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AURELIJA GRITĖNIENĖ Institut für litauische Sprache ORCID id: orcid.org/0000-0001-8510-9037

Forschungsrichtungen: Semantik, Lexikologie, Lexikografie.

DOI: doi.org/10.35321/all84-06

DER RUSSE IM WELTBILD DES LITAUISCHEN SPRACHWÖRTERBUCHS¹

Der Russe im Weltbild von The Dictionary of the Lithuanian Language

ABSTRACT

Der Beitrag analysiert, welches Fragment des RUSSEN-Konzepts aus den Illustrationssätzen des „Wörterbuchs der litauischen Sprache“ hervortritt, in denen die Volkszugehörigkeit rusas erwähnt wird. Die Illustrationen sind für die Herausbildung des Konzepts besonders wichtig, da gerade in ihnen die Einstellung der Vertreter aller litauischen Dialekte zu dieser Volkszugehörigkeit sowie das in verschiedenen schriftlichen Quellen – meist wissenschaftlichen, publizistischen und belletristischen Werken des 19. und 20. Jahrhunderts – entstandene Weltbild des Russen festgehalten ist. Das empirische Material des Wörterbuchs wird im Beitrag mit den Methoden der semantischen Analyse, der deskriptiven und interpretativen Analyse sowie der kognitiven Linguistik untersucht.

Die Analyse von etwa 300 Illustrationssätzen, in denen das Ethnonym rusas erwähnt wird, zeigt, dass im Kontext des Wörterbuchs über diese Volkszugehörigkeit Folgendes vermittelt wird: 1) objektive, konkrete historische und andere Fakten (meist in Illustrationen aus verschiedenen schriftlichen Quellen), 2) Erfahrungen einzelner Menschen im Umgang mit Personen dieser Volkszugehörigkeit, vermittelt durch konkrete Vorstellungen (in Illustrationssätzen aus litauischen Dialekten). Es zeichnet sich die Tendenz ab, dass im Kontext des Wörterbuchs eine direkte, eindeutige Kategorisierung vermieden wird (in den Illustrationen des Wörterbuchs werden nur einige Handlungen russischer Soldaten und die den Litauern aufgezwungene russische Herrschaft negativ bewertet). Diese vergleichsweise vorsichtige Haltung wurde durch die historischen und politischen Umstände der Abfassung des Wörterbuchs bedingt.

SCHLÜSSELWÖRTER: Wörterbuch, Semantik, Illustrationsbeispiel, Konzept, Russe.

¹ Die Autorin des Beitrags dankt den Gutachtern herzlich für ihre wertvollen Anmerkungen, die zur Verbesserung des Textes beigetragen haben.

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Rusas Lietuvių kalbos žodyno pasaulėvaizdyje

ANNOTATION

Der Artikel analysiert, welches Fragment des Konzepts RUSSISCH in den illustrativen Sätzen mit der Nationalitätsbezeichnung rusas „Russe“ hervortritt, die in The Dictionary of the Lithuanian Language enthalten sind. Die Illustrationen sind für die Herausbildung des Konzepts besonders wichtig, da sie die Haltung der Vertreter der Dialekte aus ganz Litauen gegenüber dieser Nationalität sowie das in verschiedenen schriftlichen Quellen (vorwiegend in wissenschaftlichen, publizistischen und belletristischen Werken des 19.–20. Jahrhunderts) geprägte Weltbild des Russen festhalten. Das empirische Material aus dem Wörterbuch wird mit Methoden der semantischen Analyse, der deskriptiven und interpretativen Analyse sowie der kognitiven Linguistik untersucht.

Die Analyse von 300 illustrativen Sätzen, in denen das Ethnonym Russian vorkommt, zeigt, dass diese Nationalität im Kontext des Wörterbuchs auf folgende Weise beschrieben wird: 1) durch objektive, konkrete historische und andere Fakten (gewöhnlich in Form von Illustrationen aus verschiedenen schriftlichen Quellen); 2) durch die Erfahrung der Beziehung einzelner Personen zu Angehörigen dieser Nationalität anhand konkreter Vorstellungen (in Form von illustrativen Sätzen aus litauischen Dialekten). Im Kontext des Wörterbuchs zeichnet sich eine Tendenz zur Vermeidung einer direkten und eindeutigen Kategorisierung ab (in den Illustrationen des Wörterbuchs werden nur bestimmte Handlungen russischer Soldaten und die den Litauern auferlegte russische Herrschaft negativ bewertet). Diese vergleichsweise vorsichtige Haltung war durch die historischen und politischen Umstände bedingt, unter denen die Erstellung des Wörterbuchs erfolgte.

SCHLÜSSELWÖRTER: Wörterbuch, Semantik, illustratives Beispiel, Konzept, Russisch.

EINLEITENDE BEMERKUNGEN

Im Laufe der Geschichte entwickelten sich die Beziehungen zwischen Litauern und Russen uneindeutig. Vertreter dieser beiden Völker waren seit jeher Nachbarn2. Für das politische und kulturelle Leben Litauens sowie die Entwicklung seiner Staatlichkeit war seit dem Ende des 15. Jahrhunderts die östliche Nachbarin – das Großfürstentum Moskau, später das zaristische Russland und seit dem 20. Jahrhundert die Sowjetunion – von großer Bedeutung (Burinskaitė 2005: 9); daher interessieren die Beziehungen zwischen Litauern und Russen seit jeher Forscher verschiedener Wissenschaftsbereiche: Historiker, Ethnologen, Soziologen, Literaturwissenschaftler u. a.

Am eingehendsten haben Soziologen die Haltung der Litauer gegenüber Personen russischer Nationalität untersucht. Am Institut für ethnische Studien des Zentrums für Sozialforschung Litauens wurden Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts zahlreiche Studien zur russischen ethnischen Gruppe durchgeführt3. Im genannten Zentrum wurden die Einstellungen der Litauer im 21. Jahrhundert umfassend erforscht; so wurde beispielsweise festgestellt, dass die Einwohner Litauens Russen als mögliche Nachbarn positiv bewerten und sich wünschen würden

² Die Staatsgrenze der Republik Litauen mit der Russischen Föderation erstreckt sich über 297 km.

³ In diesem Artikel werden nur jene Untersuchungen erwähnt, die sich hauptsächlich auf die Bewertung der in Litauen lebenden Russen und deren Bild konzentrieren.

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mit ihnen in der Nachbarschaft zu leben (Petrušauskaitė 2013: 181). Ausführlich analysiert und beschrieben wurden auch die Einstellungen der litauischen Presse gegenüber der russischen ethnischen Gruppe; erörtert wurden die ethnische Intoleranz in den Online-Medien und deren Kommentaren (ausführlicher siehe Auškalnienė 2006: 55–56; Beresnevičiūtė, Frėjutė-Rakauskienė 2006: 28; Frėjutė-Rakauskienė 2009: 103–110; Frėjutė-Rakauskienė 2012: 89; Madsen 2006: 61).

Geschichtsnarrative zeigen, dass die russische ethnische Gruppe in verschiedenen Zeitabschnitten unterschiedlich betrachtet wurde (bedingt durch objektive historische Umstände). So überwiegt beispielsweise in den in Deutschland 1914–1939 veröffentlichten Erinnerungen an den Großen Krieg ein im Wesentlichen negatives Bild der Russen, obwohl es auch alternative Bewertungen gab, die eine Betrachtung der Russen aus der Perspektive von Wertvorstellungen ermöglichten, die die Menschlichkeit hervorheben (Vitkus 2017: 61). Im sowjetischen Geschichtsnarrativ überwiegt ein entgegengesetztes Bild der Russen: Hier „wird von allen ethnischen Gruppen in Litauen nach den Litauern über die Russen gesprochen. Die Darstellung der Beziehungen dieser ethnischen Gruppe zu den Litauern ist äußerst romantisiert; über die Russen wird nur als über Helden des litauischen Volkes gesprochen“ (Naudžiūnienė 2019: 25). Im Bewusstsein einfacher Bewohner des litauischen Dorfes bildete sich jedoch seit den Jahren der ersten sowjetischen Besatzung meist ein negatives Bild der Russen heraus: „Zum Symbol des Russen wurde ein kleiner Aufkäufer von Lebensmitteln mit einem Sack in den Händen oder ein betrunkener Rotarmist, keineswegs aber ein qualifizierter Ingenieur“ (Marcinkevičius 2013: 208). Auch in den Nachkriegsjahren war die Einstellung der einheimischen Bevölkerung in Ost- und Südostlitauen gegenüber den zugewanderten Russen (und generell Russischsprachigen) nicht positiv: Sie betrachteten die Zugewanderten als „Fremde“ und nahmen zunächst ihre negativen Eigenschaften wahr (grob, ungebildet, amoralisch usw.) (Stravinskienė 2014: 174–175).

Die Einstellung der Litauer zu Personen russischer Nationalität interessiert auch Ethnologen und Anthropologen. Die Ethnologin und Folkloreforscherin Laima Anglickienė stellt fest, dass in der litauischen Folklore die Nachbarvölker seltener erwähnt werden als die in ganz Litauen verbreiteten ethnischen Gruppen – Juden und Zigeuner (Anglickienė 2007: 449). Im Allgemeinen ist es in der Folklore schwierig zu verstehen, von welchem slawischen Volk die Rede ist, denn die Ethnonyme rusas, lenkas, baltarúsis, ukrainietis sind sehr selten – an ihrer Stelle wird gudas verwendet, und offensichtlich hat dieses eine stark pejorative Färbung. In Alltagserzählungen, Anekdoten, Sagen, Liedern, Sprichwörtern und Redensarten rusai / gudai haben sie einen schlechten Ruf: Sie sind Diebe, Hitzköpfe, die sich sofort prügeln, von niedriger, verachtenswerter Herkunft, stark wandelbar, haben böse Augen; über ihr andersartiges Aussehen, ihre Unbeholfenheit, Dummheit u. a. wird gespottet (Anglickienė 2006: 198–209).

Ähnliche Ergebnisse wurden auch in einer ethnopsycholinguistischen Untersuchung erzielt: Bei der Befragung von 200 litauischen und russischen Schülern höherer Klassen in Vilnius wurde festgestellt, dass das Bild des Russen in der Vorstellung der Litauer stereotyp ist: Der Russe ist hässlich, vom Trinken aufgedunsen, arm oder Millionär, klein, stämmig, bärtig, mit langen herabhängenden Schnurrbärten, dunkelhäutig, finster, mit unzufriedenem, gerunzeltem Gesicht, in einen Trainingsanzug gekleidet

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und mit einer Wodkaflasche usw. (Ryžakova, Zavjalova 2004: 20; Р ы ж а к о в а, Завьялова 2008: 39–40).

