Page 1LIETUVIŲ TERMINOLOGIJA LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA
S. KARALIONAS
AUS DER GESCHICHTE DER TÖPFEREITERMINOLOGIE IN DEN BALTISCHEN SPRACHEN
In den Sprachwissenschaften einzelner Völker und ihrer Gruppen ist eine Tendenz zu beobachten, die Gesamtheit der Handwerksterminologie sowohl synchronisch als auch diachronisch zu untersuchen. Die Beschreibung der Terminologie einer Sprache oder Sprachgruppe liefert notwendige Erkenntnisse über das Begriffssystem eines Fachgebiets und seine Eigenheiten, die Verwendung der Termini sowie Tendenzen ihrer Veränderung und Erweiterung. Die Beschreibung der Terminologie insgesamt und ihre historische Untersuchung legen die Besonderheiten der betreffenden Sprache offen, zeigen die areale Verbreitung der Termini und helfen, die ältesten Sprachbeziehungen zu charakterisieren und ihre Art zu bestimmen. Die Untersuchung der Terminologie einzelner Handwerke (Stricken — Spinnen, Holzbearbeitung, Schmiedekunst, Töpferei usw.) hat große praktische und theoretische Bedeutung erlangt und ist aktuell geworden.
Unter den jüngeren Arbeiten zur slawischen Handwerksterminologie ist zunächst die hervorragende Monografie von O. Trubačiovas „Die Handwerksterminologie der slawischen Sprachen“ zu nennen, in der die Ursprünge der Terminologie mehrerer Handwerke mittels gruppenweiser Rekonstruktion auf neue und sachkundige Weise erschlossen werden1. Die etymologischen Untersuchungen von J. Trier2 zu Töpfereitermini in den germanischen und anderen indoeuropäischen Sprachen waren mit ihren theoretisch-methodologischen Voraussetzungen so bedeutsam, dass sie den Grundstein für die moderne Untersuchung der Handwerksterminologie aller indoeuropäischen Sprachen legten.
Die Handwerksterminologie des Litauischen ist synchronisch kaum und diachronisch nahezu gar nicht untersucht. Aus den zuvor genannten Gründen muss die Untersuchung der Handwerksterminologie als eine der aktuellsten Aufgaben der litauischen Sprachwissenschaft gelten. Die Aktualität ihrer Erforschung zeigt sich auch daran, dass sich Vertreter anderer Fachgebiete daranmachen, sprachliche Fragen zu erläutern, die mit der Ethnografie oder Archäologie des Handwerks zusammenhängen3.
Man kann nicht sagen, dass die Herkunft der Bezeichnungen für die zentralen Begriffe der Töpferei — den Vorgang des Töpferns auf der Töpferscheibe und dessen Ergebnis — nicht erklärt worden wäre. Im Gegenteil, žiesti, púodas und ihre Verwandten in anderen baltischen Sprachen haben seit Langem die Aufmerksamkeit der Etymologen auf sich gezogen; die vorliegenden Erklärungen ihrer Herkunft sind unter phonetischem wie semantischem Gesichtspunkt mehr oder weniger überzeugend4. Interessant und durchaus möglich ist auch die neue Etymologie von O. Trubačiovas,
1 O. H. Трубачев, Ремесленная терминология в славянских языках, М., 1966.
2 J. Trier, Lehm. Etymologien zum Fachwerk, Marburg, 1951.
3 Doch nicht immer gelingt ihnen alles. So ist etwa die Behauptung grundsätzlich falsch, „Forschungen von Linguisten hätten gezeigt, dass das litauische Wort „žiesti“ slawischen Ursprungs ist“ (I. Mulevičienė, Dėl termino „žiedžiamasis ratas“ MAD, A serija, 2(36), 1971, S. 129). Kein Linguist hat das jemals behauptet. Der Artikel enthält noch weitere unbedachte Aussagen: „Drehbewegungen sind für das Wort „žiesti“ typischer“ (!), „Rad vom leichten Typ“, „Rad vom schweren Typ“ (leichter, schwerer Typ?!).
4 E. Fraenkel, LEW, S. 668, 1307 (mit litauischer Lit.). — Lit. púodas, lett. puõds mit altisl. fat „Gefäß, Gerät“, ahd. faz „ebd.“ usw. zu verbinden, ist nicht stichhaltig, denn germ. *fata- < *podo- „Gefäß, Gerät“
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Page 2dass puodas aus pãdas hervorgegangen sei, indem der Wurzelvokal durch Ablaut verlängert wurde⁵ (vgl. slaw. dial. vognь < *ugnis „Feuer“: vygnь < *ūgnis „Schmiede“). Dabei ist jedoch ein Umstand zu berücksichtigen, auf den bereits der Urheber dieser Etymologie selbst hingewiesen hat: „Связь прабалтий. *pōda-s и *pada-s нам кажется вполне очевидной, однако понять ее можно только на дополнительском уровне отношений, поскольку апофония ō:a в балтийском не существует как таковой“⁶.
In diesem Aufsatz sollen jedoch zunächst die grundlegenden Töpfertermini žiešti, pūodas und ihre Entsprechungen in den anderen baltischen Sprachen unter sprachinternem Gesichtspunkt untersucht werden. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Suche nach verwandten Lexemen derselben Sprache, die die Deutung der Herkunft der untersuchten Lexeme häufig in eine ganz andere Richtung lenken können.
1. Verwandte von lit. pūodas und lett. puōds
Das Lexem pūodas bedeutet im heutigen Litauischen „Metallgefäß zum Kochen von Speisen; Tongefäß (z. B. zur Aufbewahrung von etwas), Topf; Fischreuse; Ofenkachel“⁷. Nach den vorliegenden Daten ist es in allen litauischen Dialekten gebräuchlich. Das Wort findet sich häufig auch in alten Schriften und Wörterbüchern (von M. Daukša, J. Bretkūnas, S. Chilinskis, K. Sirvydas und Krauzė), wo es die Bedeutung „Tongefäß, Topf“ hat. Daher ist diese Bedeutung wohl als älter anzusehen als „Metallgefäß zum Kochen von Speisen“, die zweifellos mit dem Wandel der Sachverhältnisse entstanden ist.
Ähnliche Bedeutungen haben auch die Ableitungen von pūodas.
Neben puōdinas „(Adj.) rußig, verrußt“ (Daugai), gebildet nach dem Muster sūodinas: sūodys, sūodžiai, gibt es folgende Ableitungen des Lexems pūodas: puodynė „Tongefäß (z. B. zum Einfüllen von Milch); eine bestimmte alte Ofenkachel mit tiefer Vertiefung“, puōdynė „Töpferwerkstatt; Tontopf zum Mahlen von Mohn und Hanf“. Das Suffix -ynė wird recht häufig zur Bezeichnung von Orten (vgl. rūkynė „Räucherkammer für Fische“) und Geräten verwendet (vgl. karbynė „Korb“, skalvynė „bestimmter Korb zum Tragen von Futter“, skalbynė „Waschbrett“ u. a.)⁸. Bei seinen Ableitungen liegt der Akzent meist auf dem Suffix, manchmal aber auch auf der Wurzel, vgl. laidynė: láidynė, lindynė: lindynė, rūgštynė: rūgštynė, puodynė: puodynė.
Gesondert sei darauf hingewiesen, dass puodynė ebenfalls in allen litauischen Dialekten verbreitet ist; in den Bedeutungen „Tontopf zum Mahlen von Mohn und Hanf“ und „eine bestimmte alte Ofenkachel mit tiefer Vertiefung“ ist dieses Wort den vorliegenden Angaben zufolge jedoch nur in den nordwestlichen žemaitischen Dialekten bekannt (Dovilai, Leckava, Plikiai, Vieksniai).
⁴Die Herkunft ist weiterhin umstritten: Es könnte sich sogar um ein Wanderwort nicht-indogermanischer Herkunft handeln; siehe J. Hubschmid, Schläuche und Fässer. Wort- und sachgeschichtliche Untersuchungen…, Bern, 1955, p. 156–160. — Finn. pata „Topf (zum Kochen von Speisen), Topf“, est. pada „ebd.“ können keine Entlehnungen aus den baltischen Sprachen sein; vgl. Aulis J. Joki, Uralier und Indogermanen, Helsinki, 1973, p. 301.
⁵ О. Трубачев, op. cit., p. 208.
⁶ Loc. cit. — Dass in den Dialekten der baltischen Sprachgemeinschaft ein kurzer Vokal o existierte (siehe И. Казлаускас, К развитию общебалтийской системы гласных, ВЯ, 4, 1962, p. 20–24; V. Mažiulis, Baltų ir kitų indoeuropiečių kalbų santykiai, Vilnius, 1970, p. 11 ff.; vgl. LKK, X, 1968, p. 52 ff.), ist nicht gesichert; vgl. Chr. S. Stang, Vergleichende Grammatik der Baltischen Sprachen, Oslo–Bergen–Tromsø, 1966, p. 22 ff.
⁷ „Lietuvių kalbos žodynas“, Bd. X (Manuskript).
⁸ P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, Vilnius, 1943, p. 271.
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Page 3Die nordwestlichen samogitischen Dialekte (Dovilai, Kretingalė, Laukžemis, Mosėdis, Notėnai, Plateliai, Plikiai, Salantai, Skuodas, Šatės) kennen auch das Lexem pūdȳnė, pūdynė „eine in den Ofen eingemauerte Vertiefung zum Ablegen von etwas; eine bestimmte Ofenkachel; ein solches Tongefäß, ein kleiner Topf zum Mahlen von Hanf und Tabak“. Die Bedeutungen der Lexeme pūodynė und pūdynė liegen so nahe beieinander, dass man sie unweigerlich als wortverwandt ansehen muss. Der Umstand, dass pūdynė und pūodynė, pūodas (Barstyčiai, Mosėdis, Plungė u. a.) im selben Dialektgebiet gebraucht werden, lässt nicht zu, sie als phonologisch auseinander hervorgegangen anzusehen, zumal in diesen Dialekten bekanntlich auch der Unterschied der Vokale uo: ū (dial. ou: ū) bewahrt ist. Die Vokalassimilation, durch die in den dounininkischen Dialekten vor den hohen Vokalen der folgenden Silbe anstelle von ou uu (d. h. ū) auftritt, ist für die östlichen Dounininken charakteristisch. An eine lexikalische Infiltration aus den Dūnininken-Dialekten, die viel zu weit entfernt sind, lässt sich ebenfalls kaum denken.
Aus diesen Gründen wäre die einfachste Erklärung des historischen Zusammenhangs der samogitischen Lexeme pūdynė ir pūodynė, dass pūdynė eine eigenständige lexikalisch-semantische Einheit ist, die durch Ablaut mit den wortverwandten Lexemen pūodynė ir pūodas⟧ verbunden ist. Das Lexem pūdynė ist demnach offenbar nach dem erwähnten Wortbildungsmuster mit dem Suffix -ynė aus dem ursprünglichen Nomen *pūdas gebildet, das die Bedeutungen „Tongefäß (zum Mahlen von Hanf oder Tabak)“, „eine bestimmte Kachel, ein Ziegel“ u. Ä. hatte. Das morphologisch-wortbildende Verhältnis der Nomina pūodas: *pūdas (< pūdynė) ist dasselbe wie das, das wir etwa zwischen bluõzgas „Schuppe, Schilfer“: blūzgas „ebd.“, brūžas „Streifen, Strich, Linie“: brūžas „Schleifstein, Feile“, čiūopas „nachlässiger und untauglicher Mensch, Tölpel“: čiūnas „einer, der herumtastet, Tölpel“, diūobas „Baumhöhle“: dī̀bas „Schüssel“, lūosas „jemand, dessen Bein, Arm oder ein anderes Körperteil gebrochen ist“: lūšas „ebd.“, plūosas „Faser, Tuch“: plūšas „eine Bastfaser, Bast, Riss; Splitter, Fetzen“, šūodys „Russe“: sūdys „ebd.“, iūognas „überschwemmte Stelle, wasserführende Rinne“: liūgnas „kleine Pfütze, Wasserlache, Sumpf; Morast; Moor, Sumpfgebiet; Wasser, das aus dem Fluss ausgetreten ist und in der Niederung zurückblieb“. Neben Nomina mit akutiertem Wurzelvokalismus uo gibt es, wie man sieht, Nomina mit Vokalismus ū und zirkumflektiertem Akzent — genau dies findet sich auch bei pūodas: pūd- (vgl. pūdȳynė).
