Page 1BALTŲ KALBŲ VEIKSMAŽODŽIO TYRINĖJIMAI LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA
E. GRINAVECKIENĖ
EINIGE BESONDERHEITEN DES VERBS IM DIALEKT VON GERVĖČIAI
Von der isolierten litauischen Sprachmundart von Gervėčiai (BTSR, Gebiet Grodno, Rajon Aštravas), die in den zwölf litauischen Dörfern rund um das Städtchen Gervėčiai gesprochen wird – Gaigaliai, Galčiūnai, Geliūnai, Girios, Kerplosina, Knystiškės, Miciūnai, Miltiėjos, Mockos, Petrikai, Pelegrinda und Rimdžiūnai –, besitzen wir bis heute kaum Beschreibungen oder umfassendere zusammenfassende Untersuchungen, obwohl die litauische Sprache dieser Gegend seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erforscht wird. Das Sammeln dialektaler Sprachdaten aus dieser Umgebung wurde besonders während der Sowjetzeit intensiviert. Neben einer Reihe von Texten aus diesen Orten1 wurden in jüngerer Zeit auch die hier verwendeten Phraseologismen und semantischen Dialektismen veröffentlicht2, das phonologische System dieser Mundart beschrieben3 und einige Aspekte des lexikalischen und semantischen Einflusses der slawischen Sprachen auf das Litauische dieser Gegend untersucht4. Eine beträchtliche Menge sprachlicher Daten aus dieser Mundart findet sich im akademischen „Wörterbuch der litauischen Sprache“ und in dessen Belegkartei5, in der Belegkartei und Phonothek des „Atlas der litauischen Sprache“6, in der akademischen „Grammatik der litauischen Sprache“7, in J. Paulauskas’ Studie „Die Funktionen der Verbpräfixe im heutigen literarischen Litauisch“8, in Z. Zinkevičius’ Buch „Litauische Dialektologie“9 und anderswo.
Aufmerksamkeit erregt das Verbalsystem dieser Mundart mit einigen Besonderheiten seiner Flexion, Wortbildung, Bedeutung usw. sowie archaischen Relikten und Umbildungen seiner Formen. In diesem Artikel wird versucht, die eine oder andere solche Besonderheit des Verbs zu beleuchten.
1 Э. Вольтер, Литовская хрестоматия, вып. 2, СПб, 1904, p. 396—402; P. Arumaa, Litauische mundartliche Texte aus der Wilnaer Gegend mit grammatischen Anmerkungen, Dorpat, 1930, p. 7—18; Lietuvių kalbos tarmės (Chrestomatija), Vilnius, 1970, p. 394—395.
2 Leksikos tyrinėjimai, Vilnius, 1972 (A. Vidugirio ir J. Lipskienės straipsniai).
3 Т. М. Судник, К характеристике фонологических систем литовско-славянского пограничья (канд. диссертация), Москва, 1970.
4 Л. Г. Невская, О лексическом и семантическом взаимодействии литовского и славянских языков (на материале географической апеллятивной терминологии), — Советское славяноведение, Москва, 1972, № 1, р. 90—104.
5 Wörterbuch der litauischen Sprache, I—VIII, Vilnius, 1941—1970; seine Belegkartei, aufbewahrt im Institut für litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR.
6 Belegkartei und Phonothek des Atlas der litauischen Sprache, aufbewahrt im Institut für litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR.
7 Grammatik der litauischen Sprache, I, Vilnius, 1965; II, Vilnius, 1971.
8 J. Paulauskas, Veiksmažodžių priešdėlių funkcijos dabartinėje literatūrinėje lietuvių kalboje, — Literatūra ir kalba, III, Vilnius, 1958, p. 303—453.
9 Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, Vilnius, 1966.
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Page 21. Neben allen hier verwendeten vokalischen Verbstämmen (klėga10 „spricht“, laidžia „lässt“, girda „hört“, daro) kommt im Dialekt bei dem einen oder anderen Verb auch eine kontaminierte Singularendung der 1. Person des Präsens mit konsonantischem Stamm vor, z. B.: būmi (sein -m- ist wahrscheinlich analog zu es-mi+u entstanden11) „ich bin“, demù „ich lege“, dúomu „ich gebe“, dziūmu „ich trockne“, eimi „ich gehe“, ėmu „ich esse, fresse“, giemu „ich singe“, miegmu „ich schlafe“, sviemu „ich werfe“. Auf der Grundlage dieser Neubildungen ist hier auch das gesamte Präsensparadigma gebildet worden und in Gebrauch, z. B.: demi „du legst“, dėma „er/sie legt“, dėmam „wir legen“, dėmat „ihr legt“, dúoma „er/sie gibt“, dziūma „er/sie trocknet“, eima „er/sie geht“, ėma „er/sie frisst, isst“, giema „er/sie singt“, miėgma „er/sie schläft“, sviema „er/sie wirft“. Besonders häufig treten die kontaminierten Formen mit Präfixen auf, z. B.: pàdema „hilft“, padúoma „gibt hin“, izdziūma „trocknet aus“, àteima „kommt an“, àteima būlo „pflegte anzukommen“, išeima „geht hinaus“, nùveima „geht hinunter“, uñeima „tritt ein“, su vēma „isst auf, verzehrt“, pag iema „singt ein wenig“, pérgiema „singt noch einmal“, nėmiegma „schläft nicht“, pasviema „wirft ein wenig“. Diese Formen sind jedoch im Präsens nicht die einzigen Formen dieser Verben. Einige haben daneben auch rein vokalische Formen, z. B.: prabūva „verbringt die Zeit“, nėmiega „schläft nicht“. Letztere haben sich im Dialekt durchgesetzt. Erhalten geblieben ist hier auch die rein athematische Präsensform der 1. Person Plural amė „lasst uns gehen“ (neben ihrer Nebenform amėte „lasst uns gehen“), die in das System des Imperativs übergegangen ist. Die gelegentlich vorkommenden Formen des Verbs būti im Jussiv, die aus Präsensformen gebildet sind, weisen keine Merkmale eines konsonantischen Stamms auf und sind recht unterschiedlich gebildet, z. B.: tėsta būna, tebūi, tebūi12 „möge es sein“.
