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LIETUVIŲ AREALINĖS LINGVISTIKOS KLAUSIMAI

LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA

E. I. GRINAVECKENE, J. F. MAZKEVIČ, E. M. ROMANOVIČ, E. I. ČEBERUK

UNREGELMÄSSIGE ERSCHEINUNGEN IN PHONETIK, AKZENTUIERUNG UND GRAMMATIK DER BELARUSSISCHEN MUNDARTEN DER WESTZONE

Der Artikel untersucht eine Reihe von Erscheinungen in belarussischen Volksmundarten, die zu den unregelmäßigen Bildungen im Bereich der Phonetik, Akzentuierung und Grammatik gehören. Die meisten davon sind innerhalb der Westzone des belarussischen Sprachkontinuums lokalisiert (Gebiete Grodno, Minsk und Witebsk).

I. Lautliche dialektale Unterschiede, die nicht zum phonetischen System der belarussischen Mundarten gehören.

a) In den belarussischen Mundarten wurde der breite1 Vokal е eingeengt und unter Betonung vor einem harten Konsonanten zu einem hinteren Laut о(ё) verändert, z. B.: бро́за ‘Birke’, лён, лёд. In westbelarussischen Mundarten sind jedoch in einzelnen Wortformen in der genannten Position nach weichen Konsonanten Fälle von а(<е) belegt, z. B.: маладзúй (statt маладзёж) ‘Jugend’, капа́йка (statt капе́йка) ‘Heuschober’ (Heu), ужо́ цямне́я (statt цямне́е) ‘es wird dunkel’ (Kreise Wolkowysk und Schtschutschin). Diese Erscheinung ist auch bei Entlehnungen bekannt, z. B.: радла́ука (statt радле́йка) ‘Schaufel’, цвяк (< dt. dial. zweck, vgl. poln. ćwiek) ‘Nagel’. Bekanntlich sind Veränderungen im Sprachsystem häufig nicht absolut2, wodurch die Regelmäßigkeit bestimmter systemischer Gesetzmäßigkeiten gestört wird. In diesem Fall ist das Vorhandensein des Vokals а im Morphem unter Betonung vor einem harten Konsonanten nichts anderes als eine Relikterscheinung, die der Veränderung entgangen ist. Dabei handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um die Bewahrung der älteren Qualität des Vokals е. Eine ähnliche Veränderung ist möglicherweise durch das Überwiegen von Suffixen mit vokalischem Element а, я in nominalen und verbalen Bildungen in diesem Gebiet bedingt, z. B.: авяча мяса, курача пе́р’я3. Andererseits ist die Aussprache von а aus е in dieser Position auch für die Mundarten der benachbarten litauischen Sprache charakteristisch, z. B.: g’āras (< gēras) ‘gut’, v’āža (< vėža) ‘fährt, fahren’, ž’āmas (< žēmas) ‘niedrig’ (ebenso die Entlehnung c’v’ákas (< cvėkas) ‘Nagel’)4. Daher gibt es einen gewissen Grund, in diesem Fall auch einen stützenden Einfluss des phonetischen Systems der litauischen Mundarten anzunehmen.

1Vgl. Нариси па гісторыі беларускай мовы, Мінск, 1957 (im Folgenden — Нариси), S. 63 (§ 48).

2Vgl. ebenda, S. 54—55.

3Vgl. Дыялекталагічны атлас беларускай мовы, Мінск, 1963 (im Folgenden — ДАБМ), Karte Nr. 185.

4Vgl. Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, Vilnius, 1966 (im Folgenden—LD), Karte Nr. 12.