Die Lexeme pūdynė, pūodynė, pūodas haben mehr oder weniger ähnliche Bedeutungen. Zusammengenommen treten auf der Inhaltsebene einerseits deutlich „Tongefäß, kleiner Topf (zum Aufbewahren von etwas, zum Mahlen von Mohn, Hanf oder Tabak)“ und andererseits „(eine bestimmte alte) Ofenkachel (mit tiefer Vertiefung zum Einmauern in den Ofen)“ hervor (aus letzterer könnte sich durch Metonymie die Bedeutung „eine in den Ofen eingemauerte Vertiefung zum Ablegen von etwas“ entwickelt haben). Bezeichnenderweise findet sich ein entsprechendes Bedeutungsverhältnis auch bei den verwandten lettischen Lexemen.
Lit. pūodas entspricht im Lettischen bekanntlich puõds „der Topf; der Kessel“ (vgl. auch die Ableitungen und ihre Bedeutungen: puõdelis „der Topf“, puõdeņš „Krug“, puodiņš (ohne k) „ein Gefäß, in dem das Essen gekocht wird“ ME 454, EH II 345). Das Lettische kennt auch Pilznamen, vgl. puõdelis „ein bestimmter Pilz“, puõdiņš² „ein junger Birkenpilz“, puõdeņš „bērzlape“, doch handelt es sich dabei wohl um neue Bedeutungen, die auf einer gewissen äußerlichen Ähnlichkeit der bezeichneten Gegenstände beruhen. Für historische Rekonstruktionen kann daher neben „der Topf“ nur die Bedeutung krāšns puods, krāšpuods, puodiņš (ohne k.) „die Ofenkachel“ von größerer Bedeutung sein.
Das Nebeneinander der Bedeutungen „Tontopf, der Topf“ und „Kachel, die Ofenkachel (d. h. ein bestimmter Ziegel“ ist auch anderswo belegt, vgl. altostsl. плита „Stein,“
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Page 4Ziegel“: serb.-kroat. птица „Schälchen“; lat. testa „Ziegel, Dachziegel“: „Tongefäß, Topf“. Die Belege aus den germanischen (vgl. dt. Kachel „Ofenkachel“ < ahd. chachala „Tontopf“ < vulgärlat. *cacculus, vgl. lat. caccabus „Schmelztiegel, Bratpfanne“⁹) und slawischen Sprachen (vgl. russ. dial. горшки „leere, leichte, keilförmige Ziegel für den Bau von Gewölben“: горшок „rundes, gewölbtes Tongefäß verschiedener Art, am Feuer gebrannt“¹⁰) lassen vermuten, dass „Kachel, die Ofenkachel“ aus der Bedeutung „Tontopf, der Topf“ hervorgegangen ist. Die prußische Entsprechung weist gerade die letztere Bedeutung auf.
Pruß. podalis „schlechter Topf, böser Topf“ entspricht semantisch und morphologisch genau dem samogitischen puodālis: Das Suffix -alis hat in beiden Sprachen eine augmentative und pejorative Bedeutung (vgl. die prußische Bedeutung „schlechter Topf“!). Eine pejorative Bedeutungsnuance ist auch beim lettischen Lexem puōdelis erkennbar. Somit reicht die semantisch-morphologische Identität der Derivate dieser drei Sprachen offenbar tatsächlich bis in ferne Vergangenheit zurück; bei der Suche nach Verwandten von puōdas, puōds, pod-alis sollte man daher von der Bedeutung „Tontopf“ ausgehen. Die Richtung der Suche nach verwandten Lexemen weist zugleich auch das Lexem pūd-ynė, das, soweit bekannt, bisher nicht berücksichtigt worden ist.
In den litauischen Dialekten hat puōdas in einem Beleg die Bedeutung „Fischreuse, Reuse“: Kap nuvėjau puodo krėsti, tai pusę puodo radau žuvų Ūdrija. Vielleicht wäre es zu kühn zu behaupten, dies sei die alte, ursprüngliche Bedeutung von puōdas, puōds, pod-alis; dennoch ist ihr Vorhandensein aufschlussreich: Historisch betrachtet ist der Unterschied zwischen den Bedeutungen „Tontopf“ und „Fischreuse, also ein bestimmter Korb oder sogar eine bestimmte Art Fass“ (vgl. bučius „aus Ruten geflochtenes Gerät mit Trichter zum Fischfang; Reuse; ein aus Garn gestricktes, reusenähnliches Gerät zum Fischfang; ein aus Ruten geflochtener geschlossener Korb zum Aufbewahren gefangener Fische im Wasser; ein mit Stroh und Spänen geflochtener Behälter“) nicht wesentlich; folglich können beide Bedeutungen zu einem Wort gehören oder zu verschiedenen, aber wortverwandten Wörtern.
Der Bedeutungsbereich erweitert sich, wenn man hier noch lett. puōdiks² „ein Spann (Fußrist)“ ME III 454, puodinieks (ohne k.) „der Hintere (?)“ EH II 344 sowie lit. pūdүmas, pūdymas, pūdȳmas „Gesäß, Hinterteil, Sitzfläche“ hinzunimmt.
Zu dieser Gruppe von Lexemen und Bedeutungen lassen sich ferner Lexeme mit dem Ausdruckssegment pūd-/pud- rechnen, etwa lett. pūdis (ohne k.) „der Haufe; die Menge“, pūdele (auch Teer pūdelis) „der Paudel; der Teerpaudel“, pūdenis (ohne k.) „eine Art Kaffscheune“ ME III 445, pudas „altes Gerümpel, alte Kleider, Lumpen“ (pudat „kramen, aufschichten“) ME III 401, lit. pūdulas „Bündel, Klumpen“, lett. pudra, pudrs „ein Haufe“, pudurs, puduris „ein Büschel, ein Strauch mit Wurzeln; ein Haufe; ein kleiner Hügel“, puduriņš, pudurītis „ein kleines Wäldchen, eine Baumgruppe“ ME III 401–3, EH II 320–1, lit. pūduras „Gruppe, Haufen, dicht bewachsene Fläche aus Bäumen, Sträuchern oder Getreide; Wolke“, lett. pudiks „ein halbwüchsiger Knabe“, pudikis „ringförmiges Eisen, mit dem die seitlichen Seile an den Schiffsrändern befestigt werden“ EH II 320.
Es wäre allzu schwierig und vielleicht auch nicht zweckmäßig, für jeden Teil dieser semantischen Kette nun Parallelen in anderen indogermanischen (oder nichtindogermanischen) Sprachen zu suchen, um zu zeigen-
9 H. Paul, Deutsches Wörterbuch, Achte Aufl., bearbeitet von A. Schirmer, Halle (Saale), 1961, p. 317.
10 В. Даль, Толковый словарь, I, М., 1955, p. 382–3.
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Page 5… ihre Regelmäßigkeit und damit auch ihre Zugehörigkeit zu einstämmigen Lexemen. In diesem wie auch in anderen ähnlichen Fällen ist es besser, die Frage zu stellen, ob die festgestellte semantische Kette als Ganzes in einstämmigen Lexemen auftreten kann oder nicht. Wenn festgestellt wird, dass irgendeine Bedeutung oder eine Gruppe von Bedeutungen Lexeme mit anderen Wurzeln in anderen Sprachen oder in derselben Sprache hat, kann man eher an ihre Verwandtschaft und an die untersuchten Fälle denken. Die Verwandtschaft zweier Bedeutungen oder einer ganzen Gruppe von Bedeutungen wird also ipso facto aufgezeigt.
Zu bedenken ist auch, dass als assoziative Merkmale von Gegenständen der Außenwelt, die sich im semantisch-lexikalischen System widerspiegeln, sehr häufig nicht ihre konkreten physikalischen Eigenschaften auftreten (zum Beispiel Ton-, Holz- oder Flechtbeschaffenheit), sondern ihre abstrahierten und verallgemeinerten Merkmale, etwa „Wölbung, Erhebung“, „Hohlheit“ und Ähnliches. Solche und ähnliche Merkmale können selbstverständlich mehrere Objekte aufweisen, zum Beispiel ein Haufen, ein Bündel, ein Klumpen, ein Hügel und Ähnliches. Im Zuge einer lang andauernden historischen Entwicklung sind solche assoziativen Merkmale nicht selten mit diametral entgegengesetzten Merkmalen verflochten, etwa „Wölbung, Erhebung, Konvexität“ mit „Einbuchtung, Konkavität“. Wirklichkeitsobjekte oder Bewusstseinsvorstellungen mit gleichen assoziativen Merkmalen können, wie es scheint, durch einstämmige Lexeme ausgedrückt werden.
Es sei darauf hingewiesen, dass konkrete physikalische Eigenschaften der Objekte auch in der historischen Entwicklung, bei der Herausbildung lexikalisch-semantischer Einheiten und ihrer wechselseitigen Beziehungen, eine Nebenrolle gespielt haben, denn „....значения „глиняный“, „глина“ фигурируют как сугубо промежуточные звенья, вторично конкретизованные значения, восходящие к иным значениям, к обозначениям иных технических действий, подчас достаточно общего характера: „вертеть“, „крутить“, „плести“. Особенно интересна при этом удивительная живучесть семантической модели „оплетенное, окруженное“ > „глиняный сосуд“... На примерах этимологического выявления ее реликтов, а также на констатации активного воспроизводства этой семантической модели мы вплотную касаемся докерамической древности материальной культуры предков носителей славянских диалектов“11. Die Töpferterminologie der baltischen Sprachen ist, wie erwähnt, unter diachronischem Gesichtspunkt kaum erforscht; das verfügbare Material aus diesem Bereich lässt jedoch vermuten, dass die baltischen Sprachen dieselbe Entwicklungsstufe der Herausbildung von Töpfertermini durchlaufen haben wie die hier für die slawischen Sprachen rekonstruierte. Es ist durchaus möglich, dass die Wurzel *pūd- „(aus-, auf-) blasen“ (siehe unten) früher „winden, flechten“ bedeutete, da die Bedeutungen „blasen, schwellen“ und „drehen, winden, flechten“ eng miteinander verbunden sind; vgl. zum Beispiel litauisch tinti (-sta) und lettisch tīt (tinu) „winden, wickeln, flechten“. Daher sollte es nicht überraschen, dass man bei der Erklärung der Herkunft der grundlegenden baltischen Töpfertermini pūodas, pūods, pod-alis unmittelbar auf verschiedene geflochtene und sonstige gebogene oder gewölbte Gefäße (Korb, Bottich und Ähnliches) zurückgreift, als die ältesten Objekte, deren Bezeichnungen ihrerseits weiter mit Lexemen verknüpft sein können, die verschiedene erhabene, gewölbte beziehungsweise eingedellte, konkave Objekte bezeichnen.
Die nachstehenden Reihen von Lexemen unterschiedlicher Wurzeln und Bedeutungen sollen sowohl die Möglichkeit eines historischen Zusammenhangs zwischen den Bedeutungen der beiden Lexeme mit der Wurzel puod-/pūd-/pud- als auch die Möglichkeit eines Zusammenhangs zwischen ihnen allen zusammengenommen veranschaulichen:
11 О. Н. Трубачев, op. cit., p. 228–9.
