Page 1Acta Linguistica Lithuanica 2026, Bd. 94, S. 1–7 Inhaltsverzeichnis-Link / Turinio nuoroda ISSN 2669-218X (online / elektroninis)
OSTBALTISCH „SCHWIEGERVATER“ UND „SCHWIEGERMUTTER“
„Uošvis“ und „Uošvė“ im Ostbaltischen
VÁCLAV BLAŽEK Masaryk-Universität E-Mail: [email protected] ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0002-6797-7188 Forschungsgebiete: baltische und indogermanische Etymologie und Onomastik.
https://doi.org/10.35321/all94-02
ANNOTATION Der vorliegende Beitrag untersucht die baltische Verwandtschaftsterminologie und konzentriert sich auf Bezeichnungen für „Schwiegereltern“. Unter ihnen ist eine Bezeichnung weder hinsichtlich ihrer inneren Struktur noch ihrer Etymologie durchsichtig: litauisch m. uošvis ‚Schwiegervater, Vater des Ehemanns‘, f. uošvė ‚Schwiegermutter, Mutter des Ehemanns‘ sowie lettisch m. uōsis, f. uōse id. Eine neue Etymologie geht von einer ostbaltischen Innovation aus, die ein ursprüngliches determinatives Kompositum annimmt, das durch das Suffix *-iio- / *-iia- erweitert wurde. Das erste Glied wäre durch den indogermanischen Verwandtschaftsterm *h₂euh₂o- ‚mütterlicher Großvater‘ vertreten, der im Baltischen in seiner Ableitung ‚mütterlicher Onkel‘ fortlebt. Für das zweite Glied gibt es zwei alternative Möglichkeiten: 1) das Urbaltische *su̯eśru- ← *Schwiegermutter* + –ā; 2) das Urbaltische *śeiu̯ā ‚Ehefrau‘. SCHLÜSSELWÖRTER: Indogermanisch, Baltisch, Verwandtschaftsterminologie, determinatives Kompositum.
ANOTACIJA In diesem Beitrag werden die baltischen Bezeichnungen für Verwandtschaftsbeziehungen analysiert, wobei der Schwerpunkt auf den mit „Schwiegereltern“ verbundenen Termini liegt. Einer von ihnen ist weder hinsichtlich seiner inneren Form noch seiner Etymologie durchsichtig: das litauische Maskulinum uošvis ‚Vater des Ehemanns‘, das Femininum uošvė ‚Mutter des Ehemanns‘ und das lettische Maskulinum uōsis sowie das Femininum uōse ‚ebd.‘. Die neue Etymologie beruht auf einer ostbaltischen Innovation und setzt voraus, dass ein ursprüngliches determinatives Gebilde durch das Suffix *-iio- / *-iia- erweitert wurde. Das erste Glied soll durch den indogermanischen Verwandtschaftsterm *h₂euh₂o- ‚mütterlicher Großvater‘ repräsentiert werden, der im Baltischen als Ableitung ‚mütterlicher Onkel‘ verwendet wird. Für das zweite Glied werden zwei alternative Möglichkeiten angenommen: 1) urbaltisch *su̯eśru- *Schwiegermutter* + –ā; 2) urbaltisch *śeiu̯ā ‚Ehefrau‘. SCHLÜSSELWÖRTER: indogermanische, baltische Verwandtschaftsterminologie, determinatives Gebilde.
1. Die baltische Terminologie für „Schwiegereltern“ ist relativ reichhaltig. Fassen wir sie zusammen.
1.1. Litauisch šẽšuras m. ‚Vater des Ehemanns, Schwiegervater; Vater der Ehefrau, Schwiegervater‘, im Altlitauischen außerdem ‚Schwager‘, alles aus dem Protolitauischen *šẽšuras < dem Urbaltischen *su̯ẽšura- < dem PIE *su̯eḱur-o- ‚Vater des Ehemanns‘; vgl. Vedisch śváśura- (*svaśura-), Avestisch xᵛasura-, Persisch xusur; Armenisch skesor (f.); Griechisch ἑκυρός; Albanisch vjehërr; Altlatein socerus (*suokuro-), Latein socer, -erī; Althochdeutsch swehur (*swehura-); Kirchenslawisch svekъrъ ‚Vater des Ehemanns‘. Das feminine Gegenstück erscheint im Vedischen śváśrū-, Persischen xusrū; Latein socrus, -ūs, Walisischen chwegr; Gotischen swaihro, Althochdeutschen swigar;
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Eingegangen: / Gauta: 2026-05-04. Angenommen: / Priimta: 2026-05-11.
