. Formale Analysen, die die Existenz eines lapsus calami im Werk von J. Łasicki De Diis Samagitarum... voraussetzen.
Bei der Erörterung der formalen bzw. grammatischen Aspekte von lat. cerasus ‚Kirsche (Baum)‘ fem.; ‚Kirschfrucht‘ neutr. ↔ Subst. lat. cerasum ‚Kirschfrucht‘ (eine morphologische Innovation, d. h. das Genus neutrum ist sekundär aufgrund von 1) gr. κεράσιον ‚Kirschfrucht‘ neutr. [LS 798]; 2) der Verbindung mit Subst. lat. pomum ‚Frucht eines Baumes [besonders von Apfel-, Kirsch-, Feigen- und Nussbäumen usw.]‘ neutr. – siehe Lewis, Short 1958: 317; Дворецкий 1976: 596; OLD 301) und der von J. Łasicki angegebenen Abweichungen des Denotats der funktionalen Zuordnung caerasos ist zunächst das kontradiktorische Verhältnis zwischen den Radikalen -e- und -ae- festzustellen, das bislang ignoriert wird, obwohl es tatsächlich entscheidende Bedeutung für die Feststellung hat, dass zwischen diesen beiden Lexemen keine genetischen Beziehungen bestehen; denn lat. cerasus ist eine Entlehnung aus gr. κερασός ‚Kirsche‘ (Ernout, Meillet 2001: 114; siehe auch LS 798), die in antiken Quellen nicht mit dem Wurzelvokal -ae- belegt ist (siehe Ernout, Meillet ibd.), welcher gewöhnlich einen Diphthongoid in Entlehnungen widerspiegelt; vgl. Subst. lat. Graecus ‚Grieche‘, Adj. lat. Graecus, -a, -um ‚griechisch, griechisch‘ ← gr. Γραικός ‚Grieche‘ (siehe auch Ernout, Meillet 2001: 280); Subst. lat. Aeoles ‚Äolier‘ ← gr. Αἰολεῖς ‚dasselbe‘ usw. Natürlich lässt sich vermuten, dass die mittelalterlich-lateinische Tendenz zur Lautmodifikation einen solchen Wandel beeinflusst haben könnte; vgl. Subst. lat. aecclesia ‚Kirche‘ ↔ ecclesia ‚ebd.‘ (siehe Дробглав 1993: 11; siehe auch Harrington 1997: 3). Eine solche Vermutung wäre zutreffend, wenn in den im 16. Jahrhundert im Königreich Polen verwendeten Wörterbüchern ein solcher Wandel verzeichnet wäre. Das ist jedoch nicht der Fall; vgl. V. lat. cerasum ‚Kirschfrucht‘ neutr. / V. lat. cerasus ‚Kirsche (Baum)‘ fem. (siehe Maczinsky 1564: 48; siehe auch Erzepki 1900: 18), d. h. nicht nur variiert der radikale Vokal -e- nicht, sondern die differierenden Wortvarianten werden auch sehr klar nach semantischen und grammatischen bzw. Genuskriterien bestimmt-
Kazimieras Būga (II 201) erklärt die Bezeichnung dieser Pflanze durch Slawismen bereits in den ältesten litauischen Schriftzeugnissen und behauptet, „<...> in Litauen wächst die Wildkirsche ‚prunus avium‘ nicht“, während Dalia Senvaitytė (2002: 7), gestützt auf botanische Untersuchungen (LP 109), feststellt: „Kirschen wachsen seit alters her auf dem Gebiet Litauens. Seit den ältesten Zeiten ist die gewöhnliche Kirsche (auch Sauerkirsche genannt) (cerasus vulgaris) verbreitet.“ Der Versuch dieser Forscherin, den Status der Phytonyme lit. kirnis / kirnė ‚(bot.) kleine Kirsche (Prunus cerasus)‘ als ererbte Formen zu begründen, ist jedoch völlig misslungen, da die genannten Pflanzennamen weder in den ältesten Schriftzeugnissen noch – vor allem – in den Dialekten verwendet werden. An ihrem sehr späten Ursprung sollte man daher (siehe oben) wohl nicht zweifeln.
Straipsniai / Articles
109
Page 6
ROLANDAS KREGŽDYS
…kategorieindikators. Folglich lässt sich annehmen, dass die bisherigen Interpretationen dieser Textstelle, wonach die Gottheit Kirnis ein „Kirschgott“ sei, falsch sein könnten:
Kirnis caerasos arcis alicuius secundum lacum sitae curat. in quos, placandi eius causa, gallos mactatos injiciunt, caereosque accendos in eis figunt (Lasic(i)us 1868: 11 [88]; siehe auch Lasickis 1969: 40) ↔ „Kirnis – wacht über die bei einer am See gelegenen Burg wachsenden Kirschen. Um ihn zu besänftigen, werfen sie geschlachtete Hähne zwischen die Kirschbäume und stecken dort brennende Wachskerzen auf“ (Lasickis 1969: 19).
Diese Aussage wird durch die Ergebnisse der formalen bzw. grammatischen Analyse begründet: 1) Das in quos des zweiten Satzes ist nicht mit dem caerasos des ersten Satzes kongruent, denn das letztgenannte Wort ist f e m i n i n, während die Präpositionalphrase ein Vertreter des m a s k u l i n e n oder n e u t r a l e n Genus ist; wären diese lexikalischen Bestandteile kongruent, hätte J. Łasicki in quas geschrieben (wenn eine Beziehung zu lat. cerasus ‚Kirschbaum‘ fem. widergespiegelt werden sollte) oder in quae (wenn lat. cerasum ‚Kirschfrucht‘ neutr. gemeint war); 2) in quos ist offenbar als Einschub zu verstehen und mit ‚aus diesem Grund; daher‘ zu übersetzen (siehe OLD 1560 [16. Bedeutungsfeld]).
