Page 1DAIVA MURMULAITYTĖ Institut für Litauische Sprache ORCID-ID: orcid.org/0000-0003-3826-7272 Forschungsgebiete: Wortbildung, Morphemik, Lexikografie, Lexikologie. DOI: doi.org/10.35321/all87-10
DIE HOMONYMITÄT DER WORTBILDUNGSFORMATIVE UND IHRE KENNZEICHNUNG IM WORTBILDUNGSHANDBUCH
Homonymie derivationeller Formative und ihre Kennzeichnung im Wortbildungsleitfaden
ABSTRACT
Der Beitrag untersucht die Homonymie der Mittel der litauischen Wortbildung, deren Relevanz bei der Erstellung des Wortbildungsleitfadens, eines digitalen Handbuchs zur Bildung litauischer Substantive, deutlich wurde. Ziel der Untersuchung ist es, die Notwendigkeit der Kennzeichnung homonymer Wortbildungsformative in Wortbildungs-, Morphem- und Morphemstrukturwörterbüchern, Handbüchern und sonstigen lexikografischen Publikationen zu begründen und die Probleme zu erörtern, die sich in der Praxis bei der Darstellung homonymer Wortbildungsmittel in diesen Publikationen ergeben. Es wird die Auffassung vertreten, dass Homonymie auf der Ebene der Wortbildungsformative und nicht auf der Ebene der Morpheme (Affixe) behandelt werden sollte. Als unbestreitbare Kriterien zur Bestimmung homonymer Wortbildungsformative gelten eine unterschiedliche Wortbildungsbedeutung der Derivate und eine unterschiedliche Herkunft der Wortbildungsmittel; der Unterschied in der Wortart der Derivate und der Unterschied in der Wortart ihrer Basiswörter führen dagegen für sich genommen höchstwahrscheinlich nicht zur Homonymie der Wortbildungsmittel. Als homonym gelten nur Wortbildungsaffixe (Formative) derselben Art. Erörtert wird das Problem der Kennzeichnung der Homonymie von Wortbildungsformativen, mit denen mobile Substantive (substantiva mobilia) gebildet werden. Die vorläufige Kennzeichnung der Homonyme im Wortbildungsleitfaden hat nicht nur die Relevanz und die Probleme der Homonymie von Wortbildungsmitteln verdeutlicht, sondern auch deren Ausmaß gezeigt: Homonym sind etwa die Hälfte der Suffixe litauischer Substantive und fast alle Endungen.
SCHLÜSSELWÖRTER: Wortbildung, Wortbildungsformativ, Affix, Morphem, Homonymie, Semantik.
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ABSTRACT
Der Artikel behandelt die Homonymie der Mittel der litauischen Wortbildung, deren Relevanz bei der Entwicklung des Word Formation Guide, eines digitalen Leitfadens zur litauischen Wortbildung (der Substantive), deutlich geworden ist. Ziel der Untersuchung ist es, die Notwendigkeit der Kennzeichnung homonymer derivationeller Formative in Wortbildungswörterbüchern, Morphemwörterbüchern, Wörterbüchern der morphämischen Zusammensetzung, Wortbildungsleitfäden usw. zu begründen und die Probleme zu erörtern, die sich in der Praxis bei der Darstellung homonymer Wortbildungsmittel in diesen Publikationen ergeben. Es wird davon ausgegangen, dass die Homonymie auf der Ebene der derivationellen Formative und nicht auf der Ebene der Morpheme (Affixe) behandelt werden sollte. Als unbestreitbare Kriterien für die Ermittlung homonymer derivationeller Formative gelten die unterschiedliche derivationelle Bedeutung der Derivate und die unterschiedliche Herkunft der Wortbildungsmittel, während der Unterschied in der Wortart der Derivate und der Unterschied in der Wortart ihrer Basiswörter für sich genommen wahrscheinlich nicht zur Homonymie der Wortbildungsmittel führt. Homonym sind nur Affixe (Formative) desselben Typs. Erörtert wird das Problem der Kennzeichnung der Homonymie der derivationellen Formative, mit denen bewegliche Substantive (substantiva mobilia) gebildet werden. Die vorläufige Kennzeichnung der Homonyme im Word Formation Guide hat nicht nur die Relevanz und die Probleme der Homonymie derivationeller Formative hervorgehoben, sondern auch deren Ausmaß gezeigt: Etwa die Hälfte der Suffixe litauischer Substantive und fast alle Flexionsendungen sind homonym.
SCHLÜSSELWÖRTER: Wortbildung, derivationelles Formativ, Affix, Morphem, Homonymie, Semantik.
EINLEITUNG
Homonyme sind zweiseitige (bedeutungstragende) sprachliche Elemente mit gleicher Ausdrucksseite. Das Wesen der Homonymie besteht in der identischen Ausdrucksseite (phonetisch und/oder grafisch) mehrerer, meist zweier sprachlicher Elemente bei völlig unterschiedlicher Bedeutung. Zu den verschiedenen Arten von Homonymen nach der phonetischen/grafischen Ausdrucksseite der Wörter (Homophone, morphologische und partielle Homonyme, Homografen usw.) sowie zu ihrer unterschiedlichen Behandlung in verschiedenen Quellen siehe Rimkutė 2003: 34–38 und die dort angegebene Literatur. Vgl. dazu, dass im Englischen drei verschiedene Wortklassen als Homonyme bezeichnet werden können: 1) gleich ausgesprochene (z. B. to, too, two); 2) gleich ausgesprochene und geschriebene (z. B. quail „Wachtel“ und quail „zusammenzucken, (er)zittern“) oder 3) nur gleich geschriebene (z. B. bow [baʊ] „Bug, Vorderteil eines Schiffes“ und bow [bəʊ] [„Bogen zum Abschießen von Pfeilen“). In allen Fällen unterscheiden sich die Wörter selbstverständlich in ihrer Bedeutung. Wörter des ersten und zweiten Typs werden bisweilen Homofone, Wörter des zweiten und dritten Typs Homografen genannt. Einige Forscher neigen dazu, nur Wörter der dritten Klasse als Homonyme zu betrachten¹.
¹ https://www.merriam-webster.com/dictionary/homonym [abgerufen am 2022-08-08]; https://www.merriam-webster.com/dictionary/bow [abgerufen am 2022-09-08].
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Das Bedeutungsmerkmal wird in der litauischen Sprachwissenschaft bei der Definition eines Homonyms (meist eines Wortes) bisweilen bewusst als redundant und undifferenzierend weggelassen, denn „normalerweise unterscheiden sich alle zweiseitigen Elemente in ihrer Bedeutung; Ausnahmen bilden allenfalls Synonyme“ (Urbutis 2008: 214; vgl. Gaivenis, Keinys 1990: 80)². Außerdem muss der Bedeutungsunterschied zwischen zwei sprachlichen Elementen vollständig sein, d. h. ihre Bedeutungen müssen so weit auseinanderliegen, dass nicht von der Mehrdeutigkeit desselben sprachlichen Elements gesprochen werden kann. Homonymie wird meist auf der lexikalischen Ebene untersucht, doch ist sie nicht nur Wörtern, sondern auch ihren Formen und Morphemen eigen. Homomorpheme können nicht nur Wurzeln sein (zum Beispiel dor¹-as, -a, dor²-oti, -oja, -ojo, san-dor³-is), sondern auch Suffixe³ (zum Beispiel stip-ena¹, rank-ena², iškas-ena³, smeig-ena⁴, zuik-ena⁵), Präfixe (be¹-norėti, be²-dugnė), Endungen (skund-as¹, nars-as² „Tapferkeit“, sarg-as², įdar-as⁴, apav-as⁵, atbrad-as⁶) (vgl. Urbutis 2008: 2014–2015; 2009: 116; Jakaitienė 2009: 101–111). Gerade die Homonymie der Elemente dieser Sprachebene – der Morpheme, genauer: der Affixe und Wortbildungsformative – wurde bei der Erstellung des digitalen Handbuchs zur Bildung litauischer Substantive relevant, des Wortbildungsleitfadens (im Folgenden ŽDV, Vedlys; online zugänglich unter: https://ekalba.lt/zodziu-darybos-vedlys/).
Dieses Handbuch ist eine der Dienstleistungen des Informationssystems für litauische Sprachressourcen E. kalba, genauer gesagt bilden der ŽDV und die Sprachberatung (KP) gemeinsam die Dienstleistung E. patarimai. Es ist „dazu bestimmt, Ratschläge zur Bildung neuer litauischer Wörter zu geben,“
² In Erläuterungen der Begriffe Homonym und Homonymie in sprachwissenschaftlichen, lexikografischen und ähnlichen Quellen anderer Sprachen wird das Merkmal der unterschiedlichen Bedeutung jedoch meist genannt, vgl.: „Vardus ar vienadų skanėjimų un vienādu rakstījumu, bet ar dažādām, savstarpēji nesastatītām nozīmēm sauc par homonīmiem.“ (http://valoda.ailab.lv/latval/vidusskolai/leksikologija/leksikolog/leks5.htm [abgerufen am 2022-08-08]); „Homonīmi ir vārdi ar atšķirīgu nozīmi, kas izrunājami un rakstāmi vienādi.“ (https://lv.wikipedia.org/wiki/Homon%C4%ABms [abgerufen am 2022-08-08]); „[...] one of two or more words spelled and pronounced alike but different in meaning (such as the noun quail and the verb quail)“ (https://www.merriam-webster.com/dictionary/homonym [abgerufen am 2022-08-08]); „ОМОНИМЫ [...] Слова, одинакови за звучаннем, але зовсім різні за значенням, наприклад: коса (волосся), коса (мис), коса (сільськогосподарське знаряддя), ОМОНІМІЯ [...] Звуковий збіг різних за значенням слів або їх форм.“ (SUM-11, http://sum.in.ua/p/5/695/1 [abgerufen am 2022-08-11]); „ОМОНИМИ [...] Слова, а також інші мовні одиниці, однакові за звучанням, але цілковито відмінні за значенням [...], ОМОНІМІЯ [...] Звуковий збіг різних за значенням слів або їх форм – омонімів“ (SUM-20, https://sum20ua.com/Entry/index?wordid=66229&page=2094 [abgerufen am 2022-08-11]); „Омонимы [...] — разные по значению, но одинаковые по звучанию и написанию единицы языка (слова, морфемы и др.)“ (https://dic.academic.ru/dic.nsf/ruwiki/2024 [abgerufen am 2022-08-10]); „Омонимия – звуковое совпадение различных языковых единиц, значение к-рых не связаны друг с другом.“ (LES 344).
