ZU DEN URSPRÜNGEN DER HERKUNFT DES OIKONYMS GINŪČIAI
Über den Ursprung des Oikonyms Ginūčiai
ABSTRACT
Der Beitrag behandelt die Entwicklung und Herkunft des Namens des Dorfes Ginūčiai in der Gemeinde Ignalina. Diese Siedlung entstand neben einem Burghügel, auf dem vermutlich die Burg Linkmenys stand, die in historischen Quellen erstmals 1373 erwähnt wird. Daher wurde die Bildung des Oikonyms in einigen früheren Arbeiten mit der Verteidigung der Burg in Verbindung gebracht und dieser Ortsname vom litauischen ginti(s) „jemanden nach einem Angriff befreien; einen Angriff abwehren“ abgeleitet.
Auf Grundlage der Analyse der Aufzeichnungen des Siedlungsnamens in historischen Quellen aus dem 16. bis 20. Jahrhundert wird seine frühere Form *Ginutėnai rekonstruiert, die erstmals 1554 erwähnt wurde und bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts in Gebrauch war. Es wird festgestellt, dass aus der lebendigen Sprache nur die heutige Variante Ginūčiai aufgezeichnet wurde, die in historischen Dokumenten seit der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts belegt ist. Seit dieser Zeit wurden beide Formen abwechselnd verwendet, bis sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Oikonym ohne das Suffix -ėnai durchsetzte.
Die ursprüngliche Form *Ginutėnai wird vom patronymischen Personennamen *Ginutėnas abgeleitet; dessen Möglichkeit wird durch den bis heute erhaltenen Familiennamen Ginutis sowie durch die historischen Anthroponyme Piotr Ginutis, Iasiul Ginuaytis, Ginnute, Ginnuttis, Ginutatis bestätigt. Da betont wird, dass diese Personennamen mindestens seit der Mitte des 16. Jahrhunderts im Dorf Ginūčiai oder in der näheren Umgebung nicht belegt sind, wird angenommen, dass sie dort früher vorhanden gewesen sein könnten. Das Auftreten der späteren Oikonymform Ginūčiai wird mit der in Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts, vor allem in Kirchenmatrikeln, beobachteten wechselnden Verwendung von Siedlungsnamen mit dem Suffix -ėnai und ohne dieses in Verbindung gebracht.
SCHLÜSSELWÖRTER: Entwicklung der Oikonyme, Herkunft der Oikonyme, Bildung von Ortsnamen mit dem Suffix -ėnai, Dorfname Ginūčiai, Personennamen mit dem Stamm Ginut-.
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ABSTRACT
Der Beitrag untersucht die Entwicklung und Herkunft des Namens des Dorfes Ginučiai in der Gemeindeverwaltung Ignalina. Es liegt nahe dem Burghügel, auf dem vermutlich die Burg Linkmenys stand, die erstmals in historischen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1373 dokumentiert ist. Die Geschichte der Siedlung ist daher mit dieser Festung verflochten. Folglich haben einige frühere Untersuchungen die Bildung des Oikonyms mit dem Verteidigungscharakter der Burg verbunden und vorgeschlagen, dass es vom litauischen gìnti(s) „jemanden oder etwas vor einem Angriff retten; einen Angriff abwehren“ stammt.
Auf Grundlage der Analyse historischer Quellen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert lässt sich die frühere Form des Oikonyms als *Ginutėnai rekonstruieren; sie ist erstmals 1554 belegt und blieb bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts in Gebrauch. Es wird geschlossen, dass die Variante Ginučiai, die seit der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in historischen Dokumenten erscheint, im allgemeinen Sprachgebrauch vorherrschte. Anschließend wurden beide Formen wechselweise verwendet, bis sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Form ohne das Suffix -ėnai durchsetzte.
Die ursprüngliche Form *Ginutėnai ist vom patronymischen Personennamen *Ginutėnas abgeleitet, dessen Wahrscheinlichkeit durch den erhaltenen Familiennamen Ginùtis und die historischen Anthroponyme Piotr Ginutis, Iasiul Ginutaytis, Ginnute, Ginnuttis, und Ginutatis bestätigt wird. Diese Namen sind seit mindestens der Mitte des 16. Jahrhunderts im Dorf Ginučiai oder in dessen Umgebung belegt, was auf eine frühere Präsenz in diesem Gebiet schließen lässt. Das Auftreten der späteren Oikonymform Ginučiai wird mit der in Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts, insbesondere in Kirchenbüchern, belegten wechselweisen Verwendung von Oikonymen mit oder ohne das Suffix -ėnai verbunden.
SCHLÜSSELWÖRTER: Entwicklung der Oikonyme, Herkunft der Oikonyme, Bildung von Toponymen mit dem Suffix -ėnai, Dorfname Ginučiai, Personennamen mit dem Stamm Ginut-.
1. EINLEITUNG
Das in Ostlitauen, im Zentrum des Nationalparks Aukštaitija, gelegene Dorf Ginučiai und sein Name haben nicht nur das Interesse von Historikern, Sprach- und Landeskundlern geweckt. Besonders faszinierte sie die außergewöhnliche geografische Lage der Siedlung. Ginučiai liegt nur 1 km vom berühmten Burghügel Ginučiai¹ entfernt, auf dem vermutlich die Burg Linkmenys stand, die erstmals 1373 in der Livländischen Chronik von Hermann Wartberge erwähnt wurde (SRP II 103; siehe auch Buga I 262; Batura 1966: 34; Tyla 1966:
¹ Der Burghügel von Ginučiai wird in der lebendigen Sprache der örtlichen Bevölkerung Pìliakalnis genannt. Dieses Oronym wurde 1935 bei den Einwohnern des Dorfes Pàpiliakalnė aufgezeichnet (siehe LVvGDB); auch in den Arbeiten anderer Forscher ist es aus der lebendigen Sprache belegt (siehe Erm antytė, Eigminas 1966: 234; Rimantienė 1966: 17; Vaitkevičius 2006: 335).
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24–25; Steponavičienė 31²; LK 198–199; Baranauskas 2003: 83; Garli auskas 2004: 47–48³. Wahrscheinlich wurde aufgrund dieser Verwandtschaft von Dorf und Burghügel wiederholt die Auffassung vertreten, dass die Herkunft des Dorfnamens möglicherweise mit der Verteidigung der Burg Linkmenys zusammenhängt. Daher kann das Oikonym Ginūčiai vom litauischen Appellativum ginti „jemanden nach einem Angriff befreien; einen Angriff abwehren“ stammen (Matkevičius 2019: 357; Žilėnas 2019: 595). Diese Herkunftsmöglichkeit wird durch die geografische Lage des Dorfes begründet: Es liegt an einer Seenenge, an einem Bach, über den der Weg aus dem Norden zur Burg Linkmenys führte. Daher könnte sich an dieser Stelle eine aus gefällten Bäumen errichtete Sperre befunden haben, die das Burggelände vor einem unerwarteten Angriff der Feinde schützte⁴ (Batūra 1966: 39). Ein Zusammenhang mit dem litauischen ginti ist offenbar auch dann anzunehmen, wenn dieser Dorfname als Ableitung mit dem Suffix –ut– gilt, obwohl das genannte Appellativum nicht ausdrücklich als Basiswort angegeben wird (Ermanytė, Eigminas 1966: 231). Andererseits gibt es Arbeiten, in denen das Oikonym Ginūčiai als vom Personennamen Ginūtis stammend betrachtet wird (LVŽ III 188; LVvGDB). Somit gibt es Gründe, die Untersuchung der Herkunft des Ortsnamens fortzusetzen und zu vertiefen.
