Page 1LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXVI (1996)
LIETUVIŲ KALBA: TYRĖJAI IR TYRIMAI
Danguolė MIKULĖNIENĖ
ZU AKZENTUIERUNGSVARIANTEN DEKLINIERBARER WÖRTER IN DEN SÜDLICHEN AUKŠTAITISCHEN MUNDARTEN
Bislang werden Akzentuierungsvarianten deklinierbarer Wörter häufiger unter dem Gesichtspunkt der Standardsprache erörtert – wobei gefragt wird, welche Variante für die Standardsprache vorzuziehen ist. In den Mundarten sind verschiedenste Akzentuierungsfälle möglich, doch besteht gewöhnlich eine Tendenz zur Endungsbetonung (Būga 1961: 79; Skardžius 1935: 35—42, 144—155; 1968: 58—59, Iliič-Svityč 1963: 29—30, 41—42, 55; Girdenis 1967: 6 u. a.).
Die Neigung der gesprochenen Sprache zur Oxytonese wurde statistisch zu belegen versucht: Den Angaben von B. Stundžia (1984: 88) zufolge machen bei zweisilbigen Wörtern Varianten mit Stamm- und Endungsbetonung 86% aller Variationsfälle aus. Am häufigsten variieren Akzentparadigmen derselben Wurzel mit unterschiedlichen Intonationen – das erste und das dritte (vgl. beržas 1 / beržas 3, tėvas 1 / tėvas 3), das zweite und das vierte (vgl. aušra 2 / aušra 4, bala 2 / bala 4). Halb so viele – 31,6% – sind Wörter, bei denen sich die Akzentuierung zusammen mit der Intonation des Stamms ändert (vgl. audra 1 / audra 4, kaina 1 / kaina 4) (Stundžia 1984: 87, Tabelle 1).
§1. Die südlichen aukštaitischen Mundarten zeichnen sich durch eine Fülle von Akzentvarianten aus: In ihnen gibt es zahlreiche Wörter und Formen, die anders betont werden als in der Standardsprache, vgl. in Zietela ir pas_t o k ū s ž m o n i s; vieni v i e n ū s mėgo; mės pastatėm itus p ė d ų s (Vidugiris 1959: 207—209) sowie in der Umgebung von Dieveniškės aufgezeichnete Formen ir dar blizga k a u l a i; o kur čieį r a k t a i; pinki t v a r t a i, vienos duri˙s usw. (Lipskienė, Vidugiris 1967: 195—196).
In diesen Mundarten schwankt besonders die Akzentuierung des Instrumentals Singular und des Akkusativs Plural: Wörter mit akutiertem Stamm der dritten (mitunter auch der ersten) Akzentklasse werden häufig auf der Endung betont. So kann man in der Mundart von Dieveniškės arklūis, galvàs, grūdūs hören (Lipskienė, Vidugiris 1967: 196), in Švendubrė karštų, nuogų, pėsčių; arklius, karštus (Naktinienė, Paulauskienė, Vitkauskas 1988: 8), in Punskas pėdų, pėdūs; gyvų, gyvūs; ilgų, ilgūs; šaltų, šaltūs (Grumadienė 1992: 11).
§2. Da Akzentuierungsvarianten gewöhnlich in den am stärksten vom Schwund bedrohten und deshalb intensiv erforschten südlichen Grenzmundarten registriert werden, wird das Vorhandensein von Akzentuierungsalternanzen oft mit dem Einfluss slawischer Sprachen in Verbindung gebracht (vgl. Zinkevičius 1966: 31). Unter deren ständigem Einfluss werde die Verbindung zwischen den Intonationen der Mundart und dem Akzentort in bestimmten Wortformen gestört, und es entstehe eine Tendenz zum morphologischen Ausgleich des Akzentparadigmas – zu kolonischer oder Endungsbetonung (vgl. Grumadienė 1988: 144; 1994: 104).