Ob alle hier verwendeten Verben mit Resten eines konsonantischen Stamms ihrer Herkunft nach Verben mit konsonantischer Flexion waren, lässt sich anhand der verfügbaren Daten schwer sagen. Vielleicht werfen die Formen dziūmu, dziūmi, dziūma (izdziūma)... die meisten Zweifel auf. In der Literatur wird nirgends angegeben, dass diese Wurzel zum Typ mit konsonantischer Flexion gehört habe. Daher nimmt man an, dass sie wahrscheinlich analog zu anderen solchen Reliktformen entstanden ist. Ganz entsprechende reliktische Verbalformen mit konsonantischem Stamm haben wir auch im benachbarten Lazūnai-Dialekt aufgezeichnet, z. B.: išdema „legt heraus“, pàdema „hilft“, ùždema „legt zu“, dúomu „ich gebe“, undúoma „gibt hinein“, pardúomu „ich verkaufe“, àima „geht“, uñeima „tritt ein“, išeima „geht hinaus“, àimam „wir gehen“, ėma „isst, frisst“, prėma „isst dazu, isst sich satt“, nėėma „isst nicht“, su vēma „isst auf, verzehrt“, giemu „ich singe“, giema „singt“, sviema „wirft“, pasviema „wirft ein wenig“. Wie die Beispiele jedoch zeigen, kommen hier weder die Formen dziūmu, dziūma (izdziūma) noch būma, būmi vor.
2. Beachtenswert sind auch die reflexiven Verbformen des Dialekts. Reflexive Verben haben in der Endung meist eine Kurzform des Reflexivpartikels -s, z. B.: kalbėcis „sich unterhalten“, juòkiatės, suksiuòs, praũsies, emeis „du bist aufgetaucht“, stojis „stell dich hin“, stotìšbi „würde aufstehen“, sėstìšbi „würde sich hinsetzen“, gultìšbi13 „würde sich hinlegen“. Hier jedoch vergleichsweise
10 Die dialektalen Beispiele im Artikel werden mit den üblichen Schriftzeichen der litauischen Standardsprache (=Literatursprache) wiedergegeben; dabei wird in allen Fällen versucht, auch ihre Aussprache widerzuspiegeln. Aus diesem Grund wird hier außerdem į verwendet, denn nach dem verhärteten į sind das dialektale -i (< *-ēn, *-ēn), y, in und ė velarisiert. Außerdem sind die Vokale i, y und ė auch nach den Konsonanten s, š, ž, r, v, c velarisiert.
11 Siehe Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, S. 346.
12 Nach unseren Daten ist die Form tebūi „möge es sein“ sowie būi „sei“ im Gervėčiai-Dialekt tatsächlich belegt und kein Missverständnis, wie Z. Zinkevičius behauptet (Lietuvių dialektologija, S. 372).
13 Dass das Reflexivpartikel zwischen der Endung und -bi steht, zeigt, dass -bi hier nichts anderes als ein postpositives Partikel ist. Außerdem wurde es hier nachträglich hinzugefügt, nachdem das Reflexivpartikel bereits an die Verbendung angewachsen war.
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Page 3auch die vollständige Partikel -si ist weit verbreitet. Vor allem ist sie in der Endung der 3. Person des Präsens und Präteritums (seltener des Konjunktivs) erhalten geblieben, z. B.: darosi, dzyrbasi „geschieht“, dūmaliojasi „raucht“, gaminasi „macht sich fertig“, juokiasi „lacht“, keliasi „erhebt sich“, kepasi „bäckt“, klausiasi „fragt“, pjūnasi „mäht“, prausiasi „wäscht sich“, rūkaliojasi „raucht“, sągasi „macht sich fest“, sėdavinasi „setzt sich“, sukasi || sukasi „dreht sich“, supasi „schaukelt“, stukėnasi „klopft“, vėjasi „windet sich“, velkasi „zieht sich an“, vyniojasi „rollt sich zusammen“; dzyrbosi „machte sich, geschah“, guldėsi „legte sich hin“, klaušėsi „fragte“, kumeliavosi „kalbte“, meldėsi „betete“, radosi „entstand“, sėdosi „setzte sich“; juoktųsi „würde lachen“. Möglicherweise konnte der Erhalt der vollständigen Form teilweise durch entsprechende reflexive Verbformen des Belarussischen begünstigt werden. Doch auch hier kommen neben den vollständigen Formen seltener Formen mit der Kurzform des Reflexivpartikels -s vor, z. B.: kėlias, klaušos, dairios, rāgis „ist zu sehen“, sūpas, sūkės „drehte sich“.