Ziel dieses Beitrags ist es, auf der Grundlage ausführlicher sprachlicher und historischer Daten eine möglichst zuverlässige Erklärung für die Herkunft des Dorfnamens zu ermitteln und vorzulegen. Zu diesem Zweck sollen die historischen Aufzeichnungen dieses Oikonyms erfasst und analysiert, seine aus der lebendigen Sprache dokumentierten Formen aufgezeigt und die Bildungs- und Herkunftsmöglichkeiten der historischen und heutigen Namensvarianten unter Berücksichtigung des weiteren Kontextes der litauischen bzw. baltischen Toponymie erörtert werden. Darüber hinaus wird versucht zu klären, ob unmittelbare Beziehungen zwischen dem Ortsnamen und historischen Personennamen derselben Wurzel bestanden. Bei der Bewertung beider Herkunftshypothesen werden auch die Tendenzen der Herkunft und Bildung von Ortsnamen in ganz Litauen und in dem betreffenden Gebiet sowie die Bildungstendenzen der Appellativa berücksichtigt.
Die Untersuchungen zur Herkunft von Oikonymen stehen in engem Zusammenhang mit ihren Entwicklungseigenschaften und mit der Entwicklung der benannten Siedlungen. Daher bemühen sich Arbeiten dieser Art meist, möglichst vollständige Angaben zur Geschichte der Aufzeichnung von Siedlungsnamen in historischen Quellen vorzulegen. Diese können für die Bestimmung der tatsächlichen Herkunft entscheidend sein, da ältere, historische Ortsnamenformen von den heutigen abweichen können. Aus diesem Grund stützen sich Untersuchungen zur Herkunft der Oikonymie verschiedener Sprachen auf chronologisch angeführte historische Ortsnamenformen (vgl. Przybytek 1993; Vanagas 1996; Blažienė 2000, 2005; Bijak 2001: 16–250; Wójcik 2001: 17–192; Casemir
² Die Arbeit wurde nicht veröffentlicht; der genaue Zeitpunkt ihrer Anfertigung ist unbekannt.
³ Obwohl die Lokalisierung der in frühen historischen Quellen erwähnten litauischen Burgen oft schwierig ist und Anlass zu zahlreichen Diskussionen gibt (vgl. Jurgaitis 2005: 63–80), wurden offenbar keine anderen Ansichten zum festgestellten Standort der Burg Linkmenys geäußert.
⁴ Es sei auch darauf hingewiesen, dass eine Volkssage den Dorfnamen mit der Verteidigung in alter Zeit verbindet: Früher, wenn Kriege waren und man mit Schilden und Pfeilen kämpfte, war hier ein Verteidigungsort. Daher entstand die Bezeichnung „Ginūčiai“ für das Dorf.
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2003: 37–369; Bilkis 2012; Wenzel 2017: 25–202; Zschieschang 2017: 60–145). Außerdem wird die Analyse von Oikonymen häufig nicht nur unter Berücksichtigung linguistischer, sondern auch historischer Forschungsdaten durchgeführt, die zusätzliche wertvolle Informationen über die Herkunft und Lokalisierung von Ortsnamen liefern können (vgl. Ivoška 2016: 208–225). Daher wird bei der Klärung der Herkunft des Oikonyms Ginučiai versucht, auch den Zeitraum der ersten Erwähnung des Ortes in historischen Quellen zu bestimmen, den historischen Kontext seiner späteren Belege zu erschließen und die in den Quellen aufgezeichneten Bezeichnungen der Dorfbewohner zu überblicken. Die litauischen Formen des Siedlungsnamens werden rekonstruiert, indem die ermittelten historischen Formen mit den Besonderheiten der Aufzeichnungen anderer litauischer Oikonyme in Dokumenten ähnlicher Zeitstellung und Art verglichen werden. Bei der Bestimmung, welcher litauische Gegenpart durch den jeweiligen nichtlitauischen Eintrag wiedergegeben wird, stützt man sich auf zahlreiche analoge Wiedergaben dieses Gegenparts, die in der historischen litauischen Oikonymie belegt sind.
2. OIKONIMO ISTORINIAI UŽRAŠYMAI IR GYVOSIOS KALBOS FORMOS
Das Dorf Ginučiai wird erstmals im Inventar des Amtsbezirks Linkmenys aus dem Jahr 1554 erwähnt (LI 97–98; siehe auch Tyla 1966: 25, 32; Matkevičius 2019: 357). In dem auf Polnisch verfassten Dokument wird die Siedlung Siolo Giniutańcie erwähnt, die anderthalb Meilen vom Gut Linkmenys entfernt liegt; ebenfalls aufgezeichnet ist, vermutlich im Genitiv, die Form za siołem Giniutańcow. Einmal ist eine etwas andere grafische Variante belegt: za tą wsią wyżej mianowaną Giniutancze. Dass es sich tatsächlich um das heutige Dorf Ginučiai handelt, zeigt auch die Übereinstimmung der Lage der zugehörigen Ländereien mit dem heutigen Gebiet von Ginučiai: Die Ländereien grenzten an die Seen Strovinaitis (od jeziora Strawińcia), Almajas (od jeziora Olnia), Ašėkas (miedzy jeziorem Osakiem), Ukōjas (ku jezioru Ukaju), Linkmenas (od jeziora Lyngmianskiego), an den Fluss Srovė (od rzeczki Strawiny, rzecz̨ką Strawiną) und an den Burghügel (ku horodziszcz̨u). Ferner wird angegeben, dass damals drei Familien im Dorf lebten: Stas Pietraszkiewicz z Maciulem Jakubowicz(em), Matel Piktewicz przysiężny⁵ z Piotrem bratem, Staniel Maciejewicz z Hryczem bratem (LI 98). Die Siedlung wird auch zweimal im Inventar des Gutes Linkmenys von 1636 erwähnt, das damals zur Vilniusser Tijūnija gehörte: Bei der Beschreibung der zum Gut gehörenden Siedlungen ist Siolo Giniutany und die Bewohner Waluk Rozmian, Piotr Staszen, Sciepan Woyszkun, Paweł Szerzan, Pawel Minat, Piotr Szerzan, Stanisław Minat, Ian karwel, Vrban Szauhozda⁶, Petruc Gą̌żac, Vrban Kisiel, Jurko Stakun, Adam Stasun (VTL 23) verzeichnet (siehe auch Abbildung 1).
⁵ Das heißt: vereidigter Amtsträger.
⁶ Der Personenname ist schwer zu lesen; daher sind andere Varianten möglich.
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1 ABB. Fragment des Inventars der Vilniusser Tijūnija von 1636, in dem das Dorf Ginutėnai (Siolo Ginutany) und seine Bewohner verzeichnet sind. VUBRS, F1–F14
In derselben Quelle findet sich bei der Aufzählung der Einöden des Dorfes Ginučiai eine etwas andere Genitivform des Oikonyms: od Siola Ginutow (VTI₁ 24). Das Dorf (Wies Ginutany) wird auch in der ähnlich gearteten Beschreibung des Gutes Linkmenys aus dem Jahr 1732 erwähnt; darin werden vier Höfe (Dymy) angegeben, deren Oberhäupter als krzysztof Gayzuc, Iozef Narkun, Piotr Giągis, Mikal Rukas bezeichnet werden (VTI₂ 5) (siehe auch Abbildung 2).
