Page 1AURELIJA GRITĖNIENĖ
Institut für litauische Sprache
ORCID-ID: orcid.org/0000-0001-8510-9037
Forschungsgebiete: Lexikologie und Lexikografie.
DOI: doi.org/10.35321/all90-09
SOVIETINĖS LIETUVOS VAIZDINYS MODERNIAUSIOS TAPATYBĖS IDEOLOGINIO NARATYVO TEKSTYNE
Das Bild Sowjetlitauens im Korpus des ideologischen Narrativs der modernen Identität
ABSTRACT
Der Artikel untersucht auf der Grundlage der Daten des Textkorpus des ideologischen Narrativs der modernen Identität, welches Bild Sowjetlitauens in den Zeitungen „Tiesa“ von 1945, „Komjaunimo tiesa“ von 1956–1957 und „Tiesa“ von 1962 entsteht, wie viel Wahrheit dieses Bild enthält und wie viel davon eine verzerrte oder sogar von Propagandisten neu konstruierte Realität ist, und wie die publizistischen Texte jener Zeit Sowjetlitauen (re)konstruieren. Die semantische Analyse von 798 Illustrationen, in denen Litauen erwähnt wird, zeigt, dass die Presse der Sowjetzeit bestrebt war, ein äußerst positives Bild eines idealisierten Litauens zu schaffen, das folgende wesentliche Aspekte umfasste: die Verunglimpfung der jüngeren Vergangenheit (des smetonischen, bürgerlichen Litauens) und ihrer Akteure, die Hervorhebung der lichtvollen sowjetischen Gegenwart, die Verherrlichung der wirtschaftlichen, kulturellen und sonstigen Errungenschaften des Landes sowie die konkrete Benennung von Freunden sowie inneren und äußeren Feinden. In der idealistischen Presseerzählung über Litauen werden standardisierte Propagandaklischees der Sowjetzeit verwendet; in pathetischem Stil wird das Leben der „glücklichen“ Menschen des „glücklichen“ Landes im sowjetischen System geschildert. Die semantische Analyse der für die Untersuchung ausgewählten Sätze zeigt, dass sich in der sowjetischen ideologischen Presse, gleichsam in einem Zerrspiegel, das offizielle Simulakrum eines idealen Litauens widerspiegelte; die Realität war jedoch völlig anders. Somit zeigt sich eine offenkundige Kluft zwischen dem, was die offizielle sowjetische Presse darstellte, und dem, was tatsächlich im grauen Alltag existierte.
SCHLÜSSELWÖRTER: Bild, Sowjetlitauen, das Wort „Litauen“, Textkorpus des ideologischen Narrativs der modernen Identität, Semantik.
Straipsniai / Articles
227
Page 2AURELIJA GRITĖNIENĖ
ANNOTATION
Der Artikel untersucht das Bild der sowjetischen Lithuania, das sich aus dem in der „Tiesa“ von 1945 und 1962 sowie in der „Komjaunimo Tiesa“ von 1956–1957 veröffentlichten Material zusammensetzen lässt, wie viel Wahrheit und wie viel verzerrte oder sogar von Propagandisten neu konstruierte Realität in diesem Bild enthalten ist und wie journalistische Texte jener Zeit die sowjetische Lithuania (re)konstruieren – dies alles unter Rückgriff auf die Daten des Corpus of the Ideological Narrative of the Modern Identity. Die semantische Analyse von 798 Illustrationen, in denen Lithuania erwähnt wird, hat gezeigt, dass die sowjetische Presse bestrebt war, ein äußerst positives Bild einer vollkommenen Lithuania zu entwerfen, das folgende zentrale Aspekte umfasste: die Herabsetzung der jüngsten Vergangenheit (der Lithuania unter Smetona, der bürgerlichen Lithuania) und ihrer Akteure; die Hervorhebung der hellen sowjetischen Gegenwart; die Verherrlichung der wirtschaftlichen, kulturellen und sonstigen Errungenschaften des Landes; die konkrete Benennung von Freunden sowie inneren und äußeren Feinden. Die idealistische Pressedarstellung über Lithuania verwendet standardisierte Klischees der sowjetischen Propaganda und schildert in exaltierter Weise das Leben „glücklicher“ Menschen in einem „glücklichen“ Land des sowjetischen Systems. Die semantische Analyse der für die Untersuchung ausgewählten Sätze hat gezeigt, dass auch die sowjetische ideologische Presse – gleichsam in einem verzerrenden Spiegel – das offizielle Simulakrum einer idealen Lithuania widerspiegelte; die Realität war jedoch völlig anders. Daher ist eine deutliche Kluft zwischen dem, was die offizielle sowjetische Presse darstellte, und dem tatsächlichen Bild der tristen Realität erkennbar.
SCHLÜSSELWÖRTER: Bild, sowjetische Lithuania, das Wort „Lithuania“, Corpus of the Ideological Narrative of the Modern Identity, Semantik.
EINLEITUNG
Am Institut für die litauische Sprache wird seit 2018 das Textkorpus der ideologischen Erzählung der modernen Identität (MTINT) zusammengestellt. Es handelt sich um eine Datenbank publizistischer Texte aus den Jahren 1928–1998, die vor allem den wirtschaftlichen und politischen Kontext der jeweiligen Zeit widerspiegelt. Auf Grundlage der Daten dieses Korpus können Untersuchungen des sprachlichen Diskurses, verschiedener Vorstellungen und anderer Phänomene durchgeführt werden. Bei einer Suche in den Texten der sowjetischen Zeit (in den Zeitungen „Tiesa“ von 1945 und 1962 sowie „Komjaunimo Tiesa“ von 1956–1957) wurden 798 Illustrationen gefunden, in denen Lithuania erwähnt wird: 331 davon in der „Komjaunimo Tiesa“ und 467 in der „Tiesa“. Gesucht wurde nicht nur nach allen Formen des Wortes „Lithuania“, sondern auch nach der Abkürzung LTSR (letztere kam im Korpus nur neunmal vor). Besonders viel Propaganda verbreitete das wichtigste offizielle Organ jener Zeit, die „Tiesa“. In einer Ausgabe von 1945 wurde ausdrücklich dargelegt, welchen Einfluss die damals in Russland herausgegebene „Pravda“ auf diese Zeitung ausübte: „Pravda“, als Leitorgan der bolschewistischen Partei, war stets ein Vorbild auch für die Presse der Werktätigen von Lithuania und der litauischen Kommunisten. [...] Während des Vaterländischen Krieges lernten die Mitarbeiter der sowjetischen litauischen Presse von der „Pravda“, in den Werktätigen den Hass auf die deutschen faschistischen Eroberer, die Liebe zur eigenen Heimat und die Entschlossenheit zu fördern, für deren Freiheit
228
Acta Linguistica Lithuanica XC
Page 3Sovietinės Lietuvos vaizdinys Moderniosios tapatybės ideologinio naratyvo tekstyne
und Unabhängigkeit zu kämpfen“ (Tiesa, 1945–09). Dass die litauische „Tiesa“ den sowjetischen „Wahrheiten“ der „Pravda“ eifrig folgte, zeigt sich offensichtlich nicht nur am Inhalt der Zeitung, sondern auch an ihrem Stil: Bei der Analyse der für die Untersuchung gesammelten Beispiele wird deutlich, dass ein Teil der Artikel aus dem Russischen übersetzt wurde – in den litauischen Sätzen finden sich wörtliche Übersetzungen sowie zahlreiche syntaktische und andere Fehler. Dass die damalige „Tiesa“ ein mächtiges Propagandainstrument war, verkündete auch die Zeitung selbst eindeutig: Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Lithuania erwartet, dass die Journalisten der Republik, den ruhmreichen Traditionen der sowjetischen Presse und der leninschen „Pravda“ folgend und alle Arten ihrer ideologischen Waffen – die periodische Presse, das Radio, das Fernsehen und alle Genres der kämpferischen Publizistik – einsetzend, jede Ausgabe der Zeitung [...] zu einer Tribüne der Propaganda fortschrittlicher Erfahrungen machen und wirksam dafür kämpfen werden, dass Mängel in der Arbeit und Überbleibsel der Vergangenheit im Bewusstsein der Menschen überwunden werden (Tiesa, 1962–03).
