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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA

LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XLI (1999)

Übersichten. Rezensionen. Anmerkungen. Meinungen. Rezensionen. Beobachtungen. Überblicke. Rezensionen. Anmerkungen

EINE BEDEUTENDE ARBEIT ZUR LITAUISCHEN ANTHROPONYMIE

Alvydas Butkus. Lietuvių pravardės, Kaunas, 1995: Aesti, 464 P.

Neue Arbeiten zur litauischen Anthroponymie sind wahrlich keine häufige Erscheinung. Daher sollte man sie besonders ausführlich erörtern und bewerten. Bei A. Butkus’ Arbeit über Spitznamen geschah dies jedoch nicht. Abgesehen von D. Sviderskienės Annotation1 und J. Liutkutės Rezension2 scheint über diese bedeutende Studie nicht weiter gesprochen worden zu sein.

Bei der Lektüre von „Lietuvių pravardės“ und bei der relativ häufigen Nutzung dieser Studie bei verschiedenen Arbeiten zur litauischen Anthroponymie und Toponymie kamen der Verfasserin dieser Zeilen Gedanken, die sie in dieser Rezension darlegen möchte3.

A. Butkus’ Buch ist eine völlig neue Arbeit zur litauischen Anthroponymie; dies ist vor allem dem gewählten Forschungsgegenstand zuzuschreiben – den litauischen Spitznamen. Über sie wurde bislang wahrlich nicht so ausführlich geschrieben: Es gibt einen umfangreichen wissenschaftlichen Aufsatz von Ž. Urbanavičiūtė und V. Žičkutė4 sowie den einen oder anderen populärwissenschaftlichen Artikel zu Spitznamen. Zwar werden Spitznamen oder Personennamen, die aus Spitznamen hervorgegangen sind, in einigen Arbeiten zur historischen Anthroponymie erwähnt5, doch hat dies selbstverständlich nichts mit einer ausführlichen Bewertung oder Erforschung heutiger Spitznamen zu tun.

Die Arbeit besteht aus zwei Teilen. Im ersten legt der Autor eine Analyse litauischer Spitznamen vor (S. 19–134), während der zweite Teil ein umfangreiches Wörterbuch aller gesammelten Spitznamen enthält, in dem rund 22.500 Anthroponyme verzeichnet sind (S. 135–462). Diese Buchstruktur ist ein unbestreitbarer Vorzug, denn die wissenschaftliche Untersuchung der Spitznamen und ihre Schlussfolgerungen einerseits sowie die unmittelbar beigefügte Gesamtheit der untersuchten Personennamen andererseits sind tatsächlich untrennbar miteinander verbunden. Darüber hinaus ermöglichte gerade dies dem Autor, den ers-

1 Baltistica 31(1), 1996, 128–129.

2 Liutkutė J. Neues über das Alte. – Arbeiten und Tage 2(11), 1996, 246–248.

3 Auf einer der Titelseiten des Buches ist angegeben, dass V. Macijauskienė eine der Rezensentinnen der Arbeit ist. Was vor der Veröffentlichung von „Lietuvių pravardės“ gesagt wurde, ist eine knappe Empfehlung geringen Umfangs, diese Arbeit zu veröffentlichen. Eine ausführlichere Bewertung des Buches wird hier vorgelegt.

4 Urbanavičiūtė Ž., Žičkutė V. Lietuvių pravardės. – Kalbotyra 26(1), 1974, 55–61.

5 Vgl. Zinkevičius Z. Lietuvių antroponimika, Vilnius: Mokslas, 1977; Maciejauskienė V. Lietuvių pavardžių susidarymas, Vilnius: Mokslas, 1991 u. a.

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… der Teile zur Untersuchung und zur Arbeit veranschaulichenden Daten, wobei sämtliche Spitznamen in einem Wörterbuch aufgeführt werden6.

Der erste Teil der Arbeit, der im Vorwort als Monografie bezeichnet wird (S. 7), besteht aus der „Einleitung“, 12 Kapiteln und dem Abschnitt „Abschließende Bemerkungen“. Diese Struktur der Arbeit wurde durch ihre Ziele bedingt.

Spitznamen können, wie auch andere Eigennamen, unter verschiedenen Aspekten untersucht werden. Der Autor der besprochenen Arbeit konzentrierte sich vor allem auf die Untersuchung der Motive litauischer Spitznamen und erwähnte am Rande auch Fragen der Bildung einiger Spitznamen (Verwandtschafts-, Füllwort- und Wohnort bezeichnende Spitznamen). Bei der Klassifizierung der Motive ergaben sich elf Gruppen, von denen jede in einem der elf Kapitel der Arbeit behandelt wird (einschließlich des Abschnitts „Unmotivierte Spitznamen“); im zwölften Kapitel wird ein Porträt des Litauers entworfen, das auf den typischsten und häufigsten Motiven der Spitznamen beruht.