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Daneben sind in diesem Gebiet in der genannten Position auch Fälle eines verengten Vokals е, der als Vorderzungen-Diphthong ie ausgesprochen wird, weit verbreitet, z. B.: авёс ‘авё’, лед ‘лёд’, мед ‘мёд’, бе́рда ‘бе́рда’ (Kreise Woronowo und Wolkowysk). Ein verengtes е ist auch in den Verbformen der untersuchten Mundarten belegt, z. B.: пек хлеб, напёк алапкай, стек лейню, завёс да фёрмы, прывёс пацуйбон, павёу каня, бок разбёг, памёр сын (Kreis Wilejka)⁵. In diesem Fall könnte der Ausgleich des е im Wurzelmorphem unter dem Einfluss der Infinitivform erfolgt sein, vgl. пекцы: пек, завеці: завёс, павеці: павёу, памерці: памёр. Das Vorhandensein eines betonten е in einzelnen Wörtern ist jedoch möglicherweise auf eine stärkere Einwirkung des Akzents zurückzuführen. Wie die Beispiele zeigen, hat sich der betonte Vokal е erheblich verlängert und ist zugleich gespannter und enger geworden.

Dieses Phänomen ist höchstwahrscheinlich mit einem ähnlichen Phänomen identisch, das in einigen litauischen Mundarten des belarussischen Grenzgebiets festgestellt wurde. Dort wird anstelle des langen engen é der Standardsprache (< aus dem breiten *ē), wie auch in den benachbarten belarussischen Mundarten, ein unregelmäßiger Diphthong ie ausgesprochen, z. B.: turėj ~ turėjo ‘имел, -ла, -ли’, gulėj ~ gulėjo ‘лежал, -ла, -ли’⁶.

In diesem Zusammenhang ist auch das Vorkommen eines betonten o(ё) aus altem geschlossenem ē⁷ in den untersuchten Mundarten von Interesse, z. B.: аслён ‘ослеп’, бясе́да ‘беседа’ (Kreis Nowogrudok), пабёг ‘побег’ у лес, ён палёс ‘полез’ на гару, ня улёс ‘улез’ у хлеб, слёс ‘слез’ снег (Kreis Woronowo). Die festgestellten Fälle einer Abweichung von der regulären Entwicklung von é zu o (ё) sind wahrscheinlich durch dessen Stellung bedingt. Vor allem könnte hier der Vokalwechsel е: о(ё) in den Wurzelmorphemen der Verbformen eine Rolle gespielt haben: нёс: нёсци, вёў: вёсци; е, das sich о (ё) anglich, musste sich etwas verkürzen und wurde dadurch offener und wandelte sich zum Hinterzungenvokal о (ё).

б) In einzelnen Wortformen ist eine Unterartikulation von а: о festgestellt worden, z. B.: трава: тро́вы (Kreis Wilejka). Dieser Einzelfall gehört zur Peripherie des Verbreitungsgebiets von а>о vor у (Typ про́йда: праўда) in Mundarten mit nichtdissimilatorischem Akanje⁸. In der Mundart des Ortes Solonowo (Kreis Wilejka), wo die Wortform тро́вы belegt ist, werden jedoch праўда, дау, лаўка ausgesprochen. Möglicherweise hängt тро́вы mit der Labialisierung und Verengung des Vokals а vor ў zusammen, die in dieser Mundart bereits geschwunden ist und nur noch in der Form des Genitivs Plural erhalten blieb (тро́ў). Danach erfolgte wahrscheinlich ein Ausgleich des Vokals in allen Pluralformen (: тро́вы, тро́вам, тро́вах). Die Bewahrung dieses Restphänomens wird auch durch einen positionsbedingten Wechsel vom Typ сава́: со́бы bei einem Akanje-Vokalsystem gestützt.

Labialisierung und Verengung des ersten Diphthongbestandteils аи sind auch in ganz Ostlitauen zu beobachten. Besonders ausgeprägt ist dies in den dzukischen Mundarten,

⁵ Weitere Beispiele siehe Хрэстаматыя па беларускай дыялекталогіі. Мінск, 1962, S. 7, 8, 9, 46, 47, 122, 131, 142 u. a.

⁶ Vgl. LKT, S. 388 u. a.; ferner Е. Й. Гринацевкене, Некоторые явления контактирования литовских и славянских говоров (на материале языковых контактов в юго-восточной Литве, — Балто-славянский сборник, Москва, 1972, S. 399 ff.