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ABB. 2. Fragment des Inventars der Vilniusser Tijūnija von 1732, in dem das Dorf Ginutėnai (Wies Ginutany) und seine Höfe und Bewohner verzeichnet sind. VUBRS, F1–F92
Das Dorf wird besonders häufig in den Kirchenmatrikelbüchern von Linkmenys aus dem 18. Jahrhundert erwähnt: de Ginutany 1708 (LkmKr₁ 3), 1713 (LkmKr₁ 13), 1714 (LkmKr₁ 20), 1716 (LkmKr₁ 27), 1719 (LkmKr₁ 35), de villa Ginutany 1725 (LkmKr₁ 61), de villa Ginutani 1726 (LkmKr₁ 61), ex villa ginuťzen 1729 (LkmKr₁ 72), de Villa Ginteny 1731 (LkmKr₁ 79), de Vila ginuty 1734 (LkmKr₁ 86), de Ginutany 1740 (LkmKr₂ 3), de Ginutany 1741 (LkmKr₂ 5), de Ginuciey 1741 (LkmKr₂ 8), 1742 (LkmJₙ₂ 4; LkmKr₂ 10), 1743 (LkmKr₂ 14), de Villa Ginutény 1743 (LkmKr₂ 16), de Villa Gintieny 1743 (LkmJₙ₂ 7), de Villa Ginutany, de Villa Ginutény 1744 (LkmKr₂ 18), de Villa Ginutany 1745 (LkmJₙ₂ 7; LkmKr₂ 20), de Ginučie 1746 (LkmKr₂ 22), de Villa Ginutany 1746 (LkmKr₂ 23), de Ginutany 1747 (LkmJₙ₂ 8; LkmKr₂ 26), de Ginučie 1747 (LkmKr₂ 27), de Ginutny 1748 (LkmKr₂ 27), de Ginutany 1748 (LkmJₙ₂ 11; LkmKr₂ 28), de Ginucie 1749 (LkmKr₂ 32), de Ginutany 1749 (LkmKr₂ 32), 1750 (LkmKr₂ 33), 1753 (LkmJₙ₂ 13), de Ginucie 1753 (LkmKr₂ 45), 1756 (LkmKr₂ 52), de villa kinucie 1757 (LkmKr₂ 55), de Ginutany 1757 (LkmJₙ₂ 18; LkmKr₂ 54), 1758 (LkmKr₂ 62), de Ginuci 1758 (LkmKr₂ 62), de Ginutany 1759 (LkmKr₂ 66), 1760 (LkmKr₂ 71), de Kinutany 1760 (LkmKr₂ 71), de Ginutny 1761 (LkmKr₃ 5), de Kinutany 1763 (LkmKr₃ 21), 1764 (LkmKr₃ 26), de Ginutany 1764 (LkmKr₃ 26), de Ginuci 1765 (LkmKr₃ 41), de Ginucie 1765 (LkmKr₃ 41), de Ginutany 1766 (LkmKr₃ 43), 1768 (LkmKr₃ 57), de Ginucie 1771 (LkmKr₃ 85), Gინuti 1772 (LkmKr₃ 88), de Ginutany 1773 (LkmKr₃ 92), Ginutany 1774 (LkmKr₃ 103), 1777 (LkmKr₃ 118), 1779 (LkmKr₃ 122), Ginuta 1784 (LkmKr₃ 150), Ginutany 1785 (LkmKr₃ 157), 1788 (LkmKr₃ 166), de Ginutany 1789 (LkmKr₃ 168), Ginutany 1790 (LkmKr₃ 171) und weitere (siehe auch Abbildung 3). Die Siedlung wird auch in den Visitationsdokumenten der Pfarrei Linkmenys aus dem Jahr 1783 als zum Gut Linkmenys gehörendes Dorf Gienutany genannt (BrsIDV 139).
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³ ABB. Fragment aus LkmKr₁ (Bl. 3), in dem das Oikonym Ginutėnai im Jahr 1708 (erstmals in diesen Matrikeln) aufgezeichnet ist (de Ginutany)
Das Oikonym ist auch in kirchlichen und administrativen Quellen des 19. Jahrhunderts häufig verzeichnet, vgl. de villa Ginutany 1800 (PlšKr₁ 3), 1802 (PlšKr₁ 11), 1804 (PlšJₙ₁ 6), деревни Гинутань 1852 (PlšJₙ₁₁ 19), въ деревни] Гинутаны 1856 (PlšKr₁₁ 28), въ дер[евни] Гинуцахъ 1858 (PlšKr₁₁ 68), въ дер[евни] Гинутанахъ 1886 (PlšKr₁₁₁ 19), въ дер[евни] Гинутянахъ 1889 (PlšKr₁₁₁ 83), Ginutany 1888 (SG II 573⁷). Dieser Siedlungsname findet sich auch in administrativen Verzeichnissen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der Einwohnerliste des Gouvernements Vilnius von 1905 ist das Dorf Фуhутань verzeichnet, das zum Amtsbezirk Linkmenys des Kreises Švenčionys gehört (VGGS 288⁸). Zur Zeit der Republik Litauen ist in einer anhand der Volkszählung von 1923 erstellten Veröffentlichung bereits Ginučių km. eingetragen, gelegen im Amtsbezirk Linkmenys des Kreises Utena (LAV 434⁹).
Die ersten Aufzeichnungen des Oikonyms aus der lebendigen Sprache stammen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Ginučiai (BgK), (VB VII 64), Ginučių kaimas¹⁰ 1935 (LŽVA). Auch später wurde es mehrfach aufgezeichnet, vgl. Ginučių kaimas 1974, Ginučiai 1977 (VK). Außerdem spiegelt sich der Siedlungsname in den daraus entstandenen zusammengesetzten Ortsnamen wider: Ginučių giria 1962, Ginučių piliakalnis 1977, Ginučių upelis 1964, 1977 (VK).
⁷ Es wird beschrieben, dass es sich um ein Dorf mit 23 Gehöften, 150 katholischen Einwohnern und 10 Juden handelt. ⁸ Der Quelle zufolge lebten im Dorf 204 Einwohner, 108 Männer und 96 Frauen. ⁹ Nach den Angaben der Quelle gab es 1923 42 Gehöfte und 225 Einwohner. ¹⁰ Aufgezeichnet von der Lehrerin Teklė Šemelienė nach der Aussage des Dorfbewohners Antanas Rukas.
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3. INTERPRETATION DER HISTORISCHEN DATEN
Die Analyse der historischen Aufzeichnungen erlaubt die Feststellung, dass früher mehrere Varianten dieses Oikonyms verwendet wurden. Die Echtheit seiner Wurzel Gin lässt kaum Zweifel zu. Hervorzuheben ist lediglich die in polnischen Dokumenten der Visitation von 1783 eingetragene Form Gienutany. In polonisierten litauischen Ortsnamen gibt ie gewöhnlich die nach einem palatalisierten Konsonanten stehenden litauischen Laute [e] oder [ė] wieder, vgl. die historischen Aufzeichnungen de Miediny 1767 (LkmKrIII 51), 1769 (LkmKrIII 63), 1771 (LkmKrIII 80) (= Mėdinos), de Pieleni 1757 (LkmKrII 58), 1758 (LkmKrII 61) (= Pelėniai), de Wiezyszki 1765 (LkmKrIII 37), 1767 (LkmKrIII 53), 1769 (LkmKrIII 69) (= Vežiškės), de Untolamiestie 1741 (LkmKrIII 6), de Untalamiestie 1742 (LkmKrII 10) (= Antãlamėstė), vgl. ferner die Einträge de Antopuncie 1688 (= Antãpuntė) (Garliauskas 2004: 156), Antobolcie 1744 (= Antãbaltė), Wies Antylgie 1699, de Vntylie 1711, Antylie 1744, de Untylie 1760, 1770 (= Ãntilgė) (Garliauskas 2005: 1046), Płosawipie 1705 (= Plašãupė) (Palionis 2008: 199), Paudruwie, Pawdruwie, Podruwie, Poudruwie, Powdruwie 1803–1808 (= Paudruvė) (Mickienė, Venislovaitė 2011: 159). Andererseits gibt es in der historischen Oikonymie auch Fälle, in denen ie anstelle des litauischen [i] geschrieben wird, vgl. die Einträge de Villa Kienuny 1777 (DglšKr 28) (= Kiniūnai), de Villa Strokienie 1748 (LkmKrII 30), de Strakienie 1751, 1756 (LkmKrII 45, 50) (= Strōkiniai), de Szieszkieniey 1741 (LkmKrII 9) (= Šiškiniai), vgl. ferner Widgiery 1679, 1683–1684, 1691–1692, Widgierÿ 1679, 1681–1682, 1684–1692 (= Vidgiriai) (Maciejauskienė 2009: 183). Dass die Schreibung mit Gie kein Phänomen der lebendigen Sprache ist, zeigen auch alle übrigen Aufzeichnungen des Oikonyms, darunter der erste Eintrag Siolo Giniutańcie, die die Wurzel Gin- aufweisen.
