Page 1MOKSLO KALBOS KULTŪROS IR TERMINOLOGIJOS PROBLEMOS
LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXIV (1985)
WALENTINA SKUINJA
ÜBER EINIGE SEMANTISCHE PROBLEME DER WISSENSCHAFTLICHEN TERMINOLOGIE
Für die gegenwärtige Etappe der wissenschaftlich-technischen Revolution (WTR) ist die Entstehung neuer Ansätze zur Erforschung der Umwelt sowie neuer, mit diesen Ansätzen verbundener Wissenschaften charakteristisch. Die Anwendung solcher Wissenschaften und Forschungsrichtungen wie Kybernetik, Systemanalyse und mathematische Modellierung trägt dazu bei, die Wissenschaft zum revolutionärsten Element des technisch-ökonomischen Fortschritts und zu einem wichtigen Mittel der gesellschaftlichen Steuerung zu machen 1.
Angesichts der immer größeren Rolle der Wissenschaft kommt einem hochwertigen Informationsdienst für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt große Bedeutung zu; dabei nimmt die wissenschaftliche Literatur eine führende Stellung ein. Die semantische Genauigkeit der Termini trägt zum richtigen Verständnis wissenschaftlicher Texte und zu einem schnelleren Informationsaustausch bei.
Der semantische Aspekt spielt in der Terminologietheorie eine äußerst wichtige Rolle. Der Semantik des Terminus wird bereits bei der Aufzählung der grundlegenden Anforderungen an einen wissenschaftlichen Terminus breiter Raum eingeräumt, nämlich: 1) semantische Genauigkeit; 2) Eindeutigkeit; 3) Mononymie2 oder Ein-Terminologie; 4) Kontextunabhängigkeit3.
Eine Abweichung von diesen und anderen Anforderungen, die in den Arbeiten des Begründers der sowjetischen Terminologieschule D. S. Lotte hervorgehoben wurden, sowie die Betrachtung terminologischer Probleme ausschließlich aus allgemeinlinguistischer Sicht, ohne die terminologische Besonderheit zu berücksichtigen und zu verstehen (z. B. die Betonung der Polysemie und der Instabilität der Bedeutung eines Terminus und die damit einhergehende Zurückweisung der Anforderungen an Eindeutigkeit und Kontextunabhängigkeit des Terminus, die fehlende Unterscheidung zwischen spezifischen terminologischen semantischen Prozessen und semantischen Prozessen, die sich in der Gemein-
1 M a r u s e n k o M. A. Systemansatz für die wissenschaftlich-technische Terminologie.— NTI, Reihe 2, 1983, Nr. 1, S. 1.
2 Die Forderung, für die Bezeichnung eines Begriffs nur eine Benennung, einen Terminus zu verwenden, wird in dem Artikel Mononymie genannt (vgl. die Bildung von Synonymie sowie Synonymie—Mononymie zur Bezeichnung der entsprechenden Phänomene).
3 Der Terminus Kontextunabhängigkeit wurde ebenfalls vom Verfasser des Artikels geprägt, um die Forderung nach Unabhängigkeit des Terminus vom Kontext kürzer zu benennen; diese Forderung wird in den Arbeiten von D. S. Lotte dargelegt (siehe z. B.: Lotte D. S. Grundlagen der Gestaltung wissenschaftlich-technischer Terminologie.— Moskau, 1961, S. 73—75).
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Page 2… literarischen Sprache, die Missachtung branchenspezifischer terminologischer Besonderheiten und allgemeinwissenschaftlicher Bedürfnisse usw.) 4 sowie die fehlende Unterscheidung zwischen den Besonderheiten wissenschaftlicher und beruflicher Terminologie führen zu Beeinträchtigungen der theoretischen Grundlagen der Terminologie und der praktischen Ausarbeitung von Terminologiesystemen. Die richtige Lösung gegenwärtiger semantischer Terminologieprobleme finden wir in den Arbeiten von W. P. Danilenko, die insbesondere hervorhebt: „Die Verwirklichung … semantischer Prozesse (Polysemie, Homonymie, Antonymie) in der Terminologie wird ebenfalls durch die Stellung des Terminus im System und seinen Bezug zu den Bezeichneten bestimmt; daher ist die Ausprägung semantischer Eigenschaften bei Termini im Vergleich zu gemeinsprachlichen Wörtern spezifisch“5.