Es besteht daher kein Zweifel daran, dass die analysierte Passage aus dem Werk von J. Łasicki völlig andere Informationen vermittelt, als man bislang üblicherweise angenommen hat. Vorsichtig lässt sich vermuten, dass das so viele Diskussionen auslösende Subst. lat. caerasos einen Strukturwandel widerspiegelt, der für Konstruktionsfolgen mit Sonant in verschiedenen Zeiträumen charakteristisch ist; vgl. Verb. lat. ar-cesso / accerso ‚herbeirufen, versammeln‘ (Vaan de 2008: 51), Subst. lat. nervous ‚Sehne, Ader; membrum virile usw.‘ ← vorlat. *neuros (Vaan de 2008: 408), Subst. lat. pūlex ‚Floh‘ ← vorlat. *pusl- ‚ebd.‘ < indoeurop. *plus- ‚ebd.‘ (Vaan de 2008: 497), d. h. das von J. Łasicki erwähnte lat. cærafos spiegelt offenbar eine Transposition des Sonanten –r– und des Frikativs –s– wider, die die Umwandlung der authentischen Form mit etymologischem Radikalvokal –ae– bewirkt hat: lat. caesor ‚Holzfäller‘⁶ (← [Deverbativ] lat. caedo ‚schlagen, hauen‘ [Lewis, Short 1958:
⁶ Schon bei den alten Italern war es üblich, Gottheiten zu verehren, die das Handeln sozialer Gruppen bestimmten. Sie wurden lat. numina ‚Zeichen des göttlichen Willens / der göttlichen Macht bzw. göttlicher Wille / göttliche Macht ↔ Gottheit‘ genannt. Einer dieser mythononymen Götter war Silvanus, der die Holzfäller beschützte (Гамильтон 2009: 13). Die Gestalt des Holzfällers ist in griechischen Mythen häufig anzutreffen (ausführlicher siehe Hansen 2004: 3–4, 241; Лосев 1957: 142, 1996: 164, 854). Sie wird auch in nordgermanischen Sagen erwähnt (MacCulloch 1930: 207, 280). Die Kelten verehrten den Gott Esus (Esus, Aesus), der als Holzfäller dargestellt wurde (Штаерман 1961: 181, 264; siehe auch Калыгин 2006: 81–82). Die alten Inder glaubten, dass der Gott Rudra der Herr der Holzfäller sei (MacDonell 1912:
110
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Page 7
Lietuvių kalbos leksemų morfologinio ir semasiologinio lygmenų interferencinio ryšio kvintesencija: Kirnis
265]) → *caer-a-sos (pl.) führte aufgrund homophonischer Kontamination mit dem nachfolgenden cae-reosque accendos ‚und die angezündeten Wachskerzen / Fackeln‘ offenbar auch zum Entstehen der innovativen Flexionsendung -os (d. h. der Faktor der Analogie war wirksam).
Daher sollte die zitierte Textpassage vermutlich folgendermaßen interpretiert werden: Kirnys beschützt / kümmert sich um die Holzfäller einer am See errichteten Burg. Deshalb (sie, d. h. die Holzfäller – R. K.), um ihn auf ihre Seite zu ziehen, werfen sie die getöteten Hähne zusammen und stecken die angezündeten Fackeln dort (bzw. an jener Stelle – R. K.) in den Boden.
Diese Vermutung lässt sich auch mit faktografischem Material begründen: Es ist bekannt, dass die Stadt Plateliai am gleichnamigen See liegt, dessen Umgebung besonders waldreich war. Die dort lebenden Menschen waren auch in der Forstwirtschaft tätig, d. h. sie fällten Bäume, sägten sie in Sägewerken zu Brettern und dergleichen (ausführlicher siehe LE XXIII 94–95); J. Lasicis (Lasicus 1868: 13 [90]) gibt an, dass die Gottheit Kirnys gerade bei der Burg von Plateliai verehrt wurde:
Praeterea, sunt certis agris, quemadmodum nobilioribus familijs, singulares dei videlicet Deuoitis agri Piourskij, Vetustis Retowskij, Guboi ac Tverticos Sarakovskij, Kirnis Plotelscij (Lasicis 1969: 41), d. h. „Außerdem gibt es in bestimmten Gegenden, ebenso wie in vornehmen Familien, einzelne (bzw. nur für die jeweilige Gegend typische) Götter; nämlich: Deuoitis der Gegend Pajūris, Vetustis von Rietavas, Guboi und Tverticos von Sarakai, Kirnis von Plateliai.“
Offensichtlich bestimmte die onomasiologische Interpretation der Bedeutungsentfaltung des Lexems auch die Ausrichtung der etymologischen Untersuchungen des behandelten Theonyms und die Kodifizierung seiner grammatischen Bedeutung. Diese Methode der Lexemuntersuchung bestimmt die Besonderheiten nicht nur des lexikografischen Systems des Litauischen, sondern auch anderer idg. Sprachen. So rekonstruiert etwa Viačeslav Ivanov (Gamkrelidze, Ivanov II 554), ohne eine formale Analyse des lateinischen Textes vorgenommen zu haben, sogar idg. *kʰr̥nō- ‚Hartriegel‘ und postuliert damit nicht nur den Status eines Erbwortes für ein Wort, das in den baltischen Sprachen nie existiert hat (Gamkrelidze, Iva-
303). In ihren mythologischen Erzählungen sind das Mythonym ai. dru-han ‚Holzfäller‘ sowie die sakralisierte Bezeichnung des Beils ai. paraçu belegt (MacDonell 1912: 384, 492). Ähnliche mythologische Motive finden sich auch in iranischen Überlieferungen (Алборов II 84).
Straipsniai / Articles
111
Page 8
ROLANDAS KREGŽDYS
nov II 555), sondern auch den Paralogismus idg. *kʰr̥nō-; denn auch V. Ivanov (Gamkrelidze, Ivanov II 554) vermutet, gestützt auf die Hypothese von Hjalmar Frisk (I 828), dass lit. Kirnis mit dem Subst. lat. cornus, -ī, -ūs fem. ‚Hartriegel (Cornus mas L.); Hartriegelholz; Speer‘ (OLD 446–447), gr. κρᾱ́νον ‚Hartriegel‘ und gr. κερασός ‚Kirsche‘ verwandt sei und diese Entlehnungen aus irgendeinem Gebiet Kleinasiens stammten (siehe auch Vaan de 2008: 137); alb. thanë ‚Hartriegel‘ könne hingegen auch ganz anderen Ursprungs sein (siehe Orel 1998: 472), als einer der Autoren der genannten Hypothesen unter Berufung auf frühere Beschreibungen dieses Lexems behauptet (ausführlicher siehe Walde, Hofmann I 277).
Todėl neaiškios kilmės lo. cornus ‘sedula (Cornus mas L.)’ (Ernout, Meillet 2001: 143–144) ir gr. κρᾱ́νον ‘t. p.’ (Beekes I 770–771) negali būti gretinami su teonimu⁷ lie. Kirnis, nereflektuojančiu fitoniminės konotacijos (jo kilmės aprašą žr. 2 poskyryje), kaip tai buvo įprasta daryti iki šiol (plg. Schrader I 589; 1907: 175; Niedermannas 1902: 97; Boisaq 1916: 509; Chantraine II 577; IEW 572; Frisk II 7; Ernout, Meillet 2001: 144; Vaan de ibd.; Walde, Hofmann ibd.; Гошева 2009: 306 ir kt.). Vadinasi, suponuoti graikų, italikų ir baltų tos pačios kilmės izoleksą (plg. Гошева 2009: 308), reiškiančią vyšnią, nėra jokio pagrindo.