⁷ Vgl. Нарысы, S. 56.

⁸ Vgl. ДАБМ, Karte Nr. 28.

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z. B.: šāšas || švāšas „trocken“, lāukas || lūkas „Feld“, radāũ || radžũ „fand“⁹. Dieses Phänomen ist auch in isolierten litauischen Mundarten auf dem Gebiet der Belarussischen SSR belegt, z. B.: proūse „waschen“, gloūsc „an die Brust drücken“, krōjas „Blut“¹⁰. Aus dem Gesagten und den auf der oben erwähnten Karte Nr. 28 des DABM dargestellten Angaben geht hervor, dass die Gebiete, in denen die genannten Phänomene auftreten, aneinandergrenzen. Daher kann man annehmen, dass diese Besonderheiten in beiden Sprachen gemeinsam sind.

в) Bei der Unterscheidung der Phoneme с und ш in einzelnen Wörtern ist innerhalb der westlichen Zone der belarussischen Mundarten eine gewisse Schwankung festzustellen. Am häufigsten tritt hier anstelle des in den übrigen Mundarten üblichen Konsonanten с unregelmäßig der Konsonant ш auf, z. B.: шпіна „Rücken“ (Rajon Woronowo), шкапе́ц „verschnittener Mann“ (Rajon Postawy), шаракано́йка „Tausendfüßler“ (Rajon Braslaw), шлоць (< слюта) „Matsch“ (Rajon Nawahrudak). In Lehnwörtern bleibt in diesen Mundarten die für die Ausgangssprache charakteristische Aussprache der genannten Konsonanten erhalten, z. B.: паршу́к „Ferkel“, vgl. lit. paršiūkas (dieses Wort mit dieser Aussprache hat in den belarussischen Mundarten ein geschlossenes Verbreitungsgebiet¹¹); склю́т, склю́д „Dechsel“, vgl. шклю́д „ebd.“ (Rajon Kalinkawitschy), lit. skliūtas; пашку́ства, пашку́да „Abscheulichkeit, Widerwärtigkeit“ (Rajone Nawahrudak und Postawy; diese Wörter sind aller Wahrscheinlichkeit nach über das Litauische entlehnt), vgl.: паску́да (Rajon Rahatschou), lit. paškūstva „ebd.“ < aus dem Polnischen paskudstwo, paskuda.

г) Hier ist auch die für das Belarussische ungewöhnliche fakultative Aussprache des Konsonanten к’ vor е belegt, z. B.: ке́йкацца neben dem üblichen ко́шкаць, ко́шкацца „graben, sich eingraben“, наке́йзацца „beschmutzen“, кляке́на neben кляко́ча „klappert“ (Rajone Nawahrudak, Aschmjany und Iwje), заке́лтаць, мі́лці neben dem am weitesten verbreiteten закала́ціць „mit Wasser verdünnen, verrühren“¹². Möglicherweise sind die belegten Fälle durch den allgemeinen Charakter des Wechsels zwischen harten und weichen Konsonanten in den Konjugationsparadigmen bedingt; möglicherweise gehören sie aber auch zu Relikt- oder Substratphänomenen, vgl. lit. kẽsinti „langsam gehen“, kiaũzeris „Gaffer“, klekēnti „klappern“.

д) In diesen Mundarten wird in einzelnen Lexemen х entsprechend als к ausgesprochen, z. B.: ка́та „Haus“, жані́к „Bräutigam“, клеп „Brot“, канюк „Knecht“. Dieses Merkmal umfasst gewöhnlich einen großen Teil des Wortschatzes an den Orten, wo die Bevölkerung belarussische und litauische Dialekte spricht. Wir haben folgende Fälle im Rajon Woronowo (Dorf Staryja Smilhini) verzeichnet: чаро́мка „Traubenkirsche“, чка́я „niest“, казя́н „Hausherr“, жані́кі „Bräutigame“, чаты́ры па́ры сок „vier Paar Äxte“, пры́ехаў да іх „zu ihnen“, не бачыла іх „sie“ u. v. a. In den traditionellen litauischen Mundarten wird der Konsonant ch als к ausgesprochen, z. B.: kòras (in der Literatursprache chòras) „Chor“, kaukòzas (< aus kolchòzas) „Kolchose“, kòlera (in der Literatursprache chòlera)