9. Lietuvių terminologija
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Page 61) krājus „Seiten eines Siebes oder einer Rüttelwanne, Rand, Reif; Erhebung an der Fußsohle, Spann; Stelle des Schuhs am Spann“, krājelis „Vorrichtung, auf der Fäden vor dem Aufwickeln auf die Kette gezwirnt werden“, „Griff einer Sense oder eines Spatens; Seiten eines Siebes oder einer Rüttelwanne, Rand, Reif“, krājuks „Griff einer Sense oder eines Spatens“, krējis „aus Weidenruten geflochtene Vorrichtung, die an einer pferdebetriebenen Dreschmaschine verwendet wird, um das Stroh zu schütteln, damit die Spreu mit den Körnern herausfällt“, lettisch kreja „ein kleines Zugnetz“, litauisch krijà „Seiten eines Siebes oder einer Rüttelwanne, Bogen; hölzerne Einfassung um einen Mühlstein, damit beim Mahlen kein Mehl verschüttet wird, Bottich; Rahmen, an dem der Lampenschirm befestigt ist; Siebnetz; aus Schnüren geflochtener Bettboden; Vorrichtung, auf der Fäden vor dem Aufwickeln auf die Kette gezwirnt werden; „großes Eisstück, Eisscholle““, krijas „Seiten eines Siebes oder einer Rüttelwanne; aufgesetzte, senkrechte Deckelränder; Hut- oder Mützenrand, Bogen; Seiten eines Bottichs; Schaft eines Schuhs; Siebnetz; aus Schnüren geflochtener Bettboden; aus Fasern geflochtenes Sieb zum Abtropfen von Klößen; Vorrichtung, auf der Fäden vor dem Aufwickeln auf die Kette gezwirnt werden; Teil einer Vorrichtung zum Schleudern des Honigs aus den Waben; Welle einer Dreschmaschine, an der die Dreschflegel befestigt sind; gebogenes Eisenstück, das am Wagen für leichteres Abbiegen angebracht ist“, lettisch krīja, krijs, krijš „die Lindenborke; abgerissene Linden od. Fichtenborke (Aus der Lindenborke wurden besonders früher verschiedene Gegenstände verfertigt, z. B. Schlitten, Sattel, Aussteuerkasten); der Bastrand eines Siebes, Riegensiebes; sieta luočinš, mala; oberer Teil der Rüttelwanne, an dessen unterem Rand das Geflecht befestigt ist; ein Korb aus Lindenborke; ein Lindenbrett“, litauisch krijėlis „Vorrichtung, auf der Fäden vor dem Aufwickeln auf die Kette gezwirnt werden; Teil eines Butterfasses, Kreuzstück, Scheibe“ (: krýti „biegen, krümmen“, krýti, krėja, krieči, krieja, krėja „ausbreiten, wickeln“);
2) kārpa „(Gau-)Korb; ein ovales hölzernes Kästchen; eine aus Rinde(n) gefertigte Tüte zum Beerensammeln, ein aus einem dünnen Brettchen (Esche, Birke oder Espe) länglich-rund gebogenes kleines Gefäß usw.“, „die Warze; ein Hühnerauge“, kārpa „eine Muschelschale“, litauisch kārpa „kleine Erhebung und Verhärtung der Haut; verhärtete Erhebungen an Baumrinde oder Blättern; Brustwarze usw.“, lettisch kārpis, kārpe „ein flaches und beinahe rundes Fischerboot zum Lachfangen“, „Korb, ein rundes hölzernes Gefäß, in das Butter, dicke Milch oder auch Fleisch getan wird“, cērpa, cērps „der Hümpel, ein Erdhäuflein, ein aufgeworfener Sandhügel; langes Grass, besonders im Morast, Grashügel; der Strauch; ein Baumstumpf; Baumwurzeln; das Haar, besonders verwühltes, buschichtes“, cērpuļi „kleine mit Beerenstauden bewachsene Hümpel in Sümpfen“, litauisch kėrpė „kleine, niedrig wachsende Pflanze, die auf Steinen, Bäumen und Dächern wächst; Schwamm, Baumschwamm; Baumwuchs, Knorren; dicke, rissige, verholzte Birkenrinde; Brotkruste, Ecke, Brotkante; Gesäß des Menschen; aufgeworfene Schweineschnauze, Rüssel usw.“, kerplā, kėrpla „stark verzweigter Baumstumpf; Grassode“, kerplė, kėrplė „Baumstumpf mit Wurzeln, Wurzelstock, Wurzeln eines gefällten Baumstumpfs; entwurzelter Baum; Kopf; wer fett oder dick ist; jemand Unordentliches, Zerzaustes“, kėrplėša, kerplėša „entwurzelter Baum samt allen Wurzeln; Wurzeln eines entwurzelten Baumes; alter, verrotteter, von Moos oder Gras überwachsener Baumstumpf; Hügel; ein bärtiger und behaarter, ungepflegter, hässlicher Mensch usw.“ (: kėrpti, -ia „etwas locker oder hastig binden“, kerpti, -a „in die Breite wachsen, sich ausdehnen, sich ausbreiten“);
3) kārba, kārba „eine Düte aus Erlen- od. Birkenrinde, worin namentl. Erdbeeren gesammelt werden; ein Gefäss aus Birkenrinde; ein Fischerboot zum Lachsfang; ein ovales, hölzernes Kästchen“, „die Warze“, kārbiņa „ein Körbchen,
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Page 7eine Schachtel; die Dachpfanne; ciba, ein rundes, hölzernes Gefäß, in das Butter, dicke Milch, auch Fleisch getan wird etc.“; lit. kárba „ein solches altertümliches Recheninstrument — ein Holzstück mit eingeschnittenen Kerben“, karbas „Korb, Flechtkorb, Sieb; großer Flechtkorb zum Tragen von Viehfutter, doklas“, „Kerbe, Riss, Rand, Einschnitt, Einhieb; Vorsprung am Rand, Unebenheit, Auskerbung; Stock mit Kerben zum Markieren von Zahlen“, kerba (ohne k.) „Traube (Früchte)“, kėrbinė „ebd.“, kirba „Morast, Sumpf; Menge, Haufen, kirbinė“, kirbinė „Kette; Reihe; Traube; Schar, Haufen, Gruppe“, kirbinė (ohne k.) „Flechtkorb, Korb“, kirblys „Stängel, Pflanzenstiel“ (: kerbti, -ia „lose binden; lose, schlecht flechten“, kirbti, -sta „gerinnen, anfangen zu säuern“, ap-kirbti „überwachsen, sich an etwas festsetzen“).
4) lit. kiaūburas „Hügel“, lett. kaūba „Ende des Berges“, lit. kaubarė, kauborė (ohne k.) „ausgehöhltes Holzgefäß, Holzschüssel“, kaūbras „niedrige Erhebung“, kaubrė, kaūbrė „Hügel, Anhöhe; Buckel, Höcker“, kaubrỹs „Kamm, Gipfel eines Berges oder Hügels; Erdklumpen, Erhebung; eine Art Aufgeblasenheit, Erhebung“, kaūburas „Kamm, Gipfel eines Berges oder Hügels; Erdklumpen, Erhebung“, lett. kauburs (ohne k.) „der Hügel“, kaūburė „Berggipfel“, kauburỹs „niedrige Erhebung; Kamm, Gipfel eines Berges oder Hügels; Erdklumpen, Erhebung, eine Art Aufgeblasenheit, Erhebung“, lett. kubis „der Kopf“, kubele, kubela „die Eichel (am männlichen Gliede)“, kubis „der Zulp für Säuglinge“ (zur Bedeutung vgl. knupis „ein zusammengenähtes Tuch, in dem etwas getragen wird; der Zulp für Säuglinge“), kubls, kubla, kublis „der Kübel, Bottich“, lit. kublulis (ohne k.) „ausgehöhltes Holzgefäß“, dial. (žem.) kūbelas „Kübel“, lett. kubelelis „(verächtl. Demin.) ein kleiner Kübel“, kubals „der Kübel, Bottich“, kubils „ebd.“, lit. kūbilas „Fass mit breitem Boden zum Einfüllen von Mehl und Getreide, zum Einlegen von Gemüse und Aufbewahren von Flüssigkeiten; verschließbares Fass zur Aufbewahrung von Kleidung; Aussteuerkübel; großes ausgehöhltes Holzgefäß mit eingesetztem Boden, Einbaum usw.“, kubūlkė, kubulkis (ohne k.) „kleines Holzgefäß“, lett. kubuls „der Kübel, Bottich“, kubulis „der Kübel, Bottich“, „Unebenheit, Erdklumpen“, kubris „der Buckel, Höcker“, lit. kūbrỹs, kūbris „Rücken am Nacken, Höcker, Kamm; Rücken, Buckel; Berggipfel, Kamm; Hügel, Erhebung; Unebenheit, Erhebung“, kuborė (ohne k.) „großer Holzlöffel zum Schöpfen von Suppe“, kūburas „Erdhügel, den ein Maulwurf aufgeworfen hat“, kubūrė „kleiner, dicker Mensch“, kū-būrė „Hügel, Erhebung, Buckel; Haufen“, kuburỹs „Gipfel; Hügel, Erhebung; Erdklumpen; Unebenheit, Erhebung“, lett. kuburis „eine schlecht anliegende Stelle am Anzug“, lit. kubūrka, kubūrkė „kleines Holzgefäß“, lett. kubucis „Quark in süßer Milch“, „eine große ciba; ein hölzernes Trinkgefäß; ein mit einem Deckel versehenes Gefäß aus Birkenrinde, worin man Beeren sammelt od. Tabak bewahrt; ein Erdkloss; ein kleiner cinis; ein Brotende; ein Stückchen Brot; eine kleine Erhöhung“ (: mu-kiaūbti, -ia „aushöhlen, verschwinden“, kūbti, -sta „sich (zur Erde) neigen“, lett. kubinât „decken“, ap-kubinât „umlegen“);
5) pūnė, pūnė „klojimo užgardis supilti pelams, peludė; tvartas, diendaržis, laidaras; būda, palapinė; ola, urvas“, pūnė „kiaušinio tuštuma“, lat. pūne, pūnis „eine Scheune, Heuscheune, eine Heu- od. Strohcheune; ein kleines, scheunenartiges Gebäude am Meeres- od. Seeufer zum Aufbewahren von Fischerwerkzeugen; telpa kūts tuvumā luoparbības glabāšanai etc.“, pūnis „eine kleine Scheune für Heu, Stroh und Kaff; Heuscheune im Walde etc.“, pūns „eine Bauerhütte“, pūna „tine, ein grosses, rundes hölzernes Gefäss mit Deckel“, pūņa „ein feuchter,
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Page 8sumpfiger Wald, ein mit kleinen Kiefern bewachsener Sumpf etc.“, puns, punda, pune, punis „eine Erhöhung, eine Beule, ein Knollen, Knoten, ein hartes Geschwür, ein Knorren, ein Auswuchs am Baum, ein Höcker“, pauna „der Schädel; der Stirnknochen; der Kopf; das Maul“, paũna, paúna, paunis „eine kleine Mütze; ein Ranzen, Tornister; ein Bündelchen; ein Ränzel, ein Paudel; Lumpen, Kram; Bündel, Last“.
Bei einigen Wörtern dieser fünf Reihen von Lexemen (z. B. pūnė, kūbilas, pūde-le) kann Zweifel aufkommen, ob sie etymologisch tatsächlich zu den Wurzeln gehören, denen sie hier zugeordnet werden. Diese Zweifel ergeben sich nicht aus phonologischen, wortbildungstechnischen oder semantischen, sondern aus ganz andersartigen Gründen (Verwendung des betreffenden Wortes irgendwo im Grenzgebiet des litauischen oder lettischen Sprachraums; Vorhandensein eines genauen lexikalischen Gegenstücks in größeren, also auch als einflussreicher geltenden Nachbarsprachen¹² usw.). Die Bedeutung des Wortes ist Teil einer zusammenhängenden semantischen Kette; sein Verhältnis zu den anderen Gliedern dieser Kette wiederholt sich auch bei Lexemen anderer Wurzeln, weshalb sie ebenfalls Teil eines organischen historischen Prozesses sein kann¹³. Die Wortbildungseigenschaften des Wortes entsprechen denen, die das in der betreffenden Sprache wirksame Wortbildungsmodell aufweist¹⁴. Daher kann man auch die Auffassung nicht für absurd halten, die der Möglichkeit einer Erklärung der Herkunft des Lexems mit sprachinternen Mitteln den Vorzug gibt.
