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IJA LEMEŠKIN
Institut für Litauische Sprache
Forschungsschwerpunkte: altbaltische Literatur und Schriftkultur, vergleichende Folkloristik, Lexikografie, Geschichte der Baltistik.
ALTBALTISCHE LEXIKOGRAFIE IM DIENST DER HANSAKAUFLEUTE. ZWECK UND ENTSTEHUNGSZEIT HANDSCHRIFTLICHER WÖRTERBÜCHER
Altbaltische Lexikografie im Dienst der Hansakaufleute. Zweck handschriftlicher Vokabulare und ihre Entstehungszeit
ZUSAMMENFASSUNG
Der Beitrag entwickelt eine neue Sichtweise auf die ältesten lexikografischen Denkmäler der baltischen Sprachen: das Elbinger Wörterbuch und das sogenannte Simon-Grunau-Wörterverzeichnis. Beide handschriftlichen Quellen werden mit der utilitaristischen zweisprachigen Tradition der Hans lexikografie in Verbindung gebracht und eingehend mit den sogenannten „Russischen Büchern“ verglichen, d. h. mit Abschriften niederdeutsch-russischer Wörterbücher und Sprachführer mit Dialogen, die junge Hansekaufleute aus praktischen Gründen des Spracherwerbs und des Geschäftsverkehrs anfertigten sprakelere. Daraus wird geschlossen, dass deutsch-preußische Wörterbücher und Dialoge aktuell wurden bzw. bald nach der Verleihung des Lübischen Rechts an Elbing entstanden, als deutsche Kaufleute und Kolonisten kamen, um den neuen Markt zu erschließen. Sowohl das Elbinger Wörterbuch als auch das Wörterverzeichnis von S. Grunau stehen in enger Verbindung mit Elbing; der Einfluss der Hanslexikografie ist auch im „Polnisch-jatwingischen Wörterverzeichnis“ erkennbar. Eine vertikale Lektüre des Wörterverzeichnisses von S. Grunau ermöglicht die Rekonstruktion von Kaufmannsdialogen, d. h. eines funktionalen Stils, der in baltischen Sprachtexten bislang nicht greifbar war – des Soziolekts deutsch-preußischer Kaufleute aus der Mitte bis zur zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Im 13. Jahrhundert lagen keine entsprechenden Voraussetzungen für die Herausbildung einer auf dem Litauischen beruhenden Lexikografie vor (aufgrund der begrenzten Ausdehnung des hansischen Einflussgebiets).
Der Artikel entwickelt einen neuen Ansatz zu den ältesten lexikografischen Denkmälern der baltischen Sprachen: dem Elbinger Vokabular und dem sogenannten Vokabular Simon Grunaus. Beide handschriftlichen Quellen werden der utilitaristischen zweisprachigen lexikografischen Tradition der Hanse zugeordnet und eingehend mit den sogenannten „russischen Büchern“ verglichen, d. h. mit Abschriften niederdeutsch-russischer Vokabulare und Sprachführer, die von jungen Hanseaten, den sogenannten sprachlehre, zum praktischen Spracherwerb und für geschäftliche Zwecke zusammengestellt wurden. Es wird der Schluss gezogen, dass deutsch-preußische Vokabulare und Sprachführer kurz nachdem Elbing das Lübecker Recht verliehen worden war und deutsche Kaufleute und Kolonisten auf dem neuen Markt eintrafen, um Gewinn zu machen, aktuell wurden, d. h. zusammengestellt wurden. Das Elbinger Vokabular und Grunaus Vokabular sind eng mit Elbing verbunden: Der Einfluss der hansischen Lexikografie zeigt sich auch im polnisch-jatwingischen Vokabular. Die vertikale Lektüre von Grunaus Vokabular ermöglicht es, den kaufmännischen Sprachführer zu rekonstruieren, d. h. den funktionalen Stil, der im baltischen Korpus bislang nicht erfasst wurde – den deutsch-preußischen kaufmännischen Soziolekt der zweiten Hälfte des 13th. Jahrhunderts. Im 13th. Jahrhundert gab es keine entsprechenden Voraussetzungen für die Herausbildung einer auf der litauischen Sprache beruhenden Lexikografie (aufgrund der begrenzten geografischen Verbreitung der hansischen Kaufleute).
Ein vergleichender Blick auf alte schriftliche Quellen zeigt einen Unterschied: Über lexikografische Denkmäler des Mittelalters verfügt nur ein Teil der Balten – die Prußen und die „Jatwinger“¹. Es stellt sich die Frage: Warum sind sie bei den übrigen Balten nicht bezeugt? Die Spuren von Basel und Kreta (Dini 2014: 331–332, 553–558) dürften mit schriftkundigen Prußen zusammenhängen, die beim (Ab-)Schreiben von Büchern in der Kolophonposition jeweils einen entsprechenden Hinweis auf sich selbst sowie auf die Entstehungs- oder Gebrauchsumstände der Abschriften hinterließen. Könnten dieselben gebildeten Menschen nicht auch an der Zusammenstellung von Wörterbüchern beteiligt gewesen sein? Um diese Fragen zu beantworten, muss der Zweck der lexikografischen Denkmäler bestimmt werden, d. h. es muss festgestellt werden, welche Gründe zur Entstehung der Wörterbücher führten und wem, wo und wozu sie von Nutzen waren.
1.1. Das älteste und umfangreichste deutsch-preußische Wörterbuch – das sogenannte Elbinger Vokabular (im Folgenden mit der Abkürzung EŽ bezeichnet) – ist als Teil des Codex Neumannianus bis in unsere Zeit gelangt. Dieser wurde bis zum Zweiten Weltkrieg in der Stadtbibliothek Elbing aufbewahrt (Sign. Q 84). Das Wörterbuch, der vierte und letzte Teil des Kodex, bildete den Abschluss; es und das gesamte Buch wurden durch ein Kolophon gekrönt, das knapp
1 Žodyno Pogańske gwary z Narew (Zinkevičius 1985) pašymą linktama kelti į „kryžiuočių laikus“. Jo jotvingiškumu abejojama (Schmid 1986; plačiau: Dini 2014: 304–307). Žodynė žvelgiama maišta kalba, kurioje pastebima jidiš kalbos įtaka, baltų-ugrofinų izoglosos (Chelimski 1985; Opel, Xelimxki 1987; Orėl 1986), rytų baltų bei prūsų kalbų leksinių išteklių kompiliacija.
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Die alte baltische Lexikografie im Dienst hansischer Kaufleute. Zweck und Entstehungszeit handschriftlicher Wörterbücher
informierte über die Abschrift des Wörterbuchs und nannte auch seinen Urheber: Explicit per manus Petri Holc || wecher De mainburg (S. 185). Die Schreibervermerke und Abschreibfehler, die im entsprechenden Teil des Wörterbuchs vorkommen, weisen darauf hin, dass Petras Holweschers aus Mayenborg wahrscheinlich Deutscher war. Bislang bleibt die weitverbreitete Behauptung unbelegt, das Wörterbuch selbst, d. h. die von P. Holweschio abgeschriebene Vorlage, sei von einem Mönch des Deutschen Ordens zusammengestellt worden. Die Frage nach dem Verfasser hängt unmittelbar mit der Art des lexikografischen Denkmals beziehungsweise mit der Frage nach dem Zweck des Wörterbuchs zusammen, die bis heute ungeklärt ist. Solange diese Frage nicht eingehender erörtert ist, sind Aussagen über einen Mönch oder eine andere Person mit einem bestimmten sozialen Status verfrüht.2
Es wird angenommen, dass P. Holweschers das Manuskript Ende des 14. oder Anfang des 15. Jahrhunderts abschrieb. Eine genauere Datierung wird künftig unter Berücksichtigung des von Heinrich Niewöhner 1912 abgezeichneten Wasserzeichens möglich sein3, dessen Datierung bislang schwierig ist. Es weist ein besonderes Merkmal auf – eine runde Verbreiterung am unteren Rand der Schnauze des Ochsenkopfes (der Ochsenmäuler), die eine Zuordnung zu den derzeit bekannten, genau datierten Wasserzeichenvarianten und -typen erschwert. In einem Teil der Sammlung von Gerhard Piccard mit dem Titel „Ochsenkopf – Ohne Gesichtsmerkmale – Darüber Stange – Darüber Kreuz – Einkonriges Kreuz“ finden sich zwei Abbildungen, die sich aus der Ferne und nur bedingt mit dem Wasserzeichen aus dem Elbinger Kodex vergleichen lassen. Sie (Nr. 56698–56700, 56695) sind auf 1427, 1433, 1435 und 1464 datiert. Ein leicht ähnliches Wasserzeichen (mit einem gewissen Merkmal der runden Verbreiterung der Ochsenmäuler, jedoch auch mit Augen und einem Stern zwischen den beinahe eingerollten Hörnern), datiert auf 1434, erscheint in Nikolai Lichatschows Werk – Nr. 511 (vgl. außerdem das Wasserzeichen Nr. 541 aus dem Jahr 1427: Лихачев I 43, 46; III LXXVIII). Angesichts der allmählichen Entwicklung des betreffenden Wasserzeichentyps wäre es sinnvoll, die Herstellung des Papiers des Elbinger Kodex jünger anzusetzen. Offenbar könnte der Kodex im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts oder sogar um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden sein.
1.2. P. Holweschers schrieb eine Sammlung ab, in der Schriftstücke rechtlichen Inhalts überwogen. Zunächst kopierte er das Elbing verliehene „Lübecker Recht“ – Lübisches
2 Bei der Interpretation der Form mäenburg wird eine völlig unbegründete und unnötige Konjektur vorgenommen: Marienburg.
3 H. Niewöhners Beschreibung von 1912 ist in der Datenbank Handschriftenensus verfügbar: http://www.baw.de/forschung/dtm/HSA/Elbing_70033029000.html.
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Recht für Elbing (1–100 S.)4. Als Zweites schrieb der Skriptor das preußische Recht ab – Preussisches Recht (S. 100–120)5. Danach das polnische Recht – Polnisches Recht (S. 120–168)6 – und schließlich ein deutsch-preußisches Wörterbuch (S. 169–185). Die deutliche Ausrichtung auf Rechtsangelegenheiten wurde im 16. Jahrhundert bemerkt. Damals wurde mit Tinte auf dem Vorsatzblatt eine allgemeine Überschrift eingetragen: Buch darin der Lübeschen Rechte beschriben [...], außerdem der vielsagende Sinnspruch Fiat justicia & pereat mundus („Es geschehe Gerechtigkeit und die ganze Welt gehe zugrunde“). Die Kombination der abgeschriebenen Quellen veranlasste die ersten Erforscher des Kodex zu der Annahme, dass ein hochrangiger, in Elbing residierender Ordensbeamter – der Komtur, dem die Elbinger Bürger und alle Einheimischen, d. h. die Preußen, Deutschen und Polen der Komturei, unterstellt waren – die Sammlung des Zivilrechts benutzte. Diese Auffassung vertraten Ferdinand Neumann und Edwin Volckmann (Volckmann 1869: 4). Später erörterten Adalbert Bezzenberger und Reinhold Trautmann die praktische rechtliche Bestimmung (für den praktischen rechtsgebrauch) (Bezenberger 1874: 1225; Trautman 1910: XXIV–XXV).
James Marchand bezweifelte die behauptete rechtliche Zweckbestimmung des Wörterbuchs (Marchand 1970: 112). Tatsächlich lässt sich die vermeintliche Rechtsfunktion nur schwer mit dem deutsch-preußischen Sachwörterbuch vereinbaren. Einerseits fehlen darin „spezialisierte“, das heißt juristische Lexik, andererseits finden sich viele Wörter (und ganze Abschnitte), die semantisch kaum mit Rechtsangelegenheiten in Verbindung zu bringen sind (Bäder, Taue, Sterne usw.). Eine moderne, das heißt durch die Brille der Neuzeit betrachtete Deutung schlug Wolfram Euler vor: Demnach entspricht das Wörterbuch in seiner Funktion touristischen Sprachführern (Euler 1988: 9). Als „kurzen Sprachführer“ (kurzer Sprachführer), der die Verständigung mit den Preußen über verschiedene Alltagsthemen erleichterte, interpretierte das Wörterbuch auch Friedrich Benninghoven: „Einem Deutschen die Möglichkeit zu geben, sich mit der preußischen Landesbevölkerung schnell über die Begriffe des täglichen Lebens zu verständigen“ (Benninghoven 1990: 106).
2003 veröffentlichte Ralf Päsler die ausführliche Studie Deutschsprachige Sachliteratur im Preußenland bis 1500. Untersuchungen zu ihrer Überlieferung, in der er ausführlich
4 Vor dem Haupttext der Quelle steht ein ausführliches Register mit roter Überschrift: „Das ist das lubichs recht und der sack“ (S. 1). Der Beginn des Registers auf derselben Seite, S. 1, ist durch eine Initiale hervorgehoben: „Das erste ist von echtshaft I [...]“. Das Register endet auf S. 11: „Der von sinnen is Komer CXXIX–IX“. Auf S. 11–13 folgt eine lateinische Vorrede. Die Quelle selbst beginnt auf S. 13: „Von echschaft. Wo en man sinen son dir ine töchts gebet [...]“; sie endet auf S. 100 mit den Worten: „[...] di en mogen Keyn gut weg gebin daz ist ste sie vnd das is man gewere sie amen“.
5 Eine farbige Überschrift und der Textanfang „Von wunden bewysunge. Capitulum 1. Eyn man der do gewunt wirt sal sine wunden bewisen dem Kemer [...]“ (S. 100) sowie das Textende: „[...] wer dy sune bricht der ist des geldes bestant“ – S. 120.
6 Am Anfang dieser Quelle, auf S. 120–123, wurde eine Reihe von Vorreden dargeboten.
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dėmesio skyrė Elbingo kodeksui. Remdamasis gausia Centrinės ir Vakarų Europos bibliotekose, archyvuose bei muziejuose saugoma medžiaga, tyrėjas pasiūlė įdomių naujų įžvalgų. Nusitverdamas su deklaruojama kodekso teise prigimti, R. Pėšleris apčiuopia kitokią rankraščio funkciją. Leksikografinis kūrinys, jo manymu, tenkino edukacijos poreikius: „Daher ist es unwahrscheinlich, dass ein Deutscher es mit sich führte, um sich mit dessen Hilfe mit einheimischen Prūsen verständigen zu können. Zielsprache ist nicht das Prūßische, sondern das Deutsche. Der Prūße lernt die deutsche Sprache und mit ihr lernt er das christlich geprägte Weltbild der Kolonialherren kennen. Letzteres erschließt sich dem Lernenden, also einem Schüler, aber erst durch erklärende Zusätze eines Lehrers. Die Function des Vokabulars ist somit im Umkreis des Sprachunterrichts zu suchen, also im Umkreis von Ausbildung und Schule“ (Päsler 2003: 307).