2. METHODEN DER ETYMOLOGISIERUNG DES THEONYMS LIT. KIRNIS
Das Theonym lit. Kirnis wird bislang unterschiedlich interpretiert:
1) als Ableitung mit der Flexion -ys vom Subst. lit. kìrna 1 ‚vom Wasser freigelegte Wurzel eines Baumes oder Strauchs am Flussufer‘ KzR, ‚mit Sträuchern bewachsener, feuchter Ort‘ J, J. Jabl, ‚Ort, an dem Bäume zusammengebrochen sind, Holzbruch, Windbruch‘ J, ‚spitze Rute, Stumpf eines gefällten Strauchs‘ J, Kv, Sr, ‚Bündel von Ruten‘ K, Slav II 2, ‚eine Menge, ein Haufen, eine Schar von etw.; Zentrum‘ Šv, Brž, Ggr, J, ‚Geizhals‘ Trgn ↔ Subst. lit. dial. kirnas ‚Bündel von Ruten‘ MŽ, N, | ↔ Subst. lit. kìrnos 1 (pl.) ‚feuchte, nahezu unzugängliche, mit Sträuchern bewachsene Orte, Sümpfe‘ BzBk XXVIII 308, G 91, K. Būg, Dr, Rt (LKŽe), ein Derivat (siehe Mannhardt 1936: 380–381; Jaskiewicz 1952: 85; Greimas 1990: 95–96 [siehe auch Anm. 3]; Balsys 2006: 351);
2) wird mit pr. kirno ‚Strunk, Strauch‘ E 637 in Verbindung gebracht (Grienberger 1896: 20–21; Brückner 1980: 214);
3) top. pr. Kirno 1326 (Mierzyński 1892: 77), das als appellativisches Subst. pr. kirno ‚Strunk, Strauch‘ interpretiert wird (zum Toponym siehe Gerullis 1922: 63);
7 Dies ist nicht der erste völlig misslungene Versuch, gr. κρᾱ́νον ‚Hartriegel (Cornus mas L.)‘ mit dem Theonym in Verbindung zu bringen. Marinus Willem de Visser (1903: 156) stellte die Hypothese auf, das Epitheton Κραναία des Theonyms gr. Ἀθήνη (P. 10.34) sei vom Subst. gr. κράνεια ‚Hartriegel‘ abzuleiten, obwohl es einen ganz anderen Ursprung hat (siehe Караговъ 1913: 165–166).
112
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Page 9
Lietuvių kalbos leksemų morfologinio ir semasiologinio lygmenų interferencinio ryšio kvintesencija: Kirnis
4) lit. top. Kirnės – Ortsnamen im Rajon Šilalė, nahe Pajūris und Piliakalnis (Ališauskas 2012: 62; siehe auch LATŽ 135)⁸;
5) idg. *kʰṛnō- ‚Kornelkirsche (Cornus)‘ > → pruß. *kirnas ‚Kirsche‘ → pruß. *Kirnijas → lit. *kirnys ‚derjenige, der in Kirnis lebt‘ → lit. Kirnis ‚deus cerasorum‘ (Schrader I 589, 1907: 175; Niedermann 1902: 97; siehe auch ПЯ IV 15; Gamkrelidze, Ivanov II 554; Грошева 2009: 308).
Es sei erwähnt, dass dieser Mythonym in den etymologischen Wörterbüchern der litauischen Sprache von Ernst Fraenkel (LEW 241, 257) und Wojciech Smoczyński (SEJL 276–277) nicht verzeichnet ist.
Auf Grundlage der durchgeführten textologischen und formalienbezogenen Analyse des Auszugs aus dem Werk von J. Łasicki (siehe Abschnitt 1) lässt sich vorsichtig vermuten, dass das Theonym lit. dial. Kirnis eine defektive Form mit absorbiertem Element⁹ -it- widerspiegelt: lit. dial. (žem.) Kirnis (J. Łasicki) ↔
8 Diese Vermutung von Vytautas Ališauskas (ebd.) ist wegen der höchst merkwürdigen Argumentation bzw. des Mangels an einer Begründung völlig unglaubhaft. Der Urheber der Hypothese behauptet unter Anwendung einer onomasiologischen Methodik zur Untersuchung der semantischen Entwicklung des Theonyms, lit. Kirnis sei ein Appellativum, d. h. ein Onym, das den Referenten des Orts der Verehrung der toponymischen Gottheit widerspiegele. Übrigens interpretiert er (Ališauskas 2012: 61–63) so, indem er die nach dem Prinzip der Volksetymologie entwickelten Erklärungen zur Herkunft von Götternamen Walter Charles Jaskiewicz’ wiedergibt (ausführlicher siehe Kregždys 2011a: 102), nicht nur das Theonym lit. Kirnis, sondern auch lit. Deuȯitis, Vetustis, Tvverticos, Guboi. Es ist bedauerlich, dass dieser Forscher die in J. Łasickis Werk enthaltenen Informationen verfälscht, d. h. den Ort der Verehrung der Gottheit verändert (bzw. seine eigene, mit der Homophonie der Orts- und Götternamen begründete Vermutung widerlegt): Den vom Autor von De Diis Samagitarvm erwähnten Kultort der Gottheit, P l a t e l i u s, bzw. das G e b i e t d e r n o r d s a m o g i t i s c h e n K r e t i n g a - M u n d a r t i m R a j o n P l u n g ė, „verlegt“ er in das mehrere Dutzend Kilometer entfernte s ü d s a m o g i t i s c h e V a r n i a i - M u n d a r t g e b i e t i m R a j o n Š i l a l ė, wo sich die von ihm erwähnten Toponyme lit. Kirnės. befinden.
Es sei erwähnt, dass Vytautas Ališauskas eine höchst merkwürdige Methodik anwendet, nicht nur wenn er versucht, litauische Mythologeme zu analysieren, sondern auch bei der Interpretation lateinischer Lexeme (ausführlicher siehe Kregždys 2011a: 102–103) sowie kultureller Gegebenheiten anderer indogermanischer Völker. So sei nach Aussage dieses Forschers beispielsweise die griechische Wortgruppe πότνια θηρῶν ‚Herrin der Tiere‘ Il. 21.470 „mykenischen Ursprungs“, obwohl Fachleute der klassischen Philologie das Gegenteil behaupten, vgl. „this title of Artemis, so often used by modern scholars, only occurs here in Homer“ (Richardson 2000: 94), d. h. ein solches Mythologem ist in den Denkmälern der Linear-B-Schrift, die in der Blütezeit der kretischen und mykenischen Kultur entstanden, nicht belegt (siehe Kazanskene, Kazanskij 1986; Bartoněk 2002) usw.