Um bei der Bildung eines neuen Terminus semantische Genauigkeit zu erreichen, muss man den durch den Terminus ausgedrückten Begriff vollständig kennen und die im Namen widerzuspiegelnden wesentlichen6 Merkmale des Begriffs geschickt auswählen. Bei der Präzisierung der Bedeutung eines bestehenden Terminus ist es gewöhnlich zunächst erforderlich, die Grenzen des bezeichneten Begriffs zu präzisieren, den Unterbegriffsterminus sowie die benachbarten Oberbegriffe zu ermitteln und die notwendigen strukturellen und semantischen Änderungen vorzunehmen.
Die Forderung nach Eindeutigkeit in der Terminologie darf nicht formal verstanden werden. Gemäß der sowjetischen Terminologieschule, die auf den Forschungen von D. S. Lotte und anderen sowjetischen Terminologen beruht, gilt die relative Eindeutigkeit des Terminus als wesentliches Merkmal eines wissenschaftlichen Terminus und als Anforderung an einen solchen, d. h. die Zuordnung des sprachlichen Zeichens eines Terminus zu einem Begriff innerhalb des Begriffssystems des jeweiligen Fachgebiets und der damit verwandten (benachbarten) Wissensgebiete7. Daher kann ein Terminus nicht als mehrdeutig gelten, wenn seine Funktion von einem polysemen Wort erfüllt wird, dessen verschiedene Bedeutungen in unterschiedlichen Fachgebieten verwendet werden, z. B.: окно — in der Funktion eines Terminus des Bauwesens und der Moorwissenschaft, вал — in der Funktion
4 Siehe z. B.: Nowitschkowa L. M. Zur Frage der Mehrdeutigkeit wissenschaftlich-technischer Termini (im Rahmen der Übersetzung von einer Sprache in eine andere).— In: Unionsweite Konferenz „Verbesserung der Übersetzung wissenschaftlich-technischer Literatur und Dokumente“. Moskau, 1982, S. 93—94, wo die Mehrdeutigkeit von Termini als stabiles und gesetzmäßiges Phänomen bezeichnet wird, das durch die inneren Gesetze der Sprachentwicklung bedingt ist; siehe auch die Beschreibung einiger semantischer Prozesse in dem Buch: Petrow W. W. Semantik wissenschaftlicher Termini.— Nowosibirsk, 1982.
5 Даниленко В. П. Русская терминология/Опыт лингвистического описания.— М., 1977, с. 53.
6 Wie die Praxis zeigt, wird bei der Bildung überladener mehrgliedriger Terminus-Wortverbindungen häufig vergessen, dass für die Wiedergabe im Terminus gerade die wesentlichen Merkmale auszuwählen sind, obwohl D. S. Lotte dies in seinen Arbeiten wiederholt betont hat (siehe z. B.: Barzhitskaja O. W. Zu einigen schwierigen Fragen der Normung wissenschaftlich-technischer Terminologie.— In: Wissenschaftlich-technische Terminologie. Moskau, 1983, Heft 5, S. 1—5).
7 Siehe dazu: Lotte D. S. Grundlagen der Bildung wissenschaftlich-technischer Terminologie, S. 75.
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Page 3des Maschinenbaus, der Landwirtschaft und der Hydrologie usw. Auch Termini, die durch Bedeutungsübertragung eines gemeinsprachlichen Wortes oder eines Terminus aus einem anderen Fachgebiet gebildet werden, weisen nicht auf Mehrdeutigkeit oder semantische Instabilität in der Terminologie hin, z. B.: усталость (in der Metalltechnik), память (in der Computertechnik), долговечность (in technischen Fachgebieten), козлы (im Bauwesen) und andere. Auf konkrete Funktionsweisen in der Praxis, nicht aber auf die Natur der Fachwörter 8, weisen die in der Praxis vorkommende Unordnung bei einigen Termini und das tatsächliche Auftreten einzelner mehrdeutiger Termini hin. Fälle von Mehrdeutigkeit bei Termini innerhalb eines Fachgebiets sind nicht allzu verbreitet; außerdem wird Mehrdeutigkeit nach Möglichkeit bei der Ordnung der Fachterminologie beseitigt.