Bei Verben mit Präfix steht das Reflexivpartikel, wie auch in der Schriftsprache, gewöhnlich zwischen Präfix und Wurzel, z. B.: asigeidė (< ažisigeidė) „wünschte sich“, unsibedėu „ich blieb stecken“. Formen mit Negation, die eine dauerhafte Eigenschaft des Handelnden bezeichnen oder eine unpersönliche Bedeutung haben, werden jedoch mit zwei Reflexivpartikeln verwendet. Eines steht in der Endung, das andere zwischen Negation und Wurzel, z. B.: neskūndžiojasi „beißt nicht, beißt sich nicht fest (vom Hund)“, neslanķosi „biegt sich nicht“ (vom Stock), nesnóris „es ist einem nicht danach“, nesragėcis (daneben sagt man auch nesragėcie) „nicht zu sehen sein“. Dies deutet möglicherweise auf eine gewisse Abschwächung der morphologischen Bedeutung des zwischen Negation und Wurzel stehenden Reflexivpartikels hin, die wahrscheinlich durch den Einfluss des Belarussischen entstanden ist. Im Belarussischen stehen reflexive Verben, da sie nicht mit der Negation verschmolzen sind, ebenso wie alle anderen Verben mit Präfix, mit dem Reflexivpartikel stets nur am Wortende, z. B.: надбымалася, наварылся, не залінецлася, не сглезлася.
Im Dialekt kommen reflexive Formen mit inchoativer Bedeutung vor, z. B.: dzyrbasi „findet statt“, keliasi „geht auf“ (von der Sonne, vom Wind), dūmaliojasi „qualmt“, rūkaliojasi „raucht“. In der Schriftsprache wird die inchoative Bedeutung in ähnlichen Fällen gewöhnlich durch nichtreflexive Formen ausgedrückt14; die akademische „Grammatik der litauischen Sprache“ führt jedoch Beispiele an (insbesondere aus den östlichen litauischen Dialekten), in denen ein inchoativer Vorgang auch durch eine reflexive Form ausgedrückt werden kann15. Für den Gebrauch in der Schriftsprache bevorzugt die Grammatik nichtreflexive Formen, hält aber auch reflexive für zulässig (K. Būga betrachtete sie als unter slawischem Spracheinfluss entstanden16). Die reflexiven Verbformen mit inchoativer Bedeutung im Gervėčiai-Dialekt sind nicht völlig geläufig. Selbst wenn wir sie im Einklang mit der Grammatik als litauisch einstufen würden, könnten wir dennoch nicht von der Auffassung absehen, dass auch der Einfluss entsprechender Verben des Belarussischen eindeutig zu ihrer Entstehung beigetragen hat. Durch den Einfluss des Belarussischen lässt sich wahrscheinlich auch die eine oder andere Bedeutung einzelner reflexiver Verbformen erklären, z. B.: asipikcino „wurde wütend“ (von einer Hexe; vgl. belarussisch закланавілася), asiverkiau „brach in Tränen aus“, prazbūdo „wachte auf“, kūndžiojasi „beißt“ (vom Hund; vgl. belarussisch кусаўца), laŋkosi „biegt sich“ (vgl. belarussisch гнецца), kėpasi „brennt“ (von Brennnesseln; vgl. belarussisch пякуцца).
Bei Verben mit Präfix bleibt das Reflexivpartikel -si- im Dialekt stets regelmäßig unverkürzt, wenn das Präfix auf einen Konsonanten endet, z. B.: acisākė (< at+si+sākė) „antwortete“, apsivertė „verwandelte sich“, acikėlė „richtete sich auf, stand auf“, unsispyrė „stemmte sich hinein“, asisviedė „warf sich über“, apsisagė „gürtete sich“, asipikcino „wurde wütend“, asiverkiau „brach in Tränen aus“, un-
14 Lietuvių kalbos gramatika, II, S. 207.
15 Ebenda, S. 208.
16 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, Vilnius, 1959, p. 113.
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Page 4siraise ‘richtete sich ein’, asibaidė ‘erschrak’, asilaidė ‘ließ sich hinab’, asigeidė ‘wünschte sich’, neišimòko ‘lernte nicht aus’, aciskaláudo ‘spült sich’, unsimaíšis ‘sich eingemischt’.
Wenn das Verbalpräfix mit einem Vokal endet, tritt eine Synkope des Reflexivpartikels ein (es wird phonetisch zu -s- verkürzt), z. B.: nešūbarėm ‘wir gerieten nicht miteinander in Streit’, paždairė ‘beaufsichtigte, betreute’, susciko ‘traf sich’, prizdė ‘trug bei’, nūtsisė ‘schleppte sich fort’, pastvėrė ‘schnappte sich’, pažbijojom ‘wir fürchteten uns ein wenig’, nūzdaužė ‘wandte sich ab’, nuzgūndo ‘erschrak’, neslaídžia ‘lässt sich nicht hinab’, nusmainius ‘verändert, im Gesicht eingefallen’. In Fällen, in denen das Präfix mit einem Vokal endet und der Verbalstamm mit dem Konsonanten s, š oder ž beginnt, kann die Synkope des Reflexivpartikels ausbleiben, sie kann aber parallel dazu (neu) auch eintreten (wobei Konsonantengeminationen entstehen), z. B.: prisisvėikina ‘begrüßt’, nusispyrė, nusisagė ‘schnallte sich ab’, rasizójo ‘riss den Mund auf’; tessiū ‘näht sich’, težžūr ‘sieht sich an’, tessėdz ‘sitzt’, tessuk ‘dreht sich’; pasisùkė || passùkė, susisùkus || sussùkus, nusisągdai || nussągdai ‘zieh dich aus’, pasisodžynk || passodžynk, prisizūrėjau || pričžūrėjau.
