Page 1ACTA LINGUISTICA LITHUANICA
XLVII (2002), 1–7
Zur Herkunft des Stadtnamens Kaišiadorys
LAIMUTIS BILKIS
Lietuvių kalbos institutas, Vilnius
Der Ortsname Kaišiadorys wurde von Aleksandras Vanagas als zusammengesetzte Form analysiert. Er nahm an, dass dessen zweiter Bestandteil dor- auf dar- zurückgeht und mit daryti ‚machen, herstellen‘ verbunden ist; beim ersten Bestandteil handele es sich dann entweder um den Slawismus kãše ‚Korb‘ oder um litauisch kaištis ‚Zapfen, Stopfen; Bolzen, Riegel‘. Unter diesen Voraussetzungen wäre der Name Kaišiadorys von der Bezeichnung einer Handwerkergruppe abgeleitet, nämlich *kašiadariai ‚Korbflechter‘ oder *kaišiadariai ‚Hersteller von Zapfen und Bolzen‘. Bestimmte historische Angaben, die Vanagas nicht erwähnte und offenbar nicht kannte, sowie einige sprachliche Merkmale des Ortsnamens Kaišiadorys legen jedoch nahe, dass er eher von einem tatarischen Anthroponym *Chaišadaras, *Cho išadaras (Хойшадар(ь), Chasajdar) als von einem Appellativ abgeleitet sein könnte.
Die Herkunft der litauischen Siedlungsnamen ist am breitesten und umfassendsten in den Arbeiten von A. Vanagas untersucht worden. Besonders hervorzuheben sind zunächst zwei Werke dieser Art: die Studie „Mūsų miestų vardai“ (Vanagas 1993: 176–229) und das Buch „Lietuvos miestų vardai“ (Vanagas 1996). Darin werden anhand von Daten aus der gesprochenen Sprache und historischen Quellen Erklärungen zur Herkunft der Namen von Städten sowie größeren oder bedeutenderen Kleinstädten geboten. Darüber hinaus legten diese Untersuchungen methodologische Grundlagen für die Etymologisierung von Oikonymen. Sie zeigen, dass in den meisten Fällen die linguistische Untersuchung dieser Namen nicht von der historischen zu trennen ist: Bei nahezu jedem Namen wird angegeben, wann er erstmals in historischen Quellen erwähnt wird; außerdem werden Formvarianten angeführt, und erst danach wird er unter sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten analysiert (Wortbildung, Semantik beziehungsweise Motivation und Herkunft).
Aus diesen Arbeiten von A. Vanagas treten die grundlegenden, unzweifelhaften Tendenzen zur Herkunft (und zugleich zur Wortbildung) litauischer Urbanonyme hervor. Sie bilden eine solide Grundlage für weitere Untersuchungen zur Urbanonymik und allgemein zur Oikonymik. Andererseits können derartige zusammenfassende Werke nicht immer die Fülle des Materials erfassen und regen daher zu eingehenderen Untersuchungen der Herkunft der darin analysierten Namen an.
Ein solches Urbanonym könnte der Stadtname Kaišiadorys sein. Wie in vielen anderen Fällen beschreibt A. Vanagas zunächst die historischen Umstände der Entstehung der Stadt und ihres Namens. B. Kviklys zufolge begann die Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu entstehen, als 1862 mit dem Bau der Eisenbahnstrecke Vilnius–Kaunas begonnen wurde. Der Bahnhof hieß zunächst Juodkónys (nach dem Namen des nahe gelegenen Dorfes) und wurde später in Kaišiadorimis umbenannt (Vanagas 1996: 84). Außerdem wird betont, dass die Belege für die Schreibung des Namens Kaišiadorys in historischen Dokumenten spät sind; angeführt werden die Formen Кошедары, Ка-шеудары aus Dokumenten vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts (ebd.). Aus diesem historischen Kontext wird geschlossen, dass der Name Kaišiadorys spät ist und „wohl erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden“ sei (ebd.: 85).