9 Vgl. LD, S. 92–94.

10 Vgl. J. Senkus, Kai kurie Lazūnų tarmės ypatumai, „Lietuvos TSR Mokslų akademijos darbai, A serija“, 1(1958), S. 185.

11 Vgl. DABM, Karte Nr. 292.

12 Vgl. auch A. U. Araschonakawa, E. I. Hrynawetskene, I. P. Kawaltschuk, J. F. Mackewitsch, J. M. Ramanowitsch, A. I. Tsjabjaruk, L. F. Schatalawa, Da leksika-semantyčnaj dyferencyjacyi ŭ bielaruskich narodnych haworkach, „Весці Акадэміі навук Беларускай ССР, № 1, 1971, Серыя грамадскіх навук“, S. 95–96.

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‚Cholera‘, karāktorius (lit. Sprache charākteris) ‚Charakter‘, kūdas (aus chūdas) ‚dünn‘ u. a. Der Wandel von х zu к ist auch für andere westweißrussische Mundarten charakteristisch¹⁴. Da der Konsonant ch genuin litauischen Wörtern völlig fremd ist und, wie die Beispiele zeigen, nur in entlehnten Neubildungen der Literatursprache vorkommt, lässt sich vermuten, dass die weißrussischen Mundarten der westlichen Zone diese Besonderheit aus der Sprache ihrer westlichen Nachbarn übernommen haben.

e) In derselben Mundart (der Mundart von Stare Smilgini) ist der Verlust des anlautenden Frikativs г (h) zu beobachten, z. B.: iltāi (< giltāi) ‚Faulpelz‘, ōbly (< gōly), aryвь (< garyвь) ‚brennt‘, adūi (< gadūi) ‚erziehe‘, alavéйка (< galavéйка) ‚Brandkorn‘, aryвца (< garyвца) ‚Oberstube‘, арошаны (< garošany) ‚Erbsen-‘, умnisak (< gumnisak) ‚Dreschscheune‘, алойка (< galойка) ‚Köpfchen‘, уста́я (< густа́я) u. a. Dieses Phänomen gehört zur Sprachinterferenz unter den Bedingungen litauisch-weißrussischer Zweisprachigkeit, da in traditionellen litauischen Mundarten anlautendes h in Lehnwörtern stets ausfällt, z. B.: aktāras (lit. Sprache hektāras) ‚Hektar‘, ēriķas (lit. Sprache Hēriķas) ‚Heinrich‘, ērbac (lit. Sprache herbas) ‚Wappen‘, imnas (lit. Sprache himnas) ‚Hymne‘; vgl. außerdem arielkà (< weißruss. гарёлка) ‚Wodka‘, arbatà (< poln. herbata) ‚Tee‘, alasas (< poln. hałas, weißruss. го́лас) ‚Lärm‘, ādelis (< dt. Handel) ‚Handel‘15. In genuin litauischen Wörtern fehlt der Konsonant h überhaupt.

