Page 1LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXVII (1997) LEKSIKOGRAFIJOS IR LEKSIKOLOGIJOS PROBLEMOS
Algirdas SABALIAUSKAS
KAZIMIERAS BŪGA UND DIE LITAUISCHE LEXIKOGRAPHIE
Die Geschichte der litauischen Lexikographie ist ein Teil der komplexen und oft tragischen Geschichte unserer Kultur. Seit vier Jahrhunderten schreiben Litauer selbst und ihre anderssprachigen Freunde (manchmal auch Feinde) Wörterbücher der litauischen Sprache. Für manche waren Wörterbücher ein Lernmittel. Andere verfassten sie, um die Wörter der Bibel besser zu erklären. Für wieder andere war ein Wörterbuch der litauischen Sprache ein Denkmal eines sterbenden Volkes und einer sterbenden Sprache. Erinnern wir uns an den 1846 geäußerten Gedanken von Ferdinand Nesselmann: „In fünfzig Jahren wird die Erstellung eines Wörterbuchs der litauischen Sprache bereits unmöglich sein“ (Nesselmann 1846: 149) – man verstehe: Die litauische Sprache wird dann bereits verschwunden sein... Wörterbücher der litauischen Sprache schrieben Geistliche, Ärzte, Professoren ausländischer Universitäten sowie mehr oder weniger gebildete Litauer. Dionizas Poška entschuldigte sich bei den Lesern seines geplanten Wörterbuchs:
Nepėyk tum mana rasztu! nes raszi artois, Su Žagre, ne Su Plunksna Žiemes Rasztois (Poška 1959: 86).
Dreißig Jahre widmete Jokūbas Brodovskis dem Wörterbuch der litauischen Sprache, doch leider erlebte er die Früchte seiner Arbeit nicht. Wie eine schöne Legende, ebenfalls ohne die Früchte seiner Arbeit zu sehen, ging Antanas Juška in die Geschichte der litauischen Lexikographie ein. Nur der fleißige Frydrichas Kuršaitis vollendete seine großen Arbeiten erfolgreich und konnte mit Genugtuung in seinem 1883 erschienenen letzten lexikographischen Werk, dem „Litauisch-deutschen Wörterbuch“, schreiben: „So beende ich meine literarische Arbeit an der litauischen Sprache und wünsche meinem Volk, dem ich durch meine Geburt angehöre und dem ich lange Jahre treu gedient habe, Heil“ (Kurschat 1883: XII).
Für die Probleme der litauischen Lexikographie interessierten sich sehr und verfassten mitunter selbst Wörterbücher die Wegbereiter der litauischen nationalen Wiedergeburt des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wie tief die Idee eines Wörterbuchs damals in das Bewusstsein der litauischen Intellektuellen eingedrungen war, mag vielleicht auch folgende Begebenheit bezeugen. Petras Kriaučiūnas, ein bedeutender Vertreter der litauischen nationalen Wiedergeburt und Lehrer am Gymnasium von Marijampolė, der übrigens selbst ein Wörterbuch der litauischen Sprache zusammenstellte, erinnert sich 1903 im „Varpas“ (9/10, S. 229), dass sein ehemaliger Schüler, der Schriftsteller Antanas Vilkutaitis-Keturakis, als er bereits todkrank war und seine Nerven zerrüttet waren, ihm geschrieben habe, er habe bei einer Lotterie gleichsam eine riesige Geldsumme gewonnen und werde „aus eigener Tasche litauische Zeitungen in jeder größeren Stadt Litauens einrichten, mit großzügiger Bezahlung für Redakteure und Schriftsteller; ebenso versprach er, mit seinem Geld ein gutes litauisches Wörterbuch und weitere wichtige litauische Bücher drucken zu lassen“ (Kuzmickas 1981: 213–214).
Material für ein Wörterbuch der litauischen Sprache sammelten der künftige Präsident Litauens
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Page 2Kazys Grinius, der künftige Erzbischof und Selige Jurgis Matulaitis sowie viele weitere angesehene Persönlichkeiten Litauens jener Zeit.
Wenn wir uns an die Erforscher der litauischen Sprache des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erinnern, teilen wir sie wohl zwangsläufig in zwei Gruppen ein: anderssprachige Professoren angesehener europäischer Universitäten, die eine hervorragende linguistische Ausbildung hatten, die lebendige litauische Sprache jedoch nicht gut genug beherrschten oder nicht einmal kannten, und die Einheimischen, große Enthusiasten ihrer Arbeit, die ihre Muttersprache gut beherrschten und ihre Dialekte manchmal recht gut kannten, aber keine solide linguistische Ausbildung besaßen. Der erste Erforscher der litauischen Sprache, dem es an nichts fehlte – weder an einer hervorragenden Ausbildung noch an einem erstaunlichen Gefühl für und Können in der Muttersprache, weder an Begabung noch an Enthusiasmus –, war Kazimieras Būga.
