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VILIJA SAKALAUSKIENĖ

Institut für Litauische Sprache

Forschungsschwerpunkte: Lexikografie, Lexikologie, Ethnolinguistik.

ZOFIA SAWANIEWSKA-MOCHOWA

Institut für Slawistik der Polnischen Akademie der Wissenschaften

Forschungsschwerpunkte: Lexikografie, Lexikologie, Ethnolinguistik, Geschichte der polnischen Sprache.

Zweisprachige Wörterbücher als Kulturtexte (am Beispiel der Wörterbücher des Pfarrers Antanas Juška aus dem 19. Jahrhundert)

Übersetzungswörterbücher als Kulturtexte (am Beispiel der Wörterbücher des Pfarrers Antanas Juška aus dem 19. Jahrhundert)

ANNOTATION

Der Artikel richtet den Blick auf den Wortschatz des zweisprachigen Wörterbuchs von Antanas Juška für Litauisch und Polnisch, in dem sich die Konzeptualisierung des MENSCHEN widerspiegelt, wenn sein körperliches Erscheinungsbild, seine Psyche, seine Emotionen, seine soziale Stellung, sein Glaube und seine Bräuche beschrieben werden. Dabei wird die Frage der Äquivalenz aufgeworfen, um Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Kulturen zu erkennen.

Der Artikel analysiert sprachliches Material, das aus A. Juškas litauisch-polnischen und polnisch-litauischen Wörterbüchern ausgewählt wurde. Die Autorinnen stellen sich die grundlegende Frage, ob sich aus zweisprachigen Wörterbüchern des 19. Jahrhunderts, die als Texte der vielgestaltigen Kultur Litauens verstanden werden, Informationen über den Menschen „herauslesen“ lassen.

SCHLÜSSELWÖRTER: Antanas Juška, Übersetzungswörterbücher, 19. Jahrhundert, Kulturtext, Ethnolinguistik.

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VILIJA SAKALAUSKIENĖ, ZOFIA SAWANEWSKA-MOCHOWA

ANNOTATION

Der Artikel unternimmt den Versuch, sprachliches Material zu analysieren, das dem lexikografischen Nachlass von Rev. Antanas Juška entnommen wurde. Dieser Ansatz fügt sich gut in das Paradigma der ethnolinguistischen Forschung ein. Die Autorinnen stellen sich die grundlegende Frage, ob sich Informationen über den Menschen aus Übersetzungswörterbüchern des 19. Jahrhunderts „herauslesen“ lassen, wenn diese als Kulturtexte einer mehrsprachigen Gemeinschaft in Litauen betrachtet werden.

SCHLÜSSELWÖRTER: Antanas Juška, Übersetzungswörterbücher, 19th. Jahrhundert, Kulturtext, Ethnolinguistik.

EINLEITUNG

Zunächst ist zu klären, wie der Begriff Kulturtext in diesem Artikel verwendet wird. In der modernen geisteswissenschaftlichen Literatur dient dieser Begriff zur Bezeichnung verschiedenartiger Erzeugnisse menschlicher kultureller Tätigkeit, nicht nur mündlicher Äußerungen, sondern auch – im weitesten semiotischen Sinne – der Folklore, die aus Zeichenfolgen unterschiedlicher Art hervorgeht (Bartmiński, Niebrzegowska-Bartmińska 2009: 72).

Die Untersuchung stützt sich auf zweisprachige Wörterbücher und somit auf sprachliche Äußerungen, deren wichtige strukturelle Grundlage der Vergleich und die Bewertung sprachlicher Systeme bilden und deren sprachliche Quellen verschiedene kulturelle Codes sind. Eine solche Definition kultureller mündlicher Äußerungen passt auf die Wörterbücher des Priesters Antanas Juška aus dem 19. Jahrhundert. Ihre systematisch erfassten Daten nehmen in kognitiven ethnolinguistischen Untersuchungen einen wichtigen Platz ein, da die Forschenden daran interessiert sind, die Realien jener Zeit und deren Bewertung anhand von Sprachdaten offenzulegen. Obwohl A. Juškas Texte von der Wissenschaft noch nicht angemessen gewürdigt wurden, sind sie angesichts des Vergleichs zweier (oder mehrerer) verschiedener Sprachen ein wichtiger Bestandteil des litauisch-polnischen Kulturerbes. Zweisprachige Wörterbücher sind auch deshalb nützlich, weil sie über eine sogenannte semantische Metasprache verfügen: Bedeutungen werden durch Umschreibungen erläutert und Kollokationen sowie Synonyme angeführt.

Die Forschungsaufgabe besteht somit darin, Unterschiede und Ähnlichkeiten darin aufzuzeigen, wie zwei Gemeinschaften, die jeweils ihre eigene Geschichte erzählen, die Welt wahrnehmen und bewerten. Diese Aufgabe ist zwar schwierig, aber lösbar – allerdings nur durch die Zusammenarbeit litauischer und polnischer Forschender, denen zufolge zweisprachige Wörterbücher ungeachtet ihres pragmatischen Aspekts ethnolinguistische Informationen über das Wesen der kollektiven Subjektivierung liefern.

Dieser Artikel richtet den Blick auf die litauischen und polnischen Lexeme des zweisprachigen Wörterbuchs von A. Juška, durch die die Konzeptualisierung des MENSCHEN sichtbar wird, wenn sein körperliches Erscheinungsbild, seine Psyche, seine Emotionen, seine soziale Stellung, sein Glaube und die Ausübung von Bräuchen beschrieben werden. Ziel der Untersuchung ist festzustellen, ob den in zweisprachigen Wörterbüchern angeführten litauischen und polnischen sprachlichen Äußerungen, die

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Zweisprachige Wörterbücher als kulturelle Texte (auf der Grundlage der Wörterbücher des Pfarrers Antanas Juška aus dem 19. Jahrhundert)

Sie werden einer bestimmten semantischen Gruppe zugeordnet; dabei kann eine vollständige Bedeutungsäquivalenz, eine ungefähre Äquivalenz oder eine gewisse lexikalische Bedeutungsasymmetrie zwischen den beiden verglichenen Sprachen vorliegen.

Anhand konkreter Beispiele für die in A. Juškas Wörterbuch aufgeführten Äquivalente soll gezeigt werden, ob das Bild des Menschen im Litauischen und Polnischen symmetrisch und gleich detailliert ist oder ob bestimmte semantische, stilistische oder gar pragmatische Unterschiede im Zusammenhang mit dem Menschen auftreten.

Bezeichnungen zur Kategorisierung des MENSCHEN (dem Ziel des Artikels entsprechend auf Substantiv- und Adjektivformen gestützt) werden in bestimmte Bedeutungsgruppen eingeteilt. Im zweisprachigen litauisch-polnischen Wörterbuch entsprechen den litauischen Wörtern gleichbedeutende polnische Äquivalente sowie Synonyme. Der Autor verwendete häufig eine beschreibende Übersetzung und übertrug die litauischen Entsprechungen auf der Grundlage semantischer Beziehungen, möglicher Kollokationen oder bedeutungserläuternder Kommentare, die in Klammern neben dem Hauptäquivalent des Substantivs stehen.