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Page 2Altkirchenslawisch svekry, -ъve ‚Mutter des Ehemanns, Schwiegermutter‘ < PIE *s̑ueḱru-h₂ < *sueḱur-h₂ (Schneider NIL 672–675; ALEW 1024; Smoczyński 2018: 520; EWAhd VIII 1564–1566).
1.2. Ein offensichtliches feminines Gegenstück zu litauisch šešuras ‚Schwiegervater‘ gibt es im Baltischen nicht, doch Simas Karaliūnas (1999: 86–88) versuchte nachzuweisen, dass ein solches Lexem tatsächlich existierte, indem er es im Litauischen švašva ‚Tochter; Schwester‘ identifizierte, es aus *švešva < *svešva < dem Urbaltischen *s̑u̯ešru̯ā = *s̑uešru̯+ā¹ ableitete und den Bedeutungswandel voraussetzte. Der Verlust von -ris ist vielleicht mit seinem Verlust im Lettischen āpsis, āpsīs ‚Dachs‘ gegenüber dem litauischen opšrys id. < *āps-r-ijō– vergleichbar (siehe Klingenschmitt 2008: 426).
1.3. Das Femininum wurde durch den Neologismus anýta ‚Mutter des Ehemanns, Schwiegermutter‘ ersetzt, der vom indogermanischen Verwandtschaftsterm *h₂enH– ‚Großmutter‘ abgeleitet wurde > altpreußisch ane ‚Altmūt‘ [Elbinger Vokabular 172], also ‚Großmutter‘ (Mažiulis 2013: 57; Smoczyński 2018: 28 sieht hierin ein Germanismus – siehe weiter unten); althochdeutsch ano ‚Großvater‘, ana ‚Großmutter‘; lateinisch anus, -ūs ‚alte Frau; Hexe‘;?messapisch ana ‚Herrin‘?; griechisch ἀννίς· μητρὸς ἢ πατρὸς μήτηρ [Hesychius], also ‚Mutter des Vaters‘, daneben thessalisch ἄνω ‚Großmutter‘; armenisch hani id.; hethitisch ḫanna- ‚Großmutter‘, lykisch χnna id.; wahrscheinlich auch avestisch niiākā- id. und gemein-slawisch *vъnоkъ ‚Enkel‘ < *h₂n-h₂en-ko- (Pokorny 1959: 36–37; Kloekhorst 2008: 285; de Vaan 2008: 45; ALEW 41–42).
1.4. Im Lettischen werden diese Verwandtschaftsbezeichnungen jeweils aus den Wörtern ‚Vater‘ und ‚Mutter‘ abgeleitet: tēvuocis ‚Schwiegervater; Onkel‘ gegenüber tēvs ‚Vater‘ (ME IV 177–178) und mātica ‚Schwiegermutter‘ gegenüber māte ‚Mutter‘ (ME II 587–589).
1.5. Im Lettischen gibt es alternative Bezeichnungen, die periphrastisch sind: vīra / sievas tēvs / māte ‚Vater / Mutter des Ehemanns / der Ehefrau‘ (Buck 1949: 124, §§ 2.61+62).
1.6. Altpreußisch tistis ‚sweir‘ (= Schwiegervater), also ‚Schwiegervater‘ [Elbinger Vokabular 184], das die Vorform *tīstis widerspiegelt, wurde aus dem Slawischen entlehnt – vgl. Altkirchenslawisch tъstь ‚Schwiegervater‘ (Mažiulis 2013: 915; Komárková, ESJS XVII 1011–1012).
1.7. Neben diesen Bezeichnungen, die hinsichtlich ihrer inneren Struktur oder Etymologie durchsichtig sind, gibt es noch eine auf das Ostbaltische beschränkte Bezeichnung für „Schwiegereltern“, die nicht nur innerhalb des Baltischen, sondern innerhalb der indogermanischen Verwandtschaftsterminologie überhaupt isoliert zu sein scheint. Konkret: litauisch m. uošvis, uošvỹs, -io ‚Schwiegervater, Vater des Ehemanns‘, Pl. uošviai ‚Schwiegereltern‘, f. uošvė ‚Schwiegermutter, Mutter des Ehemanns‘, entsprechend lettisch m. uōsis, Pl. uōši und f. uōse, Pl. uōses, wobei die Plurale jeweils ‚Eltern des Schwiegersohns‘ und ‚Eltern der Schwiegertochter‘ bedeuten. Vgl. außerdem nehrungskurisch (Kurseniki) uo̯ašvi, uoašve ‚Schwiegereltern‘ (ME IV 421–422; ALEW 1154; Smoczyński 2018: 585–586).