Im Diskurs der schönen Literatur wird die Monografie von Dalia Cidzikaitė über kitą litauische Prosa erwähnt. Die Autorin erörtert neben anderen Nationalitäten auch das Bild des Russen in der litauischen Literatur und kommt zu dem Schluss, dass in der litauischen Prosa ein recht deutlich negativ konnotiertes Bild des Russen hervortritt, das „unmittelbar das Verhältnis zwischen Kolonisator und Kolonisiertem widerspiegelt und eine Art Antwort auf den russischen Imperialismus darstellt. In der litauischen Prosa setzt sich das Bild des Russen als Wilder, Barbar, Dunkelhäutiger, Grausamer, von niedriger Kultur und geringer Bildung sowie als Alkoholiker fest“ (Cidzikaitė 2007: 110)4. Das Bild des altgläubigen Russen in der litauischen Kultur analysierte Grigorijus Potašenko. Nach Ansicht des Autors wurden die Altgläubigen in der litauischen Literatur der Mitte des 20. Jahrhunderts als Fremde (aufgrund ihrer Exotik) dargestellt, und ihre Andersartigkeit wurde nur selten durch eine positive Konnotation verstärkt (Potašenko 1989: 49–56).

Auf der Grundlage des Materials des akademischen „Wörterbuchs der litauischen Sprache“ (im Folgenden LKŽe) wurden bereits verschiedene Vorstellungen und Weltbilder untersucht5. Auch die Nachbarn Litauens wurden untersucht: Die Konzepte des Deutschen und Russlands wurden erforscht (siehe Liutkevičienė 2020: 1–39; Gritėnienė 2020: 41–61). Etwas früher wurde auf der Grundlage von Beispielen aus dem LKŽe sowie aus Dialekt- und Mundartwörterbüchern analysiert, wie das Ethnonym rusas, maskolius in der Sprache funktioniert: welche Bedeutungen der Ableitungen in den Wörterbüchern widergespiegelt werden, welche litauischen Familiennamen, Spitznamen und Toponyme mit den Grundwörtern rusas und maskolius gebildet wurden (Švambarytė 2007: 391–401; vgl. auch Butkus 1995: 223–228; Anglickienė 2005: 7–17). Auf der Grundlage der Daten des Dabartinės lietuvių kalbos tekstyno (d. h. durch die Analyse der Verbindungen der Formen der Wörter baltarusiškas, latviškas, lenkiškas, rusiškas, vokiškas mit Wörtern, die Charaktereigenschaften bezeichnen) wurde beschrieben, welche Charaktereigenschaften im Weltbild der litauischen Sprache den Nachbarvölkern zugeschrieben werden (Papaurelytė–Klovienė 2010). Bislang wurde jedoch nicht eingehender analysiert, was die Illustrationen des großen Wörterbuchs über Personen russischer Nationalität aussagen, wie und in welchen Kontexten über sie gesprochen wird und welches Bild des Russen sich aus den aus verschiedensten Quellen und Dialekten aufgezeichneten Illustrationen ergibt. Hervorzuheben ist, dass sich frühere ethnologische und linguistische Untersuchungen meist nur auf das in den Artikeln der Stichwörter rusai, rusas, rusiškas usw. dargebotene Material stützten, während in der vorliegenden Untersuchung die im gesamten Wörterbuchdiskurs gefundenen Illustrationen analysiert werden, d. h. das Stichwort der untersuchten Sätze kann beliebig sein. Den Daten des Portals für amtliche Statistik zufolge6 lebten Anfang 2020 in Litauen 4,5% Personen russischer Nationalität, d. h. etwa

4 Welches Stereotyp des Russen und Russlands in der polnischen Literatur hervortritt, siehe Мачеевский 2000: 6–22.

5 Ausführlicher zu diesen Untersuchungen und allgemein zur Bedeutung des Wörterbuchmaterials für die Analyse von Konzepten siehe Gritėnienė 2020: 41.

6 Ausführlicher siehe https://osp.stat.gov.lt/lietuvos-gyventojai-2020/salies-gyventojai/gyventoju-skaicius-ir-sudetis.

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300 000 ständige Einwohner Litauens. Daher könnte die Untersuchung des Russenbildes nicht nur für Litauer, sondern auch für Personen russischer Nationalität interessant sein.

Untersuchungsmaterial. Davon, dass Litauer seit jeher mit Russen in Kontakt kommen mussten und dass diese Kontakte langfristig und vielfältig waren, zeugt auch das Material des LKŽe. Hier finden sich mehr als 50 mit dem Ethnonym rusas verbundene sekundäre Wörter (mehr als 40 Substantive, 7 Verben, 3 Adverbien). Personen russischer Nationalität werden in der gesprochenen und geschriebenen Sprache meist mit dem neutralen Wort rusai⁷ bezeichnet. In der lebendigen Sprache, einigen publizistischen Texten und der schönen Literatur wird das Wort hybrider Bildung ruskis recht häufig verwendet.

Im LKŽe wurden zahlreiche Synonyme des Ethnonyms rusas gefunden. In schriftlichen Quellen sind inzwischen veraltete Bezeichnungen für den Russen belegt: das Kompositum didžiarusis und die Ableitung mit einem Suffix maskvytis. Im LKŽe findet sich als Synonym für ruso auch die alte, von Simonas Stanevičius verwendete Variante rusijõnis. Selten wird auch die Ableitung mit einem Suffix rūsiškis verwendet (im LKŽe nur aus der Gegend von Zietela und in der Zeitung „Aušra“ belegt). Im LKŽe finden wir die Information, dass die Waräger der alten Russen vokiečiais genannt wurden: „Die lettischen Lieder veranlassen uns zusammen mit anderen Fakten zu vermuten, dass man in alter Zeit mit dem Namen des Deutschen die Schweden, die Waräger der alten Russen bezeichnete“ K. Būga⁸ (s. 1 vokietis). In verschiedenen Kontexten (meist in der schönen Literatur und in den Dialekten) werden zur Bezeichnung eines Russen verbreitete Eigennamen herangezogen, die Vertretern dieser Nationalität häufig gegeben werden, etwa Ivanas, Vanka u. Ä., z. B.: Pakėlė ir Vanka (rusai) kojas, kai pradėjo smaltyti (šaudyti) Skdt (s. pakelti). Als Synonyme für ruso werden Entlehnungen verwendet: das aus dem Lettischen entlehnte krievas sowie das aus dem Belarussischen entlehnte maskõlius, maskõlis.

Das LKŽe zeigt, dass Russen in den Dialekten und in verschiedenen schriftlichen Quellen auch gudai genannt wurden. Es ist jedoch wichtig festzustellen, dass gùdas, krievas, maskõlis, maskõlius⁹ nicht nur in der Bedeutung „Russe“¹⁰ verwendet werden. Als gudai werden auch Belarussen (weitaus häufiger als Russen) und Polen bezeichnet; krievas kann auch „Belarusse“ bedeuten, maskõlis, maskõlius bezeichnet auch einen Soldaten der zaristischen Armee, dessen Nationalität nicht unbedingt russisch sein muss. Im Wörterbuch finden sich zahlreiche Sätze, deren Inhalt es ohne einen weiteren Kontext schwer macht zu sagen, was der Informant oder der jeweilige Autor mit der Verwendung der zuvor genannten Synonyme für den Russen meinte,

⁷ Mit dem Ethnonym rusas stehen auch einige Bezeichnungen anderer Nationalitäten in Verbindung: Mit der Phrase baltieji rusai bezeichnete K. Būga in seinen Schriften die Belarussen, während in verschiedenen Schriften Westukrainer als rusėnai, rusinai bezeichnet werden.

⁸ Im Artikel werden Abkürzungen für Orts- und Quellenangaben des LKŽe verwendet. In Klammern wird das Wort angegeben, aus dessen lexikografischem Artikel das Beispiel entnommen wurde.

⁹ Von diesen Bezeichnungen wird maskolis, maskolius am häufigsten verwendet – im LKŽe wurden 87 Sätze mit dieser Bezeichnung gefunden.

¹⁰ Vgl. auch die im LKŽe belegten Stichwörter burlõkas, burlõkas, die mehr als eine Bedeutung haben: 1. in alter Zeit – ein russischer Arbeiter, der Schiffe mit Tauen flussaufwärts zog; 2. zur Zeit des Zarismus – ein altgläubiger Russe in Litauen. Diese Wörter werden in der Bedeutung „altgläubiger Russe“ in den Mundarten bis heute verwendet, wie die Karteien der Ergänzungen und der Dialekte des LKŽ zeigen.

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zum Beispiel: Maskoliai …keikia trilaįpsniniais keiksmais TS1899,6 (s. trilaįpsnis). Maskoliai ėmė žiováuti, akis blandyti, galvus kelti Žem (s. blandyti).

In der litauischen Standardsprache und ihren verschiedenen Varietäten wird am häufigsten rusas (und rusai) verwendet; in den Dialekten und einigen funktionalen Stilen (im alltäglichen, künstlerischen und publizistischen Stil älterer Zeit) wird häufig auch rūskis verwendet. Das LKŽe gibt folgende Bedeutungen dieser Wörter an:

1 rū́sas, –ė, Angehöriger des russischen Volkes. 2 rū́sas russische Staatsmacht; russisches Heer¹¹. rū́sai Volk, das eine der ostslawischen Sprachen spricht und überwiegend in Russland lebt. 1 rū́skis siehe 1 rusas. 2 rū́skis siehe 2 rusas. rū́skiai siehe 2 rusas.

Da die zuvor genannten Synonyme für rūso – didžiarusis, maskvytis, rusijonis, rusiškis relativ selten verwendet werden und gudas, kvietas und maskolis nicht immer ausschließlich Personen russischer Nationalität bezeichnen, werden in diesem Beitrag zur Untersuchung eines Fragments des RUSO-Konzepts nur jene illustrierenden Sätze analysiert, in denen die beiden Lexeme – rusas, ruskis – sowie verschiedene phonetische, grammatische und derivationale Varianten von ihnen verwendet werden: rū́sas, rusáitė, rusiukas, ruśkas, ruskelis, rusiukštis, ruskutis, ruskus, ruskutis, rusūtis¹².

