Page 1KALBŲ KONTAKTAI LIETUVOS TSR
LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXIII (1983)
JANINA JANAVIČIENĖ, ZIGMAS ZINKEVIČIUS
Die Mundart von Žemaičių Naumiestis aus soziolinguistischer Sicht
Die Mundart nimmt ein kleines Gebiet im Nordosten des Rajons Šilutė nahe der ehemaligen Grenze des Memellandes ein. Dazu gehören der Ort Žemaičių Naumiestis und 27 Dörfer: Palėndriai, Sugintai, Grýgeliškė, Vanãgiai, Čipariai, Paũpariai, Snūkaliai, Venckai, Pašusčiai, Rimžėnčiai, Brókorai u. a. Diese Mundart erstreckt sich über etwa 8 Kilometer von Degūčiai bis Užlaukė (2 km vor Gardamas), etwa 9 Kilometer von Sugintai bis Girininkai und etwa 14 Kilometer von Palėndriai bis Meškinė.
In den Dialektkarten verläuft durch das Gebiet dieser Mundart die Grenze zwischen den südžemaitischen Unterdialekten Raseiniai und Varniai: Der nordwestliche Teil der Mundart bis Ž. Naumiestis sowie Ž. Naumiestis selbst werden dem Varniai-Unterdialekt zugerechnet, das übrige Mundartgebiet dagegen dem Raseiniai-Unterdialekt. Tatsächlich ist es jedoch anders. Das gesamte Mundartgebiet sollte dem Raseiniai-Unterdialekt zugerechnet werden. Die Grenze zwischen den Varniai- und Raseiniai-Unterdialekten sollte nicht unmittelbar durch Ž. Naumiestis verlaufen, sondern weiter nördlich, nahe Gardamas. Die letzten dem Raseiniai-Unterdialekt zuzurechnenden Dörfer sind Rimžėnčiai, Kãdagiškiai, Brókorai, Šyliai, Meškinė (dieses Dorf ragt tief in das Gebiet des Varniai-Unterdialekts hinein, doch am, am, en, em sind hier nicht zu on, om, en, em geworden), Girininkai 1, Girininkai 2 (oder Vainuto Girininkai), Vainutas, Kivýliai. Merkmale des Varniai-Unterdialekts finden sich bereits in Bárt ininkai, Užlaukė, Gardamas, Kukuliškė, Pýpliškė, Juškaičiai, Dárgiškė, Goráiniai und Bikavėnai. Somit bleiben im gesamten Mundartgebiet von Ž. Naumiestis an, am, en, em erhalten. Die Einheimischen sagen, dass nur die „švėkšnaliai“ (eine spöttische Bezeichnung für Sprecher mit Merkmalen des Varniai-Unterdialekts) žōns ‘Gans’, ōns ‘er’, kǭmps ‘Winkel’ usw. aussprechen. Die Mundart von Ž. Naumiestis verbindet mit dem Raseiniai-Unterdialekt außerdem, dass der Akzent nicht zurückgezogen wird, während die „švėkšnaliai“ ihn bereits zurückziehen.
Von den übrigen Mundarten des Raseiniai-Unterdialekts unterscheidet sich die Mundart von Ž. Naumiestis durch eine intensivere Žemaitisierung. So liegt der Zirkumflex hier auf dem ersten Bestandteil der Diphthonge, z. B. im Akkusativ Singular dāngu ‘den Himmel’ (vgl. bei anderen Sprechern des Raseiniai-Unterdialekts dāŋgų). Die kurzen Vokale u, i werden von den Sprechern dieser Mundart stärker geöffnet als von anderen Sprechern des Raseiniai-Unterdialekts: Ihre Aussprache nähert sich hier deutlich o, e an, stimmt aber nicht mit dem o, e der „švėkšnaliai“ überein. Eine klare Aussprache von o, e wurde nur in der Ecke zwischen der ehemaligen Grenze des Memellandes und der Grenze zum Varniai-Unterdialekt festgestellt. Allerdings ist zu sagen, dass in der Mundart u, i nicht in allen Fällen geöffnet werden. Manchmal bleiben sie eng. Wovon dies abhängt, muss noch untersucht werden. Die Autoren des Artikels neigen zu der Annahme, dass diese doppelte Aussprache (möglicherweise kann dasselbe Wort oder dieselbe Form auf beide Weisen ausgesprochen werden) durch die Vermischung der lokalen Mundart mit der Sprache der sogenannten Lietuvininkai (von ihnen wird gleich die Rede sein) entstanden sein könnte. Außerhalb des Mundartgebiets wurde eine solche doppelte Aussprache nicht beobachtet.
