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DAIVA ALIŪKAITĖ

Universität Vilnius

Forschungsgebiete: Geolinguistik, perzeptive Dialektologie, Soziolinguistik, kognitive Linguistik.

DANGUOLĖ MIKULĖNIENĖ

Institut für Litauische Sprache, Universität Vilnius

Forschungsgebiete: Geolinguistik, baltische Dialektologie, synchrone und diachrone Akzentologie, Morphonologie, Sprachgeschichte, Geschichte der litauischen Linguistik.

INSTRUMENTE UND FORSCHUNGSRICHTUNGEN DER PERZEPTIVEN DIALEKTOLOGIE: VARIANTENAREALE IN MENTALEN KARTEN (DER FALL BIRŽAI)

Instrumente und Forschungsrichtungen der perzeptiven Dialektologie: Variantenareale in mentalen Karten (der Fall Biržai)

ANNOTATION

Der Beitrag erörtert die Möglichkeit, die Ansätze der perzeptiven Dialektologie in Untersuchungen zur regionalen Variabilität des Litauischen anzuwenden, und bietet zudem einen kurzen Abriss der Entstehungsgeschichte der Prinzipien der perzeptiven Dialektologie. Grundlage des Untersuchungsteils des Beitrags ist das Material aus dem wissenschaftlichen Projekt Der Platz der litauischen Standardsprache auf der mentalen Landkarte der litauischen Sprache. Anhand der Daten einer Untersuchung in einem der Projektorte – der Zone des Biržai-Geo­lekts – wird gezeigt, wie sich auf Prinzipien der perzeptiven Dialektologie beruhende Untersuchungen in die Erforschung traditioneller litauischer Dialekte und ihrer neuen Ausprägungen integrieren lassen.

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DAIVA ALIŪKAITĖ, DANGUOLĖ MIKULĖNIENĖ

Der Beitrag konzentriert sich vor allem auf die Daten der sogenannten Zeichenkartenaufgabe (engl. draw a map) aus der Zone des Biržai-Geolects.

Art und Dichte der Wahrnehmungsisoglossen auf den Zeichenkarten junger Einwohner von Biržai zeigen, dass einfache Mitglieder der Sprachgemeinschaft unterschiedliche Vorstellungen von Dialektalität als Bündel unterscheidender Merkmale haben. Die Zeichenkarten der jungen Einwohner von Biržai weisen auf ein konfliktfreies Verhältnis zum Umgebungscode hin, was wiederum optimistische Perspektiven für den Biržai-Geolect eröffnet.

SCHLÜSSELWÖRTER: perzeptive Dialektologie, mentale Landkarte, sprachliche Heimat, litauische Dialekte, Biržai-Geolect.

ANNOTATION

Der Beitrag erörtert die Möglichkeiten, die Prinzipien der perzeptiven Dialektologie in der Erforschung der regionalen Variabilität des Litauischen anzuwenden. Darüber hinaus wird ein kurzer Abriss der Entstehungsgeschichte der Prinzipien der perzeptiven Dialektologie gegeben. Grundlage des Untersuchungsteils des Beitrags ist das Material aus dem wissenschaftlichen Projekt Der Platz der litauischen Standardsprache auf der mentalen Landkarte. Anhand der Forschungsdaten aus einem der Untersuchungsorte – dem Geolect von Biržai – zeigt der Beitrag, wie auf Prinzipien der perzeptiven Dialektologie beruhende Untersuchungen in die Erforschung traditioneller litauischer Dialekte und neuer Varietäten integriert werden können. Der Beitrag konzentriert sich auf die Daten der Aufgabe „eine Karte zeichnen“ im Gebiet des Geolects von Biržai.

Art und Dichte der Wahrnehmungsisoglossen auf den gezeichneten Karten der jungen Einwohner von Biržai zeigen, dass einfache Mitglieder der Sprachgemeinschaft unterschiedliche Vorstellungen von Dialektalität als unterscheidenden Merkmalen haben. Die gezeichneten Karten der jungen Einwohner von Biržai weisen auf ein konfliktfreies Verhältnis zum Umgebungscode hin, was wiederum optimistische Perspektiven für den Geolect von Biržai eröffnet.

SCHLÜSSELWÖRTER: perzeptive Dialektologie, mentale Landkarte, sprachliche Heimat, litauische Dialekte, Geolect von Biržai.

Dieser Beitrag erörtert die Möglichkeiten, die Ansätze der perzeptiven Dialektologie in Untersuchungen zur regionalen Variabilität des Litauischen anzuwenden. Er stützt sich auf den theoretisch-methodologischen Diskurs der perzeptiven Dialektologie und den analytischen Diskurs zur regionalen Variabilität (vor allem auf die Verbreitung geolinguistischer Ansätze).

Weltweit sind solche Untersuchungen nicht neu. Die Prinzipien der modernen perzeptiven Dialektologie wurden bereits in den USA, im Vereinigten Königreich, in Japan und in einigen europäischen Ländern angewandt. Im vergangenen Jahrzehnt ist auch die Zahl der Arbeiten zu diesem Paradigma in Litauen gestiegen (vgl. Aliūkaitė 2009; Aliūkaitė, Merkytė-Švarcienė 2012).

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Auch in früheren soziolinguistisch ausgerichteten Arbeiten litauischer Dialektologen finden sich konzeptuelle Verbindungen zu den Grundannahmen der perzeptiven Dialektologie (vgl. Grumadienė 1980: 91–93; Kačiūskienė 2003: 88–91; Kačiūškienė 2004: 103–108; Kačiūškienė 2005: 49–54; Kačiūskienė, Barvydytė 2006: 8–14; Tumėnas 2003: 238–242; Tumėnas, Račkauskas 2004: 222–224 u. a.). Eine der wichtigsten Komponenten perzeptiver Forschung – die Aufgabe zur Erstellung einer mentalen Karte – wurde jedoch bislang nicht systematisch eingesetzt.

Ziel dieses Beitrags ist es daher, zu zeigen, wie die Grundannahmen der perzeptiven Dialektologie bei der Untersuchung traditioneller litauischer Dialekte und ihrer neueren Ausprägungen angewendet werden können.

Alle im Beitrag angeführten empirischen Veranschaulichungen der Erkenntnisse beruhen auf dem Material des wissenschaftlichen Projekts Der Ort der Standardsprache auf der mentalen Karte der litauischen Sprache¹. Im Zeitraum 2014–2016 wurde in mehreren ethnografischen Regionen Litauens eine Untersuchung der geolinguistischen Kompetenz durchgeführt (die Stichprobe der Erhebungsorte siehe Abb. 1). Dazu wurde ein empirisches Untersuchungsinstrument verwendet, das nach den Prinzipien der perzeptiven Dialektologie entwickelt worden war und der Erforschung bewusster Einstellungen diente, die in mentalen Karten verbalisiert und visualisiert werden.

1 ABB. PAV. Projektuntersuchungspunkte Der Platz der Standardsprache auf der mentalen Karte der litauischen Sprache

Bei der Entwicklung des Untersuchungsinstruments für das Projekt Der Ort der Standardsprache auf der mentalen Karte der litauischen Sprache wurden die allgemeinen Grundsätze zur Gestaltung dialektologischer und soziolinguistischer Fragebögen berücksichtigt, d. h., es sollte ermittelt und festgehalten werden,

1 Das Projekt Der Ort der Standardsprache auf der mentalen Karte der litauischen Sprache wird im Rahmen des Forschungsprogramms 2011–2020 zur Funktionsweise und zum Wandel der litauischen Standardsprache, der Dialekte und anderer Sprachvarietäten durchgeführt. Es wird von der Staatlichen Kommission für die litauische Sprache finanziert (Projektleiterin: Dozentin Dr. Daiva Aliūkaitė).

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soziodemografische Daten der Untersuchungsteilnehmenden, die in den folgenden Forschungsphasen als Ausgangspunkt für die Klassifizierung und Systematisierung der Daten dienen; daher sollten die Teilnehmenden Alter, Geschlecht, Herkunfts- und Wohnort angeben.

An der Untersuchung nahmen mehr als 2.000 Jugendliche teil. Dieser Beitrag zielt nicht auf den gesamten Datenbestand des Projekts ab; der Diskurs der perzeptiven Dialektologie soll lediglich exemplarisch entfaltet werden. Daher wird nur die geolinguistische Kompetenz der Schülerschaft einer regionalen Stadt erörtert. Die Projektdaten werden ausführlich in weiteren wissenschaftlichen Publikationen zum Projekt behandelt.

Geolinguistische Kompetenz bezeichnet das Wissen und die Fähigkeiten, sprachliche Variation zu erkennen und sie bestimmten Arealen zuzuordnen – geografischen (d. h. territorialen Variablen), sozialen (d. h. sozialen Variablen) und kulturellen (d. h. kulturellen Variablen bzw. kulturellen Dimensionen).

