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DAVID ŠIMEČEK

Karls-Universität

Forschungsschwerpunkte: historische Sprachwissenschaft; skandinavische, germanische und baltische Sprachen; baltische und skandinavische Mythologie.

Marta Eva Bětáková, Václav Blažek

ENZYKLOPÄDIE DER BALTISCHEN MYTHOLOGIE

Praha: Libri, 2012. 288 p.

ISBN 978-80-7277-505-7

2012 erschien in Prag in tschechischer Sprache die Enzyklopädie der baltischen Mythologie in Wörterbuchform. Sie stellt die wichtigsten litauischen, lettischen und preußischen Gottheiten, mythologischen Wesen, weitere Mythologeme und mit der Mythologie verbundene Phänomene vor. Die Autoren – der weitblickende Indoeuropäist Václav Blažek und die Baltistin Marta Eva Bětáková – vertreten die Schule der Masaryk-Universität in Brno. Gemessen an Tschechien ist dies die erste Studie im Umfang eines Buches, die der baltischen Mythologie gewidmet ist, obwohl die Tschechen mit der Erforschung dieses Gebiets bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts begonnen hatten.

Die baltische Mythologie interessiert seit den Anfängen der Baltistik in Tschechien. Ihre Erforschung im vergleichenden Kontext, insbesondere unter Berücksichtigung der nächstverwandten slawischen Tradition, wurde besonders durch die tschechische nationale Wiedergeburt an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert gefördert. Interessante Einsichten finden sich bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Dies zeigt auch das hier rezensierte Wörterbuch gut, in dem beispielsweise weiterhin aktuelle Gedanken J. Dobrovskýs angeführt werden, der den baltischen Teufel mit dem alt-tschechischen Veles vergleicht (S. 195). Die Geschichte der systematischeren Erforschung der Mythologie ist eng mit František Ladislav Čelakovský (1799–1852) verbunden, einem Pionier der baltischen Philologie und Professor für slawische Philologie in Breslau und Prag. Er veröffentlichte keine eigene Arbeit über baltische Mythologie; doch seine Anmerkungen zu den Texten litauischer Lieder, die er übersetzte, und seine Universitätsvorlesungen zeigen deutlich, wie sehr ihn die litauische Mythologie beschäftigte. Sein Interesse an dieser Thematik belegt auch ein handschriftliches tschechisch-litauisches Wörterbuch, das zahlreiche Theonyme und Bezeichnungen mythologischer Wesen sowie Kommentare und Beschreibungen von Bräuchen und Ritualen enthält. Čelakovskýs 1827 in außerordentlich hoher Auflage (800 Exemplare) veröffentlichte Litewské Národní Písně, die auf der Sammlung von Liudvikas Rėza aus dem Jahr 1825 beruhten, machten die breite tschechische Öffentlichkeit mit einigen reizvollen litauischen Mythologemen bekannt.

Auf qualitativ andere Weise führte der Sprachwissenschaftler August Schleicher (1821–1868) Čelakovskýs Tradition in Prag fort. 1857 veröffentlichte er in seiner litauistischen Chrestomathie

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Encyklopedie baltské mytologie

Als Erster veröffentlichte er litauische mythologische Sagen; zuvor hatte er bedeutende Vorarbeiten publiziert, in denen er unter anderem auch Erscheinungen der litauischen Mythologie beschrieb und im Lichte der vergleichenden Sprachwissenschaft erörterte. Der Forscher der nächsten Generation, Leopold Geitler (1847–1885), sammelte auf einer Reise durch Litauen (1873) gesungene Folklore (leider ist bis heute unklar, was aus den Aufzeichnungen geworden ist). Nach seiner Rückkehr nach Tschechien kündigte er in der tschechischen Periodika an, einen Überblick über die litauische Mythologie zu veröffentlichen, scheint seine Absicht jedoch aus unbekannten Gründen nicht verwirklicht zu haben. Im Nachlass des anderen Slawisten und Mythologen Jan Hanuš Machal (1855–1939) ist ein handschriftlicher Text in englischer Sprache Baltic Mythology erhalten. Diese Arbeit, in der die wichtigsten Götter der baltischen Mythologie, mythologische Wesen und damit verbundene Themen erörtert werden, wird auch im Vorwort des rezensierten Buches erwähnt (S. 20); offenbar wird ihre Bedeutung von den Verfassern des Wörterbuchs jedoch stark überschätzt. Die Überblicksstudie, die dem 4. Band der Enzyklopädie von 1916 The Mythology of All Races gewidmet war (offenbar erreichte die Untersuchung aufgrund der Ereignisse des Ersten Weltkriegs den US-amerikanischen Verleger nicht und wurde nicht gedruckt), weist gravierende Mängel auf, die selbst gemessen am Niveau der Philologie des späten 19. Jahrhunderts augenfällig sind. Daher ist J. H. Machals Studie vor allem aus der Perspektive der Geschichte der baltischen Studien in Tschechien zu würdigen und nicht als eine bemerkenswerte Untersuchung der baltischen Mythologie.