Für die beschriebene Mundart ist außerdem die Monophthongierung der Diphthonge ai, ei in der Endung und in der Wurzel des Substantivs daiktas charakteristisch, z. B. im Nominativ Plural dā·kta ‘Dinge’ (südöstlich von
102
Page 2dem Mundartgebiet wird daiktai ausgesprochen). In der Wurzel des Substantivs namas steht hier u statt a, z. B. im Nominativ Plural numā ‘Häuser’.
Von den morphologischen Merkmalen ist zunächst hervorzuheben, dass der Dual in dieser Mundart weiter verbreitet ist als im übrigen Gebiet des Raseiniai-Unterdialekts. Formen der i-Stämme (Femininum) werden bei Substantiven häufiger durch Formen der ē-Stämme ersetzt, z. B. žąsė (ausgesprochen žansė) ‘Gans’, ánkštė (áŋkšti) ‘Hülse’. Der Akkusativ Singular und der Nominativ Plural der u-stämmigen Adjektive weisen Formen der io-Stämme auf, z. B. Akk. Sg. drānsį (drānsi) ‘mutig’, Nom. Pl. rambį ‘kräftig’. Verwendet wird das Pronomen der 3. Person ańs (āns) ‘er’, Fem. anā ‘sie’. Anstelle der Akkusativ-Plural-Formen mūs, jūs stehen numis, jumis. Die 3. Person Futur des Verbs būti ‘sein’ hat die Form būs ‘wird sein’. Andere Sprecher des Raseiniai-Unterdialekts, insbesondere südöstlich des Mundartgebiets, weisen diese Merkmale nicht auf oder nur selten.
Das wohl auffälligste Merkmal der Mundart ist jedoch, dass sie einen sehr starken Einfluss des Deutschen erfahren hat. In der Mundart gibt es zahlreiche Germanismen. Denn sie liegt unmittelbar am ehemaligen Memelland. Über Jahrhunderte hinweg war sie dem Einfluss des Deutschen ausgesetzt. In der Sprache der alteingesessenen Mundartsprecher (nicht der Zugezogenen) ist praktisch ungefähr jedes fünfte Wort deutschen Ursprungs. Germanismen sind besonders häufig im Wortschatz des Alltags. Fast alle Begriffe aus dem Bauwesen sind deutsch. Hier einige Beispiele für Germanismen: negelys ‘Nagel’, rīmas (ri·ms) ‘Gürtel’, rūmas (rū·ims) ‘Ort, Raum’, rūmbas (rū·mps) ‘Taille’, spātas (spāc) ‘Schaufel’, stenderis ‘Zaunpfahl’, šmelis ‘Schimmel’, šmōras (šmõrs) ‘Mal’, špýkis ‘Speiche’, štāpnōtelis (štāpmuoteli̇s) ‘Stopfnadel’, štarkus ‘fest’, strikis ‘Seil’, štūlē (štū·l’i) ‘Stuhl’. Sie sind oft stark litauisiert und erhalten litauische Suffixe, z. B. rūndinas (rū·ndins) ‘rund’ (gebildet aus rūndas <, dt. rund, nach dem Muster von kūpinas, sklīdinas), vaktúoti (vaktūti) ‘bewachen’ (mit lit. -úoti, südzem. -ūti), Adv. giliukingai (g’il’uk’īnga) ‘glücklich’ (abgeleitet von giliukis ‘Glück’ mit lit. -ingai nach dem Muster lãimė: laimingai).
Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Mundart von den übrigen Dialekten weitgehend isoliert; die Standardsprache beeinflusste sie kaum. Auch heute kommt es nicht selten vor, dass ein Einheimischer auf die Frage, wie man etwas in der Standardsprache nennt, keine Antwort geben kann.