³ In der litauischen wortbildungsbezogenen Literatur werden Suffixe gewöhnlich zusammen mit den Endungen angegeben. Zu ihrer Homonymität siehe auch 3.1.
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auf der Grundlage der Wortbildungsregeln“⁴. Im Wortbildungsleitfaden sind die in den Substantivbildungskapiteln zweier litauischer Grammatiken – der akademischen (LKG) und der Grammatik der litauischen Gegenwartssprache (DLKG) – enthaltenen Informationen strukturiert aufbereitet (Autor: Vincas Urbutis). Es ist vorgesehen, den ŽDV künftig auch auf Wortbildungsdaten anderer Wortarten anzuwenden und die Datenbankstruktur entsprechend anzupassen. In der ersten Entwicklungsphase jedoch wurde der ŽDV als Teil der Dienstleistung E. patarimai zunächst auf Substantive ausgerichtet, in der Annahme, dass gerade deren Bildungsregularitäten bei der Schaffung neuer Bezeichnungen oder bei der Überprüfung der Korrektheit bereits gebildeter Wörter von Interesse sein würden. Da dieses digitale Instrument eher für die breite Öffentlichkeit bestimmt ist, wurde seine Datenstruktur vereinfacht. (In einer Datenbank für professionelle Untersuchungen der litauischen Wortbildung sollte die Information sowohl semantisch als auch formal stärker aufgegliedert sein; dies würde mehr Möglichkeiten zur Datensuche und Klassifizierung eröffnen.) In mancher Hinsicht darf die Darstellung der Daten jedoch nicht vereinfacht werden; im Gegenteil, im Vergleich zur Darstellung in Grammatiken muss sie präzisiert werden, auch wenn sie dadurch komplexer wird. Einer dieser Aspekte ist die Homonymität der Wortbildungsmittel, die selbst in einer einfacheren Datenbank gekennzeichnet werden muss.
In ausländischen Morphem- und Wortbildungswörterbüchern, von denen es zahlreiche und vielfältige gibt – besonders im Russischen (siehe Literaturverzeichnis), aber auch im Lettischen (Metuzālė–Kangere 1985), Englischen (DPSCF) usw. –, wird die Homonymie von Morphemen nicht immer gekennzeichnet. Auch in der Datenbank der Morpheme der litauischen Sprache (LKMDB) und in den auf ihrer Grundlage erstellten Rückläufigen, Alphabetischen und Häufigkeitswörterbüchern der Morpheme der litauischen Sprache (Rimkutė, Kazlauskienė, Raškinis 2011; 2011a; 2011b) bleibt die Homonymität der Morpheme unberücksichtigt.
Ziel dieses Beitrags ist es, die Notwendigkeit der Kennzeichnung der Homonymität von Wortbildungsformativen (und allgemein von Morphemen) in lexikografischen Werken zu begründen und die Probleme aufzuzeigen, die sich in der Praxis bei der Darstellung homonymer Wortbildungsmittel ergeben. Zu diesem Zweck wurden folgende Aufgaben verfolgt: die homonymen Wortbildungsmittel der litauischen Substantivbildung – Suffixe, Präfixe und Endungen – zu erfassen; anhand der wissenschaftlichen Literatur die Kriterien der Homonymität von Wortbildungsmitteln zu erörtern; problematische Aspekte der Kennzeichnungsmethodik aufzuzeigen. Im Rahmen der Untersuchung wurden die synchrone Wortbildungsanalyse, die Morphem- und die semantische Analyse sowie analytische und deskriptive Methoden angewandt.
⁴ „Im Litauischen gibt es eine Fülle von Wortbildungsmitteln, und damit ein neues Wort entsteht, reicht manchmal die Inspiration nicht aus; es bedarf eines kleinen Anstoßes – man muss sich die Wortbildungsmittel ansehen und Beispiele betrachten“ (Rita Miliūnaitė, https://www.delfi.lt/projektai/suprasti-interneta/lietuviu-kalbanetrukus-taps-lengvesne-internete-kuria-patogia-sistema.?id=78879667 [abgerufen am 2022-08-04]).
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1. UNTERSUCHUNGEN ZU HOMONYMEN MORPHEMEN UND IHRE PRAKTISCHEN ERGEBNISSE
Theoretisch ist die Homonymität von Wortbildungsmitteln – Suffixen und Präfixen – bekannt und verständlich (obwohl früher auch gegenteilige Auffassungen vertreten wurden; so erkannten N. Janko-Trinickaja und M. Brodowska-Honowska die Homonymität von Formativen nicht an (Urbutis 2009: 180)). In der russischsprachigen Lexikografie, die sich durch eine Fülle von Wortbildungs-, Morphem- und Morphemstrukturwörterbüchern auszeichnet (Cyганenko 1982; Kuznecova, Efremova 1986; Bardovič, Šakun 1989; Efremova 1996; Efremova 2000; Tichonov 1990; Tichonov 1996; Širšov 2004; Efremova 2005; Raciburskaja 2009; Lopatin, Uluсhanov 2016 u. a., ohne die früher erschienenen Werke zu nennen), werden verschiedene Fragen der Homonymität von Wortbildungsmitteln theoretisch erörtert und praktisch gelöst: das Verhältnis von Homonymität und Polysemie der Affixe, die Kriterien zur Abgrenzung dieser Homonyme, die Unterscheidung zwischen Morphem und Wortbildungsformativ im Hinblick auf die Homonymität, die Homonymität autochthoner und fremder (internationaler) Morpheme, die Darstellung homonymer morphematischer Wortgliederungen im Morphemstrukturwörterbuch u. a.
Die Relevanz der Kennzeichnung von Morphemhomonymen tritt besonders in Registern, Indizes und Listen hervor. In Wortbildungswörterbüchern, in denen die Derivate in Wortbildungsnestern dargestellt werden, oder in Wörterbüchern der morphematischen Wortstruktur, in denen sie in Morpheme zerlegt erscheinen, ist dies weniger relevant. So wird beispielsweise im Morphemwörterbuch der belarussischen Sprache (Bardovič, Šakun 1989) versucht, die Homonymität der Morpheme nicht durch Nummerierung, sondern auf andere Weise sichtbar zu machen. In Wörterbüchern dieser Art ist nur die Unterscheidung morphologisch verschiedener wortbildungsbezogener Homonyme wichtig; stimmen die in Morpheme zerlegten Wörter vollständig überein, wird ihre Homonymität überhaupt nicht angezeigt. In Wörterbüchern der morphematischen Struktur, nicht der Morpheme selbst, ist eine solche Information vermutlich überflüssig und nicht zweckmäßig. Anders verhält es sich bei Wörterbüchern, Handbüchern oder anderen Registern der Morpheme selbst, in denen Morpheme nicht in Wörtern, sondern als selbstständige Einheiten aufgeführt werden: Ihre Homonymiefälle müssen gekennzeichnet werden, um alle Morpheme zu unterscheiden und sichtbar zu machen.
Die Erläuterung der Bedeutungen von Morphemen, insbesondere die Behandlung ihrer Polysemie, war für Lexikografen stets eine schwierige Aufgabe (Osilbekova 2017: 334). Beispielsweise wird vorgeschlagen, Morpheme mit identischer lautlicher Form als homonym zu betrachten, wenn sie zu Wörtern verschiedener Wortarten (1) oder verschiedener semantischer Gruppen derselben Wortart (2) gehören, zum Beispiel: 1) за-nemo (Verb) – за-речье (Substantiv), 2) бо-ец – руб-ец. Im zweiten Fall bringen die Morpheme unterschiedliche Bedeutungen zum Ausdruck (mit anderen Worten: Die Affixe verleihen den Derivaten unterschiedliche Wortbildungsbedeutungen). Sind die Bedeutungen miteinander verbunden, handelt es sich nicht um Homomorpheme, sondern um ein
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polysemes Morphem (Cyganenko 1982: 102, 15)⁵. Die Polysemie der Wortbildungsaffixe im weiten Sinne, d. h. Polysemie und Homonymie, sollte eines der Prinzipien bei der Erstellung eines Wörterbuchs solcher Affixe sein (Osilbekova 2017: 335)⁶.
In der litauischen Sprachwissenschaft wird die Homonymität von Wortbildungsmitteln oder Morphemen sporadisch bei der Behandlung anderer Themen erwähnt (meist im Zusammenhang mit lexikalischer Homonymie), etwa bei der Polysemie (Rimkutė 2003: 38; 2003a: 63). Speziell untersucht wurde sie offenbar bislang nicht.