Das Untersuchungsmaterial wurde aus der 2018 aktualisierten elektronischen Version des Wörterbuchs zusammengestellt (siehe www.lkz.lt). Nach einer detaillierten Suche im gesamten LKŽe-Hypertext (also in den Wörterbuchartikeln aller im Wörterbuch enthaltenen Wörter) wurden mehr als 270 illustrierende Sätze mit diesen Bezeichnungen für den Russen gefunden. 137 Illustrationen im LKŽe wurden aus litauischen Dialekten¹³ aufgezeichnet, während 135 Illustrationen aus verschiedenen schriftlichen Quellen des 19.–20. Jahrhunderts in das Wörterbuch aufgenommen wurden: aus der periodischen Presse („Aušros“, „Keleivio“, „Tėvynės Sargo“ und anderen Zeitungen), aus der Belletristik (Werken von G. Petkevičaitė-Bitė, B. Sruoga, M. Katiliškis und anderen Schriftstellern), aus wissenschaftlichen und publizistischen

¹¹ In den Illustrationen des LKŽe lässt sich nicht immer leicht unterscheiden, wann das Ethnonym rusas im Sinne der Nationalität und wann im Sinne der Staatsmacht oder des Heeres verwendet wird, zum Beispiel: Rusas atejo, aš jau senas buvau Užv (s. 2 rusas). Žaliukaut iñt miškus sulinda, iššaudė rusas tuos žaliukus Nmj (s. žaliukauti). Daher werden in diesem Beitrag alle Beispiele mit dem Ethnonym rusas untersucht, ohne streng danach zu unterscheiden, ob rusas die Nationalität oder das Heer bzw. die Staatsmacht bezeichnet, denn in diesem Fall „bezeichnen Gattungsnamen ihrer lexikalischen Bedeutung nach eine Ansammlung gleichartiger Personen als eine bestimmte unteilbare Einheit und unterscheiden sich grammatisch in nichts von gewöhnlichen Gattungsnamen“ (LKG I: 164).

¹² Ein Teil von ihnen (rusaitė, rusiukas, ruskelis, rusiukštis, ruskutis, ruskūtis, rusūtis) bezeichnet einen kleinen, jungen Russen oder ein russisches Kind.

¹³ Es ist hervorzuheben, dass die für die Untersuchung ausgewählten Illustrationen alle Dialekte der litauischen Sprache repräsentieren. Illustrierende Sätze mit den Lexemen rusas, ruskis und ihren Varianten wurden aus sämtlichen west-, nord- und südsamogitischen Unterdialekten (Erž, Krš, Rsn; Akm, Dr, End, Kal, Kl, Lk, Lž, Pp und anderen Mundarten) sowie aus sämtlichen west-, süd- und ostaukštaitischen Unterdialekten (Brš, Grš, Gs, Jon, Žvr; Krok, Lp, Pls; Ad, Ant, Dbg, Ėr, Km, Kp, Krkn, Kur, Mlt, Sb, Šmn, Švnč und anderen Mundarten) aufgezeichnet.

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von Texten (von S. Daukantas, A. Salys, A. Smetona und anderen Schriften), Enzyklopädien und Wörterbüchern (von A. Juška, J. Šlapelis und anderen Wörterbüchern). Somit kann festgestellt werden, dass sich im LKŽe in diesem konkreten Fall sowohl die Sichtweise der lebendigen Sprache als auch die der schriftlichen Quellen auf den Russen widerspiegelt.

Ziel, Aufgaben, Methodik. Hervorzuheben ist, dass in diesem Artikel nicht das insgesamt in der litauischen Sprache herausgebildete RUSO-Konzept analysiert wird – dies wäre ein allzu weit gefasstes Thema. Ziel des Artikels ist es zu untersuchen, welcher Ausschnitt dieses Konzepts aus den Illustrationssätzen des LKŽe hervorgeht, in denen die Ethnie rusas erwähnt wird. Da nur sehr wenige Illustrationen gefunden wurden, in denen von den einheimischen Russen Litauens (Altgläubigen) die Rede ist14, wird im Artikel die allgemeine litauische Haltung gegenüber Personen russischer Nationalität analysiert, wobei besondere Aufmerksamkeit den Sätzen gilt, in denen von zugewanderten Russen die Rede ist; konzentriert wird sich also auf eines der wichtigsten binären Gegensatzpaare der postkolonialen Anthropologie, der Andere vs. der Eigene, und zwar auf eines der Mitglieder – den Anderen.

Zur Erreichung des Hauptziels werden folgende Aufgaben gestellt: 1) aus dem LKŽe Illustrationssätze mit den Lexemen rusas, ruskis und ihren Varianten auszuwählen; 2) eine semantische Analyse dieser Sätze durchzuführen, indem der strukturelle Ansatz und die Bedeutung15 mit dem kognitiven Ansatz verbunden werden (d. h. vom konkreten Wortinhalt zur Bedeutung des gesamten Satzes vorzugehen); 3) herauszuarbeiten, welcher Ausschnitt des Bildes des Russen, vor allem als Anderer, Fremder, sich aus dem für die Analyse ausgewählten Material ergibt.

Die Illustrationen sind für die Herausbildung des Konzepts16 besonders wichtig, weil gerade in ihnen die Haltung der Vertreter aller litauischen Dialekte gegenüber dieser Ethnie festgehalten ist und das in verschiedenen schriftlichen Quellen (von den ältesten Schriften bis zu wissenschaftlichen, publizistischen und belletristischen Werken des 20. Jahrhunderts) widergespiegelte Weltbild des Russen zum Ausdruck kommt. Das empirische Material des LKŽe wird im Artikel mit semantischen, deskriptiven

14 Die differenzierte litauische Haltung gegenüber dem russischen Volk betont auch der Historiker Grigorijus Potašenko. Seiner Aussage zufolge sind die russischen Altgläubigen, die im 19. Jahrhundert, d. h. größtenteils nach dem Aufstand von 1863, nach Litauen gebracht wurden, von den Russen zu unterscheiden, die erst viel später nach Litauen kamen. Wichtig ist, den Gedanken dieses Wissenschaftlers hervorzuheben, dass es ziemlich schwierig ist, das Bild des Altgläubigen in der litauischen Kultur zu rekonstruieren, da für eine solche Analyse Texte fehlen (Potašenko 1989: 50). Eine ähnliche Schlussfolgerung zeichnet sich auch bei der Betrachtung der Illustrationen des LKŽe ab. Anhand der für die Untersuchung ausgewählten Beispiele lässt sich bisweilen nicht feststellen, ob darin von einheimischen russischen Altgläubigen oder von später Zugewanderten die Rede ist. Insgesamt werden die Altgläubigen im Kontext des LKŽe nur sehr selten erwähnt. Bei einer detaillierten Suche im gesamten Wörterbuchdiskurs wurden nur 2 Illustrationen gefunden, in denen Altgläubige erwähnt werden: Podievėčiai žmonys buvo tie sentikiai Kltn (vgl. podievotis). Im 17. Jahrhundert entstanden in Litauen Anhänger eines weiteren Zweigs des Christentums – die Altgläubigen. Sie kamen aus Russland, weil sie dort zu jener Zeit stark verfolgt wurden MЛЕТІІО (vgl. sentikis).

15 In Litauen herrschte lange Zeit ein struktureller Bedeutungsansatz vor, bei dem die syntagmatischen und paradigmatischen Beziehungen zwischen Wörtern und die durch sie vermittelte Bedeutung analysiert werden; in jüngster Zeit geht man jedoch zu einem kognitiven Bedeutungsansatz über, bei dem die Wortbedeutung über den Zusammenhang von Sprache und Denken untersucht wird (ausführlicher siehe Maumevičienė 2010: 11–12).

16 Das Konzept wird als eine grundlegende kognitive Wissenseinheit verstanden, die zum konzeptuellen System des Menschen gehört und aus Erfahrung hervorgeht – es handelt sich also um sämtliche Informationen über etwas, die im Bewusstsein von Menschen vorhanden sind, die eine bestimmte Sprache sprechen (ausführlicher siehe Papaurėlytė-Klovienė 2007: 17; Gudavičius 2011: 109–117; Smetonienė 2019: 131).

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mit analytischen und interpretativen Methoden. Hervorzuheben ist, dass im Artikel weder die Beziehungen zwischen Wörtern innerhalb einer Wortverbindung noch einzelne Wortverbindungen analysiert werden, sondern untersucht wird, welche wichtige konzeptuelle Information durch den gesamten Satz vermittelt wird, wenn durch die Semantik eines konkreten Wortes und seine Beziehungen zu anderen Wörtern, Bedeutungen, Konnotationen und semantischen Mechanismen von Assoziationen die höchste Stufe des Sprachverstehens – der Sinn – erzeugt wird, zusammen mit der ideologischen Implikation, die die Bewertung eines bestimmten Objekts beeinflusst (vgl. Zabarskaitė 2019: 76). Die Untersuchung stützt sich auch auf die Methoden der Lubliner Ethnolinguistik zur Konzeptanalyse. Das Ziel der Forscher der kognitiven Linguistik besteht darin zu zeigen, was im Bewusstsein des Sprechers aktiviert wird, wenn ein Mensch ein Wort in einem bestimmten Kontext ausspricht oder hört (Smetona 2018: 179), und zu klären, wie Sprecher einen Gegenstand verstehen, wie die Merkmale und Bewertungen dieses Gegenstands kategorisiert werden. Eine kognitive Definition bildet alle Bedeutungsmerkmale ab – zentrale und periphere, denotative und konnotative. Bei strikter Befolgung dieser Methodologie sollte die Konzeptanalyse auf drei Datentypen beruhen: dem Sprachsystem (d. h. Wörterbuchdaten), Fragebögen und Texten (mehr zur Methodologie der kognitiven Ethnolinguistik siehe Rutkovska et al. 2017: 29–35). Da für die Untersuchung des RUSO-Konzepts sehr viel Material zusammengetragen wurde, wird es in bestimmten Etappen ausführlich analysiert: Zunächst werden einzelne Konzeptausschnitte in verschiedenen Diskursen untersucht, später werden sie verallgemeinert und zu einem einzigen umfassenden RUSO-Konzept zusammengeführt.

DAS BILD DES RUSSEN IM „WÖRTERBUCH DER LITAUISCHEN SPRACHE“

1. Russen – das Volk eines großen Staates neben anderen Völkern

In einigen Sätzen des LKŽe wird angedeutet, dass die Russen das Volk eines großen Staates sind; daher wird diese Völkerbezeichnung häufig neben den Wörtern Staat, Land, Gebiet und Ähnlichem erwähnt (siehe Sätze 1–3):

(1) Der russische Staat erstreckt sich entlang vieler Staaten Į Jon (vgl. traukti).