K. Būga hatte noch nicht einmal das Abschlusszeugnis einer weiterführenden Schule, aber bereits mehrere Hefte mit Material für ein Wörterbuch der litauischen Sprache gesammelt. 1902 begann er, das Wörterbuchmaterial „nicht mehr in Heften, sondern auf Karteikarten“ niederzuschreiben. Dieses Datum gilt zu Recht als Beginn der Zettelsammlung des akademischen „Wörterbuchs der litauischen Sprache“.
1912 schloss K. Būga die Universität Sankt Peterburg ab und wurde dort zurückbehalten, um sich unter der Leitung von Professor Jan Baudouin de Courtenay am Lehrstuhl für vergleichende Sprachwissenschaft auf eine Professur vorzubereiten. Dieses Datum steht auch mit K. Būgas Tätigkeit als Lexikograph in Verbindung. Gerade in diesem Jahr erschien seine erste lexikographische Arbeit: „Litovsko-russkij slovarčik k pervym 20-ti litovskim skazkam v izdanii „Lietuvių pasakos“ (Vilnius, 1905), sostavlennyj K. K. Bugojų pri učastii I. A. Boduèna-de-Kurtenė“ (S.-Peterburg, 1912). Sie war ein Lehrmittel für einen rein praktischen Zweck – den von J. Baudouin de Courtenay an der Universität Sankt Peterburg und an den Höheren Frauenkursen erteilten Unterricht in litauischer Sprache. Natürlich ist es heute nur ein wichtiges Detail, dass K. Būgas Name hier neben dem seines großen Lehrers steht. Weitaus wichtiger war ein Ereignis im Leben K. Būgas im Jahr 1912: In jenem Jahr beauftragte die Sankt-Peterburger Akademie der Wissenschaften ihn, den zweiten Band des Wörterbuchs von Antanas Juška zu redigieren und herauszugeben. K. Būga widmete sich nun, könnte man sagen, ausschließlich dieser Arbeit. Birutė Tolutienė hat K. Būgas Arbeit an diesem Werk der litauischen Lexikographie ausführlich beschrieben (Tolutienė 1961: 261–272). Dies war der Beginn von K. Būgas umfangreicher lexikographischer Arbeit. B. Tolutienė bewertete diese Arbeit wie folgt: „K. Būga erweiterte die Wörterbuchartikel von A. Juška beträchtlich um neues Material. Die neu aufgenommenen Bedeutungen und die angegebenen Quellen aus Schriften lieferten viele wichtige Daten für die Erforschung der Geschichte und Verwendung des Stichworts. K. Būga sparte weder mit dem ihm vorliegenden Material noch mit seinem Wissen oder mit großem Arbeitsaufwand und machte aus einigen Artikeln von A. Juška regelrechte kleine Studien“ (Tolutienė 1961: 263). Natürlich entfernte sich das Wörterbuch nach solchen redaktionellen Änderungen erheblich von A. Juškas Original, womit die Akademie der Wissenschaften nicht zufrieden war. K. Būga wollte aus dem Material von A. Juškas Wörterbuch ein vollkommenes Wörterbuch der litauischen Sprache schaffen. Doch bald erkannte er, dass dies unmöglich war, denn das Material reichte nicht aus, war nicht überall zuverlässig und stammte zudem nur aus einem kleinen Teil Litauens. Überprüfungen und Ergänzungen nahmen außerordentlich viel Zeit in Anspruch. Auch der Ober-
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Page 3die Langsamkeit der Arbeit des Redakteurs Filipas Fortunatovas. K. Būga arbeitete an den Universitäten von Perm und Tomsk. 1918 wurde ihm der Professorentitel verliehen. Sehr intensiv sammelte er Material für sein nunmehr eigenes künftiges Wörterbuch. 1920 kehrte er mit einem Karteikasten aus Wörterbuchzetteln im Gewicht von vier Pud nach Litauen zurück. Bald wuchs sein Karteikasten auf das Vierfache an. Am 13. Mai 1923 begann K. Būga, sein eigenes Wörterbuch zu schreiben, in dem er sich vornahm, über jedes Wort alles niederzuschreiben, was damals in der Sprachwissenschaft bekannt war. K. Būgas Arbeit endete tragisch. Das zweite Heft des Wörterbuchs wurde erst nach dem Tod des Autors veröffentlicht.
K. Būga selbst äußerte sich sehr kritisch über sein Wörterbuch: „Im ‚Wörterbuch der litauischen Sprache‘ soll niemand nach Vollkommenheit oder Regelmäßigkeit suchen. All dies wird wohl kaum jemand erreichen, wenn er in Eile arbeitet [...] Das ‚Wörterbuch der litauischen Sprache‘ ist als Entwurf anzusehen, den ich unter besseren Lebensbedingungen in Litauen nicht zu veröffentlichen wagte, ohne ihn zuvor gründlich überarbeitet und ausgeglichen zu haben. Ich meinte, unsere Nachkommen würden mir diesen Entwurf nicht übelnehmen, denn auch der Entwurf wird reichlich Material liefern“ (Būga 1961: 696).