Da es sich bei dieser Arbeit um die erste umfassende Untersuchung litauischer Spitznamen handelt, musste der Autor vieles gewissermaßen zum ersten Mal darlegen. So werden in der „Einleitung“ der Begriff des Spitznamens erörtert und dazu mit Sprachwissenschaftlern anderer Länder polemische Auseinandersetzungen geführt, in deren Arbeiten zu dieser Frage eine abweichende Auffassung vertreten wird; schließlich wird folgende Definition des Spitznamens gegeben: „Als Spitzname gilt ein inoffizieller Personenname, der über irgendeine Besonderheit des Betitelten informiert“ (S. 21). Diese Auffassung des Spitznamens wird in der gesamten Arbeit konsequent beibehalten. Ohne die vorgelegte Definition grundsätzlich infrage zu stellen, könnte man überlegen, ob es nicht besser wäre, statt einer Besonderheit des Betitelten einer Besonderheit der Person zu verwenden7.

Weiterhin wird in der „Einleitung“ erläutert, wie Spitznamen entstehen und aus welchen Gründen sie verwendet werden; dabei werden onomastische (objektive) und psychologische (subjektive) Ursachen unterschieden. Man könnte noch hinzufügen, dass beide in vielen Fällen untrennbar miteinander verbunden sind und einander ergänzen: Die onomastische Ursache bedingt die Notwendigkeit der Entstehung eines Spitznamens, deren Umsetzung durch die psychologische Ursache der Verwendung von Spitznamen ermöglicht wird.

Im selben Abschnitt mit dem Titel „Motive der Spitznamen“ wird das komplexe Problem der Motivation von Spitznamen angesprochen. Es wird davon ausgegangen, dass Spitznamen im Unterschied zu anderen Namen „eine authentische onomastische Motivation haben“ (S. 26). Ferner heißt es, Spitznamen seien „eine Brücke aus dem Gemeinwortschatz in den onomastischen Bereich“ und hätten „zweifellos auch einen Begriff“ (ebd.). Aus dem Gesagten wird deutlich,

6 Allerdings wären bei der Lektüre des ersten Buchteils mitunter (besonders dann, wenn die Behauptungen und Argumente des Autors Zweifel hervorrufen oder auch anders interpretiert werden könnten) mehr Beispiele hilfreich. Dieser Wunsch ergibt sich unter anderem auch aus dem gegenwärtigen Entwicklungsstand der litauischen Anthroponymik, der zeigt, dass nicht selten gerade das Material, d. h. die gesammelten und vorgelegten Daten, das einzige Argument ist, das die Forschungsaussagen bestätigt.

7 Vgl. die Definitionen des Terminus Spitzname in anderen Arbeiten zur Anthroponymik und in Terminologiewörterbüchern. Siehe Gaivenis K., Keinys S. Kalbotyros terminų žodynas, Kaunas: Šviesa, 1990, 154; Maciejauskienė V. Lietuvių pavardžių susidarymas, 17–18.

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Welche Grundsätze bei der Bewertung von Spitznamen als Eigennamen in der Arbeit zugrunde gelegt werden. Da die Spitznamen im Buch jedoch gerade nach den Motiven ihrer Entstehung klassifiziert und untersucht werden, wäre eine ausführlichere Erörterung und Kommentierung des komplexen Problems der Spitznamenmotivation wünschenswert.

Das Motiv eines Spitznamens besteht darin, eine besondere Eigenschaft einer Person zu benennen und sie dadurch zu individualisieren. Diese Eigenschaften sind zahlreich und vielfältig; in der Arbeit werden sie in zehn Gruppen eingeteilt: körperliche Merkmale, Verwandtschaft, Tätigkeit, Sprachinhalt, Charakter, Assoziationen, Wohnort, Besitz, Herkunft und Nationalität, sonstige Motive (S. 26–27). Dies ist die Auffassung des Buchautors (ein anderer Forscher würde vielleicht eine andere Klassifikation vorlegen), der man zustimmen kann. Zweifelhaft ist lediglich die Bezeichnung der sechsten Gruppe – Assoziationen –, die sich durch übermäßige Abstraktheit von den übrigen abhebt. Zumal hier nur „Assoziationen gemeint sind, die durch die Phonetik des Vor- oder Familiennamens einer Person hervorgerufen werden, seltener durch dessen Semantik“ (S. 27), während auf S. 25 behauptet wird, Assoziationen seien eine bestimmte Voraussetzung dafür, dass „ein Appellativ zum Namen wird“. Offenbar kommt man also bei der Entstehung von Spitznamen in vielen Fällen nicht ohne Assoziationen aus.

Eines der Ziele des Buchautors bestand darin, auch die geografischen Besonderheiten der Motive litauischer Spitznamen herauszuarbeiten. Zu diesem Zweck werden unter Berücksichtigung linguistischer, ethnografischer, volkskundlicher und historischer Kriterien folgende ethnografische Regionen Litauens unterschieden: Užnemunė, Dzūkija, Aukštaitija, Mittellitauen und Žemaitija; ihre Grenzen werden sehr detailliert festgelegt (S. 29–30). Anschließend werden die wichtigsten Unterschiede bei den Motiven der Spitznamen und ihrem Gebrauch in den verschiedenen Teilen Litauens dargestellt (S. 30–31). Dabei zeigt sich, dass in Dzūkija und Aukštaitija Verwandtschaft das häufigste Motiv für Spitznamen ist, in Žemaitija, Užnemunė und Mittellitauen dagegen körperliche Merkmale. Außerdem haben die Bewohner von Užnemunė und die Litauer Mittellitauens mehr Spitznamen, deren Motiv die Tätigkeit einer Person ist, die Dzūken hingegen erheblich weniger. In Žemaitija und Mittellitauen sind Spitznamen, die auf den Sprachinhalt einer Person zurückgehen, häufiger als anderswo usw. Der Autor legt statistische Daten (in Prozenten) zur Häufigkeit der Motive von Spitznamen in den verschiedenen Teilen Litauens vor. Das sind sehr interessante Daten.