Die Texte der sowjetischen Zeit wurden bewusst und zielgerichtet für die semantische Untersuchung ausgewählt. In der heutigen historischen Erzählung wird die sowjetische Zeit in Lithuania, wie auch in den anderen baltischen Staaten, bis heute strikt negativ interpretiert – als fremde Besatzung, die die „normale“ Entwicklung der Gesellschaft und der Staatlichkeit unterbrach und zu der erst nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit zurückgekehrt wird (Nikžentaitis 2013: 526). Zugleich ist sie ein faktischer Teil der Geschichte Lithuaniens, ein „neuer kultureller Kontext, der den alten überlagerte und die Welt, die Werte, die Dinge, die Beziehungen und die Geschichten jedes Menschen auf seine Weise umgestaltete und berührte“ (Čepaitienė 2013: 574). Daher ist diese Zeit für verschiedene Untersuchungen von Bedeutung. Nach Ansicht der Soziologen muss sie durch Nachdenken verstanden und nicht als fremd zurückgewiesen werden. Diese Zeit darf nicht künstlich aus der Vergangenheit (dem Gedächtnis) verdrängt werden; vielmehr ist eine analytische kritische Untersuchung jener Zeit vorzulegen (Leinartė, Žilinskienė, Kraniauskienė, Šutinienė, Gečienė 2014: 61), und es gilt, das Wagnis einzugehen, das Reich der schiefen Spiegel der jüngsten Vergangenheit zu erforschen (Švedas 2009: 27). Somit ist die sowjetische Zeit nicht nur ein historischer, sondern auch ein kultureller Begriff, der unter den verschiedensten Gesichtspunkten analysiert werden kann – unter historischen, sozialen, anthropologischen, ethnologischen, linguistischen und anderen.
In jener Zeit „wurden zur Verbreitung der sowjetischen Ideologie alle damals verfügbaren propagandistischen Mittel eingesetzt – Presse, Fernsehen, Radio, Schulbücher, erzwungene Vorträge, belletristische Literatur und Publizistik“ (Leinartė 2022: 278). Ziel dieses Artikels ist es daher, anhand einer semantischen Analyse der für die linguistische Untersuchung ausgewählten Sätze aus der sowjetischen Propagandapresse zu betrachten, welches Bild der sowjetischen Lithuania in der damaligen Presse entsteht, wie viel Wahrheit und wie viel verzerrte oder sogar von Propagandisten neu konstruierte Realität darin enthalten ist und wie die publizistischen Texte jener Zeit die sowjetische Lithuania (re)konstruieren. Bildlich gesprochen kann man „nach dem Durchdringen des ideologischen und politischen Dickichts und bei kritischer Betrachtung wichtige, für jene Zeit charakteristische Fakten entdecken“ (Čepaitienė 2013: 555). Zur Erreichung dieses Ziels werden folgende Aufgaben gestellt: 1) eine semantische Analyse der für die Untersuchung gesammelten Sätze durchzuführen; 2) offenzulegen, welche wesentlichen Aspekte des Bildes der sowjetischen Lithuania
Straipsniai / Articles
229
Page 4AURELIJA GRITĖNIENĖ
Merkmale treten hervor; 3) aufzuzeigen, welche sprachlichen Mittel in der Presse der Sowjetzeit zur Verbreitung der propagandistischen „Wahrheit“ eingesetzt wurden. Das Bild wird hier in einer engeren Bedeutung verstanden als ein Stereotyp oder ein Konzept, d. h. als ein im menschlichen Bewusstsein verankertes, verallgemeinertes mentales Bild einer früheren Wahrnehmung und/oder Erfahrung¹. In der Untersuchung werden beschreibend-analytische Methoden verwendet; außerdem wurde eine semantische und stilistische Satzanalyse vorgenommen. Bei der Untersuchung des Bildes Litauens wird betrachtet, welche Beziehungen zwischen den Wörtern in der Wortgruppe und im Satz entstanden sind und welche semantische, lexikalische und syntaktische Valenz das Wort im weiteren Sinne besitzt. Die Analyse des Bildes Litauens wurde durch die Verbindung einer strukturalen und einer kognitiven Perspektive auf die Semantik vorgenommen: Nach der Untersuchung der Semantik des betreffenden Wortes oder der Wortverbindung und ihrer Beziehungen zu anderen Wörtern wird betrachtet, welche Bedeutung durch den gesamten Satz erzeugt wird. In der litauischen Sprachwissenschaft mangelt es sehr an Analysen sprachlicher Texte der Sowjetzeit, obwohl diese Epoche in den vergangenen Jahrzehnten von Historikern, Literaturwissenschaftlern, Soziologen und Fachleuten anderer Bereiche besonders intensiv untersucht wurde. Besonders umfassend und unter verschiedenen Gesichtspunkten erforschen Historiker diesen Abschnitt der litauischen Geschichte: Die Historiografie der Sowjetzeit (Švedas 2009) wurde ausführlich beschrieben, die damaligen litauischen Akteure (Tinins 1994) wurden untersucht, Anpassung und Widerstand im sowjetischen Litauen (Putinaitė 2007), die Mentalität der Gesellschaft (Juknevičius 2022), die Sowjetisierung Litauens (Pocius 2018), die (De-)Konstruktion der Nation im Litauen der Sowjetzeit (Laurinavičius 2013), das Bild des homo sovieticus in der Presse des sich befreienden Litauens (Venclauskienė 2016: 143–162) sowie Alltag und Ideologie in der späten Sowjetzeit (Vaiseta 2014) wurden eingehend erforscht. Soziologen untersuchen die sowjetische Familienpolitik und die Folgen der sowjetischen Ideologie für die heutige litauische Gesellschaft (Leinartė 2022); das Gedächtnis an die Sowjetzeit in Lebensgeschichten und Alltagserfahrungen ländlicher Gemeinschaften wurde offengelegt (Leinartė, Žilinskienė, Kraniauskienė, Šutinienė, Gecienė 2014; Šutinienė 2020: 7–28). Viel wurde auch über die Sehnsucht nach der Sowjetzeit geschrieben und diskutiert (Klumbtytė 2004: 63–83; Šliavaitė 2010: 93–116; Ramonaite 2013: 265–285); die besonderen Merkmale der ersten Generation der Sowjetzeit, ihre Herausbildung und die Strategien der Anpassung an das System wurden analysiert (Žilinskienė, Kraniauskienė, Šutinienė 2016). Ethnologen befassen sich damit, wie damals Feste gefeiert wurden (Čepaitienė 2013; Paukštytė-Šaknienė 2016: 9–31). Die Sowjetzeit ist auch in den Blick der Literaturforscher geraten: Erscheinungen und Begriffe der litauischen Literatur der Sowjetzeit wurden ausführlich beschrieben (Kalėda, Kmita, Satkauskytė 2019), die Entstehung der sowjetischen litauischen Literatur sowie die ästhetischen und kulturellen Haltungen dieser Epoche wurden erörtert (Satkauskytė 2015), das Bild der Familie in der litauischen Literatur der Sowjetzeit wurde analysiert (Jakonytė-Kvedarienė 2015), die Historiografie der sowjetischen Zensur wurde untersucht (Šedait y tė 2017: 84–102), und es wurde beschrieben, welchen Einfluss die damalige Zensur auf die Entwicklung von Gesellschaft und Kultur ausübte (Sabonis 1992). Natürlich ist hier nur ein Teil
¹Näheres zum Begriff des Bildes siehe Vaičiulytė-Semenienė, Čižik-Prokaševa, Gritėnienė, Liutkevičienė, Gaidienė 2022: 17.
230
Acta Linguistica Lithuanica XC
Page 5Sovietinės Lietuvos vaizdinys Moderniosios tapatybės ideologinio naratyvo tekstyne
der wichtigeren Untersuchungen zur Sowjetzeit genannt; tatsächlich wurden unvergleichlich mehr durchgeführt, und zweifellos werden wir auch in Zukunft über solche Untersuchungen verfügen. Es ist zu hoffen, dass die sprachliche Analyse des Bildes des sowjetischen Litauens das Forschungsfeld zur Sowjetzeit ergänzen und nicht nur für Philologen, sondern auch für Historiker, Soziologen, Kulturwissenschaftler und Fachleute anderer Bereiche wertvoll und interessant sein wird.