Erwähnt werden sollten auch historische Ortsnamenformen des 18. Jahrhunderts mit dem anlautenden k, K: de villa kinucie 1757, de Kinutany 1760, 1763, 1764. Diese Aufzeichnungen ändern nichts an der Gewissheit der litauischen Form mit anlautendem G, da sie den in den Matrikelbüchern von Linkmenys selten vorkommenden Wechsel g ↔ k widerspiegeln, der entstand, weil der Schreiber etwas falsch hörte oder unachtsam aufzeichnete; vgl. die Einträge de Gimbaryszki 1765 (LkmKrIII 39) (= Kimbōriškė), de Giawniszki 1770 (LkmKrIII 71) (= *Kiauniškis, *Kiauniškė oder Ähnliches).
Mehr Unklarheiten ergeben sich hinsichtlich der in historischen Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts vorkommenden Formen mit dem Stamm Giniut-: Siolo Giniutańcie, za siołem Giniutańcow, za tą wsią wyżej mianowaną Giniutancze, Siolo Giniutany. Eine solche Schreibung kommt in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einmal wieder vor, vgl. ex villa giniutfzen 1729. Gewöhnlich wird der vor dem litauischen Suffix -ut- (-uč-) stehende Konsonant in historischen Aufzeichnungen nicht palatalisiert, vgl. de Girucie 1751 (ŠvnčKrI 11), de Girucie 1755 (ŠvnčKrII 23) (= Gīručiai), de Kukucie 1755 (TvrKr 3), de Kukuci 1762 (TvrKr 59) (= Kukučiai), de Szikutiszki 1742 (LkmKrII 13), de Szykutyłszki 1747 (LkmKrII 27), de Szykucie 1755 (LkmKrII 49), de Szykutiszki 1757 (LkmKrII
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58), 1759 (LkmKrₙ 66), 1760 (Lkm)ₙ 22), 1764 (LkmKrₙ 27), 1767 (LkmKrₙ 53), 1769 (LkmKrₙ 64), 1771 (LkmKrₙ 86), Szykutiški 1776 (LkmKrₙ 115), 1786 (LkmKrₙ 160), 1790 (LkmKrₙ 171) (= *Šikutìškė oder Ähnliches, *Šikučiai), vgl. ferner de Mikutiszki 17. Jh. (= Mikùtiškiai), ex v. Tribucie 17. Jh. (= Tribūčiai) (Palionis 2003: 165, 173), de Minduciu 1687, de Minduci 1691 (= Mindučiai), de Rymuciu 1683, 1692, de Rymucziu 1691, de Rymucie 1691 (= Rimūčiai), de Taluciu 1692 (= Tolūčiai) (Garliauskas 2004: 163, 165, 168). Es sind jedoch auch Fälle belegt, in denen -ut als –iut- wiedergegeben wird, vgl. Mazucie 1617, Мазуцзие 1617–1618 und Mapиuczie 1621, Maziucie 1633, Mažiucie 1633, Maziucie 1643 (= Mažučiai) (Maciejauskienė 2009: 175¹¹). Bei der Suche nach Analogien ist auch die historische Aufzeichnung des Oikonyms der Pfarrei Pavóverė Janiukaniszki 1784 (IVK) zu beachten, die wahrscheinlich das litauische *Janukoniškės oder Ähnliches voraussetzt. Dieser bis heute nicht erhaltene Siedlungsname ist vom Personennamen Janukonis abzuleiten, der im ehemaligen Amtsbezirk Pabradė belegt ist, zu dem auch die genannten Siedlungen der Pfarrei Pavóverė gehörten. In diesem Fall kann daher die Wiedergabe des nach n stehenden Suffixes –uk- (des Fragments –nuk–) als –iuk– (–niuk–) vermutet werden. Daher könnten auch die Aufzeichnungen Sioło Gniutancie, za siołem Gniutancow, za tą wsią wyżej mianowaną Gniutancze, Sioło Gniutany, ex villa giniułzen infolge der Palatalisierung von [n]¹² entstandene Einzelbeispiele sein, die eine solche Schreibung des Suffixes –ut– widerspiegeln und neben den weitaus häufigeren historischen Varianten mit Ginut– vorkommen.
Die historischen Formen des Oikonyms mit den Endungen –áncie (–áncow) (Giniutáncie, Gen. Giniutáncow), –any (Giniutany, Ginutany), –ani (Ginutani), –аньі (–ань, –анахь, –янахь) (Гинутаны, Gen. Гинутань, Lok. Гинутанахь, Гинутянахь) können litauisches –ėnai oder –(i)onys, –(i)oniai widerspiegeln, vgl. die Einträge de Czepukance 1749 (ŠvnČKr₁ 4) (= Čepukėnai), de Alzutany 1756 (LkmKrₙ 52) (= Alžutėnai), in Stagulany 1754 (LkmKrₙ 45) (= Stagalėnai), de Rukszany 1740 (LkmKrₙ 1), de Rukszany 1746 (LkmKrₙ 22) (= Rukšėnai), въ деревну Рашкутанахь 1854 (PlšKrₙ 6) (= Reškutėnuose), de Czulany 1688 (= Čiulėnai) (Garliauskas 2004: 157), de Luksztany 1741 (= Lukštėnai) (Palionis 2008: 264) und z Juskancow 1674 (LpKr 2) (= aus Juškonių), de Beciance 1800 (Plš]ₙ 7) (= Bėčionys), de Kulany 1690 (= Kulionys) (Garliauskas 2004: 161), de Jawoyszany 1742 (= Jovaišónys) (Palionis 2008: 263). Die historischen Oikonymvarianten de Villa Ginuteny und de Villa Ginteny, de Villa Gintieny, die der Schreiber aus Ginuteny, Ginutieny verkürzt hat, setzen jedoch ziemlich eindeutig das litauische *Ginutėnai voraus (nicht *Ginutonys). Die Rekonstruktion gerade dieser Form wird auch durch die Wiedergabe der bis heute erhaltenen Siedlungsnamen mit dem Suffix –ėnai im Kontext derselben Matrikelbücher von Linkmenys ermöglicht,
¹¹ Auch die Autorin des Beitrags selbst weist auf diese ungewöhnliche Schreibweise hin.
¹² Im Polnischen wird der vor Vokalen (außer [i̯]) stehende palatalisierte [n]-Laut mit dem Palatalisierungszeichen i geschrieben.
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in den Matrikelbüchern, vgl. die Einträge de Alżutieny 1753 (LkmKrᵢᵢ 43) und de Alzutany 1756 (LkmKrᵢᵢ 52) (= Alżutėnai), de Ruk̇zany 1742 (LkmKrᵢᵢ 12), de Ruk̇szany 1744 (LkmKrᵢᵢ 18), de Villa Rukszany 1745 (LkmKrᵢᵢ 20) und de Rukszeny 1744 (LkmKrᵢᵢ 19), 1747 (LkmKrᵢᵢ 27) (= Ruk̇šėnai), de Stagulany 1741 (LkmKrᵢᵢ 8), de Stegulany 1758 (LkmKrᵢᵢ 61) und de Villa Stebuleny 1744 (LkmKrᵢᵢ 18) (= Stagalėnai).