Bei einigen reflexiven Verben werden die Formen der III. Person Singular Präteritum im Dialekt doppelt betont: auf dem Stamm und auf der Endung, z. B.: davės || dãvės ‘tobte, stürzte sich, griff an’, dėjos || dėjos ‘war, wurde’, ėmės || ėmės ‘begann, entstand’, radõs || rãdos ‘wurde, entstand’, rinkõs || riñkos ‘versammelte sich’, sėdõs || sėdos ‘setzte sich’, stojõs || stójos ‘stand auf’, sviedės || sviedės ‘warf sich hin, stürzte sich’, vijõs || vijós ‘verfolgte’.
Eine doppelte — Stamm- und Endungs- — Betonung weisen hier auch die Formen der I. und II. Person Plural einiger Verben dieser Zeit auf, z. B.: davėmės || dãvėmės ‘wir schufteten, arbeiteten’, davėtės || dãvėtės ‘ihr schuſtetet, arbeitetet’, kratėmės || krãtėmės ‘wir fuhren durchgeschüttelt’, kratėtės || krãtėtės ‘ihr fuhrt durchgeschüttelt’, sėdomės || sėdomės ‘wir setzten uns’, sėdotės || sėdotės ‘ihr setztet euch’, stojomės || stójomės ‘wir standen auf’, stojotės || stójotės ‘ihr standet auf’.
Ähnliche Fälle der Betonung kommen vielerorts noch in den östlichen Dialekten Litauens und in einigen alten Schriften (von M. Daukša) vor. Die Betonung dieser Formen auf der Endung zeigt, dass hier die alte Endungsbetonung dieser Verben bewahrt ist17. Im Gervėčiai-Dialekt ist die doppelte Betonung dieser Formen jedoch noch eng mit ihrer unterschiedlichen Bedeutung verbunden, die zweifellos jüngeren Datums ist. Formen mit Stammton werden hier gewöhnlich häufiger verwendet, um ein nichtisoliertes Präteritum zu bezeichnen, das eine im Sprechmoment andauernde Handlung markiert; Formen mit Endungston bezeichnen hingegen bereits eine isolierte Handlung, die in der Vergangenheit deutlich vor dem Sprechmoment stattfand, z. B.: Anà, dann stand sie auf, dann setzte sie sich, dann lief sie in einen anderen Bauernhof, und Anà setzte sich und fuhr weg; Ihre Kinder standen kräftig auf den Beinen; Früh am Morgen versammelten sich die Mädchen zum Beerenpflücken; Sie begannen mit Freude Flachs zu rupfen, und woher kam dann diese Schönheit; Die Kuh war verschwunden, aber sie wurde gefunden.
Die reflexiven Formen der III. Person Singular Präteritum aller übrigen Verben (der Mehrheit) werden jedoch nur auf dem Stamm betont, z. B.: brùkės ‘drängte sich hinein’, gýrdės ‘war zu hören’, sàgės ‘schnallte sich an’, šėrės ‘fütterte sich’, vėžės ‘ließ sich fahren’. Wahrscheinlich unter dem Einfluss der letzteren sind auch die Bedeutungen der Verben mit doppelter Betonung hier nicht mehr immer klar voneinander abgegrenzt.
Nur die reflexiven Imperativformen ohne -k zweisilbiger Verben der a-, (i)a- und i-Konjugation werden auf der Endung betont, z. B.: bariès18 ‘streite dich’, imiès ‘nimm dir’,
17 Lietuvių kalbos gramatika, II, p. 301.
18 Der Akzent der Endung -ies ist in diesem Dialekt dem Höreindruck nach deutlich fallend, d. h. er steht der verallgemeinerten Feststellung von Z. Zinkevičius (Lietuvių dialektologija, p. 372) entgegen.
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Page 5mušies ‘schlag dich’, nešies ‘trag dich’, vedzies ‘führ dich’, dedzies || dedzis ‘zieh dich an’, vežies || vežis19 ‘fahr dich’, kelies || kelis ‘steh auf’, sėdzies || sėdzis ‘setz dich’, gulis ‘leg dich hin’, klojis ‘bedeck dich’, stojis ‘stell dich hin’, laidzmēs ‘lass uns’, sēdzmēs || sēdzmetēs20 ‘setzen wir uns’, prausmēs ‘waschen wir uns’, gulmēs || gulmetēs ‘legen wir uns hin’, dedztēs ‘zieht euch an’, muštēs ‘schlagt euch’, stotēs ‘stellt euch hin’, sēdztēs ‘setzt euch’. Die reflexiven Verbalformen des Imperativs der 2. Person Singular werden ebenso wie die einfachen Formen auf der Wurzel betont, z. B.: mókai ‘lern’, mókaitēs ‘lernt’, dārais ‘mach dich’, dāraimēs ‘machen wir uns’, dāraitēs ‘macht euch’.
3. Interessant hinsichtlich ihrer Form, Funktion und teilweise auch Herkunft sind die in der Gervėčiai-Mundart verwendeten Verbalpräfixe.
Das Präfix an- (mundartlich un-, vor den Lippenlauten p, b > um-, reflexiv unsi- ~ ansi-) entspricht im Litauischen į-, z. B.: umbrazdėj ‘watete hinein’, įvirto, undėta ‘hineingelegt’, unduoi ‘gib hinein’, uņeina ‘geht hinein’, ungrūvo ‘fiel hinein’, unlaiście ‘hineinlassen’, unkase ‘grub hinein’, untėjo ‘goss hinein, füllte ein’, unspiers ‘tritt hinein, wird hineintreten’, unšauce ‘schoss ab, schoss an’, untaiše ‘richtete ein, installierte’, uņtepė ‘strich hinein’; unsubedziau ‘stieß mich hinein’, unsimaišis ‘sich hineingemischt habend’, unsiriniko ‘zog sich an’, unispyvė ‘stieß sich hinein’, unsit aišė ‘richtete sich ein, bereitete sich vor’.