Die Verfahren zur Übersetzung der lettischen Äquivalente ins Polnische in A. Juškas dreisprachigem lettisch-litauisch-polnischem Wörterbuch wurden beispielsweise ausführlich von Renata Miseviča-Trillia beschrieben (2012; 2013: 162–171). Sie betont, dass A. Juškas Wörterbücher nicht nur Übersetzungswörterbücher, sondern auch übersetzte erklärende Wörterbücher sind, die für Ethnolinguisten, welche die Weltkategorisierung zweier auf demselben Gebiet lebender Völker durch den Vergleich ihrer Sprachen untersuchen wollen, von großer Bedeutung sind. „Von zweisprachigen Personen erstellte Übersetzungswörterbücher sind nicht nur wertvolle Materialsammlungen für systematische Untersuchungen, sondern zeigen auch den Einfluss des Bilingualismus auf das Sprachsystem, wenn die Zweisprachigkeit des Autors die Kultur zweier Völker impliziert“ (Sawaniewska-Mochowa 2014: 131).

Die wissenschaftliche Untersuchung beginnt mit der Auswahl einer Methodologie und der Definition der verwendeten Begriffe auf der Grundlage von A. Juškas zweisprachigen polnisch-litauischen Wörterbüchern. Untersuchungsgegenstand ist das lexikografische Erbe, das neben dem veröffentlichten Teil in verschiedenen handschriftlichen Fassungen erhalten ist, die von anderen Autoren ergänzt und überarbeitet wurden. Daher wird das Material kritisch bewertet. Zu berücksichtigen sind die lexikalisch-semantischen Aspekte der Äußerungen, die von späteren Herausgebern verändert wurden. Das Material wurde gerade deshalb so ausgewählt, weil die Äquivalente sowohl im litauischen als auch im polnischen Teil des Wörterbuchs enthalten sein müssen.

Nehmen wir an, dass zweisprachige Wörterbücher eine spezifische Textsorte bilden. Dann stellt sich die Frage, welche Informationen sich aus dem Text eines solchen historischen Wörterbuchs erschließen lassen, wenn man es als Ganzes betrachtet und als eine bestimmte Art von Werk sowie als kulturelles Denkmal einer mehrsprachigen Gemeinschaft versteht und nicht bloß als eine Sammlung von Stichwörtern und ihren entsprechenden Übersetzungen, die ausschließlich praktischen Zwecken dient, etwa dem Lernen einer Sprache für einen begrenzten Zeitraum.

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Die Aussage, dass „das Wörterbuch eine Textsorte ist“, impliziert laut dem Ethnolinguisten Wojciech Chlebda mehrere grundlegende Thesen: 1) Da das Wörterbuch eine Textsorte ist, ist es auch eine Äußerung; da es als Äußerung gilt, ist es Teil des gemeinschaftlichen Diskurses an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit. Das bedeutet, dass das Wörterbuch einen Sender, einen Empfänger und eine bestimmte Wirklichkeit hat, auf die sich die Äußerung bezieht; 2) da das Wörterbuch ein Text (eine Äußerung) ist, stellt es auch eine interpretierende Erzählung über eine bestimmte Wirklichkeit (einschließlich der sprachlichen) dar (Chlebda 2010: 202).

Dann stellt sich die Frage: Wer ist das erzählende Subjekt eines zweisprachigen Wörterbuchs aus Litauen des 19. Jahrhunderts, wenn Litauen damals ebenso wie Polen von Zaren regiert wurde?

Wörterbücher dieser Art zeichnen sich durch eine Vielfalt impliziter Subjektpositionen aus. Vor allem spiegelt sich darin die Perspektive eines kollektiven Subjekts wider, nämlich die einer sprachlich-kulturellen Gemeinschaft, die aus kleineren Gemeinschaften besteht, etwa regionalen, gesellschaftlichen oder religiösen Gemeinschaften (Chlebda 2010: 202).

Bei der Betrachtung von A. Juškas zweisprachigen Wörterbüchern begegnen wir der Koexistenz zweier sprachlicher Kollektive – der litauischen und der polnischen – und zweier Weltanschauungen. Aus ethnolinguistischer Sicht ist es interessant zu untersuchen, ob diese Visionen, die von der Existenz einer mentalen Gemeinschaft der damaligen Einwohner Litauens erzählen (in der psycholinguistischen Terminologie als „mentale Landkarten“ bezeichnet), symmetrisch sind. Treten hier zwei unterschiedliche Interpretationen der Wirklichkeit zutage, die in unterschiedlichen lexikalischen und stilistischen Formen, Stereotypen und kulturellen Vorstellungen ausgedrückt werden? Doch das Subjekt des Wörterbuchs ist nicht nur das Kollektiv, sondern wird auch durch den Wörterbuchverfasser bestimmt – den Lexikografen, also den Autor eines Textes oder einer Äußerung, die sich an einen bestimmten Empfänger richtet und zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort entsteht. Er konstruiert das Wörterbuch; von ihm hängen die Makrostruktur, die Auswahl der Äquivalente in der anderen Sprache sowie die Aufnahme zusätzlicher Erklärungen, von Kontext oder grammatischen Informationen ab.

Der Ethnolinguist muss sich bewusst sein, dass sich im Wörterbuch neben der kollektiven Vorstellungswelt auch die individuelle Vorstellungswelt zeigt, die der Autor selbst einbringt, und sei es durch die Auswahl bestimmter Lexeme. Der Lexikograf steht stets vor einer Vielzahl von Entscheidungen, die er sowohl bei der Auswahl des Materials als auch bei dessen Anordnung treffen muss, denn ein Wörterbuch, dessen Makrostruktur sämtliche in einer Sprache vorkommenden möglichen Bezeichnungen umfasst, lässt sich nicht erstellen. Bei der Zusammenstellung des Wörterbuchkorpus bemüht man sich gewöhnlich, eine Wörtersammlung vorzulegen, die das Weltkonzept der sprachlich-kulturellen Gemeinschaft widerspiegelt.