(2) Am 8. September 1380 trafen auf dem Kulikowo-Feld am Fluss Don das Heer Moskaus und anderer russischer Länder auf Mamais Horden rš (vgl. orda).

(3) Aufgrund der Schwächung des Fürstentums Polozk konnten sich die Litauer auch aus dem Gebiet von Vilnius ungehindert in die russischen Gebiete zurückziehen A. Sal (vgl. žemė).

In den Illustrationen werden verschiedene Städte Russlands erwähnt (Kaliningrad (Königsberg), Petersburg und andere) (siehe Sätze 4–6):

(4) Dort in der Nähe liegt Kaliningrad, von russischen Soldaten wimmelt es nur so Žvr (vgl. viskėti).

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(5) Maironis, der an der Universität Kiew und in Petersburg studiert und die russische Poesie hervorragend gekannt hatte, durchbrach als Erster die alte Tradition des Gedichts A. Vencl (s. sulaužyti).

(6) Die Russen verschleppten sich in andere Länder, jene – nach Königsberg; überlebte Krš (s. žernė).

Dieses Ethnonym wird häufig auch im Kontext anderer Völker erwähnt. Mit den Polen müssen sich die Russen in verschiedenen Kriegen auseinandersetzen (vgl. Sätze 7–8):

(7) Die Zeitungen erzählen... die Polen hätten gewonnen, die Russen jedoch verspielt Kell1863,71 (s. pražaisti).

(8) Das polnische Heer wird an die russische Grenze zurückgezogen rš (s. traukti).

Die Beziehungen der Russen zu den Juden sind nicht eindeutig. Es gibt Sätze, die von der gegenseitigen Zuneigung der Juden und Russen zeugen (vgl. Satz 9), doch in den Illustrationen wird die schmerzhafte Geschichte nicht verschwiegen, in der Juden unter den Russen zu leiden hatten (vgl. Satz 10):

(9) Die kleinen Juden waren diejenigen, die häufiger mit Blumen zu den Russen gingen [1940 m.] Erž (s. žydūkas).

(10) Zuerst trieben Polen und Russen, indem sie unmenschlich mit den Juden umgingen, sie in die Städte zusammen, als hätten sie glühende Kohlen zusammengescharrt und auf ihren eigenen Kopf gehäuft Vaižg (s. sužerti).

Die Geschichte und die Beispiele aus dem LKŽE zeigen, dass die Russen viele Völker (Letten, Slowenen u. a.) unter ihre Herrschaft gebracht hatten (vgl. Sätze 11–12), und dass sie versuchten, die kleineren unterworfenen Völker zu assimilieren und sie für minderwertig hielten (vgl. Satz 13):

(11) Diese russische Oberherrschaft im lettischen Land erkennen wir auch daran, dass Bischof Albert 1209, als er durch den Ordensbruder Arnold einen Vertrag mit den Russen schloss, versprach, einen einfachen Tribut zu zahlen, und feierlich die Herrschaft des Großfürsten der Russen anerkannte A1883,228 (s. zokoninkas).

(12) Von Osten her begannen Russen in ihr Land einzudringen, die die Slowenen unterworfen hatten A1883,223 (s. nuvaldyti).

(13) Die Zarenregierung gewöhnte die russischen Einwohner daran, die einheimischen Einwohner nationaler Gebiete als eine niedrigere Rasse zu betrachten; offiziell nannte sie sie „Fremdstämmige“ rš (s. kitakilmis).

Während der Sowjetzeit ist in den aus verschiedenen Schriften aufgezeichneten Sätzen das demonstrative Narrativ der Freundschaft der Völker zu vernehmen. Aus solchen Illustrationen tritt das Bestreben des ehemaligen Imperiums hervor, die verschiedenen Völker durch die Schaffung eines neuen homo sovieticus-Persönlichkeitstyps zu nivellieren (vgl. Venclauskienė 2016: 146; Зиновьев 1981) (vgl. Sätze 14–15):

(14) Russen, Letten und Litauer sowie Georgier marschieren in einer Reihe E. Miež (s. rikiuotė).

(15) Die Zuschauer bewunderten den Reigen der brüderlichen Völker, der aus Tänzen der Letten, Esten, Belarussen und Russen bestand rš (s. suita).

Nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Litauens finden wir aus den Dialekten aufgezeichnete Sätze, in denen die Informanten offen ihre Meinung darüber äußern, auf welche Weise die Russen viele Völker besetzten (vgl. Satz 16):

(16) Die Russen haben alle Völker bestohlen Gs (vgl. suvogti).

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2. Der Russe im Kontext der Kriege

Im Laufe der Geschichte mussten die Russen in verschiedenen Epochen gegen viele Völker kämpfen. Im LKŽe werden Zusammenstöße der Russen mit den Preußen, Schweden, Japanern, Türken u. a. erwähnt (vgl. die Sätze 17–21):

(17) Vielleicht wird der Russe die Preußen vertreiben (vertreiben) Gs (vgl. atvyti).

(18) Die schwedische Armee wurde von der russischen und polnischen Armee hart geschlagen LTR(Ant) (vgl. spirti).

(19) Der Russe nahm einen Japaner gefangen Pls (vgl. ruskas).

(20) Die Russen kämpften mit den Türken in den südlichen Gebieten S. Dauk (vgl. turkas).

Da für das akademische Wörterbuch der Großteil der Illustrationssätze aus der gesprochenen Sprache und aus schriftlichen Quellen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gesammelt wurde (Zabarskaitė 2012: 247), ist es selbstverständlich, dass in den Sätzen zum Kriegskontext hauptsächlich vom Ersten und Zweiten Weltkrieg die Rede ist. Nur in einigen im LKŽe gefundenen Sätzen wird ausdrücklich gesagt, von welchem Weltkrieg die Rede ist (vgl. die Sätze 21–22):

(21) Und später, bereits im Herbst, vor dem Winter, erschienen russische Soldaten (im Ersten Weltkrieg) Ktč (vgl. paskun).

(22) Sie zogen als Kundschafter los [die Russen 1941] Akm (vgl. zovedais).

Sehr häufig lässt sich anhand der Illustrationen nicht feststellen, welcher konkrete Krieg gemeint ist17. Auch die Informanten der Dialekte erwähnen Kriege im Allgemeinen (vgl. die Sätze 23–24):

(23) Hier Kriege, hier der Preuße, hier der Russe – der Teufel weiß, was hier los ist Grš (vgl. velnias).

(24) Es gab Kriege: Der Russe kam, der Deutsche kam Kp (vgl. vokietis).

Im Kontext des LKŽe werden die großen Kriege des 20. Jahrhunderts gleichsam zu einem einzigen großen Weltkrieg, der über Europa und zugleich über Litauen hinwegzog (vgl. die Sätze 25–26), an dem auch die Litauer teilnehmen mussten:

(25) Damals, als der Deutsche gegen den Russen kämpfte Dbg (vgl. vokietis).

(26) Russe, unser kleiner Russe, du hast uns einen großen Krieg gebracht LTR(Grš) (vgl. užvesti).

Im Krieg kämpfen die Russen nicht nur gegen Feinde, sondern ergreifen auch andere aktive Maßnahmen: Sie sprengen Brücken, bauen Festungen, Befestigungsanlagen u. a. (vgl. die Sätze 27–28):

(27) Auf die Frage nach diesen schrecklichen Schüssen, nicht Schüssen, nach diesem schrecklichen Klopfen und Dröhnen erklärte er, dass die Russen Eisenbahnbrücken sprengen Pt (vgl. ne).

(28) Im Bahnhofsviertel hatten sich die Russen bereits verschanzt M. Katil (vgl. tvirtinti).

In den Illustrationen des LKŽ, in denen von der Beteiligung der Russen an den Weltkriegen die Rede ist, werden alle für den Krieg typischen Attribute erwähnt: Aufklärer (vgl. Satz 29), das Verstecken in Schützengräben (vgl. Satz 30), Gefangene (vgl. Satz 31), die Gefallenen (vgl. Satz 32):

(29) Žybailiuod[a] lempos miškūse – rusai sergsta ką nors LK (vgl. žybailiuoti).

(30) Rusai šliaužte šliaužė pry apkasų Erž (vgl. šliaužti).

17 Litauen wurde im XX. Jahrhundert von den beiden zuvor erwähnten Weltkriegen betroffen. Sie dauerten mehrere Jahre, brachten viele Verluste und Opfer, weshalb die Gewährsleute der Dialekte bis heute beim Sprechen über die Kriegsjahre häufig Pluralformen verwenden, die gleichsam den Eindruck erwecken, dass es in Litauen mehr als zwei Kriege gegeben habe.

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(31) Wir legten einen russischen Gefangenen nieder, und die Deutschen bestraften ihn auch Dr (vgl. pergulindinti).

(32) Mit den Russen, mit den Preußen gab es einen großen Krieg, und dein Bursche fiel in diesem Krieg LTR(Krok) (vgl. pražūti).

Im Krieg verwendeten die Russen verschiedene Waffen und andere Kriegsmittel sowie Geräte – Maschinengewehre, Bajonette, Geschosse u. a. (vgl. die Sätze 33–35):

(33) Und diese Russen, siehst du, ziehen diese Maschinengewehre über den Boden Akm (vgl. traukti).

(34) Dreimal trafen die Russen und die Deutschen auf Bajonette Sb (vgl. sutikti).

(35) Die Russen feuerten, und als sie anfingen, Geschosse zu schicken Graž (vgl. nuosti).

Die Tapferkeit der russischen Soldaten und ihr Nichtaufgeben gegenüber dem Feind werden erwähnt (vgl. Satz 36).

Dass es schwer ist, die Russen in Kriegen zu besiegen, bezeugen auch die Volkslieder (vgl. Satz 37):

(36) Die Russen wurden in Regimentern zum Angriff getrieben, in den Tod, in die Kugeln Aps (vgl. varyti).

(37) Auch wenn wir alle gehen, werden wir den Russen nicht wegbringen BsO264 (vgl. parveikti).

Aus den Beispielsätzen erfahren wir, dass die russische Armee sowohl angreift als auch sich zurückzieht (vgl. Sätze 38–39):

(38) In solche Büsche zogen wir uns zurück, und die Russen kamen K1k (vgl. traukti).