1. TAMSI BURŽUAZINĖ PRAEITIS VS. ŠVIESI SOVIETINĖ DABARTIS
Die für die Untersuchung ausgewählten Beispiele zeigen, dass eines der Ziele der ideologischen Presse darin bestand, das bürgerliche Litauen möglichst stark herabzusetzen und zu verleumden: „die Schwätzereien der Nationalisten über die „Unabhängigkeit“ des bürgerlichen Litauens zu entlarven, ständig daran zu erinnern, „wie ohnmächtig und schwach die Staatlichkeit des bürgerlichen Litauens war“ und dass „das Litauen der Vorkriegszeit überhaupt keine echte Freiheit besaß, die Unabhängigkeit Litauens „illusorisch“ war“ (Tiesa, 1945–12), während seine Bürger lediglich Not und Armut erlitten:
1) Die Herrschaft der Christdemokraten führte die arbeitenden Menschen Litauens in die Armut. Gleichzeitig schuf sie für Kapitalisten und Bankiers die weitestgehenden Bedingungen für Wucher (Tiesa, 1945–12). 2) Das gesamte arbeitende Litauen war mit den Fesseln der nationalistischen Sklaverei geknebelt, das Land versank in höllischer Finsternis, badete in Blut und Tränen... (Komjaunimo tiesa, 1956–12). 3) Wie sollte man da nicht an die Bauern des Litauens der Vorkriegszeit denken? Sie produzierten viel Butter, ernährten sich selbst aber von Buttermilch und machten den Borschtsch mit Magermilch dünn (Tiesa, 1962–12).
Solche Beispiele zeigen, wie sowjetische Ideologen mithilfe bildhafter Wörter und Metaphern („Wucher“, „Fesseln der Sklaverei“, „höllische Finsternis“ usw.) danach strebten, die bürgerliche Vergangenheit loszuwerden und sie niederzutreten. Der öffentliche Raum wurde genutzt, um die historische Vergangenheit auszulöschen und zu ersetzen, die neue Ordnung zu legitimieren und Visionen einer „hellen“ kommunistischen Zukunft zu schaffen (Lankauskas 2006: 51–52).
In den damaligen Zeitungen wurden die „hohen“ Errungenschaften der Sowjetzeit häufig mit den „niedrigen“ Kennzahlen des Litauens der Vorkriegszeit verglichen:
4) In den Jahren der Sowjetordnung wurde in Litauen trotz der schweren Wunden, die der Krieg unserer Volkswirtschaft zugefügt hatte, eine mächtige sozialistische Industrie geschaffen, deren Produktion bereits beinahe das Sechsfache des Vorkriegsniveaus erreicht. In Litauen wurde eine ganze Reihe neuer Industriezweige geschaffen, die es zuvor nicht gegeben hatte (Komjaunimo tiesa, 1957–06).
Beim Vergleich des sowjetischen Litauens mit dem bürgerlichen Litauen wurde versucht hervorzuheben, wie ungebildet, rückständig und finster das damalige Litauen gewesen sei (die Bauern hatten noch keinen Mähdrescher gesehen, die Jugend hatte keine Möglichkeit, an Hochschulen zu studieren usw.):
Straipsniai / Articles
231
Page 6AURELIJA GRITĖNIENĖ
5) Gegenwärtig gibt es in der Landwirtschaft der Republik mehr als 16.000 Traktoren, gerechnet in 15-PS-Einheiten. Bis 1940 gab es in Litauen nur tausend Traktoren. Der litauische Bauer hatte keinerlei Vorstellung von einem Mähdrescher. Dies zeigt deutlich die Veränderungen, die in der Republik während der Jahre der Sowjetordnung bei der Mechanisierung der landwirtschaftlichen Produktion eingetreten sind (Komjaunimo tiesa, 1957–03).
6) Es genügt, daran zu erinnern, dass heute Litauischen SSR an den Hochschulen etwa sechsmal mehr Jugendliche studieren als in den letzten Jahren der Herrschaft der Bourgeoisie in Litauen Jahren (Komjaunimo tiesa, 1956–12).
Der Ideologie und Presse jener Zeit wurde den Vertretern des bürgerlichen Litauens beträchtliche Aufmerksamkeit gewidmet: Sie wurden auf jede Weise herabgesetzt und erniedrigt, wohlhabendere Bauern wurden Kulaken und Schmarotzer genannt, die Verteidiger und Patrioten der Nation dagegen Kulaken- und bürgerliche Nationalisten, Ausgeburten des litauischen Volkes, Unkraut der Nation und Ähnliches:
7) Seht, mit welchen banditischen Mitteln die Faschisten in Litauen die Illusion der Wählbarkeit des „Präsidenten“, des Henkers des Volkes, Smetona, schaffen wollten (Tiesa, 1945–12).
8) Die deutschen Besatzer und ihre Helfershelfer [...] hinterließen bei ihrer Flucht aus Litauen hier ihre Agenten – litauisch-deutsche Nationalisten. Diese Ausgeburten des litauischen Volkes wollen durch Morde an Menschen, Plünderungen und das Niederbrennen von Höfen den Wiederaufbau des Sowjet-Litauens verhindern (Tiesa, 1945–06).
Im wichtigsten litauischen Parteiorgan „Tiesa“ wurden nicht nur die sogenannten Kulaken eifrig gegeißelt, sondern auch das gesamte „kulakisch-bürgerliche Litauen“ herabgesetzt und erniedrigt:
9) Der Kulak Gaidamavičius (Dorf Bajorai, Amtsbezirk Želva) beutete im bürgerlichen Litauen seine Nachbarn viele Jahre lang aus und bereicherte sich an ihrem blutigen Schweiß. Während der deutschen Besatzung reckte dieser Schmarotzer besonders den Kopf (Tiesa, 1945–03).
10) Das kulakisch-bürgerliche Litauen war ein Paradies für Kulaken, Gutsbesitzer, Spekulanten, Ausbeuter und große Beamte aus der Zeit Smetonas, aber eine Hölle für Arbeiter und Bauern. Auf dem blutigen Schweiß der arbeitenden Menschen wuchsen in den Städten prächtige Paläste, während Arbeiter und Bauern in engen und schmutzigen Hütten darbten (Tiesa, 1945–07).
2. SOVIETŲ LIETUVOS PRIEŠAI IR DRAUGAI
Die Analyse der für die Untersuchung ausgewählten Sätze zeigt, dass Litauen nach dem Krieg zwei wichtigste Feinde hatte: Im Landesinneren mussten die Unterstützer und Verteidiger der Sowjetmacht gegen die wütenden „bürgerlichen Nationalisten“ kämpfen, während der Hauptfeind von außen Hitlerdeutschland war.
232
Acta Linguistica Lithuanica XC
Page 7Sovietinės Lietuvos vaizdinys Moderniosios tapatybės ideologinio naratyvo tekstyne
2.1. Innere Feinde
Als die erbittertsten Feinde Sowjetlitauens wurden damals eindeutig die „litauisch-deutschen Nationalisten“ und die „nationalistischen Banditen“ bezeichnet, gegen die der Komsomol und das gesamte litauische Volk kämpfen mussten:
11) Die Sache des gesamten Volkes stellt jedem Lietuvos Werktätigen die Aufgabe, die niederträchtigen Ausgeburten – die verschiedenartigen litauischen bürgerlichen Nationalisten und die Überreste ihrer Banditenbanden – schneller zu vernichten (Tiesa, 1945–06).
12) Lietuvos Werktätigen schlossen sich noch enger um die Kommunistische Partei und die Sowjetregierung zusammen und unterstützten all deren Maßnahmen im Kampf gegen den Banditenuntergrund. Lietuvos Bauern und alle Werktätigen traten immer entschlossener in den Kampf gegen die nationalistischen Banditen ein, bis diese Banditen endgültig zerschlagen waren (Komjaunimo tiesa, 1957–06).
Die Partisanen des Nachkriegslitauens wurden als völliges Gegenbild zum sowjetischen Helden (den Kommunisten, den Kämpfern der Volkswehr u. Ä.) dargestellt; sie waren innere Feinde, Gespenster der Vergangenheit, da sie sich nicht an die neue sowjetische Ordnung anpassen konnten und zu leben versuchten, als gelte noch die alte (Putinaitė 2007: 113).
2.2. Äußere Feinde
Unmittelbar nach der Besetzung wurde in der sowjetischen Presse äußerst negativ über Deutschland berichtet. Am häufigsten wurde Hitlerdeutschland getadelt und kritisiert, das Lietuvą mit den Ketten des Faschismus gefesselt hatte; die deutschen Plünderer hatten „der Landwirtschaft Wunden zugefügt“, „die Kultur des litauischen Volkes unterdrückt“, „in Lietuvoje etwa eine halbe Million Menschen ermordet“ (Tiesa, 1945–03) usw. Die Vertreter Hitlerdeutschlands, die als Hitlerbarbaren, faschistische und Hitlerbestien, Hitlermörder, Schurken, Banditen u. Ä. bezeichnet wurden, terrorisierten, plünderten und zerstörten unser Land:
13) Mehr als 400 000 Bürger der Tarybų Lietuvos aller Nationalitäten – Litauer, Juden, Russen, Polen – sowie etwa 160 000 sowjetische Kriegsgefangene wurden von den Hitlermördern in Lietuvoje ermordet und zu Tode gefoltert (Tiesa, 1945–07).