Aus soziolinguistischer Sicht ist diese Mundart vor allem deshalb interessant, weil in ihrem Gebiet viele sogenannte Lietuvininkai leben, das heißt litauische Lutheraner, die aus dem ehemaligen Kleinlitauen (dem Memelland und Ostpreußen) zugezogen sind. Es ist anzunehmen, dass sie die lokale žemaitische Mundart stark beeinflusst und dazu beigetragen haben, dass sie sich von den übrigen Mundarten des Raseiniai-Unterdialekts abgrenzte und insbesondere der deutsche Spracheinfluss sich ausbreitete. Neben den Lietuvininkai lebten früher im Mundartgebiet auch zahlreiche Deutsche. Außerdem gibt es ein Dorf russischer Altgläubiger – Sugintai. Das kleine Mundartgebiet ist somit sprachlich sehr vielfältig und komplex.
Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten im Mundartgebiet sehr viele Lietuvininkai1. Die Einheimischen bezeichneten sie gewöhnlich als „Deutsche“ oder „Preußen“. In Ž. Naumiestis stellten sie sogar mehr als die Hälfte der gesamten Bevölkerung. Viele lebten auch in den Dörfern, besonders in Paupariai2 (zwischen Ž. Naumiestis und Vainutas), und sogar außerhalb der Mundartgrenzen3. Heute gibt es weniger Lietuvininkai, aber immer noch recht viele – offenbar über 600 Menschen.
1So nannten sich die Litauer Kleinlitauens. Auch heute verwenden ältere Menschen diesen Begriff nicht selten.
2Nach der Erklärung der Einheimischen leitet sich der Name vom lateinischen Wort pauper ‘arm’ ab.
3Sie erwähnte P. Jonikas in seiner 1939 veröffentlichten Beschreibung der Mundart von Pagramantis (S. 2—3), behandelte ihre Sprache jedoch nicht ausführlicher.
103
Page 3Im Ž. Naumiestis, in Midveriai, Sugintai, Palendriai und auch in anderen Dörfern des Sprachgebiets gibt es viele, ebenso außerhalb des Sprachgebiets, besonders in Vainutas und seiner Umgebung. Je weiter man sich vom ehemaligen Memelland entfernt, desto geringer wird ihre Zahl.
Einer der Gründe für das Auftreten der Lietuvininkai in dieser Gegend war, wie K. Alminauskis im Vorwort zu seinem Wörterbuch der Germanismen angibt (Die Germanismen des Litauischen. Teil 1: Die deutschen Lehnwörter im Litauischen. K. (Erscheinungsjahr nicht angegeben), S. 12), die Migration von landwirtschaftlichen Lohnarbeitern aus Kleinlitauen nach Žemaitija im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals kamen die Lietuvininkai hierher, um mit Dreschflegeln und Sensen auf den Schultern Arbeit zu suchen. Davon berichten sie heute selbst, wenn sie sich an die Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern erinnern. So hatten die Lietuvininkai aus Vainutas von ihren Eltern und Großeltern gehört, wie jenseits des Nemunas, meist aus der Gegend von Tilžė und Ragainė, jeweils fünf bis sechs Männer mit Dreschflegeln gekommen seien und binnen einer Woche die ganze Ernte gedroschen hätten. Sie wurden nicht mit Geld, sondern mit Getreide entlohnt, besonders diejenigen, die kein eigenes Land besaßen. Das Leben jenseits des Nemunas sei schwieriger gewesen; deshalb seien die Menschen nach Žemaitija gezogen, und ein Teil von ihnen sei auch hier geblieben.
Ein weiterer Grund für die Migration war die verstärkte Germanisierung Kleinlitauens, vor der die Menschen auf die andere Seite der Grenze flohen.
Die Flüchtlinge lebten damals (teilweise auch heute noch) ziemlich isoliert von den Žemaiten. Mischehen kamen selten vor. Im Übrigen verstanden sie sich jedoch gut mit den Žemaiten. Das vergleichsweise abgeschlossene Leben der Lietuvininkai trug dazu bei, dass auch Eigenheiten ihrer Sprache erhalten blieben. Dazu trugen die bis heute verwendeten alten religiösen Bücher bei, die vor ein bis zwei Jahrhunderten in gotischen Lettern gedruckt worden waren, insbesondere Gesangbücher und Evangelien.