2. DER BEDARF AN DER KENNZEICHNUNG DER HOMONYMITÄT VON WORTBILDUNGSMITTELN
2.1. In der akademischen Grammatik, einer der Quellen des ŽDV, heißt es: „Die in den Kapiteln zur Bildung von Substantiven und Adjektiven vorherrschende semantische Klassifikation der Wortbildungstypen ist für den Leser in den Fällen unpraktisch, in denen er sich über ein bestimmtes Wortbildungsaffix (Suffix, Präfix oder Endung) informieren möchte. Um diese Unbequemlichkeit zu vermeiden, wird am Ende des ersten Bandes ein ‚Index der Wortbildungsaffixe für Substantive und Adjektive‘ beigefügt, anhand dessen sich leicht der Grammatikparagraph (oder die Paragraphen) finden lässt, in dem (denen) Wörter mit dem betreffenden Affix behandelt werden“ (LKG I 5–6). Der Index (LKG I 722–728) ist tatsächlich unerlässlich; ohne ihn könnte diese Grammatik nicht als Handbuch benutzt werden. Die Informationsdarstellung darin könnte jedoch für den Leser genauer und benutzerfreundlicher sein. Wer sich beispielsweise für Diminutive interessiert und Informationen zu ihrem Suffix –ukas sucht, findet im Index folgende Verweise:
–ukas § 652 –ukas, –ė §§ 385, 521, 558; siehe –iukas, –ė –iukas, –ė §§ 385, 521, 558; siehe –ukas, –ė (LKG I 727, 725).
Über Diminutive, z. B. valandžiukė, pragiedruliukas; varneniukas, wird nur in § 385 (LKG I 265–269) gesprochen. In den übrigen Fällen handelt es sich um Suffixe anderer Wortbildungskategorien, mit denen Bezeichnungen für Handelnde und für Träger verbaler Eigenschaften gebildet werden, z. B. krapštukas, –ė 1. „jemand, der lange herumhantiert und langsam arbeitet“; 2. „ein Mensch, der gern an Kleinigkeiten herumfummelt, ein Tüftler“, žindukas „ein gesäugtes Ferkel, ein Säugling“ (§ 521,
⁵ Dieses erklärend-vergleichende Wörterbuch der Affixe der russischen Sprache enthält vorwiegend Wortbildungs- und Flexionsaffixe der russischen und ukrainischen Sprache, verschiedene Bedeutungen desselben Morphems, homonyme Morpheme (derselben und verschiedener Wortarten) sowie internationale Homomorpheme.
⁶ Weitere Prinzipien sind: Die Variabilität der Morpheme muss aufgezeigt werden; Suffixe sind zusammen mit den Endungen anzugeben; die semantischen Komponenten der Wortbildungsaffixe sind zu nennen; die Funktionen der Morpheme in den Derivaten sind anzugeben (idem).
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LKG I 328), Bezeichnungen von Trägern nominaler Eigenschaften, z. B. kavinukas, musinukė, atvirukas, pirštukas „ein an den Finger gesteckter Nähring“ (§ 558, LKG I 348–349), Bezeichnungen von Werkzeugen, z. B. krapštukas „Werkzeug zum Kratzen, Kratzinstrument“, šluputas, žindukas „kleines Erzeugnis mit einem elastischen, brustwarzenförmigen Teil, das einem Säugling zum Saugen gegeben wird; Syn. čiulptukas“ (§ 652, LKG 393; BLKŽ), unter den Neologismen migdukas „Spielzeug, dessen Musik und Lichter dem Kind beim Einschlafen helfen“ (ND). Somit könnte man hier nicht von einem, sondern von vier homonymen Suffixen sprechen, deren Derivate sich in ihren Wortbildungsbedeutungen unterscheiden.
Nach der Erstellung der ursprünglichen ŽDV-Datenbank wurden zunächst die Daten der DLKG eingetragen und anschließend durch Informationen aus der LKG ergänzt. Die Suffixe wurden in der Form eingegeben, in der sie in den entsprechenden Grammatikparagraphen angegeben sind, und nicht in der genannten LKG-Indexform, in der sie in manchen Fällen anders geschrieben werden als im jeweiligen Paragraphen. Im konkret behandelten Fall wird das Suffix der Bezeichnungen für Träger verbaler Eigenschaften in LKG I § 521 als –(i)ukas (ė) geschrieben, in DLKG § 251 dagegen als –(i)ukas, (ė), wobei die mögliche feminine Endung durch ein Komma abgetrennt und eingeklammert ist. (Mehr zur Variation der maskulinen und femininen Formen der Wortbildungsmittel siehe 3.3. Hier soll lediglich auf den Unterschied in der formalen Darstellung hingewiesen werden, der Einfluss auf die Kennzeichnung der Homonymität im Wortbildungsleitfaden hat.) Somit unterscheidet sich das Suffix dieser Wortbildungskategorie formal vom Suffix der Diminutive und der Bezeichnungen für Träger nominaler Eigenschaften –(i)ukas, –ė sowie vom nur die maskuline Form aufweisenden Suffix der Werkzeugbezeichnungen –ukas. Mit Homonymnummern wurden im Wortbildungsleitfaden nur vollständig analoge Buchstabenfolgen gekennzeichnet. Die automatisch sortierte Liste der Suffixe –ukas sah vor der Bearbeitung der ŽDV-Daten daher so aus:
–(i)ukas, (–ė) –(i)ukas, –ė¹ –(i)ukas, –ė² –ukas.
Offensichtlich werden im Vergleich zum LKG-Index die einzelnen Wortbildungsmittel sachlich korrekter angegeben; sofort ist erkennbar, dass es sich nicht um ein einziges Suffix handelt. Die Kennzeichnung ihrer Homonymität ist jedoch noch nicht konsequent. Außerdem führt die Nummerierung der Homonyme in die Irre, da sie den Eindruck erweckt, es gebe nur zwei homonyme Suffixe.
2.2. V. Urbutis erklärt in der Enzyklopädie der litauischen Sprache (2008: 215) zu homonymen Morphemen, dass sie verschiedener Art sein können: „Wurzeln (z. B. apsi-rik-ti – su-rik-ti), Suffixe (z. B. berž-yn-as – pelėd-yn-as „Eulenjunges“),
⁷ Vgl. seine Ausführungen im von ihm verfassten Kapitel zur Substantivbildung in LKG und DLKG zum Suffix –(i)ukas, –ė: „[m]it diesem Suffix werden häufiger andere Derivate gebildet (insbesondere Diminutive), doch auch nominale
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Präfixe (z. B. be-norėti – be-nāmis), Endungen (z. B. rank-os, Gen. Sg. – rank-os, Nom. Pl.).“ Die letztgenannten Beispiele veranschaulichen die Homonymie von Flexionsendungen; die strukturierten Grammatikdaten zeigen jedoch, dass dieses Phänomen auch bei Wortbildungsendungen auftritt. So gibt es im Wortbildungsleitfaden nur bei den Pluralendungen –ai, –ės und –os, mit denen Bezeichnungen für Feste und Bräuche gebildet werden, keine Homonyme. Alle übrigen Wortbildungsendungen gehören Gruppen von zwei, drei, vier, sechs oder sieben Homonymen an. Somit sind im Wortbildungsleitfaden sieben Homonyme der Endung –ė angegeben, d. h. sieben Endungen –ė, die im Wortbildungsprozess unterschiedliche Funktionen erfüllen. Mit ihnen werden gebildet:
1) Bezeichnungen von Handlungen (Verbalsubstantive), zum Beispiel pergalė (: pergalėti);
2) Bezeichnungen von Eigenschaften (nominale Abstrakta), zum Beispiel: vertė (: vertas, –a), kaltė (: kaltas, –a);
3) Bezeichnungen von Trägern nominaler Eigenschaften, zum Beispiel: plikė (: plikas, –a), lekštė (: lekštas, –a), strukė (: strukas, –a);
4) Bezeichnungen von Handlungsergebnissen, zum Beispiel: riekė (: riekti, riekia, riekė), brydė (: bristi, brido), pynė (: pinti, pynė);
5) Bezeichnungen von Werkzeugen, zum Beispiel: dildė (: dildyti, dildo, dildė), pašluostė (: pašluostyti, pašluostyti, pašluostė), sklendė (: sklęsti, sklendė);
6) Bezeichnungen von Orten, zum Beispiel: nuošalė (: nuošalus, –i), plynė (: plynas, –a);
7) Bezeichnungen nach dem Geschlechtsunterschied, zum Beispiel: vilkė (: vilkas), liūtė (: liūtas), kalakutė (: kalakutas).
Es erscheint zweckmäßig, die Homonyme nach der Regelmäßigkeit und Produktivität des Wortbildungsmittels, vielleicht auch unter Berücksichtigung der Gebrauchshäufigkeit der Derivate, zu ordnen und zu nummerieren. Zuvor wären jedoch umfassendere Untersuchungen des gegenwärtigen Sprachgebrauchs erforderlich, die in dieser Frage die in den Grammatiken im Wesentlichen für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts beschriebene Lage der Substantivbildung bestätigen oder korrigieren würden. Unter anderem müssen auch die Tendenzen der Neologismenbildung berücksichtigt werden. Im Fall der genannten Endungen –ė ist beispielsweise sehr wahrscheinlich, dass diejenige Endung, mit der Bezeichnungen nach dem Geschlechtsunterschied gebildet werden, am häufigsten gebraucht wird und diese Bildung im Vergleich zu den anderen homonymen Endungen –ė die regelmäßigste ist. Außerdem ist zu beachten, dass mit dieser Endung nicht nur regelmäßig und bei Bedarf leicht aus jeder Tierbezeichnung neue Wörter zur Bezeichnung des weiblichen Tieres gebildet werden. Im Neologismenbestand der litauischen Sprache ist auch eine nicht geringe Zahl von Neubildungen belegt, die Bezeichnungen von Trägern von gewöhnlich
Eigenschaften bezeichnen und mit ihr gebildet werden [...] (LKG I 348; DLKG 117), d. h. man kann verstehen, dass Derivate verschiedener Wortbildungskategorien mit demselben Suffix gebildet werden. An anderer Stelle wird dieser Gedanke eindeutig formuliert: „Der Terminus Polysemie ist nicht nur bei der Analyse von Homofomen zu verwenden, die sich durch morphologische Merkmale unterscheiden, sondern auch im Hinblick auf die wortbildungsbezogene Polysemie (z. B. išvirtėlis – dobilėlis: Dasselbe Wortbildungsformativ verleiht unterschiedliche Bedeutungen) [...]“ (Rimkutė 2003: 38).