14) Unsere Patriotinnen hielten Verbindung zu den Partisanen, gingen selbst bewaffnet in die Wälder, um die faschistischen Bestien zu vernichten [...], und spornten ihre Söhne, Männer und Brüder zum Kampf für die Freiheit der Tarybų Lietuvos und der gesamten Menschheit an (Tiesa, 1945–03).
In der öffentlichen Propaganda wurde den Einwohnern Lietuvā die Vorstellung vermittelt, dass auch einige kapitalistische Länder unserem Land nicht besonders freundlich gesinnt seien, dass deren Einwohner uns mitunter sogar schadeten und dass Lietuva sich bemühe, solche Staaten einzuholen oder sogar zu überholen:
Straipsniai / Articles
233
Page 8AURELIJA GRITĖNIENĖ
15) Als nach der Unterdrückung der Sowjetmacht eine Zeit lang in Litauen Lebensmittel knapp waren, ließen sich amerikanische Geschäftsleute diese Gelegenheit nicht entgehen. Unter dem Deckmantel angeblicher „Hilfe“ begannen sie, nach Litauen Schweinespeck und Schmalz von zweifelhafter Qualität zu schicken. Viele Menschen vergifteten sich beim Verzehr dieser Produkte (Tiesa, 1962–09).
16) Mögen die Dänen auf dem Gebiet der Fischerei Litauen noch deutlich übertreffen, doch der Schritt der litauischen Fischer ist eindeutig schneller (Tiesa, 1962–12).
Wie aus den analysierten Sätzen ersichtlich ist, werden die äußeren und inneren Feinde Litauens klar und ohne Umschweife benannt. Mit den inneren Feinden kämpft Sowjetlitauen, ebenso wird gegen den größten äußeren Feind – Hitlerdeutschland – gekämpft; die unfreundlichen kapitalistischen Staaten werden verachtet, oder man bemüht sich, ihre wirtschaftlichen Leistungen einzuholen und sogar zu übertreffen.
2.3. Die Freunde Sowjetlitauens
Nachdem in den ersten Nachkriegsjahren Deutschland, Russland und später auch die Sowjetunion als Litauens Hauptfeinde bezeichnet worden waren, wurden sie als Hüterinnen der Sicherheit und Freiheit Litauens dargestellt, die Litauen die Möglichkeit zu wachsen und zu gedeihen eröffneten:
17) Nur unter der Sowjetordnung erlangte das litauische Volk seine wirkliche Freiheit und erhielt zum ersten Mal die Möglichkeit, alle seine Gebiete zu einer einzigen Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik zu vereinen, von dem alten Vilnius bis Klaipėda (Komjaunimo tiesa, 1957–03).
18) Im sowjetischen Litauen erlangte das litauische Volk seine wirkliche Unabhängigkeit, weil es aufgehört hatte, ein Spielzeug in den Händen seiner eigenen Gutsbesitzer und Kapitalisten sowie ausländischer Imperialisten zu sein. Das sowjetische Litauen ist ein souveräner Staat (Tiesa, 1945–12).
19) Die Sowjetordnung in Litauen eröffnete unserem Land die größten Möglichkeiten zur wirtschaftlichen und kulturellen Blüte und schuf damit zugleich die günstigsten Voraussetzungen dafür, dass unsere Intelligenzija wachsen und sich vervollkommnen konnte, damit ihre fruchtbare Arbeit dem Wohl des eigenen Landes, der sowjetischen Heimat, diene (Tiesa, 1945–07).
In der damaligen Presse wurde ständig daran erinnert, dass Litauen durch seine Freundschaft und Zusammenarbeit mit den Völkern der Sowjetunion von ihnen viel Hilfe und Unterstützung erhielt:
20) Für die Maschinen- und Traktorenstationen Litauens wurden vom Lokomotivwerk Ordschonikidsegrad Ersatzteile für Landmaschinen erhalten (Komjaunimo tiesa, 1956–03).
21) Die Ukrainer schicken unseren Feldern ausgezeichnete Traktoren und versorgen uns mit verschiedenen Industriewaren – die Jugend Litauens fuhr voller Begeisterung in die Sowjetukraine, um neue Schächte zu graben und neue Fernstraßen zu bauen... (Komjaunimo tiesa, 1957–03).
234
Acta Linguistica Lithuanica XC
Page 9Sovietinės Lietuvos vaizdinys Moderniosios tapatybės ideologinio naratyvo tekstyne
22) Sowjetische Litauen erhält jedes Jahr ebenfalls aus den brüderlichen Republiken große Mengen Mineraldünger (ebenda).
Natürlich ist Litauens bester und zuverlässigster Freund das „brüderliche russische Volk“. Im Propagandadiskurs wurde ständig von der ewigen, unauflöslichen Freundschaft zwischen dem litauischen und dem russischen Volk gesprochen:
23) Das große russische Volk sandte LitauenMetall, Kohle, Maschinen, Baumaterialien – alles, was notwendig war, um die Volkswirtschaft der Litauischen SSR nicht nur wiederherzustellen, sondern auch in raschem Tempo voranzubringen (Komjaunimo tiesa, 1956–03).
24) Wir sind allen brüderlichen Völkern unseres Landes dankbar für die Rettung Litauens, vor allem dem großen russischen Volk, das im Kampf gegen die Hitlerbanden die größten Opfer brachte und im Vaterländischen Krieg die größten Heldentaten vollbrachte (Komjaunimo tiesa, 1957–06).
Um die brüderlichen slawischen Völker, insbesondere die Russen, zu verherrlichen, wurde umsichtig auch an die Geschichte Litauens erinnert:
25) Die größte Litauens Schlacht der Geschichte mit den deutschen Kreuzrittern wurde 1410 bei Tannenberg deshalb gewonnen, weil den Litauern die brüderlichen slawischen Völker, an erster Stelle das russische Volk, zu Hilfe kamen (Tiesa, 1945–03).
26) Während seiner gesamten vierundzwanzigjährigen Herrschaft führte Gediminas ununterbrochen Krieg gegen die deutschen Ritterhunde; aus diesen Kriegen ging Litauen im Bündnis mit Russen, Ukrainern und Belarussen als Sieger hervor (ebenda).
Es wird betont, dass auch zu anderen sozialistischen Staaten freundschaftliche Beziehungen gepflegt werden:
27) Und die Litauische SSR hat enge Verbindungen zur Chinesischen Akademie der Wissenschaften und zu anderen wissenschaftlichen Instituten geknüpft […] (Komjaunimo tiesa, 1956–09).
28) Die polnischen Freunde bekundeten den Wunsch, in Polen eine Ausstellung von Gemälden litauischer Künstler zu veranstalten, die jetzt im Museum für Bildende Künste der Litauischen SSR ausgestellt sind, sowie systematisch neue Werke der Musik und Literatur auszutauschen (Komjaunimo tiesa, 1956–08).
3. NAUJOS ISTORIJOS KONSTRAVIMAS
Die Analyse der ausgewählten Beispiele zeigt, dass eines der Ziele der totalitären sowjetischen Ideologie darin bestand, in der Presse ständig zu erklären, dass Litauen aus eigenem Willen dem Bund der brüderlichen Republiken beigetreten sei und dass die Rote Armee Litauen wie auch die anderen baltischen Staaten am Ende des Zweiten Weltkriegs nicht okkupiert, sondern „befreit“ habe:
Straipsniai / Articles
235
Page 10AURELIJA GRITĖNIENĖ
29) Doch die deutschen Eroberer konnten Litauen nicht erobern, denn das litauische Volk, das 1940 die sowjetische Ordnung gewählt hatte und der Sowjetunion beigetreten war, war für die deutschen Eroberer nicht mehr erreichbar (Tiesa, 1945–03).
30) Nachdem die Rote Armee Sowjet-Litauen befreit hatte, gab die Sowjetmacht bis zum 1. März dieses Jahres den Landlosen und Kleinbauern die von den deutschen Okkupanten und Kulaken geraubten Ländereien zurück (ebd.).