In der „Einleitung“ werden auch die Bildung von Spitznamen und ihr Verhältnis zur Motivation erörtert (S. 31–34); am Ende folgt ein Überblick über die Erforschung von Spitznamen (der eher an den Anfang der „Einleitung“ gepasst hätte, etwa nach oder vor der Erörterung des Begriffs „Spitzname“).

Die nach ihren Motiven klassifizierten Spitznamen werden im Buch in der Reihenfolge der Hierarchie dieser Motive behandelt. Im ersten Kapitel werden daher diejenigen Spitznamen erörtert, deren Entstehungsmotiv am häufigsten ist. Dabei handelt es sich um verschiedene körperliche Merkmale der bezeichneten Person (das Kapitel trägt den Titel „Spitznamen aufgrund körperlicher Merkmale“). Alle hier aufgeführten Spitznamen werden sehr detailliert und präzise klassifiziert: 1. Aussehen (weiter untergliedert in Merkmale von Kopf und Gesicht, Körpergröße, Körperbau, Arme und Beine, Kleidung, Körperhaltung und sonstige Besonderheiten des Aussehens). 2. Sprache (Aussprache, Stimmqualität, mit den Sprachorganen erzeugte nichtsprachliche Laute). 3. Motorik (untergliedert in Gangart und sonstige Bewegungen). 4. Leistungsfähigkeit (Beweglichkeit, Langsamkeit, Stärke, Schwä-

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che, Taubheit und Stummheit, Sehschwäche, sonstige Merkmale). 5. Physiologie.

Dies sind die Rahmenbedingungen für die Klassifikation der Spitznamen in diesem Kapitel. Die Spitznamen in jedem Unterkapitel werden weiter feingliedrig gruppiert. So wird etwa die Aussprache unterteilt in Lispeln, schnelles Sprechen, undeutliche Sprache, Stottern, Flüstern und andere Ausspracheweisen (S. 51–52); die Merkmale von Kopf und Gesicht in Haare, Bart und Schnurrbart, Gesicht, Gesichtsteile, Kopf und Hals (die Gesichtsteile wiederum beispielsweise in Nase, Augen, Zähne, Mund, Lippen, Ohren und Kinn) usw.

Nicht nur die Spitznamen des ersten, sondern auch die der übrigen Kapitel werden so detailliert und äußerst präzise klassifiziert. Im dritten Kapitel etwa werden Spitznamen behandelt, deren Entstehungsmotiv die Tätigkeit der bezeichneten Person ist (das Kapitel trägt den Titel „Spitznamen aufgrund der Tätigkeit“). Zunächst werden sie nach fünf Motiven gruppiert (Handwerk und Dienst, Hobby, Geschäft, Situation, Anwesenheit); Spitznamen, die aus anderen mit der Tätigkeit der Person verbundenen Motiven entstanden sind, werden in einer sechsten Gruppe zusammengefasst. Anschließend wird die erste Motivgruppe (Handwerk und Dienst) weiter unterteilt in a) Handwerk, Beruf (S. 68), b) Dienst, Amt (S. 72); die Untergruppe a) wird erneut detailliert aufgeschlüsselt in Schmiede, Schneider, Schuhmacher, Wagner, Stellmacher, Tischler, Küfer usw. (noch etwa 20 Handwerks- und Berufsbezeichnungen!) (S. 68–72).

In allen Kapiteln wird die Häufigkeit von Spitznamen angegeben, die aus dem einen oder anderen Motiv entstanden sind; dazu werden statistische Daten vorgelegt.

Die Sorgfalt und der Einfallsreichtum des Verfassers beeindrucken; eine derart detaillierte Klassifikation der Spitznamen und die statistische Auswertung der im Buch vorgelegten Daten müssen zweifellos viel Arbeit erfordert haben. Dafür kann man ihm viel Lob aussprechen und zugleich seine geleistete Arbeit würdigen.

Hätte ein anderer Forscher die Spitznamen nach ihren Entstehungsmotiven klassifiziert, läge uns heute vielleicht eine etwas andere Einteilung vor. Denn bei einer derart detaillierten, bis in die kleinsten Einzelheiten gegliederten Klassifikation lässt sich eine übermäßig subjektive Bewertung des einen oder anderen Spitznamens nur schwer vermeiden. So widerspricht der Autor etwa auf S. 36 der Auffassung, Spitznamen, deren Motiv das Stehlen ist, den Spitznamen zuzuordnen, die Charakterzüge oder Charaktereigenschaften bezeichnen. Im Buch werden Spitznamen dieses Typs im dritten Kapitel aufgeführt, in dem die Motive behandelt werden, die Tätigkeiten beschreiben und die Entstehung solcher Spitznamen bedingt haben. Die dritte Motivuntergruppe, „Geschäft“, wird unterteilt in Handel, Stehlen, Jagd, Fischfang, Sammeln und sonstige Geschäftsarten; dem Motiv „Stehlen“ werden die Spitznamen Avininkas, Vištinis, Šūrvagis, Vištavagis (nach den Bezeichnungen der gestohlenen Gegenstände), Lāpė, Vānagas (Spitznamen für Hühnerdiebe) und Ähnliches zugeordnet. Wäre es nicht zweckmäßiger, solche Spitznamen als situationsbedingt zu bezeichnen, wie es im nächsten Unterkapitel mit dem Titel „Situation“ geschieht? Da in dem Buch nur Spitznamen von Dorfbewohnern untersucht werden, könnte man vermuten, dass jemand nur ein einziges Mal etwas Fremdes an sich genommen hat und ihm der damit verbundene Spitzname für den Rest seines Lebens „anhaftete“.