A. Juška war genau ein solcher Autor, der ehrgeizig danach strebte, in seinen Wörterbüchern ein umfassendes Weltbild seiner Zeit darzustellen. Als zweisprachiger Lexikograf war er nicht nur ein aufmerksamer Beobachter und Chronist verschiedener Erscheinungsformen des litauischen und polnischen Lebens, in denen zwei Sprachen und Kulturen aufeinandertreffen, sondern in vielen Fällen, so W. Chlebda, auch ein Interpret der damaligen Wirklichkeit, die er objektiv beurteilte und mit zahlreichen Realien veranschaulichte. Dies tat er auf verständliche Weise und machte sichtbar

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Zweisprachige Wörterbücher als Kulturtexte (auf der Grundlage der Wörterbücher des Pfarrers Antanas Juška aus dem 19. Jahrhundert)

dalyko esmę, vengdamas moksliškumo ir enciklopediškumo (Chlebda 1993: 205; Sawaniewska-Mochowa 2014: 135). Jis siekė ne tik suregistruoti lietuvių gyvosios kalbos turtus, bet ir puikiai išmanė lenkų kalbos regioninį variantą (specifinį sociolektą), kuriuo kalbėjo sulenkėję Kauno gubernijos bajorai (Sawaniewska-Mochowa 2002). Pasak Baudouino de Courtenay, A. Juška buvo geriausias to laikotarpio lietuvių gyvenimo žinovas (de Courtenay 1880: 2).

Von zweisprachigen Personen erstellte Übersetzungswörterbücher sind nicht nur als Materialsammlungen für systematische Untersuchungen wertvoll, sondern auch als Quellen, die es ermöglichen, den Einfluss des Bilingualismus auf das Sprachsystem aufzudecken, wenn die Zweisprachigkeit des Autors in der Kultur zweier Völker verankert ist (Sawaniewska-Mochowa 2014: 131). Die zweisprachigen Wörterbücher von A. Juška sind für Ethnolinguisten eine überaus wertvolle Quelle zur Erforschung zweier Sprachsysteme als subjektiver Darstellung, die den damaligen Alltag kategorisiert, in dem zwei unterschiedliche gesprochene Sprachen verwendet werden, die von Sprachnormen beeinflusst sind.

Beim Vergleich der litauischen Stichwörter in A. Juškas Wörterbüchern mit ihren polnischen Entsprechungen fällt die Ähnlichkeit einiger lexikalisch-semantischer Gruppen auf, etwa von Wörtern, die den Menschen, seine Tätigkeiten und anderes beschreiben. Solche Wortentsprechungen unter den zweisprachigen Nutzern polnisch-litauischer und litauisch-polnischer Wörterbücher führen zu einer kulturellen Interferenz unter der zweisprachigen Bevölkerung. Diese bedingte die Gemeinsamkeit bei der Benennung von Gegenständen verschiedener Lebensbereiche sowie die bewusste, je nach Sprachsituation erfolgende Wahl einer polnischen oder litauischen Bezeichnung (Sawaniewska-Mochowa 2014: 135).

BEREICH DER KÖRPERLICHKEIT,

KÖRPERLICHE (ÄUSSERE) MERKMALE

A. Juška schrieb alles aus der lebendigen Sprache auf, was er nur aufschnappen konnte, ohne die Wörter der Bauernrede in vornehme und nicht vornehme zu unterteilen. Er vermied derbe und vulgäre Wörter und Wendungen, da er sie für ein Wörterbuch und überhaupt für die lesende Öffentlichkeit als ungeeignet erachtete (Tolutienė 1961: 151):

lit. biksuōkis (Zusammensetzung aus biksuos + scheißen) = poln. expressiv sracz do portek ‚einer, der sich in die Hose gemacht hat‘¹ (L B² I 15, L B II 26), fajdajacy się do portek (J I 207);

1 Kurs šią į biksves, tas biksvašikis ‚einer, der (wohl) in die Hose scheißt, sie (wohl) beschmutzt‘ (J I 207).

2 Die Regeln zur Angabe der Abkürzungen in Słownik litewsko–polski: verkleinerte Großbuchstaben nach dem Zeichen L geben an, dass das polnische Material den entsprechenden litauischen Abschnitten von A bis Ž entnommen wurde; die Zahlen I, II, III bezeichnen die Reihenfolge der Bearbeitungen; die Abkürzung dr kennzeichnet veröffentlichte oder neu herausgegebene Wörterbuchteile, L Bug die Bearbeitung durch K. Būga; arabische Zahlen bezeichnen dem Manuskript beigefügte Karteikarten oder Seiten.

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Lit. bunõsa (Zusammensetzung aus buka + nosis) ‘Stumpfnase’ = poln. tęponos (L B I 37, L B II 60, J I 248): Tas buknõsa, kuriõ bukà nosė. Den Angaben des LKŽ zufolge im Wörterbuch von Jurgis Šlapelis belegt;

Lit. dublỹs ‘Dickbauch’ = poln. brzuchal (J I 357); in polnischen Dialekten werden brzu-chal, brzuchal ‘człowiek z dużym brzuchem, grubas / Mensch mit großem Bauch, Dickwanst’ verwendet (Mittel- und Nordpolen); den Angaben des LKŽ zufolge im heutigen ostoberlitauischen Panevėžiškiai-Dialektgebiet (um Panevėžys) gebräuchlich, die Variante dūblis wird in Eišikės, Počiūnėliai (Rajon Radviliškis) und Pakruojis verwendet;

Lit. memelis ‘jemand, der beim Sprechen stockt, stottert, Stotterer’ (L M dr 30) // memelis ‘jemand, der beim Sprechen stockt, stottert, Stotterer’ (L M dr 34) = poln. zajękliwy ‘stotternd’ ib.; momot ‘Stotterer (stotternder Mensch)’ (L M II 30); zajękliwy (L M II 30). In polnischen Dialekten (Kleinpolen) wird ein solcher Mensch momot, zajękal, zajękliwy genannt. In litauischen Dialekten ist das Wort recht weit verbreitet: memelis – im ostoberlitauischen Panevėžiškiai-Dialektgebiet (um Panevėžys), im ostoberlitauischen Uteniškiai-Dialektgebiet (Dusetos), memelis – im westoberlitauischen Kauniškiai-Dialektgebiet (Skirsnemunė, Lukšiai);

Lit. rukšnà ‘jemand, der die Stirn runzelt, verkniffen oder mürrisch ist; ein Miesepeter’: Kur susiraukęs vis tas rukšnà, Variante rukslà = In polnischen Dialekten ist zmarszczoch (człowiek cały zmarszczony) ‘Runzelgesicht (ein völlig zerknitterter Mensch)’ gebräuchlich (L R I 25). Bezeichnungen mit dem Format -ocha waren für das alte Polen typisch, sind jedoch in polnischen Dialekten bis heute produktiv als Bezeichnungen für Handelnde oder Träger von Eigenschaften und drücken manchmal eine negative emotionale Färbung aus. Im Litauischen bedeuten rukšnà, rukšlà ‘einen Menschen, der die Stirn runzelt, das Gesicht verzieht, verkniffen ist; einen Miesepeter’. Rukšnà ist in den Mundarten des westoberlitauischen Kauniškiai-Dialektgebiets (um Marijampolė, Vilkaviškis, Jurbarkas) und des südlitauischen Dialektgebiets (um Alytus) verbreitet; rukšlà wird in den Mundarten der Žemaiten (Kretingiškiai, Varniškiai, Raseiniškiai) verwendet;

Lit. stìvas, vgl. LKŽ stỹvas, dt. dial. stîw, poln. sztywny ‘mit verzogenem Gesicht, gerade’: Kas tiesus, neapsikumpinęs, stačias ir lygus kaip rąstas vienuolinis, tas stìvas (J). ~ poln. prosty jak świeca ‘gerade wie eine Kerze’ (L S I 60); stìvas ist den Angaben des LKŽ zufolge aus Kuršėnai belegt. In litauischen Dialekten ist besonders im westoberlitauischen Kauniškiai-Dialektgebiet die Variante štyvas verbreitet; sie wurde in das Litauisch-Deutsche Wörterbuch von Friedrich Kurschat aufgenommen, dessen Angaben aus der lebendigen Sprache der Litauer Kleinlitauens und aus gedruckten Quellen stammen.