Gegenstand der Untersuchung dieses Beitrags sind die Bewertung der in der Umgebung von Biržai gesprochenen Mundarten, die der panevėžiškiai-Unterdialektgruppe der ostaukštaitischen Dialekte zugeordnet werden, aus Sicht der jungen Einwohner von Biržai sowie deren geolinguistische Kompetenz.

Hervorzuheben ist, dass das Modell zur Untersuchung geolinguistischer Kompetenz in den Gemeinschaften der litauischen Regionen keine bloße mechanische Wiederholung der Ansätze der zeitgenössischen perzeptiven Dialektologie darstellt. Vielmehr wird konsequent versucht, dem Prinzip der perzeptiven Dialektologie zu folgen, das dieses Paradigma von anderen Untersuchungstechniken zu Spracheinstellungen unterscheidet: Untersucht und verbalisiert wie auch visualisiert werden die Einstellungen der Sprachbenutzerinnen und Sprachbenutzer.

1. REGIONALE VARIATION AUS DER PERSPEKTIVE DER PERZEPTIVEN DIALEKTOLOGIE

Wie Chris Montgomery und Joan Beal, zwei Vertreter der zeitgenössischen perzeptiven Dialektologie, treffend bemerken, ist die perzeptive Dialektologie ein sprecherorientiertes Paradigma (engl. speaker-focused paradigm) (Montgomery, Beal 2011: 121).

Die Frage der geolinguistischen Kompetenz eines einfachen Mitglieds einer Sprachgemeinschaft wurde zu der Zeit aufgeworfen, als in Europa die ersten Dialektatlanten erstellt wurden; vgl. die Forschungen von Georg Wenker in Deutschland und von Jules Louis Gilliéron in Frankreich (Mesthrie 2003: 44–75; Schrambke 2010: 87–106). Eine kritische Bewertung der sprachlichen Umwelt durch einfache Mitglieder der Sprachgemeinschaft wurde zuerst von Wissenschaftlern aus den Niederlanden und Japan in den Diskurs der Variationsanalyse eingebracht.

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1.1. Die perzeptive niederländische Dialektologie

Als Beginn der perzeptiven Dialektologie in den Niederlanden gilt das Jahr 1886, als der Forschungsfragebogen von Pieter Willems erschien. Eine seiner Fragen sollte klären, wo nach Ansicht einfacher Mitglieder der Sprachgemeinschaft genauso oder ähnlich gesprochen wird wie an ihrem Wohnort (Goeman 1999: 138–139, Preston 2010: 89).

Die erste systematische Untersuchung wahrgenommener Dialektgrenzen (engl. perceptual dialect boundaries) wurde bereits im 20. Jahrhundert, 1939, im Rahmen von Expeditionen zur Erforschung niederländischer Dialekte durchgeführt (Montgomery, Beal 2011: 123). In einem Teil des Fragebogens (engl. Questionnaire #8) wurden zwei Fragen zum Dialektbewusstsein gestellt. Die erste (wie auch im Fragebogen von Willems aus dem Jahr 1886) untersuchte die Fähigkeit einfacher Mitglieder der Sprachgemeinschaft, die Ausdrucksweise ihrer eigenen sprachlichen Umwelt zu erkennen – das heißt, wo ihrer Ansicht nach genauso oder fast genauso gesprochen wird wie an ihrem Wohnort. Die zweite Frage betraf das Gegenteil: wo ganz anders (abweichend) gesprochen wird als am Wohnort der befragten Person. Außerdem wurden die Befragten gebeten, spezifische lokale sprachliche Merkmale aufzuzählen (Rensink 1999 (1955): 3).

Eine weitere Etappe der niederländischen Dialektforschung folgte 1944, als Antonius A. Weijnen auf der Grundlage des gesammelten Materials aus dem Fragebogen zu den niederländischen Dialekten die sogenannte Methode der kleinen Striche (niederl. pijltjesmethode) entwickelte (Preston 1999a: xxvi–xxix): Mit Strichen verband der Forscher Orte miteinander, die die Befragten als identisch oder ihrem eigenen Dialekt sehr ähnlich bewerteten. So wurden auf der Grundlage von Daten zum Dialektbewusstsein imaginierte Dialektareale ermittelt.

In Fortführung von Weijnens Arbeit erstellte W. G. Rensink 1955 eine zusammenfassende subjektive Dialektkarte der Niederlande. Dabei stützte man sich allerdings nur auf die Antworten zur ersten Frage – zur Ähnlichkeit der Dialekte (Gooskens, van Bezooijen, Nerbonne 2013: 569). Hervorzuheben ist Rensinks Auffassung, dass die subjektive Karte als vorläufig zu betrachten sei (Heeringa 2004: 12).

Damit wird die Erkenntnis klar zum Ausdruck gebracht, dass subjektive Karten veränderliche Vorstellungen von der dialektalen Variation widerspiegeln. Somit zeigen sowohl subjektive als auch objektive Karten lediglich die Situation eines bestimmten Zeitraums: Im ersten Fall werden Vorstellungen abgebildet, im zweiten die Verteilung dialektaler Merkmale.

1.2. Die perzeptive japanische Dialektologie

Auch in den ersten Arbeiten zur japanischen Dialektologie, die 1927 veröffentlicht wurden, wurde der Wahrnehmung von Dialekten Aufmerksamkeit gewidmet (siehe Montgomery, Beal 2011: 124).

In seinem grundlegenden Werk Japanische Dialektologie (1954; jap. Nihon hōgengaku) legte der Klassiker der japanischen Dialektologie Misao Tôjô die Auffassung dar, dass man bei der Bestimmung

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der Dialektregionen berücksichtigen müsse, wie gewöhnliche Menschen sie wahrnehmen. Die Wahrnehmungen der Versuchspersonen heben gerade jene sprachlichen Merkmale hervor, die dazu beitragen, die Dialekte voneinander zu unterscheiden (zit. nach Sibata 1999: 39).

Bemerkenswert ist, dass die Prinzipien der traditionellen perzeptiven Dialektologie in Japan anders waren als in den Niederlanden: Letztere betonten die Ähnlichkeit der Dialekte, während japanische Wissenschaftler die Versuchspersonen baten, die Dialekte nach dem Grad ihrer Unterschiede voneinander zu klassifizieren.

Um das Dialektbewusstsein festzustellen, baten japanische Linguisten darum, die Sprachvarianten der Dörfer wie folgt zu bewerten: 1) nicht unterschiedlich; 2) geringfügig unterschiedlich; 3) deutlich unterschiedlich; 4) nahezu unverständlich (Sibata 1999: 40). Den Versuchspersonen wurden drei zusätzliche Fragen gestellt, um herauszufinden: ob es in der Umgebung einen Ort gibt, der für eine merkwürdige Sprachvariante bekannt ist; ob die Versuchspersonen beim Hören einer Person erkennen können, aus welcher Gegend sie stammt; und ob ihnen, als sie klein waren, die Sprachvariante des Nachbardorfs nicht merkwürdig erschien (Sibata 1999: 60).

Die Logik der Fragen, das heißt der Aspekt der Unterschiede und nicht der Ähnlichkeiten, führte dazu, dass die Pfeilmethode in Japan nicht angewandt werden konnte. Die japanischen Forscher trugen die gewonnenen Daten zum Dialektbewusstsein jedoch ebenfalls in Karten ein – sie verwendeten die Technik zur Markierung perzeptiver Grenzen (vgl. Mase 1999 (1964): 72–97).

Die unterschiedliche Logik der Fragebögen – die Ermittlung der Ähnlichkeit oder Verschiedenheit der Varianten – wurde zu einem entscheidenden Grund für die (Un-)Genauigkeit subjektiver Karten und ihre (Nicht-)Übereinstimmung mit objektiven Karten: Die subjektiven, nach dem Pfeilprinzip erstellten Karten der niederländischen Dialekte korrelierten wesentlich stärker mit den objektiven Karten als die japanischen.

1.3. Moderne perzeptive Dialektologie: Ansätze und Instrumente

Die in den Niederlanden und Japan entstandenen Grundsätze der traditionellen perzeptiven Dialektologie, die die Perspektive des einfachen Mitglieds der Sprachgemeinschaft in den Klassifikationen regionaler Varianten verankerten, wurden Ende des 20. Jahrhunderts weiterentwickelt. Hier sind vor allem Vertreter der japanischen Dialektologie und Soziolinguistik zu nennen, etwa Kikuo Nomoto (1999 (1963): 63–69), der Prinzipien für die Kombination sprachlicher Isoglossen mit Isoglossen zur Wahrnehmung von Unterschieden (oder Ähnlichkeiten) (engl. perceptual isoglosses2) entwickelte, oder Fumio Inoue (1999 (1995): 147–159), der das Konzept des Dialektbildes (engl. dialect image) weiterentwickelte, und andere.

2 Dėl termino žr. Preston 1999b: 161.

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Die moderne perzeptive Dialektologie wird jedoch vor allem mit dem Fünf-Komponenten-Modell der perzeptiven Untersuchung von Dennis R. Preston in Verbindung gebracht (Preston 1989a; 1999a: xxiii–xl; 1999b: 359–373; 2002: 57–104), das Katie Wales (2006: 57–66) zufolge D. R. Preston die Nominierung zum bedeutendsten Vertreter dieser Richtung einbrachte.