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Page 2Beim Zerfall des Akzentuierungssystems der Mundart spielen die slawischen Sprachen zweifellos die Rolle eines Katalysators; dennoch ist die Vermischung der Akzentklassen nicht immer als neues Phänomen anzusehen. Die fraglichen Varianten finden sich nicht nur in den vom Schwund bedrohten Grenzmundarten, sondern im gesamten Gebiet der südlichen Aukštaitier (Dzūker) und benachbarter Mundarten¹. Auch nördlich davon – beispielsweise im südlichen Teil der ostaukštaitischen Širvintiškiai-Mundart, wo zugleich Tendenzen zur kolonischen Betonung zu beobachten sind (Morkūnas 1969: 117). Also bis zur Zone der Akzentretraktion.
§3. Man hat versucht, phonetische Ursachen dieses Phänomens zu finden: Es wurde durch die schlechtere Unterscheidung der Intonationen langer Vokale in den ost- und südaukštaitischen Mundarten (Stundžia 1984: 86), durch die Annäherung der Tonhöhen von Zirkumflex und Akut (Naktinienė, Paulauskienė, Vitkauskas 1988: 8) oder durch die Anpassung der zirkumflektierten Stammintonation eines Wortes an den Akut der betreffenden Mundart erklärt (Grinaveckis 1991: 110—111). Das Vorhandensein von Formen mit bewahrtem Akut – zum Beispiel Akkusativ Singular kárštą (trm. ká.rštu.) neben karštù, karštùs oder árklį (trm. á.rkl'i.) neben arkliùs (sowie árklius) (Naktinienė, Paulauskienė, Vitkauskas 1988: 8) – zeigt jedoch, dass der Akut im Wortstamm in den südlichen Aukštaitier-Mundarten nicht vollständig geschwunden ist. Außerdem ist der phonologische Gegensatz der Intonationen in Diphthongen gut bewahrt².
Nach Z. Zinkevičius’ Ansicht weisen mehrere nebeneinander verwendete Formen am selben Ort (und sogar bei ein und demselben Informanten – aut. p.) auf einen nichtphonetischen Ursprung der Akzentuierungsvarianten hin; sie seien daher vor allem durch „das Vergessen des alten Akzents und seinen späteren analogischen Ausgleich“ zu erklären (Zinkevičius 1979: 91). Somit liegt die Annahme nahe, dass die „ausgeglichenen“ Varianten, die synchronisch als hyperkorrekt gelten (Grumadienė 1988: 144—148), auch historische Voraussetzungen für ihr Bestehen haben können.
§4. Dass sie bereits damals existierten, belegen die Schriften von M. Daukša, vgl. M. Daukšas *daiktùs (daiktús) neben dáiktus (dáiktus), *darbùs (darbùs) neben dárbus (dárbus, dárbus), *pėdàs (pedás); *gardžiàs (gardžiás) neben gárdžius (gárdžius, gárdžius), *gyvù, gyvùs (giwú, giwùs) neben gývus (giwus), *pilnù (pilnù) sowie *aiškùmi, *patogùmi (aiškùmi, patogùmi) neben aiškius, (ne)patógius (aiškius, Akk. Pl. patógus, nepatógus).
Kaum sind diese endungsbetonten Substantive bloße Druckfehler – die Akkusativ-Plural-Form *daiktùs wurde von P. Skardžius fünfmal gefunden (*dáiktus sechsmal), *darbùs dreimal (*dárbus ebenso dreimal). Es ist durchaus wahrscheinlich, dass M. Daukša ihnen aus den südlichen Aukštai-
1 Dies zeigen die Materialien des Handschriftenarchivs der Abteilung für Sprache und Dialektologie des Instituts für Litauische Sprache sowie die Materialien der dialektologischen Expeditionen der letzten Jahre (1991 – Žasliai, Pelesė; 1992 – Valkininkai, Dieveniškės, Balbieriškis; 1993 – Leipalingis, Mielagėnai; 1994 – Dieveniškės; 1995 – Vištytis).