2. Vorhandene Etymologien von litauisch uošvis / uošvė und lettisch uōsis / uōse
2.1. Josef Zubatý (1891: 249–250) versuchte, die baltischen Formen mit Sanskrit aśinā- zu verbinden, das von Monier Williams (MW 157) als ‚gealtert (ein hohes Alter erreicht habend)‘ übersetzt wurde, während Stephanie W. Jamison und Joel P. Breton (2013: 126) es als ‚fortgeschritten (an Jahren)‘ übersetzten.² Es handelt sich vielleicht um eine Ableitung des Verbs aś- ‚essen, verzehren‘ (MW 112, 157); vgl. germanisch *alda- ‚alt‘, aldī- ‚Alter‘ gegenüber lateinisch altus ‚hoch‘, ad-ultus ‚ausgewachsen, erwachsen‘, wenn diese
¹ Der ā-Stamm erscheint auch im Südslawischen: Bulgarisch svekărva, Makedonisch svekrva, Serbokroatisch svēkrva, Slowenisch svēkrva; außerdem alt-tschechisch svekrva ‚Mutter des Ehemanns‘ (Vykypěl, ESJS XV 905).
² RV 1.27.13. nāmo mahādbʰyo nāmo arbʰakēbʰyo nāmo yūvabʰyo nāma āśinēbʰyaḥ „Ehrfurcht den Großen und Ehrfurcht den Kleinen; Ehrfurcht den Jungen und Ehrfurcht denen , die fortgeschritten (an Jahren) sind.“
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Page 3Formen vom Typus lateinisch alō, –ere ‚ernähren‘ abgeleitet sind, daneben etwa griechisch ἄναλτος ‚unersättlich‘ usw. (de Vaan 2008: 35; Kroonen 2013: 20).
2.2. Charles Bally (1903: 325), gefolgt von Frederik Muller (1926: 524), Giacomo Devoto (1934/1935: 58–64) und anderen, spekulierte über eine Verbindung des litauischen uóšvis und des lettischen uōsis mit lateinisch uxor ‚Ehefrau‘ [Naevius+], wobei er die ursprüngliche Wurzel *ōuk- rekonstruierte. Vgl. auch Alois Walde und Johann Hofmann (1954: 850).
2.3. Jarl Charpentier (1909: 242, Fn. 3) versuchte, litauisch uóšvis mit armenisch owstr ‚Sohn‘ zu verbinden. Doch bereits Oswalt Szemerényi (1977: 19) zeigte, dass armenisch owstr ‚Sohn‘ aus *unstr und weiter aus *ūn(u)–str hervorgegangen ist, wobei die Erweiterung nach dem semantischen Gegenstück dоуstr ‚Tochter‘ hinzugefügt wurde.
2.4. André Vaillant (1958: 116) urteilte, dass das urbaltische Femininum *ōšvī̆ < *ōkū̆ die ursprüngliche Form sei, und leitete es aus der Bedeutung ‚schnell, rasch‘ ab, die etwa in vedisch āśú-, griechisch ὠκύς, lateinisch (Komparativ) ōcior belegt ist. Sein Versuch, die semantische Motivation auf der Grundlage der Bedeutungskette ‚schnell‘ → ‚fleißig, arbeitsam‘ → ‚Schwiegermutter‘ zu erklären, bleibt eher wenig überzeugend.
2.5. Bojan Čop (1974: 97–98) verglich den ostbaltischen Verwandtschaftsterm mit finno-ugrisch *ewkʷes ‚alte Frau; Großmutter‘ > altfinnisch euhko, finnisch eukko ‚alte Frau, Greisin, Frau; Mutter, Großmutter (väterlicherseits, mütterlicherseits)‘; mansisch So. ēkʷa, KU ēkʷa, P jēk, TJ jükä ‚Frau‘; altungarisch ik(e), ük ‚Großmutter‘, ükanya ‚Urgroßmutter‘, ükapa ‚Urgroßvater‘ (UEW I 76). B. Čop sah in diesem Vergleich ein gemeinsames Erbe aus der indouralischen Protosprache.