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die Weiblichkeit eines Menschen, eines anderen Lebewesens oder eines personifizierten Wesens bezeichnen, z. B.: autoritetė, subjektė, kūdikė, urėdė, robotė, narcizė u. a. (mehr dazu siehe Murmulaitytė 2021: 58–59). Eine solche „Aktivität“ des Suffixes zeigt, dass es in der Homonymliste mit der Nummer eins gekennzeichnet werden könnte. Bei der Erstellung des Wortbildungsleitfadens lagen noch keine umfassenden Ergebnisse der Untersuchungen des gegenwärtigen Sprachgebrauchs vor; daher war vorgesehen, die Homonyme hauptsächlich unter Berücksichtigung der in den Grammatiken enthaltenen Informationen zur Produktivität der Suffixe, Präfixe und Endungen (der Anzahl der Derivate) zu nummerieren, d. h. die Nummern der Homonyme seltener, dialektaler oder nicht normgerechter Wortbildungsmittel werden nachgeordnet sein.
Nachdem geklärt ist, dass jedes Wortbildungsmittel in der Liste gesondert aufgeführt werden muss, sind noch folgende Fragen zu beantworten: 1) Wie sind Suffixe zu behandeln, deren Derivate mobile Substantive (substantiva mobilia) sind, d. h. sowohl maskuline als auch feminine Formen haben können, zum Beispiel: -inis, -ė (miškinis, mišk inė), vgl. formal übereinstimmende Suffixe -inis (vat-inis, šalt-inis) und -inė (skard-inė¹, palaid-inė¹, šimt-inė¹; malk-inė²); 2) Was ist als Grundeinheit zu betrachten – Morpheme (Affixe) oder Wortbildungsformative (aus grundlegenden und sekundären Wortbildungsaffixen zusammengesetzt); 3) Welche Kriterien sollte die Abgrenzung der Homonyme haben; 4) Wie ist mit formal analogen autochthonen und fremden (neoklassischen, internationalen) Wortbildungsaffixen (Formativen) zu verfahren; 5) Worauf sollte sich – abgesehen von den bereits genannten Gesichtspunkten – die Festlegung der Reihenfolge homonymer Wortbildungsmittel noch stützen u. a.?
3. FRAGEN DER BESTIMMUNG UND KENNZEICHNUNG DER HOMONYMITÄT VON WORTBILDUNGSMITTELN
3.1. Affix / Wortbildungsformativ
Im Wörterbuch der einzigartigen Morpheme der gegenwärtigen russischen Sprache (Raciburskaja 2009) wird nicht die Homonymie von Wortbildungsformativen, sondern gerade die von Morphemen und Affixen dargestellt. Im Fall suffigierter Wortbildungsformative bedeutet dies, dass das zusätzliche Wortbildungsmittel (die Endung), sofern das Wort eine solche besitzt, nicht berücksichtigt wird; betrachtet wird nur die Homonymie der Suffixe selbst – unterschiedliche Bedeutung bei identischer Form. So gelten beispielsweise die Suffixe -ин in den Wörtern баранин-а und сахар-ин als homonym. Nach Ansicht von Danija Osilbekova ist eine solche Interpretation der Mehrdeutigkeit von Morphemen fraglich, und eines der Prinzipien bei der Erstellung eines Wörterbuchs der Wortbildungsaffixe muss sein
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die gemeinsame Angabe der Suffixe mit den Endungen (2017: 335, 336). Dieser Auffassung ist offenbar auch im Hinblick auf die litauischen Wortbildungsformative zuzustimmen. Im ŽDV werden seltene terminologische Wortbildungsformative –esas, –a (Deminutiva vaik–esas, merg–esa (LKG I 286)) und –esas, –ė (Bezeichnungen von Agierenden und Trägern verbaler Eigenschaften švelp–esas, švelp–esė ‘wer schnurrt, Schnurrer’ (LKG I 335)), obwohl sie ein formal identisches Suffix –es– besitzen, unter anderem deshalb nicht als homonym angesehen, weil sich auch ihre Paradigmen unterscheiden. Hier noch einige Beispiele.
• –ykla (kirp–ykla), –yklas (sal–yklas¹, vyst–yklas²) und –yklė (rod–yklė¹, gul–yklė² ‘Liegestätte, Lager’, bob–yklė³ ‘ein minderwertiges Weib’);
• –tuvas (laisty–tuvas¹, paleis–tuvas² ‘Ausreißer, Wüstling’) und –tuvė (kep–tuvė¹, spaus–tuvė², gyven–tuvė³ ‘Leben’), –tuvis, –ė (paleis–tuvis, –ė), –tuvis (–tuvys) (prikais–tuvis, grūs–tuvys), –tuvės (sužadė–tuvės);
• Wortbildungsformative mit dem Suffix –al– (siehe Tabelle 1), aus der hervorgeht, dass das Suffix –al– als Hauptwortbildungsmittel in die Zusammensetzung von zwölf Wortbildungsformativen eingeht; einige von ihnen bilden zwei Homonymgruppen (–alas und –alius, –ė).
¹ LENTELĖ. Wortbildungsformative mit dem Suffix –al–
Wortbildungsformative | Wortbildungskategorien | Merkmale des Wortbildungsformatives | Beispiele –ala | nom. attributiva⁸ | terminologisch, selten | sniegala ‘Birkhuhn’ –alas¹ | nom. actionis | | pliurpalas, paistalas –alas² | nom. agentis | | strakalас, čiauškalas –alas³ | nom. attributiva | selten | gaivalas, riebalai –alas⁴ | nom. resultativa | | tirpalas, pakaitalas –alas⁵ | nom. instrumenti | | papuošalas, ryškalas –alė | nom. resultativa | terminologisch, selten | raugalė ‘solches Biergetränk’ –alis | nom. agentis | terminologisch, selten | smirdalis, sargalis –alys | nom. attributiva | selten | šakalys –alis, –ė | deminutiva | terminologisch, produktiv | brolalis, kelalis –alius, –ė¹ | nom. agentis | | čiaudalius, –ė, miegalė bot. –alius, –ė² | nom. attributiva | selten | nuogalius, –ė
⁸ Nomina attributiva – Bezeichnungen von Trägern nominaler Eigenschaften, nomina actionis – Bezeichnungen von Handlungen, nomina agentis – Bezeichnungen von Agierenden, nomina resultativa – Bezeichnungen von Handlungsergebnissen, nomina instrumenti – Bezeichnungen von Werkzeugen, deminutiva – Diminutive.
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3.2. Kriterien der Morphemhomonymie
Die Kriterien der Morphemhomonymie wurden bei der Darstellung des Forschungsstands zum Thema (Kap. 1) bereits kurz angesprochen. Das wichtigste Kriterium ist natürlich das semantische – Homonyme müssen sich in ihrer Bedeutung grundlegend unterscheiden. Zu behaupten, dass ihre Bedeutungen keine gemeinsamen Sememe haben dürften (vgl. Osilbekova 2017: 337), wäre offenbar zu kategorisch; offensichtlich ist jedoch, dass ihr Unterschied grundlegend sein muss. Gerade dieses Kriterium sollte offenbar nicht nur bei der Bestimmung der Homonymie konkreter Wortbildungsmittel herangezogen werden, sondern auch bei der Bewertung der übrigen Kriterien.
3.2.1. Unstrittige Kriterien
3.2.1.1. Unterschiedliche Wortbildungsbedeutung. Sie ist gewöhnlich kategorial; somit ist dieses Kriterium meistens zugleich das Kriterium einer unterschiedlichen Wortbildungskategorie. Beispielsweise sind in den genannten Ableitungen dobilėlis und ištvirdėlis die Suffixe –ėlis homonym, und zwar aufgrund völlig unterschiedlicher Wortbildungsbedeutungen (Jakaitienė 1980: 42) – das erste ist ein Diminutiv, während das zweite zur Wortbildungskategorie der Bezeichnungen von Agierenden und Trägern verbaler Eigenschaften gehört (eine andere Interpretation der Polysemie dieser Wörter siehe Rimkutė 2003: 38).
Homonyme können sich auch durch eine konkretere, gruppenspezifische Wortbildungsbedeutung unterscheiden. Dies lässt sich am Beispiel eines terminologischen Suffixes veranschaulichen.