Wenn man der Sprache der Lietuvininkai zuhört, wird deutlich, dass sie aus dem Gebiet des westlichen Aukštaitischen in Kleinlitauen zugezogen sind. In ihrer Sprache erkennen wir leicht Merkmale wieder, die in den Grammatiken von A. Schleicher und Fr. Kurschat festgehalten wurden. Besonders deutlich ist dies, wenn über religiöse Themen gesprochen wird. Dann hört man zahlreiche Archaismen, z. B. kur aš esmi ‘ich bin’, esmė ‘wir sind’, dengun žengimo diena ‘in den Himmel …’, šauk maniešpi bėdoje ‘… zu mir …’ (man sagt auch manėšpi), dass neįtrauktumbei ‘… wir nicht hineinziehen mögen’ usw. Im Übrigen ist diese Sprache inzwischen stark von der örtlichen žemaitischen Mundart beeinflusst. Es gibt viele nebeneinander bestehende oder doppelt ausgesprochene žemaitische und westaukštaitische Formen derselben Morpheme. So fallen die kurzen Vokale u und i auf, die auf zwei (sogar drei) Arten ausgesprochen werden: žemaitisch verbreitert (ein wenig oder stark) oder eng erhalten. Die Diphthonge uo und ie können hier unverändert erhalten bleiben oder südžemaitische Entsprechungen ū und ī haben; man sagt zum Beispiel in der 3. Person Präsens šviečia ir švīt. Außerdem ist die aus Kleinlitauen mitgebrachte Verwechslung dieser Diphthonge mit den Langvokalen o und ē erhalten geblieben; žemaitische Entsprechungen uo und ie verstärken sie noch. So sagt man etwa sesū ir sesō, piens ir pēns ‘Milch’, Gen. Sg. Fem. tōs ir tuōs, neben der 3. Person Präsens švīečia (und der žemaitisierten Variante švīt) || švīt; außerdem sagt man švēt ‘es leuchtet’ usw. Insgesamt verwenden die Lietuvininkai die meisten Dubletten, wenn sie nicht über religiöse, sondern über andere Themen sprechen. Dann lassen sich in der heutigen žemaitischen Mundart von Ž. Naumiestis oft nur bestimmte Überreste der alten Sprache der Lietuvininkai feststellen. Dennoch sind diese Überreste weiterhin recht deutlich und unterscheiden sich besonders von ihrer üblichen žemaitischen Aussprache.
Darüber hinaus ist für die heutige Aussprache der Lietuvininkai die Verengung des betonten ē charakteristisch, bis hin zur Umwandlung in den Diphthong ie, z. B. ēžers ‘See’, mies ‘wir’, gi’venims ‘Leben’, miedei ‘Bäume’, pri’ žiemis ‘zur Erde’, Akk. Sg. diēsini ‘rechte’. Wö-
104
Page 4rter werden stark gekürzt, z. B. Adv. mēk ‘schlecht, gering’, švënt ‘heilig, völlig’, 3. Person Präsens kēt ‘beabsichtigt’, kvieč ‘ruft’, meld ‘betet’, Akk. Sg. kit ‘einen anderen’, Adv. prām ‘sofort’ (žemaitisch prādiem < prādēm), tēi ‘ja’, šali ‘daneben’ (žemaitisch šalip). Die Pluralendung -ę des aktiven Partizips der Vergangenheit wird durch -ei ersetzt, z. B. susirinkei ‘versammelt’, atvažiāvei ‘angekommen’, parašei ‘geschrieben’ usw. In einzelnen Wörtern steht e statt a, z. B.: dengūs ‘Himmel’, kateliks (auch katiliks) ‘Katholik’, tarnevāu ‘ich diente’ (aber tarnāva ‘er/sie diente’), apkrūti ‘beladen’. Die Plosive werden mit stärkerer Aspiration ausgesprochen. Auch die Palatalisierung der Konsonanten vor Vorderzungenvokalen scheint schwächer zu sein. Zu den weiteren Besonderheiten des Konsonantismus zählt die Aussprache žvāgī (< žvāgē) ‘Kerze’, žvagūti ‘Kerzchen’, šūgžlis (< šūgžlēs) ‘Abfälle’, artibiejī ‘die Nahestehenden’.