Die Textanalyse bestätigt die Feststellung der Historiker, dass „das koloniale Regime Moskaus nach dem Verlust der Unabhängigkeit 1940 bald daranging, die Geschichte Litauens umzuschreiben“ (Lankauskas 2006: 50). Heute kennen wir die Wahrheit über den kommunistischen Totalitarismus, den von ihm verübten Genozid, die „umfassende Kontrolle der Handlungen und Gedanken der Bürger, die Verfolgung Andersdenkender, die Politik der ‚Verschmelzung sozialistischer Völker‘“ (Brazauskas 2010: 8). Wir wissen auch vom aktiven bewaffneten Widerstand gegen die Okkupation; an ihm „beteiligten sich aktiv oder unterstützten ihn aktiv etwa 100.000 Menschen, also etwa 4 Prozent aller Litauer“; diese Widerstandsbewegung war 10–15-mal intensiver als in Lettland und 30–60-mal intensiver als in Estland (Anušauskas 2004: 241, 252; Kuodýtė, Tracervskis 2013: 34). Doch eine ganz andere „Wahrheit“ verkündete 1945 das Nachkriegs-Oficio „Tiesa“:
31) Nur eine kleine Handvoll nichtswürdiger Degenerierter und Verräter verkaufte seine Ehre und sein Gewissen an die deutschen Eroberer, half den Hitler’schen Henkern, Litauen zu versklaven und das litauische Volk zu vernichten (Tiesa, 1945–07).
32) Nur der letzte Dummkopf kann jetzt nicht verstehen, dass die Tage der Kulakennationalisten in Litauen gezählt sind, dass unaufhaltsam die Stunde näher rückt, in der dieses Unkraut des Volkes mit den Wurzeln aus dem Leben Litauens gerissen werden wird (Tiesa, 1945–09).
In solchen Sätzen wird deutlich, dass es im neuen sowjetischen Litauen dennoch allerlei Bürger gab: nicht nur solche, die sich der neuen Ordnung treu hingaben und den Willen der Macht eifrig ausführten, sondern auch „Dummköpfe“, „nichtswürdige Degenerierte“, „Unkraut des Volkes“ usw.
In der Publizistik der Sowjetzeit wurde in gehobenem Stil versucht, die „Freude über die wiedergewonnene Freiheit“ Sowjet-Litauens widerzuspiegeln (Tiesa 1945–03); die Sowjetmacht und die kommunistische Partei wurden verherrlicht und ihre Verdienste gepriesen:
33) Wir, die Bauern Sowjet-Litauens, erklären als wahrhaftige und vollberechtigte Herren unseres Bodens und unseres Landes unsere größte Freude über die wiedergewonnene Freiheit, über die vollständige Befreiung unserer Heimat Sowjet-Litauens vom faschistischen Joch. Wir bekunden unserem großen Führer und Lehrer, dem Genossen Stalin, und der von ihm geführten heldenhaften Roten Armee unendliche Dankbarkeit (Tiesa, 1945–03).
34) Die rasche und allseitige Entwicklung der Volkswirtschaft und Kultur Sowjet-Litauens ist ein Ergebnis der Kommunistischen Partei, der leninistischen Nationalitätenpolitik der Sowjetregierung und der Freundschaft der Völker der Sowjetunion, eine große Errungenschaft der sozialistischen Ordnung (Komjaunimo tiesa, 1957–03).
236
Acta Linguistica Lithuanica XC
Page 11Sovietinės Lietuvos vaizdinys Moderniosios tapatybės ideologinio naratyvo tekstyne
Wie die für die Untersuchung ausgewählten Beispiele zeigen, wurde in der Presse ständig „der für jene Zeit typische propagandistische Lärm“ erzeugt (Brazauskas 2010: 27). Selbstverständlich wurden viele schmerzhafte Ereignisse jener Zeit in der Propagandapresse nicht einmal erwähnt. Heute wissen wir, dass die Sowjetisierung Litauens von Terror begleitet war: Tausende Menschen wurden inhaftiert, verhört oder von NKVD-Einheiten getötet; „1941–1952 wurden etwa 132.000 Einwohner Litauens an Verbannungsorte im Inneren und im Norden Russlands deportiert [...]“ (Leinartė, Žilinskienė, Kraniauskienė, Šutinienė, Gečienė 2014: 28). Auch die Lage der Litauischen Katholischen Kirche war wenig beneidenswert: Sie wurde gewaltsam aus dem gesellschaftlichen Leben gedrängt, Bischöfe wurden repressiert, Klöster geschlossen, Gebäude religiöser Gemeinschaften verstaatlicht usw.² Über all dies wurde in der Presse der Sowjetzeit kein Wort verloren.
4. BLÜHENDES SOWJETLITAUEN UND DANKBARKEIT FÜR ALLES
Die Presse jener Zeit bemühte sich umsichtig, das Bild eines „guten Lebens“ (re) zu konstruieren. Es wurde behauptet, dass es sich in Sowjet-Litauen besser lebe als in vielen kapitalistischen Ländern:
35) Die Mitglieder der Delegation der Litauer aus Uruguay erfreuten sich besonders an den Bedingungen, die die Jugend Litauens hat. „Ich verstehe vollkommen“, schreibt Genosse Rasikas, „dass die Jugend jetzt etwas hat, was sie in keinem kapitalistischen Land hatte“ (Komjaunimo tiesa, 1957–03).
36) Wie aus den Berichten der Fischer hervorgeht, werden in Litauen in diesem Jahr etwa 140.000 Tonnen Fisch gefangen werden, also bereits nur fünfmal weniger als in Dänemark. Von 83-mal auf 5-mal! Außerdem muss der Leser daran erinnert werden, dass Dänemark unvergleichlich bessere Fischereibedingungen hat als Litauen (Tiesa, 1962–12).
Die Propagandisten zählten pragmatisch zahlreiche Errungenschaften Sowjet-Litauens auf: ständig bessere Kennzahlen der Industrie, Wirtschaft usw.³:
37) Sowjet-Litauen wird sowohl auf wirtschaftlichem als auch auf kulturellem Gebiet von Tag zu Tag stärker (Tiesa, 1945–06).
38) Die Werktätigen Litauens sehen mit eigenen Augen, dass unser Leben trotz einzelner Mängel, über die wir selbst offen sprechen und die wir entschlossen beseitigen, von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat besser wird (Komjaunimo tiesa, 1957–06).
² Näheres über Litauen in den Jahren des Stalin-Regimes (1944–1953) siehe vle.lt. Online verfügbar unter: https://www.vle.lt/straipsnis/lietuva-stalininio-rezimo-metais-1944-1953/ [abgerufen am 2024-02-12].
³ Über die Wirtschaftsreform, das Wirtschaftswachstum, den Bau und die Industrialisierung Litauens in jener Zeit siehe Tininis 1994: 102–109.
Straipsniai / Articles
237
Page 12AURELIJA GRITĖNIENĖ
Die neue sowjetische Welt in Litauen „wurde nicht von den Eigenen geschaffen, sondern war als Geschenk zugefallen“ (Putinaitė 2007: 51). In der Presse jener Zeit wurde eine breit angelegte Propagandakampagne geführt, der zufolge die Litauer, die ein solches „unglaubliches“ und „wunderbares“ Geschenk erhalten hatten, satt, glücklich und frei seien, da sie von nun an „unter der großen Fahne Lenins und Stalins“ leben würden (Tiesa, 1945–12). Die Bürger Sowjet-Litauens sollten sich also unsagbar glücklich und dankbar für das neue Leben fühlen. Die auflagenstarke Presse Sowjet-Litauens lehrte ihre Bürger, sich ihrer Gefühle gegenüber der Roten Armee, dem Genossen Stalin, der Partei, der Sowjetunion, deren brüderlichen Völkern und insbesondere dem großen russischen Volk nicht zu schämen. Gefühle der Dankbarkeit, Freude, Liebe usw. wurden auch in der damaligen Propagandapresse demonstriert:
39) Teurer und geliebter Genosse Stalin! Am Tag des fünften Jahrestages der Errichtung der Sowjetmacht in Litauen sendet das litauische Volk Ihnen, unserem geliebten Lehrer, Führer und Befreier, sein erstes Wort unendlicher Dankbarkeit, Liebe und Begrüßung. Wir sind glücklich, dass wir den fünften Jahrestag der Errichtung der Sowjetmacht in Litauen in den Tagen des größten Triumphs des Sowjetstaates feiern, nach dem welthistorischen Sieg, den unsere große sowjetische Heimat über die deutschen faschistischen Eroberer, die schlimmsten Feinde der gesamten Menschheit, errungen hat (Tiesa, 1945–07).