Im Litauischen gelten solche Sprachelemente nicht als Homonyme, die bei sonstiger Übereinstimmung durch die Betonungsstelle, die Intonation, die Länge eines Vokals oder die Weichheit eines Konsonanten unterschieden sind (Urbutis 2008: 214). Meistens wird dies auf Wörter angewandt, vgl. perėjimas – perėjimas, aušti – aušti, kąsti – kąsti, sušti – sušti. Bei Wortbildungsmitteln sind diese Kriterien nicht besonders relevant; allenfalls kann das terminologische Suffix –ėlis, –ė erwähnt werden, über das die LKG sagt, dass es aus der Sicht der „heutigen Wortbildung“ [1965 – Anm. d. Aut.] eher als eigenständiges, selbstständiges Suffix und nicht als bloße phonetische Variante des diminutiven Suffixes –ėlis, –ė anzusehen sei, da es sich von Letzterem nicht nur in der Aussprache, sondern auch in der Bedeutung unterscheide. Außerdem ist es nur einigen westlichen Dzūken bekannt, die beide Suffixe verwenden – sowohl –ėlis, –ė als auch –ėlis, –ė. „Diminutive mit diesem Suffix werden aus Bezeichnungen lebender Wesen und unbelebter Dinge gebildet und haben eine Größenbedeutung (diese Größe kann auch als Häufigkeit der bezeichneten Dinge verstanden werden), z. B. kojelė ‚ein kräftiger, großer Fuß‘, langelis ‚ein riesiges Fenster‘ [...], rugeliai ‚sehr viel (große Flächen) Roggen‘ [...] (LKG I 284). Aus diesem Grund (der unterschiedlichen Bedeutung) werden im Wegweiser diese Diminutivsuffixe als Homonyme angegeben –ėlis, –ė¹ (z. B. die gewöhnlichen Diminutive kojelė, langelis, rugeliai usw.) und –ėlis, –ė² (die genannten kojelė, langelis, rugeliai); das zweite Suffix trägt außerdem die Kennzeichnung „terminologisch“. Die Wortbildungskategorie beider Suffixe und somit auch ihre kategoriale Wortbildungsbedeutung ist dieselbe: Mit ihnen werden Diminutive gebildet. Allerdings
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wird der Begriff der Diminutive, ausgehend von der Definition der kategorialen Bedeutung⁹, im weitesten Sinne verstanden, da sowohl Ableitungen mit diminutiver und affektiver als auch mit augmentativer (vergrößernder) oder pejorativer (abwertender) Bedeutung als Diminutive gelten. Im Litauischen gibt es vergleichsweise wenige Augmentativa und Pejorativa, und ihre Bildung ist eng mit der Bildung von Ableitungen mit diminutiver und/oder affektiver Bedeutung („echten“ Diminutiven) verbunden; bisweilen ist es schwierig, Ableitungen der einen oder anderen Bedeutung zu unterscheiden, und es kommen Ableitungen mit Übergangsbedeutungen (zwischen Kleinheit und Größe, zwischen Affektivität und Abwertung) vor (LKG I 253–254). Somit finden verschiedenartige semantische Ableitungen innerhalb einer Diminutivbildungskategorie Platz. Wenn jedoch die Sememe der Kleinheit und Affektivität zur Unterscheidung von Homonymen nicht ausreichen (in zahlreichen Fällen sind beide in einem Wort vorhanden, z. B.: Lovoj, pasieny, sėdėjo trys vaikai... papurusiosiomis galvelėmis, rankelėmis ir nosimis raudonomis nuo šalčio ŽemR I 58 (LKG I 258), dann ist der Unterschied zwischen Kleinheit und/oder Affektivität einerseits und Größe andererseits diametral und ausreichend, um ihn als Kriterium bei der Feststellung der Homonymie von Ableitungen und ihren Wortbildungsmitteln heranzuziehen. In diesem Fall ist das Kriterium zur Unterscheidung der Homonyme also nicht die kategoriale, sondern die gruppenspezifische Wortbildungsbedeutung.
3.2.1.2. Unterschiedliche Herkunft des Affixes. Nach diesem Kriterium ist in Internationalismen das Suffix –ija³, beispielsweise garant-ija, amnest-ija, reviz-ija (DLKG 99; LKG I 303)¹⁰, im Verhältnis zu den litauischen Suffixen -ija¹ (Ortsbezeichnungen, beispielsweise vyskup-ija) und -ija² (Kollektivbezeichnungen, beispielsweise gyvūn-ija) homonym. Vgl. im Russischen машин–ицм und волк–ист–ый (Efremova 1996: 12; zum Verhältnis von Wortbildungsaffix und -formativ siehe 3.1.), прокурaт–ура und den Kosenamen Саш–ура (Osilbekova 2017: 337). Nicht nur die Herkunftssprache des Wortbildungsformatives kann unterschiedlich sein. Als unterschiedlicher Herkunft werden auch die Präfixe be– aufgefasst – das partikelartige (be¹-daryti) und das präpositionale (be²-kelė (: be kelio), be²-globis, -ė (: be globos)). Da in der Substantivbildung nur das präpositionale Präfix be– verwendet wird, so
⁹ Diminutive (Substantive) sind „Suffixableitungen, die aus Substantiven gebildet werden und dasselbe oder zumindest ein gleichartiges Ding wie das Grundwort bezeichnen, jedoch gewöhnlich von anderer Größe (meist kleiner, seltener größer) oder zumindest so charakterisiert sind, dass die Bewertung dieses Dings und die damit verbundenen Emotionen sichtbar werden; diese können äußerst vielfältig sein (von Bewunderung bis Ekel)“ (LKG I 253). Die Definition der Wortbildungsbedeutung der Ableitungen wurde für die Allgemeinheit einfacher formuliert: „gewöhnlich ein kleineres (seltener ein größeres) oder emotional bewertetes Ding, das durch das Grundwort bezeichnet wird“.
¹⁰ Hinsichtlich ihrer Herkunft sind garantija, amnestija, revizija, die weiter unten erwähnte asimetrija usw. zweifellos Entlehnungen; im Litauischen sind sie jedoch den korrelativen Bildungen zuzuordnen. Solche Wörter fungieren als Bildungen „aufgrund von Wortbildungsbeziehungen, die sich mit anderen Wörtern fremder Herkunft derselben Wurzeln herausgebildet haben“ (Urbutis 2009: 292–293). Mehr zur korrelativen Wortbildung siehe Marchand 1969: 216–219; Pakerys 2013: 2; Inčiuraitė, Stundžia 2015: 32–33.
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Im ŽDV besitzt es kein Homonym, und seine Homonymie im Verhältnis zu allen litauischen Präfixen wird nicht ausgewiesen.
3.3.2. Diskutierbare Kriterien
3.3.2.1. Art des Wortbildungsaffixes. In einigen Arbeiten zur russischen Sprachwissenschaft gilt der Unterschied der Wortbildungsart als unstrittiges Homonymiekriterium, vgl. die russischen Präfixe und Suffixe а–мунч ы й und ч и т–а–т ь, ин–вариант und равн–ин–а, об–нести und жал–об–а, от–бросить und ик–от–а (Osilbekova 2017: 336). Dies widerspricht jedoch dem zuvor erörterten Grundsatz, Suffixe im Hinblick auf Homonymie zusammen mit den Endungen zu beurteilen, dem dieselbe Autorin, wie bereits erwähnt, zustimmt (idem, siehe auch 3.1.). Eine Durchsicht der im ŽDV angegebenen Wortbildungsmittel zeigt, dass dieses Kriterium im Litauischen allenfalls im Fall des internationalen Präfixes a– (a–tipinis, a–simetrija) und der litauischen Endungen auf –a relevant sein könnte. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass es von diesen Endungen mehrere gibt; sie stimmen formal überein, unterscheiden sich aber in der Bedeutung und sind daher als homonym anzusehen, vgl. die Handlungsbezeichnung trauk–a¹, die Bezeichnung einer Eigenschaft gaus–a², die Bezeichnung eines Agierenden žliumb–a³, die Ortsbezeichnung prieplauk–a⁴, die Bezeichnung eines Handlungsergebnisses skald–a⁵, die Werkzeugbezeichnung pakab–a⁶ usw. Wenn die Homonymie des Präfixes a– und der Endungen –a anerkannt wird, müsste man von mehreren Homonymieebenen sprechen und ein mehrstufiges System zur Kennzeichnung von Homonymen entwickeln. Zumindest im Wegweiser, der in erster Linie für die Allgemeinheit bestimmt ist, wäre dies offenbar nicht zweckmäßig. Hier wird über Homonymie nur innerhalb der Gruppe der Affixe derselben Art gesprochen, d. h. das Homonym eines Suffixes ist ein Suffix, das eines Präfixes ein Präfix und das einer Endung eine Endung.
3.3.2.2. Wortart des Grundworts. In manchen Fällen kann dies unerheblich sein. Beispielsweise unterscheiden sich die Diminutive šv ar utėl is staltiesėlė sowohl hinsichtlich der Wortarten der Grundwörter (švarus, –i, staltiesė) als auch der Ableitungen selbst, doch ist ihr Suffix –ėl is, –ė dasselbe, da es sowohl dem Adjektiv šv ar utėl is, –ė als auch dem Substantiv staltiesėlė dieselbe Kleinheits- und Kosebedeutung verleiht. Das Substantiv, das Adjektiv und das Verb nemalonė, nemalonus, –i, nemylėti sind jeweils aus dem Substantiv (malonė), dem Adjektiv (malonus, –i) und dem Verb (mylėti) mit demselben Präfix ne– gebildet, das die Aussage des Grundworts verneint. Andererseits kann eine unterschiedliche Wortart des Grundworts einen Unterschied der Wortbildungsbedeutung bedingen; dann kann bereits von der Homonymie der Wortbildungsmittel gesprochen werden (zur möglichen Homonymie des Präfixes in– siehe Kap. 4). Das wesentliche semantische Kriterium (identische oder unterschiedliche Bedeutung) sollte bei der Entscheidung über die Homonymie eines Wortbildungsformatives in konkreten Fällen maßgeblich sein; die Möglichkeit einer solchen zweifachen Interpretation zeigt jedoch, dass das Kriterium der unterschiedlichen Wortart des Grundworts nicht als notwendig gelten sollte.