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Weitere derartige Zweifel ließen sich äußern, doch sie widersprechen keineswegs der Auffassung des Verfassers der Arbeit, sondern sind lediglich ein weiterer Fall einer subjektiven Bewertung des einen oder anderen Spitznamens und Ausdruck einer abweichenden Meinung.

Der zweite Teil des Buches „Lietuvių pravardės“ ist das „Pravardžių žodynas“ (S. 135–462). Die darin aufgeführten Personennamen (etwa 22.500) stellen einen wahrhaft gewaltigen Reichtum der litauischen Anthroponymie dar und bezeugen, wie viel bei der systematischen und methodischen Sammlung unserer Spitznamen geleistet wurde. Zumal deren Aufzeichnung in der Tat nicht einfach ist (es ist schwierig, die tatsächlichen Motive für das Entstehen der Spitznamen zu erfahren, und man muss den Informanten helfen, eine gewisse psychologische Barriere zu überwinden usw.).

Im Wörterbuch sind die Spitznamen alphabetisch angeordnet; ihre Motive, ihre lokale Verbreitung (bis auf die Ebene der Umgebung) und weitere Angaben werden genannt. Wie im Abschnitt „Aufbau des Wörterbuchs“ ausgeführt wird, „... wurden die Spitznamen in die Standardsprache übertragen“ (S. 137). Gemeint ist die Normierung der Spitznamen, wobei kurz angegeben wird, wie dabei verfahren wurde: Morphologische Dialektformen wurden beibehalten; von den phonetischen Dialektformen blieben diejenigen erhalten, die den Spitznamen motivieren (z. B. Alyvos Vumždis, Kuoti-nas); die Akzentuierung der Spitznamen wurde normiert (Ausnahmen wurden nur bei Spitznamen gemacht, die aus einer nicht substantivierten Füllpartikel entstanden sind, z. B. Supranti Ūfa, sowie bei solchen mit im Dialekt betonten Suffixen, z. B. bei den Einwohnern von Kaunas -aitė, -ybė usw.) (S. 138).

Spitznamen sind Eigennamen. Neben unseren Ortsnamen, Vor- und Familiennamen bilden sie einen untrennbaren Bestandteil des litauischen Namenschatzes. Wie bekannt, werden Ortsnamen nach einer bestimmten, noch von Sprachwissenschaftlern im Vorkriegs-Litauen entwickelten Tradition normiert, deren wichtigste Grundsätze in mehr als einer normativen Arbeit der Sprachwissenschaftler der Nachkriegszeit festgeschrieben wurden. Für den offiziellen Gebrauch in der Standardsprache wird die standardsprachliche und nicht die dialektale Aussprache der Ortsnamen empfohlen, das heißt als normgerecht angesehen. In die Standardsprache werden nur regelmäßige phonetische Besonderheiten der Dialekte übertragen. Alles Übrige – unregelmäßige Lautveränderungen, Wortbildungselemente usw. – bleibt in den Ortsnamen erhalten8.

Nach denselben Grundsätzen werden auch litauische Vornamen normiert und für den offiziellen Gebrauch in der Standardsprache empfohlen.

Anders verhält es sich mit unseren Familiennamen. Sie werden nicht normiert, und ausschlaggebend dafür ist, dass unsere Familiennamen nicht nur sprachliche, sondern auch eine gewisse rechtliche Tatsache darstellen. Somit sind offiziell sowohl Familiennamenformen im Umlauf, die unter dem Gesichtspunkt der korrekten Standardsprache regelgerecht sind, als auch dialektale und anderweitig verunstaltete, slawisierte oder ähnliche litauische Familiennamenformen9.

Über die Normierung von Spitznamen ist, soweit ersichtlich, bislang nirgendwo ausführlicher gesprochen worden (gemeint sind nur litauische Spitznamen). Aus den Ausführungen des Verfassers

8 Ausführlicher zu den Grundsätzen der Ortsnamennormierung siehe Vanagas A. Vietovardžių norminimo principai. – Gimtoji kalba 4, 1991, 11–14.

9 Siehe ausführlicher: Lietuvių pavardžių žodynas 1, Vilnius: Mokslas, 1985, 16–18; Maciejauskienė V. Lietuvių pavardžių vartosena. – Gimtoji kalba 7, 1994, 1–3.