Der Wissenschaftler versuchte, seine Überlegungen durch einen typologischen Vergleich mit anderen bekannten lexikografischen Arbeiten aus dem Ordensland Preußen zu untermauern (zum Beispiel mit einem lateinisch-deutschen Wörterbuch aus dem 15. Jahrhundert, das er mit der Abkürzung Königsberg, SB: 91 bezeichnet – Päsler 2003: 213, 304, 306), sowie durch eine ausführliche Analyse der thematischen Abschnitte, aus denen das Wörterbuch besteht. Letztere führt er in einer gesonderten Tabelle mit dem Titel Wortgruppen des ‚Elbinger Vokabulars‘ auf (Päsler 2003: 305–306):
Lfd. Nr. | 1. Wort d. Gruppe | Vokabel-Nr. | Anzahl des. | Charakteristik der Gruppe 1 | Got | 1–11 | 11 | Himmel(gewölbe) 2 | Ior | 12–23 | 12 | Jahreszeiten und Wochentage 3 | Erde | 24–32 | 9 | die vier Elemente 4 | Vier | 33–44 | 12 | die vier Elemente 5 | Lyft | 45–58 | 14 | die vier Elemente 6 | Wasser | 59–66 | 8 | die vier Elemente 7 | Mensch | 67–168 | 102 | der Mensch vom Scheitel bis zur Sohle 8 | Vater | 169–192 | 24 | Verwandtschaftsbezeichnungen 9 | Hüs | 193–235 | 43 | Haus und 10 | Ackerman | 236–293 | 58 | Hof 11 | Wayn | 294–315 | 22 | Wagen 12 | Möle | 316–328 | 9 | Mühle 13 | Becker | 329–346 | 18 | Bäcker 14 | Garbner | 347–381 | 35 | Garkoch 15 | Krecem | 382–403 | 22 | Schankwirtschaft 16 | Here | 404–428 | 25 | Randordnung der weltlichen Freien; Kriegswesen 17 | Ros | 429–439 | 11 | Pferde 18 | Seteler | 440–453 | 14 | Sattlerhandwerk 19 | Weber | 454–472 | 19 | Weberhandwerk 20 | Schreder | 473–495 | 23 | Schneiderhandwerk
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Lfd. Nr.
1. Wort d. Gruppe
Vokabel-Nr.
Anzahl ders.
Charakteristik der Gruppe
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Schuwert
496–512
17
Schuhmacherhandwerk
22
Smyt
513–549
37
Schmiedehandwerk
23
Beder
550–559
10
Baderhandwerk
24
Vysch
560–585
26
Fische
25
Walt
586–646
61
Wald
26
Tyer
647–670
24
Tiere
27
Vare
671–686
16
Vieh
28
Milch
687–695
9
Milch und deren Produkte
29
Joger
696–705
10
Jagd
30
Vogel
706–773
68
Vogelnamen
31
Slange
774–791
18
Schlangen, Würmer und Insekten
32
Werd
792–802
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„Die Welt, in der wir leben“
Tyrėjas linkęs įžvelgti tam tikrą teminių grupių pateikimo dėsningumą – subtilią „schemą“ (einzelnen Gruppen einen bestimmten Schema folgen): „Die Sachgruppen geben ein Abbild des Kosmos, in dessen himmlischer, zeitlicher und weltlicher Einteilung, also eine grobe Skizze des Weltbildes der christlichen deutschen Einwanderer, deren Schwerpunkt auf den Bezeichnungen für die direkte Lebenswelt liegt (Gruppe 7–31); die Gruppen 1–6 bieten den kosmologischen Überbau, ergänzt durch Gruppe 32, in der mit den Begriffen Werd, Lant, Kristenheit, Heidenschaft, Stat und Dorf verallgemeinernde Bezeichnungen für Formen des Zusammenlebens in absteigender Folge geliefert werden. Davon lassen sich Lant, Stat und Dorf ohne weiteres mit dem Recht in Verbindung bringen, denn sie weisen eine Verfassung auf, sind juristisch definiert. Ebenso weisen die Begriffe Kristenheit und Heidenschaft eine juristisch-kanonistische Konnotation – zumal im Preußenland – auf. Und Gruppe 16 zeigt mit den Vokabeln König, Ritter, Leman (Lehensman), Vrier, Gebur eine soziale Rangfolge auf, die juristisch durchaus von Belang ist“ (Päsler 2003: 237).
Der Forscher, der den funktionalen Zusammenhang des Wörterbuchs mit der „schulischen Sphäre“ untersucht, vertritt die Auffassung, dass ein solches allgemein ausgerichtetes bzw. nicht spezialisiertes (d. h. nicht eng rechtliches) lexikografisches Werk in Heilsberg oder Frauenburg entstanden sein könnte. Seiner Ansicht nach bestand an der Bischofsresidenz in Heilsberg seit der Mitte des 14. Jahrhunderts eine Schule; die Kanoniker des abgeschiedenen Frauenburger Doms (Ecclesia Warmiensis) mussten in ihren Häusern jeweils einen jungen Prußen unterhalten und erziehen⁷. R. Päsler merkt ebenfalls an, dass ein solches
7 Tyrėjas Päsleris (2003: 237) cituoja Klausą Neitmanną: „Auch jeder der sechzehn Domherren des ermländischen Domkapitels zu Frauenburg hatte einen jungen preußischen Zunge in seinem Hause zu unterhalten und ihn für die spätere Seelsorge unter seinem Volke zu erziehen. Den Unterricht erhielten die Jungen an der dortigen Kathedralschule. Einige Stamprußen sind im 14.
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Wörterbuch auch in Marienburg benötigt worden sein könnte, wo man seiner Aussage nach ebenfalls Prußisch studierte.
Hinsichtlich des Entstehungsortes des Elbinger Kodex ist der Forscher unentschlossen. P. Holcwecher könnte seine Arbeit in Elbing ausgeführt haben – für den Elbinger Deutschordenskontent. Andererseits schließt der Autor die Möglichkeit nicht aus, dass die Kompilation von „prußischen“ Quellen und ihre besondere Art der Archivierung in Marienburg erfolgte: „Die Handschrift würde sich dann in die Bestrebungen zur Verwaltungsreform einordnen lassen und als eine Art „Belegexemplar“ verschiedener Texte in der Marienburg „gelagert“ worden sein; nach Elbing wäre die Handschrift womöglich nach Aufgabe der Marienburg gekommen“ (Päsel 2003: 237). Auf jeden Fall verbindet der Forscher die Entstehung des Kodex gemäß einer seit Langem bestehenden Tradition eindeutig mit den Verwaltungszwecken des Deutschen Ordens: „In beiden Fällen jedoch wäre die Handschrift für Verwaltungszwecke des Deutschen Ordens hergestellt worden“ (Päsel 2003: 237).
1.3. Diese weit verbreitete Behauptung erscheint allzu kategorisch und einschränkend. Lässt sich die Funktion des Sammelbandes wirklich nur durch die offizielle Verwaltung des Deutschen Ordens begründen? Lassen sich wirklich teisnų niekap im Inhalt des Prografs nicht mit einem Wörterbuch vereinbaren? Uns scheint, dass diese Möglichkeit besteht.
Man sollte bedenken, dass alle drei in den Elbinger Kodex aufgenommenen Rechtssammlungen die wirtschaftlichen Beziehungen eingehend regelten und ihnen besondere Aufmerksamkeit für Handelsfragen galt. Im Grunde handelt es sich um Handelsrechtsbücher, die im Laufe der Zeit – insbesondere das „Lübische Recht“ – den dynamischen Wohlstand und die Entwicklung der Städte im Ostseeraum sicherten. Somit waren die auf verschiedene Verwaltungseinheiten (Pomesanien, Elbing, das vom „Polnischen Recht“ beherrschte Gebiet) ausgerichteten Rechtsbücher nicht nur für Komture, Prokuratoren und andere „Verwalter“ nötig, sondern auch für die Kaufleute, die die mächtige Hanse vertraten. Außerdem hätten sie ohne Quellen ihre Tätigkeiten wohl kaum erfolgreich ausüben können. Für ihre Handelsgeschäfte benötigten die Kaufleute jedoch auch andere schriftliche Quellen, darunter sprachliche Hilfsmittel, die die Kommunikation bzw. Verhandlungen mit Adligen, Handwerkern, Bauern, Wohlhabenden, Begleitern und anderen Akteuren erleichterten, die die Landessprache kaum oder noch gar nicht sprachen.
Wichtig ist zu betonen, dass dies keine bloß theoretische Möglichkeit ist. Im Hanseraum sind lexikografische Werke belegt, die aus Handelsbedürfnissen heraus entstanden. Eine interessante und diesem Typ sprachlicher Quellen am nächsten stehende Gruppe bilden die sogenannten „Russischen Bücher“ (Ein Russisch Buch; Ein Rusck Boeck; acc. sg. русько книго – rusche boek). Russisch-deutsche Wörterverzeichnisse und Gespräche, die einst im Nowgoroder Kontor in der „hansischen niederdeutschen Sprache“ verfasst wurden (zu den Begriffen Hansprache oder Lübecker Ausgleichsprache siehe Sanders 1982; Peters 1973), sind
und 15. Jahrhundert in ihrer erfolgreichen Laufbahn bis auf die Bischofsstühle von Samland und Pomesanien gelangt“ (žr. Neitmann 1996: 64).
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sind für die Untersuchung des entsprechenden „Preußischen Buches“, d. h. des Elbinger Vokabulars, wichtig, da sie aus genrebezogener Perspektive die Entstehung dieser lexikografischen Arbeit, ihren Aufbau und ihre Bestimmung (d. h. ihren typologischen Zusammenhang) erklären. Auf die für uns relevanten „Russischen Bücher“ kommen wir noch zurück, doch zunächst wollen wir betrachten, auf welche Quelle das Elbinger Vokabular zurückgeführt wurde und bis heute zurückgeführt wird.
1.4. Das deutsch-preußische Vokabular von Elbing wird traditionell mit einem im Mittelalter verbreiteten deutsch-lateinischen Wörterbuch in Verbindung gebracht (Mažiulis 196: 28), doch solche sprachlichen Verbindungen von Wörterbüchern sind in Preußen und anderswo überhaupt nicht belegt. Bekannt sind Abschriften lateinisch-deutscher Wörterbücher (Päler 2003: 213), doch sie dienten einem ganz anderen Zweck. Man verwendete sie zum Erlernen des lateinischen Wortschatzes. So konnten die Schüler erfolgreich durch „die offene Tür zu den Sprachen und allen Wissenschaften“ schreiten (J. A. Comenius: Janua linguarum reserata sive Seminarium linguarum et scientiarum omnium = Dwēre Jazyků otevřené To aeft Kratký a snadný způsob kterého li Gazyką /ßpolu y s začátky wssech wměni swobodných / pochopeńi). Umgekehrt ausgerichtete Wörterbücher (aus dem Deutschen ins Lateinische) waren im betrachteten Zeitraum nicht sinnvoll (wegen der Nutzer; daher wirft ihre hypothetische Existenz, über die Walthers Ziesemer seinerzeit nachdachte (Ziesemer 1920: 139–140), erhebliche Zweifel auf). Theoretisch lässt sich ein alternatives Modell erwägen: Der Verfasser des deutsch-preußischen Vokabulars könnte die lateinischen Lemmata aus einem Schulwörterbuch entfernt und stattdessen deutsche Entsprechungen verwendet haben:
An die angeführten Schemata der Beziehungen zwischen den Wörterbüchern hält sich Rolando Ferri, dem es als erstem Forscher gelang, den behaupteten Zusammenhang textkritisch zu begründen (Ferri 2018). Das Elbinger Vokabular vergleicht er eingehend mit dem lateinisch-deutschen Wörterbuch Liber ordinis rerum vom Ende des 14. Jahrhunderts, das Peter Schmitt für den Druck vorbereitete und 1983 in Tübingen herausgab. Der italienische Wissenschaftler erkennt eine „große Nähe“ (significant closeness) zwischen den thematischen Kapiteln und den Schlüsselwörtern, die als Kennzeichen einzelner Themenfelder dienen (Ferri 2018: 129–130). Der Vergleich ergab für ihn folgendes Resultat:
Liber ordinis rerum Elbinger Wortschatz 1. De deo et sanctis 1. (1) Got Deywis 2. De mundo celo et stellis 2. (12) Jor Metan 3. De tempore (annus jar) 3. (24) Ede Same 4. De igne (=EV4) 4. (33) Vēre Pano 5. De aere (=EV5) 5. (45) Luft Wins
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Liber ordinis rerum
Elbing vocabulary
6. Über die Gewässer (=EV6)
6. (59) Wasser Wundan
7. Über das Land (=EV3) Über die Berge (=EV26)
7. (67) Mensch Smonenai(n)s
8. Über die Unterscheidungen und Orte der Wälder
8. (169) Vater Towis
9. Über die Wege zwischen den Ländern; über Gebäude (=EV9)
9. (193) Hüs Buttan
10. Über die Verwandtschaftsbeziehungen des Menschen
10. (236) Ackerman Artos
11. De officialibus (=EV16)
11. (294) Wayn Abasus
12. De his qui presunt victui (agrestis ackerman, venator ieger)
12. (316) Möle Malunis
13. De panum preparatoribus (mola mol, fornarius beker) (=EV 12, EV E13)
13. (329) Becker Pecore
14. De cibariorum preparatione (cocus koch)
14. (347) Garbreter Aubigo
15. De diversis generibus ciborum (lac milch)
15. (382) Kretzem Karczemo (384 malcz Piwaltan)
16. De diversis generibus potum (brasiator melcer, brasium malcz)
16. (404) Herre Rikıs
17. De artificibus pro vestitu (textor weber)
17. (429) Ros Rusis
18. De preparatoribus uestium (sartor schrader)
18. (440) Seteler Balgninis
19. De preparatoribus corei (sutor schowrt)
19. (454) Weber Tuckoris
20. De artificibus pro edificiis
20. (473) Schroter Scrutele
21. De instrumentis ad commutationes rerum necessaris (=EV 11, 17, 18) (sellator satlär)
21. (496) Schuwert Schuwikis
22. De emundatoribus (balneator, bader)
22. (513) Snẏt Wris
23. De brutis et eorum generibus (=EV26)
23. (550) Beder Stubonikis
24. De incomestibilibus domesticis (=EV17)
24. (560) Vysch Suckis
25. De feris (=EV26)
25. (586) Walt Medan
26. De speciebus avium (=EV30)
26. (647) Tyer Alue
27. De piscibus (=EV24)
27. (671) Varre Lonix
28. De vermibus venenosis (=EV31)
28. (687) Milch Dadan
29. De partibus animalium (=EV7)
29. (696) Jeger Medis
30. (706) Vogel Pepelis
31. (774) Slange Angis
32. (792) Werd Swetan
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Die Tabelle, die Ähnlichkeiten in Inhalt und Aufbau aufzeigt, hat ihre Besonderheiten, die der Forscher nicht in angemessener Weise zu betonen vermag. Der Autor räumt ein, dass Liber ordinis rerum ein wesentlich stabileres lexikografisches Werk ist. In der Veröffentlichung von P. Schmit umfasst es sogar 250 Kapitel, was nur schwer mit den thematischen Blöcken des Elbinger Vokabulars korreliert, von denen es lediglich 32 gibt (Ferri 2018: 127–128). Die links aufgeführten Auszüge lateinischer Überschriften und die fortlaufende Nummerierung der Kapitel, die visuell eine wesentlich engere Verbindung zwischen den verglichenen Denkmälern suggerieren können, sind nur bedingt aussagekräftig: „I have subsumed different subchapters of the LOR [Liber ordinis rerum – I. L.] under the same heading in cases in which different chapters were clearly expansions of the preceding and more general one, like, e.g. De artificibus pro vestitu, De diversis metiebus pannorum, De preparatibus vestium et vestibus, De partibus vestimentorum, De ornamentis, De pannis ad ornatum spectantibus, which I have subsumed under only just one title, de artificibus pro vestitu; this implies that the numbers I have written next to each ‘chapter’ do not designate the order of the same chapter in the MSS of LOR, but are intended only to facilitate comparison with the EV [Elbing Vocabulary – I. L.], which I think is significant in many regards. In addition, the Liber includes several grammatical chapters, which adds up to the total of 250 in Schmitt’s edition. I have added (in bold), in the left column, after the title of each chapter, some Latin-German entries which have a correspondent in the right column“ (Ferri 2018: 127–128).