Zur Bekundung verschiedener Gefühle wurden Adjektive und Adverbien eingesetzt:
40) Wir senden den heldenhaften litauischen Partisanen, die den Rücken der deutschen Eroberer zerschmetterten, einen herzlichen Gruß und bekunden ihnen unseren Dank (Tiesa, 1945–06). 41) Die Werktätigen Litauens stimmten wie alle Sowjetmenschen mit großer Genugtuung dem Beschluss des Juni-Plenums des ZK der KPdSU zu [...] (Komjaunimo tiesa, 1957–09).
Besonders warme Gefühle offizieller Dankbarkeit wurden der Roten Armee entgegengebracht. Das Oficio „Tiesa“ widmete ihr 1945 besonders viel Aufmerksamkeit: Es verherrlichte sie, dankte ihr und rief die Bürger Litauens auf, diese Armee mit allen Kräften zu unterstützen, damit das faschistische Deutschland schneller zerschlagen werde; den Lesern wurden ständig die Verdienste der Roten Armee um Litauen in Erinnerung gerufen:
42) Diese weisen Worte des Genossen Stalin verpflichten uns alle – die Arbeiter, werktätigen Bauern und Intellektuellen Litauens –, unsere Kräfte noch stärker anzuspannen, um der Roten Armee zu helfen [...] (Tiesa, 1945–03). 43) Ehre und Dank unseren tüchtigen Partisanen Sowjet-Litauens und den Soldaten des litauischen Verbandes der Roten Armee (ebd.)!
Die Presse jener Zeit zeigt somit deutlich, wie das totalitäre Regime den Einwohnern eine ideokratische Herrschaft auferlegen konnte, die auf ideologischer Kontrolle von Gedanken und Gefühlen beruhte, den Menschen vorschrieb, was sie zu denken hatten, ihr Gefühlsleben beherrschte und einen Verhaltenskodex festlegte (Walicki 2005: 535). Doch nicht alle „passten“ in das von der Propaganda konstruierte Bild einer freudigen und glücklichen sowjetischen Welt: Nicht in dieses Bild passten die Widerstandskämpfer, die vom Regime Repressierten sowie
238
Acta Linguistica Lithuanica XC
Page 13Sovietinės Lietuvos vaizdinys Moderniosios tapatybės ideologinio naratyvo tekstyne
„Menschen, die sich abseits vom sowjetischen Leben hielten und sich nicht darüber freuten“ (Putinaitė 2007: 49).
5. PLÄNE, VERPFLICHTUNGEN
Die Presse jener Zeit war voller Informationen darüber, wie gewissenhaft und vorbildlich in der Sowjetzeit Pläne erfüllt und übererfüllt wurden. Historiker bezeichnen den sowjetischen öffentlichen Raum sogar als optimistisch, weil er „mit Informationen über die ständigen Erfolge der Partei und der Kollektive, die unaufhörlich übererfüllten Pläne und die Freude des sowjetischen Lebens angefüllt war“ (Vaiseta 2014: 150):4
44) Die Werktätigen der Litauischen SSR übererfüllten den Plan zur Holzaufbereitung (Tiesa, 1945–07).
45) Der Plan zur Durchführung der Vierten Kriegsanleihe der Litauischen SSR wurde zu 125% erfüllt. Der Plan der Frühjahrsaussaat wurde übererfüllt (ebd.).
46) Die Industriebetriebe des Rates der Volkswirtschaft Litauens erfüllten den Achtmonatsplan zu 108 Prozent (Komjaunimo tiesa, 1957–09).
Damit die „riesigen Erfolge“ noch überzeugender wirkten, wurden den Menschen in der Presse ständig konkrete Zahlen vorgelegt: wie viele Betriebe errichtet, wie viel Getreide gedroschen und wie viele Mittel wofür bereitgestellt worden waren usw.:
47) In Sowjet-Litauen sind bereits 547 Betriebe der Metall-, Forst-, Leicht- und Lebensmittelindustrie sowie der Baustoffindustrie, mehr als 500 Betriebe der örtlichen (Kreis-)Industrie und 130 Produktionsgenossenschaftsartels wiederaufgebaut (Tiesa, 1945–12).
48) Im Haushalt Sowjet-Litauens sind erhebliche Mittel für die soziale Versorgung vorgesehen. Sie sind in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr fast auf das Doppelte gestiegen und haben 146,5 Millionen Rubel erreicht (Komjaunimo tiesa, 1957–03).
Um eine möglichst große Wirkung auf die Leser zu erzielen, wurde in der Presse der Sowjetzeit sogar das mit der Religion verbundene Adjektiv „heilig“ verwendet; den Propagandisten war es besonders nützlich, wenn es um die Erfüllung von Verpflichtungen ging:
49) Die heilige Pflicht aller Landarbeiter Litauens besteht darin, sich aktiv am Wiederaufbau und an der Besiedlung der Landwirtschaft der Kreise Klaipėda, Šilutė und Pagėgiai zu beteiligen (Tiesa, 1945–03).
50) Liebe Landarbeiter Litauens! Unsere heilige Pflicht ist es, gemeinsam mit allen Bauern der Sowjetunion unsere Rote Armee mit Brot und anderen Lebensmitteln zu versorgen (ebd.).
⁴ Der Alltag jener Zeit ist in den Erzählungen einfacher Bürger der UdSSR im Buch von Swetlana Alexijewitsch treffend dargestellt: „Wir erfüllen und übererfüllen die Pläne, aber in den Geschäften gibt es trotzdem nichts“ (Aleksijevič 2016: 48).
Straipsniai / Articles
239
Page 14AURELIJA GRITĖNIENĖ
Im damaligen offiziellen Diskurs wurde ständig daran erinnert, wer Litauen „die wahre Unabhängigkeit“ verliehen habe; die Bürger wurden aufgefordert, nicht zu vergessen, dass alle Erfolge des Landes nur deshalb erreicht worden seien, weil Litauen eine der Republiken der Sowjetunion geworden war:
51) Die Verfassung Stalins verlieh Litauen die wahre Unabhängigkeit und Staatlichkeit, vereinte alle litauischen Länder unter einer einzigen Fahne der Freiheit und gewährleistet allen seinen Bürgern ein ruhiges und sinnvolles Leben (Tiesa, 1945–12).
Die Presse jener Zeit freute sich nicht nur über die verschiedenen Erfolge Litauens, sondern rief auch dazu auf, sich ständig anzustrengen; mitunter übte sie Kritik an jenen, die die gesetzten Pläne nicht erfüllten, unbefriedigend arbeiteten usw.:
52) Besonders unbefriedigend arbeiteten die Organisationen für die technische Versorgung, die Hauptverwaltung für Metallversorgung und die Hauptverwaltung für Erdölversorgung Litauens (Komjaunimo tiesa, 1957–03).
53) Im Beschluss des Zentralkomitees der KP Litauens wurde festgestellt, dass einzelne Kommunisten und Komsomolzen selbst kein Beispiel für Fleiß geben und ihr Verhalten bisweilen den Anforderungen des Moralkodex des Erbauers des Kommunismus nicht entspricht (Tiesa, 1962–09).
Die Propagandapresse jener Zeit schien zwar vieles zu kritisieren, vermied jedoch bewusst einen Teil der Probleme und schwieg darüber; beispielsweise findet sich in den für die Untersuchung ausgewählten Sätzen kein einziger Hinweis auf leere Ladenregale, den ständigen Warenmangel, die damals verbreitete sogenannte „Blat“, die Verfestigung des Bestechungssystems und der Spekulation. Die Zeitungen der Sowjetzeit versäumten nicht zu betonen, wie die Kulaken des bürgerlichen Litauens „ihre Nachbarn jahrelang ausbeuteten und sich vom blutigen Schweiß ihrer Nachbarn bereicherten“ (Tiesa, 1945–09); dass die Werktätigen Pläne um 125% oder noch mehr übererfüllten, wurde jedoch keineswegs als Ausbeutung betrachtet.
6. BEMAŽ IDEALŪS SOVIETINĖS LIETUVOS PILIEČIAI
Die semantische Analyse der Sätze zeigt, dass in der Presse jener Zeit das Konzept eines aktiven, energischen, fleißigen, freundschaftlichen, geradezu idealen Bürgers Sowjet-Litauens⁵ geformt wurde. In der offiziellen Presse jener Zeit wurde verkündet, wie wichtig es für die Werktätigen sei, aktiv zu sein und sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Aus der Presse wird deutlich, wie intensiv und beschwerlich das Leben des einfachen Menschen war: Er wurde ständig dazu angehalten, Pläne und Verpflichtungen zu erfüllen und zu übererfüllen, sich aktiv am Aufbau des Kommunismus und am sozialistischen Leben
⁵ Nach S. Alexijewitsch war der Plan des Kommunismus wahnsinnig: den „alten Menschen“ umzuformen und im Labor des Marxismus-Leninismus einen neuen Menschentyp zu züchten – homo sovieticus (Aleksijevič 2016: 11).