2 Die Intonationen langer Vokale (bzw. ie, uo) sind noch zu wenig erforscht. Zwar heißt es auch über die östlichen Nachbarn der westlichen Dzūker, die östlichen Kauser, dass sie ebenfalls „die Akut- und Zirkumflexintonation betonter langer Vokale und der Diphthonge ie, uo fast nicht unterscheiden“ (Lietuvių 1970: 29); dennoch scheint es verfrüht, von ihrer Nivellierung im Wortstamm zu sprechen (vgl. Grinaveckis 1991: 118—119). Zumal die südlichen Westaukštaitier selbst in unbetonten Silben Akut und Zirkumflex weiterhin unterscheiden (Girdenis 1973: 74—75; Zinkevičius 1983: 121—122).
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Page 3čių tarnių arba, pasak P. Skardžiaus (1935: 40), ”tai galėjo būti ir vilniečio korektoriaus padaras”. Nors galūnėje sukirčiuotas formas (bent jau būdvardžius) P. Skardžius ir priskyręs prie korektūros riktų, tačiau jo nuomonės neparemia senųjų raštų įvardžiai, skaitvardžiai, nė patys būdvardžiai.
Dass Wörter mit Endungsakzent weder als Zufall noch als Versehen gelten können, zeigen die Pronomen bei M. Daukša kokìs, vìs, tokìs, ~ìs: Der Singularinstrumental *kokìa (kokía, kokė), *tokìa (tokía) oder der Pluralakkusativ *kokìas (kokės, kokìas, kokėjg), *tokìas (tokės) wird konsequent auf der Endung betont, neben tókias (tókias), *tokìas (tokìas) sowie tókùs (tókùs); zusammen mit den übrigen Kasusformen belegt dies, dass es sich um Oxytona handelte (Skardžius 1935: 198). Die barytonen Pronomen hatten keine benachbarten Formen mit Endungsakzent.
Auch die Zahlwörter hatten offenbar, wie die Pronomen, eine Akzentuierungsparadigma mit Endungsakzent bewahrt. Darauf weisen die Pluralakkusativformen in den Schriften von M. Daukša hin: *keturìas (kieᵃ turìas, keturés), *septynìas (septinés) (Skardžius 1935: 183) sowie die genusindifferenten Zahlwortformen im anonymen Katechismus von 1605: *pirmà (pirmá), *ant(a)rà (ontárá), *trečià (Trecìá) neben trẽčia (Trẽcia), *ketvirtà (Ketwirtá) (Zinkevicius 1975: 63).
§5. Wegen der geringen Zahl an Beispielen ist es schwierig, *gardžius, *gyvùs, *pilnù als Relikte des Endungsakzents anzuerkennen – zumal K. Būga die Form *gardžius als Form einer anderen Mundart zu erklären geneigt ist (Būga 1961:77). Indirekte Belege gibt es jedoch.
Erstens ist dies der Pluralnominativ der zweisilbigen maskulinen Adjektive mit Akut: baltì (< *bált-ie), der auf der Endung betont wird – genau wie pirmì (< *pirm-ie) oder kokì (< *kák-ie) –, und der Singularnominativ Femininum baltà (< *bált-ā) wie pirmà (< *pirm-ā) oder kokià (< *kák-(j)ā). Vor der Durchsetzung des Saussureschen und Fortunatovschen Gesetzes unterschieden sich diese Formen also hinsichtlich der Betonung – mit zwei Akuten – überhaupt nicht vom Singularinstrumental und Pluralakkusativ, vgl. báltu/baltù (< *bált-uo), báltus/baltùs (< *bált-uos) (Mikulienė 1993: 22).