Schließlich gelangt R. Ferri zu vorsichtigen Schlussfolgerungen, die die beobachteten Parallelen in Struktur und Inhalt aus der Kontinuität einer alten und allgemeinen (universalen) lexikografischen Tradition herleiten: „EV mirrors closely the sequence of chapters found in LOR, in turn inherited from the arrangement of all such lists and most other classified glossaries from antiquity onwards. First come the words for ‘God’ (the various deities of classical mythology in the ancient glossaries), the sky, the weather, and the four elements. Then comes the human world: the human anatomy, kinship, bonds and other relationships describing social relationships. The next group includes nouns for human activities, first the agriculture, then manufacturing (weaving, shoemaking, working textiles). The last section is devoted to animals and plants. Medieval glossary and encyclopedic writers had inherited this preordained structure from antiquity: bilingual Greek-Latin glossaries always follow this macrostructural pattern: the gods and heavens, the human body and the human nature, human activities including the production of food and drink, agriculture, animals, plants“ (Ferri 2018: 130–131). Über einen möglichen direkten Zusammenhang zwischen Liber ordinis rerum und dem Elbinger Vokabular äußert sich der Forscher sehr vorsichtig: „The EV follows one such pre-existing template, close to what we have in the LOR, which I have chosen as a term for comparison because in terms of language (Niederdeutsch), geographical distribution and date may
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dürften dem nahekommen, was die Verfasser des EV als Modell für ihre Sammlung und Registrierung preußischer Daten verwendeten“ (Ferri 2018: 127).
Dieser vorsichtigen Einschätzung (may have been close) ist insofern zuzustimmen, als sich zwischen lateinisch-deutschen und deutsch-preußischen Wörterbüchern mindestens ein verbindendes Glied erkennen lässt, nämlich ein deutsch-x- oder x-deutsches Wörterbuch für den Handel, für das die bereits erwähnten russisch-deutschen lexikografischen Werke als Beispiele dienen. Das Verhältnis der Wörterbücher zueinander lässt sich folgendermaßen darstellen:
Die römischen Zahlen bezeichnen funktionale Verschiebungen zwischen den lexikografischen Quellen: von der Hermeneutik und der Bildung hin zu einer pragmatischen, gewinnbringenden Anwendung der Lexikografie. Dieser Prozess geht mit einem unvermeidlichen Strukturwandel einher. Gerade wegen seiner zweisprachigen Anlage muss R. Pälslers attraktive Hypothese von der Bildungsfunktion des Elbinger Vokabulars und seinem Gebrauch im schulischen Umfeld kritisch beurteilt werden. Hätte sich der Verfasser tatsächlich von den Zielen des Triviums leiten lassen, hätte er eine lateinisch-deutsche lexikografische Quelle gewählt und keineswegs auf das lateinische Register verzichtet. Dann wäre ein gewöhnliches dreisprachiges Wörterbuch entstanden: lateinisch-deutsch-preußisch. Genau auf diese Weise – durch die „Erweiterung“ vorhandener zwei- oder dreisprachiger Wörterbücher – vollzog sich im Mittelalter und in der Renaissance üblicherweise die Entwicklung der Lexikografie in den Nationalsprachen. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Autor den lateinischen Teil weggelassen hätte, etwa Konstantinas Sirvydas, der statt des Dictionarium trium linguarum ein gekürztes, also ein polnisch-litauisches Wörterbuch herausgegeben hätte (vgl.: 1489 m. Trialog Vīdenský; XVI a. Vokabülär hebrejsko-německo-latinsko-český; Dictionarius trium linguarum. latine. teutonie: Boemice [...] 1513; Dictionarius Trium Linguarum Latine Teutonice et Polonice [...] 1528; Dictionarius Latine, Germanice, Polonice et Ungarice 1531 ir t. t.). Die regionale Zweisprachigkeit zeigt, dass der Verfasser /
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der Benutzer kein Akademiker, sondern ein Praktiker war. Natürlich bleibt die Möglichkeit bestehen, dass das Elbinger Vokabular nicht das erste seiner Art war, das heißt, nach dem Vorbild eines älteren deutschsprachigen, beispielsweise eines deutsch-russischen Wörterbuchs, geschaffen wurde.
1.5.1. Unter den ältesten noch bekannten russisch-deutschen Wörterbüchern erregen drei Werke unsere Aufmerksamkeit, deren Entstehung im 13.–14. Jahrhundert durch die Tätigkeit der Hansekaufleute veranlasst wurde:
a) Die lexikografische Quelle Einn Russich Buch – ein Gesprächsbuch in russischer und hochdeutscher Sprache mit Wörterverzeichnis (1r–113r ff.; das Wörterverzeichnis umfasst 68r–89r ff.) – wird derzeit als Teil eines größeren Kodex (insgesamt 147 f.) in der Bibliothek der Jagiellonen-Universität in Krakau aufbewahrt. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde der Kodex unter derselben Signatur, Ms. slav. fol. 18, in Berlin aufbewahrt (Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz). Die Wasserzeichenanalyse zeigt, dass das handschriftliche Denkmal zuletzt 1581–1591 abgeschrieben wurde (Falowski 1992: 4). Das Titelblatt gibt jedoch Aufschluss über die Zeit und die Umstände, unter denen und aus welchen Gründen zwei frühere Abschriften angefertigt wurden:
Einn Russich Buch binn ich genanndt, Ihm Deutschen Lanndt gantz vnbekannt Der mich hat geschrieben Den lasse gott Frolich Leben vndt sterben Amen.
Hilff got was ich beginne, Einn sälige ende ich gewinne, Der Dies hat geschrieben Gott gebe ihm nach gottes willen zu Leben Ahier Auff dieser erden, Das Seine Seell got zu theil werde, Thomas Schroue Ist ehr genandt Das er gott mute werden bekandt
Amen, Anno Domini *146*
Thomas Schroue lässt sich zuverlässig mit dem Tartuer Bürgermeister identifizieren, der 1494 als Mitglied einer Hansegesandtschaft Moskau besuchte und nach seiner Rückkehr einen kurzen Bericht über die gescheiterten Verhandlungen mit Iwan III. vorlegte (Alexeev 1951: 109–110). In Moskau wurde zunächst die „sprachliche“ Frage erörtert, denn die Zarenherrschaft hatte zuvor einen Hanse-Dolmetscher festgesetzt. Die Festnahme des Dolmetschers dürfte zumindest teilweise die Zusammenstellung des handschriftlichen Wörterbuchs und der Gesprächsbücher veranlasst haben, denn
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Der Umgang mit den Moskalen war erforderlich. Bis dahin Einn Russisch Buch konnte in einem „Deutschen Hof“ aufbewahrt worden sein, der seit 1192 in Nowgorod bestand. Das früher zusammengestellte und fortlaufend ergänzte „praktische Handbuch“ war für junge Kaufmannslehrlinge erforderlich (ihre Zahl erreichte im Kontor in manchen Jahren 150–200 Personen!), die mithilfe des Buches für den Handel nützliche Sprachkompetenzen erwarben. 1494, als Ivan III. den Hansehof auflöste, wechselte diese Quelle zusammen mit anderen deutschen Handschriften aus Nowgorod naturgemäß ihren Aufbewahrungsort. T. Schroue konnte das Wörterbuch also mit sich nehmen, abschreiben oder einen ihm unterstellten Mitarbeiter mit dem Abschreiben beauftragen. Dies muss noch gegen Ende des 15. Jahrhunderts geschehen sein, denn er starb 1498–1501 in Tartu, wo er das Amt des Bürgermeisters dieser Stadt bekleidete.
Das auf dem Titelblatt angegebene Jahr 1546 verweist seinerseits auf die Existenz einer weiteren Zwischenabschrift, die beim Druck des Buches vorlag (Akeceev 1951: 108). Dafür spricht die Leseranrede, d. h. das einleitende Vierzeiler-Gedicht, das in Form und Inhalt für Drucke des 16. Jahrhunderts charakteristisch ist. Das Vierzeilergedicht des Wörterbuchs wurde wahrscheinlich von C. Schnaus’ Leseranrede beeinflusst, die erstmals spätestens 1546 im Druck erschien (ausführlicher dazu: Lemeškin 2017).
Somit wurde diese beliebte Sprachquelle, die Mitte des 16. Jahrhunderts beinahe gedruckt worden wäre, innerhalb eines Jahrhunderts mindestens dreimal abgeschrieben. Das „Russische Buch“ wurde zweifellos auch früher immer wieder aktualisiert. Das Original des Wörterbuchs aus dem 12.–14. Jahrhundert muss ungefähr gleich aufgebaut gewesen sein, d. h. ähnlich in thematische Abschnitte gegliedert (im Einn Russisch Buch gibt es 43 davon), doch dürften diese Abschnitte deutlich weniger lexikalische Einheiten enthalten haben. Im Laufe der Zeit veränderte sich auch die Gestalt des deutschen Wörterbuchteils. Gerldas Stone fand in der Handschrift zahlreiche sporadisch auftretende niederdeutsche Formen (Stone 1990). Dies bestätigt die zuvor geäußerte Hypothese (Jakobson, Schooneveld 1961; Gernentz, Korol, Rösler 1988: 39–40), dass die Vorlage des Wörterbuchs russisch-niederdeutsch war. Die russischen Sprachdaten verweisen ihrerseits eindeutig auf Nowgorod und/oder Pskow, d. h. auf das dauerhafte Gebiet hanseatischer Handelsinteressen.
Die Quelle wurde von Adam Falowski herausgegeben und eingehend untersucht (Falowski 1992, 1997).
b) Russisch-niederdeutsches Gesprächsbüchlein und Wörterbuch, 1607 in Polozk von Tonies Fenne abgeschrieben und ergänzt (Tonnies Fenne gheordt dit boek. || Anno 1607 den 1 septemb. || zu Pleschow geschreven – 1 p.). Lange Zeit nahm man an, dass die in der Dänischen Königlichen Bibliothek aufbewahrte Handschrift (Sign. Thott 1104 4) ein originales lexikographisches Werk vom Anfang des 17. Jahrhunderts sei (das Wörterbuch umfasst die S. 31–130); polnische Wissenschaftler stellten jedoch fest, dass etwa 80% der Sprachdaten mit dem lexikalischen Material von T. Schroues Einn Russisch Buch übereinstimmen (Бочек 3003: 215). Das bedeutet, dass beide gleich aufgebauten Wörterbücher auf eine gemeinsame Vorlage zurückgehen (zur Übereinstimmung des Aufbaus von Texten und Wörterbüchern siehe auch Jakobson, Schooneveld 1961: 5–31).
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Seit 1961 haben Louis Leonor Hamerich, Roman Jakobson, Antonius Hendrikus van den Baars und Hans Joachim Gernenz die Quellen fortlaufend herausgegeben und untersucht (Jakobson, Schooneveld 1961; Hamerich, Jakobson 1970; Baar 1885; Gernenz 1986). Vor nicht allzu langer Zeit wurde die Handschrift von Pepijn Hendriks und Jos Schaeken erneut entziffert (Hendriks, Schaeken 2008; Hendriks 2011)8 und in die Datenbank TITUS9 aufgenommen. Das Wörterbuch umfasst 54 thematische Abschnitte.
c) Russisch-niederdeutsches Gesprächsbüchlein und Wörterbuch mit dem Titel Ein Rusch Boeck.... Das lexikographische Denkmal (94 Folia umfassend) wird in der Bibliothek der Jagiellonen-Universität aufbewahrt; vor dem Zweiten Weltkrieg befand es sich unter derselben Signatur, Ms. slav. quart. 14, in Berlin (Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz). Die Handschrift wurde eingehend von A. Fałowski untersucht, der sie in die Mitte des 16. Jahrhunderts datierte und ihre Herkunft in Pskow verortete (Fałowski 1994, 1996). Das Wörterbuch umfasst 35 thematische Einheiten.
1.5.2. Alle genannten lexikographischen Quellen, die dem Elbinger Wörterbuch hinsichtlich Aufbau und Umfang wesentlich ähnlicher sind als dem Liber ordinis rerum, verbindet ein enger textologischer Zusammenhang, dessen Beschaffenheit jedoch unklar bleibt. Keine Handschrift lässt sich unmittelbar von einer anderen ableiten und umgekehrt. Die erhaltenen Abschriften sind recht alt (eine ist eine Redaktion vom Ende des 15. Jahrhunderts, eine andere spiegelt die Verhältnisse in der Mitte des 16. Jahrhunderts wider, die dritte stammt vom Anfang des 17. Jahrhunderts), und die Reihenfolge der thematischen Blöcke variiert darin erheblich. Im Folgenden führen wir ohne besondere Auswahl oder Angleichung der Reihe nach alle in den Handschriften belegten Abschnittsüberschriften auf:
Einn Russisch Buch
(Redaktion des Wörterbuchs von 1546)
Ein Rusch Boeck...
(Mitte des 16. Jahrhunderts)
Tönies Fenne
(1607, Pskow)
Vonn gott vnd Himischen Dingen
Van Gott vnnd hemmelschen dingen
Von den vier Elementen
Vonn Zeiten Des Jahrs
Von den deutschen Wesen
Van winde vnd der mane
Vonn dem Geistlichen Standt
Van weldtlicker Oberüheet
Namen der Monate und Tage
Vom weltlichen Stande
Von den Jahreszeiten und den Wärmezeiten, auch Zeiten
Die alte baltische Lexikografie im Dienst der Hansekaufleute. Zweck und Entstehungszeit handschriftlicher Wörterbücher
Einn Russisch Buch
(Wörterbuchredaktion von 1546)
Ein Rusch Bec...
(Mitte des 16. Jahrhunderts)
Tönies Fenne
(1607, Pskow)
Vom Steden Vnnd Landschafften
Van Krüges Lüden
Van geschiden luden guder artt
Vom Gewete
Hür wül ck schuen van Vader vnd moder Süster vnd Broder vnd Früntschap
Van vngeschikten luden boß artt
Vonn gewte Maß vnd Ellen
Van Allerlei Namen Der münschen
Van menschen namen
Vonn fischen
Van Allerlei Amten vnd meisters
Van lenden vnd steden
Vonn Vogelln
Van schures vnd Briefen
Van nationen der lude
Vonn Holtz
Van Büken
Van allerle handtwerken
Vonn Korn
Van Kleidingen
Van kriege vnd orlichs geschefften
Vonn Viehe
Van Steden vnd sloten Lande vnde dorpen
Van allerley spelwark
Vonn pferden
Van En vnd drücken vnd bedarf Hefft to Der not
Von maten vnd wichten
Vonn Wildwerk od(er) Wildwahren
Van Hus vnd Hus Haltung
Bredt vnd lak
Vonn Vÿtalyën
Van Allerlei Holt vnd büschenn vnd Anderen benen
Von der Erde
Von Getränken
Van wülden türen vnd Anderen Viehe vnd pferden
Von den Gewässern
Vonn der Sehe vndt Schieffen
Van varen der pferde
Von Büschen und Holz
Von Hausrat und dessen Zubehör
Van Allerlei füschcken Im water
Von den Früchten der Erde
Vonn Haushaltung vnd Derselen Zuberung
Von allerlei Vögeln und dem Himmel
Von allerlei Kleidung
Von Eisenwaren
Von Gold, Silber, Eisen und Kupfer
Von allerlei wilden und zahmen Vögeln
Von Näharbeiten
Von Geld und Wechselgeld
Von allerlei Gewürzen
Vom Dreschen
Von allerlei Erdbären und Erbsen
Van fischen vnd eher artt
Vom Schreiben
Schreiben, Leute und Krankheiten
Von wilden Tieren
Von menschlichen Gliedmaßen
Von Schiffen
Von zahmen Tieren
Von Männernamen
Von Edelsteinen
Von Pferden
Von Betten und ihrem Zubehör
Von allerlei Wein und Bier
Von Pferderüstungen
Von Kleidung
Von allerlei Kräutern
Von allerlei Utensilien
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Einn Russich Buch (Wörterbuchfassung von 1546)
Ein Rusch Boeck... (Mitte des 16. Jh.)