Für die etymologische Identifizierung von puodas, pūodas, pod-al(is) und anderen pūd- / pud--Lexemen sind die Wörter der letzten Reihe besonders bedeutsam, weil sie, wie K. Būga¹⁵ bereits festgestellt hat, derselben Wurzel angehören wie die pūd- / pud--Lexeme. Diese Wurzel ist wahrscheinlich idg. *peu- / *pou- / *pū- „blasen, auf-, aufblasen“¹⁶,
12 Es ist zu sagen, dass eine solche Auffassung nicht unfehlbar ist, denn indem sie historische Epochen sowie die geografischen und kulturellen Verhältnisse der Gegenwart miteinander vermengt, projiziert sie diese in ferne Vergangenheit: „a) the geographic area of the Baltic speakers in his day [gemeint ist A. Bach] was very small in comparison with that of the speakers of Germanic languages; b) that in fact in rather recent times the Baltic languages borrowed a great many loanwords from German. For the prehistoric situation then he also considered a similar possibility; c) for decades, it was assumed that there were quite a few borrowings from Proto-Germanic into Baltic but, for some unexplained reason, that Proto-Germanic did not reciprocate by borrowing from Baltic“, — A. Klimas, Baltic, Germanic and Slavic, Donum Balticum, Stockholm, 1970, p. 264—5. In ferner Vergangenheit könnten diese Verhältnisse grundlegend anders gewesen sein, und die baltischen Dialekte könnten nicht nur Nehmende, sondern auch Gebende gewesen sein (nicht nur gegenüber den finno-ugrischen, sondern auch gegenüber den indogermanischen Sprachen im Osten und Westen.
13 Vgl. die ausgezeichnete von K. Būga gegebene Begründung des semantischen Zusammenhangs von pūnė „Stall“ mit den anderen Lexemen: K. Būga, RR, II, p. 525—6.
14 Z. B. vgl. hinsichtlich des Suffixes von kūb-ilas folgende Bezeichnungen für Werkzeuge und Geräte: brizgilas „Zaum“, krātilas, krētilas „großes Sieb zum Aussieben der Spreu aus gedroschenem Getreide“, rūtilas „Kreis, Rad, Bogen“, rētilas „Sieb zum Worfeln der Spreu“, sprāgilas „Dreschflegel“, trainilas „Verbindungsstange der Räder“. Nicht wenige Bildungen mit dem Suffix -ilas beruhen letztlich auf einem Verb, vgl. brizgilas (: brizgas): brizgti, brizgėti; sprā-gilas: spragėti, sprogti, also auch kūbilas: kūbti. Zu den semantischen Beziehungen von kūbilas vgl. außerdem LKK, XII, 1970, p. 181—3. Das slawische kոբъlъ könnte eine alte Entlehnung aus den baltischen Sprachen sein (vgl. raka, rataj usw.), die auch in die germanischen Sprachen gelangt ist (vgl. dt. Kausche, Kaddig, Daggut, Elen usw.). Das litauische kūb-ilas, kūb-elas hat ein etymologisches Gegenstück im Griechischen, vgl. χϐώλον „Ellenbogen“; zum Verhältnis der Suffixe *-el/-l-: *-ōl- vgl. obelīs: obuolys; zur Bedeutung und zum Suffix vgl. außerdem gr. κύπελλον „Becher“, gebildet von der parallelen Wurzel idg. *kup-. — Anders E. Fraenkel, LEW, p. 304 (mit Lit.); V. Urbutis, Baltistica, VIII, 1972, p. 205; B. Vanagienė, V. Vitkauskas, LKK, XIII, 1972, p. 222.
15 K. Būga, RR, I, p. 332—3.
16 Zu ihr siehe P. Persson, Beiträge zur indogermanischen Wortforschung, I, Uppsala—Leipzig, 1912, p. 241—250; J. Pokorny, IEW, p. 847.
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Page 9vgl. arm. heval „schnell und schwer atmen“ (*peudā-), (h)ogi „Atem, Atmung, Geist“ (*pou̯io-), mittelir. ūan, kymr. ewyn, breton. eon „Staub“ (*pou̯-ino-). Auf der Grundlage dieser ursprünglichen Wurzel konnten in den baltischen Sprachen mit den Formantien -n- und -d- neue Wurzeln gebildet werden: pun- | pūn- | paun- und pud- | pūd- | paud-. Abgesehen von den genannten pud- | pūd--Lexemen können in diesem Fall der Wurzel pud- | pūd- | paud- zugeordnet werden: lit. pudénti „aufrauen, lockern“, lett. pudīt (-ījū) „fortschaffen; jemanden aus dem Schlaf wecken oder aufscheuchen“, -tiės „sich beeilen (etwas zu tun)“, sa-pudītiės „sich für eine Reise oder Fahrt zurechtmachen“, pudātiės „sich lange und viel ankleiden“, sa-pudāt(iēs) „sich dicht in alte Kleider einhüllen“, lit. pūdinti, pūdyti (-ija) „treiben, antreiben, zwingen; angreifen“, pudlùs „leicht auszuschütteln, locker“, lett. pudlavāt, pudļavāt „wehen lassen, zerzausen (z. B. von den Bändern des Kopfschmucks, vom Wind gesagt)“, pūdulas (siehe oben), pūdulis „ein unordentlicher, zerzauster, verstruppelter Mensch“, pūdulioti, pūduliuoti „verfilzen, zerzausen, zerwühlen, schütteln, rütteln“, su-pūduloti „verfilzen, zerzausen“, pūdáloti, pūdalióti, pūdalėti, pūdelioti, pūdáloti „zerzausen, verfilzen, aufrauen, auflockern“, apsi-pūdaloti „sich dick anziehen, sich einwickeln“, pūdeluoti, pūdeluoti „zerbröckeln, zerkleinern; (Haare) aufbauschen, locken“, pūdelėti „eggen“, lett. pūdelēt „die Haare zerwühlen“, pūderis „einer mit aufgebauschtem Haar“, pūderioti, pūderioti „(Haare) sträuben; schmücken, zieren“, iš-pūderioti „auseinanderreißen, zerfetzen, auflockern“, pūderėtis „sich schmücken, sich zieren; herumwühlen, spielen“, nu-pūderiuoti „abreißen, zerfetzen“, lett. pūderēt „hauen, schlagen, prügeln“, paūdēt „bekannt machen, unter die Leute bringen“, paust (-žu) „bekannt machen, öffentlich verbreiten“.
Dass diese Lexeme offenbar zu einer Wortfamilie gehören, kann kaum bezweifelt werden. Wie sich aus der ursprünglichen Bedeutung „blasen, auf-, hineinblasen“ die Bedeutungen „verfilzen, zerzausen, zerwühlen“, „schütteln, rütteln“ usw. entwickelt haben, zeigt anschaulich der Bedeutungsumfang von lett. pudlavāt. Rekonstruiert man die älteste Bedeutung „(auf-, hinein-)blasen“, wird hinreichend klar, wie pūd- | pud- und damit auch die Lexeme puod- assoziative Bedeutungsmerkmale wie „Ausbauchung, Wölbung, Konvexität“, „Hohlheit“ und Ähnliches erhielten, die sich folglich in ihrem Ursprung auf die Vorstellung des Aufgeblasenseins zurückführen lassen.
Sowohl bei den Lexemen der Wurzel pun- als auch bei denen der Wurzel pud- führte die historische semantische Entwicklung natürlicherweise zu Bedeutungen wie „Bündel, Klumpen, Haufen, ein Haufe“ (pūdulas, pūduras, pūdis, paūna, paūna), „Spreuscheune, Heuscheune, Kaffscheune“ (pūdenis, pūnė, pūne, pūnis), „Reuse, Fischreuse, Korb, ein Ranzen, Tornister, ein Ränzel, ein Paudel“, „Tongefäß, Krug, Topf, ein Topf, ein Kessel, ein Gefäß“, die bei puodas, pūods, pod-alis, pūd-ynė, pūdele, pūna, paūna, paūna belegt sind. Da, wie die hier entwickelte Hypothese zeigt, der Wurzelvokalismus der Lexeme puodas, pūods, pod-alis zur u-Ablautreihe gehören könnte, könnte ihre Wurzel ursprünglich *poud- gelautet haben; später könnte sie sich infolge der lautlichen Entwicklung zu *pōd- verändert haben, woraus altpreuß. pod-alis und lit., lett. puod(a)s hervorgingen.
2. Semantik und Verwandte von lit. žiėsti, lett. ziest
Lit. žiėsti (-džia) ist ein in den hochlitauischen Mundarten weit verbreitetes Verb. Auch sein Bedeutungsumfang ist groß. In einem größeren Teil der Mundarten (Alovė, Butrimonys, Leipalingis, Miroslavas, Rudamina, Seinai, Švenčionėliai, Šventežeris, Valkininkai, Žilinai u. a.) bedeutet es „etwas (schön, hübsch) machen (Holzschuhe, Löffel, Schöpfkellen, Schlitten, Wagen, Häuser)“. An diese Bedeutung schließt sich „(ein Kind) zeugen“ an, belegt in Leipalingis,
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Page 10Miroslavas, Valkininkai, „eine Mütze nähen“ in Alytus, „Fäden zu einem Knäuel wickeln“ in Leipalingis, „zerschlagen, verprügeln“ in Nočia (vgl.: Jau sužiedei tą gražų puodelį). Die zuletzt genannten Bedeutungen treten in präfigierten Formen (nu-, su- usw.) des Verbs žiėsti auf; sie sind also Varianten der Bedeutung „etwas (schön, hübsch) machen“.
Eine weitere, in den hochlitauischen Mundarten (Alovė, Aukšdvaris, Joniškis, Kabeliai, Kapsukas, Linkmenys, Linkuva, Liškiava, Miroslavas, Vadokliai u. a.) bekannte Bedeutung von žiėsti ist „drehen, aus Ton herstellen“. In den südosthochlitauischen Mundarten hat das Verb mit dieser Bedeutung einen fallenden Tonakzent: žiesti (-džia) in Dieveniškės, Jieznas, Mielagėnai, Žilinai.
Schon aus der Beschreibung der synchronen Semantik des Verbs žiėsti (žiesti) wird ersichtlich, dass seine Bedeutungsentwicklung hier, wie auch anderswo, vgl. etwa ahd. mah(h)ōn „machen, bauen, erschaffen“ (dt. machen), ae. macian „(an)fertigen“ (heute make); gr. μάσσω „ich knete (Ton), töpfere“ (aus *magiō, vgl. Aorist ἐμάγην), in Richtung Generalisierung verlief: Mit dem Wandel der jeweils relevanten Situationen erweiterte das Wort nach und nach seinen Anwendungsbereich und erlangte schließlich die abstrakte Bedeutung des Machens und Tuns; vgl. ferner lit. daryti: dirti, altpreuß. seggit „machen“: lit. sėgti.