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Zu Beginn seiner sprachwissenschaftlichen Analyse betont A. Vanagas, dass die Herkunft des Namens unklar sei¹, legt anschließend aber dennoch mehrere Herkunftsmöglichkeiten dar. Zunächst wird dieses Urbanonym als zusammengesetzt aufgefasst: Kaiš-ia-dórys. Sein zweiter Bestandteil dor- wird auf dar- zurückgeführt (die Gründe für diese Veränderung werden jedoch nicht erklärt) und von litauisch daryti ‚arbeiten, herstellen‘ abgeleitet. Unklar bleibt jedoch, welche Wurzel des ersten Bestandteils authentisch ist: das in der gesprochenen Sprache vorkommende kaiš- oder das in Schriftquellen belegte kaš-. Diese Frage bleibt ungelöst, da für beide Varianten mögliche Herleitungen genannt werden: kaš- wird vom Slawismus kašė ‚Korb, Flechtkorb‘ abgeleitet, kaiš- hingegen von litauisch kaištis ‚Zapfen, Stopfen; Pflock oder Stock zum Verstopfen; Türriegel, Schubriegel‘. Demnach soll der Name Kaišiadórys von einer Berufsbezeichnung abgeleitet sein: *kašiadariai, das heißt Korbmacher, oder *kaišiadariai, das heißt Hersteller von Zapfen; im letzteren Fall wird zudem hinzugefügt, dass der Name auch von einem entsprechenden Übernamen abgeleitet sein könnte (ebd.: 85–86).
Die angeführten Herkunftshypothesen erscheinen im Kontext der allgemeinen Tendenzen zu Wortbildung, Semantik und Herkunft litauischer Ortsnamen recht überzeugend. Einige von A. Vanagas nicht erwähnte (offenbar unbekannte) historische Angaben sowie mehrere sprachliche Besonderheiten des hier behandelten Urbanonyms lassen jedoch vermuten, dass der Name Kaišiadórys einen anderen Ursprung hat.
Bereits 1934 wurde in einem von Pfarrer S. Pupaleigis veröffentlichten Aufsatz darauf hingewiesen, dass das örtliche Gut seit Menschengedenken Kaišiadoriai genannt werde. Außerdem wird angenommen, dass es sich um einen Namen nichtlitauischer Herkunft handelt, der keine Zusammensetzung ist, denn „der Akzent falle nicht auf ia, sondern auf o“ (Pupaleigis 1934: 2).
Besonders wichtige und überzeugende historische Argumente, die Zweifel an den von A. Vanagas genannten Herkunftsmöglichkeiten aufkommen lassen, finden sich im Buch „Kaišiadorių rajono gyvenviečių žinynas“ von R. Gustaitis (Gustaitis 2001). Obwohl es sich um eine heimatkundliche Arbeit handelt, sind die darin angeführten Angaben aus historischen Dokumenten sehr ausführlich und fachkundig dargestellt. Auf dieser Grundlage wird festgestellt, dass sich an der Stelle des heutigen Guts Kaišiadoriai bereits 1531 ein den Tataren gehörendes Gut befand und dass der Name Kaišiadoriai erstmals 1590 in historischen Dokumenten erwähnt wird: Кошейдарова2. Ferner wird angegeben, dass in den Listen des Heeres des Großfürstentums Litauen von 1565 und 1567 ein an diesen Orten lebender Tatar verzeichnet ist: Хойшаадар Момулевич. Das ihm gehörende Gut wurde nach diesem Tatar benannt. Außerdem ist in der Liste von 1567 eine Person namens Исупъ Хашаайдаревичъ eingetragen (ebd.: 26).
Da für die Herkunft des Namens Kaišiadórys zwei Hypothesen vorliegen, empfiehlt es sich, diese unter historischen und insbesondere sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten eingehender zu untersuchen.
Die bereits erwähnte Behauptung A. Vanagas’, der Name Kaišiadórys sei wohl erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden, ist eindeutig widerlegt. Wie die Untersuchung von R. Gustaitis zeigt, ist der Name bereits am Ende des 16. Jahrhunderts belegt: In einem Dokument vom 17. November 1590 über die Bestimmung des Dorfes Navasodai zum Versammlungsort der Einheit wird unter den zugehörigen Siedlungen auch Кошейдарова genannt (AVK 90), das heißt Kaišiadórys. Ebenso steht außer Zweifel, dass an diesen Orten der Tatar Chaišadar (oder Choišadar) Momulevičius lebte: In der Liste der litauischen Tataren der Trakų-Fahne des Heeres des Großfürstentums Litauen von 1565 ist die Person Хойша Дармомулевичъ verzeichnet, die ein Pferd, einen Bogen und ein Schwert besitzt (LM 3: 427); 1567 wurde in einer Liste derselben Art
1 In der Studie „Mūsų miestų vardai“ wird dies noch stärker hervorgehoben: Dort heißt es, die Herkunft sei völlig unklar (Vanagas 1993: 185).