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man kann verstehen, dass versucht wurde, sich an die bereits etablierten Grundsätze zur Normierung von Ortsnamen zu halten. Eine Ausnahme wird allerdings bei jenen phonetischen Dialektismen gemacht, die, wie es heißt, „den Spitznamen motivieren“ (S. 138). Offenbar wird so sowohl mit regelmäßigen als auch mit unregelmäßigen phonetischen Besonderheiten der Dialekte verfahren (aus den beiden unmittelbar angeführten Beispielen wird dies nicht ersichtlich). Damit wird gewissermaßen anerkannt, dass Spitznamen als sehr spezifische Wörter (Personennamen) auch anders normiert werden können als beispielsweise litauische Ortsnamen.

Spitznamen sind n i c h t o f f i z i e l l e Personennamen, die in einem sehr begrenzten Umfeld gebräuchlich sind, meist im Gebiet des Dorfes, in dem die betreffende Person lebt. Ihre in einem bestimmten Dialektgebiet entstandenen Formen spiegeln zweifellos alle Besonderheiten des jeweiligen Dialekts und dessen Eigenart wider. Was bringt die Normierung von Spitznamen? Zumal sie (weder einzeln noch in ihrer Gesamtheit) mit Sicherheit niemals für den offiziellen Gebrauch der Standardsprache vorgesehen sein werden. Hätte man im Wörterbuch authentische, mundartliche Formen der Spitznamen angeführt, wäre es zu einer unschätzbaren Quelle für Daten über die schwindenden litauischen Dialekte geworden. Die bei den Spitznamen angegebenen Lokalisierungsdaten hätten bei Bedarf die Übertragung der Personennamen in die Standardsprache erleichtert; für Fachleute wäre dies in den meisten Fällen nicht schwierig gewesen. Erwähnenswert ist noch eine weitere Möglichkeit, Spitznamen im Wörterbuch darzustellen: Nach den normierten Personennamen hätten ihre dialektalen Formen angegeben werden können. So hätte die Arbeit nicht nur die äußerst benötigten dialektologischen Daten festgehalten und dadurch einen höheren wissenschaftlichen Wert erlangt, sondern wäre auch für alle Leser, die sich für litauische Spitznamen interessieren, ohne Weiteres nutzbar gewesen.

Mit den hier dargelegten Gedanken zur Normierung von Spitznamen sollte keineswegs die vom Autor gewählte Auffassung oder seine Position infrage gestellt werden (das ist das Recht des Forschers). Es ging lediglich darum, darauf hinzuweisen, dass einige mit der Normierung von Spitznamen zusammenhängende Fragen durchaus eine ausführlichere Erörterung verdienen, die man im Abschnitt „Aufbau des Wörterbuchs“ vermissen kann.

Mit der Normierung von Spitznamen (ebenso wie von Ortsnamen) ist auch die Betonung dieser Eigennamen verbunden.

Unsere Ortsnamen werden in der Standardsprache so betont, wie sie von den Menschen an dem Ort betont werden, an dem der Ortsname entstanden ist und gebraucht wird. Somit wird die authentische Betonung der Ortsnamen respektiert, und als normal gilt, dass ein Ortsname gleicher Bildung und Herkunft, der an verschiedenen Orten Litauens gebräuchlich ist, unterschiedlich ausgesprochen wird (z. B. Jõnalaukis, Dorf im Rajon Jonava, und Jonãlaukis, Dorf im Rajon Ignalina; Lengvėniškės, Dorf im Rajon Prienai, und Lengveniškės, Dorf im Rajon Zarasai). Normiert werden nur solche Fälle der Ortsnamenbetonung, die mit einer regelmäßigen Rückverlagerung des Akzents zusammenhängen10.

Auch die in Litauen sehr häufigen Betonungsvarianten desselben Familiennamens werden als gültig anerkannt (z. B. Bálnanosis, Balñanosis, Balnanõsis; Dargūžis und Dargužis). Sie

10 Siehe auch Vanagas A. Grundsätze der Normierung von Ortsnamen (2). – Gimtoji kalba 5, 1991, 4–7.

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als gleichwertig und korrekt betrachtet, und alle werden für den Gebrauch in der Standardsprache empfohlen11.

Offenbar sollten dieselben Betonungsgrundsätze auch für Spitznamen gelten. In der Standardsprache wären diese Personennamen also so zu betonen, wie sie von den Menschen an den Orten betont werden, an denen der jeweilige Spitzname entstanden ist und gebraucht wird. Daher ist nicht ganz klar, was der Buchautor meint, wenn er behauptet, die Betonung der im Wörterbuch angeführten Spitznamen sei normiert, und die bereits erwähnten Ausnahmen nennt (S. 138). Diese Unklarheit wäre nicht entstanden, wenn der Forscher seine Auffassung zu den Besonderheiten der Betonung von Spitznamen und ihrer Normierung (oder Nichtnormierung) ausführlicher erörtert hätte.

Wenn man die Aktualität, Notwendigkeit und den Wert von „Lietuvių pravardės“ anerkennt, kann man sagen, dass das Buch in der Tat viel Lob verdient. Andererseits bietet das Erscheinen einer neuen onomastischen Arbeit Gelegenheit, einige Fragen im Zusammenhang mit der Forschung auf diesem Gebiet zu diskutieren. Deshalb möchte ich neben dem, was bereits in der Rezension gesagt wurde, noch auf den einen oder anderen Punkt aufmerksam machen.