2.6. O. Szemerényi (1977: 66) leitete den ostbaltischen Verwandtschaftsterm aus dem Urbaltischen *ōsvijas < *ō-sweios ab und interpretierte ihn als ‚der zu den eigenen Sippenangehörigen hinzukommende‘, gebildet mit der Partikel *ō ‚nahe bei‘, während das zweite Glied dem Althochdeutschen swīo ‚Schwager‘ entsprechen soll. Im Baltischen findet sich das genaueste Gegenstück im Altpreußischen swais ‚suus‘, während das litauische Kognat deutlich anders lautet: savẽs, sevẽs Gen. ‚sui‘ (Pokorny 1959: 882). Abgesehen von anderen Umständen erklärt diese Lösung schließlich das litauische –š– nicht.
2.7. Gerd Klingenschmitt (2008: 410) brachte wahrscheinlich die ungewöhnlichste Lösung vor, indem er den vorbaltischen Ausgangspunkt *oh₁–pḱū–iio– rekonstruierte, mit der ursprünglichen Semantik ‚der zur Kleinviehherde (Ziegen und Schafe), die (als Mitgift oder als Kaufpreis) herbeigebracht wird, gehörige (Vater) der Braut‘.
3. Neue Etymologie
Keiner dieser etymologischen Versuche ist überzeugend genug, um ohne Vorbehalt akzeptiert zu werden. Daher ist es berechtigt, nach einer neuen Etymologie zu suchen. Die folgende Lösung stützt sich ausschließlich auf das baltische Material. Ausgehend von der Prämisse, dass die analysierten Verwandtschaftsbezeichnungen ein determinatives Kompositum mit dem akzentuierten Glied an erster Stelle darstellen, während das Kompositum durch das Suffix *–iio–/*–iīā– erweitert wird (Larsson 2002: 204–227), müssen beide Glieder bestimmt werden.
3.1. Das erste Glied lässt sich aus dem Urbaltischen *au– ableiten, wenn man berücksichtigt, dass dieser Diphthong im Ostbaltischen zwei Reflexe hat. Neben dem regulären Fortsetzer au kann er sich in uo verwandeln, vgl. litauisch úogis & uõgis ‚Spross einer Pflanze, Keim, Wuchs‘, abgeleitet vom Verb áugti ‚wachsen‘ (Smoczyński 2018: 1564). Falls dies zutrifft, ist der beste Kandidat für die etymologische Identifizierung des urbaltischen *au– einer der am besten belegten indogermanischen Vertreter der Verwandtschaftsterminologie, dessen semantische Streuung dargestellt werden soll.
Baltisch: litauisch avýnas ‚Onkel, Bruder der Mutter‘ (ebd.: 79: abgeleitet aus dem nicht belegten *auas oder *auis, erweitert durch das Suffix *–īna–), altpreußisch awis ‚Oeme‘ [Elbinger Vokabular 177], also ‚Bruder der Mutter‘ (*auas oder *auias).
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Page 4Vorslawisch *au̯io- > Gemeinslawisch *ujь ‚Bruder der Mutter‘ > Altkirchenslawisch ui, Gen. uja ‚Onkel‘, Bulgarisch (v)ujčo, Makedonisch vujko, vujčo, Serbokroatisch üjac, Slowenisch újec, dial.ȗj; Slowakisch ujec, umgangssprachlich ujo, alt-tschechisch ujec, ober- und niedersorbisch wuj, polabisch vauią / voiį, kaschubisch uj, altpolnisch (w)uj, polnisch wuj; altrussisch (v)ui, weißrussisch dial., ukrainisch dial. vuj (Vykypěl, ESJS XVII 1019).
Urgermanisch *awan- ‚Großvater‘ > altnordisch afi ebd., ái ‚Urgroßvater‘, und *awōn- > gotisch awo ‚Großmutter‘, außerdem westgermanisch *awə-x̑aima- > altenglisch ēam ‚Onkel (Bruder der Mutter)‘, mittelenglisch ēm / eim / yem ‚Onkel, Neffe‘, altfriesisch ēm ‚Bruder der Mutter, Onkel‘; mittelniederdeutsch ōm / oem / ohm / öme / öhe(i)m, öhem ‚Oheim, Onkel, Bruder der Mutter, Sohn der Schwester, Vetter, Cousin‘, mittelniederländisch oom / ome / oome / ohēm ‚Bruder der Mutter, Vetter, Verwandter (Großvater, Schwager)‘; althochdeutsch ôheim ‚Bruder der Mutter, avunculus‘, mittelhochdeutsch oeheim ‚Bruder der Mutter, Oheim, Sohn der Schwester, Neffe, Verwandter‘, deutsch Oheim ‚Onkel‘ (Schuhmann, EWAhd VI 1147–1150).