1930 wurde die Wörterbuchredaktion neu organisiert. Das Bildungsministerium ernannte Juozas Balčikonis zu ihrem Leiter. Der Redaktionssekretär Napalys Grigas, ein Mann ohne akademische Grade und Hochschulabschluss, übernahm an der Universität K. Būgas Wörterbuchkartei und versetzte damit sogar seinen ehemaligen Professor Vincas Krėvė-Mickevičius in Erstaunen: „Nun wissen wir also, wer die Wörterbuchredaktion weiterführen wird, deren Arbeit nach Būga bis heute niemand zu übernehmen gewagt hat“ (Grigas 1981: 23).
Die neue Redaktion stand sofort vor der Frage, welche Art von Wörterbuch vorbereitet werden sollte. Man hätte das von K. Būga gesammelte Material weiterveröffentlichen können. Doch wer könnte, wie Jānis Endzelīns es ausdrückte, K. Būgas Geist ersetzen, der dieses Material so tiefgründig erfasste und erläuterte? (Endzelīns 1979: 669). Der Charakter des Wörterbuchs wurde grundlegend verändert. Seine Kartei wuchs. Man kann sagen, dass das ganze Volk zum Autor des Wörterbuchs wurde. Heute freuen wir uns, bereits siebzehn Bände des Wörterbuchs zu haben. Dieses Wörterbuch ist zweifellos das bedeutendste Werk der litauischen Sprachwissenschaftler unseres Jahrhunderts. Es ist, wie der litauische Dramatiker und Kritiker aus den Vereinigten Staaten, Kostas Ostrauskas, sagte, „wohl das großartigste litauische Buch“, das man „Seite für Seite lesen sollte und nicht nur, wenn die Not drängt, darin nach einem Wort und seiner Bedeutung suchen“ (Ostrauskas 1989: 7–8). Bronė Vosylytė, die K. Būgas lexikografische Tätigkeit erforscht und einen beträchtlichen Teil ihres Lebens dem akademischen „Wörterbuch der litauischen Sprache“ gewidmet hatte, stellte zutreffend fest, dass „Būgas Wörterbuch eine neue Entwicklungsphase der litauischen Lexikografie einleitete – die Phase der Herausgabe des großen ‚Wörterbuchs der litauischen Sprache‘“ (Vosylytė 1956: 113).
Am Wörterbuch arbeiten bereits mehrere Generationen litauischer Lexikografen. Den größten Verdienst um dieses Werk haben jedoch zwei Persönlichkeiten – Kazimieras Būga und Juozas Balčikonis.
LITERATŪRA
Būga K. 1961: Rinktiniai raštai 3, Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla.
Endzelīns J. 1979: Darbu izlase 3, 1 d., Rīga: Zinātne.
Grigas N. 1981: Kaip aš tapau žodynininku. – Mūsų kalba 1, 21–25.
Kurschat F. 1883: Littauisch-deutsches Wörterbuch, Halle A. S.: Verlag der Buchhandlung
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Page 4des Waisenhauses.
Kuzmicka S. V. 1981: Antanas Vilkutaitis-Keturakis, Vilnius: Mokslas.
Nesselmann G. H. F. 1846: Zum littauischen Lexikon. – Neue Preussische Provinzial-Blätter B. 2, H. 2.
Ostrauskas K. 1989: “Žodžiai, žodžiai, žodžiai...” – Metmenys 56, 3–15.
Poška D. 1959: Raštai, Vilnius: Valstybinė grožinės literatūros leidykla.
Tolutienė B. 1961: Antanas Juška leksikografas. – Literatūra ir kalba 5, 87–377.
Vosyl y tė B. 1956: K. Būga žodynininkas. – Literatūra ir kalba 1, 84–113.
KAZIMERAS BŪGA AND LITHUANIAN LEXICOGRAPHY
Summary
Kazimieras Būga (1879–1924) was the first specialist in the Lithuanian language who lacked neither excellent training nor the knowledge of and feeling for his mother tongue. Būga’s life and the history of the Academic Lithuanian Dictionary are two things which are inseparable. In 1902 Būga, still a secondary school student, began to rewrite his collections of words on special slips. This date is considered to be the beginning of the card index of the Academic Lithuanian Dictionary.
In 1912 Būga got his degree from the University of St. Petersburg and started preparing for a professorship in the department of comparative linguistics headed by Jan Baudouin de Courtenay. In 1918 he was granted the rank of professor. In 1920 Būga returned to Lithuania. He brought with him a large file of cards for his future dictionary. On May 13, 1923, Būga began to write the dictionary. He tried to record everything that was known up to that time about each word. In 1924 the first book of his dictionary was published. On December 2, 1924, Būga’s untimely death was a tragedy for Lithuanian linguistics.
In 1930 the Ministry of Education directed Juozas Balčikonis to continue Būga’s work. It was decided to increase as much as possible the card of index accumulated by Būga and to write the dictionary anew. In 1996 the seventeenth volume of the Academic Lithuanian Dictionary was published. All in all, there will be twenty volumes of the dictionary. The Academic Lithuanian Dictionary is the most important work of Lithuanian philology of our century. It has been prepared by several generations of Lithuanian linguists. But the greatest contribution to this work was made by Kazimieras Būga and Juozas Balčikonis.
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