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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXXIV (1994)

LIETUVIŲ KALBOS TARMĖS IR JŲ TYRINĖJIMAI

Aus den Archiven Aus Archiven

Zigmas ZINKEVIČIUS

LITAUISCHE EINTRAGUNGEN IN EINEM EXEMPLAR DER „KNYGOS NOBAŽNYSTĖS“

In dem Exemplar der „Knygos nobažnystės“ (1653) in der Martynas-Mažvydas-Nationalbibliothek Litauens in Vilnius, das die Signatur A 1/653 trägt, befindet sich der handschriftliche litauische Text zweier Gebete. Ich habe ihn in Band IV meiner „Geschichte der litauischen Sprache“ kurz erwähnt 1. Ansonsten wurde er von Sprachwissenschaftlern bislang nicht eingehender behandelt oder untersucht.

Eine Fotokopie und eine Abschrift davon werden vorgelegt 2:

1 Zinkevičius Z. Lietuvių kalbos istorija, IV: Lietuvių kalba XVIII—XIX a. Vilnius: Mokslas, 1990, p. 186—187.

2 Wegen technischer Druckhindernisse wird anstelle des Buchstabens z mit Querstrich über der Stammverlängerung ž gedruckt.

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I

1 Ehre sei dem höchsten Gott und Friede auf Erden. Den Menschen sei guter Wille. Wir preisen, loben und verherrlichen dich, großer Gott, ewiger Sohn, ewiger Vater, Herr Jesus Christus, dass du vom himmlischen Thron auf diese Erde um unseretwillen herabgekommen bist und [mit uns durch den Heiligen Geist] der Heiligen Jungfrau Maria geboren wurdest, [um dich mit uns zu verbinden und unser Elend, das der Sünder, [auf dich zu nehmen. Gib uns, 10 Erlöser, deinen kostbaren [Beistand, damit wir dankbar und so als gute Wohltäter [dir] dienen, dich von [Herzen] lieben, uns auf dich stützen, dir wahrhaft dienen, dich eifrig [suchen], uns auf dich 15 im Leben und im Tod [zuversichtlich] verlassen; denn du selbst bist Herr, Haupt, Hirte, Lenker, Aufseher, Erlöser, Mittler und Fürsprecher,

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uns, unwürdigen Dienern, nichts Vollkommeneres mit deinem Vater und deinem Geist. Mit Gott sei dir ewiger Dank. Amen.

II

1

Herr Jesus Xste, unser Erlöser. Unsere vollkommene Gerechtigkeit, wir danken dir von Herzen, dass du dich herabgelassen hast, aus der Höhe des Himmels in diese mühselige Welt zu kommen und dich uns zu nähern: Du hast unser sündiges Fleisch und Blut angenommen, nicht um deiner selbst willen, denn du hattest Herrlichkeit bei deinem Vater, ehe der Anfang der Welt gelegt war, sondern um unseretwillen, damit du uns in unseren Mühen treu beistehst und uns, die wir verlorene Schafe sind, suchst und uns Sünder zur Buße rufen kannst. Wir bitten dich um deines Kommens in die Welt willen: Mache uns zu Teilhabern an deiner Gnade und deinem kostbaren Verdienst; erlöse uns von der Sünde, allem Übel, der Macht des Satans und dem ewigen Verderben. O großer Hüter des ewigen Bundes Gottes, Herr Jesus, bekleide uns mit göttlicher Gerechtigkeit, damit wir als Gerechte gelten und im Reich Gottes ewig leben können. Amen

5

10

15

Das Exemplar der „Knygos nobažnystės“ mit den Gebetseinträgen gelangte aus dem Vilniuser Synod der Evangelisch-Reformierten in die Martynas-Mažvydas-Bibliothek. Darauf weisen mehrere Synodssiegel und der auf der Rückseite des Titelblatts befindliche Eintrag (von anderer Hand) hin: Bibl. Synodi Evang.-Reform. Viln. Cat. I. D. №. 777. q. Auf derselben Seite steht offenbar, wiederum von anderer Hand, noch ein polnischer Eintrag: Od Ksiądża Kielmeńskiego Zboru Konstantego Thumasa. 1880 r. 15 dnia Marca Kielmy. Der Vilniuser Synod erhielt das Buch also am 15. März 1880 vom reformierten Pastor in Kelme, Konstantinas Tumas (Tumasas? 1877—19033).