Eine weitere Gruppe historischer Aufzeichnungen des Oikonyms spiegelt die Form ohne das Suffix -ėnai wider: od Siola Ginutow, de Vila ginuty, de Ginučiev, de Ginučie, de Ginutу, de Ginucie, de Ginuci, de Ginutу, de Ginuci, de Ginucie, Ginuti, Ginuta 1636–1784, въ дер[евни] Гинуцяхъ 1858. Bei der Bestimmung der wahrscheinlichsten litauischen Variante des Siedlungsnamens ist der Eintrag de Ginuciey (dreimal aufgezeichnet) als maßgeblich anzusehen; sein c ist höchstwahrscheinlich ein Reflex der für den Dialekt typischen Affrikation ([č] = dial. [c])13, während die Endung -iey unmittelbar das litauische -iai voraussetzt; vgl. ähnliche Fälle der Wiedergabe dieser Endung de Dayniey, de Gayweniey, de Kol wiey, de Peleniey, de Pełeniey, de Waieliey 1740–1743. Die übrigen Einträge sind als verschiedene Arten der Polonisierung der auf č folgenden litauischen Endung -iai zu verstehen. Die Formen de Ginučie, de Ginucie, de villa kinucie, de Ginuci, de Szykucie, de Damucie, de Chamucie, de Kyrkūcie, de Kielpuci, de Kukuci, de Trabuci, de Trebuci zeigen die Übersetzung des litauischen -iai in -ie und -i, die auch bei zahlreichen anderen historischen Oikonymen häufig vorkommt; vgl. die analogen Fälle деревни Клавсуцяхъ, деревни Клаусцяхъ, въ дер[евни] Мацоцяхъ. Im Eintrag въ дер[евни] Гинуцяхъ spiegelt sich zweifellos die Wiedergabe des litauischen Oikonyms Ginučiai im Lokativ durch das Russische wider; vgl. analoge Fälle.
Unklarer sind die Aufzeichnungen od Siola Ginutow, de Vila ginuty, de Ginutу, Ginuti, Ginuta (Genitiv der Form Ginutу oder einer ähnlichen Form), denn das Suffix -učiai wird in historischen Quellen ähnlicher Art gewöhnlich nicht durch die Endungen -ty, -ti, -ta ersetzt, obwohl einzelne Formen mit -ti, -ta durchaus vorkommen, vgl. De raduti, Дер. Радума, дер. Рамуты, de villa Trof̨zkuti 1699–1825 (AdKrᵢᵢ 51, IVK, TrkJn 89) (= Radūčiai, Radutai¹⁴, Ramučiai, Benekãinių vls.) (=
¹³ Vgl. den Dialekt von Liñkmenys: púncei (pánčiai) (Kardelytė 1960: 21).
¹⁴ Ein Dorf im Rajon Paštoviai in Belarus.
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Troškūčiai15. Die Schreibung mit t könnte durch die abwechselnd verwendete Form *Ginutėnai beeinflusst worden sein, die die Schreiber von den Einheimischen gehört haben dürften; beim Schreiben der Variante ohne das Suffix -ėnai verwechselten sie möglicherweise die Buchstaben c, č und t. (Ginuci → Ginuti, Ginutÿ). Übrigens wird eine solche Vermischung der Buchstaben höchstwahrscheinlich auch durch den Eintrag ex villa giniutfzen vorausgesetzt. Die einmal aufgezeichnete Form ohne Präposition Ginuta könnte auch unter dem Einfluss des Lateinischen entstanden sein16: Die Endung -a spiegelt möglicherweise den Nominativ Singular Femininum der ersten Deklination wider (nom. sg. -a). Andererseits kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass die historischen Formen mit -ty, -ti, -ta eine einstige Nominativform des Maskulinums Plural *Ginutai oder sogar den Nominativ und Genitiv Singular des Femininums *Ginutė, (iš) *Ginutės der lebendigen Sprache widerspiegeln; zu solchen Möglichkeiten der Wiedergabe des Suffixes dieses Oikonyms vgl. ähnliche Aufzeichnungen Abejutÿ 1744, Abejutÿ 1784 (IVK), Абéюты 1892 (KGGS 187) (= Abejūtai) und Gražutÿ 1772–1793 (IVK) (= Gražutė), Явнута 1902 (= Jaunutė17.
Die Analyse der historischen Oikonyme erlaubt somit die Feststellung, dass in der lebendigen Sprache wahrscheinlich zwei Formen des Dorfn namens verwendet wurden – *Ginutėnai und Ginučiai, wobei auch eine dritte Form – *Ginutai oder *Ginutė – nicht völlig ausgeschlossen werden kann. Die Identität der mit diesen Namen bezeichneten Siedlung wird auch durch die neben den Oikonymen genannten, höchstwahrscheinlich identischen Personen bestätigt; vgl. der Taufpate Andreas Geyzutis de Ginutany 1740, der Zeuge Andreas Gayzuti̇s de Ginutany 1748 und der Taufpate Andreas Geyzetis de Ginuciey 1741, der Taufpate Andreas Gayzuti̇s de Ginucie 1746, der Taufpate Andreas Gayzuti̇s de Ginucie 1749, die Eltern Andrea Gayzuti̇s, Marianna Czapalowna Gayzuciowa de Ginucie 1753; der Vater Petri Giegis de villa Ginutani 1726, der Taufpate Petri Giegis de Ginutany 1742, der Zeuge Petrus Gigif de Ginutany 1742, der Taufpate Petrq Giegif de Ginutany 1743 und der Taufpate Petrus Giegis de Ginucie 1753. Sehr wahrscheinlich sind die mehrfach genannten Bewohner der bald Ginutėnai, bald Ginučiai genannten Siedlung, Andrius Gaižutis und Petras Gėgys18, ein und dieselben Personen. Unzweifelhaft ist auch, dass die Variante mit -ėnai die ältere ist; sie wurde in der Mitte des XVI. Jahrhunderts aufgezeichnet und bis zum Beginn des XX. Jahrhunderts verwendet. Die bis heute erhaltene Form Ginučiai war offenbar bereits in der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts (1636) bekannt, wurde im XVIII. Jahrhundert, beginnend 1734, häufig verwendet und bestand seit jener Zeit bis zur ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts neben der Variante *Ginutėnai; später wurde sie zum einzigen von den Einheimischen verwendeten Oikonym.
15 Vgl. ferner die Polonisierung der Endung -niai zu -ny: de Girminy 1761 (LkmKᵣᵢᵢᵢ 9) (= Girminiai), de Gaywony 1753 (LkmKᵣᵢᵢᵢ 43) (= Gaivėniai).
16 Die Kirchenbücher wurden auf Lateinisch geschrieben, wobei auch zahlreiche für die polnische Sprache typische Elemente verwendet wurden.
17Jaunutė – ein Teil des Dorfes Kazliškiai in der Rajongemeinde Kazlų Rūda, Amtsbezirk Kazlų Rūda.