Die litauische Onomastik ist ein vergleichsweise junger Zweig unserer Sprachwissenschaft; daher stoßen die Verfasser von Arbeiten zu dieser Thematik häufig auf Probleme beim Gebrauch von Fachtermini.

Gegenstand der onomastischen Forschung sind Eigennamen, oder Onyme. Der Terminus onimas, der im russischen Wörterbuch onomastischer Termini aufgeführt und definiert ist12, wird in den Arbeiten von Wissenschaftlern verschiedener Länder, selbstverständlich auch Litauens, verwendet. Als Onyme müssen demnach alle Eigennamen der litauischen Sprache (Ortsnamen, Personennamen usw.) bezeichnet werden. Die Gesamtheit der Eigennamen oder Onyme wird mit dem Terminus onimija13 bezeichnet. Folglich dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass auch Spitznamen Onyme sind. Daher kann man dem Autor des rezensierten Buches nicht zustimmen, wenn er Wörter, aus denen Spitznamen entstanden sind (oder abgeleitet werden können), als Onyme bezeichnet (S. 25). Zumal die Erklärung eines solchen Gebrauchs des Terminus onimas mit dem Argument, Spitznamen könnten sowohl von Gattungs- als auch von Eigennamen abgeleitet sein, keineswegs überzeugend ist (siehe Fußnote auf S. 25). Dem Autor zufolge sind Onyme nicht nur Eigennamen, sondern auch Gattungsnamen. Vgl. etwa die Aussagen: „Onyme sind hier Tierbezeichnungen: Bebras, Lapė, Voverė...“ (S. 37); „Als Onyme werden Bezeichnungen schnabelkrummer Vögel verwendet (der häufigste Spitzname ist Vānagas)...“ (S. 41); „Onyme sind hier Bezeichnungen kleiner Tiere: Cýrule, Puokis...“ (S. 45); „Seltener sind Onyme Personennamen und Zooapelativa (Rickus,... arklys, gaidys)“ (S. 76) usw. Dies widerspricht im Wesentlichen dem in der onomastischen Terminologie etablierten Verständnis des Terminus onimas. Zwar werden Wörter, von denen ein Spitzname abgeleitet wird, gelegentlich nicht Onyme genannt, sondern anders bezeichnet, zum Beispiel als motyvuojantis žodis (S. 31) oder pravardžių apelatyvai (S. 75, 96, 99), doch wird hierfür meist der bereits erwähnte Terminus onimas verwendet.

11 Ausführlicher siehe Maciejauskienė V. Gebrauch litauischer Familiennamen, 5–6.

12 Подольская Н. Словарь русской ономастической терминологии, Москва: Наука, 1978, 95.

13 Žr. Jakaitienė E. Lietuvių kalbos leksikologija, Vilnius: Mokslas, 1980, 86.

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Hier kann außerdem darauf hingewiesen werden, dass im Buch die Wurzeln von aus verschiedenen Wörtern entstandenen Spitznamen bei ihrer Aufzählung mit Großbuchstaben geschrieben werden, z. B.: Balt-, Juod-, Rud-, Žil- (S. 37), Murz-, Žebr- (S. 39), Maž-, Trump- (S. 45), Klib-, Šlub- usw. (S. 54) und so weiter. In unseren Arbeiten zur Anthroponymik ist es in solchen Fällen üblich, die Wurzeln (Stämme) der Personennamen mit Kleinbuchstaben zu schreiben14.

Bei der Erörterung eines der Typen von Verwandtschaftsspitzenamen, nämlich der patronymischen Spitznamen, werden die Termini tėvavardis und patronimas genannt (S. 21, 57 u. a.). Sie werden synonym verwendet, wobei davon ausgegangen wird, dass beide denselben Begriff bezeichnen – einen Personennamen, der aus dem Vornamen, Familiennamen, Spitznamen o. Ä. des Vaters gebildet ist. Dies legt nahe, dass das Buch der Auffassung, diese Termini zu unterscheiden und als Bezeichnungen für Begriffe unterschiedlichen Umfangs zu behandeln, nicht folgt (patronimas – jede Ableitung von einem beliebigen Personennamen des Vaters, d. h. Vorname, Familienname, Spitzname oder Pseudonym, während tėvavardis eine Ableitung mit patronymischen Suffixen vom Vornamen des Vaters ist)15.

Bei der Lektüre über patronymische Spitznamen stößt man noch auf die eine oder andere diskutierbare Aussage. So heißt es beispielsweise auf S. 21: „In der litauischen Sprache ist ein Vatersname gewöhnlich zweigliedrig (z. B. Adomo sūnus) oder eingliedrig im Genitiv (Adomo).“ Hält man an dem bereits erwähnten Verständnis des Vatersnamens fest (einem mit patronymischen Suffixen aus dem Vornamen des Vaters gebildeten Personennamen), ist es nicht sinnvoll, von einem zweigliedrigen Vatersnamen (ebenso wenig von einem eingliedrigen Genitiv) zu sprechen. Was der Autor hier Vatersname nennt, könnte als Verweis auf den Vornamen des Vaters o. Ä. bezeichnet werden. Oder: Auf S. 60 werden zusammengesetzte Vatersnamen genannt: Sūnelio Aldoną (der Spitzname des Vaters lautet Sūnelis), Žento Jūlius (der Spitzname des Vaters lautet Žentas). Wie man sieht, geht es um zusammengesetzte Spitznamen, von deren Bestandteilen einer auf den Spitznamen des Vaters verweist.