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Page 14Homonymie von Wortbildungsformativen und ihre Kennzeichnung im Wortbildungsnachschlagewerk
3.3.2.3. Wortart der Ableitung. In einigen konsultierten russischen Morphemwörterbüchern (Efremova 1996; Cyganenko 1982) gelten Morpheme, die in Wörtern verschiedener Wortarten vorkommen, als homonym, z. B. die Präfixe bez im Substantiv без-участие und im Adjektiv без-нравственный. Anderswo wird dieses Kriterium aufgrund der vom Präfix verliehenen gleichen Bedeutung bezweifelt (Osilbekova 2017: 335). Die oben (Kap. 3.3.2.2.) erwähnten Ableitungen mit dem Präfix ne und dem Diminutivsuffix -ėlis, -ė können ebenfalls die Auffassung stützen, dass die Wortart der Ableitung kein notwendiges Kriterium der Homonymie eines Wortbildungsmittels ist; vgl. außerdem Ableitungen anderer Formative, die verschiedenen Wortarten angehören: smulk-utė moč-iutė, maž-ukas kač-iukas, plon-ytė rank-ytė, į-mušti į-vartį usw. Auch hier ist wiederum das semantische Kriterium ausschlaggebend – die Identität der Wortbildungsbedeutungen, die gleichförmige Wortbildungsmittel den Ableitungen verleihen, lässt keine Homonymie dieser Mittel erkennen.
3.3. „Mobile“ Wortbildungsmittel
Ein weiteres Problem ist, ob ein Wortbildungsformativ, das Endungen beider Genera (Maskulinum und Femininum) besitzt und mit dem mobile Substantive (substantiva mobilia) gebildet werden, stets als ein einziges Wortbildungsmittel anzusehen ist oder ob man dies zumindest formal als zwei Mittel betrachten könnte, wenn die Ableitungen nur maskulines oder nur feminines Genus besitzen.
In der akademischen Grammatik besteht in dieser Hinsicht keine völlige Einheitlichkeit. Auch die Darstellung im LKG und im DLKG, die im Wesentlichen dieselben Informationen enthalten, unterscheidet sich. Wie erwähnt, wird das Suffix –(i)ukas, (–ė) der Kategorie der Bezeichnungen von Trägern verbaler Eigenschaften zu Beginn seines Abschnitts in der akademischen Grammatik ohne Komma zwischen den maskulinen und femininen Formen geschrieben, d. h. –(i)ukas (–ė), im Grammatikbuch der gegenwärtigen litauischen Sprache dagegen mit Komma; vgl. LKG I 328 und DLKG 110. Die angeführten Beispiele zeigen, dass Ableitungen dieses Suffixes maskulines Genus besitzen können (bildukas ‘Puppe, Kobold, Teufelchen’, žindukas) oder substantiva mobilia sein können (slapukas, –ė, krapštukas, –ė); Ableitungen mit ausschließlich femininer Form werden in den Grammatiken nicht angeführt. Anders verhält es sich mit dem Suffix der Kategorie der Bezeichnungen von Trägern nominaler Eigenschaften, das beide Grammatiken analog als –(i)ukas, –ė angeben und schreiben, dass seine „Ableitungen sehr unterschiedliche Dinge der Wirklichkeit bezeichnen und entweder nur eine maskuline Form (meistens), nur eine feminine oder, je nach Bedarf, sowohl die eine als auch die andere haben können“ (LKG I 348–349; DLKG 118), zum Beispiel: rankinukas, raudonukė ‘eine ansteckende Kinderkrankheit mit Ausschlag kleiner roter Flecken’, rastinukas, –ė. Es stellt sich die Frage, ob man in den Fällen rankinuko und raudonukės nicht die Suffixe –ukas und –ukė erkennen könnte (vgl. –inis (vat-inis) und –inė (skard-inė))? Oder sollte das Wortbildungsformativ zumindest in vollständigen Formen beider Genera angegeben werden –ukas, –ukė,
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da die gegenwärtige Darstellung, bei der nur die feminine Endung durch ein Komma abgetrennt wird, für mobile Substantive üblich ist? Die Ableitungen des diminutiven Suffixes -elis, -ė haben regelmäßig eine maskuline Form, wenn sie auf einem maskulinen Substantiv beruhen, und eine feminine, wenn das Grundsubstantiv feminin ist, z. B.: vejelis (: vėjas), lapelis (: lapas), gatvelė (: gatvė), duonelė (: duona) usw.; Ausnahmen sind selten – upelis, upelė (: upė) (DLKG 90)¹¹. Der Grund für diese Verteilung ist zweifellos, dass die Ableitung dieselbe Realität bezeichnet, nur kleiner, positiver oder negativer bewertet, oder dass ihre Bedeutung noch andere für Diminutive typische Sememe besitzt; somit ist auch die Beibehaltung des grammatischen Genus völlig verständlich. Wenn die Bezeichnung einer neuen Realität einer anderen Wortbildungskategorie angehört, ist das Genus der Ableitung nicht so regelmäßig vorhersehbar. Es stellt sich dieselbe Frage: Sollte man in Fällen wie dem genannten der Diminutive die Suffixformen getrennt angeben (–elis, –elė), damit sie sich von mobilen Substantiven anderer Wortbildungskategorien unterscheiden, vgl. –tojas, –a, z. B. rašytojas, –a (: rašyti); –ėjas, –a, z. B. gerbėjas, –a (: gerbti, gerbia, gerbė); –ininkas, –ė, z. B. mokslininkas, –ė (: mokslas)? Dann müsste man vielleicht auch die Homonymie jeder Form gesondert kennzeichnen (die femininen Formen mobiler Substantive sollten wohl in der üblichen Weise angegeben werden, indem nur die Endung geschrieben wird; dadurch wird gezeigt, dass es sich um ein Wortbildungsformativ mit Formen sowohl des Maskulinums als auch des Femininums handelt). Im Wegweiser ist technisch die Möglichkeit vorgesehen, das Homonymzeichen sowohl nach der maskulinen als auch nach der femininen Form zu setzen; somit könnte in den genannten Diminutivfällen und anderen Fällen, in denen die Ableitungen nur einem Genus angehören, beispielsweise gekennzeichnet werden: –elis¹, –elė¹, (vej–elis¹, gatv–elė¹), –elis², –elė² (terminologische Diminutive mit Größenbedeutung lang–elės¹, koj–elė²), vgl. –elis, –ė³ oder –elis³, –ė (Bezeichnung eines Trägers verbaler Eigenschaften čiup–elis, čiup–elė ‘čiupa, čiupna’), –elis, –ė⁴ oder –elis⁴, –ė (Bezeichnung eines Trägers nominaler Eigenschaften jaun–elis, jaun–elė ‘jaunėlis, jaunylis’). Hier würde jedoch erneut das Problem mehrerer Homonymieebenen entstehen, vgl. –ikė als selbstständiges Suffix (3 Homonyme: Diminutive mergi–ikė¹, voland–ikė¹, varl–ikė¹, die seltene dialektale Werkzeugbezeichnung kas–ikė² ‘Kartoffelroder’, dialektale Ortsbezeichnungen žas–ikė³ ‘Gänseort’, avi–ikė³); –ikė als Form der Wortbildungsformative –ikas, –ė, die im ŽDV ebenfalls 3 Homonyme aufweisen (Bezeichnung eines Agierenden neš–ikė neben neš–ikas¹, Bezeichnung eines Trägers nominaler Eigenschaften did–ikė neben did–ikas²), korrelative Bildung matematik–ikė neben matematik–ikas³); –ikė als Form des Wortbildungsformatives –ikis, –ė (Bezeichnung eines Trägers nominaler Eigenschaften raudon–ikis, raudon–ikė ‘Mensch mit rotem, gesundem Gesicht’). Berücksichtigt man außerdem die Möglichkeit, dass Ableitungen desselben Wortbildungsformatives nur eine maskuline oder nur eine feminine Form oder beide Formen besitzen können, oder sowohl
¹¹ In der akademischen Grammatik werden außerdem sehr seltene Ableitungen von Substantiven des gemeinsamen Genus erwähnt, die Formen beider Genera besitzen oder dem gemeinsamen Genus angehören können: dvasnelis, –ė (: dvasna), blūselė (: blūsa ‘Schläfriger’) (LKGI 260–261).
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eine als auch die andere (die genannten rankin-ukas, raudon-ukė und rastin-ukas, -ė), wird deutlich, dass die Berücksichtigung des grammatischen Genus der Ableitungen die Kennzeichnung von Homonymen für Nichtfachleute der Wortbildung übermäßig kompliziert machen würde. Daher ist eine solche Methodik zumindest im Wegweiser, der im Wesentlichen für die Allgemeinheit bestimmt ist, nicht akzeptabel.
4. DARYBOS PRIEMONIŲ HOMONIMIJA PAGAL RŪŠIS ŽODŽIŲ DARYBOS VEDLYJE (PRELIMINARI STATISTIKA)
Nach der ersten Datenverarbeitung zeigte sich, dass 364 von 770 Substantivsuffixen (etwa 47%) homonym sind: 202 von ihnen bilden Homonympaare, in 33 Fällen gibt es drei Homonyme, in 8 Fällen vier; Gruppen mit fünf und sechs Homonymen gibt es jeweils 2. Dies sind jedoch nur vorläufige Orientierungszahlen, anhand derer man sich ein ungefähres Bild vom Ausmaß der Homonymie der Substantivsuffixe machen und sie mit der Homonymie anderer Wortbildungsmittel vergleichen kann. Die Endungen sind, wie erwähnt, nahezu durchgehend homonym. Dies lässt sich natürlich dadurch erklären, dass das Inventar der Endungen selbst (wenn man nur die Ausdrucksseite berücksichtigt) fast hundertmal kleiner ist als das der Suffixe; daher erfüllen formal gleiche Endungen mehr Funktionen und verleihen den Ableitungen mehr unterschiedliche Wortbildungsbedeutungen als die hinsichtlich ihrer Form wesentlich vielfältigeren Suffixe.