Wie bereits erwähnt, umfasst D. R. Prestons Modell der perzeptiven Untersuchung fünf Komponenten – Aufgaben: 1) die Aufgabe, eine Karte mit eingezeichneten Varianten zu erstellen (engl. draw-a-map); 2) die Aufgabe, die Korrektheit und Attraktivität der dialektalen Varianten (engl. “correct” and “pleasant”) zu bewerten; 3) die Aufgabe, den Grad der Verschiedenheit dialektaler Varianten (engl. degree of difference) zu bestimmen; 4) die Aufgabe, Dialekte zu erkennen (engl. dialect identification); 5) die Aufgabe der konzeptuellen Bewertung (Preston 1999a: xxxiv–xxxv).

Eine Karte mit eingezeichneten Sprachvarianten. Bei der ersten Aufgabe erhalten die Versuchspersonen eine Karte der Region, auf der sie Varianten (Dialekte) markieren und abgrenzen sollen. Die Karte für die Aufgabe kann leer sein oder Orientierungshilfen (geografische, administrative usw.) enthalten (ausführlich siehe Preston 1988: 379–392; 1999a: xxxiv–xxxv; Aliūkaitė 2009: 167–169).

Wie Preston betont, ist die von einer Versuchsperson gezeichnete Karte aus kognitiver Sicht (d. h. mit verschiedenen Variantengrenzen usw.) real (engl. cognitively real) (Preston 2013: 169). Obwohl sie also ungenau ist, spiegelt sie den aktiven Umgang des Sprachbenutzers mit der Variation wider. Ob Variation erkannt wird oder nicht, kann das sprachliche Verhalten eines Mitglieds der Sprachgemeinschaft beeinflussen.

Auf der Grundlage der Informationen aus solchen gezeichneten Karten lassen sich daher die objektive Variation einschätzen und Veränderungen sowie die Entwicklung regionaler Varianten prognostizieren.

Bewertung der Korrektheit und Attraktivität dialektaler Varianten. Bei der Durchführung einer Untersuchung zur Bewertung der Korrektheit und Attraktivität dialektaler Varianten erhalten die Versuchspersonen die Aufgabe, die Varianten nach Korrektheit und Attraktivität zu ordnen und zu bewerten (Preston 1999a: xxxiv–xxxv). Eine solche Klassifizierung sowie die dabei sichtbar werdenden Einstellungen einfacher Mitglieder der Sprachgemeinschaft gegenüber den Varianten vermitteln Informationen über die sprachliche (Un-)Sicherheit der untersuchten Gemeinschaften und über den sogenannten dialektalen Minderwertigkeitskomplex (engl. dialet inferiority complex3). Üblicherweise erhalten die Versuchspersonen bei dieser Aufgabe semantische Differenzialskalen zum Ausfüllen (näher dazu siehe Preston 2013: 170).

Bemerkenswert ist, dass diese Aufgabe konzeptionell mit den damals im Diskurs über Spracheinstellungen (als soziolinguistisches Paradigma) entwickelten Konzepten von Howard Giles, Richard Y. Bourhis und anderen zusammenhängt – der Hypothese des intrinsischen [Laut- bzw. Varianten-]Werts (engl. inherent value hypothesis) und der Hypothese der auferlegten Normen (engl. imposed norm hypothesis) (Giles, Bourhis, Trudgill, Lewis 1974: 405–406). Nach Ansicht der Autoren der Hypothese des intrinsischen Werts klingen manche Sprachvarianten angenehm, sind attraktiver und erlangen dadurch Prestige. Auf der Grundlage der Hypothese der auferlegten

3 Dėl šio Takesi Sibato koncepto žr. Inoue 1999: 148.

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Der Normenhypothese zufolge verleihen kulturelle Normen den Varianten ihren Prestigewert – beispielsweise kann der Status als Staatssprache den Prestigecharakter der Standardvariante (in Litauen: der Standardsprache) bestimmen und Ähnliches.

Bestimmung der Unterschiedlichkeit dialektaler Varianten. Bei der Aufgabe zur Bestimmung der Unterschiedlichkeit von Varianten (engl. degree of difference) (Preston 1999a: xxxiv–xxxv) klassifizieren die Teilnehmenden der wahrnehmungsdialektologischen Untersuchung die Varianten nach ihrer Unterschiedlichkeit, indem sie sie mit der Sprachvariante ihrer eigenen Region vergleichen. Dabei ist zu beachten, dass diese Aufgabe dem von Japanern entwickelten Modell des Dialektbewusstseins entspricht.

Erkennung von Dialekten. Bei der Aufgabe zur Dialekterkennung (engl. dialect identification) (Preston 1999a: xxxiv– xxxv) hören die Versuchspersonen Texte als Stimuli, identifizieren die gehörte Variante und ordnen sie einem bestimmten Gebiet zu.

Konzeptuelle Bewertung. Bei der Aufgabe zur konzeptuellen Bewertung werden qualitative Daten (engl. qualitative data) erhoben – die Versuchspersonen werden gebeten, ihre Meinung zu den durchgeführten Aufgaben oder zu Sprachvarianten im Allgemeinen und Ähnlichem zu äußern (Preston 1999a: xxxiv–xxxv).

Wie man sieht, ist Prestons Untersuchungstechnik mit fünf Komponenten im Wesentlichen zweigeteilt: Sie umfasst sowohl die Ebene verbalisierbarer als auch die Ebene visualisierbarer Einstellungen.

Erwähnenswert ist, dass eine der wichtigsten Untersuchungskomponenten – die Aufgabe, eine gezeichnete oder, anders gesagt, mentale Karte anzufertigen – methodologisch mit dem Paradigma der Kulturgeographie verbunden ist (Montgomery, Beal 2011: 128–129). Andererseits verbinden die von den Versuchspersonen auf mentalen Karten eingezeichneten Wahrnehmungsisoglossen Prestons Kartenansatz mit den Perspektiven der traditionellen Wahrnehmungsdialektologie – der niederländischen Methode der Kurzpfeile und der japanischen Technik zur Kennzeichnung von Wahrnehmungsgrenzen.

Im Laufe der Zeit haben sich die Ansätze der modernen Wahrnehmungsdialektologie weiterentwickelt; das Fünf-Komponenten-Modell der wahrnehmungsdialektologischen Untersuchung wurde zu einem bloßen Ausgangsprototyp, der kontinuierlich um die eine oder andere Perspektive zur Bewertung von Variation ergänzt wird. Trotz gewisser Unterschiede und der Vielfalt der Ansätze bleiben jedoch sowohl die traditionelle als auch die moderne Wahrnehmungsdialektologie, die sprachliche Variation und Landschaft aus dem Blickwinkel eines naiven Forschers identifiziert, deskriptiv und multidimensional.

Der deskriptive Charakter dieses Paradigmas ist kritisch und reflexiv. Anders als die moderne dialektologische Forschung ist die Wahrnehmungsdialektologie konzeptuell deskriptiv, das heißt, sie identifiziert nicht, welche Variation vorliegt, sondern wie sie dem naiven Sprachbenutzer und Beurteiler erscheint.

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2. VARIETÄTENAREALE AUF MENTALEN KARTEN

2.1. Der litauische Fragebogen

Zur Erhebung der Projektdaten wurde ein anonymer Fragebogen zu bewussten Einstellungen erstellt.

Im Untersuchungsfragebogen wird den Projektteilnehmenden eine zweifache Aufgabe mit einer gezeichneten Karte vorgelegt (siehe Abb. 2).

Teil 1

Teil 2

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Es sei darauf hingewiesen, dass das Kartenmodell als offene Frage eine universelle Technik ist.

In den Fragebogen des Projekts Der Platz der Standardsprache auf der mentalen Karte der litauischen Sprache wurden offene Fragen zu den Assoziationen mit einer dialektal und einer standardsprachlich sprechenden Person aufgenommen; siehe Abb. 3.

ABB. 3. Aufgaben zu den Assoziationen mit dialektal und standardsprachlich sprechenden Personen

Die Konstruktion soziolinguistischer Porträts dieser Sprecher (ausgehend von den Assoziationen) ist konzeptuell mit der Aufgabe zur mentalen Karte verknüpft: Die Systeme der Sprechermerkmale (soziolinguistische Porträts) lassen sich in den Phasen der Analyse und Interpretation der Untersuchungsdaten den Kommentaren zur mentalen Karte gegenüberstellen, das heißt den emotionalen oder intellektuellen Bewertungen der Areale. Das ganzheitliche Bild der Variation und der sie repräsentierenden Sprecher (bestimmter Sprechertypen) ermöglicht es, kulturelle Modelle von Sprachvarianten herauszuarbeiten und zu verallgemeinern (vgl. Berthele 2010: 265–290).