In verschiedenen Fachgebieten muss man jedoch mit der sogenannten kategorialen Mehrdeutigkeit rechnen 9, der die Zugehörigkeit der entsprechenden Wortbildungen zu verschiedenen Kategorien zugrunde liegt, was durch das allgemeine System der jeweiligen Sprache bedingt ist, z. B. im Russischen: твердость — Eigenschaft und Größe, давление — Prozess und Größe, намотка, кладка — Prozess und Ergebnis, смазка — Prozess und Stoff, образование — in direkter und reflexiver Bedeutung (vgl. die Bedeutungen der Verben образовать und образоваться), выравниватель — eine Person und ein Gerät. Kategoriale Mehrdeutigkeit ist kein Mangel der Terminologie 10, der unbedingt beseitigt werden müsste. Die Termini werden dadurch nicht unverständlich. Die Grenzen eines bestimmten Begriffs werden dadurch nicht verletzt: твердость bezeichnet eine bestimmte Eigenschaft und die ihr entsprechende Größe, выравниватель einen Ausführenden (eine Person oder ein Gerät) einer bestimmten Handlung. Der konkrete Terminusgebrauch, der konkrete Kontext im Funktionsbereich eines Terminus, legt dessen Inhalt gewöhnlich hinreichend anschaulich dar. Dabei macht der Kontext die Bedeutung des Terminus nicht zu einem abhängigen Phänomen (verletzt nicht die Forderung nach Kontextunabhängigkeit des Terminus): Er legt lediglich die Bedeutung offen und erläutert sie, die dem Terminus im Bereich seiner Fixierung zukommt.
Es gibt die Auffassung, dass Mehrdeutigkeit besonders charakteristisch für die ererbten Wörter einer Sprache sei, da jede natürliche Sprache eine polyseme Sprachstruktur darstellt 11, während Entlehnungen in der entlehnenden Sprache eindeutig seien, angeblich den Charakter reiner Symbole hätten und daher in der Terminologie Vorteile besäßen 12. Entlehnungen werden mitunter sogar bei der Wahl eines einzelnen Unterbegriffsterminus bevorzugt,
8 Danilenko W. P. Russische Terminologie, S. 55.
9 Как работать над терминологией. Основы и методы.— М., 1968, с. 40.
10 Danilenko W. P. Russische Terminologie, S. 69.
11 Дьяков Б. О полисемантической структуре естественных языков.— Вопросы философии, 1973, № 7, с. 139.
12 Интернациональные элементы в лексике и терминологии.— Харьков, 1980, с. 71.
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Page 4z. B.: Ins Lettische wurden Anglizismen entlehnt: parkings zur Bezeichnung einer Art von Autoparkplätzen, kruiz zur Bezeichnung einer Art von Schiffsreisen, bermudi zur Bezeichnung einer Art modischer Hosen, rums zur Bezeichnung einer Art von Getränken, rauts zur Bezeichnung einer Art von Festen, šovs zur Bezeichnung einer Art von Vorstellungen.
Andererseits sind nicht alle ererbten Wörter in Sprachen mehrdeutig. In Wörterbüchern des Lettischen werden lettische Wörter mit nur einer Bedeutung aufgeführt, z. B. ābele „Apfelbaum“, ascenes „Brille“, alksnene „Gallröhrling“, apauši „Halfter“, augājs „Vegetation“. In einer Sprache lassen sich thematische Wortgruppen feststellen, für die unabhängig davon, ob sie einheimischen oder fremdsprachigen Ursprungs sind, Eindeutigkeit charakteristisch ist, z. B.: Bezeichnungen von Sportarten – basketbols „Basketball“, volejbols „Volleyball“, dambrete „Dame“, burāšana „Segelsport“, rokasbumba „Handball“; Bezeichnungen von Bäumen, Blumen und anderen Pflanzen – plūme „Pflaume“, acālija „Azalee“, balanda „Melde“ usw.