Der Text beider Gebete ist am Ende des Buches auf den mit eingebundenen leeren Blättern eingetragen. Das Exemplar enthält noch weitere leere Blätter: Vor dem gedruckten Text befinden sich neun (auf der Rückseite des ersten Blattes wurde etwas geschrieben, offenbar ein Inhaltsfragment, jedoch in einem anderen Dialekt und nicht von derselben Person, die die Gebete eintrug; es gibt auch weitere kleinere Einträge, allerdings auf Polnisch), nach dem gedruckten Text sogar 39 leere Blätter. Die Gebete wurden auf den ersten beiden Blättern nach dem gedruckten Text eingetragen.

Beide Gebete wurden von einer Person geschrieben. Die Schrift ist mit schwarzer, inzwischen stark verblasster Tinte ausgeführt. Die Orthographie des Textes ist recht altertümlich, vgl. die Buchstaben ſ, ſs (= s), ſz (= š), ey, wy (=ei, ui). Geschrieben wurde im ostaukštaitischen Dialekt. Die tautosilbischen Verbindungen an sind verengt, z. B. unt I 1, 2, 6, 20, II 3, 19 ‘ant’, brungus I 10 ‘brangus’, Gen. Sg. Fem. brungiausios II 13 ‘brangiausios’, Dunguiiejżkos II 3—4 ‘dangiškos’; umżinas I 4 ‘amžinas’, Gen. Sg. Mask. umżina I 4, II 15, 16 ‘amžino’, Gen. Pl. umżiu I 20, II 19 ‘amžių’; giwint II 19 ‘gyventi’, 2. Sg. Imperativ apding

3 Grūzewski B. Kościół Ewangelicko-reformowany w Kielmach. Warszawa, 1912, p. 421.

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II 17 ‘apdenk’. Hingegen: idant I 10, II 8, 10, 18, Gen. Sg. Mask. paſkandinima II 15—16 ‘paskandinimo’.

Auslautendes ą, ę sowie -a, -e, < *-ą, *-ę sind nicht zu -ų, -į bzw. -u, -i geworden, z. B. Akk. Sg. garbą II 6 ‘garbę’, Tewą II 6—7 ‘tėvą’, Sprową I 7 ‘dalyką, reikalą’, Nom. Sg. Mask. gimes I 8 ‘gimęs’; Instr. Sg. Gatwa I 17, teysibe Diewiſzka II 17—18, Lok. Sg. Žiwate I 15 ‘gyvenimas’. Dies weist auf Orte im Nordosten Litauens zwischen Pasvalys und Vaškai hin. Dieser Einordnung widersprechen nicht, sondern stützen sie vielmehr, das harte t vor e-artiger Vokalität (a), die unbetonte Endung -a < *-ā anstelle des standardsprachlichen -o und das Vorkommen des langen Vokals ā in betonten Einsilbern neben der unbetonten Endung -os (b), ferner die Assimilation der Komponenten des fallenden Diphthongs sowie ihre Schreibung mit den Buchstaben ey (c), z. B.:

a) 2. Sg. Kond. galetumey II 11 ‘tu galėtum’, 1. Pl. miletumim I 12 ‘mes mylėtume’;

b) Gen. Sg. Mask. kuna II 5 ‘kūno’, grieka II 14 ‘nuodėmės’, wiſa pikta II 15 ‘viso pikto’, warga I 8 ‘vargo’ und ta II 3 ‘to’, aber Fem. brungiausios II 13 ‘brangiausios’;

c) patsey I 16 ‘patsai’, tikrey I 13 ‘tikrai’, dukſingey I 15—16 ‘dūksingai, su viltimi’, Instr. Pl. Mask. nuodelnikejs II 13 ‘dalyviais’, Nom. Pl. Mask. paskeytiti II 18 ‘paskaityti, palaikyti’.

Vgl. auch Akk. Pl. mums II 11, 14 ‘mus’.

Der Text enthält archaische Formen, die heute in der genannten Region und allgemein in Litauen nicht mehr verwendet werden, z. B. Dat. Pl. Žmonemus I 2 ‘žmonėms’, Allativ Sg. pakutosp II 11, Adessiv Sg. Tawimp I 12—13, Gen. Sg. Fem. Danguieįzkos II 4, 2. Sg. Kond. padetumbey II 9, 1. Pl. galetumbim II 19. Sie weisen ins 16.—17. Jahrhundert.