Diese Bedeutungsentwicklung ist zweifellos ein Erzeugnis älterer Zeiten, da sich beide Bedeutungen von žiėsti bereits in älteren litauischen Schriften und Wörterbüchern finden. Vgl. einerseits den Satz von M. Daukša: Tassái… numirėlio mizėrną sutvėrimą, išg dūlkų ir trūpucio mólų nãžiestą [d. h. nūžiestą] DP 320. Andererseits wird im Wörterbuch „Dictionarium trium linguarum“ von K. Širvydas (S. 54) žiedžiu zusammen mit lit. lipiu, lienu [Infinitive lipýti, liēti], lat. farmo, fingo, aliquid e cera, argilla, figuro, poln. formuję, kształtuję aufgeführt. Wie zu sehen ist, wird hier die Bedeutung „gießen“ für das Verb žiėsti angegeben; sie wird noch im 19. Jahrhundert von A. Kašarauskas verzeichnet, vgl. žiedžia, žiesti „kształcić, formować, topić“ Koss 58, und durch den heutigen Sprachgebrauch bestätigt, vgl. nu-žiesti „(eine Axt in der Schmiede) gießen“ in Miroslavas. Die Bedeutungen „aus Ton formen“ und „gießen, formen“ hängen ohnehin zusammen und treten häufig gemeinsam auf, wobei die eine aus der anderen hervorgeht; vgl. etwa lipýti „formen, kleben, anheften; schmelzen“; liēti „etwas aus geschmolzenem Metall, Wachs oder anderem herstellen, formen; mit etwas bekleben, gießen …“
In Quellen des 16., 17. und der folgenden Jahrhunderte begegnen wir auch Bedeutungen von žiėsti, die die heutige Sprache nicht kennt, die sich aber bei der Suche nach Verwandten des betreffenden Verbs als wichtig erweisen könnten. An erster Stelle steht wiederum die Bedeutung von žiėsti im selben Wörterbuch von K. Širvydas: „Unsinn schwatzen, täuschen, Trugbilder erzeugen, phantasieren“ SD 52¹⁷; außerdem die Bedeutung der präfigierten Form iż-žiedžiu: „einprägen, ausdrücken, exprimo, effingo, assimilo, wyrażam“ SD 417. Letztere gibt im 19. Jahrhundert auch D. Sutkevičius in seinem handschriftlichen Wörterbuch an: isz-žiedžiu „ich kennzeichne“. Zweifellos handelt es sich um bestimmte Varianten der Grundbedeutung „machen, drehen (aus Ton); gießen, formen“.
Im Bedeutungsumfang des litauischen Verbs žiėsti, žiesti (-džia) ist das Moment des manuellen Formens aus Ton, des Verputzens und sogar des Maurerns deutlich ausgeprägt: Im Belegarchiv des LKŽ (s. v. žiesti) wird dieses Verb an zahlreichen Orten direkt mit „aus Ton formen (Töpfe, Krüge, Ziegel, Öfen)“ erklärt. Durch diese Bedeutungsbesonderheit steht es auch in unmittelbarem Zusammenhang mit lett. ziest (-žu, -du) „schmieren; etwas Dickflüssiges aufstreichen; mit etwas Fettem glätten (z. B. das Haar); einen Ofen mit Lehm
17 waydas wird folgendermaßen erklärt: „Ein Zeichen, ein Bild in der Vorstellung, species idolum, imago animo obversans“ SD 52.
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Page 11„verschmieren“ ME IV 744; vgl. ferner Iterativa mit dem Vokalismus ai žaidi, žaidėt, žaistėt „schmieren“ ME IV 680–1, EH II 800.
Eine leicht erkennbare Komponente der Bedeutungen „formen, gießen, schmieren“ ist „mit der Hand streichen, liebkosen, streichend berühren, streichelnd betasten“, vgl. lett. māla sienas ziež „...glättet mit der Hand“ MEIV 744 s. v. ziest. Die Bedeutungen „formen, gießen, schmieren; gießen, gestalten“ und „(streichend) berühren, tasten“ bestehen auch andernorts nebeneinander, vgl. lit. liėti „etwas aus geschmolzenem Metall, Wachs oder anderem herstellen, formen; mit etwas formen, gießen“, lett. liēt „gießen (von Metallen)“, laitīt „streichen, abstreichen, besonders im Badehaus, massieren“, lit. laitinti „mit Lehm oder Kitt glätten, verputzen; kleben“: lit. lietėtis „berühren, in Kontakt kommen“, liėsti (-čia) „berühren, anrühren“, lytėti „leicht berühren, antasten“¹⁸; lat. fingo „ich mache etwas aus weichem Material, forme es; ich berühre streichelnd, streichend“: gr. ἁγγάνω „ich berühre (mit der Hand)“.
Die Bedeutung „berühren, tasten“ dominiert die semantische Struktur des Verbs žeisti (-džia) „berühren, eine Wunde verletzen; eine Wunde verursachen; einen Riss, eine Krankheit bekommen“, vgl. ferner das Substantiv žaizdà „verletzte Stelle“ (aus *žaīd-da, vgl. žaida, rona BB 1 Moz 4.23). Sie, d. h. die Bedeutung „Saiten berühren“ (vgl. Dowidas žąydamas unt Arfos atatremdawo ii SP II 58, Dowidas žaide ant Strunu C II 532), lässt sich auch im Verb žāisti (-džia) „irgendwelche Handlungen zu Unterhaltungszwecken ausführen“ Alsėdžiai, Jūžintai, Vidiškės u. a. erkennen, ebenso in žāisti (-džia) „spielen; spielen; coire“ Alsėdžiai, Barčiai, Bartninkai, Krekenava, Lazūnai, Zietela; vgl. ferner die Substantive žaīslas, žāislas „Gegenstand, mit dem gespielt wird; Spiel“, žaīslūs „fröhlich, verspielt“ u. a., lett. zaislis „eine Komödie; Spaß“ EH II 800¹⁹. Die semantische Verwandtschaft der Lexeme žiešti, žiesti (-džia) einerseits und žeisti (-džia), žāisti, žāsti (-džia) andererseits zeigt sich außerdem im Englischen touch: 1. „to cause or permit a part of the body to come in contact with so as to feel“; 13. „to injure or spoil slightly“; 16. „to draw with light strokes“; 17. „to change or improve by adding fine lines or strokes“; 18. „to strike or pluck the keys or strings of (a musical instrument)“; 19. „to play (a musical piece)“²⁰, das, wie man sieht, alle erforderlichen Bedeutungen abdeckt. Dies ist eine mögliche semantische Beziehung zwischen den Verballexemen žiėsti, žiesti und žeisti, žāisti, žāsti.
In der semantischen Struktur des Verbs žaisti, žāsti treten noch weitere Segmente auf: pra-žāisti (-džia) „verlieren, verlegen“ Gižai, Keturvalakiai, Plateliai, Šateikiai, pra-žāsti (-džia) „dasselbe“ Eigirdžiai, Žarenai, nu-žāisti (-džia) „stehlen, wegwerfen, verlieren“ Truskava. Dieselben Bedeutungen haben auch die Ableitungen: pra-žāidyti (-do) „verlegen, verlieren“ Alksnėnai, Barstyčiai, Griškabūdis, Kapsukas, Kartena, Kretinga, Kuliai, Mosėdis, Palanga, Pilviškiai, Plateliai, Plungė, Punskas, Salantai, Skuodas, Šakiai, pra-žāideiti (-ēja, -i) „dasselbe“ Geistarai, Ylakiai, pra-žāidoti (-o, -oja) „dasselbe“ Bagotoji, Kybartai, Pilviškiai, Varduva, Vilkaviškis. Die in präfigierten Formen verwendete Bedeutung „verlieren, verlegen, wegwerfen“ ist wohl sekundär und aus „werfen, schleudern“ entstanden; genau diese Bedeutung hat das von A. Juška belegte žaīdyti (-dau): Kam tu žaidai pinigus = wirfst von dir weg. Dass diese Bedeutung ebenfalls … kann
¹⁸ B. Jēgers, KZ, 80, 1966, p. 88 tt.
¹⁹ Eine Variante der untersuchten Wurzel, žaid-, scheint auch in solchen Lexemen der žemaitischen Dialekte wie žāima „Scherze, Streich“, žāimintis, žāimotis „Scherze machen, sich unernst verhalten, sich putzen“, žāimoti „herumstochern, entwirren“ (aus *žaīd-m-) verborgen zu sein.
²⁰ William Morris, Editor, The American Heritage Dictionary of the English Language, Boston, New York, Atlanta, Geneva, Illinois, Dallas, Palo Alto, 1969, p. 1357.
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Page 12Dass es mit den Bedeutungen der Verben žiesti, zlest verwandt ist, zeigen beispielsweise lit. sviesti „heftig werfen“: dial. „schmieren“; lett. sviēst „werfen, schmeißen“, svaidīt „wiederholt werfen, schleudern, schmeißen, schwenken“: svādit „salben, schmieren“; dän. smide „werfen, schleudern“: „schmieren, gießen“; altfries. smita, mnd. smiten „werfen, schleudern, schlagen, werfen“: got. ga-smeitan, ae. smītan „schmieren, gießen“. Es ist durchaus möglich, dass die Bedeutung „(be)schmieren, gießen“ aus der Bedeutung „werfen, schleudern, schmeißen, d. h. etwas in schnelle Bewegung versetzen“ hervorgegangen ist; vgl. lit. sviesti (-džia) „werfen, schleudern; schmieren“, lett. sviēst (-žu) „werfen, schmeißen“, -tiês „sich werfen“: „plötzlich (in eine andere Richtung) zu laufen oder schnell zu gehen anfangen“; norw. dial. smita (smeit) „(be)schmieren“, „(refl.) aus-, abrutschen“; schwed. smita „gleiten, entgleiten, entwischen, schlüpfen“, neben den bereits erwähnten got. ga-smeitan, mnd. smiten, altfries. smita²¹.
Nachdem wir den Gedanken entwickelt haben, dass die Bedeutung „(be)schmieren, gießen“ mit einer Bewegungsbedeutung verwandt sein oder sogar daraus entstanden sein könnte, müssen wir betonen, dass nach dem im Zettelkasten des LKŽ enthaltenen Material (s. v. žiesti) zu urteilen, eine Komponente der Grundbedeutung des Verbs žiesti, žiesti (-džia) „drehen, aus Ton herstellen“ den Vorgang des Drehens ausdrückt²². Das hängt zweifellos mit dem Töpferprozess selbst zusammen: Töpfe wurden gewöhnlich auf einer Töpferscheibe geformt, die mit der Hand oder dem Fuß gedreht wurde²³ (ihre Bezeichnungen kri̇jeliai, vytukai, skrituliai sind gerade von Verben gebildet, die eine Drehbewegung bezeichnen: krėšti „ausbreiten, wickeln“, vyti „wickeln, drehen“, skriesti (-ia) „einen Kreis ziehen, zeichnen, runden“, skri̇ešti (-čia) „streichen, zeichnen; im Kreis fliegen“).
Vor diesem Hintergrund können wir unsere Aufmerksamkeit auf žiedas „Schmuckstück, das an einem Finger getragen wird; Fingerhut“ richten und seine Bedeutungen untersuchen. Bedeutungen von žiedas, die in solchen Dialekten vorkommen wie „Knoten des Roggenhalms, Gelenk“ Zarasai und „hölzerner Brunnenring“ Kuršėnai, lassen vermuten, dass žiedas einen runden Gegenstand mit hohlem Inneren bezeichnet und früher vielleicht auch „Rad“ bedeutete. Dass die ältere Bedeutung von žiedas tatsächlich „Rad“ gewesen sein könnte, legt die Tatsache nahe, dass die Bedeutungen „(Finger-)Ring“ und „Rad, Reifen“ oft mit einem einzigen Wort wiedergegeben werden; vgl. lett. gredzens „der Ring; etwas Ringförmiges, ein Kreis; die Radfelge...“; kirchenslaw. kolbce „Ring“ (russ. кольцо), urslaw. kolo, Gen. kolese „Rad“, altpreuß. maluna-kelan „Mühlrad“; dt. Reifen „Rad, Reifen; (Finger-)Ring“; dt. Ring „Rad; (Finger-)Ring“; altisl. hringr „Rad, Reifen; Ring“; altisl. kringr „Rad; Ring“, norw., schwed. kring „Rad“; lat. ānulus „Ring (besonders mit Siegel)“, ānus „Rad, Ring“; lat. circus „Rad, Kreis“, gr. χίρκος „Ring“. Die Bedeutung „Rad, Reifen“ scheint aus der Bedeutung „drehen“ hervorgegangen zu sein; vgl. lett. ritenis, ritĩņš „das Rad am Wagen; das Spinnrad...“: rist „rollen; wälzen“, lit. rìsti „schieben, bewegen, indem man etwas über eine Oberfläche rollt; walzen“, riėsti „biegen, einen Bogen machen“; urslaw. kolo, Gen. kolese „Rad“, altpreuß. maluna-kelan „Mühlrad“, gr. πόλος „Achse“: gr. πολέω „ich drehe mich im Kreis“, πελομαι „ich bewege mich“ (aus *kʷol-, *kʷel-); dt. Kreis „Kreis, Rad“: kreisen „sich im Kreis drehen“; altisl. hringr „Rad, Reifen; Ring“: altisl. hringja „(herum)drehen“, ahd. hringan „drehen“; altisl. kringr „Rad; Ring“, norw., schwed. kring
21 A. Jóhannesson, Isländisches etymologisches Wörterbuch, Bern, 1956, p. 906.
22 Tai ir atspindi „Dabartinės lietuvių kalbos žodynas“ (Vilnius, 1972): žiėsti (-džia) „sukti, daryti iš molio“ (p. 964).