Andererseits erwerben viele Entlehnungen, die in der Ursprungssprache eine allgemeinere Bedeutung haben und dort häufig ebenfalls mehrdeutige Wörter sind, unter den Bedingungen der heutzutage weitreichenden Sprachkontakte nach einiger Zeit auch in der entlehnenden Sprache Mehrdeutigkeit. So wird beispielsweise der Anglizismus круиз im Russischen nicht nur für eine Schiffsreise verwendet, sondern auch zur Bezeichnung einer Flugreise und sogar einer Stadtrundfahrt mit einer Pferdekutsche. Der militärische Terminus камуфляж hat die allgemeinere Bedeutung der Tarnung schlechthin angenommen. Mit dem Anglizismus bermudi werden im lettischen Sprachgebrauch nicht nur halblange Damenhosen mit Umschlägen bezeichnet, sondern auch lange Hosen eines bestimmten Schnitts, und zwar sowohl mit als auch ohne Umschläge. Auch der Anglizismus шорты bezeichnet keine bestimmte Art kurzer Hosen. In der lettischen wissenschaftlichen Terminologie ist der Anglizismus dizains in zwei Bedeutungen etabliert: 1) „künstlerische Konstruktion“ und 2) „künstlerische Gestaltung“ 13.
Mehrdeutigkeit und semantische Instabilität sind auch für viele internationale Entlehnungen charakteristisch, die auf griechisch-lateinischer Grundlage gebildet sind. Im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung der Internationalismen концерт, конкурс, манифест, навигация, парад, тактика usw. verändert. Die Internationalismen арматура, культура, морфология, реакция usw. werden in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Im Lettischen dienen die Internationalismen zur Bezeichnung bestimmter Zeitabschnitte эпоха (zur Bezeichnung eines langen Zeitraums von besonderer Bedeutung im Leben der Menschheit),
13 Interessant ist, dass in litauischen terminologischen Untersuchungen als Äquivalent des englischen Wortes designer im Russischen das russische Wort чертежник und im Litauischen das litauische Wort braižytojas angegeben wird (siehe z. B.: Kaulakene A. J. Lehnübersetzungen in der modernen litauischen technischen Terminologie: Zusammenfassung der Dissertation... zum Kandidaten der philologischen Wissenschaften.— Vilnius, 1983, S. 11).
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Page 5etaps (in der militärischen und sportlichen Terminologie sowie in der allgemeineren Bedeutung eines langen Zeitraums), zur Bezeichnung einer Nachrichtenart raporis (in der militärischen und verwandten Terminologie). In jüngster Zeit nehmen diese Internationalismen im Lettischen unter dem Einfluss der Bedeutungen der entsprechenden Internationalismen des Russischen (эпоха, этап, рапорт) allgemeinere Bedeutungen an und verdrängen damit allmählich in gewissem Maße die lettischen Wörter laikmets, posms, ziņojums aus dem Gebrauch.
Wie andere lexikalische Einheiten einer Sprache weisen auch Internationalismen bei einzelnen Elementen Mehrdeutigkeit auf. So treten im Lettischen mit dem Element -itāte gewöhnlich Internationalismen mit abstrakter Bedeutung auf, und es entstehen immer wieder neue: stabilitāte, profesionalitāte, eksemplaritāte, situativitāte. Einige dieser Internationalismen haben jedoch auch eine konkrete Bedeutung: autoritāte, antikvitāte, aktualitāte, novitāte. (Ein ähnlicher Bedeutungsübergang vom Abstrakten zum Konkreten ist auch bei lettischen Bildungen mit den Elementen -ība, -ums zu beobachten, z. B.: aplamība, darbība; darījums, plūksnojums, und im Russischen bei den Elementen -ость, -ство, z. B.: сладость — сладости; новшество.
Zusätzliche Synonymie, Antonymie oder Homonymie entsteht mitunter, wenn klassische internationale Wurzelelemente in der nationalen Wortbildung verwendet werden, z. B.: Die Wurzel ген- wird in den Bildungen индигенный и генуинный verwendet, die bei litauischen und estnischen Sprachwissenschaftlern mit der gemeinsamen Bedeutung „einheimisch“ zu finden sind.