Zur Zeit von M. Daukša hatte das Saussuresche und Fortunatovsche Gesetz die Barytona mit festem Akut im Stamm bereits beeinflusst, vgl. *drãsus (drãsus), drãsu (drãsu), aber drąsiùs (draṡiùs), *graudùs (graudùs), graudùmi (gráudumi), aber graudžià (i.sg. graudžiá), *sunkùs (súkus), sunkù (súku), aber sunkìus (sùkius) (Skardžius 1935: 143–144). Wofür, wenn nicht als Spur des Stammakzents, sollte man dann *sveikì (ſweikì), sveikùs (ſweikùs) neben sveikà (ſweiká), sveikàs (ſweikás), sveikù (i.sg. [weikù) ansehen? (Skardžius 1935: 151)
Offenbar sind auch die Neutra der Adjektive als Relikte des barytonen Akzents anzusehen, vgl. *drãsu, *sunkù, *teísu (téis[u), *vãrgu (wãrgu) neben der deutlich selteneren Form vargù (wargù) (Skardžius 1935: 143–144). Dieselbe Akzentuierung – bjaũru (biaũru), daílu, graũdu, patógu, sunkù (ſunkù) – findet sich im Wörterbuch von F. Kuršaitis (Kurschat 1883).
Es ist also anzunehmen, dass zweisilbige Adjektive wie Pronomen oder Zahlwörter zwei Akzentuierungsparadigmen gehabt haben: eines mit Stamm- und eines mit Endungsakzent.
§6. Der Katechismus von 1605 wird nicht zufällig erwähnt: Es wird vermutet, dass sein Übersetzer aus dem südlichen Teil des Gebiets der Wilnaer Mundart stammte (Zinkevicius 1968: 109 tt, 1975:
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Page 44). In den Akzentuierungseigenschaften steht die Sprache des anonymen Katechismus den Schriften von M. Daukša nahe. Daher muss man wohl annehmen, dass entweder der erwähnte „Vilniuser Korrektor“ kräftig Hand angelegt hat (vgl. auch K. Būgas (1961: 77) Feststellung: „Daukšas Postille ist eine Übersetzung mehrerer Personen“), oder dass die Akzentuierung des Dialekts des Katechismusübersetzers zu jener Zeit nicht stark vom Dialekt der Heimatgegend M. Daukšas abwich. Denn alle in den alten Schriften belegten Akzentuierungsvarianten sind bis heute im südlichen Gebiet der Aukštaiten erhalten geblieben.
Erstens handelt es sich um allgemein gebräuchliche Pronomen mit Endungsakzent. In verschiedenen Varianten — tokìs, ~ìà; tokiàs, ~ià; tokỹs, ~ià (neben tókis, ~ia oder tókias, ~ia) sowie kokìs, ~ià; kokiàs, ~ià; kokỹs, ~ià (neben kókis, ~ia oder kókias, ~ia) — sind sie in der Umgebung von Gervėčiai (Kardelytė 1975: 69), Lazūnai (Vidugiris 1959:208; Petrauskas, Vidugiris 1985: 124, 268; 1987: 5, 6 tt), Zietela (Vidugiris 1959: 208, 209; 1960: 122; Zinkevičius 1966: 318), Varanavas (Grinaveckienė 1994: 96, 106), Dieveniškės (Grinaveckienė 1993: 166), Druskininkai (Naktinienė, Paulauskienė, Vitkauskas 1988: 161, 410), Punskas (Mikalonienė, Morkūnas 1988) und anderswo aufgezeichnet.
Zweitens sind in den südlichen Aukštaitischen Mundarten neutrale Formen verbreitet, die bis heute den Stammakzent bewahrt haben: Adjektive vom Typ sunkù (Vidugiris 1959: 206; Kardelytė 1975:54; Petrauskas, Vidugiris 1985: 250; 1987: 26, 31 tt; Naktinienė, Paulauskienė, Vitkauskas 1988: 357). Da sie sogar im Gebiet der Kapsai und Zanavykai doppelt akzentuiert werden (sowohl im Stamm als auch in der Endung) — zum Beispiel baĩsù, baĩgù, bjáurù, graũdù, nýkù, skaũdù, svárbù, sunkù... (Senkus 1960: 142) —, lässt sich folgern, dass die Variante mit Endungsakzent sunkù jünger ist.