Bei der ersten Datenverarbeitungsstufe wurden 5 mit Homonymnummern gekennzeichnete Präfixpaare herausgearbeitet (in-, pa-, prie-, prieš-, pro-); das entspricht etwa 21% aller Präfixe. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Präfixhomonymie im Wegweiser derzeit, solange keine eingehende Untersuchung und kein Vergleich mit ähnlichen Erscheinungen in anderen Sprachen erfolgt ist, eher formaler Natur ist. Bemerkenswert ist, dass in der wissenschaftlichen Literatur die Homonymie der litauischen Präfixe gewöhnlich am einzigen Beispiel der Präfixe be-¹ und be-² unterschiedlicher – partikelartiger und präpositionaler – Herkunft veranschaulicht wird, vgl.: be-norėti – be-namis (Urbutis 2008: 215), be-norėti – be-darbis (Jakaitienė 2009: 111). Alle übrigen Präfixe werden offenbar eher als polysem betrachtet, d. h. die Bedeutungen, die jedes von ihnen seinen Ableitungen verleiht, unterscheiden sich, wenn überhaupt, nicht grundlegend, sondern sind miteinander verbunden. So wird beispielsweise die terminologische Variante des Präfixes į, in, zur Bildung von Wörtern verwendet, die 1) einen Ort bezeichnen, der in den durch das Grundsubstantiv bezeichneten Gegenstand hineinführt, in ihn eindringt und dessen Anfang bildet, z. B.: inklonis (: klonis), oder 2) einen Gegenstand bezeichnen, der dazu bestimmt ist, sich in dem durch das Grundsubstantiv bezeichneten Gegenstand (Ort) zu befinden oder dort zu sein, z. B.: inlopsis ‘Inneres der Wiege’ (: lopšys), inlūpis ‘Innenseite der Lippe’ (: lūpa). In diesem Fall kann man nicht von Präfixhomonymie, sondern von der Polysemie desselben Präfixes sprechen, weil beide von ihm verliehenen Bedeutungen das gemeinsame Semem des Eindringens in das Innere des vom Grundsubstantiv bezeichneten Gegenstands haben –
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des vom Substantiv bezeichneten Gegenstands. (Dasselbe gilt für das Präfix po-, das als polysem gilt, weil alle von ihm verliehenen Wortbildungsbedeutungen (siehe Tabelle 2) einen Zusammenhang mit der Semantik der Präposition po aufweisen und das Grundwort in allen Fällen ein Substantiv ist.) Anders verhält es sich bei inkiauris ‘Spalt in der Wand’ (: kiauras, -a) und insiauris ‘schmaler Ort (zwischen zwei Sümpfen, zwischen Bergen)’ (: siauras, -a), die auf Adjektiven beruhen und sich in ihrer Wortbildungsbedeutung grundlegend von den zuvor genannten Ableitungen mit dem Präfix in unterscheiden (vor allem deshalb, weil das Grundwort ein Adjektiv ist, also keine Sache, sondern eine Eigenschaft bezeichnet) (vgl. DLKG 147,149; LKG 429, 435; ŽDV). Auf dieser Grundlage (dem durch die unterschiedliche Wortart des Grundworts bedingten Unterschied der Wortbildungsbedeutung) werden im Wegweiser zwei Homonyme unterschieden: in⁻¹ (inklonis) und in⁻² (inkiauris)¹². Vgl. den oben erwähnten Fall der Diminutive, der zeigt, dass der Unterschied der Wortarten der Grundwörter nicht als Homonymiekriterium gelten kann, weil er keinen so großen semantischen Unterschied voraussetzt, dass Ableitungen aus Substantiven und Adjektiven (und zugleich ihre Wortbildungsformative) als Homonyme gelten würden. Folglich ist die Wortart des Grundworts bei der Bestimmung der Homonymie von Wortbildungsformativen nur insofern wichtig, als die Wortbildungsbedeutung von ihr abhängt, nicht aber an sich (siehe auch 3.3.2.2.).
TABELLE 2. Polysemie des Präfixes po (ŽDV)
Beschreibung | Wortbildungsbedeutung | Beispiele für Ableitungen 1. | ‘Ort unterhalb des durch das Grundwort bezeichneten Gegenstands’ | pokis, pogrindis, požemis, požievis 2. | ‘Gegenstand, der sich unterhalb des durch das Grundwort bezeichneten Gegenstands befindet oder dazu bestimmt ist, dort zu sein’ | poeržlė, pogalvis 3. | ‘kleinere Systemeinheit oder sonstiger Abschnitt, der in eine durch das Grundwort bezeichnete größere Einheit oder einen größeren Abschnitt eingeht’ | pobūris, pogrupis, poklasis, porūšis, poskyris, pošeimis 4. | ‘Zeit, die unmittelbar auf die durch das Grundwort bezeichnete Zeit folgt oder etwas früher als diese liegt’ | pokaris, popietė, porytis, povakaris 5. | ‘uneheliches Kind’ | podukra, posūnis, povaikis 6. | individuell | požodis ‘ein unnötiges, beim Sprechen ständig verwendetes, angehängtes Wort, eine Tautologie’
¹² Vgl. in der Funktionalen Grammatik der litauischen Sprache: Weder der Unterschied der Wortarten der Grundwörter noch der Wortarten der Ableitungen bildet eine Grundlage, um eine Homonymie des Präfixes į- (in-) anzunehmen. Dort gelten sowohl das Verb į-mesti (: mesti) als auch das Adjektiv į-saulus, -i (: saulė) und das Substantiv į-nagis (: nagas) als Ableitungen desselben Präfixes į- (vgl. Ambrazas (Hrsg.) 1998: 314). Ergänzend sei gesagt, dass solche Nominalwörter in dieser Grammatik als mit dem Präfix į- aus präpositionalen Konstruktionen gebildet gelten. Wenn man jedoch die präpositionale Konstruktion į saulę als Bildungsgrundlage anerkennt, ist das Adjektiv įsaulus, -i offenbar als Ableitung mit einer Endung und nicht mit einem Präfix anzusehen, da į zum Bildungsgrund gehören würde (vgl. https://www.smetona.lt/bdv-daryba/ [abgerufen am 2022–08–12]).
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In Grammatiken und Beschreibungen der präfixalen Bildung von Substantiven wird eine kleine Zahl von Substantiven ausgesondert, die nicht aus Substantiven abgeleitet sind, dennoch aber als Bildungen mit den Präfixen pa-, prieš-, prie gelten könnten, zum Beispiel pa-sukos, prieš-gina, prie-kalas. Fast alle solchen Bildungen beruhen auf den entsprechenden nichtpräfigierten Verben (anders als die durch Endungen gebildeten Substantive, die ebenfalls häufig Präfixe haben, diese jedoch von präfigierten Verben erhalten haben, vgl. pamok-a (: pamokyti, pamoko, pamokė), priepuol-is (: pripulti, pripuola, pripuolė). Dies erlaubt jedoch noch nicht, von einer klaren Tendenz des gegenwärtigen Litauischen zu sprechen, mit Präfixen Substantive aus Verben zu bilden, denn: 1) Solche Substantive gibt es nur sehr wenige, 2) sie können individuelle Analogiebildungen sein; 3) teilweise können sie sogar als durch Endungen gebildete Ableitungen aufgefasst werden (DLKG 149; LKG 435). Solche Fälle werden im Vedlyje getrennt von den üblichen Fällen der Bildung mit den Präfixen pa-, prieš-, prie aus Substantiven dargestellt (vgl. pa-jūris, pa-stalė, pa-brolys, pa-vasaris, pa-tarmė, pa-muilės, pa-dūmė (hist.) ‚Abgabe, die vom Hof eines Bauern (dūmas) erhoben wird‘; prieš-aušris, prieš-kambaris; prie-angis, prie-linksnis) und als Homonyme dieser Präfixe gekennzeichnet. Offensichtlich wird die Homonymie der Präfixe im ŽDV noch nicht konsequent gekennzeichnet, indem in allen Fällen dieselben Kriterien und eine einheitliche Methodik angewandt werden, denn durch die Strukturierung der grammatischen Daten ist das Problem der homonymen Präfixe erst sichtbar geworden; zu seiner Lösung sind eingehendere Untersuchungen der präfixalen Wortbildung (insbesondere der Neologismen) erforderlich.
ZUSAMMENFASSENDE BEMERKUNGEN
1. Žodžių darybos vedlys wurde für die breite Öffentlichkeit als ein Hilfsmittel entwickelt, das dabei hilft, die eigenen Kenntnisse der Wortbildung zu überprüfen, einen regelgerechten Neologismus zu bilden usw.; er ist jedoch auch für Forschende der Wortbildung oder der Morphemik nützlich. So trat bei seiner Entwicklung, durch die Strukturierung der Daten zur Substantivbildung und die Neuordnung des Registers der Wortbildungsmittel (Suffixe und Präfixe), die Relevanz der Frage nach der Homonymie der Wortbildungsmittel deutlich hervor. Nach vorläufigen Berechnungen ist etwa die Hälfte der litauischen Substantivsuffixe homonym, bei den Endungen trifft dies auf fast alle zu. Bis dahin war die Homonymie von Affixen und Morphemen im Allgemeinen nicht eingehend untersucht worden.