Von den morphologischen Besonderheiten ist die Konstruktion mit der Präposition į und dem Akkusativ zur Angabe des Lokativs hervorzuheben, z. B. į bažnyčią (į bažnīči) buvau ‘ich war in der Kirche …’, į Ameriką ‘in Amerika’, gyvenu į Šilutę ‘… in Šilutė’, į namūs ‘zu Hause’; ferner der häufige Gebrauch von Dualformen (es gibt sehr unterschiedliche, z. B. judau abūdau ‘wir beide bewegen uns’, abūdau kvieti ‘beide Frauen riefen’), häufige pronominale Formen (z. B. jieji negal pareit jie…’, mān gāila jūju ‘… ihrer’, tas būva josis vaikēs ‘… ihr Kind’), Futurformen ohne -i, z. B. eisiu, 1. Pl. ēisme || ēisma, 2. Pl. ēiste (letztere Besonderheit kommt auch bei den örtlichen Žemaiten vor, nur monophthongieren diese den Stammvokal). Nicht selten werden Verben ohne Präfix gebraucht, wo die Standardsprache präfigierte Formen hat, z. B. aš tāu sakysu ‘… ich werde dir sagen’, būvo ējēs (ējis) ‘… weggegangen’, mān (auch ausgesprochen als māni; mūni) tika ‘es gefiel mir’. Substantive gehören nicht selten einem anderen Stamm (und Genus) an, z. B. rūka ‘Nebel’, žašē (ža’sie) ‘Gans’, nērvos (nērvas) ‘Nerven’, šūlinē (šūlini) ‘Brunnen’, kepena ‘Leber’ (vgl. kepena užvirē ‘wurde wütend’). Zahlreiche Wörter werden anders betont, z. B. lietuvis ‘Litauer’ (Nom. Pl. lietuviai, Gen. Pl. lietuvių…), vokietys (vok’ietīs) ‘Deutscher’ (vokiečiai…), ligi rugpjūčio (rūk’pju’rči) ‘bis August’, stālai ‘Tische’, mokytas ‘gelehrt’, Vok. Sg. dievē (d’iev’i) ‘Gott’. Diminutive von Substantiven mit den Suffixen -ytis und -aitis (ausgesprochen -ātis) werden häufig verwendet, z. B. ožkītis (uošk’ītis) ‘Zicklein’, antytis ‘Entlein’, ērytīs || ēraitis (jierītis, jierārtis) ‘Lamm’, kalakutytis ‘Truthähnchen’, veršaitis (veršātis) ‘Kälbchen’, vežimaitis (vežimātis) ‘Wägelchen’.
In der Syntax gibt es viele deutsche Konstruktionen, z. B. prilūgino nuo dvijų vaikų (nu…vaikū) ‘er gab ein Gleichnis über zwei Kinder’, mānēs dēl (mānis diel) ‘meinetwegen’, pasakē ant to brōlio (ant tuo bruōli) ‘er sprach über jenen Bruder’, ānī ilgo laiko ‘lange Zeit’. Häufig steht das Prädikat am Satzende: didelis turgus būvo ‘der Markt war groß’, žmonių vidutiniai susirinkę būvo (susirinkei būva) ‘… die Menschen hatten sich versammelt’, nugrisau šiame sviete būti ‘ich hatte es satt, in dieser Welt zu sein …’. Einige dieser Konstruktionen verwenden auch die örtlichen Žemaiten.
Im Wortschatz der Lietuvininkai gibt es besonders viele deutsche Lehnwörter, z. B. bānkās ir beņķis ‘Bank’, bērštas (bēršc) ‘Waschlappen’, briliai (bril’e) ‘Brille’, dišerbankas ‘Schreinerwerkbank’, ēlskis ‘Krawatte’, gardynos ‘Vorhänge’, kedelys ‘Rock’, līpkē (l’īpk’ī) ‘Weste’, muldē ‘Wanne zum Anrühren von Kuchenteig’, mūlda ‘längliches Sieb mit Griffen’, šiūlē ‘Schule’, stīfeliai ‘Stiefel’, ūrlupas ‘Urlaub’. Die Lehnwörter sind meist stark angepasst und haben litauische Suffixe und Endungen, die žemaitisch ausgesprochen werden, z. B. Inf. berštioti (berštūti) ‘reiben, waschen’ (mit -uoti, im südlichen Žemaitischen -ūti), drūveliuoti ‘murmeln
105
Page 5deutsch, šlektúoti „sich schlecht fühlen“, šropúoti (šruopùti) „Pferde mit Bürsten reinigen“, švičiuoti „schwitzen“, Adv. švakāi (švakà) „schlecht, schwach“. Es kommen jedoch auch nicht angepasste Wörter vor, z. B. āmama „Großmutter“, āpapa „Großvater“ (vgl. kúoks ū·mama vā́rds? duok ū·papa „gib dem Großvater“). Manchmal werden sogar litauische Wörter nach deutschem Vorbild umgebildet, z. B. kiaulerijė (k’ául’er’iji) „Schweinerei“ (vgl. dt. Schweinerei).