Kaip yra pažymėjęs Willis Diercksas (Diercks 2002: 52—53), dialekto kompetencija (an. dialect competence) apima ne tik gebėjimus skirti, atpažinti kalbinius skirtumus, bet ir įvairius stereotipus apie vietą ar vietovę. Todėl, norint kurti kiek įmanoma tikslesnį diskursą apie paprastųjų kalbos bendruomenės narių mentalinius žemėlapius ar suvokimo izoglosių sistemas, prasminga inventorizuoti ir tas kalbines ypatybes, kurios (kartu su nelingvistiniais kintamaisiais) tampa geolingvistinių arealų skyrimo pagrindu. Tokių „skiriamųjų“ ypatybių fiksavimas yra vertingas regioninių variantų kaitos ir raidos požiūriu.

Diese Daten können sogar für eine vergleichende dialektologische Perspektive nützlich sein – etwa hinsichtlich der Frage, inwieweit und auf welche Weise die von einem einfachen Mitglied der Sprachgemeinschaft festgehaltenen Unterschiede dem System relevanter Dialektmerkmale entsprechen, das der tatsächlichen Dialektklassifikation zugrunde liegt. Diese Perspektive kann auch für die Erklärung der Konvergenz von Varianten bedeutsam sein.

Ein weiterer Abschnitt des Fragebogens des Projekts Der Platz der Standardsprache auf der mentalen Karte der litauischen Sprache ist somit die Aufgabe zu distinktiven Merkmalen, siehe Abb. 4.

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ABB. 4. Aufgabe zu unterscheidenden Merkmalen

Obwohl diese Aufgabe im Wesentlichen die Aufgabe mit der eingezeichneten Karte wiederholt, ist darauf hinzuweisen, dass Unterschiede und/oder Übereinstimmungen zwischen kartografischen und verbalen Klassifikationen die Konfrontation bestimmter Wissenssysteme, d. h. von Erfahrung und erworbenem Wissen (vor allem schulischem), widerspiegeln können. Die Daten aus dieser Aufgabe ermöglichen einen Vergleich zwischen der Perspektive des Forschers und der Taxonomie der regionalen Variabilität durch ein einfaches Mitglied der Sprachgemeinschaft.

Zweifellos können das Einstellungssystem, die Dichte der Wahrnehmungsisoglossen und die (Un-)Genauigkeit der mentalen Karte von den Kenntnissen eines einfachen Mitglieds der Sprachgemeinschaft über den Dialektcode und seinen eigenen produktiven Fähigkeiten abhängen; daher enthält der einleitende Teil des Fragebogens Fragen zur Dialektkompetenz und zur Gebrauchshäufigkeit (siehe Abb. 5).

ABB. 5. Fragen zu Angaben über die Aktivität im Dialektcode

Es sei darauf hingewiesen, dass die halboffene Frage (Sprechen Sie Dialekt? □ Ja (geben Sie an, wo _____, mit wem___)) auf dem Argument der Domänentheorie beruht (Fishman 1972; Hagen 1989). Die Frage ist für die Untersuchung sowohl bei der Interpretation der Daten zur mentalen Karte als auch generell bei der Bewertung und Prognose der Verbreitung dialektaler Variabilität relevant.

2.2. Prototypische Gebiete regionaler Variabilität: der Fall Biržai

Wie aus Abb. 1 hervorgeht, ist Biržai einer der Erhebungsorte der perzeptiven Dialektologie. Geolinguistisch betrachtet liegt Biržai im Zentrum einer sich herausbildenden Geolect-Region der ostoberlitauischen Panevėžys-Varietät – einer der vitalsten traditionellen Dialekte, wie jüngste systematische Untersuchungen der vergangenen Jahre gezeigt haben (siehe Aliūkaitė, Bakšienė, Jaroslavienė et al. 2014: 188–191) (Aliūkaitė, Mikulėnienė 2014b: 261).

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An der Untersuchung in der nordlitauischen Regionalstadt nahmen 196 Jugendliche teil. Die 14- bis 19-jährigen Schülerinnen und Schüler der achten und zehnten Klassen der Mittelschule „Aušra“ in Biržai und des Gymnasiums „Saulė“ in Biržai (zu den Merkmalen der Versuchspersonen siehe Abb. 8) zeichneten 384 Karten: 194, die ihre Vorstellungen von den Dialektcodes abbilden, und 190, die die Tendenzen zur Lokalisierung der Standardsprache erkennen lassen; siehe Tabelle.

TABELLE. Merkmale der untersuchten Jugendlichen aus Biržai

Versuchspersonen insgesamt Frauen insgesamt Männer insgesamt Beherrschen den Dialekt Beherrschen den Dialekt nicht Sprechen Dialekt Sprechen keinen Dialekt Häufigkeit Tk 196 121 74 180 14 161 12 100,00% 61,73% 37,76% 91,84% 7,14% 82,14% 6,12% 5,3

Zunächst ist festzuhalten, dass sich die von den 194 Jugendlichen aus Biržai gezeichneten Karten (zwei Versuchspersonen ließen die Aufgabe mit der eingezeichneten Karte im Fragebogen aus) nicht von den typischen Karten unterscheiden, die in Untersuchungen der perzeptiven Dialektologie entstehen.

Die Karten einiger Versuchspersonen sind eklektisch; auf den Karten anderer Versuchspersonen segmentieren Wahrnehmungsisoglossen das gesamte Gebiet Litauens. An manchen Stellen werden lediglich Dialektsprechzonen markiert, ohne Kommentare hinzuzufügen; andernorts werden die Markierungen durch Benennungen der Varianten oder gelegentliche Bewertungen der markierten Varianten ergänzt und präzisiert. Auf den Karten weiterer Versuchspersonen sind die Kommentare schlüssig und beschreiben alle abgegrenzten Dialektsprechzonen und die durch Wahrnehmungsisoglossen voneinander getrennten Dialekte.

Die mentalen Karten der Jugendlichen aus Biržai lassen sich nach Art und Dichte der Wahrnehmungsisoglossen in sechs Gruppen einteilen (siehe Abb. 6).

ABB. 6. Typen mentaler Karten der Jugendlichen aus Biržai

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Birž_1(2)_V02

Birž_1(4)_M06

Birž_1(4)_M20

Birž_1(4)_M10

Birž_2(2)_V13

Birž_1(4)_V19

ABB. 7. Verhältnis der Wahrnehmungsisoglossen junger Einwohner von Biržai zur Dialektklassifikation (Beispiele)

Obwohl die jungen Einwohner von Biržai, wie sie selbst angeben (siehe Tabellendaten), aktive Dialektsprecher sind, ist ihnen die zweiteilige Klassifikation der Dialekte (Aukštaitisch und Žemaitisch) nur teilweise bekannt (dieses und weitere Beispiele siehe Abb. 7). Nur 8,76 Prozent der jungen Einwohner von Biržai kennzeichnen auf der gezeichneten Karte Aukštaiten und Žemaiten. Etwas mehr Befragte markieren auf der gezeichneten Karte Isoglossen, die vier Dialekte voneinander abgrenzen (Aukštaitisch, Dzūkisch, Suvalkisch und Žemaitisch; das Kriterium der Genauigkeit der Isoglossen wird vorerst nicht angelegt). Ein Teil der Befragten (11,86 Prozent) modelliert Zwischenvarianten der Dialektklassifikation – zu Aukštaitisch und Žemaitisch fügen sie Suvalkisch hinzu oder

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Dzūken (siehe Abb. 7). Es besteht kein Zweifel, dass dies den Wissensstand der untersuchten Schülerinnen und Schüler über die ethnografische Gliederung Litauens widerspiegelt (siehe auch Aliūkaitė 2013).

Wie bereits erwähnt, korreliert mit der Aufgabe zur mentalen Karte auch die letzte Aufgabe des Fragebogens – die bekannten Dialekte zu benennen. Somit ergibt sich die Möglichkeit, die gezeichnete Karte mit den dem Befragten bekannten Dialekten zu vergleichen. Bei deren Benennung nannten 20,4 Prozent der Befragten die Dialekte der Aukštaiten und der Žemaiten. Eine viergliedrige Dialektklassifikation – Aukštaitisch, Dzūkisch, Suvalkisch und Žemaitisch – gaben fast die Hälfte aller Befragten an, d. h. 45,4 Prozent.