9 Vgl. beispielsweise: 1) das Theonym pruß. Curche /Kurke/ ← *Kur-k-is/-īs/-as ‚Gott der Gehörnten, d. h. derjenige, dem die Gehörnten (das Vieh) untertan sind‘ ← *Kur-ya-ka- ‚ebd.‘ (mit Absorption des Strukturelements -ya- [ausführlicher siehe Крегждис 2009: 280–281; Kregždys 2012: 108–109]); 2) das Mythonym altisl. Váli ‚Sohn Odins oder Lokis‘ < *Wa-ni-lo (mit Absorption des Strukturelements -ni- [ausführlicher siehe Vries 1977: 641; siehe auch Kempiński 2003: 219; Kregždys 2012: 286]) usw. (weitere Beispiele siehe Kregždys 2012: 41, 44, 92, 110, 116, 117, 131, 221, 286, 289–290, 307–308, 348, 355, 363, 373, 412, 414, 496, 497; Kregždys 2013: 94).
Das durch Absorption beeinflusste Genus lässt sich nicht so leicht bestimmen, insbesondere bei der Festlegung der etymologischen Entwicklung onomastischer Formen, vgl. beispielsweise lit. Personenname Širka (vgl. auch die lit. Personennamen Širkus, Širkus bzw. Širkaitė) im Litauischen Familiennamenwörterbuch (LPŽ II 937), die den Onymen slawischer Herkunft zugeordnet bzw. mit dem Personennamen (s.) belaruss. Шырко, Ширко, den Personennamen russ. Ширков, Ширкин in Verbindung gebracht werden. Eine solche Erklärung wird jedoch mit Kriterien der onomasiologischen Analyse begründet (siehe Abschnitt 0), die kasuistisch sind, denn der Ursprung des Personennamens russ. Ширков wird mit dem russischen Appellativum Personennamen (s.) russ. Ширяев(в) ← Personenname (s.) russ. Ширяй *‚fleißiger, eifriger; breitschultriger Mensch‘ /
Straipsniai / Articles
113
Page 10
ROLANDAS KREGŽDYS
*Kirnīs (mit betonter Endung [zu den Gründen siehe Zinkevičius 2006: 61, 217–218]) ← lit. dial. *Kirnỹs ‚Gott der Holzfäller‘10 ← lit. dial. *Kirtinỹs ‚ebd.‘ (Antonomasie, vgl. den Theonymen lit. Perkūnas ‚[myth.] Gott des Donners und Blitzes‘ B, R, DK 77, LTR [Jz], Jrb [LKŽe] ↔ Subst. lit. perkūnas 1 ‚Donner‘ Nd, Ob, I. Simon, Pls, SD 251, LMD [Sln], JV 1033, DP 44, Lz, M. Valanč, BsMt II 194, Skd, Eiš u. a. [LKŽe]) ←?11n. agentis Subst. lit. dial. kirtinys ‚*Holzfäller‘ ← n. acti Subst. lit. kirtinỹs 3b ‚gerodete Waldfläche, Lichtung‘12 Skr, ‚gefällte Bäume‘ rš (LKŽe), ‚gemähtes Gras‘ Auk, ‚kurze Wörter‘ Snt (LKŽp) (vgl. das Wortbildungspendant Subst. lit. kalinỹs, -ẽ 3b ‚jemand, der im Gefängnis eingesperrt ist‘ K, BŽ 506, NdŽ, Š, SD 398, MŽ 214, Lex 40, M, J, SP II 166, V. Krėv, LC 1886, 23 u. a. [LKŽe] ← Subst. lit. kalinỹs 3b ‚das, was gehämmert wird‘ Šts, Vl ↔ Subst. lit. kalinỹs 3b ‚Gefängnis‘ Kv, Ms; S. Stan, Grž, Als, Akm, J, Dglš, BsP II 41, JD 209, M. Valanč u. a. [LKŽe; siehe auch Skardžius I 260–261]) ← lit. Verb.13
‚ein schnelles Pferd‘ (Ведина 2008: 194; Тупиковъ 1903: 842; РООР 112; Чайкина 1995: 116; Унбегаун 1989: 126 [vgl. adj. russ. ширяй ‚breitschultrig‘ (Даль IV 634; siehe auch Кюршунова 2010: 615)]), vgl. den Personennamen weißruss. Ширяй ‚breitschultrig‘ (Бірыла 1966: 194, 1969: 492), obwohl er auch weißrussischen Ursprungs sein kann (siehe unten). Abgesehen von dieser Vermutung lassen sich noch einige mögliche Erklärungen zur Herkunft des Personennamens lit. Širka (Širkus, Širkus / Širkaitė) anführen; diese Familiennamen könnten also auf Folgendes zurückgehen: 1) das Appellativ des Personennamens weißruss. Каўбы́рка ← weißruss. (arch.) ковшарь ‚Hersteller von Pokalen‘ (Бірыла 1969: 193) – mit Aphärese von Каў-, vgl. den ukrainischen Personennamen Ле́ра ← Ва-ле́рий (Скрипник, Дзятківська 2005: 45; zu einem solchen Wechsel siehe auch Суслова, Суперанская 1991: 99, 111, 115–116; Kregždys 2010: 60, 2011: 148, 2013a: 65, 70); 2) den Polonismus lit. šinkorka 1 KŽ, šinkorkà 2 (f.) ‚Schankwirtin‘ Ds, N u. a. (LKŽe) ← (alt-/mittel-)poln. szynkarka ‚Wirtshausbesitzerin, Schankwirtin; Frau eines Schankwirts‘ (SW VI 704; SSt VIII 592; Linde V 586) → weißruss. (dial.) шинкарка / шынкарка ‚Schankwirtin‘ (Носовичъ 1984: 710; Байкоў, Некрашэвіч 1993: 353), durch Kontamination mit dem Polonismus lit. šinkorius, -ė 1 (m./f.) K I 150, K II 151, K, Rtr, NdŽ, šinkorius 2 ‚Schankwirt‘ NdŽ, Mit VI 76 (SInt), BB 1Moz. 40.1, SD 367, Q 442, R 74, 305, MŽ 98, 409, N, M, L u. a. (LKŽe) ← (alt-/mittel-)poln. szynkarz ‚Wirtshausbesitzer, Schankwirt‘ (← [alt-/mittel-]poln. szynk ‚Ausschank; Ausübung des Schankwirtsberufs; Verkauf alkoholischer Getränke; Schankwirt(in)‘ < westgerm. schenke, schenk / v. Schenke ‚Wirtshaus, Gaststätte‘ [SW VI 704; Linde V 586; SSt VIII 592; Brückner 1985: 561; Фасмер IV 439]) → altweißruss. шынкарь ‚Schankwirt‘ (Булыка 1980: 74), weißruss. шынкар ‚ebd.‘ (Байкоў, Некрашэвіч 1993: 353), russ. шинка́рь ‚ebd.‘ (Даль IV 633) – unter Annahme einer Absorption der Strukturelemente -nko- (zu diesem Wechsel siehe oben).