Drittens bestätigen die Zahlwörter des Lazūnai-Dialekts vienù, vienùs; aštuonìas (neben aštuóni), septynìas (neben septýnis) (Petrauskas, Vidugiris 1987: 10, 19, 20, 33, 34, 38, 57) die Authentizität der Zahlwortformen in M. Daukšas Schriften.
Demnach hätten die Dzūken also nur die Akzentuierung der Substantive, Adjektive und adjektivisch flektierten Zahlwörter „verwechselt“?
§7. Dann erscheint ein morphologischer Ausgleich der Endungen durchaus plausibel (vgl. Girdenis 1991): Nachdem sich das Gesetz von Saussure und Fortunatov durchgesetzt hatte, wurden die Endungen dieser Kasus auch in Wörtern mit akutem Stammakzent betont. Dies gilt zunächst für Adjektive, vgl. sveĩkas: sveĩkù (<*sveĩk-úo), sveikùs (<*sveĩk-úos) und báltas: báltu/baltù (<*bált-úo), báltus/baltùs (<*bált-úos). Analogisch dazu, ganz wie bei der Akzentuierung des Nominativ Plural — vgl. sveĩkì (<*sveĩk-ìe) und báltì (<*bált-ìe) — könnten die festanlautenden Endungen ie und uo einen Einfluss ausgeübt haben, deren Akut die starke Endungsposition bewirkt haben dürfte (Mikulėnienė 1992: 14).
Die Verankerung akutierter Endungen wurde vermutlich durch das Vorhandensein homonymischer Flexionsendungen in den südlichen Aukštaitischen Mundarten begünstigt (Mikulėnienė 1993: 22), vgl. die Instrumentale Singular der Adjektive im Maskulinum und Femininum — báltu/baltù (<*bált-úo) báltu/baltù (<*bált-ú <*bált-ą(n)).
Die verallgemeinerte Akzentuierung akuter Endungen könnte auch auf Substantive übertragen worden sein—
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Page 5Substantiven. Zumal nur die Akzentstelle beispielsweise den Instrumental Singular eines o-Stamm-Substantivs vilkù vom Dativ Singular vìlkų unterscheidet, dessen Endung -u für die südlichen Hochlitauischen Mundarten charakteristisch ist (Zinkevičius 1966: 208, Karte Nr. 75; Kazlauskas 1968: 148; Lietuvių 1991: 40, Karte Nr. 36).
§8. Die Neigung, den akuten Akkusativ Plural von Wurzelakzent-Substantiven auf der Endung zu betonen, könnte durch den Kollektivplural ausgelöst worden sein, der in den dzūkischen Mundarten bis heute lebendig ist (Mikulėnienė 1994: 18). Formal fielen die Formen der o-Stamm-Substantive sowohl im Plural als auch bei den nomina collectiva mit -ai zusammen (Stundžia 1981: 191 ff.; 1994: 21; Ambrazas 1992: 36–37; Kortlandt 1993: 46–47). Somit lassen sich die endungsbetonten Formen beržùs, grūdùs, kelmùs, pėdùs, tvartùs... (Vidugiris 1959: 207; Petrauskas, Vidugiris 1985: 71,90; 1987: 9, 13 ff.) als Fälle eines Paradigmenausgleichs auffassen (vgl. beržai, grūdai, kelmai, pėdai, tvartai...).