Keltisch *au̯ā- > gallisch αουα ‚Enkelin‘ (Stele von Cavaillon; siehe Delamarre 2018: 60: Femininum zu dem nicht belegten *auos); goidelisch *au̯io- > ogam-irisch Gen. Sg. avi, altirisch áue, úa, ó ‚Enkel, Nachkomme‘, daneben die Vr̥ddhi-Bildung *āu̯iioin mittelwalisisch (12. Jh. +) ȳwyr ‚Enkel, Enkelkind‘ (GPC); britannisch *au̯on-tīr/tro- ‚Bruder der Mutter‘ > mittelwalisisch (14. Jh. +) ewythyr, walisisch ewythr, altkornisch euitor, kornisch ew̯nter, (mittel-)bretonisch eontr; keltisch *altr-au̯on- > mittelirisch altra ‚Pflegevater‘, altkornisch altrov̯ ‚Stiefvater‘, mittelbretonisch autrou̯ ‚Herr‘ usw.; goidelisch *au̯on-er- > mittelirisch amnair ‚Bruder der Mutter, mütterlicher Onkel, avunculus‘ (Schuhmann, EWAhd VI 1149).
Italisch *au̯o- > lateinisch avus ‚Großvater‘, mit Ableitungen wie avia ‚Großmutter‘, avunculus ‚mütterlicher Onkel‘ (Demin. *au̯on-kelo-) [Plautus+], avītus ‚zu einem Großvater gehörig, ancestral‘ [Cicero+] (Szemerényi 1977: 53; de Vaan 2008: 66).
Armenisch haw ‚Großvater, Vorfahr‘, selten ‚Onkel‘ (Olsen 1999 185: *h₂euh₂o-; Martirosyan 2009: 399–400).
Anatolisch: hethitisch huhha- ‚Großvater‘ < *h₂uh₂ó-; keilschrift-luwisch hūhaid., hieroglyphen-luwisch huhaid., lykisch χugaid. < *h₂ēuh₂o- (Kloekhorst 2008: 352–353). Tocharisch B Gen. Sg. āwi, was Nom. Sg. āwe* ‚Großvater‘ voraussetzt (Adams 2013: 61: *h₂euh₂o-).
Die ursprüngliche Bedeutung des indogermanischen Verwandtschaftsterms *h₂euh₂owar wahrscheinlich ‚mütterlicher Großvater‘. Seine Ableitung *h₂euh₂iocould bezeichnete wahrscheinlich sowohl ‚mütterlicher Onkel‘ als auch ‚Enkel‘.
3.2. Für das zweite Glied des hypothetischen Kompositums gibt es zwei Kandidaten.
3.2.1. Eine Möglichkeit wird durch das litauische Wort švašva ‚Tochter; Schwester‘ repräsentiert, wenn es aus *švešva < *svešva < dem Urbaltischen *suéšruā ableitbar ist und die ursprüngliche Bedeutung das Femininum zu litauisch šešuras ‚Schwiegervater‘ war (vgl. § 1.2., nach Karaliūnas 1999: 86–88). Für das hypothetische determinative Kompositum kann folgende maximale Rekonstruktion vorgeschlagen werden: *āu-sue̯sru̯iā *‚zum Haus des mütterlichen Großvaters gehörige Schwiegermutter‘. Es ist zu erwarten, dass dieses komplexe Kompositum zu *āu-sue̯sūi̯ā vereinfacht wurde, durch regressive Assimilation zu *āusue̯sūi̯ā und durch Haplographie zu *āusūi̯ā, was zu den tatsächlichen Formen führte: litauisch uošvė, lettisch uošė ‚Schwiegermutter, Mutter des Ehemanns‘. Das maskuline Gegenstück wäre analogisch gebildet worden.