CHARAKTEREIGENSCHAFTEN

Lit. akýplėša (Zusammensetzung aus akìs + plėšti) ‘ein unverschämter, grober, unhöflicher Mensch: Vālo agintas vājkas tāp akýplėša, t. y. žėdam akis draska. Kas akis plėšia, priešinas, tas akyplėša (J I 7) = poln. expressive Bildung okdzior (Zusammensetzung aus drzeć + oko), drapieżny ‘räuberisch’ (L A II 8, L A III 4, J I 7). L. Ivinskis übersetzt drapieżny mit plėšans, –nčia (I

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Dvikalbiai žodynai kaip kultūros tekstai (XIX a. kun. Antano Juškos žodynų pagrindu)

54). In litauischen Dialekten (westoberlitauisches Kauniškiai-, nordžemaitisches Kretingiškiai-Dialektgebiet) gebräuchlich und in die Standardsprache eingegangen;

Lit. jumperis ‘jemand, der sich an jemanden hängt, sich anschließt’ ~ poln. przywiązany jak kleszcz ‘festhängend wie eine Zecke’ (L ı I 5); im von Jonas Jablonskis redigierten Teil steht jumperė, -ės (vgl. dt. Jungferchen) ‘Fräuleinchen (poln. panienka)’ (abwertend): Ta motriška jo (keleiviai) jumperė, t.y. prijunta prie jo, kaip erkė įsirta (gemeint: „saugt sich fest“) (J II 687). Jumpere gasuės vaikščiojo (J II 687), vgl. jumperis, -ė, im LKŽ aus dem Wörterbuch von A. Juška belegt. Vgl. auch jumprovą ‘Fräulein’ (vgl. dt. Jungfrau), das ebenfalls eine negative Färbung hat: jumprova nemoka nei kokio darbelio; belegt in Pilypas Ruigys Litauisch-Deutschem und Deutsch-Litauischem Wörterbuch, Vilius Kalvaitis’ Liedern der Preußischen Litauer (Kalvaitis 1905: 123), August Schleicher Litauisches Lesebuch und Glossar (Schleicher 1857: 172), häufig in den von A. Juška aufgezeichneten Liedern, außerdem in den Liedersammlungen von Liudvikas Rėza (1935, 1937) sowie August Leskien und Karl Brugmann (Leskien, Brugmann 1882: 65), und von Kristijonas Donelaitis verwendet;

Lit. gerùlis = poln. dobruti (L g I 19), Ø rozkosznik (‘verwöhnt’) (L g II 34), dobry człowiek (dieses Äquivalent wird von J. Jablonski angegeben; dort wird auch vermerkt, dass das von Juška verwendete palainintas rozkosznik ‘jemand, der sich dem Müßiggang hingegeben hat’ bedeutet) (J II 429). Vgl. Swil, das wie im Wörterbuch von L. Ivinskis (I 460) ‘Schlemmer, Lüstling, Unhold’ bedeutet und mit gosus ‘lüstern, wollüstig’ und raškanas ‘mutwillig, vergnügt’ zusammenhängt. A. Juška wollte dieser Bezeichnung wahrscheinlich eine andere Bedeutungsnuance verleihen: ‘jemand, der anderen Glückseligkeit bringt’. Im LKŽ bedeutet das Wort ‘guter Mensch, guter Kerl’: Iš šelmio gerulio nepadarysi (Valkininkai, Rajon Varėna). L. Ivinskis’ dobruti ist ein Adjektiv, übersetzt mit gerutis, geručia (Girėnūtis, -ūčia I 46);

Lit. minkštaútis wird abwertend für einen untauglichen, verweichlichten Mann gesagt; pačiužį bedeutet ‘weiches Ei’ = poln. expressive Bildung miękaja ‘człowiek uległy / unterwürfiger Mensch’ (L m II 48v, L m dr 45. L m II 48v, L m dr 45). Im Litauischen bezeichnet es einen schwachen, unterwürfigen, leicht von anderen beeinflussbaren Menschen; vgl. auch lit. minkšprótis (L m II 49), minkšprótis (L m dr 45) = poln. słabomyślny;

Lit. kiršlys. A. Juška erläutert die Bedeutung dieses Wortes anhand eines Belegs: Kurš kiršina, erzina kitus žmones, tas kiršlys ~ poln. expressive Bildung rozuzyciel ‘Aufwiegler, Erzürner’ (L K I 41, J III 129). F. Kurschat erläutert es in seinem Wörterbuch ähnlich: kiršintojas: Kiršintojas – kurs kiršina (K I 67). Diese Bezeichnung beschreibt einen Menschen, der andere ärgert, aufbringt und gegeneinander aufhetzt. L. Ivinskis übersetzt das Adjektiv rozuzy mit ‘aufgebracht’ (= erzürnt), rasend, wütend, außer sich (I 456).

Ohne Kontext lässt sich aus dem polnischen Äquivalent die genaue Bedeutung nur schwer erschließen. Das Wort rozuzyciel wird weder in der heutigen Standardsprache noch in Dialekten verwendet; Bildungen dieser Struktur, deren Grundlage ein historisches Modell der polnischen Schriftsprache mit dem Formans -iciel / -yciel ist, könnten jedoch im damaligen Sprachgebrauch existiert haben. Im Wörterbuch von A. Juška finden sich im polnischen Material weitere Bildungen mit der Bedeutung nomen agentis (vgl.

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grabiel, gryiziel, nagiel, strasziel, zvodziciel) Es gibt recht viele Beispiele für Neider. Es ist auch möglich, dass A. Juška bei dem Versuch, eine symmetrische Übersetzung zu erreichen, eine solche Bezeichnung für den Handlungsträger aus Aspektpaaren von Verben bildete: rožusýti intr. – rožusaz tr. ‚(jemanden) zur Raserei bringen, erzürnen‘ oder rožusyȯ refl. intr. – rožusaž refl. tr. ‚in Wut geraten, sich ärgern, sich aus irgendeinem Grund über jemanden ärgern‘.