Über dem Text des ersten Gebets steht eine polnische Überschrift (siehe Fotokopie), die folgendermaßen zu lesen ist: Modl(itwa) V na B(oż)e Narodzenie. Das Gebet trägt also die Nummer fünf (römische Ziffer). Im Gebetbuch „Knygos nobažnystės“ steht unter Nummer 5 ein ganz anderes Gebet; das eingetragene Gebet ist somit keine Übersetzung davon in den ostaukštaitischen Dialekt. Ein Gebet, das dem handschriftlichen Text entspräche, findet sich in der „Knygoje nobažnystės“ überhaupt nicht. Unsere Aufmerksamkeit gilt jedoch den neuen Gebetsnummern, die in diesem Exemplar handschriftlich eingetragen sind und unter denen die Nummer 5 fehlt. Offenbar stammt der Text aus einer anderen Gebetssammlung, deren Inhalt die eingetragene Nummerierung der Gebete wiedergibt. Bei der Durchsicht der umfangreicheren, 1781 und 1845 von den Evangelisch-Reformierten herausgegebenen Gebetssammlungen⁴ wurde ein Gebet mit der Nummer 5 gefunden, und zwar dasselbe, das in der „Knygoje nobažnystės“ eingetragen ist. Auch die Orthographie ist ähnlich: Der Buchstabe ſ (= s) wird verwendet, statt ſz (= š) steht hier β, statt ż — ź; die Buchstaben für die Diphthonge ay, ey, uy gibt es nur in der Ausgabe von 1781, während die Ausgabe von 1845 aj, ej, uj schreibt. Formen des Konjunktivs mit -b- finden sich nur in der Ausgabe von 1781; in der Sammlung von 1845 steht hingegen miletumim, dukſetumim, tarnauutumim. Die Sprache entspricht der mittleren Variante unserer alten Schriftsprache; in den Texten dieser Ausgaben findet man daher unter anderem ant, brangus, amžinas, amžių, tikray. Die Abschrift (unter Anpassung des Dialekts!) ist nicht überall wortgetreu; es gibt Textänderungen, von denen die wichtigsten folgende sind:

⁴ Maldos krikszczioniszkos, Wiſokioj Reykmej prigulinčzios...Karálaucʒuje... MDCCLXXXI (=1781 m.). Herangezogen wurde das Exemplar der Bibliothek der Universität Vilnius, Sign. Lᴿ 965. Für 1845 wurde das Exemplar der Universität Vilnius, Sign. Lᴿ 695, herangezogen.

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In der Sammlung von 1781 (die Ausgabe von 1845 unterscheidet sich nur in der Rechtschreibung):

Ein guter Wunsch des Menschen, Herr, unser Jesus Christus: dass wir von deinem göttlichen Thron auf die Erde herabgestiegen, die Mühsal und Not der sündigen Menschen

Im Manuskript:

Ein guter Wille für die Menschen, Herr Jesus Christus: dass du vom väterlichen Thron auf die Erde herabgestiegen bist und die Mühsal unserer Sünder

Die zweite Gebetsfassung wurde in den durchgesehenen reformierten Gebetssammlungen überhaupt nicht gefunden.

Wir können nicht sicher sein, dass der Schreiber der Gebete in der „Knygos nobažnystės“ gerade die genannten Ausgaben benutzte. Wahrscheinlich gab es noch eine andere, nicht erhaltene Gebetssammlung, möglicherweise eine handschriftliche, in ostaukštaitischem Dialekt verfasste, aus der abgeschrieben wurde. Wie die nachstehend angeführten Daten zeigen, geschah dies wahrscheinlich gegen Ende des 18. oder in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die vorhandenen archaischen Formen, die für die Sprache jener Zeit untypisch sind, könnten einfach aus einer älteren Sammlung übernommen worden sein.