Tönies Fenne (1607, Pskow)
Vonn Runstunnen zu Pferden
Van Seiden Gezeüg
Van allerley flesch
Vonn Krige Vnd Einer Zubehorunge
Van wandt lacken
Van allerley gedrenke
Vonn Tanten Singen Vnd Springen
Van Allerleÿ verenn
Van menschen ledtmaten
Vonn Rauch Wahr als Hiernach Volft
Van moten vnnde Lasten vnd gewichten vnd Allerlei kaufmanes war
Van bekleide
Vonn allerleÿ waren als hernach volfft
Van schiffwaren
Vonn Allerleÿ Kreude
Vom Hausrat
Von Edelsteinen
Vom Feuer
Von Gold und Goldwaren
Von Handwerksgerät
Vonn der Russischen Muntze
Von Schiffen
Von Seidengewändern
Von allerlei Pelzwerk
Vonn allerley farben
Von allerlei Leder und Häuten
Von allerlei Tüchern
Von allerlei deutschen Waren
Von Salz und Heringen
Von Wachs und Talg
Von Flachs und Hanf
Von Edelsteinen
Von Gold und Silber
Van der ruschen muntte
Van kruden vnd gewurtze
Van sidengewande
Van linen wande
Van allerley fure
Van allerley laken
Die Unterschiede zwischen den besprochenen Denkmälern zeigen, dass es im 14.–15. Jahrhundert mehr als ähnlich geartete Abschriften gegeben haben muss, die textologisch schon damals ein verworrenes Netz bildeten. Dies weist auf die große Nachfrage nach den „Russischen Büchern“ und ihre Verbreitung hin. Das genaue Verhältnis der drei noch vorhandenen Abschriften wird sich kaum bestimmen lassen (es sei denn auf Grundlage einer vergleichenden Analyse des Elbinger Wörterbuchs). Die Rekonstruktion eines gemeinsamen Prototyps wird dadurch erschwert, dass die Überschriften der Abschnitte zu denselben Begriffen voneinander abweichen. Im Folgenden führen wir die Abschnittsüberschriften nebeneinander an, ohne ihre Position innerhalb der Wörterbücher zu berücksichtigen:
Einn Russich Buch (Wörterbuchredaktion von 1546)
Ein Rusch Boeck... (Mitte des 16. Jahrhunderts)
Tönies Fenne (1607, Pskow)
Vonn gott vnd Himelschen Dingen
Van Got vnnd hemelschen dingen
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Einn Russisch Buch
(Wörterbuchfassung von 1546)
Ein Rusch Boec...
(Mitte des 16. Jahrhunderts)
Tönies Fenne
(1607, Pskow)
Vonn Zeiten Des Jahrs
Van tüden des Jars vnd dagen werme Auch tunden
Van den veer tiden des jahres
Vonn dem Geistlichen Standt
Van Geustlichen wesen
Van geistlichen standt vnd regiment
Vom weltlichen Stande
Van weldtlücker Oberlühett
Van weltlichen stande vnd regiment
Vonn freund vnnd Gesebschafften
Hier wül ick schruen van Vader vnd moder Süster vnd Broder vnd Fründschap
Van frundtschop vnd thohearinge
De quator. Elementis Van Allerlei Water
Van den veer elementen Van warenn Van winde vnd der mane Van der erden Van fuer
Von den Personen der Männer
Van personen vnd gestalt der lude Van geschieden luden guder art Van vngeschicken luden böser art
Von den Handwerken
Van Allerlei Apen vnd meisters
Von allerlei Handwerken
Von Städten, von Städten und Landschaften
Von Städten und Burgen, Ländern und Dörfern
Von Ländern und Städten
Vom Gewichte Vonn gewichte Maß vnd Ellen
Van moten vnde Lasten vnd gewüchten vnd Allerlei kaufmanes war
Von Maßen und Gewichten
Von Fischen
Von allerlei Fischchen im Wasser
Van fischen vnd eher art
Von Vögeln
Von allerlei Vögeln unter dem Himmel
Von allerlei Vögeln, wilden und zahmen
Von Holz
Von allerlei Holz und Gebüschen und anderen Bäumen
Von den zweiunddreißig thematischen Abschnitten des Elbinger Wörterbuchs finden nur acht keine nominalen Entsprechungen: „Landwirtschaft und Feldarbeit“ (im Elbinger Wörterbuch an 10. Stelle), „Wagen und Schlitten“ (11.), „Mühle“ (13.), „Schuhmacherei“ (21.), „Badehaus“ (23.), „Milch, Milchprodukte“ (28.), „Jagd“ (29.) und „orbis mundi“ (32.). Dreiundzwanzig Abschnitte des Elbinger Wörterbuchs weisen in mindestens zwei Abschriften der „Russischen Bücher“ deutliche Entsprechungen auf. Für einen thematischen Abschnitt lässt sich nur in einer davon eine Entsprechung finden: „Reptilien und Insekten“ im Elbinger Wörterbuch – T. Fennes „Van allerley gewrme“. Es ist möglich, dass dieser in T. Fennes Abschrift ergänzte Abschnitt aus dem Urtext eines russisch-deutschen Wörterbuchs (nahe dem Elbinger Wörterbuch) stammt, doch andere einzigartige Abschnitte könnten antiken, innovativen Charakter haben.
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Wörterbuch), während die anderen einzigartigen Abschnitte einen antiken, innovativen Charakter haben könnten. Konkret sind dies:
Enn Russisch Buch (Wörterbuchredaktion von 1546)
Ein Rusch Boeck... (Mitte des 16. Jahrhunderts)
Tönies Fenne (1607, Pskow)
Vonn Korn Vonn Nehewerg Vonn Dresenn Vonn Beten Vnd Ihre Zubehorunge Vonn Ruch Wahr als Hiernach Volfft Vonn allerley wahren als hernach volfft
Scherbens Leüfften vnd Kranckheiten Van Allerley wüne vnd Bier Van Seüden Gezeüg
Über die Nationen der Leute, Brot und Getreide, über allerlei Fleisch, über allerlei Töpferwaren, über allerlei Leder und Häute, über Salz und Hering, über Wachs und Talg, über Flachs und Hanf, über Leinenstoffe
1.5.3. Die Variation der Abschnittsüberschriften lässt vermuten, dass der Urtext der russisch-deutschen Wörterbücher keine Abschnittstitel hatte, d. h., dass er in dieser Hinsicht dem Elbinger Wörterbuch ähnelte, in dem das Grundwort, das den thematischen Block bezeichnete, durch einen farbigen Punkt hervorgehoben war. Dies erklärt zum Teil die Entstehung einiger „überzähliger“ thematischer Blöcke. Ein nach Grundwörtern (Themenwörtern) geordneter Text bot Raum, einen bestimmten lexikalischen Bestand abzugrenzen und zu einem eigenen semantischen Bereich „umzuprofilieren“. Es genügte, die Initiale zusätzlich farbig zu markieren und einen solchen Abschnitt zu erweitern. Diesen Vorgang könnten wir anhand des Elbinger Wörterbuchs veranschaulichen. Betrachten wir beispielsweise aufeinanderfolgende thematische Abschnitte: „Der menschliche Körper, Gesundheit“ (EŽ 67–168), „Familie, Verwandtschaft“ (EŽ 169–192), „Haus, Wirtschaftsgebäude“ (EŽ 193–235). Der Abschnitt „Familie, Verwandtschaft“ besteht im Wesentlichen aus Verwandtschaftsbegriffen, wird jedoch durch einige Wörter mit sozialer und beruflicher Bedeutung abgeschlossen (EŽ 190–192):
Die genannten Lexeme bilden einen semantischen Übergang von einem Themenfeld zum anderen, da sie vor dem Abschnitt „Haus, Wirtschaftsgebäude“ über das dem Haushalt nahestehende oder ihn umgebende Hauspersonal informieren. An dieser Stelle des Wörterbuchs (Begriffswörterbücher müssen auch vertikal gelesen werden, da sich die Wörter bei ihrer Zusammenstellung auf semantisch-assoziativer Grundlage ansammelten) müssen die Wörter Waklis, Geweinis, Merg „Diener, Knecht“ bedeuten (wie
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woikello „Knecht – Diener (Knecht)“ GrG 79 – PŽE IV 213), „Bediensteter, Tagelöhner“ und entsprechend „Magd, Dienerin“.
Somit barg das Wörterbuch an der besprochenen Stelle das Potenzial, einen bestimmten neuen Begriffsblock entstehen zu lassen. Im Elbinger Wörterbuch blieb dieses Potenzial ungenutzt, da das erstarrte und unausgearbeitete Wörterbuch selbst (infolge des Sprachwechsels aus dem Gebrauch geraten) zu einer Sackgasse der lexikografischen Tradition wurde. Die russisch-deutschen Wörterbücher hingegen, die sich aus Denkmälern gleicher oder ähnlicher Struktur entwickelten, blieben über Jahrhunderte hinweg aktuell, das heißt, sie wurden verbessert und erweitert (bis ins 17. Jahrhundert). Das erwähnte Potenzial wurde in ihnen erkannt und angemessen genutzt; daher folgt auf den Verwandtschaftsabschnitt „Von freund vnd Geschefften“ regelmäßig „Von Mannes Personen“ sowie „Von Handwercken“ (in T. Schroues Redaktion des Ein Russich Buch). Dieselbe Abfolge, jedoch mit anderen Abschnittsüberschriften, findet sich im anonymen Werk des 16. Jahrhunderts Ein Rusch Boeck... (Hier wil Ic schrieen van Vader vnd moder Süter vnd Broder vnd Frundschap [...] Van Allerlei Ampten und meisters) sowie in T. Fennes Abschrift (Van frundtschap und thoeborige [...] Van allerlei hantwercken). Die sekundäre thematische Reihe „Über Berufe und Arbeitspflichten“, die sich zusätzlich an der Peripherie der Abschnitte „Familie, Verwandtschaft“ und „Haus, Wirtschaftsgebäude“ herausbildete, könnte auch dazu geführt haben, weitere semantisch verwandte Themenfelder aufzunehmen und ihnen aus sachlichen Gründen eine Präposition voranzustellen, also sie vor die Darstellung der Verwandtschaft zu setzen: „Von dem Geistlichen Standt“, „Vom weltlichen Stande“ (T. Schroues Ein Russich Buch); „Van Geistüchen wesen“, „Van weldtlicker Oberü-gheütt“ (Ein Rusch Boeck... aus dem 16. Jahrhundert); „Van geistlichen stand vnd regiment“, „Van weltlichen stande vnd regiment“ (T. Fenne).
Es entsteht der Eindruck, dass das Programm der „Russischen Bücher“ hinsichtlich seiner Anlage, seines Umfangs und seiner Struktur dem Elbinger Wörterbuch ähnelte. Der Vergleich lexikografischer Arbeiten zeigt stellenweise eine engere Beziehung zwischen dem Elbinger Wörterbuch und dem Ein Rusch Boeck... aus der Mitte des 16. Jahrhunderts (dies gilt etwa für die Gesamtzahl der Themenblöcke und ihre Abfolge an der Anfangsposition der Handschriften: „Van Gott vnd hemmelschen dingen – EŽ 1; „Van Geistüchen wesen“; „Van weldtlicker Oberügh eütt“; „Van tiden des Jars vnd den werne Auch tunden“ – EŽ 2; „Van Allerlei Watter“, „De quatuor Elementis“ – EŽ 3–6; „De 12 Mensibus. De quatuor Tempora auiji“; „Van müinschen dat ganze lijf vnd sin wesen“ – EŽ 7; „Van Krüges Lüden“ – EŽ 16; „Hier wil Ic schrieen van Vader vnd moder Süter vnd Broder vnd Frundschap“ EŽ 8 usw.), an anderer Stelle bestehen jedoch Ähnlichkeiten mit anderen Abschriften. Offenbar wird das Elbinger Wörterbuch bei der Rekonstruktion des Programms der russisch-deutschen Wörterbücher hilfreich sein.
Wie das Verhältnis zwischen dem Programm des Elbinger Wörterbuchs und dem der „Russischen Bücher“ beschaffen war, lässt sich vorerst nur vermuten. Die mittelalterliche hansische Lexikografie muss begrenzt gewesen sein, da die Hanseaten in der Nordsee und an der westlichen Ostseeküste kaum auf größere Verständigungsprobleme stießen. Aufgrund der Sprachverwandtschaft und Diglossie
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fiel es ihnen nicht schwer, ihre Arbeit in den Faktoreien in den Niederlanden und Skandinavien auszuüben. Komplizierter war die Situation in England, wo die durch den Einfluss des Französischen vermischte verbale Kommunikation (auf der Grundlage des Niederdeutschen) schwieriger war. In diesem Raum kann man bereits potenziell mit Hilfsglossen in Handschriften rechnen, die den unerfahrenen hansischen Kaufleuten die sprachliche Orientierung erleichterten. Je weiter man nach Osteuropa vordrang, desto größer wurde zwangsläufig der Bedarf an zweisprachigen Wörterbüchern, da die Kaufleute immer häufiger mit „fremden“ Sprachen in Berührung kamen. Daher lässt sich im Osten mit lexikografischen Arbeiten unterschiedlichen Alters für die Sprachpaare Niederdeutsch–Slawisch (zum Beispiel Russisch oder Polnisch), Niederdeutsch–Baltisch (Preußisch, Lettisch) und Niederdeutsch–Finno-ugrisch (Estnisch, Livisch) rechnen. Natürlich ist dies nur eine theoretische Möglichkeit; sie bedeutet nicht, dass damals tatsächlich Wörterbücher all dieser Arten niedergeschrieben wurden.
Atsižvelgus į Hanzos regiono kalbinę specifiką (plačiau: Скайре, Фердинанд 2002: 78–80), būtų galima hipotetiškai svarstyti apie mūsų laiku nepasiekusio dvikalbio žodyno pavyzdį, pavyzdžiui, vokiečių–anglų kalbą, kuris vėliau buvo panaudotas sudarant vokiečių–prūsų ir (arba) vokiečių–rusų kalbų žodynus. Kita vertus, Elbingo žodynas gali būti kildinamas iš vokiečių–rusų kalbų žodyno, iš kurio ilgainiui išsirutuliojo mūsų dienas pasiekusios gerokai išplėtotos „Rusiškos knygos“. Galėjo būti ir atvirkščiai: XIII a. vokiečių–prūsų kalbų žodynas galėjo padėti pamatą „Rusiškai knygai“ atsirasti. Kokia bebūtų raidos kryptis, mums svarbu kultūrinis istorinis kontekstas ir praktinis gimininių žodynų funkcionavimas, kuris lėmė jų sandarą ir turinį.