2. Im Žodžių darybos vedlyje wurde eine vorläufige Kennzeichnung der Homonymie der Wortbildungsmittel vorgenommen. Es wurde festgestellt, dass es in Nachschlagewerken dieser Art und ähnlichen lexikografischen Quellen notwendig ist, Homonymie zu kennzeichnen. Je nach den angestrebten Zielen und den angewandten lexikografischen Methoden sollte oder wäre es zumindest sinnvoll, Homonymie auch in Wörterbüchern der Wortbildung und der Morphemik (Wörterbüchern der Morpheme und der morphämischen Struktur) zu kennzeichnen. Morphemwörterbücher sollten
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die Homonymie aller Arten von Morphemen widerspiegeln, sowohl der derivationalen Affixe als auch der Wurzeln. Als homonym sollten nur Morpheme derselben Art gelten.
3. Von Homonymie sollte auf der Ebene der derivationalen Formative gesprochen werden (im Fall der Suffigierung wäre dies das Suffix zusammen mit der Endung, z. B. -ikas, -ikis, -ikė), nicht auf der Ebene einzelner Morpheme (z. B. isoliert betrachteter Suffixe -ik-).
4. Eindeutige und verlässliche Kriterien für die Homonymie der Wortbildungsmittel im ŽDV festzulegen, ist unter anderem deshalb schwierig, weil dieses Nachschlagewerk nur Wortbildungsinformationen zu einer Wortart umfasst. Im allgemeinen Kontext der Wortbildungsmittel, also nicht nur der Substantivbildung, würde sich ein anderes Bild der Homonymie ergeben. In dieser Phase, in der nur die Formative der Substantivbildung bewertet werden, sind als Kriterien zur Unterscheidung von Homonymen die unterschiedliche Wortbildungsbedeutung der Ableitungen (gewöhnlich eine kategoriale, seltener eine gruppenbezogene) und die unterschiedliche Herkunft der Wortbildungsmittel anzusehen. Die Verschiedenheit der Wortart der Ableitungen und die Verschiedenheit der Wortart ihrer Basiswörter (sofern dies nicht grundsätzlich auch mit einer anderen Wortbildungssemantik verbunden ist) bedingen für sich genommen die Homonymie der Wortbildungsmittel nicht und sind wahrscheinlich nicht als deren Kriterien anzusehen.
5. Bislang ist nicht vollständig geklärt, wie einige derivationale Formative zu behandeln sind, deren Ableitungen Formen beider Genera (Maskulinum und Femininum) oder auch nur eines von ihnen haben können. Dies ist wichtig, weil davon die Kennzeichnung der Homonymie in hohem Maße abhängt, insbesondere in Fällen, in denen die Form eines Genus formal mit einem selbstständigen Suffix übereinstimmt, vgl. merg-ikė (Suffix -ikė), neš-ikas, neš-ikė (Suffix -ikas, -ikė), raudon-ikis, raudon-ikė (Suffix -ikis, -ikė).
6. Zur Bestimmung der Homonymie der Präfixe sind weitere Untersuchungen erforderlich, insbesondere zu Neologismen. Unzweifelhafte Homonyme sind die aus einer Partikel und die aus einer Präposition hervorgegangenen Präfixe be- (bei der Substantivbildung wird nur das letztere verwendet; daher erscheint es im ŽDV ohne das zweite Homonym und ohne Nummerierung). In einigen Fällen (pa-, prieš-, prie-) werden Präfixe wegen ihrer unterschiedlichen Bildung als Homonyme gekennzeichnet; ein Teil ihrer Ableitungen kann auf Nichtsubstantiven beruhen.
7. Auf der Grundlage des künftig ergänzten Žodžių darybos vedlio könnte ein erklärendes Wörterbuch der litauischen derivationalen Formative erstellt werden. Neben den im Žodžių darybos vedlyje bereits enthaltenen und im Hinblick auf die Homonymie präzisierten Informationen zur Substantivbildung sollten darin auch die Wortbildungsmittel anderer Wortarten sowie mehr neoklassische (internationale) Formative, nicht nur initiale, sondern auch finale, dargestellt werden. Ihre Homonymie sowohl im Verhältnis zu den einheimischen Wortbildungsmitteln als auch untereinander muss selbstverständlich ebenfalls untersucht und gekennzeichnet werden.
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Homonymie derivationaler Formative und ihre Kennzeichnung im Wortbildungsnachschlagewerk
ZUSAMMENFASSUNG
Die lexikalische Homonymie ist die am häufigsten untersuchte Art der Homonymie; sie ist jedoch nicht nur eine Erscheinung der Wörter, sondern auch ihrer Formen sowie der Morpheme. Relevant geworden ist bei der Entwicklung des Word Formation Guide (WFG, https://ekalba.lt/zodziu-darybos-vedlys/), eines digitalen litauischen Nachschlagewerks zur Substantivbildung, das hauptsächlich für die breite Öffentlichkeit bestimmt ist, die Homonymie von Elementen auf dieser Sprachebene – von Morphemen oder genauer von Affixen und Formativen.
Ziel der Untersuchung ist es, die Notwendigkeit der Kennzeichnung der Homonymie derivationaler Formative (und allgemein der Morpheme) in lexikografischen Publikationen zu begründen und die bei der praktischen Darstellung homonymer Wortbildungsmittel auftretenden Probleme aufzuzeigen. Zu diesem Zweck wurden die homonymen Mittel der Substantivbildung im Litauischen – Suffixe, Endungen und (teilweise) Präfixe – erfasst, die Kriterien für die Homonymie der Wortbildungsmittel erörtert und die problematischen Aspekte der Kennzeichnung von Homonymie hervorgehoben.
Der Word Formation Guide enthält eine vorläufige Kennzeichnung der Homonymie der in der litauischen Grammatik dargestellten derivationalen Formative der Substantive. Es wurde deutlich, dass es nützlich oder sogar notwendig ist, Homonymie in solchen Nachschlagewerken und anderen lexikografischen Quellen (Wörterbüchern der Wortbildung, der Morpheme und der morphämischen Struktur) zu kennzeichnen. Solche Wörterbücher sollten die Homonymie aller Arten von Morphemen – derivationaler Affixe und Wurzeln – widerspiegeln. Als homonym sollten nur Morpheme derselben Art gelten. Außerdem sollte Homonymie auf der Ebene der Formative behandelt werden, nicht auf der Ebene der Morpheme (im Fall der Suffigierung wäre dies beispielsweise ein Suffix zusammen mit der Endung –-ikas, –ikis, –ikė, nicht nur –ik–).
Auch die eindeutige und verlässliche Festlegung von Kriterien für die Homonymie der Wortbildungsmittel im WFG ist schwierig, insbesondere weil das Nachschlagewerk nur Substantive umfasst. Im Kontext der Wortbildungsmittel aller
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Wortarten würde sich ein anderes Bild ergeben. Für Substantive sind die unterschiedlichen Wortbildungsbedeutungen der Ableitungen und die unterschiedliche Herkunft der Wortbildungsmittel die Kriterien zur Unterscheidung von Homonymen. Der Unterschied in der Wortart der Ableitungen und der Unterschied in der Wortart ihrer Basiswörter (sofern dies nicht grundsätzlich auch mit einer unterschiedlichen Wortbildungssemantik verbunden ist) führt nicht an sich zur Homonymie der Wortbildungsmittel und ist wahrscheinlich kein Kriterium dafür.
Noch ist nicht vollständig geklärt, wie die Homonymie derivationaler Formative zu kennzeichnen ist, deren Ableitungen sowohl Maskulinum- als auch Femininumformen und/oder jeweils nur eine dieser Formen haben können. Vgl. merg-ikė ‚kleines, niedliches Mädchen‘ (Diminutiv, Suffix -ikė), neš-ikas, neš-ikė ‚Träger/in‘ (Suffix -ikas, -ė), raudon-ikis, raudon-ikė ‚Person mit rotem, scharlachrotem Gesicht‘ (Suffix -ikis, -ė).
Zur Bestimmung der Homonymie der Präfixe sind weitere Untersuchungen erforderlich. Die aus der Partikel be und der Präposition be hervorgegangenen Präfixe be sind unzweifelhafte Homonyme (nur das letztere wird bei Substantiven verwendet, z. B. be-dugnė ‚Abgrund‘ – vgl. be dugno ‚ohne Boden‘). In einigen Fällen (pa-, prieš-, prie-) werden Präfixe im WFG wegen ihrer unterschiedlichen Bildung als Homonyme gekennzeichnet, und einige ihrer Ableitungen können sich auf Nichtsubstantive beziehen.
In Zukunft könnte auf Grundlage des ergänzten WFG ein erklärendes Wörterbuch der litauischen derivationalen Formative erstellt werden. Neben den im WFG bereits enthaltenen und im Hinblick auf die Homonymie korrigierten Informationen sollte es auch die derivationalen Formative anderer Wortarten sowie weitere neoklassische Formative enthalten, nicht nur initiale, sondern auch finale. Ihre Homonymie sowohl im Verhältnis zu den einheimischen Wortbildungsmitteln als auch untereinander sollte selbstverständlich ebenfalls untersucht und gekennzeichnet werden.
Eingereicht am 12. September 2022.
DAIVA MURMULAITYTĖ
Institut für die litauische Sprache
Petro-Vileišio-Straße 5, Vilnius, LT-10308, Litauen
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