Unter den in der Bibliothek der Universität Warschau aufbewahrten Handschriften der Reformierten von Kelmė aus dem 18.–19. Jahrhundert 5 wurden von derselben Hand 6 verfasste Predigten entdeckt. Rechtschreibung und Sprache (Dialekt) des Warschauer Textes 7 sind dieselben wie in den hier untersuchten Gebeten. Auch hier werden die Buchstaben ł, ſ (ſ = š), ſz (= š), ey, uy (= ei, ui) verwendet. Tautosilbische an-Verbindungen werden verengt, z. B. unt ‘auf’, a. sg. Dungu ‘Himmel’, adv. prideruncziey ‘angemessen’, ſziendien ‘heute’, aber idant. In den Endungen ą, ę und -a, -e < sind *-ǭ, *-ę nicht zu -ų, į bzw. -u, -i verändert, z. B. a. sg. gatwą, prieſz Sostą, ape atpirkimą, su meyłą ‘mit Liebe’, l. sg. žiwate ‘Leben’. Hartes l vor Vokalismus des e-Typs: ſekle ‘Samen’ (charakteristisch für die nördlichen Ostaukštaiten!), meyte ‘Liebe’, Guteja ‘lag’, l. pl. cond. galetumim ‘wir könnten’. Die Verteilung der Vokale ā und o ist in den genannten Formen dieselbe, vgl. g. sg. m. Diewa ‘Gottes’, ſwieta ‘Welt’, ant zienkla ‘auf dem Zeichen’ und ta ‘das’, ja ‘sein’ neben der Endung -ios. Vgl. ferner die Kennzeichnung des Zirkumflexes bei ai: kursey ‘Kurse’, sztey ‘so’, dayktey ‘Dinge’, su wyſtikleyſ ‘mit Windeln’, Labey ‘sehr’... Archaische Formen sind zahlreich: d. sg. m. kuriamay ‘dem’, ad. sg. Diewiep, all. sg. Tewop, pl. musump, n. pl. m. Danguieſzki ‘himmlisch’, l. pl. Dunguieſzkose, te eſt ‘noch’, adv. Todrin ‘deshalb’, nesang ‘denn’... Es besteht kein Zweifel, dass den Warschauer Text dieselbe Person verfasste, die auch beide Gebete in die „Knygos nobažnystės“ eintrug.

Wer diese Person war, ließ sich nicht feststellen. Unter den Autoren der Warschauer Sammlung der Reformierten von Kelmė wird Aleksandras Močiulskis genannt. Wahrscheinlich ist dies

5Die Historikerin Ingė Lukšaitė machte den Verfasser des Artikels auf sie aufmerksam. Sie stellte ihre eigenen Exzerpte und Mikrofilme zur Verfügung. Ihr gilt herzlicher Dank!

6 Tai patvirtino LTSR Teismo ekspertizės mokslinio tyrimo institutas 1981.10.16 pažyma Nr. 11—1280.

7In der Sammlung mit dem Titel „Zbiór kazań polskich i litewskich z lat 1742—1812 i niedatowanych“, alte Signatur 1148, neue Signatur 1268.

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Der bekannte Herausgeber evangelisch-reformierter Schriften Aleksandras Rapolas Močiulskis (1790—1866), geboren in Kelme, wo er auch einige Zeit tätig war. Ich war geneigt anzunehmen, dass der Text höchstwahrscheinlich von seiner Hand stammt 8. Doch der Warschauer Universitätsstudent Pawel’s Wójcik’as, der 1992/1993 an der Universität Vilnius hospitierte, prüfte auf meine Bitte die Warschauer Handschriftensammlung und fand darin keine Belege, die eine solche Annahme stützen würden 9. Die Sammlung enthält Texte, die von Aleksandras und Adomas (wahrscheinlich Adomas Jokūbas, 1749—1832) Močiulskis sowie von Aleksandras Meškauskas (Mieszkowski) verfasst wurden; die Handschriften aller drei unterscheiden sich jedoch von der des Warschauers, dessen Text uns interessiert (einschließlich der in der „Knyga nobažnystės“ eingetragenen Gebete).