Aus den angeführten Tatsachen folgt, dass die Vorteile von Entlehnungen in semantischer Hinsicht oft sehr umstritten sind und dass man den Äußerungen sowjetischer Linguisten zustimmen muss, die davon abraten, die Sprache mit fremdsprachigen Bezeichnungen zu überladen, insbesondere wenn es sich um Entlehnungen aus einzelnen Nationalsprachen handelt. Und zwar nicht nur, weil diese Bezeichnungen fremden Ursprungs sind, sondern auch, weil sie in die entlehnende Sprache Einheiten mit einer besonderen phonetischen, morphologischen und semantischen Struktur einführen und eigene Rechtschreibregeln (mitunter auch Ausspracheregeln), eine strukturell-semantische Analyse usw. erfordern. 14So wird beispielsweise bei der Entlehnung der Anglizismen lapings, listings, moldings, monitorings, parkings usw. ins Lettische das Element -ings als selbstständiges wortbildendes Element herausgelöst und beansprucht einen Platz im allgemeinen Wortbildungssystem der Sprache. Dieses Element dupliziert jedoch semantisch das lettische Element -šana (das dem russischen -ние entspricht) und bereichert somit die Sprache nicht, sondern führt im Gegenteil überflüssige Dubletten ein.
Einzelne Entlehnungen wissenschaftlicher Termini aus anderen Nationalsprachen können das im betreffenden Sprachsystem bestehende Terminologiesystem stören,
14 Skvortsov L. I. Schatzkammer der Sprachkultur (Fortsetzung).— Русская речь, 1976, Nr. 4, S. 19.
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Page 6Daher verdient das Bestreben der Fachleute Zustimmung, bei der Ordnung der Fachterminologie verbreitete, im professionellen Sprachgebrauch anzutreffende unmotivierte Entlehnungen zu vermeiden und sie durch gelungene systematische Neubildungen zu ersetzen, z. B.: In der lettischen wissenschaftlich-technischen Terminologie wurde anstelle des Germanismus šlifs pieslīpnis gebildet, anstelle von šlihs — izskalas, anstelle von štoks — stumbenis, anstelle von klipverks — paminkaltava; in der medizinischen Terminologie wurde atvilnis als Äquivalent des Internationalismus Reflux anerkannt, spriedze als Äquivalent des Anglizismus stress. Eine ganze Reihe von Internationalismen hat lettische Entsprechungen in der ökologischen und hydrobiologischen Terminologie erhalten, z. B.: fitofāgs — augēdājs, heliofobs — saulbēglis, helofīts — purvaugs, hionofils — sniegmīlis. Die lettischen Elektronikfachleute hielten anstelle des unsystematischen Anglizismus displejs15 den Terminus ekrānpults für durchaus zutreffend.
Jede Nationalsprache bietet große Möglichkeiten, Wortbedeutungen zu differenzieren. Im Lettischen dienen diesem Zweck beispielsweise verschiedene Präfixe: sagāde „Beschaffung“ — apgāde „Versorgung“, pakars „Aufhängung“ — piekars „Abhängung“; Suffixe: drošība „Sicherheit“ — drošums „Zuverlässigkeit“, kraušana „Verladung“ — krautnēšana „Stapeln“; sowie das Suffixende: ierakste „Aufzeichnung (Vorgang)“ — ieraksts „Aufzeichnung (Ergebnis)“; und sogar der Wechsel von Vokalen und Konsonanten im Wortstamm: spraislis „gerader Riegel“ — sprieslis „gebogener Riegel“, lietēšana „Beregnung (Bewässerung)“ — liedēšana „Beregnung (Entleerung in Form von Regen)“. Bedeutungen werden auch durch die Bildung von Termini differenziert — durch Komposita und terminologische Wortgruppen: mežmeliorācija „Melioration der Wälder“ — meža meliorācija „Melioration des Waldes“, darbavieta „Arbeitsstelle“ — darba vieta „Arbeitsplatz“, ūdenslīmenis „Wasserstand“ — ūdens līmenis „Wasserspiegel“.
Ein wertvoller Terminusbestand vieler Sprachen sind verschiedene internationale Bildungen mit einer bestimmten, gefestigten Bedeutung, z. B. Bildungen mit den Elementen -at, -id, -it in der chemischen Terminologie (Arsenat, Nitrat, Sulfat; Arsenid, Nitrid, Sulfid; Arsenit, Nitrit, Sulfit), Bezeichnungen von Mineralen auf -it, gebildet aus Stämmen einheimischer Ortsnamen (Altait — wurde im Altai gefunden, Belomorit — wurde am Weißen Meer gefunden, Cuban(it) — wurde auf Kuba gefunden) oder aus den Familiennamen herausragender Wissenschaftler (Avicennit, Birunit, Bagrationit, Prschewalskit). Mit wenigen Ausnahmen werden Internationalismen auf -ada (Olympiade, Spartakiade, Schubertiade), -ation (Agitation, Konzent-
15 Der Anglizismus дисплей (Display) sowie компьютер (Computer), дизайн (Design) u. a. wurden auch in anderen Sprachen kritisiert; siehe z. B.: Skvortsov L. I. Schatzkammer der Sprachkultur (Schluss). — Русская речь, 1976, Nr. 4, S. 19; Andrejew R. A. Zur Frage der Herausbildung der Terminologie der Rechentechnik und Informatik im Französischen. — In: Всесоюзная конференция «Совершенствование перевода зарубежной научно-технической литературы». Moskau, 1978, S. 102.