23 J. Kudirka, Lietuvos puodžiai ir puodai, Vilnius, 1973, p. 21 tt.
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Page 13„Rad“: aisl. kringia „einen Kreis machen, umgeben“, lit. gręžti; ae. trendel „Rad“; ae. trendan „drehen (sich)“.
Die Bedeutung „drehen“, wie erwähnt, ist eine der markantesten Komponenten der Inhaltsseite des Verbs žiėsti. Demnach gelangen wir zum Nachweis der Verwandtschaft von žiėsti (žiesti) und žiėdas über zwei semantische Transformationen: „(aus Ton) drehen“ → „Rad, Bogen“ → „Ring (am Finger)“. Mit Blick auf die reale situative Seite wäre anzunehmen, dass die Töpferscheibe in uralter Zeit tatsächlich mit dem Wort žiėdas bezeichnet wurde; mit anderen Worten, die ältere Bedeutung des Substantivs žiėdas war wahrscheinlich „Töpferscheibe“, woraus sich später die Bedeutung „Schmuckring, Finger- oder Nähring“ entwickelte. Diese Schlussfolgerung wird indirekt durch entsprechende lettische Lexeme bestätigt, denen Bedeutungen des Drehens und damit auch des (am Finger getragenen oder genähten) Rings fehlen.
Da, wie erwähnt, das Verb žiėsti, žiesti (-džia) die Bedeutung „sich drehen“ aufweist, an die sich die Bedeutungen „gleiten, entgleiten, entkommen, hineinschlüpfen“, „werfen, schleudern, schmeißen“ anschließen, ist nun hervorzuheben, dass die Bedeutung „spielen; musizieren“ offenbar unmittelbar aus „tanzen, sich (im Kreis) drehen, sich schnell bewegen“ hervorgegangen ist, vgl. lett. ruõtāt „gewandt sein, sich drehen, hüpfen, hin und her fliegen, sich spielerisch bewegen“; ruõtāties „sich tummeln, spielen, hin- und herspringen“; ruotināt(iês) „spielen, sich tummeln“; urslaw. igrati „hüpfen, tanzen; spielen“; engl. play „spielen; Glücksspiel betreiben; (ein Musikinstrument) spielen; sich schnell, leicht und unregelmäßig bewegen“ (vgl. The breeze played on the water „die leichte Brise spielte auf dem Wasser“); isl. leika „spielen; sich bewegen, sich drehen“ (vgl. hjólid leikur á ási „das Rad dreht sich auf der Achse“), ae. lācan „sich schnell bewegen, sich drehen; spielen, musizieren“, got. laikan „tanzen, hüpfen“. Dies könnte eine weitere semantische Verbindung zwischen den Verben žiėsti, žiesti (-džia) und žaisti, žaisti (-džia) sein.
Die diachrone Analyse der Wortsemantik ermöglicht es demnach, nachzuvollziehen, dass die Wurzel žied- (lett. zied-) in alter Zeit bewegungsbezogene Bedeutungen wie „sich (im Kreis) drehen, sich schnell bewegen; werfen, schleudern“ und „(ab-, weg-)gleiten, entgleiten, entkommen“ besaß, aus denen sich offenbar im Laufe der Zeit auch lexikalische Bedeutungen wie „bestreichen, formen, modellieren; gießen, formen“, „(mit der Hand) streichen, liebkosen, durch Streichen berühren“, „spielen; Glücksspiel betreiben; musizieren; coire“, „verletzen, eine Wunde zufügen“ sowie „Rad; am Finger getragener oder genähter Ring“ entwickeln konnten.
Ein tieferer Einblick in die Geheimnisse der Semantik und Geschichte der Wörter dieser Wurzel wird durch den Kontext ermöglicht, in dem A. Juška das Verb žaisti verwendet hat: Žaidre ugnis žaidžia gelžį. Hier hat žaisti die Bedeutung „erhitzen, rozpalac“. Bei der historischen Identifizierung von žaisti (-džia) „erhitzen, rozpalac“ und žaisti, žaisti (-džia) „Handlungen zu Unterhaltungszwecken ausführen; musizieren; Glücksspiel betreiben; coire“ ist zunächst darauf hinzuweisen, dass die innere Struktur des erwähnten Satzes von A. Juška und die des aus Lazūnai bekannten Satzes Žūsinas žūsi žaidžia identisch sind. Die daraus folgende Schlussfolgerung über die etymologische Einheit von žaisti (-džia) „erhitzen, rozpalac“ und žaisti, žaisti (-džia) „…musizieren; Glücksspiel betreiben; coire“ lässt sich zusätzlich durch einige semantische Parallelen stützen: lett. skudināties „sich schnell im Kreis drehen“; „schnell nach oben schießen (von einem Feuerstrahl)“; isl. leika „spielen“: „flammen, geschmeidig züngeln, sich winden (von einer Flamme)“²⁴; lett. kāitēt „spielen, scherzen; ein Musikinstrument spielen“, -tiês „spielen, flirten, necken, tändeln“; kāitināt „necken, sticheln, durch Neckerei zum Zorn reizen, ärgern, reizen“, -tiês „einander neck-
²⁴ Isl. leika (lék) „spielen, (eine Flamme) zügeln, fechten, jemandem mitspielen“, – A. Jóhannesson, op. cit., S. 734.
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Page 14ken, sticheln, zum Ärger reizen, scherzen; spielen“: lett. kàitêt „brennen, sengen“, lit. kàitėti -(ėja) „Hitze ertragen, heiß werden“, kaitinti „wärmen“, lett. kàist (-stu, -tu) „heiß werden“, lit. kaisti (-čia) „einen Topf aufs Feuer stellen, damit er warm wird“, (-sta) „warm werden, heiß werden“.
Aus den nachstehend angeführten litauischen Sprachdaten geht hervor, dass Lexeme der Wurzel žied- (-žied) früher auch in Kontexten verwendet wurden, die mit Erhitzen, Brennen bzw. Verbrennen zusammenhängen. Daher ist auch darauf hinzuweisen, dass sich diachron betrachtet an die Inhaltssegmente, die Erhitzen, Brennen bzw. Verbrennen bezeichnen, offenbar die Bedeutung „verletzen“ anschließt; vgl. engl. burn „Verbrennung bewirken“: „(trans.) durch Feuer, Hitze oder ein hitzeerzeugendes Mittel beschädigen oder verletzen; (intrans.) durch oder wie durch Feuer zerstört, verletzt, beschädigt oder verändert werden“²⁵; altind. tápati „Wärme abgeben, heiß sein, (wie die Sonne) scheinen; heiß oder warm machen, erhitzen, auf etwas scheinen; durch Hitze verzehren oder zerstören“: „Schmerzen zufügen, verletzen, beschädigen, verderben“²⁶; lett. kàite „der Schaden, der Fehler, das Gebrechen; das Leid, die Plage, die Krankheit“ kaitêt „schaden“, lit. kàitėti „kümmern, mangeln, fehlen; behindern, beeinträchtigen, schaden, schlecht sein“: lett. kàitêt „brennen, sengen“, lit. kàitėti „Hitze ertragen, heiß werden“, lett. kàist „heiß werden“, lit. kaisti (-čia) „einen Topf aufs Feuer stellen, damit er warm wird“, (-sta) „warm werden, heiß werden“.
Dies könnte die dritte semantische Verbindung zwischen den Verben žiešti, žiesti (-džia) und žaisti, žaisti (-džia) sowie žeisti (-džia) sein. Zur noch gründlicheren Begründung dieser Verbindung ist anzuführen, dass die semantische Verwandtschaft von žaisti (-džia) „erhitzen, schmelzen“ und žiešti, žiesti (-džia) „machen, (aus Ton) drehen; gießen, formen“, žièst (-žu) „schmieren …“ sowohl auf sprachlicher Ebene offensichtlich ist, vgl. etwa lièti „etwas aus geschmolzenem Metall, Wachs oder Ähnlichem herstellen, formen; mit etwas modellieren, formen“, als auch auf außersprachlicher Ebene: Ein notwendiger Bestandteil der Topfherstellung war das Brennen der Töpfe²⁷. Daher ist es durchaus verständlich, dass die untersuchte Wurzel žied- im Litauischen ein gutes Dutzend Lexeme mit unterschiedlichen Ablautstufen des Wurzelvokals aufweist, deren Inhaltsseite auf die eine oder andere Weise mit verschiedenen Aspekten des Brennens von Töpfen zusammenhängt: žàidas „Ofen, Herd“ Linkuva, Šatės, žaidis „ebd.“ J. Bretkūnas, žaizdė, žaizdė „Herd, Ofen; Esse“ Lazdijai, Užventis, Vidsodis, žaizdra „Feuerstelle; Feuer; Funken“ Biržai, Daugai, Lazdijai, Vadokliai, žaizdras „Herd; Feuerstelle“ (aukštaitische Dialekte) [aus * ža id-dr-], žiėzdras „Esse“ Dusetos, Pilviškiai, židinys, židinė, židynė „Ort, an dem Glut zusammengeschürt wird; Asche, Feuerstelle“²⁸, prie-žda, prie-žda (<prie-žida), prie-židà Leliūnai, prie-židas Alanta, Labanoras, Skudutiškis, prie-žiedà Betygala, Juodaičiai, prie-žiedas Rimšė „Platz vor der Öffnung des Backofens“.
Bemerkenswert ist, dass gerade in dieser Lexemgruppe bereits die Variante žid- mit Schwundstufe der Wurzel erscheint, die der Analogie von Lexemen mit dem Vokalismus u²⁹ nach zu urteilen wahrscheinlich ursprünglich ist; folglich dürften auch ihre Bedeutungen ursprünglich sein. Dafür, dass der Allomorph žid- uralt ist, spricht auch, dass wir ihn im Altpreußischen finden: apr. siduko „Siebtopf, Siebtopf“, K. Būga, der es mit lit. židuika, židui- in Verbindung bringt
25 William Morris, Ed., op. cit., p. 178.
26 Monier Monier-Williams, A Sanskrit-English Dictionary, Oxford, 1964, p. 436.
27 J. Kudirka, op. cit., p. 29 tt., 59 tt.
28 Plg. K. Būga, RR, I, p. 292, II, p. 208.
29 LKK, XIV, 1973, p. 128 tt.
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Page 15kas „Milchtopf“, hat mit gutem Grund dem behandelten Stamm zugeordnet³⁰. Was die semantische Seite betrifft, lässt sich sagen, dass die Bezeichnung für einen Topf in bestimmten Fällen vom Namen des Brennofens für Töpfe, des Herds, abgeleitet ist, vgl. tschech. krb „Herd“: tschech. dial. krbáň „alter Topf“; russ.-kirchenslaw. gōrno „Kessel; Ofen, Herd“ (russ. горн „Herd“): tschech. hrnec, obersorb. horne, niedersorb. gjarňč, serb.-kroat. grňe, bulg. гърне „Topf“ (aus *gъrnъkъ, *gъrnъcъ); got. aúhns „Ofen, Herd“; altind. ukhā- „Topf“³¹.