Birž_1(4)_V03

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Birž_1(2)_M03

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ABB. 8. Markierte Gebiete auf den mentalen Karten der jungen Einwohner von Biržai

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Perceptyviosios dialektologijos instrumentai ir tyrimų kryptys: variantų arealai mentaliniuose žemėlapiuose (Biržų atvejis)

Birž_1(2)_M11

Birž_1(4)_M04

Birž_2(2)_M06

Birž_2(2)_V12

Birž_2(4)_M23

Birž_2(4)_M24

ABB. 9. Mentale Dialektkarten ohne die Zone sprachlicher Herkunft

Die Diskrepanz zwischen visualisiertem und verbalisiertem Wissen zeigt, dass die Konzeptualisierung regionaler Variabilität unter den einfachen Mitgliedern der Sprachgemeinschaft sowohl offizielle als auch inoffizielle Wissenssysteme integriert – etwa die im öffentlichen Diskurs durch Unterricht und verschiedene Bildungsprojekte vermittelten Informationen über Dialekte und ethnografische Regionen (zum Beispiel die Projekte „Jahr der Dialekte“ oder „Jahr der Regionen“) sowie kollektives, nicht verifizierbares Wissen, dessen wichtigster Verbreitungskanal der Alltagsdiskurs im weitesten Sinne oder die metalinguistischen Diskurse einfacher Mitglieder der Sprachgemeinschaft sind.

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Gerade solche sich überlagernden Systeme mehrerer Wissensbestände (einschließlich falscher Vorstellungen) führen zu einer inkonsistenten Konzeptualisierung der Variation.

Ein Teil der gezeichneten Karten spiegelt lediglich die Identifizierung einzelner Orte als Dialektgebiete wider, d. h. auf der gezeichneten Karte kennzeichnen die Befragten nur bestimmte Gebiete als Orte dialektalen Sprechens, während ihre Einstellung zu den sprachlichen Codes anderer Orte nicht angegeben wird (siehe Abb. 8).

Wenn die Befragten auf gezeichneten Karten Gebiete mit dialektalen und nichtdialektalen Codes unterscheiden, lassen sich bei der Identifizierung von Dialektgebieten zwei Haupttendenzen beobachten: 1) Die Befragten kennzeichnen nur das Gebiet ihrer sprachlichen Heimat (zum Begriff siehe Diercks 2002: 51–52); 2) die Befragten unterscheiden auf der gezeichneten Karte bestimmte, könnte man sagen – prototypische – Gebiete mit dialektalen Codes (siehe Abb. 8).

Nur 7,22 Prozent der Befragten kennzeichnen auf der gezeichneten Karte ihre sprachliche Heimat (siehe die Karten Birž_1(4)_V03 und Birž_1(4)_V01 in Abb. 8). Mentale Karten, auf denen die sprachliche Heimat visuell oder verbal als Gebiet dialektalen Sprechens identifiziert wird, zeigen das objektive Verhältnis der Befragten zu den Repertoires sprachlicher Codes in ihrer Lebensumgebung.

Ein konflikthaftes Verhältnis (zumindest dessen Voraussetzungen) zum Code des sprachlichen Umfelds würde sich auf der mentalen Karte darin zeigen, dass die sprachliche Heimat von der dialektalen Ausdrucksweise abgegrenzt wird; die Zone Biržai wird jedoch kaum aus den Gebieten mit dialektalen Codes ausgeschlossen. Auf lediglich 3,09 Prozent der gezeichneten Karten wird die Zone Biržai nicht den Gebieten mit dialektalen Codes zugeordnet (Beispiele siehe Abb. 9).

Ganze 69,59 Prozent der Befragten kennzeichneten das Gebiet ihrer sprachlichen Heimat als eines der Gebiete mit dialektalen Codes (Beispiele siehe die Karten Birž_1(4)_M30, Birž_1(2)_M03, Birž_2(2)_V11 und Birž_2(4)_V18 in Abb. 8). Die Geolect-Zone Biržai wurde selbst auf solchen gezeichneten Karten nicht ausgeschlossen, auf denen die Befragten lediglich Aukštaiten und Žemaiten unterschieden (Beispiele für gezeichnete Karten siehe Abb. 7). Folglich zeigen die gezeichneten Karten ein konfliktfreies Verhältnis zum Code des Umfelds, was wiederum optimistische Perspektiven für den Geolect Biržai eröffnet.

Dennoch zeigen die Antworten der jungen Bewohner von Biržai auf die offene Frage des Fragebogens nach Assoziationen zu einer dialektsprechendenden Person, dass die Konzeptualisierung regionaler Variation vielschichtig und inkonsistent ist. Die jungen Bewohner von Biržai selbst geben an, Vertreter eines dialektalen Codes zu sein – ganze 82,14% der Befragten erklärten, dialektal zu sprechen (siehe auch Abb. 8) und kennzeichneten auf der gezeichneten Karte die Zone Biržai als Gebiet eines dialektalen Codes; bei der Nennung von Assoziationen zu einer dialektsprechenden Person vermieden sie es jedoch nicht, sich von einem typischen Vertreter eines dialektalen Codes abzugrenzen.

In 30,61 Prozent der Antworten der Befragten traten im weiteren Sinne oppositionelle Variablen hervor – zum Beispiel alter (älterer) Mensch; Mensch vom Land; Person mit geringerer Bildung und

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usw.4, d. h. das soziolinguistische Porträt einer dialektal sprechenden Person wird von den Porträts der untersuchten Personen selbst abgegrenzt: jungen, in der Stadt lebenden, gebildeten Menschen.

Andererseits enthält die Struktur des soziolinguistischen Porträts mehr positiv als negativ konnotierte Merkmale (z. B.: Birž_1 (2) V08: ein einfacher Mensch, mit dem man sich unterhält und gleich gute Laune bekommt; Birž_1 (2) V13: jemand, der seiner Region verpflichtet ist; Birž_1 (4) M08: Menschen, die ihren Dialekt pflegen; Birž_1 (4) V06: ein Mensch, der die Sprache verschönert oder ihre Geschichte pflegt; Birž_1 (4) V13: mit der Heimat; Birž_1 (4) V20: eine leichtere und schnellere Verständigung mit Freunden und anderen; Birž_2 (2) M14: ein dialektal sprechender Mensch, der sich stärker offenbart).

Bemerkenswert ist, dass die Befragten diese Merkmale für das soziolinguistische Porträt einer dialektal sprechenden Person als objektive und nicht als wertende Kennzeichen anführen, selbst wenn sie eine dialektal sprechende Person mit dem Dorf oder älteren Sprechern assoziieren, z. B.: Birž_1 (2) V06: eine dialektal sprechende Person wird mit einem alten Menschen assoziiert, der seinen Dialekt beibehalten und bewahrt hat; Birž_2 (4) M16: mit einem Menschen, der auf dem Dorf lebt, aber das ist nichts Schlechtes; Birž_2 (4) M41: manchmal mit einem Dorfbewohner, aber nur manchmal. Unter den offenen Antworten der Befragten zu den Assoziationen mit dialektal sprechenden Menschen finden sich besonders reflexive, z. B.: Birž_2 (4) M41: manchmal mit einem Dorfbewohner, aber nur manchmal; Birž_2 (4) M16: mit einem Menschen, der auf dem Dorf lebt, aber das ist nichts Schlechtes. Solche abwägenden Antworten zeugen von einer interessierten und verantwortungsbewussten Antwort der befragten Person.

Es ist anzunehmen, dass die inkonsequente Konzeptualisierung regionaler Variabilität (zum Beispiel ich spreche Dialekt, meine sprachliche Heimat liegt in einem Gebiet mit Dialektcodes, aber mein Prototyp eines dialektal sprechenden Menschen ist ein alter (älterer) Mensch vom Dorf) ein deutlicher und unmissverständlicher Hinweis auf die Mehrschichtigkeit der Dialektcodes ist.

Wie in der objektiven Dialektologie kann die horizontale Variabilität nach der Verbreitung und Intensität relevanter und anderer Merkmale aufgeschlüsselt werden (vgl. Aliūkaitė, Mikulėnienė 2014b: 260–262). Wie sich zeigt, gilt dasselbe Prinzip auch für einfache Mitglieder der Sprachgemeinschaft; in diesem Fall werden allerdings keine eindeutigen Klassifikationsschemata nach einem einzigen Kriterium erstellt.

Gerade aus solchen eklektischen Karten und widersprüchlichen Einstellungen lässt sich die Erfahrung einfacher Bewertender mit mehrschichtiger Variabilität rekonstruieren. Für die Rekonstruktion der Wahrnehmung von Variabilität sind besonders jene gezeichneten Karten junger Bewohner von Biržai bedeutsam, auf denen einzelne Dialektgebiete nicht nur identifiziert, sondern auch bewertet werden, d. h. auf der gezeichneten Karte markieren die Befragten nicht nur

4Eine dialektal sprechende Person wird von der Befragten Birž_1 (2) M07 auf besondere Weise konzeptualisiert: [eine dialektal sprechende Person, das heißt] – es kommt darauf an, welchen Dialekt die Person spricht. Der oberlitauische und der niederlitauische Dialekt werden mit dem Dorf assoziiert. Die Befragte unterscheidet auf der gezeichneten Karte die Dialekte der Oberlitauer, Niederlitauer, Dzūken und Suvalkier, außerdem zählt sie diese Dialekte auch in der letzten Aufgabe des Erhebungsbogens auf. Aus dieser Antwort lässt sich die Annahme ableiten, dass Dialekte nach einem hierarchisierten System wahrgenommen werden.