II. Die Mundarten der westlichen Zone unterscheiden sich auch hinsichtlich der Akzentuierung.

Feminine Substantive mit nichtabgeleitetem Stamm auf -а, die in der Literatursprache und in vielen weißrussischen Mundarten zur Akzentparadigma mit festem Akzent auf dem Stamm gehören, bilden hier im Singular ein bewegliches Paradigma mit Endungsakzent, z. B.: liná, liné, liný, linói (während im Plural der Stammakzent erhalten bleibt: linы, lináy, linám, linámi, на linax). Zu diesem Akzentuierungstyp gehören die Substantive: муха, хмара́, груша́, буда́ und einige andere. Hier einige Belege: буда́: у будзе́ саба́ка спіц; скуры́ зня́ў; муха́ кусучая; ве́лька груша́; на дне засталася гушча́ з груцы; скула́; скура́; пад ску́рой; хмара́ цёмная ідзе́ (Rajon Woronowo); (Rajon Szczuczyn); (Rajon Mosty); (Rajon Ostrowez); (Rajon Iwje); (Rajon Nowogródek). Die hier aufgeführten Substantive weisen jedoch keine einheitliche Verteilung der Akzentverschiebung auf: In einigen Mundarten umfasst das bewegliche Akzentparadigma eine große Gruppe von Substantiven, in anderen nur einzelne Wörter. So ist beispielsweise кура́ mit Endungsakzent auch in mehreren zentralen Rajons (Červen, Rogatschow u. a.) belegt.

Zum Bereich des Endungsakzents gehören auch abgeleitete Substantive mit Stamm auf -а, z. B.: сынава́ (Rajon Mosty), свінца́га ‚Blei‘ (Rajon Nowogródek), рабіна́, каліна́, хваіна́ (Rajon Woronowo), даўніна́ ‚alte Zeit‘, маліна́, кра́міна́ ‚Material eines Industrieerzeugnisses‘ (Rajon Červen), мякіна́, балаціна́.

13 Vgl. LD, S. 152; Lietuvių kalbos gramatika, I, Vilnius, 1965, S. 66.

14 Siehe E. J. Grinaveckene, I. P. Kowaltschuk, Ju. F. Mazkewitsch, E. M. Romanowitsch, Nordwestweißrussische Mundarten des litauischen Grenzgebiets, — Baltisch-slawische Sammelschrift (im Folgenden — BSS), Moskau, 1972, S. 378.

15 Vgl. LD, S. 152–153.

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(Rajon Ščučin), альшына́ ‘Erle’, маліна́ (Rajon Swislatsch), даліна́, нізіна́ (Rajon Nawahrudak), ганіна́ ‘Herde’, ганоля ‘ebd.’ (an vielen Orten, vgl. Isoglossenkarte Nr. 1), ѕушня, даубня, жаўцюха ‘Gelbsucht’, смярдзюха ‘Stinkende’ (Rajon Iwje) und viele andere.16 Eine erhebliche Anzahl der angeführten Suffixbildungen gehört zu sing. tantum.

Die Akzentuierung der oben angeführten Wörter ähnelt stark der Akzentuierung des Nominativs Singular einer entsprechenden Substantivgruppe in der benachbarten litauischen Sprache. Dort tragen zwei- und mehrsilbige Substantive feminine mit kurzer Endung und kurzer oder stark auslautender vorletzter Silbe sowie alte Oxytona im Nominativ Singular ausnahmslos den Akzent auf der Endung, z. B.: šakà ‘Zweig’, rankà ‘Hand’, trobà ‘Hütte’, sveikatà ‘Gesundheit’, pabaigà ‘Ende’. Diese Regel gilt auch für Entlehnungen: kvietkà ‘Blume’, terbà ‘Sack’, skūrā ‘Fell’, vyšnià ‘Kirsche’, kamarà ‘Speisekammer’. Wahrscheinlich ist diese Akzentuierungsbesonderheit der westweißrussischen Mundarten mit dem entsprechenden Akzentsystem des Litauischen identisch. Zu dieser Erscheinung könnten Wörter litauischer Herkunft beigetragen haben, die in den weißrussischen Mundarten gebraucht werden und deren ursprüngliche, der Gebersprache entsprechende Akzentstruktur hier übernommen und bewahrt wurde, z. B.: naùdā ‘Nutzen’, salā ‘Insel’, kūdra ‘Teich; gutes Waldstück’, mīlta ‘Speise aus Hafermehl’, dūlka ‘Staub’ u. a., vgl. lit. naudà, salà, kūdra, milta ‘Speise aus Sauermilch und Buchweizenmehl’, dùlkė. In einigen weißrussischen Entlehnungen aus dem Litauischen sind jedoch auch Akzentabweichungen gegenüber den Ausgangsformen belegt, vgl. lit. bandà ‘Laib Brot’ und weißruss. бо́нда ‘ebd.’, lit. kùlsė ‘Oberschenkel’ und weißruss. кулиша́ und кулúша ‘ebd.’, lit. maurai ‘Wasserlinse’ und weißruss. маўра́ ‘ebd.’ u. a.