240
Acta Linguistica Lithuanica XC
Page 15Sovietinės Lietuvos vaizdinys Moderniosios tapatybės ideologinio naratyvo tekstyne
und am Wettbewerb zu beteiligen, die Arbeitsleistungen zu verbessern und zu steigern, die Landwirtschaft und die Freundschaft der sowjetischen Völker zu entwickeln usw.:
54) Gemeinsam mit dem gesamten Sowjetvolk bauen die Werktätigen Sowjet-Litauens den Sozialismus auf, erweitern und vervollkommnen die industrielle Produktion, nehmen neue Fabriken, Werke und Elektrizitätswerke in Betrieb, stärken die sozialistische Landwirtschaft und erhöhen das Niveau des materiellen Wohlstands und der Kultur des Volkes (Komjaunimo tiesa, 1957–06).
Es wird die Illusion geschaffen, dass der Werktätige frei ist und aus eigenem Willen und bewusst ein solch intensives und aktives Leben wählt; aus den in der Presse gefundenen Sätzen wird jedoch deutlich, dass die Macht, indem sie im Namen der Werktätigen manipuliert, für sie spricht und entscheidet („wir haben einstimmig beschlossen“, „wir verpflichten uns“ usw.):
55) Nachdem wir zum Ersten Republikanischen Kongress der Landarbeiter Litauens zusammengekommen waren, beschlossen wir einstimmig, den sozialistischen Wettbewerb für die erfolgreiche Erfüllung des Plans der landwirtschaftlichen Arbeiten des Jahres 1945 zu entfalten. Wir verpflichten uns, den Plan der Frühjahrsaussaat 1945 in kürzester Zeit auf hohem agrotechnischem Niveau zu erfüllen [...]. Wir rufen alle Landarbeiter Litauens auf, sich am sozialistischen Wettbewerb zu beteiligen und konkrete Verpflichtungen zu übernehmen (Tiesa, 1945–03).
„Tiesa“ erinnerte immer wieder an die Hauptaufgaben der Werktätigen: die Freundschaft der sowjetischen Völker unermüdlich zu stärken und sich darum zu bemühen, dass nicht nur das teure Sowjet-Litauen, sondern auch „die große sozialistische Heimat – die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ gedeihe (Tiesa, 1945–12). Daher wandte sich die sowjetische Presse ständig an die Bürger Litauens und forderte sie immer wieder auf, Kräfte zu sammeln und konkrete Tätigkeiten aufzunehmen:
56) Bauern Sowjet-Litauens! Spannen wir alle Kräfte an und helfen wir, unser teures Sowjet-Litauen schneller wiederaufzubauen; helfen wir der Roten Armee, den widerlichen deutschen Faschismus endgültig zu zerschlagen und in Berlin die Siegesfahne zu hissen (Tiesa, 1945–03).
57) Unsere Menschen müssen Kräfte für neue, noch größere Errungenschaften sammeln: Denn im verwüsteten Litauen warten unzählige Arbeiten auf uns (Tiesa, 1945–06).
Im öffentlichen Diskurs der Nachkriegszeit wurde der einfache Werktätige ständig durch Kampfmetaphern „gestärkt“⁶. Die Beispiele aus der Presse jener Zeit zeigen, dass die Menschen Sowjet-Litauens selbst nach Kriegsende ständig am Kampf für die Steigerung der Industrieproduktion
⁶ Nach Ansicht der Philosophen durchdrangen in den ersten Jahren und sogar Jahrzehnten der Existenz des Sowjetstaates „Kriegsstimmung und sogar Kriegsterminologie auch die friedliche Arbeit. Die Menschen arbeiteten nicht, sondern „kämpften um die Ernte“, führten Krieg „an der Front der Vorbereitung von Brotreserven“ usw. (Juknevičius 2022: 109). Ähnlich schreibt auch S. Alexijewitsch über das Leben unter den Bedingungen des Sozialismus: „[W]ir sind im Grunde Menschen des Krieges. Entweder kämpften wir oder bereiteten uns auf den Kampf vor. Wir haben nie anders gelebt. Daher unsere militärische Psychologie. Selbst unter Friedensbedingungen ist alles militärisch: Die Trommel dröhnt, die Fahne flattert... das Herz sprengt die Brust...“ (Aleksijevič 2016: 12).
Straipsniai / Articles
241
Page 16AURELIJA GRITĖNIENĖ
zu beteiligen, die Qualität der Erzeugnisse zu verbessern, ihre Selbstkosten zu senken usw.
58) Die ersten Rückmeldungen aus den Kolchosen und Sowchosen unserer Republik sprechen davon, dass die Werktätigen der Landwirtschaft Litauens bereit sind, sich aktiv am landesweiten Kampf für einen neuen Aufschwung der landwirtschaftlichen Produktion zu beteiligen und ihren Arbeitsanteil zur Verwirklichung der gestellten Aufgabe beizutragen (Komjaunimo tiesa, 1957–06).
59) Es muss Ehrensache aller Kolchosen und Sowchosen der Republik sein, dem patriotischen Beispiel der fortgeschrittenen Kolchose „Weg zum Kommunismus“ zu folgen und auf den Gruß des Zentralkomitees der KPdSU, auf seinen Aufruf mit einem angespannten Kampf um das Erreichen hoher Kennzahlen bei der Erzeugung tierischer Produkte in ganz Litauen zu antworten (ebd.).
Und obwohl die Presse einen aktiven und unermüdlichen Kampf demonstrierte, gab es im wirklichen Leben jener Zeit viel Stagnation, Entfremdung, intellektuelle Erstarrung und Leere; nicht umsonst bezeichnen die Forscher jener Epoche die Gesellschaft Litauens in der späten Sowjetzeit als „Gesellschaft der Langeweile“, als Gesellschaft vergeblicher und sinnloser Mühsal (Vaiseta 2014: 16).
Die Propaganda betonte ständig, wie wichtig es sei, mithilfe der Intelligenz und anhand der Beispiele der Komsomolzen und Kommunisten die Arbeits- und Moralerziehung des Sowjetlitauers zu stärken:
60) Im Beschluss des Zentralkomitees der KP Litauens wurde festgestellt, dass einzelne Kommunisten und Komsomolzen selbst kein Beispiel für Fleiß geben und ihr Verhalten bisweilen den Anforderungen des Moralkodex des Erbauers des Kommunismus nicht entspricht. Im Bezirk gibt es noch Menschen, die gemeinnützige Arbeit meiden (Tiesa, 1962–09).
61) Die Aufgabe der Intelligenz Litauens besteht darin, alle von der Sowjetmacht in größtem Umfang gewährten Möglichkeiten möglichst umfassend zu nutzen, eine der Form nach nationale, dem Inhalt nach sozialistische Kultur zu schaffen, die Werktätigen Sowjet-Litauens im Geist der leninistisch-stalinistischen Freundschaft der Völker zu erziehen und die Liebe zu ihrer sowjetischen Heimat, zu den brüderlichen sowjetischen Völkern, vor allem zum großen russischen Volk, zu fördern […] (Tiesa, 1945–12).
Obwohl die Presse der Sowjetzeit die Leser ständig daran erinnerte, wie glücklich und frei der Mensch im sowjetischen Litauen sei, war die Realität anders; die einfachen Menschen litten, weil sie „als Mitglieder der sowjetischen Gesellschaft glücklich sein mussten, wofür persönliches Glück nicht erforderlich war“, und außerdem „gezwungen wurden, abnormale Dinge als normal und selbstverständlich hinzunehmen“ (Putinaitė 2007: 23, 49). Nicht umsonst behaupten Wissenschaftler, dass die Sowjetzeit am deutlichsten durch den Begriff des Dualismus der Lebensweise charakterisiert wird – durch die „Trennung öffentlicher, offizieller und privater Ebenen“ (Čepaitienė 2013: 554), anders gesagt: durch offenkundig duale Praktiken: der dem Kanon
242
Acta Linguistica Lithuanica XC
Page 17Sovietinės Lietuvos vaizdinys Moderniosios tapatybės ideologinio naratyvo tekstyne
entsprechende rituelle Verhalten und das unter dem Deckmantel stattfindende „normale Leben“ (Vaiseta 2014: 37)⁷.