Vgl. auch Zusammensetzungen mit symmetrischer Struktur: lit. arėkergis = poln. wodkopój, girtuo-klis (L A II 106): Ten arėkergėj, užsidarė į urzdinė, gėra (J I 107); in Ivinskis’ Wörterbuch ist girtūklis ‚Trunkenbold‘ belegt (I 279).

Die Grundlage der Bedeutung vieler der genannten Wörter ist die negative emotionale Einstellung des Sprechers zu der bezeichneten Sache. Sie drückt seine Meinung über den Wert eines bestimmten Menschen aus, und diese Meinung wird nicht als logisches Urteil, sondern als Erfahrung oder Gefühl der sprechenden Person präsentiert. In diesen Wörtern ist eine negative Bewertung festgehalten.

LEBENSWEISE, LEBENSFORM, TÄTIGKEIT

Lit. baldõšius m., baldõšė f.: Wer jede Nacht bãldos, tas baldõšius (J I 186) ~ poln. tluk (L B I 3); wąsęjący się, tłuczący się ‚sich herumtreibend‘ (J I 186). A. Juška gibt auch das Synonym pabalda.

Offensichtlich beschreibt die litauische Wortform einen Menschen, der nachts herumstreunt und sich herumtreibt, d. h. naktibalda. Die polnischen Entsprechungen bedeuten dagegen eher allgemein ‚umherstreifen, łazi, łaźę’ < intr. tłuc się ‚ziellos irgendwohin gehen, sich irgendwo aufhalten, umherstreifen, herumziehen, umherstreunen‘; im Dialekt Kleinpolens tłuk ‚ein Mensch, der gern herumstreunt‘, außerdem dialektal als Spitzname für jemanden mit einer liederlichen Lebensweise, insbesondere mit Blick auf Frauen;

lit. laidotùvininkas (L L II 4, L Bug Als) ~ poln. pogrzebnik (Sw) gegenüber ‚derjenige, der sich um das Begräbnis kümmert, es ausrichtet / derjenige, der die Bestattung besorgt und organisiert‘. Ähnlich wird auch in L. Ivinskis Wörterbuch pogrzebnik mit laidojas ‚derjenige, der einen Toten bestattet‘, būdininkas (?) wiedergegeben (I 296). Offenbar verstand A. Juška die polnische Entsprechung pogrzebnik als Bezeichnung für einen Teilnehmer an einer Beerdigung. Diese Bezeichnung wird in Schlesien und Kaschuben in dieser Bedeutung verwendet. Auch das LKŽ führt diese Bedeutung von laidotuvininkas an. Hier findet sich auch ein Satz von A. Juška: Laidotùvininkai grįžta iš kapų, in dem laidotùvininkai offenbar ebenfalls ‚Beerdigungsteilnehmer‘ bedeutet;

lit. prągininkas = poln. porżnik ‚derjenige, der Kuchen backt und verkauft‘ (L P I 83); laut SWi ‚derjenige, der Kuchen macht, verkauft oder isst‘, vgl. lit. pyrãgininkas ‚Konditor, Kuchenbäcker‘. Diese Bezeichnung ist im Wörterbuch von Jonas Henrikas Kunmanas belegt (das wir Krauses Wörterbuch nennen); F. Kurschat hatte sie ebenfalls in sein Wörterbuch aufgenommen, und sie wird auch in der Bibel von Bretkūnas erwähnt, verwendet

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Zweisprachige Wörterbücher als Kulturtexte (auf der Grundlage der Wörterbücher des Priesters Antanas Juška aus dem 19. Jahrhundert)

in den Dialekten: im ostaukštaitischen Panevėžys-Dialekt (in Grūžiai, Bezirk Pasvalys) und im südsamogitischen Raseiniai-Dialekt (bei Tauragė).

SOZIALER STATUS (DICHOTOME TEILUNG DER GEMEINSCHAFT IN HERREN, ADELSLEUTE UND BAUERN)

Eine sehr umfangreiche Gruppe von Bezeichnungen im Litauischen hat das Grundwort bajoras, z. B.: ie. bájoras, –rė (L₁ I 2, L₁ II 3, J I 183) „privilegierter Grundbesitzer, ursprünglich mittlerer Gutsbesitzer; Person privilegierter Herkunft, ein šiekta: Ich bin aus Laudes³ ein Bajoras, und du bist karčiuotas⁴. Atsky das muikas nu bajoru, d. h. ausgesondert. Sie ist von Geburt an Bajorė und nach der Heirat weiterhin Bajorė“ (J I 183–184). Die Konnotation dieses Wortes im Litauischen des 19. Jahrhunderts ist neutral, positiv. Daher kann man ein Gleichheitszeichen setzen: = polnische Äquivalente bójar „Bajoras“, szlachcic „Bajoras“. Im Manuskript hatte A. Juška rycerz „Ritter“ (L₁ I 2), bohatyr „Held“ (L₁ II 3) eingetragen. In der gedruckten Fassung steht jedoch nur szlachcic (J I 184); Ie. bajorâtė = poln. „dama lub panna z rodu szlacheckiego, córka szlachcica / Dame oder Fräulein aus adligem Geschlecht, Tochter eines Adeligen“ (J I 183); Ie. bajorùkas = poln. 1. diminutive Bezeichnung für „(kleinen) Sohn eines Adeligen“; 2. „biedny szlachcic (armer Adeliger)“; 3. (mit mitleidigem Beiklang) „szlachcina (ärmlicher Adeliger)“ (L₁ III 4); in der gedruckten Fassung: syn szlachcica; biedny szlachcic; szlachcina (J I 184); die zweite und dritte Bedeutung sind im LKŽe nicht verzeichnet; Ie. bajóvedis: Bajorėdis ist der Anführer der Bajorai (J I 184) „prywódca bojarów (Anführer der Bajorai)“ ~ poln. dial. marszałek „Anführer, Zeremonienmeister; höchster französischer Militärdienstgrad zur Zeit Napoleons I. und III.; Ältester; ranghöchster Teilnehmer einer Hochzeit u. a.“ (Pol I 443). Das LKŽ verzeichnet für maršalka den Status einer leitenden Person: 1. „eine im Verwaltungsapparat eines Feudalstaates tätige, leitende Person; Anführer der Adligen; 2. ‚Person, die Feierlichkeiten leitet‘; 3. ‚Heiratsvermittler‘; 4. ‚Teilnehmer des Hochzeitszuges‘. Marsalek (vgl. mittelhochdeutsch marschalk „Diener der königlichen Familie“) ist ein historischer Begriff: „im 15.–17. Jahrhundert erster Minister, Staatsbeamter,“

Liudė ist die Bezeichnung einer historischen Region mit Adelsdörfern am rechten Ufer des Nevėžis, die sich vor allem im Abschnitt Pociūnėliai–Dotnuva befinden. Über die litauischen Adligen liefern die Akten des Landgerichts Raseiniai vom Ende des 16. Jahrhunderts sowie Kaufverträge und andere Dokumente zahlreiche Informationen (LE XIV 501–502).