18 Vgl. den heutigen Familiennamen Gėgys, der auch im ehemaligen Amtsbezirk Liñkmenys verbreitet ist (LPDB).
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4. HERKUNFTSHYPOTHESE
Diese Fakten sind für die Klärung der Ursprünge des Dorfnamens sehr wichtig, denn zunächst müssen die Möglichkeiten des Auftretens der Form mit dem Suffix -ėnai analysiert werden. Der Oikonym *Ginutėnai ist einer großen Gruppe von Siedlungsnamen mit kollektivischer Bedeutung zuzuordnen, die dieses Suffix aufweisen; die meisten von ihnen (etwa 320) sind aus patronymischen Personennamen mit demselben Stamm entstanden (und haben das Suffix übernommen) (vgl. Razmukaitė 1993: 162–163). Wichtig ist auch, dass solche aus Personennamen entstandenen Oikonyme in Ostlitauen am weitesten verbreitet sind – in den Gebieten der Selbstverwaltungen der Rajongemeinden Molėtai (30 Oikonyme), Ignalina (21), Vilnius (16), Anykščiai und Utena (je 15). Unter Berücksichtigung dieser Daten wäre *Ginutėnai somit ein typisches Oikonym anthroponymischer Herkunft, entstanden aus dem Plural des Personennamens *Ginutėnas. Einen solchen Personennamen (Familiennamen) gibt es derzeit nicht, doch möglicherweise weisen andere Fakten darauf hin, dass es ihn gegeben hat. Das rekonstruierte Anthroponym wäre aus dem Personennamen Ginutis entstanden, der bis heute als Familienname fortbesteht (vgl. LPŽ I 67219; Sinkevičiūtė 2006: 53; Zinkevičius 2008: 28220). Außerdem ist er im 17. Jahrhundert im Amtsbezirk Kražiai belegt, vgl. Piotr Ginutis 164821, ferner die dort verwendeten Ableitungen Iasiul Ginutaytis, Piotr Ginutaytis 1644 (IAK). Dieser Personenname (Ginutis) war auch in Kleinlitauen bekannt: Im 19. Jahrhundert wurde er von Vilius Kalvaitis aufgezeichnet (Kalwaitis 1910: 10) und ist im 18.–19. Jahrhundert in den Kirchenbüchern der zu den Kreisen Ragnit und Tilsit gehörenden Pfarreien belegt, vgl. Ginnutė, Ginnuttis, Ginutatis (Žemienė 2017: 54). Von ihm wird das historische Oikonym Ginučiai hergeleitet, mit dem früher das heutige Dorf Vaitkaičiai im Gebiet Šilutė bezeichnet wurde (Pėteraitis 1997: 13422). Allerdings konnte in der Umgebung von Ginučiai23 der dem Personennamen *Ginutėnas zugrunde liegende Anthroponym Ginutis nicht gefunden werden. Wie aus den angeführten anthroponymischen Daten hervorgeht, sind Bewohner mit einem solchen Personennamen weder im Inventar des Amtsbezirks Liñkmenys von 1557 noch in den Beschreibungen des Gutshofs Liñkmenys von 1636 und 1732 oder in den Kirchenbüchern der Kirche von Liñkmenys aus dem 18. Jahrhundert für die Siedlung belegt. Angesichts der Annahme, dass das Dorf Ginučiai bereits vor dem 16. Jahrhundert gegründet worden sein muss (vgl. Tyla 1965: 32), könnten diese beiden Personennamen jedoch schon früher verschwunden sein, nachdem keine Menschen mehr übrig waren, die mit ihnen bezeichnet wurden.
19 Die litauische Form des Familiennamens wurde anhand der offiziellen deutschen Formen Ginuttis, Ginuth, Ginnutt bestimmt; sie wird mit dem litauischen ginti in Verbindung gebracht.
20 Daiva Sinkevičiūtė und Zigmas Zinkevičius betrachten ihn als aus einer Kürzung eines zweistämmigen Personennamens hervorgegangen.
21 Im Amtsbezirk Kražiai gab es im XVII. Jahrhundert auch ein aus diesem Personennamen hervorgegangenes Oikonym *Ginučiai; vgl. die Aufzeichnung des zum Gut Gardai gehörenden Dorfes Ginuccie 1648 (IVK).
22 Zur Erläuterung der Herkunft wird hier zum Vergleich auch der Name des Dorfes Ginučiai im Rajon Ignalina angeführt.
23 Der Familienname Ginutis ist aus der Umgebung von Klaipėda, Pagėgiai und Šilutė bekannt (LPŽ I 672).
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Unter Beibehaltung der anthroponymischen Herkunftsthese des Oikonyms lässt sich auch das Auftreten seiner Variante ohne das Suffix –ėnai im XVII.–XVIII. Jahrhundert leichter erklären. Bemerkenswert ist, dass auch die Namen weiterer Dörfer der Pfarrei Linkmenys zu derselben Zeit Varianten ohne das Suffix –ėnai aufwiesen, obwohl sie aus dem Plural von Personennamen mit diesem patronymischen Suffix hervorgegangen waren; vgl. de Kuprany 1761 (LkmKrIII 9), 1762 (LkmKrIII 13), de Kupreny 1764 (LkmKrIII 28), de Kupry 1766 (LkmKrIII 49), 1768 (LkmKrIII 62), Kuprany 1781 (LkmKrIII 135), Kupry 1783 (LkmKrIII 143), 1783 (BrslDV 140), 1784 (LkmKrIII 149), 1790 (LkmKrIII 172) (= *Kuprėnai ← avd. Kuprėnas ⇔ Kūpriai ← *Kupris, *Kuprys24; heute Kūpriai), de mineyszanẏ 1722 (LkmKrI 48), de Mineyszany 1724 (LkmKrI 57), de Mineyszany 1725 (LkmKrI 60), de Villa mineyszany 1731 (LkmKrI 78), de Minieyszany 1741 (LkmKrIII 4), de Villa Mineyszany 1745 (LkmJnII 6), de Mineyſzany 1749 (LkmKrII 33), de Mineyszkiemie 1749 (LkmKrII 31), 1750 (LkmKrII 33), de Mienieyszkiemie 1750 (LkmKrII 35), de Mineyszany 1752 (LkmKrII 40), 1754 (LkmKrII 45), de Minieyszkiemie 1756 (LkmKrII 50), de Mineyszany 1757 (LkmJnII 16), de Mineyszany 1758 (LkmKrII 61), 1760 (LkmKrII 70), de Mineyszkiemie 1761 (LkmKrIII 6), de Mineyszany 1762 (LkmKrIII 10), 1770 (LkmKrIII 72), Miemyeſzany 1772 (LkmKrIII 88), Mnieyſzany 1773 (LkmKrIII 94), de Minieyſzkiemie 1773 (LkmKrIII 92), de Minaſzany 1781 (LkmKrIII 133), Mineyszany 1785 (LkmKrIII 94) (= *Mineišenai ⇔ Mineiškienis ← avd. *Mineišis; heute Mineiškienis25). Übrigens lässt sich dasselbe Phänomen, d. h. die Variation, auch in Kirchenbüchern des XVII. Jahrhunderts beobachten; vgl. die Einträge de Mikutancy 1682, de Mikuciu 1683, de Mikuci 1686, 1687, 1689, de Mikuteniu 1686, 1688, 1689, de Mikutancy 1687, 1689, 1691 (Garliauskas 2004: 163) (= *Mikutėnai ⇔ *Mikučiai), de Szyłeykieniu 1686, 1688, 1689, de Szyłeyki 1686, de Szyłeykianu 1688, 1691, de Sziley kieniu 1690, de Szyleyki 1691 (ebd., 168) (= Šileikėnai ⇔ *Šileikiai). Es ist somit festzustellen, dass im XVII. und XVIII. Jahrhundert als Varianten desselben Siedlungsnamens sowohl Oikonyme mit dem Suffix –ėnai als auch Siedlungsnamen ohne dieses Suffix verwendet wurden. Bemerkenswert ist, dass das Auftreten von Varianten mancher Oikonyme mit und ohne patronymisches Suffix mit dem für Personennamen des XVIII.–XIX. Jahrhunderts typischen Wegfall patronymischer Suffixe in Verbindung gebracht wird (vgl. Vanagas 1996: 225–226); bei den genannten Fällen der Oikonymvariation in der Pfarrei Linkmenys ist ein Zusammenhang mit dem Wegfall der Suffixe jedoch wohl kaum
24 In diesem Fall wird die These der anthroponymischen Herkunft auch durch die Kirchenbuchdaten bestätigt, die zeigen, dass Personen mit solchen Personennamen in der durch den Ortsnamen bezeichneten Siedlung lebten; vgl. die Einträge Michaelis Kuprėnas Kuprany 1781, Simonis Kuprys Kupry 1783; ferner Catarina Kuprowna de Kupry 1766.