10 Mit diesem Mythonym könnte der christianisierte ostslawische Schutzpatron der Holzfäller, Jakob der Holzfäller, in Verbindung gebracht werden, der am 22. Oktober / 5. November verehrt wurde (СД II 135). Man glaubte, dass die Funktion des Holzfällers darin bestehe, zu reinigen und vor Krankheiten, Tod und Unglück zu bewahren (ausführlicher siehe СД III 526). In bulgarischen Überlieferungen findet sich ein mit der Tätigkeit des Holzfällers verbundenes kosmologisches Motiv: Man erzählte, die Mondflecken seien entstanden, als er Holz auf den Mond geladen hatte (СД III 152 [zu mythologischen Entsprechungen anderer indogermanischer Völker ausführlicher siehe Anm. 6]).
11 Minėtina, kad LKŽe pateikiamas n. agentis lie. dial. kirtinỹs 3b ‘medkirtys’ Rš LKŽk aprašytas visai kitaip, nei nurodo Lietuvių kalbos žodyno autoriai, t. y. kortelėje yra pateikiama lytis kirtinėlis, -io, -iai ‘kirtėjėliai’. Vadinasi, LKŽ autoriai sukūrė lytį be deminutyvinio sufikso -ėlis. Už šią informaciją straipsnio autorius taria nuoširdžiai ačiū dr. Ritutei Petrokienei (Lietuvių kalbos institutas).
12 Im LKŽKp ist diese Bedeutung auch in den dialektalen Gebieten der Žemaiten und der westlichen Hochlitauer aus Kaunas belegt, nämlich in Vž (nach den Angaben von Birutė Rokaitė-Vanagienė [1962]) und Dovydai (Rajon Šakiai).
13 Es ist nicht auszuschließen, dass das Basiswort auch ein Substantiv gewesen sein könnte; vgl. Subst. lit. dial. kirtà 4 ‚Schlagen‘ Grdm, LC 1886, 34 (LKŽe).
114
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Page 11
Lietuvių kalbos leks emų morfologinio ir semasiologinio lygmenų interferencinio ryšio kvintesencija: Kirnis
kiršti14 ‚mit etwas Scharfem schlagend zu Boden werfen, niederstrecken; einen Teil vom Ganzen abtrennen, zerkleinern‘ J, A. Baran, Ds, Gršl, StnD 3, KlpD 28, S. Dauk u. a.; ‚mit etwas Scharfem schlagen‘ SD 370, R, K, J. Jabl, Vaižg, Alk, Slnt u. a., ‚mit der Sense oder Sichel schneiden (Getreide, Heu)‘ J. Jabl, J, P. Cvir, K. Donel, K II 267 u. a., ‚stechen, beißen‘ J. Jabl, Brb, Vžns, Skr, Lš, Prn, LTR (Rk) u. a. (LKŽe) + Suffix *-inio- (ausführlicher siehe Skardžius ibd.); möglicherweise wird damit das Protosemem *‚Gott der Holzfäller‘ reflektiert, vgl. das Subst. lit. kirtėjas 1, 3], kirtėjas 4 K ‚jemand, der mit der Axt einen Baum fällt‘ Žem, Slnt, Ps, Vlk, Krp, BB Joz. 9, 21, ‚jemand, der Getreide mit der Sense schneidet‘ J. Balt, Mrk ↔ Subst. lit. dial. kirtėjys 4 ‚jemand, der mit der Axt einen Baum fällt‘ Škn (LKŽe).
3. ZUSAMMENFASSUNG
Die Rekonstruktion von Lexemvorformen, die sich auf die onomasiologische Semantikentwicklungsmethode für onomastische Formen stützt, führte zu einer äußerst negativen Bewertung des Gegenstands dieses linguistischen Teilgebiets (insbesondere seiner etymologischen Analyse): Radoslav Katičić (I 48) erklärt, viele Darstellungen zur Herkunft von Onymen beruhten auf den Prinzipien der Volksetymologie; Aleksandra Superanskaja (Суперанская 1986: 78) weist darauf hin, dass solche Untersuchungen stets hypothetischen Charakter hätten und mit unzuverlässigem Faktenmaterial begründet würden.
Ausgehend vom Status des Personennamens lit. Kirnis als ἅπαξ λεγόμενον (bzw. als Okkasionalismus) müssen die diachrone Analyse möglicher Isolexeme und die Rekonstruktion ihrer Vorformen vor allem auf den Ergebnissen der internen Rekonstruktionsmethode beruhen (vgl. die von Ivan Steblin-Kamenskij vorgebrachten Argumente [Стеблин-Каменский 1999: 11]). Aus diesem Grund muss die Methodik zur Untersuchung onomastischer Formen im Hinblick auf die Analyse der Ebenen der Phonomorphologie und des semantischen Ausdrucks kohärent sein (siehe auch Kregždys 2012: 38, 513).
4. SCHLUSSFOLGERUNGEN
1. Die onomasiologische Methode zur Untersuchung der semantischen Entwicklung eines Lexems, die auf einer synkretischen Bedeutungsentfaltung beruht, deren Taxonomie der Strukturelemente durch den hyperonymischen Status des bezeichneten Objekts / Subjekts bestimmt wird, führt zu etymologischen Paralogismen.
2. Das Theonym De Diis Samagitarom... in J. Łasickis Werk Kirnis ‘Gott – Schutzgott der Kirschbäume’ ist keine Reflexion von altpreußisch *kirnas ‘Kirsche’, und zwar aus folgenden Gründen:
2a) aufgrund faktischer Unstimmigkeiten – kultivierte Kirschbäume wurden in Litauen erst im 16. Jahrhundert in Gutshöfen angepflanzt;
2b) aufgrund der Besonderheiten der formalen Analyse, die einen lapsus calami nahelegen, d. h. V. lo. cerasus ‘Kirsche (Baum)’ Fem.; ‘Kirschfrucht’ Neutr. ≠ V. lo. caerasos (J. Łasickis);
2c) V. lo. caerasos Fem. (J. Łasickis) stimmt nicht mit der Präpositionalphrase in quos (Mask. / Neutr.) überein; vielmehr müsste es in quas, in quae. lauten.
3. Das Theonym lit. dial. (samogitisch) Kirnis setzt einen defektiven litauischen Personennamen dial. *Kirnỹs ‘Gott der Holzfäller’ voraus, der von litauisch dial. *Kirtinỹs ‘dasselbe’ als antonomastischer Bildung abzuleiten ist.