3.2.2. Der alternative Kandidat für das zweite Glied könnte ein Vorläufer des lettischen sie̯va ‚Ehefrau‘ sein (ME III 861; Karulis 1992: 179), der die baltische Vorform *se̯iu̯ā widerspiegelt, unter Berücksichtigung der externen Kognaten: germanisch *xīwan- > gotisch heiwa-frau̯ja ‚Herr des Hauses‘, altnordisch Pl. hȳ-býli ‚Gehöft‘, altenglisches Adj. hīw-cund ‚häuslich‘, mittelhochdeutsches Adj. hie̯ ‚Hausangehöriger‘; *xīwan- > althochdeutsch hī(w)o ‚Ehemann‘, daneben hī(w)a ‚Ehefrau, uxor‘, altsächsisch hīwa ebd.; *xīwōnō > altnordisch Pl. hjún, hjón ‚Ehepaar, Haushalt‘, altenglisch Pl. hīwan ebd., altsächsisch hī(w)un ‚Ehepaar‘, Alt
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Page 5hochdeutsch hūn, hī(w)ōn ebd. usw. (Pokorny 1959: 540; EWAhd IV 1077–1082; Kroonen 2013: 227).
Italisch *keiui- > Altlatein ceivis [XII Tafeln], Latein cīvis ‚Bürger‘ [Plautus+], während oskisch ceus ebd. als lateinische Entlehnung angesehen worden ist (de Vaan 2008: 116).
Indoarisch: vedisches Adj. śéva- ‚lieb, kostbar‘ und śévya- ‚lieb (als Freund)‘, vielleicht verbunden mit śivá- ‚heilbringend, günstig, gnädig, wohlwollend, gütig, freundlich, lieb‘ (EWAI II 654–655, 640).
Unter Berücksichtigung des baltischen *šei̯uā als zweitem Glied des hypothetischen determinativen baltischen Kompositums *áu̯-šei̯ui̯ā ‚zum Haus des mütterlichen Großvaters gehörige Ehefrau‘ muss der Prozess seiner Kürzung erklärt werden. Der erste Schritt wäre die Monophthongierung des Diphthongs *ei̯ > litauisch und lettisch ie → i. Dafür gibt es eine Parallele in litauischen Zahlwörtern des Typs vienúolika „11“, dvýlika „12“, trýlika „13“, keturiolika „14“, penkiolika „15“. Hier repräsentiert das zweite Glied Nom.-Akk.Pl. lieká, gebildet aus dem litauischen Nom.Sg. liẽkas ‚ungerade, kein Paar bildend; übrig, überflüssig, nutzlos‘, lettisch liẽks ‚unwahr, falsch; zusätzlich, Reserve- (von einem Rad, einem Pferd); ohne Paar, ungerade; überschüssig‘ (Stang 1966: 188, 280; Smoczyński 2018: 696), allesamt aus dem im Litauischen belegten Verb liẽku, lìkti ‚bleiben; verlassen‘, lettisch lìeku, lìkt ‚lassen‘ (siehe Kümmel, LIV 2001 [1998]: 406–408: *leikᵘ-). Im Lettischen ist diese Tendenz in einigen Dialekten belegt: vin gegenüber viẽn ‚nur‘ und viñpacmit gegenüber viẽņpadsmit „11“ oder lils gegenüber liẽls ‚groß‘ (Endzelin 1922: 98; ME II 470). Der zweite Schritt bestünde in der Synkope des unbetonten i, ähnlich den dialektalen Varianten vienuól’ka, dvýl’ka oder dvýlka, trýl’ka oder trýlka (Smoczyński 2018: 704). Derselbe Prozess lässt sich in der Entwicklung der litauischen Standardsprache erkennen: kẽlnes f. Pl. ‚Hose, Hosen‘, synkopierte Form des altlitauischen kẽlinės, das die Ableitung mit dem Suffix -in aus kẽlis ‚Knie‘ darstellt (ebd.: 1566–1567). Ebenso altlitauisch vẽlinas ‚Teufel‘ gegenüber späterem vél̃nas, heute vél̃nias (ebd.: 1629).
4. Schlussfolgerung
Das Ergebnis dieser Untersuchung ist eine neue Etymologie des isolierten ostbaltischen Verwandtschaftsterms, der durch litauisch m. úošvis ‚Schwiegervater, Vater des Ehemanns‘, f. úošvė ‚Schwiegermutter, Mutter des Ehemanns‘ und lettisch m. uošis, f. uoše ebd. vertreten ist. Die neue Lösung setzt eine ostbaltische Innovation voraus, bei der es sich um ein determinatives Kompositum aus zwei Gliedern plus dem Zugehörigkeitssuffix *-iio-/*-iā handeln soll: (i) *áu-su̯sri̯ā *‚zum Haus des mütterlichen Großvaters gehörige Schwiegermutter‘ oder (ii) *áu̯-šei̯ui̯ā ‚zum Haus des mütterlichen Großvaters gehörige Ehefrau‘.
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