25 Im XVI.–XVII. Jahrhundert wurde die Form *Mineišiai dieses Oikonyms verwendet; vgl. Sioto Mineyszewskie, siola Minieyszow 1553 (LI 86, 92), Siolo Mineišze 1636 (VTII 23); sie ist auch in einer Quelle des XVIII. Jahrhunderts belegt: Wies Mineiysz 1732 (VTII 5). Die Entwicklung des Oikonyms muss in diesem Fall somit wie folgt verlaufen sein: *Mineišiai → *Mineišenai, Mineiškienis → Mineiškienis.
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lässt sich erkennen: Der Personenname Kuprėnas ist als Familienname im Gebiet Linkmenys bis heute erhalten, während das im XVIII. Jahrhundert aufgezeichnete *Kuprys hier nicht verwendet wird; die Personennamen *Ginutėnas, Ginutis, *Mineišis, *Mineišėnas wurden zu Beginn der Variation der genannten Oikonyme (im XVII. und XVIII. Jahrhundert) in diesen Siedlungen bereits nicht mehr verwendet26. Daher kann vermutet werden, dass das Oikonymsuffix –ėnai im XVII.–XVIII. Jahrhundert in der lebendigen Sprache einfach wegfiel und dadurch daneben Varianten ohne dieses Suffix entstanden: *Ginutėnai ⇔ Ginučiai, *Mineišėnai ⇔ Mineiškiemis. Vielleicht geschah dies nach dem Vorbild analoger Oikonymvarianten, die zum Zeitpunkt ihres Auftretens den unmittelbaren Zusammenhang mit historischen Personennamen derselben Wurzel (desselben Stammes) bewahrt hatten (*Kuprėnai ← avd. Kuprėnas ⇔ *Kūpriai ← avd. *Kupris, *Kuprys).
Für die Annahme, dass die ursprüngliche Form des Oikonyms *Ginutėnai anthroponymischer Herkunft ist, spricht auch, dass sich die appellativische Herkunftsthese unter dem Gesichtspunkt der Wortbildung nur schwer begründen ließe. Eine unmittelbare wortbildungsmäßige Verbindung dieses Ortsnamens mit dem litauischen gimti ist überhaupt nicht möglich; daher müsste man in diesem Fall annehmen, dass es sich um eine Ableitung mit dem Suffix –ėnai von einem früheren Appellativum (Deverbativum) *ginutis27 handelt. Unter den etwa 70 aus Appellativa mit diesem Suffix gebildeten Oikonymen sind die Basiswörter jedoch Bezeichnungen geografischer Örtlichkeiten (Bal-ėnai: balà, Dirv-ėnai: dirvà, Purv-ėnai: purvas, Šil-ėnai: šìlas), Pflanzenbezeichnungen (Alksn-ėnai: álksnis, Puš-ėnai: pušìs), Bezeichnungen, die mit der häuslichen, wirtschaftlichen und kulturellen Tätigkeit des Menschen zusammenhängen (Smalnyč-ėnai: smálnyčia ‘Ort der Teergewinnung, Teerbrennerei’, Žagr-ėnai: žãgrė (Razmukaitė 1998: 16). Es gibt jedoch keinen einzigen Siedlungsnamen, der als Ableitung mit –ėnai von einem Deverbativum aus der Kategorie der Bezeichnungen von Agens angesehen wird. Ein solcher Bildungstyp ist auch in der litauischen Hydronymie, Helonymie und Oronymie nicht abgegrenzt worden (vgl. Vanagas 1970: 134; Bilkis 2008: 197, 201; Kačinaitė 2009: 42). Auch Gemeinwörter mit dem Suffix –ėnas werden aus solchen Appellativa nicht gebildet28.
26 Interessant ist, dass neben den genannten Oikonymen der Pfarrei Molėtai aus dem XVII. Jahrhundert *Mikutėnai, *Mikučiai auch die entsprechenden Anthroponyme *Mikutėnas, *Mikutis nicht belegt sind.
27 In den Dialekten werden mehrere Dutzend Deverbativa verwendet, die der Bildungskategorie der Bezeichnungen von Agens zugeordnet werden können und mit dem Suffix –utis (–ė) gebildet sind; vgl. barškùtis, tarškùtis ‘Schwätzer, Klappermaul’, šnekùtis ‘jemand, der gern viel spricht’ (LKG I 324), blaškùtis, gaišùtis, krapštutis, purškùtis ‘jemand, der unruhig ist, Leichtfuß’, ‘Zeitverschwender’, ‘jemand, der langsam arbeitet’, ‘jemand, der schnell zornig wird’ usw. (Ambrazas 1993: 142). Das Appellativum *ginutis wäre somit durchaus möglich.
28 Desubstantiva mit dem Suffix –ėnas, die der Kategorie der Bezeichnungen von Trägern einer Eigenschaft zugeordnet werden, werden gewöhnlich aus Ortsnamen gebildet (anykštėnas, kupiškėnas, tilžėnas usw.); einige wenige haben auch eine andere Bedeutung, vgl. balėnas ‘Astknorren eines Baumes’, kelėnas ‘Beinknochen des Weges’, ryškėnas ‘Reuse’ (Ambrazas 2000: 168).
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5. SCHLUSSFOLGERUNGEN
5.1. Die Analyse der historischen Aufzeichnungen des Siedlungsnamens Ginučiai zeigt, dass früher wahrscheinlich zwei Formen verwendet wurden – *Ginutėnai und Ginučiai. Als ursprünglich ist die Variante mit dem Suffix –ėnai anzusehen, da sie zuerst (1554) erwähnt und bis zum Beginn des XX. Jahrhunderts verwendet wurde. Das heutige Oikonym Ginučiai ist bereits aus der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts bekannt, wurde im XVIII. Jahrhundert häufig verwendet (seit 1734) und setzte sich seit der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts in der lebendigen Sprache und in Verwaltungsdokumenten allgemein durch.
5.2. Die Etymologie des Oikonyms ist mit der Erforschung der Herkunft der ursprünglichen Variante *Ginutėnai zu verbinden. Aufgrund der Bildungs- und Herkunftstendenzen von Siedlungsnamen und anderen Ortsnamen ähnlicher Struktur, der Bildungstendenzen von Appellativa mit dem Suffix –ėnas sowie der Ergebnisse der Analyse von Personennamen derselben Wurzel lässt sich feststellen, dass *Ginutėnai wahrscheinlich eine Bildung des Typs pluralia tantum aus dem patronymischen Personennamen *Ginutėnas ist. Dafür sprechen mehrere Gründe: 1) Litauische Oikonyme mit –ėnai werden besonders häufig aus dem Plural von Personennamen mit demselben Suffix gebildet; dieser Bildungstyp ist in Ostlitauen am weitesten verbreitet; 2) der als Grundlage der Oikonymbildung anzunehmende Personenname *Ginutėnas ist durch den zugrunde liegenden Personenname Ginutis in der historischen und heutigen Anthroponymie belegt; 3) es gibt keine weiteren litauischen Oikonyme oder anderen Ortsnamen mit dem Suffix –ėnai, die aus Deverbativa der Kategorie der Bezeichnungen von Trägern einer verbalen Eigenschaft gebildet wären, und auch keine Appellativa desselben Typs.