4. Eine Rekonstruktion der indogermanischen *kʰr̥nō- ‘Hartriegel (Cornus)’ entsprechenden Isoglosse für ‘Kirsche’ im Griechischen, in den italischen und baltischen Sprachen ist ausgehend vom litauischen Dialektwort *Kirnỹs ‘Gott der Holzfäller’ nicht möglich.
LITERATŪRA
Aleksandravičius Juozas 2011: Kretingos tarmės žodynas. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas.
Ališauskas Vytautas 2012: Jono Lasickio pasakojimas apie žemaičių dievus. Tekstas ir kontekstai. Vilnius: Aidai.
Balsys Rimantas 2006: Lietuvių ir prūsų dievai, deivės, dvasios: nuo apeigos iki prietaro. Klaipėda: Klaipėdos universiteto leidykla.
Bartoněk Antonin 2002: Handbuch des mykenischen Griechisch. Heidelberg: Universitätsverlag; C. Winter.
Batūra Romas 2005: Mitologinio Vižo ir jo aplinkos klausimu. – Senovės baltų kultūra 7. Vilnius: Versus aureus, 110–129.
Beresnevičius Gintaras 2004: Lietuvių religija ir mitologija. Sisteminė studija. Vilnius: Tyto alba.
Bětáková Marta Eva, Blažek Václav 2012: Encyklopedie baltské mytologie. Praha: Nakladatelství Libri.
Boisacq Émile 1916: Dictionnaire étymologique de la langue Grecque. Heidelberg & Paris: Carl Winter’s Universitätsbuchhandlung, Librairie C. Klincksieck.
Brückner Alexander 1980: Mitologia słowiańska i polska. Warszawa: Państwowe Wydawnictwo Naukowe.
Brückner Alexander 1985: Słownik etymologiczny języka polskiego. Warszawa: Wiedza powszechna.
Būga I–III – Būga Kazimieras. Rinktiniai raštai 1–3, sud. Zigmas Zinkevičius. Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla, 1958–1961.
Dini Pietro Umberto 2010: ALILETOESCVR: linguistica baltica delle origini. Livorno: Books & Company.
116
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Page 13
Lietuvių kalbos leksemų morfologinio ir semasiologinio lygmenų interferencinio ryšio kvintesencija: Kirnis
Ernout Alfred, Meillet Alfred 2001: Dictionnaire étymologique de la langue latine. Histoire des mots. Paris: Klincksieck.
Erzepki Bolesław 1900: Słownik Łacińsko-Polski Bartłomieja z Bydgoszczy. Podług rękopisu z roku 1532. Poznań: Drukarnia dziennika Poznańskiego.
Gamkrelidze, Ivanov I–II – Gamkrelidze Thomas V., Ivanov Vjačeslav V. Indo-European and the Indo-Europeans. A Reconstruction and Historical Analysis of a Proto-Language and a Proto-Culture 1–2. Berlin & New York: Mouton de Gruyter, 1995.
Gerullis Georg 1922: Die altpreußischen Orstnamen. Berlin und Leipzig: Vereinigung wissenschaftlicher Verleger.
Gimbutienė Marija 2002: Baltų mitologija. Senovės lietuvių deivės ir dievai. Vilnius: Lietuvos rašytojų sąjungos leidykla.
Greimas Algirdas Julius 1990: Tautos atminties beieškant. Vilnius & Chicago: Mokslas.
Grienberger Theodor von 1896: Die Baltica des Libellus Lasiczki. Untersuchungen zur litauischen Mythologie. – Archiv für slavische Philologie 18, 1–86.
Hansen William F. 2004: Handbook of classical mythology. Santa Barbara, California & Oxford, England: ABC-CLIO, Inc.
Harrington Karl Pomeroy 1997: Medieval Latin, revised by Joseph Pucci; with a grammatical introduction by Alison Goddard Elliott. Chicago & London: The University of Chicago Press.
IEW – Pokorny Julius. Indogermanisches etymologisches Wörterbuch 1–2. Bern und München: A. Francke AG-Verlag, 1959–1969.
Il. Ὀμήρου Ἰλιάς
Jaskiewicz Walter C. 1952: Study in Lithuanian mythology. – Studi Baltici. Accademia Toscana di scienze e lettere „La colombaria“; 65–106.
Katičić I–II – Katičić Radoslav. Ancient Languages of the Balkans 1–2. The Hague & Paris: Cambridge University Press, 1976.
Kempiński Andrzej M. 2003: Ilustrowany leksykon mitologii wikingów. Poznań: KURPISZ.
Kregždys Rolandas 2011: Rytų baltų fitonimų morfeminio skaidymo ypatumai (etninės žodžių identifikacijos problematika). – Acta Linguistica Lithuanica 64–65, 137–164.
Kregždys Rolandas 2011a: Baltiškųjų teonimų perteikimo ir dievų funkcijų nustatymo problematika Jano Łasickio veikale „De diis Samagitarvm cæterorvmque Sarmatarum,
Straipsniai / Articles
117
Page 14
ROLANDAS KREGŽDYS
& falsorum Christianorum. Item de religione Armeniorum“: Salaus, Klamals, Atlaibos, Tawals. Perspectives of Baltic Philology II. Poznań: Wydawnictwo „Rys“, 101–121.
Kregždys Rolandas 2012: Baltų mitologemų etimologijos žodynas I: Kristburgo sutartis. Vilnius: Lietuvos kultūros tyrimų institutas.
Kregždys Rolandas 2013: Ancient Baltic Religion: Evaluation of Archetypes Authenticity. Oriental Studies. Between East and West. Scientific Papers. University of Latvia, vol. 793. Rīga: Latvijas Universitāte, 91–98.
Kregždys Rolandas 2013a: Rytų baltų fitonimo aviete (Rubus) morfologinė raida ir etimologinių sąsajų problematika. – Acta Linguistica Lithuanica 69, 61–78.
Lasic ius J. Polonus 1868: De Diis Samagitarum libellus, herausgegeben von W. Mannhardt mit Nachträgen von A. Bielenſtein. Riga: Verlag von J. Bacmeister.
Lasickis Jonas 1969: Apie žemaičių, kitų sarmatų bei netikrų krikščionių dievous. Vilnius: Vaga.
LATŽ – Lietuvos TSR administracinio-teritorinio suskirstymo žinynas 2. Vilnius: Mintis, 1976.
LE I–XXXVII – Lietuvių enciklopedija 1–37. Bostonas: Lietuvių enciklopedijos leidykla, 1953–1985.
Lewis Charlton T., Short Charles 1958: A Latin Dictionary founded on Andrews’ edition of Freund’s Latin Dictionary. Oxford: Clarendon Press.
Linde I–VI – Linde M. Samuil Bogumil. Słownik języka polskiego 1–6. Warszawa: w Drukarni Xięży Piiarów, 1807–1814.