1.6. Eine Analogie zu den Entstehungsumständen und zur Verwendung russisch-deutscher Wörterbücher wird helfen, die Ursprünge und Typologie des Elbinger Wörterbuchs besser zu verstehen. Catherine Squires und Svetlana Ferdinant haben die pragmatische Einstellung hansischer Kaufleute gegenüber Fremdsprachen treffend beschrieben: „Die Vorteile, die die Beherrschung der Sprache des Partners mit sich bringt, sind ganz klar. Gerade in Quellen über die Rus werden sprakerere erwähnt – Kaufmannssöhne, die Russisch lernen [...]. Die Beherrschung einer Fremdsprache war ein obligatorischer Bestandteil der Ausbildung angehender hansischer Kaufleute [Bruchhäuser 1989, 99, 118]. Soweit die Quellen ein Urteil erlauben, war der Zugang zum Sprachenlernen dabei rein praktisch: Die hansischen „Lehrlinge“ erwarben ihre Kenntnisse in mündlicher Kommunikation mit russischen Gastgebern während ihres Aufenthalts auf den Höfen der Bojaren. Bereits der Vertragsentwurf von 1268–1269 sieht die Möglichkeit vor, deutsche und niederländische Jünglinge zum Spracherwerb in die Rus zu schicken: Hospites libere et sine contradictione pueros suos mittant ad discendum loquelam in terram quoque uolunt“ (Скайре, Фердинанд 2002: 59). Hier ist besonders das notwendige Modell des Spracherwerbs hervorzuheben.
Sowohl der Vorläufer der „Russischen Bücher“ als auch der Vorläufer des Elbinger Wörterbuchs müssen die verschiedensten Bereiche des Alltagslebens umfasst haben: vom Hof und den Adligen bis hin zu
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verschiedenen menschlichen Angelegenheiten und den unterschiedlichsten Tieren (bei Insekten sogar bis zum Badehaus). Für Spezialthemen war darin kein Platz. Ihr ursprünglicher Zweck bestand darin, eine allgemeine Orientierung in einer neuen Sprache zu ermöglichen und zu zeigen, wie die Dinge am neuen Ort genannt wurden. Unter anderem dürfte dies zu einer „nomenklatorischen“ Auffassung von Sprache geführt haben, das heißt zur Vorherrschaft der Substantive. Nomenklatorische Wörterbücher lassen sich mit modernen illustrierten zweisprachigen Wörterbüchern für Anfänger vergleichen (die Abbildungen würden hier dem deutschen Register entsprechen). Dass Begriffe aus den Bereichen Lesen, Messen, Tauschen, Verkaufen und Kaufen fehlen, ist ebenfalls nachvollziehbar. Dies ist bereits eine andere Stufe der Sprachkenntnis, die aufgrund ihrer Relevanz (in den Augen künftiger Kaufleute) eine gesonderte schriftliche Fixierung erforderte und auch erfordern konnte, denn solche Dinge wurden auswendig gelernt und später in Gesprächen weiter eingeübt.
Man kann annehmen, dass die Zielgruppe der Wörterbücher junge Leute waren, die gerade die Volljährigkeit erreicht hatten: „Die Kenntnis der russischen Sprache galt als sehr wichtige und wertvolle Eigenschaft für einen Kaufmann, der mit der Rus Handel trieb. Die russisch-deutschen Gesprächsbücher von Schroue und Fenne sowie das anonyme Gesprächsbuch von 1568 waren, wie ihre Analyse zeigt, höchstwahrscheinlich keine Einzelerzeugnisse dieser Art, sondern Teil einer ganzen Tradition [Rösler 1990]. Verfasser dieser Gesprächsbücher waren in der Regel junge Kaufmannssöhne, denn man hielt es für nicht zweckmäßig, dass Menschen über 20 Jahre noch einen Berufsweg einschlugen, der mit dem Erlernen einer so schwierigen Sprache wie Russisch verbunden war. „Nen lekent boven twintich jar olt sal de sprake in deme Naugardescher richte noch to Nou-garden ennenn, he se we he si, de in des kopmanne riche wesen wille“ (Сквайр, Фердинанд 2002: 68). Die preußische Sprache gehörte zweifellos zu den schwierigen Sprachen; daher muss ein Wörterbuch des Elbinger Typs auf eine junge Nutzergruppe ausgerichtet gewesen sein.
Dieselbe hansische Handelspolitik, die auf besonderer Aufmerksamkeit für die lokale Sprache beruhte, muss auch in Preußen umgesetzt worden sein, und zwar besonders intensiv, nachdem nach einer militärischen Intervention an der Mündung des Elbinger Hafens ein Hafen gegründet worden war (1237). Zehn Jahre später (1246) erhielt die Bevölkerung Elbings das Lübecker Stadtrecht – zum Nachteil des Ordens, da es dem Kaufmannsstand verschiedene Vergünstigungen und Privilegien gewährte10. In den Rechtsverhältnissen erlangten die Kaufleute dadurch einen besonderen Status (der gesetzlich abgesichert war), was eine außergewöhnliche Ausweitung des Handels begünstigte. Die Mitte des 13. Jahrhunderts gegründete und von Lübeck kontrollierte Stadt wurde bald zu einem wichtigen Zentrum des internationalen Handels, in dem Kaufleute, die den Rang der hansischen Städte erreichten (und über Elbing nach Nowgorod und zurück reisten), die Möglichkeit zum Freihandel erhielten. Es wird angenommen, dass dem Orden die wenig vorteilhaften Rechte „mit Bedacht“ gewährt wurden, das heißt als Dank für die bedeutende Unterstützung der Lübecker Kaufleute bei der Eroberung und Kolonisierung Preußens. Für uns ist wichtig, dass die außergewöhnliche Zugänglichkeit der Stadt
10 Später wurden diese besonderen Stadtrechte im preußischen Siedlungsgebiet auch Braunsberg verliehen (1284).
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Die alte baltische Lexikographie im Dienst der Hansekaufleute. Zweck und Entstehungszeit handschriftlicher Wörterbücher
Dies förderte den Wettbewerb unter den Hansekaufleuten und damit auch das Interesse an der lokalen Sprache; dies führte seinerseits folgerichtig zum Auftreten einer eigenen Personengruppe – der jungen sprakelere.
1.7. Die Hanseatische Sprachpolitik – die allen potenziellen Handelspartnern gegenüber entgegenkommend war – kann den Gedanken nahelegen, dass die Entstehung des Wörterbuchs von den von dort angereisten Kaufleuten veranlasst wurde. Das stimmt, doch sollte auch die Bedeutung der einheimischen deutschen Kolonisten, die Handel trieben, nicht unterschätzt werden. Sie betrachteten die Sprache der örtlichen Bevölkerung nicht negativ, da sie sie nicht als Hindernis wahrnahmen. Zu bestimmten Zeiten konnte es sogar umgekehrt sein. Unter Wettbewerbsbedingungen sicherte die Beherrschung der lokalen Sprache eine Monopolstellung, die begabte Kaufleute bereitwillig nutzten. Aus demselben Nowgorod sind uns strenge Sprachbeschränkungen bekannt. Um Konkurrenten auszuschalten, wurde hier eine konsequente „Sprachblockade“ praktiziert: Es war verboten, die Kenntnis der russischen Sprache an Franzosen, Niederländer, Flamen, Wallonen, Engländer, Schotten und andere Ausländer weiterzugeben. So wurde auf dem Lübecker Hansetag 1423 ein Verbot gegen die niederländische Jugend beschlossen: „dat man jennen Hollendschen jungen up de sprake bringe“. Auf dem Hansetag in Valmiera wurde 1434 eine weitere Beschränkung eingeführt: „Ok en sall man neynes Hollanders, Zeelanders, Campeers, Vlaminghe noch Engelsche jungen doen noch doen helpen up de sprake“ (ausführlicher dazu: Squires 2009: 38; Prūša 2009: 228). Für das Preußische ist das schwierige Verhältnis zwischen den Hanseaten und den Fremden nicht dokumentarisch belegt; im preußischen Land könnte es damals jedoch gewisse interne Spannungen zwischen den Elbingern und den Vertretern aller anderen Hansestädte gegeben haben. Das ist verständlich, denn eine exotische Sprache, die für manche schwer oder kaum zugänglich war, wurde zu einem wichtigen Instrument, das auf dem lokalen Markt die Aneignung eines größeren Gewinnanteils erschwerte und damit den langfristigen Wohlstand der Kaufleute sicherte.
Somit waren sowohl Vertreter weit entfernter Hansestädte als auch die einheimischen Elbinger Kaufleute (Bürger) daran interessiert, ihre Söhne in die „Lehre der preußischen Sprache“ zu geben. Ein deutsch-preußisches Wörterbuch und ähnliche sprachliche Quellen verschafften einen erheblichen Wettbewerbsvorteil; deshalb lässt sich sogar darüber spekulieren, dass ihre Verbreitung und Weitergabe eingeschränkt oder reguliert wurden. Dies begünstigte die kontrollierte Abschrift von Wörterbüchern als Teil beruflich spezialisierter Sammlungen, die im Besitz der Kaufleute blieben. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, an die Geschichte des Elbinger Kodex zu erinnern. Bis 1823 gehörte er Abraham Grübnau (Abraham Grübnau, 1740–1823). Der erste uns bekannte Besitzer war ein einflussreicher Elbinger Kaufmann, der auch als eifriger Sammler von Büchern und verschiedenen Antiquitäten bekannt war. Den Elbinger Kodex könnte er von seinen Kollegen, das heißt von anderen Kaufleuten wie ihm, erhalten oder von Angehörigen anderer Berufe erworben haben; sehr gut möglich ist aber auch, dass das Buch lange Zeit der „Familie“ gehörte11.
11 Die Familie Grübnau soll aus Königsberg stammen. Man nimmt an, dass die Vorfahren A. Grübnaus im 17. Jahrhundert nach Elbing übersiedelten; dies widerspricht jedoch nicht unserer Überlegung. In der städtischen Verwaltung gab es alte
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1.8. Es ist hervorzuheben, dass die Elbing 1246 verliehenen „Lübischen Rechte“ den Kern des Kodex bilden. Grundlage ist Q 84. Dieser kodikologische Aspekt ist unseres Erachtens bedeutsam, da er die Zugehörigkeit des deutsch-preußischen Wörterbuchs zur zuvor erörterten utilitaristischen hansischen Lexikographie begründet und die Plausibilität dieser Zuordnung stützt. Offenbar wurde die spezialisierte lokale Zusammensetzung des Kodex beziehungsweise sein geschäftlich-kaufmännischer Charakter bislang nicht gebührend berücksichtigt. Zwischen der Elbing verliehenen Rechtsgrundlage und dem deutsch-preußischen Wörterbuch besteht nämlich ein enger kausaler Zusammenhang: Ohne die fest in Elbing ansässigen Hanseaten wäre die preußische Lexikographie wohl kaum je entstanden. Ganz anders wäre die Lage gewesen, wenn im Kodex das Magdeburger oder das Kulmer Recht vertreten wäre. Eine solche Quellenkombination würde eine grundlegend andere Deutung erfordern.
Auch weitere Bestandteile des Kodex sind im Hinblick auf die Preußen bemerkenswert. Nach dem verlorenen Aufstand von 1242–1249 begannen die Preußen, wie der Vertrag von Christburg zeigt, polnischem Recht zu folgen: „Poste dicti neophiti requisiti a nobis quam legem mundanam vellent eligere. vel que vellent secularia iudicia obseruare, habito inter se consilio pecierunt et elegerunt legem mundanam et secularia iudicia Polonorum vicinorum suorum. Et predicti fratres eis concesserunt benigne“ (Kregždys 2012: 45). Dies begründet die Aufnahme des Polnischen Rechts in den Kodex. Im Falle des Pomesanischen Rechts ist die enge Verbindung zu den Preußen ebenfalls offensichtlich.Polnisches Recht die Aufnahme in den Kodex. Im Falle des Pomesanischen Rechts ist die enge Verbindung zu den Preußen ebenfalls offensichtlich.
In Anbetracht der erörterten Umstände lässt sich die Hypothese aufstellen, dass die Sammlung in ihrer Zweckbestimmung und ihrem Inhalt „preußisch“ war und im Umfeld der Burg in Elbing zusammengestellt wurde. In der von Lübecker Recht regierten Stadt herrschten die günstigsten Bedingungen, die die Verbindung des Wörterbuchs mit den Rechtssammlungen unter einem Einband erklären. Anfangs könnte eine solche Sammlung aus dem „Lübischen Recht“, dem „Polnischen Recht“ und dem Wörterbuch bestanden haben. Nicht vor 1340 wurde die Sammlung um das „Pomesanische Recht“ ergänzt. Natürlich ist es möglich, dass das handschriftliche Buch aus den vorhandenen Quellen erst Mitte des 14. Jahrhunderts zusammengestellt wurde; doch auch in diesem Fall musste man bei seiner Zusammenstellung die praktischen Interessen der Hansekaufleute berücksichtigen, zumindest teilweise rückblickend.
1.9. Die Betrachtung des Elbinger Wörterbuchs durch das Prisma der hansischen Sprachpolitik und im Kontext der hansischen lexikographischen Produktion (zweisprachig und utilitaristisch) hilft, den Zeitraum zu bestimmen, in dem der Prototyp des Elbinger Wörterbuchs entstanden sein könnte. Die Voraussetzungen und Bedingungen für die Entstehung des Wörterbuchs bildeten sich Mitte des 13. Jahrhunderts heraus. Es ist fraglich, ob dies vor dem Aufkommen des Elbinger Faktors möglich war. Der Bedarf an einem Wörterbuch dieser Art entstand wahrscheinlich bald nach der Verleihung des Lübischen Rechts im Jahr 1246, als deutsche Kaufleute und Kolonisten in die neue, gewinnversprechende Marktsituation strömten. Diese Situation dauerte an, bis die
(auseinanderstrebenden) Kaufmannsdynastien ihren Platz an Angehörige nicht einheimischer Familien abtraten, mit denen sie sich zum eigenen Vorteil verschwägerten und die über entsprechendes Kapital verfügten. Aus geschäftlichen Gründen wechselten die Familien regelmäßig in „andere“ Hände (durch Heirat). Dies könnte auch bei den Grübnaus der Fall gewesen sein. Für uns ist die Zugehörigkeit zur Stadtverwaltung (Stadtrath) und zum Kaufmannsstand von Bedeutung.