2 Neben diesem Eintrag ist die Fundstelle nicht angegeben; aus dem Quellenverzeichnis geht jedoch hervor, dass es sich bei dieser historischen Quelle um AVK 90 handelt.
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In der Liste findet sich ein Tatar Шадаръ Момулевичъ, der ein schlechtes Pferd, einen Bogen, ein Schwert und eine Axt besitzt (ebd., 1372). Solche Schreibungen sind als etwas ungenaue Wiedergaben des handschriftlichen Eintrags anzusehen und setzen zweifellos die Bezeichnung derselben Person als Хошшадар(ъ) Момулевичъ voraus. Die Authentizität dieser tatarischen Personennamen wird auch durch den bereits erwähnten Eintrag eines anderen Tataren in der Liste der litauischen Tataren im Heer des Großfürstentums Litauen aus dem Jahr 1567 bestätigt: Dort ist die Person Исупъ Хашайдаревичъ verzeichnet, die einen Diener (da sie selbst kein Bein hatte) mit Pferd, Bogen und Schwert entsandte (ebd., 1361). Daran zweifeln weder R. Gustaitis noch der polnische Historiker S. Dziadulewicz, der Angaben zur gesamten Familie der Chaišadarovičiai beziehungsweise Choišadarovičiai (von ihm Chaszajdarowicze genannt) anführt. Der Stammvater der Familie soll Momul v. Mamlecz Jakubowicz Kalina gewesen sein, der im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts lebte; sein Sohn war der 1567 in der Liste des Heeres des Großfürstentums Litauen erwähnte Chaišadar (Chaszajdar). Dessen Sohn war Mustafa, dessen einer von vier Söhnen, Jachija, 1670 als Verwalter von Verdasava (im Kreis Trakai gelegen) erwähnt wird. Diese Familie ist in Litauen bis 1666 belegt; danach ist nichts mehr über sie zu hören. Man nimmt an, dass sie in die Türkei ausgewandert sein könnte (Dziadulewicz 1929: 80). Die Untersuchung von R. Gustaitis zeigt, dass Verdasava nahe dem Gut Kaišiadorys lag, das wahrscheinlich von eben diesem Jachija verwaltet wurde; möglicherweise handelte es sich sogar um ein und dasselbe Gut, das mehrere Namen trug, denn 1787 wird das Vorwerk Podlamienie-Werdasowo (ili Koszevdary) erwähnt (Gustaitis 2001: 26). Somit sind die Verbindungen von Chaišadar (Choišadar) und den übrigen Chaišadarovičiai (Choišadarovičiai) zum Gut Kaišiadorys unzweifelhaft. Außerdem wird deutlich, dass die Personenbezeichnungen Хошша Дармомулевичъ und Шадаръ Момулевичъ tatsächlich als Хошшадар(ъ) Момулевичъ zu lesen sind, das heißt als Sohn von Momul Jakubowicz Kalina.
Nach einem kurzen Überblick über die Aspekte der historischen Beziehungen zwischen Chaišadar (Choišadar) Momulevičius und anderen Angehörigen der Familie Chaišadarovičiai (Choišadarovičiai) und dem Gut Kaišiadorys lässt sich feststellen, dass die Möglichkeit, den Namen Kaišiadorys historisch von einem tatarischen Personennamen herzuleiten, sehr plausibel ist. Daher muss diese Hypothese aus sprachwissenschaftlicher Sicht untersucht werden. Dazu ist das Verhältnis zwischen der im lebendigen Sprachgebrauch verwendeten Form des Ortsnamens und ihren in historischen Quellen überlieferten Varianten einerseits und den tatarischen Personennamen Хошшадар(ъ), Хашайдар(ъ), Chaszajdar. andererseits zu erörtern.