LKE – Lietuvių kalbos enciklopedija, par. Kazys Morkūnas. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas, 1999.
LKŽe – Lietuvių kalbos žodynas (t. 1–20, 1941–2002). Antrasis elektroninis leidimas. Red. kolegija: Gertrūda Naktinienė ir kt. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2013.
LKŽk – Lietuvių kalbos žodyno kartoteka, saugoma Lietuvių kalbos instituto Leksikografijos centre.
LKŽKp – Lietuvių kalbos žodyno kartotekos papildymai, saugomi Lietuvių kalbos instituto Leksikografijos centre.
LM I–III – Lietuvių mitologija 1–3, sud. Norbertas Vėlius (t. 1–2), N. Vėlius ir Gintaras Beresnevičius (t. 3). Vilnius: Mintis, 1995–2003.
LP – Lietuvos pomologija. Vilnius: Mokslas, 1974.
LPŽ I–II – Lietuvių pavardžių žodynas 1–2. Vilnius: Mokslas, 1985–1989.
118
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Page 15
Lietuvių kalbos leksēmų morfologinio ir semasiologinio lygmenų interferencinio ryšio kvintesencija: Kirnis
LS – Liddell Henry George, Scott Robert. A Greek-English lexicon. New York & Cincinnati: American Book Company, 1882 (eighth edition).
MacCulloch John Arnott 1930: Eddic Mythology. Boston: Archaeological Institute of America & Marshall Jones Company.
MacDonell Arthur Anthony 1912: Vedic Index of Names and Subjects. London: John Murray.
Maczinsky Ioannus 1564: Lexicon LatinoPolonicum ex optimis Latinae Linguae scriptoribus concinnatum. Regiomonti Borvssiae: Typographus Ioannes Daubmannus.
Mannhardt Wilhelm 1936: Letto-Preussische Götterlehre. Riga: Herausgegeben von der Lettisch-Literärischen Gesellschaft.
Mierzyński Antoni 1892: Mythologiae Lituanicae Monumenta. Źródła do Mythologii Litewskiej I. Warszawa: Druk K. Kowalewskiego.
MP I–IV – Pretorijus Matas. Prūsijos įdomybės, arba Prūsijos regykla 1–3, par. Inge Lukšaitė. Vilnius: Pradai (t. 1 – 1999), Lietuvos istorijos instituto leidykla (t. 2 – 2004, t. 3 – 2006, t. 4 – 2011).
Narbutas Ignas 2003: Jono Lasickio pasakojimas apie žemaičių mitologiją. Struktūros bruožai. Naujasis židinys-Aidai 11–12, 616–622.
Niedermann Max 1902: Notes d’étymologie latin. Mélanges linguistiques offerts à A. Meillet par ses élèves D. Barbelenet, G. Dottin, R. Gauthiot, M. Grammont, A. Laronde, M. Niedermann, J. Vendryes. Avec un Avant-Propos par P. Boyer. Paris: Klincksieck.
O. – Publius Ovidius Naso. Metamorphoseon (libri 1–15).
OLD – Oxford Latin Dictionary. Oxford: At the Clarendon Press, 1968.
Orel Vladimir 1998: Albanian Etymological Dictionary. Leiden & Köln: Brill.
P. – Παυσανίου Πριήγησις τῆς Ἑλλάδος.
PEŽ I–IV – Mažiulis Vytautas. Prūsų kalbos etimologijos žodynas 1–4. Vilnius: Mokslas (t. 1), Mokslo ir enciklopedijų leidykla (t. 2, 3), Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas (t. 4), 1988–1997.
Pisani Vittore 1950: Le religioni dei celti e dei balto-slavi nell’Europa precristiana. Milano: Instituto editoriale Galileo.
Richardson Nicholas 2000: The Iliad: a commentary. Volume VI: books 21–24. General editor G. S. Kirk. Cambridge: Cambridge University Press.
Schrader I–II – Schrader Otto. Reallexikon der Indogermanischen Altertumskunde. Grundzüge einer Kultur- und Völkergeschichte Alteuropas. 2, verm. u. umgearb. Aufl. Hrsg. von A. Nehring. 2 Bde. Berlin: De Gruyter 1917–1923 (A-K), 1929 (L-Z).
Schrader Otto S. 1907: Sprachvergleichung und Urgeschichte. 3 v. Jena: Hermann Costenoble.
Senvაიtytė Dalia 2002: Mitologinės Kirnio interpretacijos. – Liaudies kultūra 6(87), 6–10.
Skardžius I–VII – Skardžius Pranas. Rinktiniai raštai 1–7, par. Albertas Rosinas. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla, 1996–2013.
SSt I–XI – Słownik staropolski 1–11, red. S. Urbańczyk (t. 1, A–Ć, Warszawa 1953–1955; t. 2, D–H, Wrocław–Kraków–Warszawa 1956–1959; t. 3, I–K, Wrocław–Kraków–Warszawa 1960–1962; t. 4, L–M, Wrocław–Warszawa–Kraków 1963–1965; t. 5, N–Ó, Wrocław–Warszawa–Kraków 1965–1969; t. 6, P–Pożenie, Wrocław–Warszawa–Gdańsk 1970–1973; t. 7, Póć–Rozproszyć, Wrocław–Warszawa–Kraków–Gdańsk 1973–1977; t. 8, Rozpróchnięć–Szyszki, Wrocław–Warszawa–Kraków–Gdańsk–Łódź: 1977–1981; t. 9, Ściadły–Używowanie, Wrocław–Warszawa–Kraków–Gdańsk–Łódź 1982–1987; t. 10, W–Wżgim, Kraków 1988–1993; t. 11, Z–Ż, Kraków 1995–2002...). Zakład narodowy imienia Ossolińskich; Wydawnictwo Polskiej Akademii nauk.
SW I–VIII – Karłowicz Jan, Kryński Adam A., Niedźwiedzki Władysław (red.). Słownik języka polskiego 1–8. Warszawa: W drukarni E. Lubowskiego (1–2), W drukarni „Gazety Handlowej“ (3–6), W drukarni „Współczesnej“ (7), Wydawnictwo kasy pomocy dla osób pracujących na polu naukowem imienia J. Mianowskiego (8), 1898–1923.
V. G. – Publi Vergili Maronis. Georgica.
Vaan Michiel de 2008: Etymological Dictionary of Latin and the other Italic Languages. Leiden & Boston: Brill.
Vaitkevičienė Daiva 2002: Namų laimė. – Liaudies kultūra 4(85), 9–21.
Visser Marinus Willem de 1903: Die nicht menschengestaltigen Götter der Griechen. Leiden: Buchhandlung und Druckerei vormals E. J. Brill.
Vries Jan de 1977: Altnordisches Etymologisches Wörterbuch. Leiden: E. J. Brill.