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Mit Lieferanten und Käufern verschiedenster Waren konnte ausschließlich auf Preußisch verhandelt werden. Im Vergleich zu anderen preußischen Gebieten dauerte dieser Zeitraum in Pomesanien nicht lange. Rasch nahm hier der Gebrauch des Polnischen und Deutschen stark zu. Seit dem Anfang oder der Mitte des 14. Jahrhunderts kann man zumindest in jener spezifischen Kontaktkommunikation, in die die Hansekaufleute einbezogen waren, von Bedingungen der Zweisprachigkeit sprechen. Dies setzt für uns eine obere Grenze fest, also den Zeitpunkt, bis zu dem die Zusammenstellung eines nomenklatorischen Wörterbuchs noch sinnvoll war. Somit lässt sich der mutmaßliche Verlauf der Entstehung des Elbinger Kodex in folgenden Phasen (vorstellen:
a) Im Zeitraum von etwa 1237 bis 1300 wurde den Bedürfnissen der Hanse sprek(e)lere entsprechend ein deutsch-preußisches oder preußisch-deutsches Wörterbuch (bzw. mehrere Wörterbücher) zusammengestellt, das/die sich von der Abschrift P. Holcveschers erheblich unterscheiden konnte(n) (es könnte/könnten Gespräche enthalten haben, siehe unten).
b) Das Elbing verliehene „Lübische Recht“, das die Grundlage des Kodex mit der Signatur Q 84 bildet, repräsentiert eine Fassung des Rechtsbuchs, die spätestens 1300 entstanden war (der Ursprung dieser Fassung wird auf das Manuskript des „Lübischen Rechts“ zurückgeführt, das bis zum Zweiten Weltkrieg (Signatur E 135) im Stadtarchiv Elbing aufbewahrt wurde – Päsler 2003: 234). Somit könnte im Zeitraum von etwa 1300 bis 1340 ein Pergamentbuch entstanden sein, das aus dem ungefähr gleich alten, Elbing verliehenen „Lübischen Recht“, dem „Polnischen Recht“ und einem Wörterbuch bestand.
c) Das „Pomesanische Recht“ wurde später, nach 1340, aufgenommen. Eine Sammlung in dieser Zusammensetzung wurde vermutlich erst im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts oder um die Mitte des 15. Jahrhunderts von P. Holcvescher abgeschrieben (nicht zusammengestellt).
2. Die rekonstruierbare schrittweise Entstehung des Elbinger Kodex zeigt, dass das deutsch-preußische Wörterbuch zu verschiedenen Zeiten mehrfach abgeschrieben wurde. Offenbar wurden zwischen dem Original aus der Mitte bis zur zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und der Abschrift P. Holcveschers mindestens zwei Zwischenkopien angefertigt. Selbstverständlich wirft dies die Frage auf, wie sich die lexikografische Arbeit im Laufe dieser Jahrhunderte veränderte. Solange das Wörterbuch seiner ursprünglichen Funktion diente (zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts), wurde es wohl überarbeitet und ergänzt; später jedoch, als sich der Handel auf das Deutsche umorientierte, wurden Abschriften des feststehenden Wörterbuchs mechanisch kopiert und vermutlich auch gekürzt. Für Letzteres spricht der Vergleich mit einem weiteren lexikografischen Denkmal (dessen Aufbau einem kleinen Wörterbuch mit Gesprächen entspricht), das traditionell eng mit dem Namen Simon Grūnaus (Simon Grunau, etwa 1470–1530/37) verbunden wird. Es zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich, weil es derselben im Ostseeraum verbreiteten hansischen lexikografischen Tradition angehört.
2.1. Die im Baltikum gebräuchliche Bezeichnung Wörterbuch Simon Grūnaus ist wenig treffend, denn sie bringt lediglich die Möglichkeit zum Ausdruck, dass der aus Tolkemit stammende Mönch an der Zusammenstellung des Wörterbuchs beteiligt war. Seine tatsächliche Rolle dürfte wohl wesentlich bescheidener und oberflächlicher gewesen sein. S. Grūnaus Verdienst dürfte dem Beitrag P. Holcveschers ähneln. Und
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beide gingen die verfügbaren Quellen durch und trugen dadurch wesentlich zu deren Erhaltung bei. Zwar verwendete S. Grūnaus eine handschriftliche Quelle in seiner eigenen Kompilation, d. h. bei der Abfassung der Preussische Chronik (bis 1529/30), doch war der Mechanismus der Wiedergabe des Wörterbuchs vermutlich genau derselbe wie bei P. Holcvescher. Der Verfasser der „Preußischen Chronik“ dachte nicht einmal daran, den Leser darüber zu informieren, woher die Liste mit „einigen Wörtern“ in seinen Besitz gelangt war; zugleich gab er auch keinerlei Hinweise, die auch nur hypothetisch die Annahme erlaubten, er habe persönlich an der Zusammenstellung des Wörterbuchs mitgewirkt: „Domit aber imant moge begreifen, und Preufch ein beſonder ſprache ſey, ſo had ich etliche worte geſatz“ (GrA), „Domit man aber mag haben ein Vnderſcheid der ſprache / ſo ſent volgenede Voculen in beiden ſprachen hernacheſetzt“ (GrG).
Der Gedanke an ein viel älteres handschriftliches Wörterbuch, das S. Grūnaus in seiner Chronik lediglich wiedergab, ergibt sich aus der Vielfalt der Abschriften. Derzeit werden fünf Abschriften des Wörterbuchs untersucht, zwischen denen erhebliche Unterschiede festzustellen sind. Die Abschriften werden mit folgenden Abkürzungen bezeichnet:
GrG – deutsch-preußische Abschrift aus Göttingen (16. Jahrhundert), die Eduard Hermann in der Universitätsbibliothek Göttingen entdeckte und 1949 veröffentlichte (Hermann 1949; erneut herausgegeben von Mažiulis 1966, 1981);
GrA – preußisch-deutsche Abschrift aus der Bibliothek der Universität Königsberg (Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert). Zusammen mit GrC und GrH herausgegeben von Reinhold Trautmann (Trautmann 1910: 94–96);
GrC – preußisch-deutsche Abschrift aus dem Staatsarchiv Königsberg (um 1750);
GrF – preußisch-lateinische Abschrift, 1970 in der Bibliothek Helsinki gefunden (Kiparsky 1970);
GrH1 und GrH2 – preußisch-deutsche Abschrift(en), die Christophas Hartknoch (1644–1687) 1679 und 1684 herausgab (von Pietro Umberto Dini anhand der Veröffentlichungen von 1679 und 1684 herausgegeben und kommentiert (2013)).
Die textkritische Untersuchung zeigt, dass weder die einzelnen Lexeme noch die Sprachen andernorts in einer einheitlichen Reihenfolge angeführt werden (GrG: deutsch-preußisch; GrF: preußisch-lateinisch; preußisch-deutsch); einige Wörter sind nur in einem Teil der Abschriften belegt; Fehler und Gestaltung variieren. Die Fülle derart deutlicher und typologisch heterogener Unterschiede ist erstaunlich, zumal die Abschriften zu einem späten historiografischen Werk gehören. Die Menschen, die im 17. und 18. Jahrhundert die „Preußische Chronik“ kopieren mussten, verstanden von der ausgestorbenen preußischen Sprache überhaupt nichts, was bedeutet, dass sie auch keinerlei Anlass hatten, das Wörterbuch in irgendeiner Weise zu verändern. Welche geheimnisvollen Ursachen, die theoretisch für die Vielfalt der Abschriften verantwortlich waren, hätten die Abschreiber also dazu veranlassen sollen, etwas am lexikografischen Einschub zu ändern?
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Die Antwort muss unseres Erachtens im Entstehungsprozess der Chronik gesucht werden. S. Grūnavas dürfte seine Arbeit 1510 begonnen haben. Die Arbeiten intensivierten sich 1517, und die erste Fassung der Chronik sollte 1521 vorgelegt werden. Aufgrund der Säkularisierung des Deutschen Ordens 1525 wurde das Werk überarbeitet; Ergänzungen wurden 1529–1530 hinzugefügt. Zu berücksichtigen ist auch die seit Langem vertretene Auffassung, dass der Kompilator sich auf ein älteres historiografisches Werk stützte – die sogenannte „Elbinger Dominikanerchronik“ (Kronika dominikanów elbląskich – Dworzaczkowa 1958: 125). In welcher Phase der Kompilation(en) das Wörterbuch verwendet wurde, ist nicht genau bekannt. Die grundlegenden Unterschiede zwischen den einzelnen Abschriften sprechen dafür, dass das Glossar früh in den Bestand der Chronik gelangte oder möglicherweise sogar aus der erwähnten anonymen „Elbinger Dominikanerchronik“ stammte. Es gibt Grund zu der Annahme, dass um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert mehrere Abschriften von preußisch-deutschen und/oder deutsch-preußischen Glossaren (möglicherweise auch in unterschiedlichen Fassungen) verfügbar waren, die zu verschiedenen Zeiten für Kompilationen herangezogen wurden. Ein zunächst etwa in der „Elbinger Dominikanerchronik“ verfügbares und deshalb früher verwendetes Glossar könnte durch eine andere Abschrift (oder mehrere andere) ersetzt worden sein, die nach Ansicht der Kompilatoren besser erhalten und älter war. Eine solche Aktualisierung des lexikografischen Teils könnte sich 1525–1526 und später (nach 1529) wiederholt haben, als die Chronik sich im 16. und 17. Jahrhundert durch Abschriften weiterverbreitete. Anders ließe sich die Vielfalt der Abschriften nur schwer erklären.
2.2. Ein eingehenderer vergleichender Blick auf das von S. Grūnavas verwendete Glossar offenbart typologische Beziehungen zu den „Russischen Büchern“ und zum Elbinger Wörterbuch. Der in die Preussiche Chronik aufgenommene lexikografische Einschub weist deutliche Merkmale eines nomenklatorischen Wörterbuchs auf. Im Glossar überwiegen Substantive, mit denen einige Adjektive kombiniert werden (z. B.: labis Sur „guter Käse“ / Ante „heilig“ / [...] GrG 59–60 und weiter), während Verben weitaus seltener sind, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Die meisten Wörter lassen sich nach dem Vorbild des EŽ leicht in thematische Blöcke einteilen. Als Beispiel seien die Lexeme GrG 28–32 genannt, die den thematischen Block „Kirche“ (einen Teil davon) bilden¹²:
Beichen
Sunde
kirche
Faten
Erbeis
gerbeis „beichte“
greki „Sünden“
kirke „Kirche“
paſenick „Fasten“
hekits „Erbse“
12Hier und im Folgenden werden Fotos von GrG-Auszügen gezeigt, die angefertigt wurden und deren Abdruck in diesem Artikel mir von Dr. Diego Ardoino gestattet wurde.
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Die Tabelle enthält gemäß der Einteilung der Begriffe im EŽ thematische Wortformen (aufeinanderfolgende Lemmata sind unterstrichen), die der Abschrift GrG entnommen wurden, welche offenbar defekt war (das Ende fehlte); die Lücke in GrG ergänzen wir anhand von GrA:
Nicht ganz klar ist, welchem thematischen Abschnitt das Verb Moite „schlafen“ (GrG 34) und das Substantiv mola „Leim“ (GrG 73) zuzuordnen sind14; der gesamte übrige Teil des Glossars entspricht jedoch hervorragend den von Hansekaufleuten zusammengestellten Gesprächsbüchern (sic).
Erinnern wir daran, dass die Gespräche des „Russischen Buchs“ eng mit den Wörterbüchern verbunden sind. In T. Schroues Abschriften stehen sie vor dem Wörterbuch und werden nach dessen Abschluss fortgesetzt; in anderen Abschriften sind Gespräche und grammatische Inhalte direkt in das Wörterbuch integriert. Die Gespräche, in denen verschiedene Handelsthemen behandelt werden, beeinflussten im Laufe der Zeit den Aufbau der Wörterbücher, das heißt, sie führten zur Entstehung neuerer thematischer Abschnitte. So wurde beispielsweise in der Abschrift aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, Ein Rusch Boeck..., zwischen den thematischen Feldern Hier wil Ick schrien van Vader vnd moder Sister vnd Broder vnd Freundschaf und Van Allerlei Namen Der menschen der Abschnitt Wonen söck schal vnder Einander Erbden eingefügt. Der in das Wörterbuch aufgenommene Abschnitt veranschaulicht die Funktion der Gespräche gut. Anhand ihrer lernten die Kaufleute zunächst, ihre anderssprachigen Handelspartner anzusprechen und ein Gespräch zu beginnen, aber nicht nur das. Selbstverständlich galt die Hauptaufmerksamkeit den verschiedensten Verhandlungen, dem Anbieten von Waren gegenüber potenziellen Käufern und natürlich der Lösung problematischer, oft konfliktreicher Situationen! So rüsteten sich die jungen Kaufleute mit diesen Gesprächen nicht nur mit Höflichkeitsfloskeln, sondern auch mit sehr kräftigen Schimpfwörtern und Flüchen aus (zum Beispiel Fenne, S. 490).
In unserem Fall stehen mit sprachlicher Etikette und Aspekten komplizierter Kommunikation Wörter und feste Wortverbindungen in Zusammenhang (am Ende des Textes aufgeführt): Hure – Manga „Hure“ (GrG 88), Ein gut man – Dirlos gintos „ein guter Mensch“ (GrG 97), Ein huren kind – Mangos Sones „Hurensohn“ (GrG 98), Ein chalck – Maiters „Schelm“ (GrG 99), Gehe furt – Sanday „Leb wohl“ (GrG 96), hut dich [Got]15 – Jaydit [thi Dewes]16 „(Gott) richte dich [dein Gott]“ (GrA 86).
Einer besonderen Erklärung bedarf das rätselhafte Wort Jaydit, das Vytautas Mažiulis zufolge „im Altpreußischen beinahe unmöglich zu rekonstruieren“ ist. Der vermutete Forscher versuchte, es mit altpreußisch *sargis-tin „möge es dich bewahren“ in Verbindung zu bringen (PEŽ IV 38). Angesichts des wahrscheinlichen Einflusses des eng verwandten „Russischen Buchs“ lässt sich das dunkle Wort als banales Fremdwort deuten (zu weiteren Fremdwörtern in dieser Quelle, auch typologisch identischen: ieft = эст „ist“, Dam = дам „wird geben“, siehe unten): Jaydit < ist eine ungenaue Transliteration des Verbs in der 2. Person Singular Präsens соѵагт „(er/sie) richtet“ (der Digraph ов
14 Vielleicht gehört es zu den Waren.
15 In der GrG-Abschrift: Behut dich Got (GrG 95).
16 In der GrA-Abschrift nur: Jaydit (GrA 86). Die Fortsetzung in eckigen Klammern ist nach GrG angegeben: thi Dewes (GrG 95).
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wiedergegeben als <ay>). Die weit verbreitete Wendung (dā) cðum meβa βoʒ ‘(möge) Gott dich richten’ passt hervorragend in eine Handelssituation. Wendungen, in denen Gott als Richter (oszudik) des Menschen verstanden wird, an den man sich auf der Suche nach Gerechtigkeit wendet, finden sich in den Abschriften der „Russischen Bücher“ zahlreich. In einer lyles /? (GrG 86) finden wir in der GrG-Abschrift die Form Warbo (GrG 95), die wahrscheinlich auf einen Dittographismus zurückgeht: Zwei Zeilen zuvor steht die Wortverbindung Warmes Wobele. Ein durch mechanische Wiederholung entstandener Fehler führte zur Wiedergabe derselben Anfangsbuchstaben War; die Endung -bo kann jedoch als ursprüngliche Form gelten. Unter Berücksichtigung dessen ließe sich vorsichtig die Wortverbindung *sayt boh (/ boh / bog) (= cov- дтъ возъ) rekonstruieren, die im GrG-Protographen gestanden haben dürfte. Es ist schwer zu beurteilen, ob das Verb im Protographen ein prußisches Äquivalent hatte. Vielleicht wusste der Informant dieses Wort nicht angemessen zu übersetzen, weshalb die slawische Variante stehen blieb; möglicherweise blieb das Wort aus Unachtsamkeit unübersetzt.