Karčiuotas „schäbig, mit ungepflegtem Haar“.

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mit weitreichenden Befugnissen. A. Juška gibt ihm nicht die Bezeichnung einer Funktion als Staatsbeamter, wie sie der Marschall im Sejm der Republik beider Nationen ausübte; vermutlich meinte er jedoch die Eignung eines auf Adelsversammlungen gewählten Marschalls. Der Marschall leitete die Tätigkeit verschiedener Arten von Seimeliks. Diese Bezeichnung ist jedoch nicht gleichbedeutend mit dem litauischen Äquivalent, das ein Kompositum ist, da die polnische Bezeichnung ein geschichts- und rechtswissenschaftlicher Begriff ist;

lit. didikas = poln. mocarz, pan (wielki) „Machthaber, Herr (groß)“ (L D I 18), (J I 321). Es ist zu beachten, dass A. Juška, obwohl ihm zahlreiche polnische Lexeme zur Auswahl standen, die einen Menschen in hoher finanzieller und sozialer Stellung bezeichnen (wielmoża, możnowładca, arystokrata, magnat, właściciel ziemski), eine axiologisch (wertbezogen) bedeutsame Bezeichnung verwendet: pan, ergänzt durch das einzige Epitheton wielki (groß). Zu didiko gehört das Synonym didžulis „pysny, pychle, dumca (stolz, hochmütig, überheblich)“: Kurs didžiuojas, tas didžulis (J I 322), kryvis „altlitauischer Geistlicher, Priester“, galūnas „Machthaber, Großfürst“, wobei Letzteres in dieser Bedeutung von Antanas Baranauskas und Konstantinas Sirvydas verwendet wurde;

lit. didikas bedeutet im Litauischen eine Person von hoher Herkunft; vgl. die Ableitungen lit. didūne, poln. zbior wielkich (panów), arystokracya (Versammlung der Großherren): Čė didūne, o tenajs visūme susirinko (L D I 18), (J I 321); państwo, zbior wielkich panów (Adelsstand, Versammlung der Großherren) (L D II 46).

RELIGIOSITÄT, GLAUBENSVORSTELLUNGEN, BRÄUCHE

Lit. dievameldis = poln. bogomolca (P Ł 4v), arch. bogomólca (zweite Hälfte des 16. Jh.); dievameldis wurde in das Wörterbuch von Dominikas Sutkevičius aufgenommen (Sut), während die Variante dievomeldis ‚fromm‘ im Wörterbuch von K. Sirvydas zu finden ist. Im Wörterbuch von L. Ivinskis ist bogomolca eingetragen und mit Duodas malda Diewuj erklärt; Synonym dievameldis, -džia (I 20);

lit. dievargingas ‚fromm‘ = poln. chwalibog (fromm) (L D I 16), in den polnischen Dialekten (südliches Kleinpolen) wird chwalibóg in einer anderen Bedeutung verwendet: ‚jemand, der sich gern verteidigt, ein Prahlhans‘ (SGP PAN IV 152); dievargingas ist den Angaben des LKŽ zufolge mit dieser Bedeutung im handschriftlichen Wörterverzeichnis von Silvestras Gimžauskas (um 1879–1881) belegt;

lit. maldininkas ‚jemand, der fromm ist und viel betet‘ ~ poln. nabożniś (L M II 8v): Kurs nuolat meldžias, tas maldininkas. Die litauische Form ist neutral, die polnische Wendung wird ironisch verwendet und bezeichnet einen übermäßig frommen Menschen, der sich seiner Religiosität sehr rühmt;

nabożniś ‚fromm‘; so wird świętoszek (dewotka), dewot (dewotka), bigot (dewotka) bezeichnet. Die litauischen Entsprechungen sind abwertend konnotiert und bedeuten ‚ein übertrieben frommer Mensch (meist eine Frau)‘.

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVI

Zweisprachige Wörterbücher als Kulturtexte (auf der Grundlage der Wörterbücher des Geistlichen Antanas Juška aus dem 19. Jahrhundert)

Im Wörterbuch von A. Juška wird der Mensch als fromm beschrieben, wenn auch nicht als übermäßig viel betend; zugleich ist ihm der Glaube an eine geistige Welt und an die Existenz von Teufeln nicht fremd, denn das Wörterbuch enthält Wörter wie etwa:

lit. ãjt̄aras // ãjč̄aras = poln. ajtwar = latawiec ~ zły duch ‚böser Geist‘ (Lₐ I 3, Lₐ II 6, Lₐ II 4, J I 6).

Auch im Wörterbuch von L. Ivinskis ist ãjt̄aras – Latawiec aufgenommen: ‚ein den Menschen nicht sichtbares sagenhaftes Wesen‘ (I 131). In der litauischen und baltischen Mythologie ist der aitvaras ein Wesen, das materielle Güter herbeibringt. Manchmal gilt es als gutes, manchmal als böses Wesen. Es handelt heimlich und auf ungewöhnliche Weise. Häufig ahnt ein Mensch nicht einmal, dass er einen aitvaras besitzt. Er beschützt gute, von anderen bedrängte, nicht habgierige Menschen und bringt ihnen allerlei Reichtum. Man glaubt, dass die vom aitvaras herbeigeschafften Schätze nichts Gutes verheißen. Er wird als Hahn, Feuerschlange, Ringelnatter, Wirbelwind, feuriger oder schwarzer Vogel oder als Feuerbrand dargestellt (Džigol 2004: 17).

Im Wörterbuch von A. Juška finden sich folgende Belegsätze: Aitvaras drieksi kad su pinigais, tai ugninas. Aičūras kaip pilas – mėlynas, kaip dykas – šviesus menga, t. y. leka (J I 6).

Die litauischen Formen ãit(i)varas, ãič̄aras, eit(i)varas (Fraenkel I 4) oder ihre dialektalen Entsprechungen bezeichnen in Nordostpolen einen Hausgeist, der Geld bringt, das zuvor einem anderen Hausherrn entwendet wurde, wenn die Sterne fallen: dort. ajtwaras (SGP PAN I 63), ajwar (SGP PAN I 60), atwor (SGP PAN I 182).

In der Umgebung von Panevėžys zeichnete Helena Šeikovska 1926 die Information auf, dass ajtwaras ‚die Bezeichnung für den Teufel‘ bedeutet: Aitvaras, tai toks velnias, kas jam siela parduos, tas visą gyvenimą turės pinų, pieno, sūrio, sviesto, o kam greitai dingsta (...), das heißt: aitvaras iš jo viską ima, o kitam duoda⁵.