Ein enzyklopädisches Werk dieses Umfangs ist in Tschechien also erst jetzt erschienen, nahezu zwei Jahrhunderte nach dem Aufkommen der baltischen Studien in Tschechien. Schon allein deshalb ist das Erscheinen dieses Buches ein wichtiges Ereignis: Die Publikation macht die tschechische Öffentlichkeit erstmals umfassend mit einem noch unzureichend bekannten archaischen Bereich der baltischen Kultur vertraut. Das Buch ist die neueste Veröffentlichung in der Reihe des Verlags Libri, die der Mythologie verschiedener Völker gewidmet ist. Es hebt sich von den übrigen Büchern der Reihe dadurch ab, dass es nicht lediglich eine Kompilation anderer Werke, sondern ein eigenständiger Beitrag zur Erforschung der baltischen Mythologie ist – insbesondere dank seiner ausführlichen und treffsicheren etymologischen Erkenntnisse. Das Buch richtet sich sowohl an Wissenschaftler – Linguisten, Historiker, Ethnologen und Mythologen – als auch an ein breiteres Publikum.

Das Buch beginnt mit einem Vorwort, das die baltischen Völker und ihre Geschichte knapp erörtert. Auf den Hauptteil des Wörterbuchs folgen Anhänge: Listen preußischer Götter und eine Legende über die Gründung Vilnius’. Am Ende des Buches stehen die Primärquellen, die verwendete wissenschaftliche Literatur und eine Liste tschechisch veröffentlichter Texte zur baltischen Kultur. Ergänzt wird der Text durch Schwarz-Weiß-Fotografien, die die erörterten Themen veranschaulichen.

Das Wörterbuch ist alphabetisch angeordnet. Da parallel Material aus dem Litauischen, Lettischen und Preußischen aufgenommen wird, wird bei den jeweiligen Begriffen zunächst angegeben, welcher baltischen Gruppe die betreffende Erscheinung zuzuordnen ist. Ist eine Gottheit allen baltischen Gruppen gemein, wird ihr Name in rekonstruierter Form angegeben, zum Beispiel *Deivas; der Wörterbucheintrag selbst enthält dann Angaben aus allen drei verwandten Völkern, die sich auf die betreffende Erscheinung beziehen. Auch in anderen Sprachen überlieferte oder entstellte Namen werden in rekonstruierter Form angegeben, daneben stehen die in den Quellen belegten Formen, z. B.: *Patulas (Patollus, Patollo). Diese Art der Wortdarstellung beschränkt sich natürlich bisweilen nicht darauf, die in historischen Quellen belegten Formen zu normieren, denn die Rekonstruk-

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tion ist zugleich eine Interpretation, auf deren Grundlage das Wort erklärt wird. So wird etwa eine in der Hypatius-Chronik erwähnte Gottheit, die üblicherweise als Nunadievis litauisiert und als Bezeichnung einer Himmelsgottheit betrachtet wird, im Wörterbuch in der Form *Numa-deivas angeführt, als „litauischer Hausgott“ beschrieben und mit dem von Lasickis aufgezeichneten Hausgott Numėjus in Verbindung gebracht.

Wenn nur der Name erhalten ist (was häufig vorkommt), lässt sich über Herkunft und Bedeutung einer Gottheit oder eines mythologischen Wesens nur anhand der Etymologie etwas erfahren. Die sprachliche Analyse wird in dieser Hinsicht zu einem der wichtigsten Forschungsinstrumente und bildet den wertvollsten Teil dieses Buches. Die Etymologien einiger Wörter werden erstmals vorgelegt, etwa diejenige von Perkūnas, dessen Name als Zusammensetzung aus den Bestandteilen *per- ‚schlagen‘ und *kun- erklärt wird (vgl. lat. cuneus ‚Keil‘).