5.3. Der später entstandene Dorfname Ginučiai ohne das Suffix –ėnai dürfte kaum unmittelbar aus dem in der historischen und heutigen Anthroponymie belegten Plural des Personennamens Ginutis hervorgegangen sein. Dieser Personenname ist im XVI.–XVIII. Jahrhundert im Dorf Ginučiai und im Gebiet des Gutshofs Liñkmenys bzw. in der Pfarrei Liñkmenys nicht belegt; er muss in dieser Gegend daher wesentlich früher ausgestorben sein. Die Analyse der Oikonyme mit –ėnai in der Pfarrei lässt vermuten, dass die Variante Ginučiai im XVII.–XVIII. Jahrhundert aufgrund der Neigung entstanden sein könnte, abwechselnd beide Formen zu verwenden – mit und ohne Suffix.
5.4. Angesichts der wahrscheinlichsten Herkunftsmöglichkeit des Oikonyms ist fraglich, ob der heutige Dorfname Ginučiai unmittelbar aus dem Verb ginti(s) ‘jemanden durch einen Angriff befreien; einen Angriff abwehren’ oder aus dem möglichen litauischen Deverbativum *ginutis abgeleitet werden kann. Seine Verbindung mit dem litauischen ginti(s) könnte nur indirekt sein: *Ginutėnai ← Personenname *Ginutėnas ← Personenname Ginutis ← (Personennamen Ginas, Ginis, Ginius) ← litauisches ginti (gina).
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ABKÜRZUNGEN
avd. – Personenname
dab. – heute
dial. – Dialekt-
kilm. – Genitiv
liet. – litauisch
pvd. – Familienname
r. – Rajon
r. sav. – Rajongemeinde
viet. – Lokativ
vls. – Amtsbezirk
LITERATUR UND QUELLEN
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L k m K r II – Księga Metryk Chrzesnych Kosciola Parafialnego Łyngmianskiego od roku 1740. Maia 22. dnia do Roku 1760. Oktobra 24. dnia. Aufbewahrt im Archiv der Kirche von Linkmenys.
L k m K r III – Księga Metryk Chrzesnych Kosciola Parafialnego Łyngmianskiego od Roku 1760. Novembra 9. dnia do Roku 1790. Novembra 25. dnia. Aufbewahrt im Archiv der Kirche von Linkmenys.
LPDB – Lietuvių pavardžių duomenų bazė. Online verfügbar unter: https://ekalba.lt/pavardziu-duomenu-baze/.
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LAIMUTIS BILKIS
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Plš₁n₁₁ – Метричeская книга 1848–1868 Бракoмъ-сочетавшихся [Trauungsbuch der Kirche von Palūšė 1848–1868][Palušės bažnyčios 1848–1868 metų jungtuvių knyga], LVIA, F. 1330, Ap. 1, B. 12.
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Dėl oikonimo Ginučiai kilmės ištakų
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LAIMUTIS BILKIS
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Zschieschang Christian 2017: Das Hersfelder Zehntverzeichnis und die frühmittelalterliche Grenzsituation an der mittleren Saale. Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, Bd. 52, Köln Weimar Wien: Böhlau Verlag.
Žilėnas Antanas 2019: Ginūčiai. – Saldutiškis, Vilnius: Versmė, 595–648.
Über den Ursprung des Oikonyms Ginūčiai
ZUSAMMENFASSUNG
Das in Ostlitauen gelegene Dorf Ginūčiai und sein Name haben aufgrund der bemerkenswerten geografischen Nähe zum bekannten Burgberg Ginūčiai das Interesse von Historikern, Linguisten und Regionalhistorikern geweckt. Es wird angenommen, dass sich auf diesem Burgberg die Burg Linkmenys befand, die erstmals 1373 in der Livländischen Chronik von Hermann von Wartberge erwähnt wird. Die unmittelbare Nähe des Dorfes zu dieser bedeutenden historischen Stätte hat Spekulationen über einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Ursprung des Dorfnamens und der Verteidigung der Burg Linkmenys ausgelöst. Daher wird wiederholt erwogen, dass das Oikonym Ginūčiai aus dem litauischen Appellativ ginti „jemanden oder etwas vor einem Angriff retten; einen Angriff abwehren“ hervorgegangen sein könnte.
Historische Belege für das Oikonym Ginūčiai zeigen, dass im Laufe der Geschichte zwei Formen verwendet wurden: *Ginutėnai und Ginūčiai. Die Variante mit dem Suffix –ėnai gilt als die primäre, da sie erstmals 1554 belegt ist und bis zum Beginn des 20th. Jahrhunderts im allgemeinen Gebrauch fortbestand. Das heutige Oikonym Ginūčiai war bereits in der ersten Hälfte des 17th. Jahrhunderts bekannt und wurde ab 1734 im 18. Jahrhundert häufig verwendet. Allmählich setzte es sich im allgemeinen Gebrauch und in Verwaltungsdokumenten allgemein durch und festigte seine Vorherrschaft seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
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Dėl oikonimo Ginūčiai kilmės ištakų
Die Etymologie des Oikonyms ist mit der Suche nach dem Ursprung der primären Variante *Ginutėnai verknüpft. Ausgehend von den Tendenzen der Wortbildung und der Herkunft von Oikonymen und anderen Toponymen ähnlicher Struktur, den Mustern der Bildung von Appellativen mit dem Suffix -ėnas und der Analyse der Personennamen mit derselben Wurzel können wir feststellen, dass *Ginutėnai höchstwahrscheinlich als Bildung des Typs pluralia tantum zu klassifizieren ist, die vom patronymischen Personennamen *Ginutėnas abgeleitet ist. Mehrere Gründe stützen diese Schlussfolgerungen: 1) Litauische Oikonyme mit dem Suffix -ėnai werden häufig aus der Pluralform von Personennamen mit demselben Suffix gebildet, und diese Art der Wortbildung ist in Ostlitauen am weitesten verbreitet; 2) die historische und zeitgenössische Anthroponymie belegt den Personennamen Ginūtis, das Grundwort des Personennamens *Ginutėnas, der als Grundwort des betreffenden Oikonyms dienen kann; 3) es gibt keine anderen litauischen Oikonyme oder sonstigen Toponyme, die mit dem Suffix -ėnai aus Deverbativa der Kategorie der Bezeichnungen für Träger einer verbalen Eigenschaft und aus Appellativen ähnlicher Art gebildet wurden.
Es ist ungewiss, ob der spätere Dorfname Ginūčiai ohne das Suffix -ėnai unmittelbar mit der in der litauischen historischen und zeitgenössischen Anthroponymie belegten Pluralform des Personennamens Ginūtis verbunden werden kann. Dieser Anthroponym ist im 16.–18. Jahrhundert weder im Dorf Ginūčiai noch im Gebiet des Guts Linkmenys oder in der Pfarrei Linkmenys belegt, was auf sein deutlich früheres Verschwinden aus dem allgemeinen Gebrauch in dieser Gegend hindeutet. Die Analyse der Pfarr-Oikonyme mit dem Suffix -ėnai legt nahe, dass die Variante Ginūčiai im 17. und 18. Jahrhundert aufgrund der Tendenz zur wechselweisen Verwendung beider Formen – mit und ohne Suffix – entstanden sein könnte.
In Anbetracht der wahrscheinlichen Herkunft des Oikonyms ist ungewiss, ob der heutige Dorfname Ginūčiai unmittelbar vom Verb ginti(s) „jemanden oder etwas vor einem Angriff retten; einen Angriff abwehren“ oder vom wahrscheinlichen litauischen Deverbativ *ginutis abgeleitet werden kann. Sein Zusammenhang mit lit. ginti(s) könnte nur indirekt sein: *Ginutėnai ← Personenname *Ginutėnas ← Personenname Ginūtis ← (Personennamen Gìnas, Gìnis, Gìnius) ← lit. gìnti (gina).
Eingereicht am 25. Oktober 2023.
LAIMUTIS BILKIS
Institut für die litauische Sprache
Petro-Vileišio-Straße 5, LT-10308 Vilnius, Litauen