Das polnische Gegenstück latawiec bedeutet in Pommern und Masowien seinerseits ‚Hausdämon, der tagsüber … soll‘; er wird als fliegende Feuersäule, Fleck, Kugel mit langem Flammenschweif, Feuervogel, Schlange oder Drache dargestellt. In Südpolen bezeichnet das Wort hingegen den Geist eines ungetauften Kindes, der dämonischer Natur ist, Schaden anrichtet und die Gestalt eines Vogels hat (Džigol 2004: 17).

Die Bedeutung der litauischen Form ajtwar und des polnischen latawiec ist ähnlich; das bedeutet, dass die damaligen Bewohner Litauens sich eine gemeinsame Vorstellung von häuslichen dämonischen Wesen zu eigen machten (was noch durch umfassendere Untersuchungen belegt werden müsste) und vielleicht sogar die Art der Weltkonzeptualisierung der anderen übernahmen.

⁵ „Aus dem Kreis Poniewiez stammt folgende, 1926 von Helena Szeikowska aufgezeichnete Information, dass ajtwaras eine ‚Bezeichnung für den Teufel‘ sei: ajtwaras to taki d’ abł, któremuś sprzeda, to on psa ca życ’a nos’i pieniązy, m’leka, syru, masła, i akkumuzafśyk’im naspna [prędko wychodzi mle’cүwa, to znaczy: ajtwaras od niego odbiera, a drugiemu daji“ (Nitsch 1968: 368, SGP PAN I 63, Dżigol 2004: 26–27). Übersetzung von Vilija Sakalauskienė.

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VILIJA SAKALAUSKIENĖ, ZOFIA SAWANIEWSKA-MOCHOWA

SCHLUSSFOLGERUNGEN

Bislang ist noch keine vollständige Analyse des sprachlichen Materials aus den zweisprachigen Wörterbüchern von A. Juška aus dem 19. Jahrhundert vorgenommen worden, in dem sich die Konzeptualisierung des MENSCHENBILDES in der gesprochenen litauischen Sprache und in der polnischen Sprachvarietät widerspiegelt, die wir als Soziolekt des Kleinadels von Kaunas bezeichnen. In diesem Artikel wurden Verbformen der litauischen und polnischen Sprache untersucht. Dies ist zweifellos ein sehr umfangreicher Teil des Wörterbuchs, der ein umfassendes Bild des Menschen anhand seiner Tätigkeiten sowie seines physischen und psychischen Zustands vermittelt.

Nach dieser ersten vergleichenden Analyse gelangten wir zu mehreren Erkenntnissen, die für Ethnolinguisten, die sich für zweisprachige Wörterbücher interessieren, relevant sind:

1. Betrachtet man die Tätigkeit des Menschen (die sich besonders von den in dem jeweiligen Land geltenden Normen unterscheidet), lässt sich von einer Asymmetrie zwischen den im Wörterbuch des 19. Jahrhunderts erfassten litauischen und polnischen Sprachformen sprechen. Die im Wörterbuch verwendeten litauischen sprachlichen Einheiten sind so bedeutungsvoll und beschreiben und bewerten den Menschen und seine Umwelt so detailliert, dass es im Polnischen keine adäquaten einwortigen Entsprechungen gibt.

2. Um die semantische Vielfalt der litauischen Bezeichnungen zu bewahren, versucht A. Juška, diese Mängel durch Beschreibungen auszugleichen. Es sei darauf hingewiesen, dass in der Makrostruktur des Wörterbuchs von A. Juška auch Polonismen auftreten; dies ist jedoch eine andere Frage, auf die vielleicht künftig eine Antwort gesucht wird.

Dennoch lassen sich keine kategorischen Schlussfolgerungen über das Bestehen einer klaren Dichotomie des Weltbildes in der litauischen und polnischen Sprache der damaligen Einwohner Litauens ziehen. Bei der Interpretation der umgebenden Welt gibt es zahlreiche Konvergenzen. Der hier behandelte, der bäuerlichen Weltanschauung nahestehende Stil der Konzeptualisierung der Realität zeigt sich im zweisprachigen Wörterbuch darin, dass den litauischen Termini und Bezeichnungen der lebendigen Sprache äquivalente polnische Dialektismen und Archaismen entsprechen, die im polnischen Soziolekt des Kleinadels erhalten geblieben sind. Im Material beider Sprachen tritt die Verwendung von Bezeichnungen deutlich hervor, die stilistisch sowohl neutral als auch expressiv, mitunter sogar eindeutig und ohne Umschweife sind.

ZEICHENERKLÄRUNG

Bei der Beschreibung der verglichenen Einheiten der litauischen und polnischen Sprache werden folgende Symbole verwendet:

= vollständige Äquivalenz,

~ annähernde Äquivalenz,

Ø Fehlen einer Äquivalenz.

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVI

Zweisprachige Wörterbücher als Kulturtexte

(auf der Grundlage der Wörterbücher des Pfarrers Antanas Juška aus dem 19. Jahrhundert)

ŠALTINIAI

I – Lauryno Ivinskio lenkų–lietuvių kalbų žodynas, par. Ona Kažukauskaitė. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2010.

J – Литовскій словарь А. Юшкевича съ толкованіемъ словъ на русскомъ польскомъ языкѣ, том 1, вып. 1, Санктпетербург 1897; вып. 2, Санктпетербург 1904; вып. 3 (тома II-го вып. 1). Петроград, 1922.

K – Litauisch-deutsches Wörterbuch von Fridrich Kurschat. Halle a. S. 1883.

L – Słownik litewsko-polski (Lietuvių–lenkų kalbos žodynas). Juška Antanas, sygn. od F1–2163 do F1–2174.

L II – Słownik litewsko-polski A. Juskiewicza, druga redakcja haseł na M, rękopis w zbiorach LTIMBR, sygn. F1–2175, 74 arkusze in folio.

LE – Lietuvių enciklopedija 14, red. Juozas Girnius. Boston: Lietuvių enciklopedijos leidykla, 1958.

LKŽe – Lietuvių kalbos žodynas 1–20, 1941–2002, elektroninis variantas, red. kolegija: Gertrūda Naktinienė (vyr. redaktorė), Jonas Paulauskas, Ritūtė Petrokienė, Vytautas Vitkauskas, Jolanta Zabarskaitė. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2005; atnaujinta versija, 2008. Prieiga internete: www.lkz.lt.

LTIMBR – Lietuvių literatūros ir tautosakos instituto mokslinės bibliotekos rankraštis.

PL – A. Juška, Słownik Polsko-Litewski A–Z (Lenkų–lietuvių kalbos žodynas), rękopis w zbiorach LTIMBR, sygn. F1–2178, 137 kart.

PolŽ I – Kregždys Rolandas 2016: Lietuvių kalbos polonizmų žodynas 1. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas.

RD – Ludo Rezos dainos. Pirmojo lietuviško dainyno II leidimas. M. Biržiškos spaudai parengta. I ir II dalis. Kaunas, 1935, 1937.