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Page 7ration), -ismus (Kommunismus, Sozialismus), -ist (Kommunist, Russist), -ität (Autorität, Parität) u. a. Die Bedeutung der Stämme ferri- und ferro-; elid- und elimin- u. a. ist streng differenziert.
In einzelnen Sprachen werden auch andere Verfahren und Elemente zur Bedeutungsdifferenzierung von Bildungen mit internationalem Stamm verwendet. So dienen in der lettischen Kunstterminologie die entlehnten postfigierenden Elemente -ants und -ieris der Bedeutungsdifferenzierung der Termini dublants „Künstler als Double zur Darstellung derselben Rolle“ und dublieris „Künstler als Double, der anstelle eines anderen spricht oder handelt, z. B. bei der Synchronisierung von Filmen, bei der Ausführung gefährlicher Nummern usw.“ Die Derivate aktivēt — aktivizēt, gāzēt — gazificēt, internacionāls — internacionalistisks, kompozīts — kompozicionāls, problēmisks — problemātisks, sistēmisks — sistemātisks u. a. haben unterschiedliche Bedeutungen. Vergleichbare Erscheinungen gibt es auch in anderen Sprachen: vgl. im Russischen активировать — активизировать, газировать — газифицировать, интернациональный — интернационалистский, композитный — композиционный, проблемный — проблематический, системный — систематический, im Estnischen konstruktiivne — konstruktsiooniline, loogiline — loogikaline, süsteemne — süsteemaatiline16.
In der jüngeren Praxis der Terminusordnung im Lettischen wird, wenn zur Bedeutungsdifferenzierung erforderlich, die Semantik der in der wissenschaftlichen Terminologie zugelassenen Synonyme unterschieden, von denen das eine einheimisch und das andere fremdsprachig (international) ist, z. B.: dzinejs „Motor“ — motors „Motor“.
Der Artikel behandelt ausführlicher Fragen der Eindeutigkeit und Mehrdeutigkeit einheimischer und fremdsprachiger Termini und erwähnt einige Möglichkeiten, die Bedeutungen einzelner Wortbildungsgruppen auf der Grundlage einheimischer und internationaler Bildungen zu differenzieren. Semantische Probleme im Zusammenhang mit den Anforderungen der Mononymie und Kontextunabhängigkeit u. a. bleiben außerhalb der Analyse.
Angesichts der zunehmenden Rolle der internationalen Terminologie und des Aufkommens von Neubildungen auf der Grundlage internationaler Stämme in vielen Nationalsprachen wird es immer dringlicher, über Wege und Methoden zur Abstimmung von Semantik und Form internationaler Bildungen sowie über Möglichkeiten nachzudenken, die internationale Terminologie im sprachübergreifenden Maßstab zu ordnen und so in der Praxis bestehende Widersprüche zu beseitigen (vgl.: библиотека, картотека, фильмотека, фонотека, но — дискотека; багаж, километраж, литраж, тоннаж, но — персонаж usw.).
16 K u l l R. Die Entwicklung der estnischen Terminolexik vor dem Hintergrund der indoeuropäischen Sprachen.— In: Контакты русского языка с языками народов Прибалтики. Riga, 1984, S. 123—137.
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Page 8Jeder Terminus muss wissenschaftlich begründet sein. Bei der Wahl des optimalen wissenschaftlichen Terminus haben die in den Arbeiten von D. S. Lotte behandelten Anforderungen nichts von ihrer Aktualität eingebüßt; unter ihnen nimmt die Forderung nach Systemhaftigkeit einen besonderen Platz ein.
Die Klarheit eines Terminus ist eine Garantie für klare Gedanken und ein höheres Niveau der Sprachkultur der Wissenschaft.
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