Das Präfix an- wird hier, wie auch in der Lazūnai-Mundart (: ungrūvo ‘fiel hinein’, undūoc ‘hineingeben’, uņeima ‘geht hinein’), stets ohne abschließendes -t verwendet und hat daneben keinerlei eigene Variante in-, die gelegentlich neben unt- in einigen ostlitauischen Mundarten vorkommt21. Gerade aus diesem Grund neigen wir zu der Annahme, dass es sich hier, ebenso wie in Lazūnai, nicht um ein Ergebnis der Vermischung der Präfixe in- und unt- handelt, sondern höchstwahrscheinlich um ein altes, eigenständiges Präfix an-, das (sowohl in seiner Form als auch in seiner Bedeutung) dem preußischen an22 und dem lettischen ie23 entspricht (letzteres könnte unserer Ansicht nach auf *en zurückgehen, vgl. lett. pie kts, preuß. penckts, lit. penktas).
Das Präfix ap- (apsi-) entspricht im Litauischen demselben ap- (apsi-), z. B.: apsūkcie ‘umdrehen’, apsvaidzýcie ‘umherwerfen’, apārdēm ‘stützte’, apdėcie ‘darauflegen’, apsidziauge ‘freute sich’. Es gibt Beispiele, in denen das Präfix ap- hier auch mit der Bedeutung von nu- verwendet wird, z. B.: Vaikai aptraūks (= werden die Äpfel abschälen); Dziėdas čystai aprāškė pūpu (= Der Großvater hat die Bohne sauber und vollständig abgepflückt); Norėj plūksnelās apraucie (= Er wollte die kleinen Federn ausrupfen). Diese Bedeutung des Präfixes ap- ist für das Litauische untypisch. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um eine morphologische Lehnübersetzung aus dem Belarussischen (vgl. dort абабрацць, абарваць).
19 Die beiden nebeneinander vorkommenden Formen bestätigen ebenfalls unsere Behauptung, dass der Akzent der Endung -ies akut ist, denn nur akzenttragende Diphthonge in Endungen konnten sich durch Verkürzung zu Monophthongen entwickeln, sodass neben -ies die jüngere Form -is entstehen konnte. Vgl. ferner ostlitauisch darìs < *darīs, važìs < *važiùos. Vor diesem Hintergrund entbehrt die Vermutung von Z. Zinkevičius (Lietuvių dialektologija, S. 372), die Endung von stojis aus Lazūnai sei wahrscheinlich an stokis angeglichen, jeder Grundlage.
20 Die Form der 1. Person Plural des Imperativs sēdzmetēs… ist höchstwahrscheinlich eine Kontaminationsform, die dadurch gebildet wurde, dass an die nichtreflexive Form dieser Person zusätzlich die reflexive Endung der 2. Person Plural angefügt wurde. Die Bildung dieser Form erklärt sich teilweise aus ihrer kontaminativen Bedeutung: Sie wird nur verwendet, wenn neben den Sprechenden noch mehrere andere Personen mitgemeint sind; vgl. J. Otrebski, Wschodnolitewskie narzecze twereckie, I, Kraków, 1934, p. 385; Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, p. 373.
21 Vgl. Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, S. 416.
22 Žr. J. Endzelīns, Senprūšu valoda, Rīgā, 1943, p. 94, 141. Greta an- prūsų kalboje esantys en- ir un- priešdėliai savo daryba laikytini an- variantais: un- greičiausiai vėlesnis < *an, o en- galėtų santykiauti su an- kaip žodžio pradžios e su a.
23 Žr. J. Endzelīns, Darbu izlase, I, Rīgā, 1971, p. 562—567.
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Page 6Neben dem Präfix ap-, das dem standardlitauischen ap- entspricht, kommt im Dialekt bisweilen auch ap- vor, das durch Synkope aus dem Präfix api- entstanden ist und sich durch Assimilation zu a- entwickelt hat. Es tritt nur in der dem Litauischen fremden Bedeutung „herab-“ auf, z. B.: Die Blätter von Materialien fielen herab (api + byrėjo) (=Die Blätter der Bäume fielen herab), vgl. belarussisch acinacia.
Das Präfix at- (aci-) entspricht dem standardlitauischen at- (atsi-), z. B.: atėjo ‘atėjo’, ateido ‘ateina’, acimisiu ‘atsiminsiu’. Es gibt zahlreiche Beispiele, in denen at- in einer dem Litauischen fremden Bedeutung nu- oder par- verwendet wird, z. B.: Kūma atpjōu (= nupjovė) jam kãklo; Norėj jam atkirsę galvų (= Norėjo jam nukirsti galvą); Atkapój (= nukapojo) jām sparnūs; Atkinkýk (= nukinkyk) árklius; Ānas atāj (= parėjo) namõ. Atvažāvo (= parvažiavo) vérkdamas. Neben diesem Präfix begegnet hier auch das durch Synkope aus ati- entstandene Präfix at-, das durch Assimilation zu d- wurde, z. B.: Raikia aduodžyc (< ati + duodvti ‘ište kinti’) dūkteris; Ādavė (< ati + davė) jų atgal.