Gegenwärtig schwindet die alte Sprache der Lietuvininkai rasch. Ihre Elemente haben nur ältere Menschen in größerem Umfang bewahrt. Die Sprache der mittleren Generation der Lietuvininkai und besonders die der Jugend ist inzwischen stark von der örtlichen žemaitischen Mundart und teilweise von der Standardsprache beeinflusst. In ihr finden sich nur sporadisch Elemente der westaukštaitischen Mundart Kleinlitauens sowie ihrer grammatischen Struktur und ihres Wortschatzes. Denn die frühere Abgeschlossenheit dieser ethnischen Gruppe, besonders unter den Jugendlichen, schwindet in letzter Zeit rasch. Auch religiöse Einschränkungen werden heute häufig nicht mehr beachtet. Es entstehen gemischte Familien. Die Sprache der Jugend der Lietuvininkai, die in den Strudel des neuen Lebens hineingezogen wird, ist zunehmend sowohl von der örtlichen žemaitischen Mundart als auch von der Standardsprache beeinflusst. Der Einfluss der Standardsprache nimmt in dieser Gegend immer weiter zu. Besonders verstärkt wird er durch Schule, Presse, Radio, Fernsehen und schließlich durch den gesamten Fortschritt von Kultur, Wissenschaft und Technik auf dem Land.
Aus dem hier Gesagten wird ersichtlich, dass im Gebiet der Mundart von Žemaičių Naumiestis gegenwärtig sehr komplexe und aus soziolinguistischer Sicht interessante Prozesse ablaufen. Sie müssen eingehender untersucht werden. Dies könnte nicht nur Material für theoretische soziolinguistische Verallgemeinerungen liefern, sondern sollte auch dazu beitragen, den komplexen Entstehungs- und Entwicklungsprozess unserer heutigen Standardsprache besser zu verstehen, deren Ursprung in Kleinlitauen liegt.
Я. ЯНАВИЧЕНЕ, З. ЗИНКЯВИЧЮС
Die Mundart der Umgebung von Žemaičių Naumiestis aus soziolinguistischer Sicht
Zusammenfassung
Der Artikel widmet sich der Untersuchung der komplexen sprachlichen Situation, die sich im nordöstlichen Teil des Kreises Šilutė der Litauischen SSR, in der Umgebung der Ortschaft Žemaičių Naumiestis, herausgebildet hat. Hier lässt sich auf kleinem Gebiet das Zusammenspiel der litauischen Standardsprache, der örtlichen žemaitischen Mundart und der Mundart der sogenannten Lietuvininkai (Litauer, die im 19.–20. Jahrhundert aus dem ehemaligen Ostpreußen und dem Gebiet Klaipėdas hierher umgesiedelt sind) beobachten, ganz abgesehen von der russischen und der deutschen Sprache. Das Hauptaugenmerk gilt der Untersuchung der Mundart der Lietuvininkai: Erörtert werden Fragen zur Herkunft dieser Mundart, zur Entwicklung ihrer charakteristischen Merkmale und zu ihrer Wechselbeziehung mit der örtlichen žemaitischen Mundart.
J. JANAVIČIENĖ, Z. ZINKEVIČIUS
DER DIALEKT DES ORTES ŽEMAIČIŲ NAUMIESTIS (KREIS ŠILUTĖ) AUS SOZIOLINGUISTISCHER SICHT
Zusammenfassung
Der Artikel untersucht eine sprachlich komplexe Situation im Nordosten des Kreises Šilutė (Litauische SSR), im Umfeld des Ortes Žemaičių Naumiestis. In diesem kleinen Gebiet lässt sich ein Wechselverhältnis zwischen dem Standardlitauischen, dem lokalen samogitischen Dialekt und dem Dialekt der sogenannten Lietuvininkai (d. h. der Litauer, die im 19.–20. Jahrhundert aus dem ehemaligen Ostpreußen und der Region Klaipėda hierher kamen) beobachten, ganz zu schweigen vom Russischen und Deutschen. Im Mittelpunkt stehen die Untersuchung des Lietuvininkai-Dialekts, die Frage nach seiner Herkunft, die Entwicklung seiner charakteristischen Merkmale sowie sein Verhältnis zum lokalen samogitischen Dialekt.