Zunächst ist A. Vanagas’ Auffassung zuzustimmen, dass die von der einheimischen litauischen Bevölkerung verwendete und weiterhin verwendete Form Kaišiadorys lautet (Vanagas 1996: 84). Dafür sprechen die 1935 und 1936 aus dem lebendigen Sprachgebrauch erhobenen Belege dieses Ortsnamens. Die Einträge in historischen Dokumenten weisen wesentlich häufiger den Stamm kaš- auf: Кошейдарова aus dem Jahr 1590 (AVK), Кошедары aus dem Jahr 1895, Кашейдары (GU 322), Kálżeydary aus dem Jahr 1744 (SDV 100), Kaszedary aus dem Jahr 1795 (ŽŽRS 98v); es gibt jedoch auch Schreibungen, die dem Stamm kaiš- entsprechen: vgl. Kayszedary aus dem Jahr 1826 (Gustaitis 2001: 26). Berücksichtigt man, dass der erstmals (1565) erwähnte Personenname mit dem Diphthong geschrieben wurde – Хошшадар(ъ) Момулевичъ – und dass auch die umgangssprachliche Form des Ortsnamens sowie einige historische Quellen den Diphthong ai bezeugen, lässt sich annehmen, dass die litauische Urbanonymform mit kaiš- ursprünglich war. Die von S. Dziadulewicz verwendeten Varianten des Personennamens mit Monophthong, Chaszajdar, Chaszajdarowicze, wurden offenbar durch spätere Schreibungen (Хашайдаревичъ oder Ähnliches) nahegelegt; zudem war ihm der Beleg von 1565 mit Diphthong nicht bekannt. Die in historischen Quellen in slawischen Sprachen überlieferten späteren Formen des Personennamens sowie des Ortsnamens können das Ergebnis einer Monophthongierung sein. Die Monophthongierung des litauischen Diphthongs ai in Dokumenten slawischer Sprache ist bei litauischen Ortsnamen ein recht häufiges Phänomen; vgl. ftrygaliszki aus dem Jahr 1728 (LKM1 66), ftrigalizki
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aus dem Jahr 1732 (ebd., 80), de Strygaliszki aus dem Jahr 1741 (LKM II, 5), Strygaliszki aus dem Jahr 1890 (SG XI 426), Стригалишки aus dem Jahr 1905 (VG 270) – heute Strigališkis, Dorf IGN; Галюши aus dem Jahr 1873 (SVG 22) – heute Gailiūšiai, Dorf Švnč. Diese Beispiele zeigen, dass dieses Phänomen auch im 19. Jahrhundert auftrat, obwohl Ortsnamen in Dokumenten aus dieser Zeit laut A. Vanagas mit nicht monophthongiertem ai geschrieben werden (Vanagas 1996: 85). Somit gibt es offenbar genügend Argumente dafür, dass die ursprüngliche litauische Form des hier behandelten Ortsnamens Kaišiadorys lautete.
Wenn man den tatarischen Personennamen *Chaišadaras oder *Choišadaras als Grundlage des Namens Kaišiadorių annimmt, muss man nicht von einer Slawisierung des Ortsnamens, sondern von seiner Litauisierung sprechen. Dabei sind zwei Phänomene zu unterscheiden: der Wandel des anlautenden ch zu k und der Wandel des Segments -dar- zu -dor-, genauer gesagt a → o. Ihre Ursachen lassen sich sowohl im Kontext der litauischen Sprache als auch insbesondere im Zusammenhang mit litauischen Ortsnamen erklären.
Da der betreffende Personenname von den Litauern als nichtlitauisches Wort verstanden wurde, wandelte sich sein anlautender Konsonant ch regelmäßig zu k, wie auch bei anderen Entlehnungen; vgl. die Entlehnungen aus den slawischen Sprachen kalatas, kūdas, kvāras, kvarābà und karabà, kvorbà u. a. (siehe Zinkevičius 1966: 151, 152). Solche Veränderungen sind auch in der litauischen Toponymie nichtlitauischer Herkunft belegt; vgl. Kvajakalnis, Hügel BD, Kvajėlės, Ort Dv (VK): weißruss. хво̄я ‚Kiefer‘ (Jaškin 1971: 199); Kvaščėkas, Feld BLc, Kvaščiāuka, Feld Skm: poln. chwaszcz ‚Schachtelhalm‘ (SJP 309), weißruss. хвощи ‚ebd.‘ (Jaškin 1971: 199).