Walde, Hofmann I–II – Walde Alois, Hofmann Johann Baptist. Lateinisches Etymologisches Wörterbuch. Heidelberg: Carl Winter Universitätsbuchhandlung, 1938 (Bd. 1 [a–l]), Carl Winter Universitätsverlag1954 (Bd. 2 [m–z]).
Zinkevičius Zigmas 1981: Dėl vienos mitologinės dievybės vardo. – Baltistica 17(1), 96–97.
Zinkevičius Zigmas 2006: Lietuvių tarmių kilmė. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas.
Алборов I–II – Алборов Борис Андреевич. Некоторые вопросы осетинской филологии 1–2. Владикавказ: Издательско-полиграфическое предприятие им. В. А. Гассиева, 1979–2005.
120
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Page 17
Lietuvių kalbos leksemų morfologinio ir semasiologinio lygmenų interferencinio ryšio kvintesencija: Kirnis
Байкоў Мікалай Я., Некрашэвіч Сцяпан М. 1993: Беларуска-расійскі слоўнік. Факсімільнае выданне. Мінск: Народная асвета.
Бірғыла Мікалай В. 1966: Беларуская антрапанімія. Уласныя імёны, імёны-мянушкі, імёны па бацьку, прозвішчы. Мінск: Навука і тэхніка.
Бірғыла Мікалай В. 1969: Беларуская антрапанімія 2. Прозвішчы, утворныя ад апелятыўнай лексікі. Мінск: Навука і тэхніка.
БСЭ I–L – Большая советская энциклопедия 1–50, ред. Б. А. Введенский. Москва: Большая советская энциклопедия, 1969–1981.
Ведина Тамара Ф. 2008: Энциклопедия русских фамилий. Тайны происхождения и значения. Москва: Астрель, АСТ.
Гамильтон Эдит 2009: Мифы и легенды Греции и Рима. Москва: Центрполиграф.
Грошева Антонина В. 2009: Латинская земледельческая лексика на индоевропейском фоне. Санкт-Петербург: Наука.
Даль I–IV – Даль Владимир. Толковый словарь живого великорусского языка 1–4. Москва: Русский язык, 1989–1991.
Дворецкий Иосиф Хананович 1976: Латинско-русский словарь. Изд. 2-е. Москва: Русский язык.
Дрбоглав Донат Александрович 1993: Учебное пособие по средневековой латыни. Москва: Изд-во МГУ.
Кагаровъ Евгеній 1913: Культъ фетишей, растений, животныхъ въ Древней Греціи. С.-Петербургъ: Сенатская Типографія.
Казанскене Ванда Петровна, Казанский Николай Николаевич 1986: Предметно-понятийный словарь греческого языка. Крито-микенский период. Ленинград: Наука.
Калыгин Виктор Павлович 2006: Этимологический словарь кельтских теонимов. Москва: Наука.
Крегждис Роландас 2009: Прусс. Curche: этимология теонима, функции божества; проблематика установления культовых соответствий на почве обрядовой традиции восточно-балтийских, славянских и других индоевропейских народов. – Studia Mythologica Slavica 12, 249–320.
Кюршунова Ирина Алексеевна 2010: Словарь некалендарных личных имен, прозвищ и фамильных прозваний Северо-Западной Руси XV–XVII вв. Санкт-Петербург: Дмитрий Буланин.
Straipsniai / Articles
121
Page 18
ROLANDAS KREGŽDYS
Лосев Алексей Федорович 1957: Античная мифология в ее историческом развитии. Москва: Государственное учебно-педагогическое издательство министерства просвещения РСФСР.
Лосев Алексей Федорович 1996: Мифология греков и римлян. Москва: Мысль.
Носовичъ Иван И. 1984: Словарь бѣлорусскаго нарѣчія (Specimina philologiae Slavicae). München: Verlag Otto Sagner.
ПЯ I–V – Топоров Владимир Николаевич. Прусский язык: Словарь. Москва: Наука, 1975–1990.
РООР – Русская ономастика и ономастика России. Словарь, под ред. Олега Николаевича Трубачева. Москва: Школа-Пресс, 1994.
СБГП I–V – Слоўнік беларускіх гаворак Паўночна-Заходняй Беларусі і яе пагранічча 1–5. Мінск: Навука і тэхніка, 1979–1986.
Штаерман Елена Михайловна 1961: Мораль и религия угнетенных классов Римской империи (Италия и Западные провинции). Москва: Издательство академии наук СССР.
122
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Page 19
Lietuvių kalbos leksemų morfologinio ir semasiologinio lygmenų interferencinio ryšio kvintesencija: Kirnis
Determination of the Interferential Relationship of the Lexemes at the Morphological and Semasiological Levels: Kirnis
S U M M A R Y
The article presents a semasiological analysis of theonym Lith. Kirnis mentioned in De Diis Samagitarum (1582) by Jan Łasicki. It also deals with the determination of the interferential relationship of the semantic extens ionale and referent, which is to be based on the arguments of the twofold criteria (onomasiological and semasiological).
The assumption of the deity cult reconstruction by the individual social group of hewers is based on the following conclusions:
1. Onomasiological word research methodology, based on the syncretic semantic distribution of the lexeme, which accounts for hyperonymic status of the definite object / subject in the case of taxonomy of its structural complexes, presupposes the emergence of pseudo-scientific etymologies.
2. Theonym Lith. Kirnis with the meaning ‘protector of the cherries’, mentioned in De Diis Samagitarum by J. Łasicki, cannot be interpreted as a reflection of Proto-Lith. *kirnas ‘cherry’. The said conclusion can be drawn on the basis of
2a. factographic discrepancy, for the cultivation of tamed cherries as plants of the manor in Lithuania began in the 16th c. only;
2b. outcomes of the formal analysis of Łasicki’s text, which is written in Latin, that presuppose existence of lapsus calami, i.e. M.A. Lat. cerasus ‘cherry (tree)’ fem.; ‘cherry (fruit)’ neutr. ≠ M.A. Lat. caerasos (J. Łasicki);
2c. M.A. Lat. caerasos fem. (J. Łasicki) does not agree with the grammatical status of prepositional syntagma in quos (masc. / neutr.), which regularly should be put down as in quas, in quae.
3. Theonym Lith. dial. (Lowland) Kirnis presupposes reconstruction of the defective form Lith. dial. *Kirny̆s ‘deity of hewers’, which is to be derived from Lith. dial. *Kirtiny̆s ‘ditto’. The origin of the last is to be justified by the phenomenon of antonomasia.
4. Given the analysis of the theonym Lith. Kirnis, the possibility of the reconstruction of I-E *kʰrnō- ‘cornel (Cornus’), as well as the existence of Greek, Italic and Baltic isolexeme with the meaning of ‘cherry’ must be rejected.