Das Präfix až- (asi-) wird regelmäßig anstelle des standardlitauischen už- (užsi-) verwendet, um gewöhnlich den Abschluss einer Handlung zu kennzeichnen, z. B.: Vilkai vienu aždūsino (= užsmaugė), kitu — ažéidė (= sužeidė); Berniūkas aždžyrė (= užrietė) kójas; Ānas ažvértė (= užvertė) galvų; Gaidžys ažgiedój (= užgiedojo); Žūsis aždārė (= uždarė) tvárkon (= tvartan); Kad ažvýščiauk (= pamatyčiau, užvyščiau), aždauščiauk (= užmuščiau); Kīrvi asisviedė (= užsimetė) až (= už) pecių; Ānas asikrūtė (= užsidirbo) pinigų. Dieses Präfix wird bisweilen auch mit der Bedeutung einiger anderer Präfixe verwendet, z. B. Ašpjōu (= papjovė) tų metēli; Asibaidė (= pasibaidė) arklys; Asilāidė (= nusileido) sáulė; Ānas asijūokė (= susijuokė, prasijuokė); Asiiimādo rytas ‘švinta’; Tau vandenelis akelas ažriņkdo (= semia). Die letztgenannten Bedeutungen des Präfixes až- (ažsi-) sind wahrscheinlich entlehnt.
Nach J. Endzelyns Auffassung ist das Präfix až- älter als už- und entspricht unmittelbar dem lettischen Dialektpräfix az- und dem slawischen за-24. Da es nicht nur in den östlichen litauischen Dialekten, sondern auch in älteren Schriftzeugnissen (sogar bei dem westlitauischen B. Vilentas) gebraucht wird, lässt sich möglicherweise ein Zusammenhang mit dem altpreußischen assa || esse herstellen25.
Nebenformen des Präfixes až- (asi-) sind nicht belegt, obwohl neben der Präposition až bisweilen auch ažu vorkommt, z. B.: až (= už) jos; až (= už) dienõs; až kùmu (= už kūmą); ažu čāro (= prie caro).
Neben diesem Präfix wird hier auch das Präfix už- verwendet, das im Dialekt stets zu uš- geworden ist. Manchmal wird es noch in seiner alten Richtungsbedeutung ‘auf etwas’ gebraucht26, wenn auch die Bedeutungsüberschneidung mit až- für es seltener charakteristisch ist, z. B.: Meškā užlindo (= užlipo) um pėčio; Ānas užlīpė um medžiagos; Užšricink tų kelmu un mani; Dziedas ir užvertė kelmu um meškõs; Užóko gaidēlis un lazdõs; Užvýdo gati galvõs kùmu (= mirtį); Mergaitė užšvýdo ugnį.
Das Präfix uš- ist das unmittelbare Gegenstück zum lettischen uz- und litauischen už-. Seine stimmlos gewordene Variante wurde hier vermutlich nach dem Muster des Präfixes iš- < iš- (vgl. lettisch iz-, slawisch из-) in allen Positionen verallgemeinert. Nur so lässt sich unseres Erachtens das Auftreten von už- auch in anderen ostoberlitauischen Dialekten erklären.
Das Präfix da- (daz- ~ dasi-) ist im Dialekt relativ häufig, z. B.: dazdūmojo ‘susigalvojo’, davēšč ‘privežti’, nedagēris ‘neprisigėręs iki soties’, daēdė.
Das Präfix iš- (isi- ~ išši-) wird wie im standardlitauischen Sprachgebrauch verwendet, z. B.: Išēido žmūo iš megē-
24 J. Endzelīns, Darbu izlase, I, p. 321—323. 25 Plg. ten pat, p. 324. 26 Plg. dar P. Arumaa, Litauische mundartliche Texte aus der Wilnaer Gegend, p. 54.
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Page 7lio „Ein Mensch kommt aus dem Wäldchen heraus“; Gerai išródžiau (=atrodžiau) jáunas; Mamà išnešė iš klėties sūrį; Išprausė baltai; Isirituodavo (=išsiris[davo, išvirdavo) iš kėlmo ugnelė; Kláusosi išžioji.
Die Präposition nu- (nus- || nuz- || nusi-) wird wie im Litauischen verwendet, z. B.: Nūdausta (=abgeschlagen) Birke; Numiršau (=ich habe vergessen) zu sprechen; Nūrėškė (=riss ab) den Apfel; Nūgrūna (=die Bastschuhe fallen) von den Füßen; Nenustōdo (=hört nicht auf) zu laufen; Wir schlachten nach und nach die Kühe; Der Fluss nūzdaužė (=bog ab) bei Gervėčiai; Labai nusmānis (=sah verändert, abgemagert aus) sein Gesicht, morgen stirbt er vielleicht schon. Ānas nuzgūndo (=erschrak) und starb; Nusisėgdai || nussėgdai (=zieh dich aus) savu adieždu (=Kleidung).
Die Präposition pa- (pas- || paz- || pasi-) wird wie im Litauischen verwendet, z. B.: Warte ein wenig auf mich; Schick die Kinder los; Flatterte ein wenig mit den Flügeln; Einen Tag lang hielt er es aus (=hielt es aus) und brachte es zurück; Kommt morgen früh, um gemeinsam die Morgenstunden zu verbringen (=um morgens zusammen zu sein); Das Wasser spülte (=wusch) das Ufer ab; Man muss lernen; Ich erschrak zu gehen; Setz ein paar Apfelbäume; Manchmal wird die Präposition pa- auch mit der Bedeutung su- und weiteren Bedeutungen verwendet, z. B.: Die Hirten werden draußen erfrieren (=erfrieren); Parińko (=sammelte) die Kinder und fuhr sie weg; Palāužė (=zerbrach) die Räder; Anà kümmerte sich gut: Sie pazdaire (=beaufsichtigte, betreute, zog auf) die Kinder; Ānas kann nicht sterben (=sterben). Die zuletzt genannten Bedeutungen der Präposition pa- sind wahrscheinlich Entlehnungen.