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konkrete Gebiete als Orte dialektalen Sprechens, sondern bringen auch eine Bewertung des markierten Sprachgebiets zum Ausdruck (siehe Abb. 10).

Birž_1(4)_V08

Birž_1(4)_V11

Birž_1(2)_M11

Birž_1(2)_V12

Birž_1(4)_M17

Birž_2(2)_M15

ABB. 10. Bewertete Gebiete auf mentalen Karten

Aus den Kommentaren der jungen Bewohner von Biržai zeichnen sich mehrere Tendenzen ab: Erstens werden Dialektcodes tendenziell als attraktiv, aber eher als nicht standardsprachlich denn als standardsprachlich konzeptualisiert. Zweitens wird die horizontale Variabilität intern differenziert: Einige Dialektgebiete stehen für attraktive (und seltener standardsprachliche) Codes, andere für unattraktive Codes.

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Es ist anzumerken, dass die Gegenüberstellung von Bewertungen der Korrektheit und Attraktivität in der perzeptiven Dialektologie ein häufiges Phänomen in der Vorstellungsstruktur dialektaler Codes ist (zum Beispiel Preston 1989b: 85–111; L’Eplattenier-Saugy 2002: 351–365 u. a.). Die Tendenzen der Konzeptualisierung hängen mit traditionellen kollektiven Stereotypen, der Ideologie der Standardsprache und der objektiven sprachlichen Umgebung zusammen.

Aus den gezeichneten Karten junger Bewohner von Biržai tritt der Code der sprachlichen Heimat deutlich hervor: Er wird als schön und attraktiv, aber nicht korrekt konzeptualisiert (siehe Beispiele von Ausschnitten gezeichneter Karten (siehe Abb. 11).

Birž_1(2)_V04

Birž_1(2)_V03

Birž_1(2)_V07

Birž_1(2)_V11

Birž_2(4)_M26

Birž_1(4)_M12

11 ABB. Vorstellung der sprachlichen Heimat

Es steht außer Zweifel, dass die Attraktivitätskomponente in der Vorstellung eines dialektalen Codes mit der sprachlichen Identifikation der Befragten korreliert. Der Code von Biržai (die Befragten bezeichnen ihn wie folgt: Birž_1 (2) M06: Biržiečių kalba; Birž_1 (2) V04: aukštaičių biržiečių; Birž_1 (2) V09: biržietiška tarmė; Birž_1 (4) M30: biržietiškai; Birž_2 (2) M21: Biržų krašto tarmė u. a.) ist der eigene Code und wird daher positiv bewertet. Diese Einsicht lässt sich anhand der Kommentare der Befragten selbst veranschaulichen, z. B.: Birž_1(4)_M15: graži, nes tai mano gimtoji tarmė; Birž_2(2)_M15: pati gražiausia tarmė. In diesem Zusammenhang sei an die Überlegungen von Renée van Bezooijen erinnert, die solche Tendenzen bei der Bewertung von Varianten erklären und sie in den Hypothesen der Verständlichkeit und Wiedererkennung zusammenfassen (siehe van Bezooijen 2002: 15).

Es ist anzunehmen, dass die Komponente der Korrektheit in der Vorstellung eines dialektalen Codes (nicht nur der sprachlichen Heimat) mit dem Faktor Standardsprache korreliert und auf zweierlei Weise erklärt werden kann. Erstens stehen dialektale Codes generell im Gegensatz zur Standardsprache: Die Standardsprache wird als korrekter Code konzeptualisiert, der dialektale Code dagegen (ohne auch nur nach Zonen ganzheitlich zu differenzieren) als nicht korrekt (siehe die Karte Birž_1(4)_M23 in Abb. 12). Zweitens dient die Standardsprache (genauer gesagt, die Vorstellung von der Standardsprache, die ein durchschnittliches Mitglied der Sprachgemeinschaft hat (zum sogenannten Quasistandard siehe Long 1996: 118–135)) den Befragten als Bezugspunkt bei der Rangordnung dialektaler Codes (siehe die Karte Birž_2(4)_M56 in Abb. 12).

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Čia prisimintina R. van Bezooijen (2002: 15) vadinamoji panašumo hipotezė, teigianti, kad panašesni į bendrinę kalbą variantai gali sulaukti palankesnio paprastųjų kalbos bendruomenės narių vertinimo. Reikia paminėti, kad ši autorė taip samprotavo apibendrindama estetinio variantų vertinimo polinkius, bet visai tikėtina, kad bendrinės kalbos, kaip taisyklingo kodo prototipo, vaizdinys svarbus (gal net svarbesnis) tarminių kodų taisyklingumo įverčiams.

Birž_1(4)_M23

Birž_2(4)_M56

12 ABB. Der Faktor Standardsprache in den Kommentaren zu mentalen Karten

Andererseits kann auch der Faktor der sprachlichen Heimat nicht ausgeschlossen werden. Unter ästhetischem Gesichtspunkt wird der Biržų-Geolect sehr positiv bewertet; daher ist anzunehmen, dass der eigene Code für einige Befragte zum Bezugspunkt wird, wenn sie andere Varianten hinsichtlich ihrer Attraktivität differenzieren. Sehr aufschlussreich ist der Kommentar einer Befragten zu ihrer mentalen Karte – Birž_2(4)_M07: Jeder Dialekt ist schön, aber ein Mensch aus einer anderen Region wird sagen, dass sein Dialekt schön und der eines anderen nicht schön ist. Mein Dialekt ist schön, weil ich ihn verwende. Allerdings muss eingeräumt werden, dass die positive ästhetische Bewertung des Codes der sprachlichen Heimat nur eine Tendenz, aber keine Regel ist. Es gibt auch andere Vorstellungen (Birž_2(4)_M01, siehe Abb. 13).

Birž_2(4)_M01

13 Abb. Eine ungünstige Vorstellung von der sprachlichen Heimat

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Offensichtlich ist die Vorstellung von Dialektalität (allgemein) im Bewusstsein der jungen Bewohner von Biržai ambivalent: zulässige: nicht tolerierbare Dialektalität. Diese Differenzierung hängt sowohl mit den objektiven Merkmalen der Varianten als auch mit Stereotypen und dem Faktor des Kommunikationserfolgs zusammen (siehe die gezeichneten Karten Birž_1(2)_V09 und Birž_2(2)_V01 in Abb. 14).

Birž_1(2)_V09

Birž_2(2)_V01

Birž_2(2)_M11

Birž_2(4)_V09

14 ABB. Die Ambivalenz der Vorstellung von Dialektalität

Wie die Forschungsdaten zeigen, sind die Prototypen attraktiver Laute für einige junge Bewohner von Biržai eher oberlitauisch, für andere eher niederlitauisch, suvalkisch oder anders geprägt (vgl. die gezeichneten Karten Birž_1(2)_V09, Birž_2(2)_M11, Birž_2(4)_V09 und Birž_2(2)_V01 in Abb. 14). Hier lässt sich R. van Bezooijens Ausbreitungshypothese für Laute anwenden, der zufolge manche Laute als schöner wahrgenommen werden als andere (van Bezooijen 2002: 14).

Aus den gezeichneten Karten der jungen Bewohner von Biržai, auf denen Zonen dialektalen Sprechens den Zonen nichtdialektalen Sprechens gegenübergestellt werden, gehen mehrere Arten solcher Gegenüberstellungen hervor: 1) Die Zonen dialektaler Codes werden an das Areal der sprachlichen Heimat herangerückt (bzw. davon entfernt) (Birž_1(2)_M06, Birž_1(2)_V06, siehe Abb. 18); 2) aus Sicht des Laien werden die markantesten Punkte und Areale dialektaler Codes im gesamten Gebiet Litauens identifiziert (Birž_1(2)_V14, Birž_1(4)_M12, siehe Abb. 18); 3) das Areal Mittellitauens wird unter den Dialektzonen hervorgehoben; außerdem werden die Zonen dialektaler Codes entfernt

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von Großstädten ausgehend oder Großstädte werden aus den Dialektzonen ausgeschlossen (Birž_2(4)_M41, Birž_2(4)_M55, siehe Abb. 15).

Birž_1(2)_M06

Birž_1(2)_V06

Birž_1(2)_V14

Birž_1(4)_M12

Birž_2(4)_M41

Birž_2(4)_M55

ABB. 15. Prototypische Dialektcode-Zonen

Die nächstgelegenen regionalen Zentren Panevėžys, Utena und Šiauliai liegen zwischen den prototypischen Dialektzonen.

Nur 15,46 Prozent der Befragten bringen in gezeichneten Karten dialektales Sprechen mit ganz Litauen in Verbindung (siehe Abb. 16). Man könnte sagen, dass dieses Bild wohl das genaueste ist – die Repertoires sprachlicher Mittel schichten sich im gesamten horizontalen Sprachkontinuum, sodass die Befragten, wenn sie angeben, dass in ganz Litauen dialektal gesprochen wird, recht haben.