Somit bildet unter den Substantiven mit Stamm auf -а im Lexikonbestand der untersuchten weißrussischen Mundarten der westlichen Zone eine bedeutende Gruppe die Wörter mit Endungsakzent in den Singularformen. Dies gibt Anlass zu der Annahme, dass sich die Verteilung dieses Akzenttyps unter dem Einfluss der oben genannten zahlreichen litauischen Formen im Kontext der weißrussisch-litauischen Kontakte herausbildete. In deren Folge breitete sich in den Grenzmundarten der Typ mit Stamm auf -а und Endungsakzent aus, auch wenn einzelne Formen Abweichungen aufweisen können.

Zu berücksichtigen ist, dass der Einfluss sowohl von einzelnen entlehnten Lexemen als auch vom gesamten Strukturtyp ausging, der Tendenzen zur Verlagerung des Akzents auf die Endung hervorrufen konnte.

III. Grammatische Unterschiede, die die westliche Zone der weißrussischen Mundarten vom übrigen weißrussischen Sprachgebiet abheben.

a) Der lexikalische Bestand der a-Stamm-Substantive in den Mundarten der Westzone wurde durch die Umformung anderer Stämme erweitert, z. B.: Maus ‘Maus’, Mäuse; Gänse ‘Gans’, Gänsen17. Möglicherweise übte hier Einfluss aus

16 Vgl. auch BSS, S. 379–380.

17 Vgl. DABM, Karten Nr. 80–83; ferner Лінгвістычная геаграфія і групоўка беларускіх гаворак, Мінск, 1968, S. 139–140; Лінгвістычная геаграфія і групоўка беларускіх гаворак, Мінск, 1969, Karte Nr. 56; Baltų kalbų veiksmažodžio tyrinėjimai, Vilnius, 1973, S. 247; ferner BSS, S. 379.

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und das grammatische System der benachbarten litauischen Mundarten, in denen Substantive des Femininums in der Regel keine Wortformen mit Nullflexion aufweisen.

b) In der belarussischen Literatursprache und in einem erheblichen Teil der Mundarten gehört das Wort стада ‚Herde‘ zum Neutrum. In den westlichen Mundarten bildet es Kasusformen nach dem Typus der Substantive mit а-Stamm, z. B.: стада, стады, стадзе, стаду, стадай(ю), у стадзе (siehe Isoglossenkarte Nr. 1). Auch der Genuswechsel lässt sich in diesem Fall aller Wahrscheinlichkeit nach durch den unterstützenden Einfluss des Litauischen erklären, in dem das direkte Äquivalent des untersuchten Wortes ein Femininum ist, vgl. bandā ‚Herde‘.

Es ist darauf hinzuweisen, dass aus dem Belarussischen entlehnte Wörter in alten litauischen Schriftdenkmälern und Mundarten belegt sind: stōdas, stodā „Herde“18. Ihrer Form nach zu urteilen, kann man annehmen, dass sie in keinerlei Zusammenhang mit der Genuskategorie des Wortes стада stehen, das gegenwärtig in den belarussischen Mundarten der westlichen Zone verwendet wird. K. Būga folgend, gehören die litauischen Formen stōdas, stodā zu den älteren Entlehnungen; das Genus der Letzteren hängt rein formal vom phonologischen System sowohl des Litauischen als auch des Belarussischen jener Zeit ab (vgl. lit. pōśmas < па́смо, bōgnas < ба́сно, reklā < pieklo, provà < право19). In diesem Fall fehlt jeglicher Einfluss der Lautgesetze der belarussischen Mundarten auf den Genuswechsel des dialektalen Wortes стада, vgl. belar. гора (Neutrum) < горе, дзе́рава (Neutrum), стада (Femininum), дружыка (Maskulinum) usw.