Mit der Präposition pa- wird im Dialekt der vollständige Abschluss einer Handlung (meist einer wiederholten) in der Vergangenheit ausgedrückt (oder die Möglichkeit ihres Abschlusses in der Zukunft). In diesem Fall wird diese Präposition hier, wie auch in vielen anderen Dialekten am südöstlichen Rand des Litauischen27, nach belarussischem Vorbild28 auch an andere präfigierte Verben angefügt oder sogar zweimal wiederholt, z. B.: Ānys sind schon alle ausgestorben (=starben aus); Die Gänse paišdves tōn tvārkon „Die Gänse werden eine nach der anderen in jenem Stall verenden“; Parasėjo (<pa+raz+si+ėjo „gingen auseinander“) jeder seines Weges; Pasuvėj (=versammelten sich) alle an einem Ort; Paparińko (=sammelte, wählte aus) aus unserem Hof (=Dorf) alle Kinder; Papadū́riau (=stach mich mehrfach, an mehreren Stellen) ins Bein; Papanūvėj (=zerstreuten sich, gingen auseinander) einer nach dem anderen.
Charakteristisch für die Verben des Dialekts ist auch die slawische Präposition pad- (vgl. belarussisch nad-), die im Litauischen pri-, ap- entspricht, z. B.: Ānas pádnešė vaikų jōp „Er brachte das Kind zu ihr“; Ānas man padvildzinėja „Er enttäuscht mich“.
Im Dialekt wird auch die Verbpräposition par- (pars- || parz- ~ parsi-) verwendet; sie entspricht dem litauischen par- (parsi-), z. B.: Ich würde die Kuh verkaufen „Ich würde die Kuh verkaufen“; Wer wird sie zurückbringen „Wer wird sie zurückbringen“.
Die Verbpräposition per- (pers- ~ persi-) ist im Dialekt wie im Litauischen stets betont, z. B.: Sie kamen angefahren, um die Menschen zu ihrem Glauben zu bekehren „Sie pflegten herzukommen, um Menschen zu ihrem Glauben zu bekehren“; Aus den Menschen machte er Tauben; Sumirko (=wurde nass) im Wasser und erkältete sich; Pérvyto (=wurde alt) Ānas, er ist schon nicht mehr so schön; Pérsmainė gyven-tuvė „Das Leben hat sich verändert“.
Die Verbpräposition pie- ist im Dialekt selten. Im Litauischen entspricht ihr ap-, z. B.: Ānys pierinko (=zog sich an) sie weiß an.
27 Siehe Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, S. 424.
28 Vgl. belarussisch нанастраляем, нанапрымаю. Weitere Beispiele siehe Курс сучаснай беларускай літаратурнай мовы, Марфалогія, Мінск, 1957, S. 152–153.
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Page 8Dieses selbe präfigierte Verb kommt auch im Lazūner Dialekt vor29. Seiner Herkunft nach ist es zweifellos mit der Präposition pie- und der Postposition -pi (< *pie) in Verbindung zu bringen und ist das unmittelbare lettische pie- Äquivalent. Nach Ansicht von J. Endzelynas konnte sich das litauische pie(-) neben der Postposition -pi auch selbständig und ohne fremden (lettischen) Einfluss entwickelt haben30.
Das Präfix pra- (pras- || praz- ~ prasi-) wird hier meist wie im Schriftlitauischen verwendet, z. B.: Alles ging zugrunde; Der Weg trocknete aus; Ānas schnarcht, wachte auf. Daneben kommen vereinzelt Beispiele vor, in denen das Präfix pra- in einer für das Litauische untypischen, vermutlich entlehnten Bedeutung verwendet wird, z. B.: Avurkūs (=Gurken) pradžygindzinējam (=lassen wir keimen, vgl. belarussisch папасмадаем) in der Stube; Prazgavau (=wachte auf, vgl. belarussisch прачнуўся) am Morgen.
Das Präfix pri- (pris- || priz- || prisi-) wird meist wie im Schriftlitauischen verwendet, z. B.: Nuzgundai, nėt plaukių priāgo (=es wuchs so viel Haar nach, dass der Hut voll war); Priklegēm (=wir haben alles durchgeredet). Prieidau arčiau – mēdžias āuga ‘Ich komme näher – der Wald wächst’; Ānas prikrutē (=hat eine Menge angerichtet); Nēra mán kōp prziglaūsčie ‘Ich habe nichts, woran ich mich anlehnen könnte’; Pripirkdzinēj mažuṭāitių vištāitių ‘Er kaufte ein paar winzige Hühnchen’. Bisweilen wird dieses Präfix hier auch weithin in den Bedeutungen anderer Präfixe verwendet, z. B.: Aš pripažinau po veido ‘Ich erkannte ihn am Gesicht’; Prisisveikina (=begrüßt) alle; Nōriu, kad prilāukčiak (=ich erwarte) den Sohn; Prigerdzinēja vaiku (=trinkt auf die Gesundheit des Kindes); Dūkterys prirangtos (=herausgeputzt, angekleidet) gražai; Ar prisizūrėjai || prižūrėjai, kōkis ānas ‘Hast du gesehen, wie er aussieht’; Ānas gudrūs: primāno (=kennt sich aus); Prirašē (=schrieb) ānas jam kōrtu (=einen Brief). Die letztgenannten Bedeutungen des Präfixes pri- sind vermutlich entlehnt.