Diese Hypothese wird durch die nach demselben Muster betonten Substantive pluralia tantum gestützt, vgl. in der Mundart von Lazūnai akėčiàs, pavalkùs (Senkus 1959: 217, 222), marškiniùs, pelėnùs (Petrauskas, Vidugiris 1987: 5 ff.). Insgesamt scheint in der Mundart von Lazūnai die Endungsbetonung mehrsilbiger Substantive verallgemeinert worden zu sein, vgl. audeklùs, pjautuvùs, sėmenùs, vailokùs (Senkus 1959: 217, 225), avižùs, riešutùs, obuoliùs, samanàs, valgymùs, voveràs... (Petrauskas, Vidugiris 1987: 5, 7 ff.).
Allerdings lassen die daneben verzeichneten Varianten mit Wurzelbetonung, zum Beispiel márškinius (Senkus 1959: 221), áudeklus (Petrauskas, Vidugiris 1985: 20) oder avìžas (Petrauskas, Vidugiris 1987: 42), nicht ohne Weiteres den Schluss zu, dass die Endungsbetonung dieser Substantive älter ist; sie schließen diese Möglichkeit jedoch auch nicht aus (Kazlauskas 1968: 35–36).
§9. Die verallgemeinerte Endungsbetonung im Plural könnte auch die erhaltenen Formen des Singulars mit Stammakzent beeinflusst haben. Dabei tritt in ihrer Wurzel oder ihrem Suffix als Reflex dieses Einflusses ein Zirkumflex auf, der im Allgemeinen für den zurückgezogenen Akzent charakteristisch ist (Zinkevičius 1966: 40–41), vgl. krėslas (3)/krėslas (4), mókslas (4), ǒras (4), žìedas (4)... (Naktinienė, Paulauskienė, Vitkauskas 1988) oder Ableitungen mit dem Suffix -ėjas, ~à — dė́jėjas, ~à (4), dengė́jas (4) mezgė́ja (4), siuvė́jas, ~à (4)... (Naktinienė, Paulauskienė, Vitkauskas 1988; siehe auch — Kurschat 1883).
Galbūt taip paaiškinami ir P. Skardžiaus (1935: 40) minėtieji tarminiai variantai — daiktas, veidas, žiedas. Plg.:
Sing. dáiktas: Pl. dáiktai: Kollektivpl. daiktaĩ → Sing. daĩktas daiktùs
Wird die zirkumflektierte Betonung dieser Singularformen als sekundär angesehen, so wird die Möglichkeit einer zirkumflektierenden Metatonie anerkannt. Der in den Mundarten unveränderte Wurzelton einiger Wörter (z. B. káulas, šáukštas ar tvártas) zeigt jedoch, dass dieser Prozess nicht in allen Fällen abgeschlossen war, vgl.:
Sing. káulas: Pl. káulai: Kollektivpl. kaulaĩ → Sing.... kaulùs
§10. Die genannten Akzentuierungsvarianten konkurrieren in der Umgangssprache ständig miteinander, weshalb es für Sprachwissenschaftler bisweilen schwierig ist, das Akzentparadigma des betreffenden Wortes zu bestimmen—
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Page 6Paradigma: Die Singularformen können einen baritonischen Akzent zeigen, die Pluralformen einen beweglichen Akzent, vgl. im Lazūner Dialekt tvārtas (1): tvārti, tvārtan (Senkus 1959: 216—217) und tvartai (3): tvartóp, tvartai (Petrauskas, Vidugiris 1985: 273). Mitunter wird eine bewegliche Paradigma mit festem Akut der Wurzel mit einer Ausnahme belegt, vgl. kaulai (3): acc. sg. kaũlų, kaulai, aber kaulùs: Ānas kaulùs palāužė džirbdamõs (Petrauskas, Vidugiris 1985: 112).
Somit ist in den südlichen hochlitauischen Mundarten die verallgemeinerte „starke“ Endungsposition des Instrumentals Singular und des Akkusativs Plural diachronisch nicht so sehr durch phonetische wie durch morphologische Umstände bedingt. Daher kann die durch den Einfluss der Paradigma unterbrochene Beziehung zwischen dem Akzent der Wurzel und der Akzentstelle in bestimmten Formen zweisilbiger Wörter nicht als wichtigster und einziger Indikator der Akzentparadigma gelten.