(39) Als die Russen sich damals zum ersten Mal zurückzogen, sahen wir es hier nicht Nv (vgl. traukti).

Aus den in den Dialekten aufgezeichneten Sätzen sehen wir, dass die Anwesenheit der Russen in Litauen den Menschen zu lange dauerte; daher wird ihr Rückzug erwartet:

(40) Die Russen hielten sich lange Ad (vgl. ruskasai)18.

(41) Diese Russenarmee führt man] (indem man sie wegführt) in kleinen Abschnitten (in kleinen Mengen) über die Wege, es wird kein Ende nehmen Krš (vgl. vadžioti).

Aus den Sätzen im Kriegskontext treten zunächst die Beziehungen der Russen zu zwei Völkern hervor: zu den Litauern und den Deutschen.

2.1. Die Beziehungen zwischen Russen und Litauern in den Kriegen

Während der Weltkriege befanden sich die Litauer, als die russischen und deutschen Armeen gegeneinander kämpften, in der Zone der Kriegshandlungen. Bisweilen wird diese Lage der Litauer in den Sätzen des LKŽ sehr anschaulich beschrieben (vgl. Sätze 42–43):

(42) Wir springen wie ein Frosch zwischen Rädern (über die Litauer zwischen Deutschen und Russen) Krkn (vgl. varlė).

(43) Wir standen mitten im Feuer: Die Deutschen auf der einen Seite, die Russen auf der anderen Mlt (vgl. ugnė).

Nicht selten wird erwähnt, dass die beiden Armeen durch irgendein Naturhindernis (einen Fluss u. Ä.) getrennt werden (vgl. Satz 44), während die Armeen verschiedener Länder zu unterschiedlichen Tageszeiten die Kriegshandlungen beginnen (vgl. Satz 45):

(44) Hier sind die Deutschen, jenseits des Flusses die Russen Č (vgl. vokiečiai).

(45) Um uns herum ging es ständig hin und her: nachts die Russen, tagsüber die Deutschen Kur (vgl. trynimas).

18 Aus den Sätzen 40–41 ist ohne breiteren Kontext nicht klar, was die Informanten meinten – den Aufenthalt der russischen Regierung oder der russischen Armee in Litauen und später deren Rückzug.

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Im LKŽe werden zahlreiche konkrete Orte in Litauen erwähnt, durch die das russische Heer marschierte – Städte, Städtchen und Dörfer (siehe Sätze 46–47):

(46) Im Krieg errichteten die Russen im Wald von Gerdãšiai einen žirgès (Beobachtungsturm) Lp (siehe žirgès).

(47) Von Rietavas marschierten die Russen zurück, und von Kvedarna kommt etwa einhundert Vokieten Kl (siehe paržygiuoti).

In einigen Sätzen wird das Kommen des russischen Heeres nach Litauen erwähnt. Es wird betont, dass es sehr viele Russen gab (siehe Sätze 48–49); gewöhnliche russische Soldaten wirkten sehr erschöpft und erregten daher das Mitleid der Menschen (siehe Satz 50). Einige von ihnen waren wohlwollend und lehrten die Einheimischen die russische Sprache (siehe Satz 51), doch die Menschen erinnern sich bis heute an die Plünderungen und Diebstähle der russischen Soldaten (siehe Sätze 52–53):

(48) Von Vadokliai strömt und strömt es [das russische Heer] Ėr (siehe versti).

(49) Von Osten begannen die Russen wellenartig zu kommen Šmn (siehe vilnis).

(50) Die russischen Soldaten waren so uargični, unsäglich arm [1940] Graž (siehe uargičnas).

(51) Man ging zu den russischen Soldaten, um die Sprache zu lernen Šts (siehe pragusti).

(52) Als es richtig dunkel wurde, gingen zwei russische Soldaten in den Holzschuppen und begannen zu schauen, was wir bei uns hatten Ktč (siehe žiūrėti).

(53) Am schlimmsten sind die Russen [Soldaten], sie sind Diebe! Beim Herumschauen stehlen sie Šts (siehe nužvalgyti).

2.2. Die Beziehungen zwischen Russen und Deutschen in den Kriegen

Wie bereits zuvor erwähnt, mussten die Russen während des Ersten Weltkriegs in den Jahren 1914–1918 gegen die Deutschen kämpfen, als Russland in der Atlantischen Koalition kämpfte und Deutschland der Dreibund19 angehörte, sowie während des Zweiten Weltkriegs in den Jahren 1939–1945, als Russland als Teil der Sowjetunion aufseiten der Alliierten und Deutschland im Achsenblock kämpfte20.

In den meist aus der gesprochenen Sprache aufgezeichneten Sätzen wird davon gesprochen, wie die Russen die Deutschen bedrängten (siehe Satz 54), umzingelten (siehe Satz 55), verfolgten (siehe Satz 56) und schließlich besiegten (siehe Satz 57)21:

(54) Der Russe setzte die Deutschen unter Druck (begann, sie zu bedrängen, zu schlagen und zu verfolgen) Ėr (siehe užkaitinti).

(55) Die Russen umzingelten sie, und die Deutschen konnten nicht entkommen Pgg (siehe užsupti).

19Näheres zu den Nachwirkungen, den Erfahrungen und den Auswirkungen dieses Krieges auf die litauische Gesellschaft und Kultur siehe Gimžauskas 2006; Vareikis, Safronovas, Jokubauskas, Vitkus 2018.

20 Zur Lage Litauens während des Zweiten Weltkriegs siehe Anušauskas, Laurinavičius 2007.

21 Dieser Sieg erfüllt die Russen bis heute mit Stolz. Eine 2007 vom Institut für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften durchgeführte Umfrage zeigte, dass sogar 67% der Befragten angaben, stolz auf den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg zu sein (Malinova 2015: 274).

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(56) Der Russe floh, der Deutsche schoss, und dann floh er wieder – ein Elend Brš (siehe ižūyti).

(57) Die Russen haben diese Deutschen einfach hinweggefegt (besiegt, bezwungen) Erž (siehe nuvalioti).

Es wurde jedoch mehr als ein Satz gefunden, in dem die Unnachgiebigkeit und Stärke der Deutschen betont wird (siehe Sätze 58–59):

(58) Der Deutsche ging oben entlang, aber die Russen kamen ihnen entgegen Šts (siehe 1 viršuo).

(59) Der Russe geriet in Bedrängnis und ergab sich dem Deutschen Šts (siehe privaryti).

Es wurden Sätze gefunden, in denen Sprecher der lebendigen Sprache oder Autoren verschiedener Schriften die Russen mit den Deutschen vergleichen und häufig den Deutschen den Vorzug geben (ihrer Ordnung, ihrem Vertrauen in die Menschen usw.) sowie die Russen wegen ihrer Diebstähle, Unordnung und dergleichen verurteilen (siehe Sätze 60–61):

(60) Geld bekommst du nicht, aber der da (Deutsche) nahm dir ordnungsgemäß ein Dokument ab, während die Russen stahlen LŽ (siehe vogtinai).

(61) Zum Deutschen sagte er: „Gut“, aber zum Russen: „Wozu zeigst du deine Seele?“ – „Er ist kein Mann“ Švnč (siehe 1 vokietis).

Im Wörterbuch wurden auch andere Belege gefunden:

(62) Die Deutschen waren grausamer; wir haben von diesen Russen nicht so viel gesehen Erž (siehe žiaurus).

Die Vertreter der Dialekte räumen häufig ein, dass beide Armeen lästig waren und dass eine einem einfachen Menschen fremde Herrschaft oder Armee (gleichgültig, ob russisch oder deutsch) gleichermaßen schlecht ist (siehe Sätze 63–64):

(63) Hol der Sturm sowohl den Russen als auch den Deutschen! Šts (siehe vėtra).

(64) Der Russe (Zar) und der Deutsche (Kaiser) waren miteinander verwandt Sb (siehe 2 rusas).

3. Die russische Herrschaft und ihre Vertreter

Rusas, ruskis bedeutet im LKŽ nicht nur eine Nationalität. Als Sammelsubstantiv wird es auch in der Bedeutung „russische Herrschaft“ und „russisches Heer“ verwendet (siehe Sätze 65–66):

(65) Anie gyveno po vokečiais, o mas po rusais Krš (ž. 1 po).

(66) Da prie rusk i am dirbau Km (ž. ruskiai).

In den illustrativen Sätzen des Wörterbuchs werden häufig verschiedene Vertreter der russischen Herrschaft erwähnt (Zar, Kaiser, Zarin, in den Dialekten care genannt, „Königin“, u. a.) (siehe Sätze 67–69):

(67) Rusų caras paėdęs buvo širdį visims Šts (ž. ėsti).

(68) Rusų ciesorius KB147 (ž. rusai).

(69) Rusų šito[j]i karalienė vokietūtė Ant (ž. vokietūtis).

In den Illustrationen werden verschiedene Handlungen der russischen Herrschaft und von ihr getroffene Entscheidungen erwähnt (siehe Sätze 70–71):

(70) Die russische Regierung schloss die Schenken und führte ihr Wodkamonopol ein Plt (ž. monopolįs).

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(71) Die Russen verschleppten den Bischof wegen seiner mutigen Verteidigung der Katholiken TS1903,1 (vgl. išveždinti).

Russische Beamte und ihre Entscheidungen werden meist ungünstig bewertet: Sie sind unflexibel, überwachen misstrauisch diejenigen, die ihnen widersprechen, unterstützen ihre Landsleute und kümmern sich vor allem um deren Wohlergehen (vgl. Sätze 72–74).

(72) Die Beamtenschaft war der lebloseste Stand der Russen Vaizg (vgl. valdininkija).

(73) Die rotbärtigen russischen Gendarmen verfolgten unsere Buchschmuggler rs (vgl. raudonsiūlis).

(74) Mit dem entschlossenen Ziel, unser Land um jeden Preis zu russifizieren, verteilte die russische Regierung Gutshöfe spottbillig an ihre Beamten und andere Zugewanderte, ließ Kirchen errichten und setzte ihre Geistlichen sogar an jenen Orten ein, an denen es keine Orthodoxen gab A. Sm (vgl. tupdyti).