Es ist denkbar, dass im Segment -dor- das o ← a ebenfalls analog zur Anpassung von Slawismen entstanden ist: slawisches a → litauisches betontes o (vgl. Kardelis 1999: 9) oder genauer nach dem Muster sl. -арь (poln. -arz) → lit. -or- (vgl. Skardžius 1996: 307; Ambrazas 1993: 228). Eine solche Anpassung ist bei appellativischen Slawismen üblich; vgl. dūdorius, kūkor(i)us (Skardžius 1996: 307), gaspadorius (LKŽ III 151). Beispiele dafür finden sich auch in der litauischen Toponymie; vgl. Čebatoriai, Dorf Ckn, Mtz (VK). Besonders wichtig für die Begründung dieses Lautwandels sind die Siedlungsnamen Ardõsai, Dorf Žsl, und Kazaklioriai, Dorf Vdt. Der erste dürfte ebenfalls auf den tatarischen Personennamen Ardašas zurückgehen, der zweite auf das tatarische kozaklar ‚Kosaken‘ (Kričinskis 1993: 95, 98). Auch hier wurde also in der litauischen (litauisierten) Ortsnamenform a zu o. Bei der Form Kaišiadorys ist eine solche Analogie aufgrund des Unterschieds in der Intonation etwas vorsichtiger anzunehmen, da betontes o in Entlehnungen gewöhnlich den Zirkumflex trägt. Andererseits könnte die sich entwickelnde Betonungsparadigmatik dieses Ortsnamens dadurch beeinflusst worden sein, dass andere mehrsilbige Siedlungsnamen auf Personennamen mit der Endung -ys nach der Akzentklasse 3 betont werden. Bemerkenswert ist, dass dieser Lautwandel auf eigene Weise die nichtlitauische Herkunft des Ortsnamens Kaišiadorys stützt, das heißt seine Verbindung mit dem erörterten tatarischen Personennamen. Wie bereits erwähnt, weisen sämtliche in historischen Quellen in slawischen Sprachen überlieferten Schreibungen des Urbanonyms ausschließlich a (-dar-) auf: Кошейдарова, Кошедары, Кашейдары, Кайзедары, Kaszedary, Kayszedary. Wäre dieses Segment tatsächlich mit lit. daryti ‚machen‘ verbunden (A. Vanagas’ Hypothese), müsste a in der litauischen Namensform wahrscheinlich erhalten geblieben sein. In diesem Fall jedoch ist es < – wie bei vielen anderen Entlehnungen (Slawismen) – zu einem Vokal o geworden. Das bedeutet, dass -dar- von den Litauern eindeutig als fremdsprachliches Element aufgefasst wurde. Zwar sind die Phänomene ch → k und a → o für litauische Slawismen kennzeichnend; hier ist jedoch das Verhältnis eines tatarischen Personennamens zur litauischen Sprache zu erörtern. Dabei ist zu berücksichtigen, dass im öffentlichen Leben des Großfürstentums Litauen im 16. Jahrhundert die slawischen Sprachen vorherrschten und die ersten Belege des Personennamens in der Kanzleisprache Slawisch verfasst sind. Daher lässt sich annehmen, dass bei seiner Übernahme ins Litauische dieselben Anpassungsgesetze wirksam gewesen sein könnten wie bei Slawismen.
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Die Möglichkeit eines aus einem Personennamen entstandenen Ursprungs von Kaišiadorys wird auch durch weitere strukturelle Besonderheiten gestützt. Wie bereits erwähnt, handelt es sich um einen Ortsnamen im Plural, der seiner Form nach der großen Gruppe litauischer Siedlungsnamen im Plural aus Personennamen ähnelt; vgl. die Dorfnamen Bačkōnys, Basōnys, Gečionys, Krivōnys, Rusōnys, Senkōnys u. a. (Razmukaitė 1993: 143–148). Wäre dieser Name aus einer Berufsbezeichnung der Einwohner entstanden, wäre den allgemeinen Tendenzen in der Struktur solcher Ortsnamen zufolge eine Form wie *Kaišiadariai, *Kaišiadoriai oder Ähnliches zu erwarten; vgl. Dienavāgiai Dorf, Gdr, Kraujaléidžiai Dorf, Gdr, Vyžpiniai Dorf, Grš, Žebraužiai Dorf, Pjs (VK).