Infolge der genannten Prozesse ist der lexikalische Bestand der Substantive mit а-Stamm in verschiedenen Teilen der belarussischen Mundarten der westlichen Zone umfangreicher, was in erheblichem Maße durch die belarussisch-litauischen Kontakte bedingt ist.

c) In den belarussischen Mundarten gibt es eigene spezifische Mittel zum Ausdruck räumlicher, zeitlicher und anderer Beziehungen. In der Literatursprache erfüllen diese Funktion gewöhnlich Verbindungen von Präpositionen mit verschiedenen Kasusformen. In den Mundarten der untersuchten Zone treten dagegen häufig präpositionslose Konstruktionen in dieser Funktion auf.

Entsprechend der Präpositionalkonstruktion mit der Präposition у + Akkusativ zum Ausdruck einer Zeitangabe wird in der Volkssprache der untersuchten belarussischen Mundarten der temporale Instrumental verwendet. Bei der Bezeichnung eines punktuellen Vorgangs tritt als temporaler Instrumental meist der adverbialisierte Instrumental Singular eines Substantivs auf, z. B.: ноча́й (Literatursprache: у ноч) абіралі яблыкі (Rajon Woronowo); па́ўднём (Literatursprache: у по́ўдні) пры́шла́; ён паро́й (Literatursprache: у пару́) пры́шоў; якім вре́мям схо́дзім (Rajon Iwje); не адным вре́мям (Literatursprache: не ў адзін час) прыду (Rajon Aschmjany). Zur Bezeichnung der Wiederholung eines Vorgangs wird als temporaler Instrumental der Instrumental Plural eines Substantivs verwendet, dessen Formen jedoch nicht adverbialisiert sind, z. B.: недзе́лямі (Literatursprache: у недзе́лі) былі кармашы; вечарамі будзем пісаць (Rajon Nawahrudak).

18 См. P. Skardžius, Die slavischen Lehnwörter im Altlitauischen, Kaunas, 1931, с. 207; картотека „Словаря литовского языка“, хранящаяся в рукописных фондах Института литовского языка и литературы АН Лит. ССР.

19 Ср. K. Būga, Rinktiniai raštai, III, Vilnius, 1961, с. 46.

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Substantive mit allgemeiner Zeitangabe werden durch bestimmte Wörter näher bestimmt. Sehr häufig werden in dieser Funktion Demonstrativpronomen, seltener Adjektive verwendet, z. B.: цяперашнім часам добра жыць; гэтым днямі былі даўшы; гэтым годам многа есьць яблык, гагад, грыбоў (Rajon Nawahrudak); гэтым часам не спіцца; Норыя прыйшла гэтай парой (Rajon Waukawysk).

Die Instrumentalform Plural drückt auch eine längere Zeitspanne aus, während der bestimmte Veränderungen stattfinden, z. B.: кругія куча камней гадамі расце (Rajon Wilejka).

Konstruktionen mit temporalem Instrumental sind mehr oder weniger allen belarussischen Mundarten eigen, insbesondere zur Bezeichnung verschiedener Zustände, die über einen bestimmten Zeitraum andauern. Daraus ergibt sich ihre grammatische Funktion – der Ausdruck einer Zeitangabe, z. B.: цяплом іду жыта жаць; марозам павешалі сушыць бялізну; такою сушаю жыта ня абыйдзеце; вайной пагарэлі (Rajon Nawahrudak); і дажджом есьць работа (Rajon Schtschutschyn); у нас святам ня робяць; нядзелькай паедзім с табой; яна яшчэ дзеўкай хварэла (Rajon Woronowo); днём вянуць кветы (Rajon Waukawysk). Zur Bezeichnung eines punktuellen Vorgangs sowie einer wiederholten Handlung sind diese Konstruktionen jedoch besonders konzentriert in der westlichen Zone verbreitet. In der Literatursprache und in anderen Mundarten entsprechen ihnen, wie bereits erwähnt, synonymische Präpositionalphrasen.