Ebenfalls nicht ganz überzeugend ist, dass in der Arbeit zur Anthroponymik Patronyme und Matronyme (Ableitungen vom Vornamen der Mutter) nicht unterschieden werden. Wie der Autor erklärt, geschieht dies „der Einfachheit halber“ (Fußnote auf S. 57). Allerdings wird diese Auffassung nicht konsequent befolgt, und an einigen Stellen werden Matronyme, also Mutternamen, erwähnt (z. B. S. 59: metronimus, metroniminių priesagų; hier handelt es sich bei met- anstelle von mat- wahrscheinlich um einen Druckfehler).

Wahrscheinlich kann man auch solchen Fällen nicht zustimmen, in denen der Autor den üblichen Terminus patroniminė priesaga durch die kürzere Form patropriesaga (S. 59, 64 u. a.) ersetzt (Suffix des Vaters?) oder den Terminus patroformantas verwendet (S. 124), und anstelle von parazitinis žodis parazitzodis schreibt (S. 84, 87) usw.

Wie bereits erwähnt, werden die Fragen der Spitznamenbildung in der Arbeit aufgrund des gewählten Aspekts der Spitznamenforschung nicht ausführlich behandelt, obwohl sie in einigen Kapiteln zur Sprache kommen. Eines davon ist das Kapitel „Die Bildung von Spitznamen und ihr Verhältnis zur Motivation“ (S. 31).

14 Vgl. Kuzavinis K., Savukynas B. Lietuvių vardų kilmės žodynas, Vilnius: Mokslas, 1987; Lietuvių pavardžių žodynas, Maciejauskienė V. Lietuvių pavardžių susidarymas u. a.

15 Siehe Maciejauskienė V. Op. cit., 17.

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Hier wird behauptet, dass man Spitznamen hinsichtlich ihrer Bildung „in primäre und Derivate einteilen kann (S. 31, 33 u. a.). Aus den weiteren Ausführungen lässt sich schließen, dass auch Spitznamen wie Baltakys, Išverstakis, Kreivažandis usw. der Gruppe der Derivate zugerechnet werden, obwohl sie als zweistämmige Spitznamen und bisweilen als Komposita bezeichnet werden. Nimmt man an, dass die genannten Spitznamen aus einem bestehenden oder potenziellen Appellativ entstanden sind, könnte man sie hinsichtlich ihrer Bildung als primär einstufen. Derivate sind sie jedoch keinesfalls (ein Derivat oder eine Ableitung ist ein Wort, das „auf einem einzigen Grundwort beruht und ein Derivationsformans aufweist“16). Es handelt sich um Komposita, also um zusammengesetzte Spitznamen17. Somit scheint Derivation in diesem Buchkapitel als Gesamtheit der Wortbildungsmethoden verstanden zu werden. Dieses Verständnis wird auch im zweiten Kapitel des Buches („Verwandtschaftsbezogene Spitznamen“) wiederholt: „Die andere Hälfte der Spitznamen sind Derivate; ein Drittel davon sind Komposita, gebildet aus dem Personennamen (meist dem Familiennamen) des Schwiegervaters und einem Appellativ Schwiegersohn...“ (Bružentis, Lapėnžentis, Šimkažentis) (S. 65). Diese Unterscheidung wird jedoch nicht konsequent beibehalten.

Bei der Erörterung der Bildung von Spitznamen im siebten Kapitel des Buches („Spitznamen aufgrund des Wohnorts“) werden neben Ableitungen bereits auch Komposita erwähnt (S. 111, 113). Zu Letzteren zählen mehrteilige Spitznamen (Kalno Juodėlis, Jonis Šilinis) und zweistämmige Spitznamen (Miškāpet ris, Plikbalis, Vienasėdis) (S. 113). Mehrteilige Spitznamen (Antano Pašily s, Sūnelio Aldonā) werden auch auf S. 60 erwähnt; auf Komposita, Zusammensetzungen und mehrteilige Spitznamen wird auf S. 116, 117 u. a. hingewiesen. Somit könnte man bei der Bewertung der Bildung von Spitznamen durchaus eine mangelnde Konsequenz feststellen.

Zusammengesetzte Spitznamen werden als Komposita bezeichnet (S. 32, 38, 65 u. a.) oder als zweistämmige Spitznamen (S. 32, 38, 113 u. a.). Während man der Verwendung der Begriffe zusammengesetzter Spitzname und Kompositum zustimmen kann, lässt sich die Zweckmäßigkeit des Begriffs zweistämmiger Spitzname infrage stellen. In der litauischen Anthroponymik ist es üblich, alte baltische Personennamen als zweistämmig zu bezeichnen (z. B. Algirdas, Mindaugas, Vytautas usw.).