Die Illustrationen des Wörterbuchs bestätigen lediglich die Auffassung der Historiker, dass es während der gesamten Zeit der russischen Annexion in unserer Gesellschaft „nicht das geringste Zeichen bürokratischer, amtlicher Autorität gab“ (Aleksandravičius 2000: 33). In den in den letzten Wörterbuchbänden aus den Dialekten aufgezeichneten Sätzen über die Russen und die russische Herrschaft wird nun noch offener gesprochen, ohne die Enttäuschung zu verbergen; es finden sich auch von Ironie durchdrungene Sätze, die Missstände der russischen Herrschaft werden aufgezählt, zugleich wird jedoch betont, dass die litauische Wirtschaft nicht selten auch von den Entscheidungen der russischen Herrschaft abhängig ist (vgl. Sätze 75–78):

(75) Der Russe hat es ausgegeben! Wo er es ausgegeben hat, gibt es weder Brot noch Fleisch Vžn (vgl. išduoti).

(76) Der Russe ist zugrunde gegangen (verarmt), mit allem – Leere Krš (vgl. nuvažiuoti).

(77) Eine große Teuerung (eine starke) damals unter den Russen [herrschte] Sd (vgl. vogsena).

(78) Wenn der Russe das Erdöl (Erdöl) zuschüttet, werden alle ersticken Krš (vgl. žiubalas).

Es wird betont, dass die Litauer unter der Herrschaft der Russen spürten, wie all ihre Werte zugrunde gingen: Was den Litauern teuer ist (litauisches Geld, das freie Wort, das Land), schätzen und achten die Russen überhaupt nicht (vgl. Sätze 79–81):

(79) Der Litas war stark, doch unter dem Russen ging er zugrunde Rdn (vgl. žūti).

(80) Das Land war ein Vermögen, unter dem Russen wurde es zu nichts Rdn (vgl. virsti).

(81) Unter dem Russen schwiegen alle, doch jetzt, da er den Mund aufgemacht hat, hat er ihn aufgemacht! Krš (vgl. pražioti).

In Sätzen aus verschiedenen litauischen Dialekten erinnern sich die Informanten an das unter der russischen Herrschaft entwertete Geld:

(82) Als die ersten Russen [1940] nach Litauen einmarschierten, war wieder alles teuer Brb (vgl. įžygiuoti).

(83) Wie dieses russische Geld zum Teufel geht Rnv (siehe velnias).

Im LKŽe finden sich zahlreiche illustrative Sätze aus schriftlichen Quellen und der lebendigen Sprache, die die historische Wahrheit bezeugen: Russen wurden nach Litauen gebracht, während die litauische Nation allmählich russifiziert wurde (wie auch die anderen kleinen Völker des Sowjetimperiums), mit dem Ziel, eine einzige gesichtslose Nation ohne eigenen Glauben und ohne eigene Sprache zu schaffen. Die Illustrationen des LKŽe (siehe die Sätze 84–85) bestätigen die Aussagen der Historiker, dass eines der wichtigsten Ziele der sowjetischen Herrschaft in der Herausbildung einer sowjetischen Identität und Mentalität bestand: Im damaligen System sollte die Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftspolitik das bürgerliche,

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religiöse Bewusstsein der Menschen unterdrücken und einen neuen homo sovieticus, „gekennzeichnet durch ein „internationalistisches“ Denken sowie eine kommunistische und atheistische Weltanschauung“ (Pocius 2018: 15), formen.

(84) Die Obrigkeit förderte den Gebrauch der russischen Sprache auf jede erdenkliche Weise rš (siehe visaip).

(85) Die russische Jugend sang eine Unmenge solcher revolutionärer Liedchen, und mit ihr auch unsere russifizierte Jugend K. Kors (siehe surusėti).

Besonders häufig sind Belege für das Aufzwingen der russischen Sprache und die Russifizierung der litauischen Nation in Sätzen mit den Adjektiven und Adverbien rusiškas, rusiškai, rusas, ruskai und Ähnlichem:

(86) Jetzt quasselt er auch auf Russisch über dieses Radio (er spricht unverständlich, undeutlich) – man kann überhaupt nichts verstehen Gs (siehe vatlioti).

(87) Als ich damals aufwuchs, gab es nur eine russische Schule Krtn (siehe rusiškas).

(88) Als wir in Vilnius waren, stand es dort auf Litauisch [auf den Straßen] geschrieben und auf Russisch Mlk (siehe parašyti).

Eine bedeutende Rolle bei der Russifizierung Litauens spielte auch die mehrere Jahrzehnte lang aktiv tätige sowjetische Zensur: Sie kontrollierte die Kultur und die nationale Identität und passte sie den sowjetischen Anforderungen an (Sėdaitytė 2017: 86). Die Bemühungen der russischen Herrschaft und der Zensur zeigten deutliche Ergebnisse – ein größerer Teil der litauischen Bevölkerung beherrschte die russische Sprache und wurde russifiziert22. Davon zeugen auch die zahlreichen Illustrationen des LKŽe:

(89) Die Litauer [hier] wurden zu Russen und Belarussen Pst (siehe išvirsti).

(90) Weder ist sie eine Russin noch eine Litauerin Dglš (siehe 1 ruskis).

In den späteren Bänden des Wörterbuchs wird jedoch immer mutiger auf den Wunsch nach Unabhängigkeit und den Willen, sich von der russischen Herrschaft zu befreien, hingewiesen; man scheut sich nicht, über das Verhalten der Russen bei der Verschleppung der Litauer nach Sibirien und über das Schicksal der Russen selbst im Nachkriegslitauen zu sprechen:

(91) Das kleine Litauen wurde eingeschnürt, der Russe würgte es ganz, was nur geschehen konnte T1 (siehe suveržti).

(92) Da seht, welche Freiheit die Russen gebracht haben: Als sie die Menschen verschleppten, flossen Bäche von Tränen Šmn (siehe atvežti).

(93) Wir bauten ein Haus, der Russe vertrieb uns und trieb uns in einen Waggon (deportierte uns) Pr1 (siehe išvyti).

(94) Viele von den Russen, den „Skrjaben“ und viele Waldbrüder wurden erschossen Krs (vgl. 2 skrebas).

Im Wörterbuch findet sich ein einziger Satz, in dem die Gesetze der russischen Regierung gelobt werden:

(95) Die Russen brachten gute Gesetze J (vgl. rusai).

²² Im Rahmen des wissenschaftlichen Projekts „Soziolinguistische Karte Litauens: Städte und Kleinstädte“ wurde 2010 eine Befragung der Stadtbevölkerung dazu durchgeführt, wie viele Sprachen und in welchem Umfang sie beherrscht. Die Befragungsdaten zeigten, dass fast alle befragten Bewohner der litauischen Städte Russisch beherrschen; das ist nicht überraschend, da Litauen viele Jahre lang unter dem unmittelbaren Einfluss Russlands stand. Außerdem bezeichnete ein beträchtlicher Teil der Befragten (insbesondere die älteren) Russisch als eine der schönsten, notwendigsten und prestigeträchtigsten Sprachen (Krupickaitė, Baranauskienė 2013: 29, 32–35).

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4. Der Russe im Alltag

Aus den Illustrationen des LKŽe erfahren wir einiges über das Aussehen der Russen und ihren Alltag. In den in den Dialekten aufgezeichneten Sätzen weisen die Informanten auf die Bärte der russischen Männer hin (vgl. die Sätze 96–97):

(96) Es gab so einen bärtigen Russen Grg (vgl. barzdainis).

(97) Der Bart des Russen war drahtig und groß Prng (vgl. virbaluotas).

Die Vertreter der Dialekte bemerken sofort auch schöne Personen russischer Nationalität (vgl. die Sätze 98–99):

(98) Während des Krieges kam eine russische Aufklärungseinheit; zwei junge Russen waren schön Kln (vgl. žvalgyba).

(99) Die jungen Russinnen gehen wie Lilien, mit kahlen Köpfchen Mžk (vgl. 1 ruskis).

Von den Charaktereigenschaften werden die Fröhlichkeit und Lebhaftigkeit der Russen genannt – in den in den Dialekten aufgezeichneten Illustrationen bemerken die Informanten, dass die Russen gern singen und tanzen (vgl. die Sätze 100–102):

(100) Die Russen ritten singend davon Šts (vgl. pradainuoti).

(101) Fröhliche Ruskūtis, die Beinchen wie kleine Käfer (will tanzen) Šv (vgl. ruskūtis).

In den Illustrationen des Wörterbuchs wird erwähnt, dass die Russen fleißig sind und sich auch vor einfachen Arbeiten nicht scheuen (vgl. die Sätze 102–104):

(102) So ein Ruskūtis hütete während des Krieges Kühe Jdr (vgl. rusūtis).

(103) Bei ihm arbeitete ein solcher kleiner Russe ein paar Jahre B. Sruog (vgl. 1 ruskis).

(104) Aus Klaipėda arbeiteten kleine Russen bei einem Russen Jdr (vgl. ruskutis).

Im Allgemeinen verrichten Russen die unterschiedlichsten Arbeiten; ihre verschiedenen Berufe und Ämter werden erwähnt (vgl. die Illustrationen 105–106):

(105) Diese Ärztin hat die Krankheit sehr gut erkannt DünŽ (vgl. 1 rusas).

(106) Was bei uns nichts Besonderes ist, läutet bei den Russen der Glöckner Š (vgl. iškambinti).

Ihre Frauen sind tatkräftig und unternehmungslustig:

(107) Uns Bäuerinnen, die wir schüchtern sind, fiel vor allem der große Mut der russischen Frauen ins Auge Žem (vgl. akis).

Russinnen werden nicht selten Ehefrauen ausländischer Männer (vgl. die Sätze 108–109):

(108) Sie ist eine kleine Russin und hat einen Fuhrmann geheiratet Rsn (vgl. vesti).

(109) Und dieser Jude hat einen Sohn – er heiratete eine Russin – und eine Tochter, etwa mit einem Polen Akn (vgl. vesti).

Auch Litauer gründen häufig gemischte Familien mit Personen russischer Nationalität (vgl. die Sätze 110–111), und deren Kinder lernen auch Litauisch (vgl. Satz 112):

(110) Mein Sohn ist mit einer Russin verheiratet Grv (vgl. ruskas).

(111) Sie heiratete einen Russen Mšg (vgl. ruskus).

(112) Diese kleinen Russen können Litauisch Lkv (vgl. rusūtis).

Gemischte Familien mit Russinnen wurden seit alten Zeiten gegründet (vgl. die Sätze 113–114):

(113) Algirdas war nacheinander mit zwei Frauen verheiratet, und beide waren Russinnen rš (vgl. 1 rusas).