Da die Bedeutung „Topf“ bei den Lexemen mit dem Allomorph žid- offenbar sekundär ist, lässt sich für den Stamm žéid- / žid- die älteste Bedeutung rekonstruieren, die mit Ofen, Herd und Feuer bzw. mit Brennen, Leuchten, Glänzen, Schimmern und Funkeln verbunden ist (vgl. degti „brennen, anzünden; leuchten, glänzen; Feuer machen, anzünden; schimmern, glühen, glänzen; strahlen usw.“). Wenn dem so ist, könnten wir diesem Stamm auch lit. žydėti (žydi, žydi) „leuchten, glänzen; brennen, glimmen“ zuordnen (vgl. Žydi žarijos — tai židinys Kruonis), lett. zièdēt (praes. -du, -žu) „bunt sein, bunt schimmern, leuchten; anbrechen, tagen“ ME IV 738, lit. žýdras „hellblau“.
Die Bedeutungen „brennen; strahlen, leuchten, glänzen, schimmern“ und „blühen“ können miteinander verwandt sein, vgl. dègti „...blühen“ (vgl. Šiuosmet bus obuolių, labai sodai dęgė Tverečius, LKŽ II² 369); tschech. kvetu, kvísti „blühen“: „glänzen, leuchten, strahlen, funkeln (über einen sternklaren Himmel)“; kirchenslaw. cvětъ „Blüte“, pro-cvęta, -cvisti „aufblühen“: lett. kviēt „glänzen, flimmern“, kvitināt „flimmern, glänzen lassen oder machen“, kvietināt „zum Glühen bringen, anfachen, entflammen“; griech. ἄνθος „Keimling; Blüte; Blühen“: „Glanz, Leuchten, Glühen, Aufblitzen“. Zu dieser Gruppe verwandter Bedeutungen gehört offenbar auch die Bedeutung „schimmeln, altbacken werden, stockig werden (von Brot)“, vgl. weißruss. цвісці, цвіту́ „blühen“: „schimmeln“; ukrain. цвісти, цвіту „blühen“: „schimmeln“; russ. цвести „Knospen treiben, eine Blüte hervorbringen, sich mit Blüten bedecken“: „sich mit Schimmel bedecken, schimmeln, grün vor Fäulnis werden“ Даль² IV 572. Zu dieser Bedeutungsgruppe gehört offenbar auch die Bedeutung „menstruieren; Menstruation“, vgl. poln. kwiat „Blume, Blüte“: kwiaty „Menstruation“; tschech. květ „Blume, Blüte“: dial. květ „Menstruation“; altruss. cvěto „Blüte, Blume“: cvětьno „Menstruation“; dt. Blume „Blume, Blüte“: die Blumen „Menstruation“.
Somit ist durchaus möglich, dass der Wurzel *žéid- / *žid- „brennen; strahlen, leuchten, glänzen, schimmern“ auch die litauischen und lettischen Lexeme für „blühen“ und verwandte Bedeutungen angehören: žiėsti (-džia) „blühen“, sa-ziėst „aufblühen, erblühen“, žiėdyti (žiėdžiu; be k.) „züchten“, žiėdėti, žiedėti (-id, žiedi, žiedi, žiesti, žiesta) „schimmeln; altbacken, hart werden“, ziėdēt (-žu, -du) „blühen, Blüten treiben; schimmeln“, ziėda „verhärtete Erde“, ziėdas „Blume, Blüte; Blühen; Menstruation“, ziėds „die Blüte, Blume; die Blüte, Blütezeit; Erstlinge, Erstlingsfrüchte; ein Geschenk, eine Gabe (von Früchten); Schimmel; eine Art Ausschlag auf der Haut; die Menses der Frauen (zied)...“, žeidas, žaidas „Blüte“, žýsti (-sta) „zu blühen beginnen, ver-
³⁰ K. Būga, RR, I, S. 493, II, S. 208–9 [hier siehe auch zur Endung -uika(s)]. — E. Fraenkel (LEW 1305) neigt dazu, hier auch lett. žīdīņš, žīdīņš „kleiner Topf, kleiner Kessel“ anzusetzen. Der Bedeutung nach zu urteilen, vgl. jedoch židīņš „ein kleiner Topf; ein kleiner Kessel, wie ihn die umherstreifenden jüdischen Krämer bei sich haben“ ME IV 809, sind sie vielmehr aus einem Lehnwort gebildet (vgl. žìds, žìds „der Jude“ aus sl. židъ „judaeus“), zumal im Lettischen kein belegter Nullstufen-Allomorph mit der Bedeutung „brennen usw.“ vorliegt (siehe unten).
³¹ O. H. Трубачев, a. a. O., S. 192, 197, 203.
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Page 16blühen, schimmeln“, žydėti (žydi, žydi, žydžia, žýsti, žýsta) „mit Blüten versehen sein; schimmeln, grün werden; weiße Flecken aufweisen; menstruieren“.
Hier sollte auch darauf hingewiesen werden, dass lit. žiedėti, žiedėti „schimmeln; altbacken, hart werden“ einerseits, wie erwähnt, mit Lexemen für die Bedeutungen „blühen“ und „Blüte“ zusammenhängen kann, andererseits aber auch in Kontexten verwendet wird, deren semantische Seite sich kaum zufriedenstellend allein mit diesen Bedeutungsarten erklären ließe. Es handelt sich um folgende von A. Juška und J. Jablonskis aufgezeichnete Sätze: Žemė sužiedėjo = zusammengefallen, verhärtet J; Kaip lekiančieji smiltis žiedėti sužiedės (= verhärten wird) und zugewachsen sein wird, wird es eine gute Wiese J; Ein altes Mauerwerk, verfestigt, lässt sich nur schwer niederreißen (J. Jablonskis aus Pušalotas)32. In diesen Kontexten also, in denen von Erde, Sand und Mauerwerk die Rede ist, nähert sich das Verb žiedėti sowohl in seinem Gebrauch als auch in seiner Bedeutung stark dem Verb žįsti, žiesti, das, wie bereits gesagt, das Formen und Drehen aus Ton bedeutet. Daher können wir annehmen, dass žiesti, ein Tätigkeitsverb, als Zustandsverb žiedėti hat; zu einem solchen morphologischen Verhältnis vgl. giėžti (-žia) „essen, nagen, im Hals kitzeln; sauer aufstoßen“: iš-giėžėti „vergären, sauer werden“; gniėžti (-ia) „sehr verlangen, sich danach sehnen“: gniežėti „jucken, sich danach sehnen“; kliesti (-džia) „faseln, delirieren“: kliedėti, kliedėti (kliedi, klieda) „im Zustand der Bewusstlosigkeit sinnlose, zusammenhanglose Worte sprechen; im Schlaf sprechen; faseln, delirieren“; viežtis (-iasi) „sich abfinden, etwas ertragen; sich trauen, Mut oder Lust haben“: nusi-, užsi-viežėti (-ia, -ėja) „sich abfinden“; zniebti (-ia) „fein spinnen, (Fäden) dünn machen“: zniebėti (-ėja) „fein spinnen“.
Außerdem kann žiedėti historisch auch mit Lexemen für Brennen, Leuchten und Glühen zusammenhängen, da das Semem „hart; hart werden“ offenbar aus „brennen, heiß werden“ (d. h. „trocknen, austrocknen“) entstanden ist, vgl. griech. σκληρός „trocken, hart“; σκέλλω „ich trockne“ (intr. Aor. ἔσκλην, Perf. ἔσκληγκα); kirchenslaw. žestъ „hart“ (vgl. russ. dial. жеге statt жестче „härter“): kirchenslaw. žega, žesti „brennen“33; lit. kietas, lett. ciēts „hart; fest“: kaisti (-čia) „einen Topf aufs Feuer stellen, damit er warm wird“, (-sta) „warm werden, heiß werden …“; lett. kaist (-stu) „heiß werden“34.
Für die baltische Wurzel *žeid- / *žid- (bzw. *zeid- / *zid-) rekonstruieren wir somit einerseits die älteste Bedeutung „brennen; strahlen, leuchten, glänzen, schimmern“ (daraus „hart werden, erhärten; hart“ sowie „blühen; Blüte“) und andererseits die Bedeutung „sich (im Kreis) drehen, sich schnell bewegen; werfen, schleudern“. Wie das erfasste sprachliche Material35 zeigt, ist das Nebeneinander dieser Bedeutungen in denselben oder verwandten Wörtern der indogermanischen Sprachen nicht selten. Daher scheinen die semantischen Verhältnisse nicht dagegen zu sprechen, alle hier erwähnten Lexeme als Vertreter einer einzigen Wurzel anzusehen. Der auslautende Konsonant -d- der Wurzel *žeid- / *žid- (bzw. *zeid / *zid-) war früher wahrscheinlich ein Formans. Die primäre Wurzel *žei- / *ži- (bzw. *zei- / *zi-) „brennen; strahlen, leuchten, glänzen, schimmern // sich (im Kreis) drehen, sich schnell bewegen; werfen, schleudern“, erweitert um die Formanten -b-, -g-, -ž-, findet sich ferner auch in Lexemen wie etwa: žiebti (-ia)
32 LKŽ-Kartei, s. v. žiedėti.
33 F. Miklosich, Etymologisches Wörterbuch der slavischen Sprachen, Wien, 1886, p. 410. Китаип М. Фасмер, Этимологический словарь русского языка, II, М., 1967, p. 50.
34 Aber anders E. Fraenkel, LEW, S. 252. — In diesem Fall sollte man vielleicht auch über einen historischen Zusammenhang von germ. *harduz (idg. *kortu-) „hart“ (dt. hart, engl. hard usw.) mit germ. *herthō (idg. *kertā) „Herd“ (dt. Herd, engl. hearth) nachdenken.
35 V. Urbutis, Baltistica, VIII, 1972, p. 129.
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Page 17„brennen, anfachen; heftig gehen, fahren; hacken, schlagen“, žiebas, žéibas, žáibas „Blitz“, žėibti (-sta), žaibti (-sta) „schillern“, žibėti (žiba) „leuchten, glänzen, strahlen“, lett. zibēt (-u, -ēju) „blitzen, schimmern, glänzen“; pér-žiegti (-ia) „(den Ofen) erneut anheizen“, žigalioti „gehen, marschieren“, žiglus „lebhaft, flink; schnell“, pa-žygėti (-žygi, -ėja) „ein wenig voranschreiten“, lett. zaiguot „leuchten, scheinen, schimmern, flimmern“; lit. žiežti (-žia) „mit einer von innen angefachten Flamme laut brennen; (Glut) aufschütten“, žaižara „Röte des Himmels“ (davon žaižaruoti „glühen, strahlen, leuchten“), už-žizti (-žiža) „plötzlich heftig zornig werden“ (zur Bedeutung vgl. užsi-degti „sehr zornig werden“), žižė „Feuer (in der Kindersprache); Licht, Leuchte (in der Kindersprache); Glut, Funke“. Eine primäre, ungeklärte Wurzel *žei- / *ži- (bzw. *zei- / *zi-) könnte lett. zīt „sichtbar werden“ haben (vgl. maza dieniņa jau zistas „der Tag bricht an“ EH II 810), ziet (ies), Präs. zeju(os) „hervorblühen, zum Vorschein kommen“ ME IV 744 (falls dies tatsächlich ein lettisches Wort ist). Aus anderen indogermanischen Sprachen könnten hier got. us-kijans „gesprossen“, mit dem Formans -n- got. keinan, us-keinan, ahd. chinan „keimen“, ae. cīnan „aufbrechen, Knospen treiben“, anord. kīn „Spross“ dazugehören, ebenso wie als baltische Lexeme mit dentalem Formans ae. cīd, asächs. kīd, ahd. (frumi) kīdi „Spross, Wachstum“, mhd. kīde, kīt „Spross, Wachstum, Schössling“ u. a. (Wurzel *gei- / *gi- „keimen, aufbrechen, aufblühen“); semantisch vgl. lett. kvietēt „(Getreide) keimen lassen“, kvietināt „zum Keimen bringen“: kvietēt „bleichen“, kvietināt „zum Glühen bringen, anfachen, entflammen“, kvitēt „glänzen, flimmern“, kvitināt „flimmern, glänzen lassen bzw. machen“.