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Instrumente und Forschungsrichtungen der perzeptiven Dialektologie: Areale von Varianten in mentalen Karten (der Fall Biržai)

Birž_2(4)_M19

Birž_2(4)_M51

Birž_2(2)_V03

Birž_1(4)_V17

ABB. 16. „Objektive“ mentale Karten

Aus Sicht der Forschenden ist Dialektalität natürlich abgestuft: von Codes mit markanten, unterscheidenden Merkmalen bis hin zu Codes, die lediglich durch die Dialektalität tertiärer Merkmale gekennzeichnet sind (vgl. Aliūkaitė, Mikulėnienė 2014a: 46–47). In solchen gezeichneten Karten visualisieren die Befragten die stark verallgemeinerte Vorstellung, dass dialektales oder mundartliches Sprechen überall in Litauen zu erwarten ist.

Solche Karten werden durch die Antworten der Befragten auf eine offene Frage zu den Sprechmerkmalen präzisiert, anhand derer eine Person, die im Dialekt spricht, erkannt werden kann. Den Eindruck von Dialektalität in der Sprache vermitteln den Befragten demnach die (Nicht-)Aussprache von Endungen, die Betonung und ungewöhnliche Wörter. Mit einer verallgemeinerten gezeichneten Karte bekunden die Befragten folglich ihre Erwartung, dass Ausdrucksunterschiede in ganz Litauen auftreten.

Mehr als 63 Prozent der jungen Einwohner von Biržai geben an, am (Nicht-)Aussprechen von Endungen zu erkennen, dass eine Person im Dialekt spricht, z. B.: Birž_1 (2) M09: manchmal werden Endungen abgeschnitten, Birž_1 (4) M11: eine andere Aussprache der Wortendungen, Birž_1 (4) V02: verschlungene Endungen, Birž_2 (4) V06: Zum Beispiel: Im Biržai-Dialekt gibt es keine Endungen, sie werden abgeschnitten: sveikas – sveiks, aš einu – aš ein usw. Eine andere Betonung (z. B.: Birž_2 (4) M29: Wörter werden anders betont, Birž_2 (4) M38: die Betonung wird an eine andere Stelle gesetzt), ungewöhnliche Wörter (z. B.: Birž_2 (4) M15: Dinge, die eine andere Bezeichnung haben, Birž_2 (4) V07: unverständliche / unbekannte Wörter und lustig ausgesprochene Wörter) gelten ebenfalls bei mehr als 30 Prozent der jungen Einwohner von Biržai als objektive Indikatoren für dialektales Sprechen.

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Wie zu sehen ist, projizieren die Befragten die Merkmale der dialektalen Sprechweise aus der Perspektive ihrer sprachlichen Heimat. Die Kürzung von Endungen und die Zurückziehung des Wortakzents sind objektive Charakteristika des Biržai-Geolekts.

Ein solches durch das Prisma persönlicher Spracherfahrung gefiltertes Inventar dialektaler Unterscheidungsmerkmale ist aus mehreren Gründen wichtig: Erstens eröffnet sich im dialektologischen Diskurs die Möglichkeit, die Unterscheidungsmerkmale aus Sicht der Forschenden mit denen aus Sicht der Sprechenden zu vergleichen; zweitens ist eine solche Konsistenz der Charakteristika ein deutlicher Hinweis auf die vitalsten Merkmale des Erhebungsortes.

2.3. Zusammenfassung: der mögliche Wert der perzeptiven Dialektologie für die Erforschung der Variation in Litauen

Die von jungen Einwohnern von Biržai gezeichneten Karten geben Vorstellungen von Variation wieder, die vermutlich die sprachlichen Präferenzen einfacher Mitglieder der Sprachgemeinschaft und ihr Sprachverhalten im Allgemeinen beeinflussen können (oder beeinflussen).

Projektionen dieser Art hinsichtlich sprachlicher Präferenzen lassen sich anhand der Daten zur Identifikation der sprachlichen Heimat als Dialektzone auf einer gezeichneten Karte formulieren: Vermutlich besteht eine direkte Abhängigkeit zwischen der Vitalität des dialektalen Codes in der sprachlichen Heimat und deren Kennzeichnung auf der mentalen Karte. Selbstverständlich muss dieser Zusammenhang in jedem Fall mit Methoden der direkten Beobachtung überprüft werden.

Anhand der in den gezeichneten Karten der Befragten identifizierten Zonen attraktiver bzw. unattraktiver Dialektcodes lassen sich Richtungen der horizontalen Konvergenz projizieren. Wird die Einstellungsdimension ausgeklammert, wird die prognostische Dialektologie einseitig.

Somit ist die konzeptuelle Deskriptivität der perzeptiven Dialektologie in dieser Hinsicht wertvoll für die Dialektologie der Forschenden, deren Deskriptivität eher inventarisierend und klassifizierend ist. Auf diese Weise vertieft die Perspektive des einfachen Mitglieds der Sprachgemeinschaft den Diskurs über die Erforschung des Wandels und der Entwicklung von Variation (und kann ihn vertiefen).

Art und Dichte der Wahrnehmungsisoglossen auf den gezeichneten Karten der jungen Einwohner von Biržai zeigen, dass einfache Mitglieder der Sprachgemeinschaft unterschiedliche Vorstellungen von Dialektalität – verstanden als Unterscheidungsmerkmale – haben.

Vermutlich ist die vorhandene Vorstellung von Dialektalität für jene Befragten ebenso wichtig, auf deren gezeichneten Karten einzelne Bereiche von Dialektcodes identifiziert werden, wie für jene, deren gezeichnete Karten der Dialektcodes das gesamte Gebiet Litauens umfassen. Um die Frage zu beantworten, warum in einem solchen Fall so unterschiedliche mentale Karten entstehen, müsste man von der unterschiedlichen Strenge der Befragten bei der Bewertung der Beziehungen zwischen Dialektcodes und Standardsprache unter dem Gesichtspunkt objektiver Unterschiede sprechen.

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SCHLUSSFOLGERUNGEN

Mentale Karten stehen eher mit den unbewussten Einstellungen der Befragten in Verbindung. Karten jedoch, auf denen die sprachliche Heimat visuell oder (und) verbal als Zone dialektalen Sprechens identifiziert wird, zeigen die objektive Beziehung der Befragten zu den Sprachcodes in ihrem alltäglichen Umfeld.

Vor einigen Jahren wurde auf der Grundlage objektiver Sprachdaten von Forschenden aus dem Gebiet der ostaukštaitischen Panevėžys-Varietät der Geolekt Biržai abgegrenzt. Seine tatsächliche und nicht nur imaginierte Existenz wird durch die jüngsten Untersuchungen junger Menschen aus Biržai bestätigt: Das Verhältnis der Befragten – Ich erkenne den Dialektcode in meinem unmittelbaren sprachlichen Umfeld an vs. ich erkenne ihn nicht an – ist wertvoll für die Prognose der Verbreitung dialektaler Codes und für die Vorhersage von Vitalitätstendenzen. Die gezeichneten Karten zeigen ein konfliktfreies Verhältnis zum Code des Umfelds, was wiederum optimistische Perspektiven für den Geolekt Biržai eröffnet.

Die inkonsistente Konzeptualisierung regionaler Variabilität (zum Beispiel Ich spreche Dialekt, meine sprachliche Heimat ist eine Zone dialektaler Codes, aber mein Prototyp eines dialektsprechenden Menschen ist ein alter (älterer) Mensch vom Land) ist ein deutlicher Hinweis auf die Vielschichtigkeit dialektaler Codes. Erstens werden dialektale Codes tendenziell als attraktiv, aber eher als inkorrekt denn als korrekt konzeptualisiert. Zweitens wird die horizontale Variabilität intern differenziert – manche Dialektzonen umfassen attraktive (und seltener korrekte) Codes, andere unattraktive Codes.

Der Code der sprachlichen Heimat wird als schön und attraktiv, aber inkorrekt konzeptualisiert. Es ist wahrscheinlich, dass die Komponente der Korrektheit im Bild des dialektalen Codes (nicht nur der sprachlichen Heimat) mit dem Faktor Standardsprache korreliert. Unter ästhetischem Gesichtspunkt wird der Geolekt Biržai sehr positiv bewertet; der eigene Code dient somit manchen Befragten als eine Art Bezugspunkt bei der Differenzierung anderer Varianten nach ihrer Attraktivität.

Karten mit prototypischen Zonen dialektaler Codes zeigen, dass einfache Mitglieder der Sprachgemeinschaft Dialekt und Standardsprache als Gegensätze konzeptualisieren und Zwischenvarianten ignorieren; daher treten auf der gezeichneten Karte nur die sogenannten radialen Dialektalitätszonen hervor (vgl. die Geolektzonen auf der Dialektkarte). Es ist anzunehmen, dass ein genaueres Verständnis der Unterschiede im Verhältnis zwischen Standardsprache und dialektalen Codes – und nicht ihrer Wertigkeit – zu einer ausführlicheren gezeichneten Karte führt.