Wie dem auch sei, die Gebete in der „Knyga nobažnystės“ wurden von einer Person eingetragen, die in Kelme tätig war oder zumindest mit der evangelisch-reformierten Gemeinde von Kelme verbunden war. Die Pfarrer dieser Gemeinde wurden häufig aus Biržai dorthin versetzt oder gingen nach Biržai, um dort zu arbeiten (an beiden Orten waren die bereits genannten Aleksandras Rapolas und Adomas Jokūbas Močiulskis tätig); daher sollte uns der Text im ostaukštaitischen Dialekt der Gegend um Biržai unter den Handschriften der Reformierten von Kelme nicht überraschen.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verwendeten die Reformierten den Dialekt der Gegend um Biržai bei der Veröffentlichung religiöser Schriften. Das zeigen beide Büchlein von Mykolas Ceraskis 10, der um 1754 vermutlich in Nemunėlio Radviliškis geboren wurde und von 1784 bis zu seinem Tod (1824) in Biržai tätig war und die 1803 in Mintauja erschienen: „Kozonis padėkavonės“ und „Senas katekizmas“. Das erste Büchlein ist durchgehend in dem Dialekt verfasst, um den es uns geht (mit den für die damalige Schriftsprache traditionellen Beimischungen), zum Beispiel wundeni ‚im Wasser‘, ſwenti ‚heilig‘, ka ‚was‘, ta ‚das‘, weykey ‚Kinder‘, tie linksmus paukszcziey ‚die fröhlichen Vögel‘ (lińksmūs). Im Wesentlichen ist auch die Einleitung des zweiten Büchleins in derselben Sprache verfasst; die Sprache der Gebete und anderer Katechismusabschnitte ist darin jedoch traditionell und setzt die mittlere Variante der Schriftsprache des 16.—17. Jahrhunderts fort.

In der M. Mažvydas-Bibliothek befindet sich eine xerografische Kopie des undatierten Manuskriptbuches eines unbekannten Verfassers „Būdas apie vakarienę (rašo vakarine) pono mūsų Jezuso Christuso“, dessen Dialekt derselbe ist wie der von M. Ceraskis, zum Beispiel wundo ‚Wasser‘, pinkiu ‚fünf‘, ku ‚was‘, stalu ‚den Tisch‘, giesmi ‚das Lied‘, ta ‚das‘, prastus ‚schlicht‘ (prastūs), rejki ‚ist nötig‘. Verfasst hat es nicht M. Ceraskis (die Handschrift ist anders), sondern eine andere Person. Auch enthält es viele Archaismen, zum Beispiel nesang ‚denn‘, betaig ‚aber‘, kiekwienamuy ‚jedem‘, idant turetumbime ‚damit wir hätten‘.

Juozas Tumelis besitzt in Vilnius ein Bündel mit Predigten und Gesängen (1968 von Leonas Gudaitis erhalten), das der Künstler Kazys Šimonis 1925—1940 zu einer Sammlung zusammenstellte. Die Handschriften hatte er in Biržai von einem Antiquitätensammler namens Štreiten (Štreiton?) gekauft. Es handelt sich um eine recht umfangreiche Sammlung von 284 Seiten mit reformierten Texten des 18.—19. Jahrhunderts. Der älteste datierte Text stammt aus dem Jahr 1726. Es könnte noch ältere, undatierte Texte geben. Die Verfasser sind unbekannt, mit Ausnahme des Autors eines Textes von 1813 — des bereits erwähnten M. Ceraskis. Viele Texte dieser Sammlung sind in der traditionellen

8 Zinkevičius Z. Lietuvių kalbos istorija, IV, p. 187.

9 Ich danke P. Wójcik für die aufgewandte Mühe und die Beschaffung zusätzlicher Textkopien.

10 Es wird angenommen, dass der ursprüngliche Familienname Vaškys lautete, von den Vorfahren zu Ceraski latinisiert; unsere Bibliografen hatten daraus Cerauskas gemacht.

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Sprache der Schriften, jedoch mit sehr zahlreichen Elementen des ostaukštaitischen Dialekts. Nicht wenige Merkmale (auch in den ältesten Texten selbst) weisen auf den nördlichen Teil des Mūša-Flussgebiets hin, insbesondere auf die Umgebung von Biržai, z. B. ja „sein“, ta „das“, re(j)ki „es ist nötig“, pawerči „verwandelt“, sekte „Saat“, trumpus „kurz“ (= trumpūs), kitas asz ira „ich bin ein anderer“. Es gibt zahlreiche Beimischungen aus der Sprache älterer Schriften, z. B. nopikontontoy „im Hass“, dewintam liekam paguldime „im neunzehnten Kapitel“, zwetamu „heilig“, kunigamus „den Priestern“, poniep, mu|impi, dangueie|zkas „himmlisch“, butumbim „wir wären“. Offenbar wurde zumindest ein Teil dieser Texte aus älteren Handschriften oder uns unbekannten gedruckten Ausgaben abgeschrieben.