Zum Handelsbereich gehören das Substantiv kalte ‘Mark’ (GrG 80) und die „Redewendungen“: Bezalən Saltz – plateys Sali ‘bezahle das Salz’ (GrG 38–39);
Hab Ir es nicht – Ny thuer thu ‘du willst es nicht’ (GrG 89) <==> Ich wils euch geben Ein roter apfel – Damᵗ thoi Warmes Wobele ‘ich gebe dir einen roten Apfel (lo. gala)’ (GrG 90–92);
17 Das Verb 1. Pers. Sg. Fut. ϑΔΜZ ‘ich werde geben’ wurde wahrscheinlich nicht ins Prußische übersetzt.
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Ein vogel Wo Woltu hin – Pipelko kayt thu ‘du willst einen Vogel’ (GrG 93–94);
Wiltu nicht [habit] – Ny koyto [wifę] ‘du willst keinen Hafer’ (GrG 100, GrA 91–92).
Dass die Wörter nicht übereinstimmen, muss nicht beunruhigen, so wie dies auch den Verfasser des kleinen Wörterverzeichnisses bei dessen Aufzeichnung nicht beunruhigte. Ein angehender hansischer spraklere verfasste solche Zettel für seine bzw. die banalen Verständigungsbedürfnisse. Auf grammatische Korrektheit und Sprachkultur wurde damals keinerlei Wert gelegt. Das Sammeln sprachlicher Informationen verlief auf primitive Weise: Ein junger Deutscher (der sich teilweise an der Deklination seiner Muttersprache orientierte) fragte, wie ein Prädikat und dieses oder jenes veränderliche Objekt (in Nominativform) auf Prußisch lauten würden. Der Informant, ein Pruße oder ein „erfahrener“ Deutscher, übersetzte die gewünschten Bestandteile (d. h. die Komponenten der syntagmatischen Beziehung) mechanisch und der Reihe nach: ‘Vogel’ – ‘du willst’, ‘bezahle’ – ‘Salz’, ‘du willst nicht’ – ‘Hafer’ usw. Die Teile der zergliederten Sätze wurden dicht nebeneinander in einer Zeile auf kostbarem Pergament notiert; erst in der „Papierzeit“, d. h. später, kamen elegante Spalten auf, in denen das Material ordentlich vertikal angeordnet war.
Die Identifizierung grammatisch unvollständiger Sätze und ihre vertikale Lesung müssen sich auf formale Kriterien stützen: Gesucht werden müssen verschiedene aufeinanderfolgende finite Verben, die neben Substantiven stehen. Dies betrifft sämtliche folgenden Stellen: GrG 28–29, GrG 38–39, GrG 82–83, GrG 86–87, GrG 89–92, GrG 93–94, GrG 100 (GrA91)–GrA 92, GrA 94–95, GrA 97–98 und GrA 99–100. Wir sehen, dass solche Paare vor allem am Ende des lexikographischen Werkchens vorkommen (GrG 82–100, GrA 76–98; ein gesondertes Verbnest, ein thematisches, bilden: Moite, Pog eis, wolge t, wimbis GrG 34–37), was genau den Bekanntmachungen entspricht.
Nicht weniger wichtig sind die engen semantischen Zusammenhänge, denn die Sätze handeln von bedeutenden aktuellen Themen jener Zeit. Zumindest kurz sei daran erinnert, dass Salz das wichtigste
18 Berücksichtigt man die mögliche Rektion des Verbs (vgl. lit. norėti ko?), lässt sich die Form als Sg. Gen. *pipelkā ‘des Vogels’ interpretieren.
19 Die „Thematisierung“ von Wortarten ist nicht ungewöhnlich. In hansischen russisch-deutschen Wörterbüchern finden wir Abschnitte, die aus Substantiven, Adjektiven und Adverbien bestehen.
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Ein Hanse-Exportgut, und dies bedingt die Verwendung des Imperativs 2. Sg. Präs. playes ‘bezahle’. Aus der baltischen Region wurde Leder ausgeführt, und zu dessen Gerbung benötigte man viele getrocknete „wurmstichige [rote Eichen-]Äpfelchen“ (dt. gälpfel = roter apfel, vgl. mhd. rōt ‘falsch, listig’; die korrekte Form ist die Wortverbindung in GrA warm wabelce, in der das als Attribut fungierende Subst. Pl. Gen. warm ‘der Würmer, Insekten’ zu erkennen ist (< Subst. pru. *warmas ‘Wurm; Insekt’); vgl. PĖŽ IV 263). Dieses tanninreiche Handelsgut (galai oder cecidios, lat. galla) gehörte, dem Wörterverzeichnis zufolge, ebenfalls zum Angebot der damaligen Kaufleute: ‘Hast du keine? – Ich gebe dir Gallen’. In den „Ruskischen Büchern“ entspricht ihm: ⲥⲕⲁⲛⲏ ⲱⲣⲉⲛ – gallen (Fenne 123.14). Eine andere Deutung von warm wabelce wäre unpassend, denn wer hätte im 12. Jahrhundert eine solche „Ware“ wie einen gewöhnlichen Apfel hergestellt oder gekauft? Ein Satz offenbart die Frömmigkeit der damaligen Kaufleute oder (auch) ihre missionarische Rolle. Er steht am Anfang des Kapitels „Kirche“: Bechten Sunde – gerbis grei ‘sprich (beichte) die Sünden’ (GrG 28–29). Anstelle des Genus grei wäre der Nom. Pl. Mask. *grei zu erwarten (PĖŽ I 408). Die Schreibung der Endung kann einen Einfluss des Russischen widerspiegeln (die Endung des Akk. Pl.).
Aus einer ungewöhnlichen kommunikativen Perspektive beleuchten scharfe Schimpfwörter und Vulgarismen die Prußen:
der arch leck – pefda pomelēs ‘leck mir den Hintern’ (GrA 76–77), Arch kuffen – pilda pomelēs ‘ebd.’ (GrG 82–83) (vgl.: dt. küssen Sie meinen Arsch; poln. lie- i subinę pabučiuok, subinę laižyti; tschech. polib mi prdel, vylíž si prdel usw.);
nim gefatter – ymay s comatter ‘nimm den Paten’ (GrA 80–81) (vgl.: nouemb kymey; emb meoo mam);
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er ist ein dreck – ieft gofen ‘(tai yra) šūdas’ (GrA 99–100) (plg.: vo. das ist scheiße).
Die angeführten Beispiele sind im Hinblick auf sprachliche Interferenz und die Nivellierung von Schimpfwörtern interessant. Die Person, die sich nach prußischen Sprachdaten erkundigte („sie sammelte“), orientierte sich offenbar an Schimpfwörtern, denen sie bereits bei Verhandlungen mit Vertretern anderer Völker begegnet war. Wahrscheinlich handelte es sich um dieselben Nowgoroder. Es lässt sich die Hypothese aufstellen, dass einige der verfügbaren Gesprächsformeln aus dem Russisch-Deutschen an die prußische Sprache angepasst wurden, weil der deutsche Kaufmann zwischen den ostslawischen und prußischen Sprachen und dem Sprachverhalten größere Ähnlichkeiten wahrnahm.
Der weit verbreitete slawische Emotiv *(to / on) jest govno wurde auf eigene Weise ins Prußische „übertragen“, doch blieb aus Unachtsamkeit das Verb im Original, allerdings mit lateinischen Buchstaben geschrieben, stehen – russ. ieft = есть ‘ist’²⁰ (vgl. faydit = сооружить; Dam = дамъ (siehe Fußnote 17); ebenso die Form aucm (poln. bośiań, = russ. aucm) ‘Storch’ im sogenannten jatwingischen Wörterverzeichnis – Zinkevičius 1985: 67). Diese Arbeitsweise führte zur Künstlichkeit der prußischen „Entsprechungen“; so lässt sich etwa die Wendung ymays comatter ‘nimm den Paten’ allein im Zusammenhang mit der obszönen Lexik des Russischen verstehen (die Wortverbindung noumemb куму ist erstmals in einem Denkmal der Nowgoroder Rus’ belegt – in der sogenannten Ersten Nowgoroder Chronik: „Иже поиметь куме себѣ женъ, по закону людскому носа объма урѣзати и разлучити я“ („Wer mit seiner Patin Geschlechtsverkehr hat, dem sollen nach dem Gesetz der Menschen beiden die Nasen abgeschnitten und sie getrennt werden“) (НПЛ 499)).
Im Lichte der Handelsbeziehungen ist die Wendung gut verständlich: flo ein richter21 – kyrteis tickers ‘schlag wahr’ (GrA 94–95). Hier handelt es sich um eine standardisierte Formel zur Bekräftigung von Vereinbarungen, die in angeglichener Form *kyrteis tickran ‘schlag die rechte Hand’ lauten würde, wobei der Akk. Sg. Fem. tickran ‘die rechte (Hand)’ bedeutet (vgl. Dat. Sg. Fem. tickray ‘der rechten (Hand)’ I 9₂ – PEŽ IV 192–193; ebenso: russ. пра́вша ‘rechte Hand’, lit. tiesė ‘ebd.’ usw.). Die Aufforderung *kyrteis tickran ‘schlag die rechte Hand [beim Vereinbaren]’ entspräche: lit. (su)kirsti rankas, duoti dešinę; russ. рукобитие; tschech. placnout si (rukama) = ruku na to, pravicu dáti usw. Muss man erwähnen, dass das Händereichen und Einschlagen – nach Einigung und Vereinbarung über die Transaktion – für die Situation des Kaufens und Verkaufens typisch ist und in russisch-deutschen Gesprächsbüchern durchgehend vorkommt, wo
20 Andererseits lässt sich die Form ieft (GrA 98) potenziell auch als Inf. ecmb ‘essen’ lesen. Dann wäre die Form gofen als pruß. Akk. Sg. gosen ‘Mist’ interpretierbar (Nom. Sg. Fem. pru. *gāzē ‘Mist’). Koprophagie stand in semantischem Zusammenhang (vgl. Traumdeutungen) mit plötzlichem Einkommen, geschäftlichem Erfolg, Geld und Bereicherung.
21 Zum Genus von richter siehe T. Fennes Satzpaar: Kottoreu dorogo mnie praemo iechatt na praua al leua: Welchen wech sall ich rechtt reisen vp de rechter oder luhter handtt (S. 217).
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Wird die uns interessierende Parallele als obligatorischer terminus technicus verwendet? Als eines von vielen Beispielen führen wir eine von T. Fenne aufgezeichnete Wendung an:
Bei: vdari sim porukarn, da dai bog vam obernæ na prikub. Slae mÿt ehme in de handt, vnd godt geue beyde thor winst. (Fenne 394)
Wegen der unklaren Kommunikationssituation bleibt die Bedeutung der Wendung zum irjten kom her – pirmas eykete ‚zuerst geh dorthin‘ (GrA 97–98) umstritten. Seit R. Trautmann wird die Form eykete als litauisch eïki tẽ ‚geh dorthin‘ gelesen (Trautmann 1910: 326; PEŽ I 246). Der Einfluss einer anderen Sprache wurde zuvor anhand von Flüchen veranschaulicht und ist nicht überraschend. Auf dem Marktplatz, wo die Hansekaufleute ihre „Sprachpraxis“ ausübten, trafen verschiedene Völker aufeinander; daher waren die benachbarten Sprachen Polnisch und Litauisch hier sicherlich zu hören. Schwer zu sagen ist, wie die genannten Wörter funktioniert haben konnten beziehungsweise sollten. Vielleicht wurde damit auf den litauischen Wunsch eik velniop ‚geh zum Teufel‘ geantwortet. In diesem Fall wäre das Zahlwort pirmas höchstwahrscheinlich ein litauisches Lexem, das die Reihe der Entlehnungen noch erweitern würde.
Das Werkchen, dessen Abschriften im 16. Jahrhundert in S. Grünaues Preussische Chronik gelangten, lässt sich also im Kontext der hansischen Gebrauchslexikographie richtig verstehen. Den Teil, der den Dialogen der „Russischen Bücher“ entspricht, repräsentieren elf Satzbildungsmuster. Es handelt sich um Fälle, in denen neben dem grammatischen Zentrum (dem Verb) Ergänzungen stehen, die nicht immer miteinander übereinstimmen:
1. gerbeis greki: *gerbais grēkans ‚bekenne die Sünden‘ (GrG 28–29);
2. plateys Sali: *plāteis sālis ‚bezahle das Salz‘ (GrG 38–39);
3. pejda pomēleis: *peizdan pa-mi-leis ‚leck mir den Hintern‘ (GrA 76–77);
5. Ny thueri thu – Dam thoi warmun wabelcke: *ni turi tu – dam (< дамъ) toi varmun vābelkans ‚du hast keine? – ich gebe dir Würmchenäpfel‘ (GrG 89–90, GrA 83);
Hierzu gehören auch lexikalische Hilfsmittel, die die Kommunikation mit den geschickten Handelspartnern und den verschiedenen preußischen Betrügern erleichtern sollten: Dirjos gintos
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‚Ein tüchtiger Mann‘ (GrG 97), Mangos Sones ‚Hurensohn‘ (GrG 98), Maiters ‚Schurke‘ (GrG 99). Bemerkenswert ist, dass diese potenziellen Anreden zusammen mit faydit [thi Dewes] ‚(Gott) richte [Gott richte dich]‘ (GrG 95, GrA 86) und Sanday ‚Leb wohl‘ (GrG 96) aufgeführt werden. Im Hinblick auf mögliche syntagmatische Beziehungen lassen sich somit noch folgende Paare rekonstruieren: Sanday Dirfos gintos ‚Leb wohl, tüchtiger Mann‘ (GrG 96–97); faydit [thi Dewes] Mangos Sones / Maiters ‚(Gott) richte [Gott richte dich], Hurensohn / Schurke‘ (GrG 95, GrA 86, GrG 98–99).
2.3. Die meisten der angeführten Beispiele sind Emotionalismen und irgendwie mit dem Handel verbundene Wendungen, von denen zahlreiche genaue Entsprechungen in den Abschriften der „Russischen Bücher“ haben. In der Liste lassen sich grammatische, semantische, lexikalische und idiomatische Fremdheiten identifizieren; angesichts des möglichen Einflusses russisch-deutscher Sprachführer und der Eigenschaften der hansischen lexikografischen Denkmäler ist dies normal. Der Inhalt des Glossars und der Sprachführer wurde durch den mehrsprachigen Marktraum geprägt, in dem einfacher Tauschhandel betrieben wurde22. Die besprochene Reihenfolge der Verben und Substantive in GrG und GrA, die dem Text die unverwechselbare Färbung der Marktsprache verleiht, kann nicht zufällig sein. Das lässt sich leicht überprüfen. Es genügt, die Substantive um eine Position nach oben oder unten zu verschieben. Dann verschwindet die angeführte Ansammlung semantischer Beziehungen augenblicklich. Bei einem solchen Versuch erhalten wir eine semantisch unzusammenhängende und grundsätzlich unvereinbare Reihe von Lexemen: ‚gestehe‘ – ‚Salz‘, ‚bezahle‘ – ‚Hintern‘, ‚leck mich‘ – ‚Patin‘ usw.