Die umgekehrte Chronologie von Personenname und Stadtname ist völlig auszuschließen, das heißt die Möglichkeit, dass die Personennamen Chaišadaras (Choišadaras), Chaišadarovičiai (Choišadarovičiai) nicht tatarischen Ursprungs, sondern Ortsnamen sind, also vom Namen des Gutshofs Kaišiadōrys abgeleitet sind (eine solche Entstehungsweise von Personennamen ist grundsätzlich möglich). Wie bereits erwähnt, wurde dieser Personenname erstmals als erstes Glied einer zweigliedrigen Bezeichnung, als Vorname, verzeichnet: Хойша Дармолулевичъ, das heißt Хойшадар Момулевичъ; ein von einem Siedlungsnamen abgeleiteter Personenname könnte dagegen nur das zweite (oder dritte) Anthroponym sein. Darüber hinaus steht auch der fremde Ursprung des Personennamens außer Zweifel. Es handelt sich um eine Zusammensetzung aus zwei arabischen Namen, Hadži (Chadži) ‚Pilger nach Mekka‘ und Haidar ‚Löwe‘ (Szynkiewicz 1929: 460).
Für einen tatarischen Ursprung des Stadtnamens Kaišiadōrys spricht auch der Umstand, dass es sich seiner Herkunft nach nicht um einen exklusiv litauischen Ortsnamen handeln würde. In der Umgebung von Kaišiadorys, Trakai und Vilnius gibt es weitere Siedlungsnamen tatarischen Ursprungs. So gilt etwa nicht nur der bereits erwähnte Dorfname Ardōsai als von einem tatarischen Personennamen abgeleitet, sondern auch Melekōnys, Dorf Vdt – nach dem Tataren Melech (Kričinskis 1993: 95). Außerdem gelten die aus Appellativa entstandenen Oikonyme Kazakliōriai Vdt (das bereits kurz besprochen wurde), Keturiasdešimt Totorių Vdt, Tatārka PPR, Totori-nė RDMV, Totōriškės AUK, KAR, RdmV, Žsl zweifellos als tatarischen Ursprungs (VK).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Zusammenhang zwischen dem Siedlungsnamen Kaišiadōrys und dem tatarischen Personennamen *Chaišadaras, *Choišadaras (Хойшадар(б), Chaszajdar) aus historischer und linguistischer Sicht nicht nur möglich, sondern auch sehr wahrscheinlich erscheint.
ABKÜRZUNGEN
AUK – Aukštadvaris, Raj. Trakai
avd. – Personenname
AVK – Акты издаваемые Виленскою археографическою комиссиею 18, Вильна, 1891.
Bd – Būdvietis, Raj. Lazdijai
Blc – Bálceriškės, Raj. Trakai
Ckn – Ceikiniai, Raj. Ignalina
Dv – Dieveniškės, Raj. Šalčininkai
Gdr – Giedraičiai, Raj. Molėtai
gn. – Weide
Grš – Grįškabūdis, Raj. Šakiai
GU – Географическій указатель выборныхъ документовъ изъ актовыхъ книгъ Виленскаго Центральнаго Архива.
Ign – Ignalinà
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k. – Dorf
KAR – Kariotiškės, Rajon Trakai
kln. – Berg
LKMI – Księga Metryk Chrzestnych Kościoła Parafialnego Łyngmianskiego od Roku 1708. Januaryi 10. dnia do Roku 1740 Apryla 24. dnia.
LKMII – Księga Metryk Chrzestnych Kościoła Parafialnego Łyngmianskiego od roku 1740. Maia 22. dnia do Roku 1760 Oktobra 24. dnia.
LKŽ – Wörterbuch der litauischen Sprache 3, red. K. Ulvydas, Vilnius: Verlag für staatliche politische und wissenschaftliche Literatur, 1956.