Wenn man zu dem Schluss kommt, dass žiesti, ziest ebenso wie žiebti, žėlbti, pér-žiegti, žiežti und die anderen hier genannten Lexeme höchstwahrscheinlich zur Wurzel *žei- *ži- (bzw. *zei / *zi-) „brennen; strahlen, leuchten, glänzen, flimmern || sich drehen (im Kreis), sich schnell bewegen; werfen, schleudern“ gehören, entfällt die herkömmliche etymologische Erklärung von žiėsti, ziest, der zufolge die baltisch-slawische Wurzel *gheidh- durch Metathese aus der indogermanischen Wurzel *dheigh- entstanden sei und ihre Verwandten in anderen indogermanischen Sprachen got. digan „(Lehm) treten, formen, kneten“, lat. fingō „aus weichem Material etwas herstellen, formen; durch Streicheln oder Darüberstreichen berühren“, gr. ῥιγγάω „berühre“, τεῖχος „Mauer; Festung“, τοῖχος „Hauswand“, ai. déhmi „bestreiche, beschmiere“, arm. dizanem „hinzufügen, aufhäufen“, toch. A tsek, B tsaik- „herstellen, machen, bilden“ seien. Als mögliche Verwandte der letztgenannten indogermanischen Lexeme kämen in diesem Fall (vgl. vielleicht lett. dviezt, -žu, -zu „bestreichen, verschmieren“ ME I 538) lit. diežti (-žia) „schlagen, prügeln“ LKŽ II² 523, lett. diezēt „anbieten, aufschwatzen (eine Ware)“ ME I 487, lit. deizti (-ia) „hartnäckig bitten“ LKŽ II² 380, dýžti (-ia) „abziehen, schälen; reißen, abtragen, tragen; schlagen, prügeln, peitschen; schnell, heftig gehen, ziehen, reisen; (refl.) sich sorgen, bekümmert sein; (refl.) beabsichtigen, sich anschicken, sich vorbereiten usw.“ ib. 598 in Betracht.
Lit. žiėsti (-džia), lett. ziest (-žu, -du) haben, wie bekannt, genaue lexikalische Entsprechungen in den slawischen Sprachen. Poln. zdun „Töpfer“ (aus sl. *zbdunъ) zeigt,
36 Trübners Deutsches Wörterbuch, IV Band, 1943, p. 123.
37 Lit. siehe E. Fraenkel, LEW, S. 1307. — In jüngerer Zeit: A. Vaillant, Grammaire comparée des langues slaves, t. III, Le verbe, Paris, 1966, S. 314: „Le thème balto-slave *žeid- résulte d’une métathèse de *deiž-, et la racine est i.-e. *dheigh-...“. O. H. Трубачев, op. cit., S. 209: „И балтийский и славянский обнаруживают здесь метатезу согласных первоначального и.-е. *dheigh-...“.
38 Vgl. K. Būga, RR, I, S. 306; J. Endzelīns, ME, I, S. 478; E. Fraenkel, LEW, S. 98.
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Page 18dass das slawische Verb der untersuchten Wurzel *zbdati, *zidati (vgl. aksl. žizdę, zbdati „bauen, errichten, machen“, bulg. zždam „bauen“, serb.-kroat. zždam, zždamu „(aus Steinen) bauen“, slowen. zidati „(eine Mauer) bauen“) früher ebenfalls zur Töpferterminologie gehörte, obwohl seine Bedeutung, wie man sieht, inzwischen so stark verallgemeinert ist, dass sich heute nicht mehr sagen lässt, welche Phase des Töpferprozesses — das Formen, das Drehen oder das Brennen — dieses Verb bezeichnete.
Ähnlich hat sich die Semantik auch bei den Lexemen des Altpreußischen verändert. Altpreuß. seydis „Wand, Wand“ entspricht sowohl der Bedeutung als auch der Form nach (aus balt. *zeidas) genau den Lexemen der südslawischen Sprachen bulg. zид „Wand“, serb.-kroat. zид „Steinmauer“, slowen. zid „Wand“. Heute lässt sich nicht mit Sicherheit wissen, aus welcher Bedeutung des Verbs diese altpreußischen und südslawischen Substantive gebildet wurden — vielleicht aus einem Verb mit der Bedeutung „bauen, errichten, machen“. Wie dem auch sei, können wir aufgrund der hier entwickelten Hypothese dennoch annehmen, dass das litauische Gegenstück der soeben erwähnten altpreußischen und südslawischen Substantive žiedas „am Finger getragener Schmuckring“ ist, dessen Bedeutung, wie hier vorgeschlagen wird, aus der Bedeutung „Kreis, Bogen“ hervorgegangen ist (eine Mauer kann auch die Form eines Kreises, Bogens, d. h. einer Rundung, haben, etwa eine Stadtmauer).
Andererseits besitzt das Altpreußische, wie bereits gesagt, auch ein Lexem mit der Ablautstufe der Schwundstufe siduko „Siebtopf“, das möglicherweise das Brennen von Töpfen widerspiegelt (die Bedeutung „Topf“ kann bisweilen aus „Ofen, Feuerstätte“ entstehen), zumal im Litauischen Lexeme des Allomorphs žid- (vgl. *žid-) bereits unmittelbar verschiedene Aspekte des Töpferbrandes bezeichnen.
Von Norden nach Süden durch das baltische und slawische Sprachgebiet lässt sich eine allmähliche Reduktion und Abstraktion der semantischen Kette „bestreichen, beschmieren, formen“ — „sich drehen (im Kreis); schleudern; sich schnell bewegen“ — „brennen; Herd, Feuerstätte“ — „strahlen, leuchten, glänzen, flimmern; blühen; Ring“ beobachten, die die technologischen Prozesse der alten Töpferkunst (Formen — Drehen — Brennen) widerspiegelt: Im Fall der untersuchten Wurzel sind die slawischen und offenbar auch die altpreußische Sprache schon längst durch jene semantischen Entwicklungsstufen hindurchgegangen, die das Litauische gegenwärtig durchläuft; vgl. sl. *zbdati, *zidati „bauen, mauern (Mauern, Häuser aus Steinen, Lehm)“ und lit. žiešti (-džia) „drehen, aus Lehm herstellen“ → „etwas (kunstvoll, schön) machen (Holzschuhe, Löffel, Schöpflöffel, Schlitten, Wagen, Häuser)“. Bezeichnenderweise schließt sich das Lettische, in dem „bestreichen, beschmieren“ — „leuchten, strahlen, glänzen, flimmern; hell werden, tagen; blühen“⁹ belegt ist, in unserem Fall dem südlichen Areal an, d. h. dem Altpreußischen und den slawischen Sprachen, setzt aber zugleich auch das nördliche Areal, d. h. das Litauische, fort.
Die erwähnte semantische Kette ist in den litauischen Lexemen am besten erhalten, doch auch hier hat es Bedeutungswandel gegeben. Die Bedeutungen „(aus Lehm) drehen“ und „(Töpfer-)Rad, Bogen“ (später „am Finger getragener oder genähter Ring“) sind im Litauischen
39 Aufgrund dieser lettischen semantischen Korrelation und der erwähnten Reduktion der semantischen Kette ist es durchaus möglich, dass etwa die Verwandten von lit. tepti (tėpa), lett. tept (-pju) „schmieren, bestreichen“ in anderen indogermanischen Sprachen nicht nur aksl. tepa, tepti „schlagen, stoßen, geben“, sondern auch ai. tápati „erhitzt, brennt; quält“, lat. tepeō „ich bin warm, lau“ sind; entsprechend gehören zu lit. lipti (limpa) „haften, an etwas kleben“ (vgl. lipýti (lipo, lipia), „formen, kleben; aus einer weichen Masse etwas herstellen“), lett. lipt (līptu, -u) „kleben, kleben bleiben“, lett. lipt (lipu) „glänzen, flimmern; anzünden“ (vgl. lett. lipit, -iju „anzünden, anstecken“, lipēt -u, -ēju „flackern, schimmern“, lit. liepsna „Flamme“).
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Page 19Innovationen, die sich auf der Grundlage älterer Bedeutungssegmente herausgebildet haben (z. B. „sich schnell bewegen, drehen (im Kreis); werfen“). Man sollte annehmen, dass diese Bedeutungen und die sie bezeichnenden Wörter bereits im litauischen Sprachraum entstanden, d. h. nachdem sich das Litauische vom Lettischen abgespalten hatte (etwa ab der Mitte des 7. Jh.). Dies stimmt mit der Schlussfolgerung der Archäologen überein, dass die Töpferscheibe auf dem Gebiet Litauens etwa im 10. Jh. aufkam.40
С. КАРАЛЮНАС
AUS DER GESCHICHTE DER TÖPFERTERMINOLOGIE IN DEN BALTISCHEN SPRACHEN
Zusammenfassung
Es wird der Versuch unternommen, die internen lexikalischen Zusammenhänge zwischen lit. pūodas, lett. pūods „Topf“, lit. žiēsti (-džia) „aus Ton herstellen“, lett. ziest (-žu) „(be)schmieren“ aufzudecken, die grundlegende Begriffe der baltischen Töpferterminologie darstellen. Als mit pūodas, pūods verwandte Lexeme gelten vermutlich litauisch-dialektal pūdūnė „eine bestimmte Art Topf, Krug“, lett. pūdele „Kasten“, pūdenis „Ort für Spreu“, pūtis „Haufen, Schober“, pudas „Kram, Hab und Gut, Lappen, Fetzen“, lit. pūdūlas „Bündel, Knoten, Klumpen“, lett. pudra, pudrs „Haufen, Schober“, pudurs, puduris „Büschel, Flocke, Wurzelbusch; Haufen, Schober; Hügel, Grabhügel“, lit. puduras „dicht stehende Gruppe von Bäumen, Sträuchern oder Getreide“, pudēnti „zupfen, zausen, auflockern“, pūdułioti pūdułiuoti „zerknautschen, zausen, zerzausen, zerwühlen, verwirren“ u. a. Diese Lexeme stehen offenbar mit der idg. Wurzel *peu- / *pou- / *pū- „blasen, wehen; aufblähen, aufblasen“ in Beziehung; die ursprüngliche Gestalt der Wurzel in pūodas, pūods könnte demnach *pūid- gewesen sein, das sich später zu *pōd- wandelte.
Für die Lexeme žiēsti, zest wird eine neue Etymologie vorgeschlagen, ausgehend von der Annahme, dass zu derselben Wurzel folgende Lexeme gehören: lit. žeisti (-džia) „verletzen“, žaisti (-džia) „spielen; herumtollen, sich vergnügen“, pra-žaisti (-džia) „verlieren, verpfänden, irgendwohin verpfänden“, žiedas „Ring“, žiedėti (-i, -ėja) „schimmeln“, žaidas, žaidras, žieždras „Schmiedeofen“, židinys „Herd, Kamin“, žydėti (žydi, žydi) „glänzen, leuchten, funkeln, glitzern, brennen“, „blühen“, lett. ziēdēt (-du, -žu) „funkeln, glänzen, leuchten, strahlen; tagen“, „blühen, schimmeln“, lit. žiedas, žėidas, žaidas „Blume“ u. a. Parallelen aus anderen indogermanischen Sprachen und Verweise auf entsprechende Zeugnisse aus der Geschichte der materiellen Kultur erlauben die Annahme eines semantischen Zusammenhangs zwischen diesen Lexemen.
40 I. Mulevičienė, Žiedžiamojo rato pasirodymo Lietuvos teritorijoje klausimu, MAD, A serija, 2(36), 1971, p. 111 tt.