Erwähnt sei noch eine weitere Ungenauigkeit im Zusammenhang mit der Erörterung der Bildung von Spitznamen. So wird bei der Behandlung der Bildung von Frauenspitznamen das Suffix -ienė angeführt (Kūgelienė, Žirafienė), und zum Vergleich werden die Appellative sukčiuvienė, snaudžiuvienė angeführt (S. 67). Letztere enthalten jedoch das Suffix -(i)uvienė. Es ist nicht präzise, den Spitznamen Motė als eine durch Endung gebildete Ableitung von Motiejus einzustufen.

Abschließend möchte man die Frage aufwerfen, ob Spitznamen unmotiviert sein können (vgl. das elfte Kapitel des Buches, „Unmotivierte Spitznamen“). Im Abschnitt „Motive der Spitznamen“ erklärt der Autor: „... die Auffassung, ein Spitzname könne ohne Motiv nicht existieren, ist allzu kategorisch, denn es gibt Spitznamen mit vergessenem Motiv“ (S. 26). Wichtiger ist wohl, dass ein Spitzname nicht ohne Motiv entstehen kann, aber nach seiner Entstehung durchaus existieren kann (selbst wenn das Motiv unbekannt, vergessen o. Ä. ist). Das

16 G a i v e n i s K., K e i n y s S. Kalbotyros terminų žodynas, 47, 225.

17 Plg. U r b u t i s V. Žodžių darybos teorija, Vilnius: Mokslas, 1978, 283; V a n a g a s A. Lietuvos TSR hidronimų daryba, Vilnius: Mintis, 1970, 25.

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oder widerspricht der Begriff unmotivierte Spitznamen nicht dem Verständnis eines Spitznamens? Wenn die Motive für Spitznamen wie Bebras, Erkė, Kreidaklynis (S. 119) u. a. bei der Erfassung dieser Personennamen nicht verzeichnet wurden, bedeutet das doch nicht, dass sie auf eine andere Weise entstanden sind als alle litauischen Spitznamen, das heißt, dass sie unmotiviert sind.

Bei der Bewertung von „Lietuvių pravardės“ war man vor allem bemüht, die Leser auf die Vorzüge dieser neuen Arbeit zur litauischen Anthroponymik aufmerksam zu machen. Die hier vorgebrachten polemischen Anmerkungen oder eine in manchen Fragen vom Autor abweichende Meinung mögen vielleicht der weiteren Erforschung dieses einzigartigen Bestands litauischer Personennamen dienlich sein.

Vitalija Maciejauskienė

Benita Laumane. Zeme, jūra, zveivietas. Zvejniecības leksika Latvijas piekrastē. Rīga, 1996: Zinātne, 397 lpp.: il., [8] lp. kr. il.

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche bedeutende Arbeiten zur baltischen Onomastik erschienen. Zweifellos zählt dazu das 1996 erschienene Buch der lettischen Sprachwissenschaftlerin B. Laumane, das der Erforschung des Fischereiwortschatzes in den Gebieten Lettlands an der Ostsee gewidmet ist¹. Diese Arbeit fasst frühere Studien der Autorin zusammen und ergänzt sie².

Man muss sagen, dass es sich um die erste Arbeit dieser Art in der baltischen Onomastik (und überhaupt in der Linguistik) handelt: Sie untersucht den appellativischen und onymischen Wortschatz eines recht spezifischen Gebiets – der Küste – umfassend und eingehend. Zwar wurde auch über die Ortsnamen der litauischen Ostseeküste geschrieben³, doch handelte es sich dabei eher um eine Einführung in die Toponymie als um eine ausführliche Analyse.

B. Laumanes Buch besteht aus einem „Vorwort“, einer „Einleitung“ und drei umfangreichen Kapiteln: „Namen der Fischersiedlungen und Anlegestellen“ („Zvejniekciemu un valgumu nosaukumi“), „Reliefbezeichnungen“ („Reljefa apzīmējumi“) und „Namen der Fischereigebiete“ („Zvejvietu nosaukumi“). Diese Kapitel gliedern sich jeweils in mehrere detailliertere Unterkapitel.

Die Einleitung (S. 5–16) bietet eine vielseitige Charakterisierung des Gebiets an der Ostseeküste: Sie gibt einen Überblick über die Entstehungsgeschichte der Fischersiedlungen, die Entwicklung des Fischereigewerbes, die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung und deren Wandel. Angaben aus historischen Quellen

1 Das Buch verdient zweifellos eine ausführliche Rezension oder eingehende Besprechung. Vorläufig beschränkt man sich jedoch darauf, es vorzustellen.

2 Plg. Лаумане Б. Семантика и структура названий тоней побережья Латвийской ССР. – Baltu valodas senāk un tagad, Rīga: Zinātne, 1985, 115–127; Laumane B. Zvejvietu nosaukumi Latvijas PSR piekrastē, Rīga: Zinātne, 1987 ir kt.

3 Siehe Гуделис В. Список географических названий залива Куршю марес и прилегающей к нему территории. – Куршю марес, Вильнюс, 1959, 541–546; Vanagas A. Die Gewässernamen unserer Küste. – Baltija, Vilnius: Mintis, 1984, 72–77; Razmukaitė M. Die Ortsnamen der Kurischen Nehrung und des Kurischen Haffs. – Sprachkultur 69, 1997, 74–81.

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