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(114) Jonas [Glinskis] , der die Tochter des Fürsten Daniel von Ostrog, Anastasia, geheiratet hatte und in den Kreis der russischen Fürsten aufgenommen worden war EnciX161 (s. įtelkti).

Die Informanten der lebendigen Sprache gestehen jedoch bisweilen, dass sie keine Familie mit einer Person russischer Nationalität gründen möchten:

(115) Lietuvynkai nerinko (neėmė), o až ruskų nenorėjau Lz (s. rinkti).

Es wurden einige Sätze gefunden, in denen vom Alltag der Russen die Rede ist (ihre Speisen, Getränke und Arbeiten werden erwähnt):

(116) Russen kochen und essen nichts anderes als gedünstete Kartoffeln Grnk (s. tušinti).

(117) Die Russen machen einen äußerst wohlschmeckenden Kwas Skdt (s. smagus).

(118) Aus Lindenrinde fertigen die Russen Bastschuhe DūnŽ (s. vyžena).

5. Russische Wissenschaft, Kultur, Religion

In den Illustrationen des LKŽe werden von Russen gezüchtete Pflanzen- und Tierrassen, verschiedene russische Gegenstände, Erzeugnisse u. Ä. erwähnt (siehe Sätze 119–121):

(119) Anyžinis ist eine alte Sorte [von Apfelbäumen] aus der russischen Volkselektion rš (s. anyžinis).

(120) Am weitesten verbreitet sind die schwarzgescheckten, rotbraungescheckten und grauen Turmane der Russen [Tauben] sp (s. rusvakeršis).

(121) Musikinstrumente einiger anderer Völker, die der lumzdelis ähneln (die russische svirelė, die lettische stab ulė, die belarussische dudka, die deutsche Schnabelflöte) MLTEII480 (s. stab ulė).

Es wurden einige Sätze gefunden, in denen von der russischen Wissenschaft die Rede ist: Verschiedene Wissenschaftsbereiche (Luftfahrt, Philosophie, Sprachwissenschaft u. a.) sowie die Namen berühmter russischer Wissenschaftler und ihre Verdienste um die Wissenschaft werden erwähnt (siehe Sätze 122–123); es wird betont, dass die Russen beginnen, die Geschichte Litauens und die Litauistik zu erforschen (siehe Sätze 124–125).

(122) Die Idee der unterirdischen Vergasung wurde bereits 1888 erstmals von dem berühmten russischen Wissenschaftler D. Mendelejew formuliert sp. (s. sudūjinimas).

(123) Die großen russischen Wissenschaftler sind die Begründer der weltweiten Luftfahrtwissenschaft sp (s. pagrindėjas).

(124) Die Erforschung der Geschichte Litauens gelangte in russische und polnische Hände rš (s. tyrinėjimas).

(125) Die Litauenkunde unter russischen und polnischen Gelehrten nimmt zu rš (ž. lietuvotyra).

In den aus verschiedenen Schriften exzerpierten Sätzen wird der Beitrag russischer Chronisten zur Geschichtswissenschaft hervorgehoben:

(126) Den südlichen Teil der Schaduvier bis jenseits der Narwe nennen russische Chronisten Jatwinger rš (ž. kronikininkas).

(127) Die litauischen Chroniken wurden von russischen Schreibern verfasst rš (ž. raštininkas).

Verschiedene Quellen der schriftlichen und mündlichen Kultur werden erwähnt (russische Chroniken, Märchen, Lieder usw.) (siehe Sätze 128–130):

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(128) [K. Būga] klärte die Gesetzmäßigkeiten der Transkription der Laute der litauischen Sprache in den alten russischen Chroniken und einige Besonderheiten der Bildung von Datennamen MLTEI277 (ž. transkribavimas).

(129) Russische Märchen sind... in ihrer ältesten Untersuchung erhalten geblieben LTII480(Bs) (ž. tyrimas).

(130) Russische Lieder werden gepriesen, unsere dagegen sind traurig Grg (ž. šankinti).

In den Illustrationen aus der Sowjetzeit wird der russischen Literatur beträchtliche Aufmerksamkeit gewidmet: Es wird analysiert, was sie verurteilt und verherrlicht und welchen Einfluss sie auf andere Völker hat (siehe Sätze 131–133):

(131) Die russische Literatur verurteilt alles, was rückständig und egoistisch ist (sov.) rš (ž. atžangus).

(132) [In der russischen Literatur] verkündeten die besten Vertreter humanistische Grundsätze des gegenseitigen Verständnisses und der kulturellen Interaktion zwischen den Völkern K. Kors (ž. samprotis).

(133) Die russische und die deutsche Literatur waren die wichtigsten Vermittler, durch die die Stimmen ferner Zivilisationen nach Litauen gelangten rš (ž. tarpininkas).

In den aus schriftlichen Quellen exzerpierten Sätzen werden die Namen von Literaturschaffenden23 und Kritikern erwähnt (Aleksandr Puschkin, Anton Tschechow, Iwan Krylow, Wissarion Belinski u. a.):

(134) Durch seinen Beitrag stellte Puschkin die russische Literatur auf eine weltliterarische Ebene sp (ž. įnašas).

(135) Vielleicht empfand keiner der russischen Schriftsteller einen solchen Hass auf die verbürgerlichte und verbürokratisierte Intelligenz wie Tschechow K. Kors (ž. sumieščionėti).

(136) Krylow ist einer der nationalsten russischen Schriftsteller rš (ž. nacionališkas).

(137) Bielinskis brachte mit wunderbarer Kraft und Eindringlichkeit die tiefsten Hoffnungen und höchsten Bestrebungen des russischen Volkes zum Ausdruck K. Kors (s. Kraft).

6. Russen – Freunde Litauens?

Litauer stehen bereits seit mehr als einem Jahrhundert mit Russen in Kontakt – seit dem 13. Jahrhundert, als das Großfürstentum Litauen gegründet wurde, bis in die heutige Zeit. Wie aus der durchgeführten Analyse hervorgeht, wird im Diskurs des LKŽe über Russen meist gesprochen: 1) in Sätzen aus Auszügen aus schriftlichen Quellen des 19.–20. Jahrhunderts; 2) in Sätzen, die im 20. Jahrhundert in verschiedenen litauischen Dialekten aufgezeichnet wurden. Die Analyse der für die Untersuchung ausgewählten Illustrationen zeigt deutlich, dass sich das prägnanteste Bild des Russen aus den im vergangenen Jahrhundert aufgezeichneten

23 Für die Russen selbst sind die Dichter und Schriftsteller ihres Volkes sehr wichtig. Eine 2007 vom Institut für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften durchgeführte Befragung zeigte, dass die Zahl der Persönlichkeiten, die bei der Mehrheit der russischen Bürger Stolz hervorrufen, sehr begrenzt ist. Interessant ist jedoch, dass 56 Prozent der Befragten aus der vorgelegten Vorschlagsliste antworteten, die größten russischen Dichter und Schriftsteller seien die bedeutendsten Persönlichkeiten (Malinova 2015: 274).

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Illustrationssätzen zusammensetzt. Obwohl die russische Herrschaft und ihre Entscheidungen in den Wörterbuchillustrationen meist negativ konnotiert sind, könnten wir dennoch nicht verallgemeinernd behaupten, dass im LKŽe ausschließlich ein negatives Bild des Russen vermittelt wird. Die aus schriftlichen Quellen entnommenen Illustrationssätze belegen, dass Litauer und Russen seit ältesten Zeiten gemeinsame Feinde hatten (vgl. Satz 138):

(138) Er (Jogaila) einigte sich einfach mit der Goldenen Horde, um gemeinsam mit diesen gemeinsamen Feinden der Russen und Litauer gegen den Großfürsten von Moskau vorzugehen rš (s. vorgehen).

In nicht wenigen Sätzen wird erörtert, was im 19.–20. Jahrhundert engere kulturelle Beziehungen zwischen beiden Völkern verhindert haben könnte; zugleich wird daran erinnert, dass diese Beziehungen bewahrt werden müssen, auch wenn die Frage aufgeworfen wird, ob die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Ländern nicht abbrechen werden (vgl. Sätze 139–141):

(139) Die nach dem Aufstand von 1831 ständig verstärkte Russifizierungspolitik der zaristischen Regierung hinderte die Entfaltung der kulturellen Beziehungen zwischen Litauern und Russen sowie den Aufstieg der litauischen Kultur rš (s. russifizierend).

(140) Wir mussten gemeinsam mit den Russen vorangehen Pt (s. Russen).

(141) Kann unter solchen Umständen das Band der Freundschaft zwischen Litauern und Russen geknüpft werden? TS1894,10 (Vaižg) (s. knüpfen).

Natürlich wird in den Illustrationen aus der Sowjetzeit die Freundschaft zwischen beiden Völkern besonders betont:

(142) Historiker führen mehr als ein Beispiel für die Freundschaft des russischen und des litauischen Volkes in alten Zeiten an A. Vencl (s. anführen).

(143) Die Russen und Litauer erhoben sich – alle gemeinsam – Schulter an Schulter E. Miež (s. sich erheben).

Nachdem die Litauer ihre Freiheit wiedererlangt haben, scheuen sie sich nicht mehr, den Opportunismus der Litauer und ihre Verbundenheit mit den Besatzern zu verspotten:

(144) Kaum ist einer ausgebrochen, hängen die Litauer ihm schon am Hals: mit den deutschsprachigen Deutschen, mit den Russen die Streboks Krš (s. ausbrechen).

Eine große Feindseligkeit gegenüber dem russischen Volk finden wir jedoch insgesamt weder in den aus Schriften noch in den aus Dialekten aufgezeichneten Sätzen. Russen sind anders als Litauer, mit ihrer eigenen Sprache, ihren Bräuchen und ihrer Wesensart; für die Litauer sind sie jedoch weder die größten Feinde noch die besten Freunde:

(145) Kinder desselben Gottes sind sowohl die Russen als auch wir Ūd (ž. vaikas).

(146) Ob ein Russe kommt – ich werde ihn nicht vertreiben, ob ein Litauer kommt – ich werde ihn nicht vertreiben Rdm (ž. išvyti).

Indem somit Grenzen zwischen der Opposition eigen / fremd gezogen werden, treten zugleich auch charakteristische Merkmale der nationalen Identität hervor: Vorsicht, eine gewisse Anpassungsfähigkeit, Toleranz u. a.