1948 fiel mir in Kaunas beim Durchblättern eines in der Bibliothek der Vytautas-Magnus-Universität aufbewahrten Exemplars der Postille des Reformierten Morkūnas dessen merkwürdige Bindung auf: Der Rücken war mit Fragmenten einer alten litauischen Handschrift beklebt. Die Sprache ihres Textes erinnerte an eine östliche Variante der Schriftsprache. Ich schrieb folgende Wörter ab: umži „der Zeiten“, baysas „schrecklich“, teyp „so“, kayp „wie“, niey „als“. Leider lässt sich die Sprache dieser Fragmente heute nicht mehr untersuchen: Das Exemplar gelangte in die Bibliothek der Universität Vilnius (seine neue Signatur lautet Lᴿ 1620) und wurde restauriert; die alten Rückenfragmente sind nicht mehr vorhanden.

Wie wir wissen, wurden im Großfürstentum Litauen im 16.–17. Jahrhundert Bücher in zwei Varianten der Schriftsprache herausgegeben: in der sogenannten mittleren (deren Grundlage der damalige Dialekt der litauischen Ebene in der Landesmitte – der Gegend von Kėdainiai – bildete) und der östlichen (die aus dem Dialekt von Vilnius und seiner näheren Umgebung hervorging). Katholische Bücher erschienen in beiden Varianten: Die in der ersten verfassten waren für das Bistum Žemaitija bestimmt, die in der zweiten verfassten dienten den Bedürfnissen des Bistums Vilnius. Die Reformierten aber veröffentlichten Bücher nur in der mittleren Variante. Es gibt nicht ein einziges Buch und nicht einmal einen handschriftlichen Text der Reformierten aus dem 16.–17. Jahrhundert, der in der östlichen Variante der Schriftsprache verfasst wäre. Dieser Umstand ist recht überraschend, denn Anhänger des reformierten (calvinistischen) Glaubens gab es damals nicht nur in West- und Mittellitauen (im Distrikt Žemaitija), sondern auch in Ostlitauen, in den Distrikten Vilnius und Užneris 11 (Biržai, Panevėžys, Naujamiestis, Papilys, Ukmergė, Utena, Zarasai...).

Alle in diesem Artikel angeführten Daten zwingen dazu, zumindest teilweise die Auffassung zu revidieren, dass die Reformierten seit jeher ausschließlich die mittlere Variante der Schriftsprache verwendeten. Offenbar schrieben sie auch in der östlichen Variante; Bücher, die in dieser verfasst waren, wurden jedoch nicht gedruckt oder sind nicht erhalten geblieben.

Offenbar nicht ohne Grund nahm der Lehrer der reformierten Schule in Biržai, Kazimieras Kristupas Daukša (geboren um 1795, gestorben 1865), in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in seiner handschriftlichen Grammatik der litauischen Sprache (der ersten auf Litauisch verfassten Grammatik!) ”Trumpa kalbamokslie liežuvių lietuviško” den ostaukštaitischen Dialekt zur Grundlage und stützte sich übrigens vor allem auf die Mundart der Gegend von Biržai (aus der er selbst stammte). Er entwickelte eine eigenständige ostaukštaitische Schriftsprache 12. Sie wurde, nachdem die Orthografie überarbeitet und vereinfacht worden war, auch von Kazimieras Kristupas’ Sohn Edvardas Jokūbas Daukša (1836 – um 1890) verwendet. Offenbar war auch das vor 1860 verfasste, inzwischen verschollene Werk des reformierten Pfarrers von Biržai, Karolis

Litwa Zawilejska. Zum Begriff und Gebiet siehe Wojtkowiak Z. Litwa Zawilejska w XV i pierwszej połowie XVI w., Poznań, 1980.

12 Plačiau žr. Zinkevičius Z. Lietuvių kalbos istorija, IV, Vilnius, 1990, p. 190—192.

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Nerlicho (1808 – 1860) gramatika. Taigi rytų aukštaičių tarmė reformato raštijoje yra atlikusi kur kas didesnį vaidmenį, negu paprastai manoma.