Charakteristisch für die Verben des Dialekts ist auch das slawische Präfix raz- (rasi- < raz+ + si-), das mit den Bedeutungen der schriftlitauischen Präfixe pa-, iš- usw. verwendet wird, z. B.: Būvo sapcynōlika lavāku (=Stück), und viūs raspirko (=kaufte alles auf); Āudeklu rāstīsiam (=breiten wir aus, legen wir aus) un žōtēs; Kācinas razvertē (=verwandelte) viralu; Rastūsē (=zog) duncym; Pie jū (=über sie) visāp rasakinēj (=erzählte); Tu gerāi rasidār (=sieh dich gut um).
Das Präfix su- (sus- || suz- || susi-) wird wie im Schriftlitauischen verwendet, z. B.: Sie prügelten sich; Was sie ergriffen, das nahmen sie; Um Mitternacht kehrst du nach Hause zurück; Suveidē (=pflegte sich zu versammeln) jeden Abend; Wir bauen den Roggenstapel auf (=stellen auf); Sustūrite (=seid still), ku klēgat (=ihr redet); Susisāgdai || sussāgdai sāvu adieždū ‘Knöpfe deine Kleider zu’; Sūzgriebē (=kam zu Verstand), cik per vēlā.
In einzelnen Fällen wird das Dialektpräfix su- mit den Bedeutungen des schriftlitauischen per- und in weiteren Bedeutungen verwendet, z. B.: Sumirko (=wurde nass, durchnässt) ūndeniū und asiūrgo (=wurde krank). Sudūrē (=durchbohrte) jū, kas ce yr; Susriņks (=wird sein, wird essen) dū viōrstai (=zwei Rüben).
Neben diesem Präfix kommt hier gelegentlich auch das Präfix sa- (sas- ~ sasi-) vor, z. B.: Nesaseikdiau (=traf nicht) tōkio, kad man veizēt (=gesucht würde); Ānas visa sasrašinėjo (=schrieb alles auf), ku aš prōvijau (=erzählte).
Das in der ehemaligen Provinz Grodno vorkommende Präfix sa- hielt J. Endzelynas angesichts der vielen dort vorhandenen Slawismen für eine Bildung aus su- unter dem Einfluss des slawischen ca- (< со)31. Dass auch das Gervėčiai-Präfix sa- unter slawischem Einfluss entstanden sein könnte, dafür spricht
29 Vgl. J. Senkus, Einige Besonderheiten des Lazūner Dialekts, — Lietuvos TSR Mokslų akademijos darbai, A, Serija 1, S. 191.
30 J. Endzelīns, Darbu izlase, I, S. 470.
31 Ebenda, S. 496.
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Page 9Hier werden daneben belarussische Verben mit diesem Präfix verwendet (састракаючыя, саскокнуць, саставіцца).
In der Erlaubnisform wird das Präfix te- (tes- || tez- || tesi-) verwendet, z. B.: teprāšai, tebūi ‘möge es sein’, tevākščioji ‘möge sie gehen’; tesmōko ‘möge er/sie lernen’.
Е. И. ГРИНАВЯЦКЕНЕ
EINIGE BESONDERHEITEN DES VERBS DES GERVĖČIAI-DIALEKTS
Zusammenfassung
Der Artikel beleuchtet Kontaminationsrelikte athematischer Verben sowie Form, Funktion, Bildung und teilweise Herkunft der Reflexiv- und Präfixverben des isolierten Gervėčiai-Dialekts des Litauischen, der auf dem Gebiet der Belarussischen SSR liegt (Gebiet Grodno, Bezirk Ostrowiec). Der Dialekt dieses Siedlungsgebiets, das aus dem Städtchen Gervėčiai und seinen zwölf umliegenden litauischen Dörfern besteht, ist bislang von niemandem gründlich untersucht worden, obwohl seine dialektalen Materialien seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gesammelt, veröffentlicht und auch in einzelnen sprachwissenschaftlichen Arbeiten verwendet werden.
Auf der Grundlage des umfangreichen dialektalen Materials, das in der Kartei des „Atlas der litauischen Sprache“ (Institut für litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR) aufbewahrt wird, werden im Artikel Regelmäßigkeiten im Gebrauch einzelner Verbformen festgestellt. Diese Formen werden vor allem mit entsprechenden Besonderheiten des Belarussischen verglichen, das hier als zweite, jedoch dominante Amtssprache verwendet wird, sowie mit den ostaukštaitischen Dialekten des Litauischen, gelegentlich auch mit dem Lettischen und dem Altpreußischen. Die festgestellten Regelmäßigkeiten werden durch zahlreiche Beispiele veranschaulicht, die der Autor und andere Personen aus dem Munde der Bevölkerung gesammelt haben; einige dieser Personen stammen aus der betreffenden Gegend. In manchen Fällen werden bereits vorliegende Hypothesen, Erklärungen und Deutungen einzelner Spracherscheinungen bestätigt, bisweilen auch präzisiert und berichtigt.
Der Artikel führt auch einige neue Besonderheiten des Verbs dieses Dialekts an, die von Sprachwissenschaftlern bislang weder verwendet noch veröffentlicht wurden, und bietet deren Deutung und Bewertung. Die hier gegebene Beschreibung einiger Besonderheiten des Verbs des Gervėčiai-Dialekts wird aller Wahrscheinlichkeit nach der weiteren Erforschung des Verbalsystems der östlichen Dialekte des Litauischen dienen.