SCHLUSSFOLGERUNGEN

Die Analyse von etwa 300 illustrativen Sätzen des LKŽe, in denen das Ethnonym rusas vorkommt, zeigt, dass im Kontext des Wörterbuchs über diese Nationalität Folgendes dargestellt wird: 1) objektive,

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konkrete historische und andere Fakten (meist in Illustrationen aus verschiedenen schriftlichen Quellen des 19.–20. Jahrhunderts), 2) Erfahrungen einzelner Menschen im Verhältnis zu Personen dieser Nationalität anhand konkreter Vorstellungen (in im 20. Jahrhundert aufgezeichneten illustrativen Sätzen aus den litauischen Dialekten). Offensichtlich ist im Kontext des LKŽe und in unserem kollektiven Gedächtnis die eigene / fremde Opposition recht deutlich: Über die ansässigen Russen Litauens wird in den illustrativen Sätzen kaum gesprochen, und Personen dieser Nationalität werden in erster Linie als Andere betrachtet, mit einer eigenen Sprache, eigenen Bräuchen, eigener Mentalität und eigenen Werten.

Die Analyse der für die Untersuchung ausgewählten Illustrationen zeigt, dass sich das prägnanteste Bild des Russen aus den im vergangenen Jahrhundert aufgezeichneten illustrativen Sätzen zusammensetzt. In den Illustrationen des LKŽe treten folgende wesentliche Merkmale der Russen hervor. Sie sind das Volk eines großen Staates, und seine Beziehungen zu anderen Völkern sind ambivalent. Zu verschiedenen Zeiten hatten die Russen einen Teil der Völker ihrer Herrschaft unterworfen; die kleineren eroberten Völker versuchten sie zu assimilieren und betrachteten sie als minderwertig. In den Sätzen aus Schriften der Sowjetzeit ist das damals besonders propagierte Narrativ der Eintracht und Annäherung der Völker deutlich vernehmbar.

Im Laufe der Geschichte mussten die Russen in verschiedenen Zeitabschnitten gegen zahlreiche Völker kämpfen. In den Illustrationen des Wörterbuchs werden die Tapferkeit der russischen Soldaten und ihr Widerstand gegen den Feind erwähnt. Aus den Sätzen im Kriegskontext treten vor allem die Beziehungen der russischen Soldaten zu zwei Völkern hervor: den Litauern und den Deutschen. Während der Weltkriege befanden sich die Litauer, als russische und deutsche Armeen gegeneinander kämpften, im Gebiet der Kriegshandlungen. Aus den aus den Dialekten aufgezeichneten Sätzen erfahren wir vom Eintreffen der russischen Armee in Litauen und von ihren Handlungen dort. Die Illustrationen zeigen, dass die russischen Soldaten während der Kriege mit den Deutschen besonders aktiv vorgingen: Sie setzten die Feinde unter Druck, umzingelten sie, trieben sie vor sich her und zerschmetterten sie. In nicht wenigen Sätzen vergleichen Informanten der gesprochenen Sprache oder Autoren verschiedener Schriften die Russen mit den Deutschen, wobei sie häufig den Deutschen den Vorzug geben (ihrer Ordnung, ihrem Vertrauen in die Menschen u. a.) und die Russen wegen ihrer Diebstähle, Unordnung u. a. verurteilen.

Aus den Illustrationen des LKŽe erfahren wir auch einiges über das Aussehen und den Charakter der Russen, ihren Alltag und ihre Lebensverhältnisse (erwähnt werden ihre Speisen, Getränke, Arbeiten, Eheschließungen mit Personen anderer Nationalitäten u. a.).

Es wurden ein Dutzend Sätze gefunden, in denen von der Wissenschaft der Russen die Rede ist (erwähnt werden verschiedene Wissenschaftsbereiche und die Namen berühmter russischer Wissenschaftler). In den Illustrationen aus der Sowjetzeit wird der russischen Literatur viel Aufmerksamkeit gewidmet.

Aus den Illustrationen des LKŽe wird deutlich, dass die Litauer gegenüber dem russischen Volk weder große Feindseligkeit noch eine besondere Freundschaft empfinden. Das finden wir weder in den aus den Dialekten noch in den aus Schriften aufgezeichneten Sätzen. Es zeichnet sich die Tendenz ab, dass im Kontext des LKŽe eine direkte, eindeutige Kategorisierung vermieden wird. Die Russen als Volk werden weder besonders verurteilt oder getadelt noch übermäßig gelobt. Vielleicht entstand diese vorsichtige Haltung aufgrund historischer und politischer Umstände: Litauen war als kleiner Staat viele Jahre von Russland und den Russen abhängig, und die meisten illustrativen Beispiele des LKŽe wurden gerade während der sowjetischen Besatzungszeit gesammelt, als eine strenge (Selbst-)Zensur wirksam war; deshalb wurden auch die Russen als Volk in jener Zeit eher vorsichtig, ja sogar neutral bewertet. Obwohl

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Obwohl Russentum und russische Mentalität sehr schmerzhaft bedrückten, treten in den Illustrationen des LKŽe bei der Betrachtung der Russen weder eine ausgeprägte Feindseligkeit noch eine besondere Freundschaft hervor (nur in schriftlichen Quellen aus der sowjetischen Zeit werden die freundschaftlichen, engen Beziehungen zwischen den litauischen und russischen Völkern stärker betont).

Eine stärkere pejorative Bewertung zeigt sich in den Illustrationen, in denen von der russischen Armee und Herrschaft die Rede ist, da der Russe als Fremder, Eindringling für die Litauer in erster Linie mit einer fremden Herrschaft und Armee assoziiert wird. Die für die Untersuchung ausgewählten Illustrationen zeigen, dass im Kontext des LKŽe einige Handlungen russischer Soldaten während der Kriegsjahre (Diebstähle, Plünderungen) sowie die den Litauern gewaltsam aufgezwungene zaristische und sowjetische russische Herrschaft negativ bewertet werden. Eine besonders negative Haltung gegenüber der Herrschaft der russischen Eindringlinge tritt in den Illustrationen hervor, die in den letzten Bänden des Wörterbuchs gefunden wurden: Hier wird eine offenkundige Unzufriedenheit mit der russischen Beamtenschaft und ihren Entscheidungen gezeigt, verschiedene Missstände werden aufgezählt, auf den Wunsch nach Unabhängigkeit und die Absicht, sich von der fremden Herrschaft zu befreien, wird hingewiesen; man scheut sich nicht, über das Verhalten der Russen bei der Deportation von Litauern nach Sibirien, über das Schicksal der Russen selbst im Litauen der Nachkriegszeit und Ähnliches zu sprechen.

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Russian in the Worldview of The Dictionary of the Lithuanian Language

SUMMARY

The aim of the article is to study what fragment of the concept of RUSSIAN comes to the fore in the illustrative sentences mentioning the nationality rusas ‘Russian’, which are present in The Dictionary of the Lithuanian Language. The illustrations are especially important for the formation of the concept, as they record the attitude of the representatives of dialects from the whole of Lithuania towards this nationality and the worldview of the Russian reflected in various written sources. The empirical material is studied using the semantic analysis, descriptive, interpretive and cognitive ethnolinguistics methods.

The analysis of 300 illustrative sentences from the Dictionary, which mention the ethnonym Russian, shows that in the context of the Dictionary this nationality is described in the following ways: 1) objective, specific historical and other facts (usually in the form of illustrations from various written sources of the 19th–20th centuries); 2) experience of the relationship between individual persons and the persons of this nationality through specific images (in the form of illustrative sentences from Lithuanian dialects recorded in the 20th century). It is obvious that in the context of the Dictionary the local/foreign opposition

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Rusas Lietuvių kalbos žodyno pasaulėvaizdyje

is very clearly expressed: local Lithuanian Russians are rarely mentioned in illustrative sentences. Instead, the people of this nationality are primarily viewed as others having their own peculiar language, customs, manners and values.

The analysis of the illustrations selected for the research reveals that the illustrative sentences recorded during the previous century enable us to form the most vivid image of Russians. The following major Russian features come to light in the illustrations of the Dictionary. It is a nation of a big country whose relations with other nations are rather ambivalent. At different times in history, Russians imposed their rule on some nations; they tried to assimilate smaller subjugated nations and considered them inferior. The sentences coming from various texts from the Soviet period often express the narrative of the friendship of nations.

In the course of history Russians were at war with a number of nations. The illustrations of the Dictionary mention the heroism of Russian soldiers and refusal to surrender to the enemy. The sentences coming from the military context first of all reveal the relations between Russian soldiers and Lithuanian Germans. The fights of Russian and German troops, which took place during world wars, also drew Lithuanians into the front zone. We learn from the sentences collected from dialects about the entry of the Russian army into Lithuania and its actions in the country. The illustrations show that in the midst of the wars with Germans Russian soldiers were especially active. There are quite a few sentences where the informants of the colloquial language or the authors of various texts compare Russians and Germans by often giving priority to Germans and condemning Russians for their looting, disorder, etc.

The illustrations from the Dictionary also provide certain information about the appearance and manners of Russians, their daily life and routine.

The illustrations of the Dictionary make it clear that Lithuanians are not particularly hostile towards the Russian nation. Neither the sentences from dialects nor from texts provide such information. A tendency of avoiding straight and clear categorization in the context of the Dictionary is observed. As a nation, Russians are not severely condemned or reprimanded and they are not overly praised as well. Perhaps such a cautious approach was driven by historical and political circumstances: for long years, Lithuania, as a small state, was dependent on Russia and Russians, and most of the illustrative examples were collected during the period of the Soviet occupation, which demonstrated strict (self)censorship. Therefore, Russians, as a nation, were regarded rather cautiously, even neutrally at that time by avoiding both excessive hostility and particular friendliness. Only the written sources from the Soviet period place a greater emphasis on the friendly and close relations between the Lithuanian and Russian nations.

A stronger emotional evaluation reveals through those illustrations which speak about the Russian army and government, because Lithuanians tend to associate the Russian, as a foreign invader, with the foreign government and army. The illustrations selected for the study show that in the context of The Dictionary of the Lithuanian Language the actions of certain Russian soldiers during the war years and the tsarist and Soviet rule imposed on

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AURELIJA GRITĖNIENĖ

Lithuanians are viewed negatively. Such a negative approach towards the government of Russian invaders is especially apparent in the illustrations found in the final volumes of the Dictionary.

Įteikta 2021 m. kovo 4 d.

AURELIJA GRITĖNIENĖ

Lietuvių kalbos institutas Petro Vileišio g. 5, Vilnius LT–10308, Lietuva [email protected]

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