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Page 8ZUR FRAGE DER AKZENTUIERUNGSVARIANTEN DER NOMINA IN DEN SUDAUKŠTAITISCHEN MUNDARTEN
Zusammenfassung
Eine relativ große Anzahl der Akzentuierungsvarianten weisen die südaukštaitischen Mundarten auf. Hier werden viele Wörter und Formen anders in der Gemeinsprache akzentuiert, vgl.: vienùs / vienùs, pedùs / pėdùs, kaulai / kàulai u. a. Besonders schwankt die Akzentuierung in den Formen des Instrumentals Sing. und Akkusativ Pl.
Da die meisten Akzentuierungsvarianten in den südaukštaitischen Mundarten, dem Grenzgebiet des Litauischen, vorliegen, werden die Akzentuierungsvarianten oft auf den Einfluß der slawischen Sprachen zurückgeführt. Obgleich der slawische Einfluß auch augenscheinlich ist, ist die Mischung der Akzentuierungsparadigmen nicht immer als eine neue Erscheinung aufzufassen.
Im vorliegenden Artikel wird die Ansicht zum Ausdruck gebracht, daß auch diachronische Bedingungen zur Entstehung der Akzentuierungsvarianten in den südaukštaitischen Mundarten geführt haben könnten. Vergleicht man das entsprechende Material des alten Schrifttums (die Postille und den Katechismus von M. Daukša, den anonymen Katechismus von 1606, die Wörterbücher von F. Kurschat) mit den späteren Forschungsangaben aus den aukštaitischen Mundarten (Lazūnai, Gervėčiai, Dieveniškės, Druskininkai, Punskas), stellt man fest, daß alle in dem alten Schrifttum vorgefundenen Akzentuierungsvarianten in diesen Mundarten erhalten sind. Folglich sind sie nicht neu.
Es werden einige möglichen Ursachen der Entstehung der Akzentuierungsvarianten hervorgehoben. Als erstes ist der morpho(pho)nologische Ausgleich der Endungen zu nennen, vgl.: sveìkas: sveikù (<*sveik-úo), sveikùs (<*sveik-úos) und báltas: báltu / baltù (<*bált-úo), báltus / baltùs (<*bált-úos). Die Akzentuierung dieser Endungen ist analog der Nominativformen des Plurals (vgl.: sveikì und baltì). Außerdem konnten zur Festigung des Endungsakzents die homonymen Flexionen beitragen, vgl. in diesen Mundarten die identischen Instrumentalisformen der Maskulina und Feminina in Singular báltu / baltù und báltu / baltù sowie den dativ Sing. der ö-stämmigen Substantive des männlichen Geschlechts vìlkù und den Instrumentalis Sing. vilkù. Drittens, die Akzentuierung der Akkusativformen des Plurals der Substantive mußte durch die in diesen Mundarten noch lebendigen Formen der Nomina Collectiva beeinflußt worden sein. Als die Nomina Collectiva auf -ai zum Faktum des Sprachgebrauchs wurden, fielen sie völlig mit dem Plural der ö-stämmigen Substantive zusammen.
Es ist glaubwürdig, daß die Endungsakzentuierung des Plurals eine Einwirkung auf den Silben Akzent des Stammes der Singularformen ausüben konnte, vgl.: Sing. dáiktas: Pl. dáiktai: Nom. Koll. Pl. daiktai → Sing. daiktas
In den südaukštaitischen Mundarten konnte also die unificierte ”starke” Position der Endung des Instrumentals Sing. und des Akkusativs Pl. von diachronischer Sicht her vorwiegend von morphologischen Bedingungen, weniger aber von den phonetischen bestimmt sein.
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