Daraus lässt sich schließen, dass die hier behandelte lexikografische Quelle wesentlich älter ist als die „Preußische Chronik“, in die sie viel später mechanisch aufgenommen wurde. Sie könnte gleichzeitig mit dem Archetyp des Elbinger Vokabulars entstanden sein, denn ein Werk dieser Art muss zu einer Zeit verfasst worden sein, als der Tauschhandel noch auf Preußisch abgewickelt wurde bzw. es Vertreter des Kaufmannsstandes (junge deutsche sprakel erere) gab, die daran interessiert waren, sich zumindest oberflächlich in der Sprache des lokalen Marktes zurechtzufinden. Die in mehreren Abschriften erhaltene Quelle wurde im 16. Jahrhundert als Beispiel für die „reine“ preußische Sprache aufgefasst. Dieser Überrest vergangener Zeiten erregte die Aufmerksamkeit von S. Grunau,
22 Die Art des Naturaltauschs bedingte die Verwendung semantischer Paare: ‚(nicht) wollen‘ / ‚(nicht) haben‘ – ‚ich gebe‘. Das Wörterbuch bezeugt auch Elemente des Geldhandels: plateys ‚bezahle‘, kalte ‚Mark‘. Bemerkenswert ist, dass das Glossar einen einseitigen Handel – den Verkauf (ohne Warenerwerb) – erkennen lässt. Ohne die entsprechenden Kompetenzen übernimmt der junge Händler die Rolle eines Vermittlers: Er verkauft, bietet an und sucht einen Käufer.
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doch bezweifelte er vermutlich, dass er den Zweck der in der Chronik enthaltenen lexikografischen Quelle, den Grund und die Umstände ihrer Zusammenstellung verstand. Die unbegründete Hypothese, der Verfasser der „Preußischen Chronik“ habe ein bestimmtes Handbuch deutsch-lateinischer Sprachführer angepasst (Rosenkranz 1957), lässt sich entschieden zurückweisen. Die Zusammenstellung der lexikografischen Quelle hat also nichts mit der Person S. Grunaus zu tun; daher ist es auch unpassend, sie nach Grunau zu benennen. Unseres Erachtens wäre die Bezeichnung „Preußisches Büchlein“ angemessen; ohne das Diminutivum lässt sie sich auch auf das Elbinger Vokabular selbst anwenden.
3. Die vorgeschlagenen Bezeichnungen – „Preußisches (Elbinger) Buch“ und „Preußisches Büchlein“ – beruhen auf der Analogie zu den verwandten „Russischen Büchern“, in denen Sprachführer zusammen mit einem Wörterbuch überliefert sind. Das führt uns zu der bereits angesprochenen Frage zurück: In welchem Verhältnis könnten das Elbinger Vokabular und die „Russischen Bücher“ bzw. deren Vorläufer stehen? Der erörterte Kontext der hansischen lexikografischen Tradition legt die Vermutung nahe, dass das Elbinger Vokabular, d. h. die Abschrift aus dem 15. Jahrhundert, das Original aus der Mitte bis zur zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wohl nur teilweise widerspiegelt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt könnte die Quelle wesentlich gekürzt worden sein, indem man einen wichtigen Bestandteil des abzuschreibenden Textes – die Sprachführer – aus dem „Preußischen Buch“ entfernte. Unter den Bedingungen des 15. Jahrhunderts ist das verständlich, denn zur Zeit P. Holcveschers hatten sie ihre Aktualität und Bedeutung verloren, da der Handel schon lange auf Deutsch abgewickelt wurde (auch die Art des Handels hatte sich stark verändert: An die Stelle des Naturaltauschs war der Geldhandel getreten). Aus der Perspektive des Erlernens des Preußischen, also aus der Sicht des 13. Jahrhunderts, fehlt dieser praktische Teil sehr, denn Wörterbuch und Sprachführer bildeten einst ein Ganzes (es ist schwer zu beurteilen, welcher Teil der „Hauptteil“ war).
Das Verhältnis zwischen den eng verwandten „Preußischen“ und „Russischen Büchern“ bleibt leider ungeklärt. Ihre Archetypen könnten, wie bereits festgestellt wurde, auf eine dritte Quelle zurückgehen, d. h. auf ein hypothetisches deutsch-x-sprachiges Wörterbuch (beispielsweise vielleicht ein deutsch-englisches mit Sprachführern). Die ostslawischen Elemente, die in dem von S. Grunau verwendeten „Preußischen Büchlein“ zu erkennen sind, belegen einen sehr wahrscheinlichen Einfluss russisch-deutscher Sprachführer; sie haben jedoch keine ausschlaggebende Beweiskraft für die Bestimmung der Entwicklungsrichtung zwischen russischer und preußischer Lexikografie. Zu berücksichtigen sind die engen Kontakte zwischen Nowgorod, Elbing und anderen Hansestädten im 13. und 14. Jahrhundert. Die Kaufleute reisten über Elbing ins Nowgoroder Rus; durch dasselbe Elbing, über das sie ihre Waren transportierten, kehrten sie auch nach Hause zurück. Somit reisten dieselben Menschen durch diese Handelsstadt und trieben dort Handel. Da aus geschäftlichen Gründen überall dieselbe weithin bekannte Sprachlernmethode angewandt wurde, ist es nicht verwunderlich, dass jemand von ihnen beim Übersetzen und Bearbeiten ein kurzes Hilfsmittel zum Erlernen des Russischen und Deutschen abschrieb (vielleicht übersetzte er es nicht, sondern gab es nur frei wieder). Der Einfluss dieser Quelle könnte sekundär gewesen sein, denn möglicherweise entwickelte sich die russisch-deutsche Lexikografie selbst aus dem „Preußischen Buch“ des 13. Jahrhunderts. Das „Preußische Buch“ ist heute durch das Elbinger Vokabular vertreten, d. h. durch eine gekürzte Fassung (ohne Sprachführer) des „Preußischen Buches“, die typologisch älter zu sein scheint als alle heute bekannten Abschriften der „Russischen
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Bücher“. Ihr gegenseitiges Verhältnis lässt sich bedingt und nur annäherungsweise so darstellen, wie in Abb. 1 gezeigt.
Die Erörterung des Elbinger Vokabulars und des „Preußischen Büchleins“ veranlasst dazu, mit wenigen Worten das sogenannte „Polnisch-Jatwingische Glossar“ zu erwähnen, das in seiner Struktur, seinem Inhalt und seinem Umfang an die hansische lexikografische Tradition erinnert.
Ein vergleichender Blick auf die ältesten handschriftlichen Wörterbücher der baltischen Sprachen führt uns zu der klaren Erkenntnis, dass die Zusammenstellung zweisprachiger lexikografischer Werke von regionaler Bedeutung, ihre Abschrift, Kompilation und Erweiterung im behandelten Zeitraum von rein praktischen Zielen bestimmt waren. Die Erstellung von Wörterbüchern ist eine mühsame Arbeit, die einen konkreten praktischen Nutzen bieten musste, denn solche Dinge schrieb damals niemand zum Vergnügen oder aus abstrakten „erkenntnisbezogenen“ Motiven. Es ist anzunehmen, dass Pogańske gwary z Narewu ähnlich funktionierte wie die zuvor besprochenen Wörterbücher. Wahrscheinlich wurde aus denselben kommerziellen Gründen dieselbe seit Langem bewährte Sprachlernmethode angewandt. Unterschieden haben dürften sich der Ort der Zusammenstellung und der vorgesehene Benutzer – vielleicht polnische Kaufleute. Das erklärt die starke Sprachmischung. Die Sprache des „Jatwingischen“ Glossars erinnert uns an ein spezifisches Pidgin, das aus Handelsinteressen entstand und unter Händlern verwendet wurde und das möglicherweise
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könnte in der Nähe von Elbing entstanden sein – in Tczew, Toruń oder Bydgoszcz. Die letztgenannte Lokalisierung erscheint uns wahrscheinlicher, da sie den starken Einfluss der jiddischen Sprache erklärt.
Es ist somit sinnvoll, die mittelalterliche baltische Lexikografie, für die das deutsch-preußische Elbinger Vokabular, das sogenannte S. Grunau’sche Wörterverzeichnis und wahrscheinlich auch das „Polnisch-jatwingische Wörterverzeichnis“ stehen, durch die Brille der Sprachpolitik der Hanse und im Kontext der hansischen lexikografischen Produktion (zweisprachig und utilitaristisch) zu untersuchen. Eine solche Forschungsperspektive macht die Ähnlichkeit im Aufbau eng verwandter Wörterbücher sichtbar. Die vergleichende Analyse der deutsch-preußischen, preußisch-deutschen und russisch-deutschen Wörterbücher zeigt, dass der Prototyp der „Russischen Bücher“ aus dem 13.–14. Jahrhundert (der in der deutsch-niederdeutschen Sprache in der Faktorei von Nowgorod verfasst wurde) in seiner Gestaltung, seinem Umfang und Aufbau dem Elbinger Vokabular aus der Mitte bis zur zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ähnelte. Diese Quelle wird bei der Rekonstruktion des Prototyps der russisch-deutschen Wörterbücher hilfreich sein. Ein Vergleich mit dem niederdeutsch-lateinischen Liber ordinis rerum vom Ende des 14. Jahrhunderts ist als zu weit entfernt zu betrachten. In Analogie zu den verwandten „Russischen Büchern“ ist es sinnvoll, das Elbinger Vokabular (Elbinger Vokabular) und das sogenannte S. Grunau’sche Wörterverzeichnis „Preußisches (Elbinger) Buch“ und „Preußisches Büchlein“ zu nennen.
Für die Zugehörigkeit zur mittelalterlichen hansischen Lexikografie sprechen die ähnliche Gliederung der Begriffsfelder, die regionale Zweisprachigkeit, der utilitaristische Charakter und die vergleichbare Größe, aber nicht nur diese. Nicht weniger wichtig ist die enge Verbindung des Wörterbuchs zu Elbing (das 1246 das Lübische Recht erhielt) sowie die Zusammensetzung des Elbinger Kodex selbst, in dem Lübisches Recht für Elbing den Hauptteil ausmacht.
Der relative Ablauf der Zusammenstellung des Elbinger Kodex lässt sich in folgenden Etappen rekonstruieren:
1. Zwischen etwa 1237 und 1300 wurde den Bedürfnissen der Hanse sprakelerēre entsprechend ein deutsch-preußisches oder preußisch-deutsches Wörterbuch zusammengestellt, das möglicherweise auch einen Gesprächsteil enthielt.
2. Zwischen 1300 und 1340 könnte ein Pergamentbuch in Handschrift entstanden sein, das aus gleich alten Bestandteilen bestand: dem Elbing verliehenen „Lübischen Recht“, dem „Polnischen Recht“ und dem Wörterbuch.
3. Das „Pomesanische Recht“ wurde später, nach 1340, aufgenommen. Eine Sammlung in dieser Zusammensetzung schrieb P. Holcvescher Mitte des 15. Jahrhunderts ab.
Die schrittweise Zusammenstellung des Kodex weist darauf hin, dass zwischen dem Original aus der Mitte bis zur zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und der Abschrift von P. Holcvescher mindestens zwei Zwischenkopien angefertigt worden sein könnten. Beim Abschreiben veränderte sich die lexikografische Arbeit. Solange das Wörterbuch seiner ursprünglichen Bestimmung entsprechend verwendet wurde (zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts), wurde es verbessert und erweitert (im Fall der „Russischen Bücher“ setzte sich der Aktualisierungsprozess bis ins 17. Jahrhundert fort); später jedoch, als sich der Handel neu auf die deutsche Sprache ausrichtete, wurden die veralteten Abschriften des Wörterbuchs mechanisch kopiert und höchstwahrscheinlich auch stark gekürzt. Beim Kürzen könnte das „Preußische (Elbinger) Buch“ seinen Gesprächsteil verloren haben. Die Bedeutung der Gespräche zeigt sich in der in die „Preußische Chronik“ aufgenommenen lexikografischen
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eine Arbeit, an deren Ende (durch vertikales Lesen der Wörterbuchartikel) Sätze rekonstruiert werden, die für eine erfolgreiche Handelsausübung wichtig sind.
Kehren wir zu der zu Beginn des Artikels aufgeworfenen Frage zurück (warum das Genre der Lexikografie auf einen engen geolinguistischen Raum beschränkt ist und wer die ersten Schöpfer baltischer Wörterbücher waren), so muss festgestellt werden, dass die Entstehung der prußischen und „jatwingischen“ Denkmäler durch wirtschaftliche Beziehungen und Motive bedingt war. Entscheidende Bedeutung dürfte die Einbeziehung des Landes in die Einflusssphäre der Hanse gehabt haben, insbesondere die Gründung der Stadt Elbing und ihr starker Einfluss auf den Handel der gesamten Region. Die Expansion der hansischen Kaufleute in die von Prußen und Jatwingern besiedelten Gebiete brachte die von den Hanseaten praktizierte Methode des Erlernens der örtlichen Sprache mit sich – die sprakelere der Jugendlichen. Dieser Mechanismus des Spracherwerbs ist im Gebiet des Großfürstentums Litauen nicht bezeugt, also dort, wo die Hanse viel später auftrat und wo ihrer Tätigkeit Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Aus diesem Grund wird der Beginn der litauischen Lexikografie auf eine wesentlich spätere Zeit datiert.
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Old Baltic Lexicography in the Service of Hansa Merchants. Purpose of Manuscript Vocabularies and the Time of Compiling
SUMMARY
It is meaningful to study the medieval Baltic lexicography from the perspective of the Hanseatic linguistic policy and in the context of the Hanseatic lexicographic production (bilingual and utilitarian). Such a direction of research reveals the similarity of composition of closely related vocabularies. The comparative analysis of German-Prussian, Prussian-German and Russian-German vocabularies shows that the protograph of the “Russian books” of the 13th–14th centuries (created in Low German in the office of Novgorod) resembled the Elbing vocabulary of the second half of the 13th century by its layout, scope and composition. The latter source will be useful in reconstructing the protograph of Russian-German vocabularies. The comparison with the Latin-Low German Liber ordinis rerum dating to the late 14th century should be considered remote and abstract. By analogy with the akin “Russian books”, it is proposed to call Elbing vocabulary (Elbinger Vokabular) and the so called Grunau’s vocabulary the “Prussian (Elbing) Book” and the “Littl Prussian Book” respectively.
The attribution to the Hanseatic lexicography is supported by the similar division of thematic fields, regional bilingualism, utilitarian type, compact scope. But that is not all. The vocabulary’s close link with Elbing (granted Lübeck law in 1246) and the composition of the Elbing codex itself with Lübisches Recht für Elbing taking the central place are equally important.
The relative process of composition of the Elbing codex is reconstructed in the following stages:
1. Driven by the needs of the Hanseatic sprakelærere, the German-Prussian and the Prussian-German vocabulary, which could possibly also include a phrase-book, was compiled in around 1246–1300.
2. A parchment manuscript comprising Lübeck law granted to Elbing, Polish law and vocabulary of the same period could originate from 1300 to 1340.
3. Prussian law was added at a later date, after 1340. Peter Holcwescher transcribed the collection of such composition in the middle of the 15th century.
The gradual formation of the codex shows that at least two intermediate copies could have been made between the original of the second half of the 13th century and the transcript of Peter Holcwescher. The lexicographic work underwent certain changes in the course of transcribing. While the vocabulary functioned in line with its original purpose (2nd half of the 13th century), it used to be revised and supplemented (in case of “Russian
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books”, the updating process still continued in the 17th century); however, later, after trade reoriented itself towards the German language, the transcripts of the outdated vocabulary were mechanically copied and most likely severely shortened. “Prussian (Elbing) Book” could have lost its phrasebook in the course of shortening. The importance of the phrasebook also reveals in the lexicographic work included in the Prussian Chronicle; it ends with the reconstructed sentences (on the basis of vertical reading of vocabulary entries) important for successful trade.