Die Analyse der Daten aus der Aufgabe, eine Karte zu zeichnen, durch junge Menschen aus Biržai zeigt, dass die Perspektive einfacher Mitglieder der Sprachgemeinschaft als eine Art Kontrollsystem für die Konzeptualisierung von Variabilität zu bewerten ist, das die Sichtweise der Forschenden ergänzt und in einigen Fällen präzisiert. Somit ermöglichen die Ansätze der perzeptiven Dialektologie einen vielfältigeren dialektologischen Diskurs.

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Perceptyવિosios dialektologijos instrumentai ir tyrimų kryptys: variantų arealai mentaliniuose žemėlapiuose (Biržų atvejis)

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Perceptual Dialectology Instruments and Directions for Research: Areas of Variants in Mental Maps (Case of Biržai)

SUMMARY

The paper discusses the possibilities of application of the principles of perceptual dialectology in the Lithuanian regional variability research. It provides a brief introduction of the origins of Dutch and Japanese perceptual dialectology, which were developed at the end of the 19th century.

It presents empirical illustrations of insights – the material from the scientific project Standard Lithuanian Language Place in the Mental Map. Though the research involved over 2,000 young people, the article is based on the answers of 194 upper-grade pupils from the environs of Biržai. The project data were collected by means of anonymous questionnaire.

When designing a questionnaire and summarising the data collected, the study relied on D.R. Preston’s perceptual research model, which includes five components or tasks: 1) draw-a-map; 2) “correct” and “pleasant” ratings; 3) degree of difference; 4) dialect identification; 5) qualitative data. There were two draw-a-map tasks which include the user approach towards both the use of dialects and Standard Lithuanian.

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Thus, the article discusses the geolinguistic competence of the school youth from a single regional city. Geolinguistic competence means knowledge and skills to recognize language variability and to associate it with certain areas – geographic (i.e. territorial variables), social (i.e. social variables), cultural (i.e. cultural variables / cultural dimensions).

Though the young residents of Biržai declare that they are active users of their dialect, they are familiar with the binary classification of dialects (Aukštaitian and Samogitian) only partially: in the drawn map Aukštaitians and Samogitians were specified by 8.76% of the young residents of Biržai only. A slightly higher percentage specified the isoglosses dividing the four dialects (Aukštaitian, Dzūkian, Sudovian and Samogitian) in the map (the criterion of the accuracy of isoglosses is not applied for the time being). A part of the subjects in the study (11.86%) model intermediate variants of dialectal classification – they add Sudovians and Dzūkians to Aukštaitians and Samogitians. There is no doubt that it is a reflection of knowledge of the pupils involved in the study on the ethnographic division of Lithuania. The inconsistency between visualized knowledge and verbalized knowledge shows that the conceptualization of regional variability among ordinary members of the linguistic community integrates both official and unofficial systems of knowledge. The drawn maps show a non-conflicting relationship with the code of environment, which, in turn, draws optimistic prospects for the geolect of Biržai.

The answers of the young residents of Biržai to an open question in the questionnaire regarding the associations pertaining to a person speaking a dialect show that the conceptualization of regional variability is multi-layered and inconsistent. The young residents of Biržai refer to themselves as representatives of a dialectal code – as many as 82.14% of the subjects in the study referred to themselves as speakers of a dialect and marked the area of Biržai as the area of a dialectal code in the drawn map; however, when mentioning the associations of a dialect-speaker, they were inclined to dissociate themselves from a standard representative of a dialectal code.

Oppositional variables came to the fore in around one third (30.61%) of the answers given by the subjects in the study – for instance, an old (older) person; village resident; person with a low educational background, etc., i.e. a sociolinguistic portrait of a dialect speaker is dissociated from the portrait of the subjects themselves: young and educated city residents.

However, the structure of the sociolinguistic portrait itself features more positive than negative connotation components.

The drawn maps of the young residents of Biržai are significant for reconstruction of perception of variability where individual dialectal areas are not only identified but also qualified, i.e. the subjects do not only indicate specific areas as the places of dialectal speaking in the drawn map but also express the evaluation of the area concerned. The comments of the young residents of Biržai reveal several tendencies: first, there is a tendency to conceptualize dialectal codes as attractive but more incorrect than correct. Second, horizontal variability is differentiated – some dialectal areas belong to attractive (and less frequently correct) codes, others – to unattractive codes. The drawn maps of the

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Perceptyviosios dialektologijos instrumentai ir tyrimų kryptys: variantų arealai mentaliniuose žemėlapiuose (Biržų atvejis)

young residents of Biržai also reveal the code of their linguistic homeland: it is conceptualized as beautiful, attractive but incorrect.

It is likely that the component of correctness in the mental image of dialectal code (not only that of linguistic homeland) correlates with the factor of the standard language and is interpreted in two ways. First, dialectal codes generally find themselves in opposition to the standard language: the standard language is conceptualized as the correct code, while the dialectal code (holistically, even without differentiation by area) as the incorrect one.

From the aesthetic point of view, the geolect of Biržai is evaluated very favourably; therefore, it is likely that certain subjects use their own code as a certain starting-point in differentiating other variants from the perspective of attractiveness. It is obvious that in the consciousness of the young residents of Biržai the image of dialecticism (in general) is ambivalent: permissible: intolerable dialecticism. Such differentiation is also related to objective peculiarities of variants as well as stereotypes and the factor of communicative success. The drawn maps of the young residents of Biržai where dialectal areas are contrasted to non-dialectal areas reveal several types of such contrasting: 1) dialectal areas are brought closer to (vs. distanced from) the area of the linguistic homeland; 2) the hottest spots of dialectal codes are identified through the eyes of an ordinary viewer in the whole territory of Lithuania; 3) the area of Central Lithuania stands out from dialectal areas; what is more, the areas of dialectal codes are distanced from big cities or big cities are eliminated from dialectal areas. The closest regional centres – Panevėžys, Utena, Šiauliai – fall to prototypical dialectal areas.

Only one sixth (15.46%) of the subjects in the study associate dialectal speaking with the whole Lithuania in the drawn maps. It could be said that such image is probably most accurate – the repertoires of linguistic measures stratify across the whole horizontal linguistic continuum; therefore, the subjects, specifying that dialects are used in the whole Lithuania, are right.

The subjects get the impression of dialecticism in the language from (non)omission of endings, accentuation, unusual words.

Mental maps are more associated with unconscious attitudes of the subjects. However, those where the linguistic homeland is visually and/or verbally identified as a dialectal area show an objective relationship of the subjects with the repertoires of linguistic codes in their residential area.

On the basis of objective linguistic data, several years ago the geolect of Biržai was distinguished in the area of the Eastern Aukštaitian subdialect of Panevėžys. Its real (not imaginary) existence is also confirmed by the latest research of the young residents of Biržai: the relationship of the subjects – I acknowledge vs. I don’t acknowledge the dialectal code in the close linguistic environment – is valuable for forecasting the dissemination of dialectal codes and anticipating the tendencies of viability. The drawn maps show a non-conflicting relationship with the code of environment, which, in turn, implies optimistic prospects for the geolect of Biržai. From an aesthetic point of view, the geolect of Biržai is evaluated

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very favourably; hence, for certain subjects in the study, their dialectal code is a certain starting-point in differentiating other variants from the perspective of their attractiveness.

The inconsistency of conceptualization of regional variability (e.g. I speak a dialect, my linguistic homeland is the area of dialectal codes but my prototype of a person speaking a dialect is an old (older) person residing in a village) is a clear reference to the multi-layeredness of dialectal codes. First, there is a tendency to conceptualize dialectal codes as attractive but more incorrect than correct. Second, horizontal variability is differentiated – some dialectal areas feature attractive (and less commonly correct) codes, others – unattractive codes.

The code of one’s linguistic homeland is conceptualized as beautiful, attractive but incorrect. It is likely that in the mental image of a dialectal code (not only that of one’s linguistic homeland) the component of correctness correlates with the factor of standard language.

Maps with prototypical areas of dialectal codes show that ordinary members of a linguistic community conceptualize the dialect as opposing to the standard language by ignoring any intermediary variants; therefore, only the so called radial dialectal areas stand out in the drawn map. It is likely that a more accurate perception of the differences rather than the value of the relationship between the standard language and dialectal codes determines a more comprehensive drawn map.

The data analysis of the draw-a-map task accomplished by the young residents of Biržai shows that the perspective of an ordinary member of the linguistic community is seen as a certain control system of conceptualization of variability which supplements the researcher’s approach or corrects it in certain cases.

To conclude, the approach of perceptual dialectology ensures a more varied dialectology discourse.

Įteikta 2016 m. gegužės 2 d.

DAIVA ALIŪKAITĖ

Vilniaus universitetas

Universiteto g. 5, LT-01513 Vilnius, Lietuva

[email protected]

DANGUOLĖ MIKULĖNIENĖ

Lietuvių kalbos institutas

Petro Vileišio g. 5, LT-2055 Vilnius, Lietuva

danguole.mikulė[email protected]

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