LM – Литовская Метрика. Книги Публичныхъ Делъ. Переписи войска Литовскаго 1 (3), Петроградъ, 1915.
MtŽ – Matūizos, Rajon Varėna
Pjs – Pajieslys, Rajon Kėdainiai
plk. – Sumpf
PPr – Paparčiai, Rajon Kaišiadorys
RdMV – Rudaminà, Rajon Vilnius
SDV – Synodus Dioecesana Vilnensis Ab Illu[stri]s[s]imo, Excellenti[ssi]mo ac Reverendi[ssi]mo Domino D. Michaele Joanne Zienkowicz..., Vilnae: Reg: Majestatis Academ: Soc: JESU, 1744.
SG – Geografisches Wörterbuch des Königreichs Polen und anderer slawischer Länder 11, Warschau: im Verlag von Władysław Walewski, 1890.
SJP – Wörterbuch der polnischen Sprache 1, red. J. Karłowicz, A. Kryński, W. Niedźwiedzki, Warschau: im Verlag der Abonnenten, 1900.
Skm – Skiemónys, Rajon Anykščiai
SVG – Списковь волостей и сельскихъ обществъ по мировымъ участкамъ Виленской губернии, Вильна: Въ типографіи А. Г. Сыркина, 1873.
ŠVnč – Švenčionys
VDT – Vaidotai, Rajon Vilnius
VG – Wilen’sche Gouvernementszeitung. Vollständiges Verzeichnis der bewohnten Orte mit statistischen Angaben zu jeder Siedlung, zusammengestellt nach amtlichen Angaben von I. I. Goschkewitsch, Wilna: Gouvernementdruckerei, 1905.
VK – Karteikarte der aus der lebendigen Sprache gesammelten Ortsnamen.
ŽSL – Žasliai, Rajon Kaišiadorys.
ŽžRS – Revisionsverzeichnis der Pfarrei Žiežmariai im Kreis Trakai aus dem Jahr 1795 (LCVA. F. 515. Ap. 15. B. 70).
LITERATŪRA
AMBRAZAS, S. 1993: Daiktavardžių darybos raida. Lietuvių kalbos veiksmažodiniai vediniai, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla.
DZIADULEWICZ, S. 1929: Herbarz rodzin tatarskich w Polsce, Wilno: nakładem autora z zasiłkiem komitetu funduszu kultury narodowej.
GUSTAITIS, R. 2001: Kaišiadorių rajono gyvenviečių žinynas. Kaišiadorys: Kaišiadorių muziejus.
JAŠKIN, J. J. 1971: Беларуская геаграфічныя назвы. Мінск: Навука і тэхніка.
KARDELIS, J. 1999: Fonetinės slavizmų ypatybės ir jų raida rytinėje lietuvių šnekto(se), Daktaro disertacijos santrauka, Vilnius: Vilniaus universitetas.
KRIČINSKIS, S. 1993: Lietuvos totoriai, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla.
PUPALEIGIS, S. 1934: Kaišedorys ar Kaišiadorys? Rytas 83, 2.
RAZMUKAITĖ, M. 1993: Oikonimų, atsiradusių iš asmenvardžių su patroniminėmis priesagomis, paplitimas Lietuvoje. Lietuvių kalbotyros klausimai 32, 133–165.
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Skardžius, P. 1996: Lietuvių kalbos žodžių daryba. Id., Rinktiniai raštai 1, sudarė A. Rosinas, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla, 1996.
Szynkiewicz, J. 1929: Tłumaczenia słów nazw orjentalistycznych. Dziadulewicz, S., ed., Herbarz rodzin tatarskich w Polsce, Wilno: nakładem autora z zasiłkiem komitetu funduszu kultury narodowej, 457–473.
Vanagas, A. 1993: Mūsų miestų vardai. Lietuvių kalbotyros klausimai 32, 176–229.
Vanagas, A. 1996: Lietuvos miestų vardai, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla.
Zinkevičius, Z. 1966: Lietuvių dialektologija, Vilnius: Mintis.
Laimutis Bilkis Lietuvių kalbos institutas P. Vileišio g. 5, 2055 Vilnius, Lietuva [email protected]
Gauta 2002 11 05