LITAUISCHE INSCHRIFTEN IN EINEM EXEMPLAR VON ”KNYGA NOBAŽNYSTĖS”

Zusammenfassung

Der Artikel analysiert den handschriftlichen Text zweier Gebete, die in einem Exemplar von ”Knyga nobažnystės” gefunden wurden, das in der M. Mažvydas-Bibliothek in Vilnius aufbewahrt wird. Es wurde festgestellt, dass die Inschrift von einem evangelisch-reformierten Pfarrer verfasst wurde, der aus dem Bezirk Biržai stammte und in Kelme tätig war. Texte desselben Verfassers finden sich in der Handschriftensammlung der Reformierten von Kelme in der Bibliothek der Universität Warschau. Man nimmt an, dass diese Texte aus einem alten Gebetbuch abgeschrieben wurden, das entweder vom Ende des 18. oder vom Anfang des 19. Jahrhunderts stammt. Der Text ist im ostaukštaitischen Dialekt verfasst. Die sprachlichen Besonderheiten der Region Biržai sind deutlich erkennbar. Die angeführten Fakten zeigen, dass der ostaukštaitische Dialekt in den Schriften der Reformierten eine wesentlich größere Rolle spielte, als bisher angenommen.

VIER BRIEFE VON K. BŪGA AN TORE TORBIÖRNSSON

Im Mai und Juni 1992 arbeitete ich in der Bibliothek und im Archiv des Slawisten und Baltisten T. Torbiörnsson am Institut für Slawistik der Universität Lund (Schweden). Dort lernte ich Georg Jaugelis kennen, einen ehemaligen Mitarbeiter dieses Instituts, der mir bei einem Gespräch erzählte, er habe vier Briefe von K. Būga an T. Torbiörnsson abgeschrieben und beabsichtigt, sie zu veröffentlichen. Die russischsprachigen Originale der Briefe wurden zusammen mit anderer Korrespondenz und Manuskripten einige Zeit im Archiv T. Torbiörnssons aufbewahrt.

G. Jaugelis hatte die Briefe mit der Schreibmaschine abgeschrieben, die diakritischen Zeichen ergänzt und die Unterstreichungen übertragen. Nicht eingetragen blieb lediglich das Weichheitszeichen (ь), das es auf der Schreibmaschine nicht gab, sowie der lateinische Buchstabe z in einigen russischen Wörtern. Die Korrektur konnte wegen einer Krankheit, die G. Jaugelis längere Zeit ans Bett fesselte, nicht vollständig abgeschlossen werden. Nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus stellte sich heraus, dass die Brieforiginale irgendwo verschwunden waren (auch mir gelang es nicht, sie zu finden, obwohl ich das Archiv T. Torbiörnssons und den Katalog der Handschriftensammlung der Universitätsbibliothek Lund sorgfältig durchsah). Da die Originale nicht wieder auftauchten, blieben die Briefe unvollendet für den Druck vorbereitet und wurden nicht veröffentlicht.

Obwohl die Abschriften der Briefe nicht vollständig zur Veröffentlichung vorbereitet waren, kann man ihnen vertrauen (zu einigen wenigen zweifelhaften Stellen siehe die Erläuterungen). G. Jaugelis galt als einer der besten Korrektoren und Redakteure der Veröffentlichungen des Instituts für Slawistik; außerdem hat er eine beachtliche Sammlung von Briefen russischer Schriftsteller an die Lundoner Slawisten mustergültig herausgegeben (siehe Slavica Lundensia, 1973. Vol. 1, p. 115–140; 1974. Vol. 2, p. 7–116). Ich möchte G. Jaugelis dafür danken, dass er mir gestattet hat, die Abschriften zu kopieren und in der litauischen Presse zu veröffentlichen.

* Zur Bibliothek und zum Archiv T. Torbiörnssons siehe Stundžia B. Lituanistika Lundo universitete // Gimtoji kalba, 1992, Nr. 11. P. 21–25.

Die wissenschaftliche Arbeit in der genannten Bibliothek und im Archiv wurde durch Vermittlung des Schwedischen Instituts (Svenska Institutet) vom Nordischen Ministerrat (Nordic Council of Ministers) finanziert; den devisenpflichtigen Anteil der Reisekosten bezahlte der Fonds Offenes Litauen.

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