Diese Konstruktionen mit temporalem Instrumental sind in den benachbarten litauischen Mundarten und in der litauischen Literatursprache weit verbreitet, z. B.: nakčią nūkrētė obuolius; kokiu laiku eisim; ne vienu laiku parėjom; sekmadieniais būdavo turgai; vakarais mezgū; dabartiniais laikais lengva gyventi; šiąs metais daug grybų; tuo laiku dar nemiegų und viele andere. Daher lässt sich auch in diesem Fall ein unterstützender Einfluss entsprechender litauischer Konstruktionen erkennen.

Daneben sind in den untersuchten Mundarten Konstruktionen mit lokalem Instrumental, Instrumental des Mittels sowie auch Mengeninstrumental weit verbreitet, z. B.: старанамі шоў дождж; вол баразной шоў (Rajon Aschmjany); ён ляціць вуліцамі (Rajon Iwje); мылі лугам адзежду; ехалі машынай; канём паедзе (Rajon Woronowo); за Алачку годам старэй (Rajon Schtschutschyn). Diese syntaktischen Konstruktionen haben ebenfalls direkte Entsprechungen im Litauischen, z. B.: šonais lijo; jautis vagą eina; jis laksto gatvėmis; širmu skalbė; mašina važivo; arkliu važiuos; už Ong metais vyresnis. In der belarussischen Literatursprache und in anderen Mundarten sind dagegen in diesem Fall synonymische Präpositionalkonstruktionen anstelle präpositionsloser Konstruktionen weit verbreitet, z. B.: у баках шоў дождж; па баразне шоў вол; ён ляціць па вуліцы; мылі ў лузе; ехалі на машыне, на кані, за Алачку на год старэй usw. Daraus folgt: Auch in diesem Fall hat das Litauische aller Wahrscheinlichkeit nach einen unterstützenden Einfluss auf das semantische System der belarussischen Mundarten der westlichen Zone ausgeübt.

d) Im untersuchten Sprachgebiet der belarussischen Volksmundarten wurden auch einige syntaktische Konstruktionen festgestellt, die für slawische Sprachen weniger charakteristisch sind, im benachbarten Litauischen und seinen

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Dialekten. Zu den letzteren gehören in erster Linie der Partitivgenitiv (genetivus partitivus) und der Genitiv des Zwecks, z. B.: каля кустоў ламой ёсьць (Rajon Aschmjany), vgl. lit. prie krūmų yra šakų; užėjo į gadaū ёсьць (Rajon Iwje), vgl. lit. jau įogų yra; пришоў ён раз каня (Rajon Iwje), vgl. lit. atejo jis kartą arklių; схажу я сала (Rajon Schtschutschyn), vgl. lit. einù aš lašinių usw. In der belarussischen Literatursprache und in anderen Dialekten sind solche Konstruktionen nicht erhalten geblieben, z. B.: каля кустоў ламы ёсьць; ужо ягад ёсьць; прыйшоў ён каб далі каня; схажу я па сала usw.

Das untersuchte Material, das von dialektologischen Expeditionen in den Jahren 1972—1975 gesammelt wurde, wirft neues Licht auf das Problem der Erforschung der baltisch-slawischen sprachlichen, ethnischen und historischen Kontakte und erweitert deren Umfang erheblich; zugleich ermöglicht es, eine ganze Reihe theoretischer Probleme bei der Beleuchtung der gegenwärtigen Sprachsituation im belarussisch-litauischen Grenzgebiet aufzuwerfen.

KARTE NR. 1

Verbreitung der Wörter гайня (гангля) und стада (Gen. Sg. стаду) in den belarussischen Dialekten der westlichen Zone 1 — гайня (гангля), 2 — стада (Gen. Sg. стаду)

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