SG PAN – Słownik gwar polskich, 1977–2015, Źródła, t. I, red. M. Karaś, J. Reichan, t. II–V, red. J. Reichan, S. Urbańczyk, t. VI, red. J. Okoniowa, J. Reichan, t. VII i VIII, z. 1, red. J. Okoniowa, J. Reichan, B. Grabka, t. VIII, z. 2–4, t. IX, z. 1, red. J. Okoniowa; t. IX, z. 2, red. R. Kucharzyk; t. I–II, Wrocław: Zakład Narodowy im. Ossolińskich, 1997–1991, t. IV–IX. Kraków: Instytut Języka Polskiego PAN, 1992–2015.

Sirvydas – Pirmasis lietuvių kalbos žodynas. Konstantinas Sirvydas, Dictionarium trium linguarum, par. Kazys Pakalka. Vilnius: Mokslas, 1979.

St – Słownik Litewsko-Żmudzko-Polski, ułożony przez Księdza Dominika Sutkiewicza [...] Datur Rossiensis 1835, rękopis.

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VILIJA SAKALAUSKIENĖ, ZOFIA SAWANIEWSKA-MOCHOWA

Swil – Słownik języka polskiego [tzw. Słownik wileński], I. A–O; II. P–Z. Wilno: Wydany staraniem i kosztem Maurycego Orgelbranda, 1861.

LITERATŪRA

Bartmiński Jerzy, Niebrzegowska-Bartmińska Stanisława 2009: Tekstologia. Warszawa: Wydawnictwo Naukowe PWN.

Chlebda Wojciech 1993: Słownik a „dwuczłonowe” postrzeganie świata. – O definicjach i definiowaniu, red. J. Bartmiński, R. Tokarski. Lublin: Wydawnictwo UMCS, 195–205.

Chlebda Wojciech 2010: W jakim zakresie słownik dwujęzyczny może być źródłem informacji etnolingwistycznej. – Etnolingwistyka i leksykografia. Tom poświęcony Profesorowi Jerzemu Bartmińskiemu, red. naukowa W. Chlebda. Opole: Wydawnictwo Uniwersytetu Opolskiego, 201–208.

de Courtenay Baudouin, Niecislaw Jan 1880: Ksiądz Antoni Juszkiewicz. – Nowiny (przed nr. 329), 2–4. Przedruk: J. N. Baudouin de Courtenay 1983: Dzieła wybrane 6, red. Z. Jakubowski, J. Kulczycka-Saloni. Warszawa: Państwowe Wydawnictwo Naukowe, 35–39.

Dźwigł Renata 2004: Polskie ludowe słownictwo mitologiczne. Kraków: Wydawnictwo Naukowe Akademii Pedagogicznej.

Fraenkel I–II – Fraenkel Ernst 1962–1965: Litauisches etymologisches Wörterbuch. Heidelberg: Winter.

Kalvaitis Vilius 1905: Prusijos Lietuvių Dainos. Surinko [...] Vilius Kalvaitis. Tilžė.

Kemėnski Andrej Maria 1993: Słownik mitologii ludów indoeuropejskich. Warszawa: Kantor Wydawniczy SAW.

Leskien August, Brugmann Karl 1882: Litauische Volkslieder und Märchen aus dem preussischen und dem russischen Litauen. Strasburg: K. J. Trübner.

Miseviča-Triliča Renata 2012: Lauku dzīves atainojums Antana Juškas latviešu–lietuviešu–poļu vārdnīcā. – Balu filoloģija 21(2), 43–62

Miseviča-Triliča Renata 2013: Poļu ekvivalenti Antana Juškas latviešu–lietuviešu–poļu manuskriptā. – Vārds un tā pētišanas aspekti 17(1), 162–171.

Nitsch Kazimierz 1968: Wybór polskich tekstów gwarowych, red. Z. Stamirowska. Warszawa: Państwowe Wydawnictwo Naukowe.

Ruhig Philipp 1747: Littauisch–Deutsches und Deutsch–Littauisches Lexicon. Königsberg.

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVI

Dvikalbiai žodynai kaip kultūros tekstai (XIX a. kun. Antano Juškos žodynų pagrindu)

Sawaniewska-Mochowa Zofia 2002: Ze studiów nad socjolektem drobnej szlachty kobieńskiej XIX wieku (na postawie słowników przekładowych Antoniego Juszkiewicza). Bydgoszcz: Wydawnictwo Akademii Bydgoskiej im. Kazimierza Wielkiego.

Sawaniewska-Mochowa Zofia 2014: Lietuviški XIX amžiaus verstiniai žodynai – regioninės lenkų kalbos tyrimų šaltiniai. – Lekiskografija ir leksikologija 4, 123–138.

Schleicher August 1857: Litauisches Lesebuch und Glossar. Prag: J. G. Calve’sche Verlagsbuchhandlung.

Tolutienė Birutė 1961: Antanas Juška leksikografas. – Literatūra ir kalba 5, 87–377.

Translational Dictionaries as Texts of Culture (On the Example of the Nineteenth-Century Dictionaries by Rev. Antanas Juška)

SUMMARY

The analysis in this article concentrates on the nineteenth century Polish-Lithuanian and Lithuanian-Polish translational dictionaries by Rev. Antanas Juška, which we interpret as a kind of texts of culture. These types of sources provide valuable ethnolinguistic information for both Lithuanians and researchers of the Polish language. For ethnolinguists bilingual dictionary is a place of coexistence of two visions of the world: individual – the perspective of lexicographer, and collective – the perspective of collective entities/ linguistic-cultural communities.

Taking into account the view that the translational dictionaries form the textual genre and narration about the world, we strive to find answers to two questions:

1. To what extent could the Lithuanian and Polish vocabulary, contained in the macro- and microstructures of these dictionaries, reconstruct a common mentality of the then inhabitants of Lithuania?

2. To what extent does the material disclosed in the dictionaries indicate image of the world of the lexicographer himself and, at the same time, present the distinct visions of the world embraced by Lithuanians and Poles, that are expressed by the other pragmatic and stylistic means, and cultural patterns?

We can interpret more accurately those Lithuanian and Polish components in the structure of the dictionaries by Rev. Juška, that reflect conceptualization of HUMAN BEING

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VILIJA SAKALAUSKIENĖ, ZOFIA SAWANIEWSKA-MOCHOWA

with reference to his/her physicality, psyche and mentality, express of emotions, relation to other/alien, practicing religion and rituals.

Įteikta 2017 m. balandžio 4 d.

VILIJA SAKALAUSKIENĖ

Lietuvių kalbos institutas

Petro Vileišio g. 5, LT–10308 Vilnius, Lietuva

[email protected]

ZOFIA SAWANIEWSKA-MOCHOWA

Institute of Slavic Studies, Polish Academy of Sciences

J. Bartoszewicza g. 1B/17, 00-337 Warszawa, Polska

[email protected]

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVI

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