Manche sprachlichen Analysen nehmen den größten Teil einzelner Wörterbucheinträge ein und lassen keinen Raum, um andere Aspekte der behandelten Erscheinungen zu erörtern. So besteht der Eintrag zur Gottheit Puš(k)aitis fast ausschließlich aus einer etymologischen Analyse, obwohl die Quellen interessante Angaben zu ihrer Verehrung und den damit verbundenen Ritualen enthalten. Im Eintrag zu Aušra (rekonstruierte ostbaltische Form *Auštrā), die von den Verfassern mit Aušrinė gleichgesetzt wird, werden Daten aus verwandten baltischen und anderen indoeuropäischen Sprachen angeführt (zum Beispiel sogar aus zwei Dialekten des Altgriechischen sowie aus dem klassischen und dem frühen Latein); über die Rolle von Aušra in der Folklore wird jedoch leider geschwiegen.

Wie bereits erwähnt, gibt das Buch nicht einfach die Ansichten und Meinungen früherer Mythologieforscher wieder. Die in der Enzyklopädie dargestellten Erkenntnisse der Mythologie als Wissenschaftszweig und die Ergebnisse verschiedener Studien werden kritisch bewertet und durch die Untersuchung authentischer Primärquellen wesentlich ergänzt. Die Quellen- und Literaturverzeichnisse sind recht beeindruckend. Sehr erfreulich ist, dass im Text häufig die Quellen selbst zitiert werden: Chroniken, historische Dokumente, Folklore usw. Eine Übersetzung der zitierten Quelle ins Tschechische wird geboten, während die Fußnoten den Text in der Originalsprache enthalten. Dadurch kann man sich dem erörterten Primärmaterial unmittelbar annähern. Leider ist das System der bibliografischen Verweise so kompliziert, dass es mitunter den Anschein erweckt, die Verfasser hätten nicht damit gerechnet, dass irgendjemand es benutzen würde. Hinweise auf die Veröffentlichungen, denen die Zitate aus diesen Quellen entnommen sind, finden sich meist weder bei der Übersetzung des zitierten Textes noch in der Fußnote beim Originaltext. Entgegen den Erwartungen stehen sie zusammen mit der übrigen einschlägigen Bibliografie am Ende der Artikel. Nirgends ist vermerkt, welche bibliografische Kurzzitation zu welchem zitierten Text gehört. Das erschwert die Arbeit mit längeren Einträgen erheblich, in denen zahlreiche Quellen zitiert werden und sämtliche Verweise am Ende des Artikels stehen.

Wenn Leserinnen und Leser den im Buch angeführten Zitaten vertrauen und ihnen folgen, ohne die Verweise, das heißt die Quellen, heranzuziehen, ist es natürlich wichtig, eine genaue Abschrift des Originals zur Verfügung zu haben. Diesem Anspruch genügen die Texte in Kirchenslawisch, die aus irgendeinem Grund in lateinischen Buchstaben wiedergegeben werden, nur unzureichend. In den Übersetzungen finden sich gelegentlich Ungenauigkeiten.

Ein gravierenderer Mangel zeigt sich in der folkloristischen Terminologie. Im Buch kommt recht häufig der tschechische Begriff pohádka vor, also „Märchen“, obwohl tatsächlich von

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über mythische Erzählungen (wie beispielsweise im Artikel über den Aitvaras) und andere narrative Gattungen. Ein anspruchsloser Leser des Buches wird diese Verwechslung vielleicht nicht bemerken, doch der wissenschaftliche Diskurs verlangt im Hinblick auf terminologische Genauigkeit größere Aufmerksamkeit.

Obwohl die Enzyklopädie der baltischen Mythologie die genannten Mängel aufweist, ist sie eine bedeutende, auf der vergleichenden Forschungsmethode beruhende Studie, die insbesondere (aber nicht ausschließlich) aufgrund ihrer linguistischen Erkenntnisse die Aufmerksamkeit von Baltisten, Slawisten und Forschern anderer Fachgebiete in Tschechien und im Ausland auf sich ziehen wird.

Eingereicht am 15. Mai 2014.

DAVID ŠIMEČEK

Ústavu germánských studií Filosofická fakulta

Jana Palacha 2, 116 38 Praha 1, Czech Republic

[email protected]

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