7. DER AUSDRUCK PROPAGANDISTISCHER „WAHRHEITEN“
Zur Vermittlung der Propaganda wurden in der sowjetischen Presse Verwandtschaftsbezeichnungen verwendet: Die Bürger Litauens wurden als Töchter und Söhne bezeichnet, die Völker der Sowjetunion als brüderliche Familie, Russland als großer, älterer Bruder usw.:
62) Als Kandidaten für die Abgeordneten der örtlichen Sowjets stellten die Werktätigen Litauens ihre besten Söhne und Töchter auf, die ihre grenzenlose Hingabe an die Sache des Kommunismus bewiesen hatten (Komjaunimo tiesa, 1957–03).
63) Die gesamte brüderliche Familie verfolgt mit großer Aufmerksamkeit und Liebe die Entwicklung und das Aufblühen Estlands, Litauens und Lettlands. Unsere Brüder und Freunde, die sich dem älteren Bruder angeschlossen haben, helfen uns überall und jederzeit (Tiesa, 1962–03).
Die Autoren der Propagandaartikel verwendeten reichlich Vergleiche und Epitheta und bezeichneten Litauen als tüchtig, ruhmreich, teuer und dergleichen:
64) Das von deutschen Stiefeln zertretene Litauen wird sich wieder aus der Asche erheben, wie eine Blume zur Sonne (Tiesa, 1945–03).
65) Während der Okkupation strömten deutsche Kolonisten wie hungrige Ratten zu Tausenden nach Litauen und beeilten sich, sich auf den Ländereien der Landarbeiter Litauens niederzulassen und den Landarbeitern ihr Joch aufzuerlegen (ebd.).
Um den Kommunismus und die brüderliche Freundschaft der Völker zu benennen und widerzuspiegeln sowie Errungenschaften hervorzuheben, wurden reichlich Metaphern verwendet:
66) Die Werktätigen Litauens stärken durch ihre hingebungsvolle Arbeit unermüdlich unsere teure Heimat – die Festung des Friedens und der Freundschaft der Völker in der ganzen Welt. Das litauische Volk ist seiner Zukunft gewiss. Gemeinsam mit allen brüderlichen Völkern unserer multinationalen sowjetischen Heimat errichtet es die leuchtenden Paläste des Kommunismus (Komjaunimo tiesa, 1957–03).
67) Auf dieser breiten sowjetischen Landstraße schreitet in der Familie der sowjetischen Völker auch Sowjet-Litauen voran (Tiesa, 1945–09).
68) Das Licht von Wissenschaft und Kultur breitet sich in den Städten und Dörfern Sowjet-Litauens immer weiter aus (Komjaunimo tiesa, 1957–03).
⁷ Bis heute bewerten die Litauer selbst die Sowjetzeit im öffentlichen Raum recht widersprüchlich: Es lassen sich sowohl die kompromisslose Ignorierung der Sowjetzeit als auch Nostalgie nach der sowjetischen Vergangenheit feststellen (Čepaitienė 2007: 36–50). Vielleicht ist einer der vielen Gründe für die Sehnsucht nach jener Zeit das idealistische Bild Sowjet-Litauens, das die Propaganda über Jahrzehnte geschaffen hatte.
Straipsniai / Articles
243
Page 18AURELIJA GRITĖNIENĖ
Die offizielle sowjetische Propaganda widmete verschiedenen formelhaften Parolen große Aufmerksamkeit:
69) Es lebe die Bauernschaft Sowjet-Litauens! Es lebe Sowjet-Litauen! Es lebe die Partei Lenins und Stalins – der Organisator und Inspirator der großartigen Errungenschaften unserer Heimat (Tiesa, 1945–03)!
70) Wir werden alle Anstrengungen unternehmen, damit sich die Tragödie von Pirčiupis niemals wiederholt und der Frieden bewahrt wird. Es lebe Sowjet-Litauen! Es lebe die Sowjetunion (Komjaunimo tiesa, 1957–06)!
Die Texte jener Zeit sind reich an Pathos und sowjetischen Klischees:
71) Litauen wurde von Soldaten die Freiheit gebracht, die verschiedene Sprachen sprachen, in deren Brust jedoch ein Herz schlug, das Herz eines sowjetischen Patrioten, die in ihrem Leben ein einziges Ziel hatten, von der Partei Lenins und Stalins vorgegeben: das Vaterland selbstlos zu lieben und für sein Glück zu kämpfen. Mit von Dankbarkeit gegenüber den Befreiersoldaten erfülltem Herzen half das Volk Sowjet-Litauens der Roten Armee Tag für Tag und beteiligte sich am Wiederaufbau der von den deutschen Eroberern zerstörten Volkswirtschaft (Tiesa, 1945–07).
Klischees waren in der Presse der Sowjetzeit weit verbreitet, weil Individuen dazu neigen, sie als selbstverständlich anzunehmen. Ständig wiederholte Klischees erlangen den Status des Natürlichen und Normalen. Klischees dringen so tief in das Bewusstsein ein, dass Menschen sie häufig übernehmen, ohne über sie zu reflektieren; sie formen Denken und Positionen und bereiten die Menschen allmählich darauf vor, in eine bestimmte Richtung zu denken, zu sprechen, zu fühlen und zu handeln (Zijderveld 1979: 4, 10).
Die reichliche Verwendung verbaler Abstrakta sowie einige syntaktische Konstruktionen weisen darauf hin, dass ein Teil dieser Propagandatexte aus dem Russischen übersetzt wurde:
72) In den Militärgarnisonen in Litauen kam es 1905 und 1906 zu einer ganzen Reihe revolutionärer Aufstände von Soldaten (Komjaunimo tiesa, 1956–08).
73) In diesem Glückwunsch heißt es, dass das Zentralkomitee der Partei und die Sowjetregierung nicht daran zweifeln, dass nach dem Vorbild des Kolchos „Weg zum Kommunismus“, der zeigt, wie groß die Reserven zur starken Steigerung der Produktion tierischer Erzeugnisse sind, alle Republiken Litauens sowie die Kolchosen und Sowjetwirtschaften der anderen baltischen Republiken folgen werden (Komjaunimo tiesa, 1957–06).
74) Die Jugend Sowjet- Litauens, die Komsomolzen, wird ihre jugendliche Energie und ihre Kräfte nicht schonen und ihren gewichtigen Beitrag zur gemeinsamen Sache leisten, denn sie ist fest davon überzeugt, dass die erfolgreiche Umsetzung der Pläne des sechsten Fünfjahrplans den Wohlstand des sowjetischen Volkes noch weiter erhöhen und einen weiteren großen Schritt in die Zukunft des Kommunismus darstellen wird (Komjaunimo tiesa, 1956–03).
244
Acta Linguistica Lithuanica XC
Page 19Sovietinės Lietuvos vaizdinys Moderniosios tapatybės ideologinio naratyvo tekstyne
75) Die arbeitenden Menschen auf dem Lande werden neue Erfolge im Ackerbau und in der Viehzucht erzielen und die Aufgabe der starken Steigerung der Produktion tierischer Erzeugnisse gut und schnell lösen (Komjaunimo tiesa, 1957–06).
ZUSAMMENFASSUNG
Die Analyse der für die Untersuchung gesammelten Beispiele zeigt, dass die Presse der Sowjetzeit bemüht war, ein äußerst positives Bild eines idealisierten Litauens zu schaffen. Solche Bilder waren damals besonders beliebt, weil „die Wiedergabe der faktischen Wirklichkeit in der sowjetischen [...] Literatur als Unverständnis des historischen Prozesses und als Nichtwahrnehmung verborgener wesentlicher Tendenzen betrachtet wurde“ (Mažeikis 2010: 300). Auch die riesigen Auflagen der sowjetischen Presse hatten großen Einfluss auf die Festigung des Bildes eines idealen Litauens⁸. Das in der sowjetischen Presse geschaffene Bild eines idealen Litauens umfasste folgende wesentliche Aspekte: die Geringschätzung und Verunglimpfung der jüngsten Vergangenheit, nämlich des smetonischen, bürgerlichen Litauens; als Gegensatz zu dieser Zeit wurde eine helle und schöne sowjetische Gegenwart herausgestellt; die Freunde und Feinde des Landes wurden hervorgehoben; die wirtschaftlichen, kulturellen und sonstigen Errungenschaften des Landes wurden betont. Bei der Lektüre der offiziellen Publizistik jener Zeit entsteht der Eindruck, dass ein beträchtlicher Teil der damaligen Bürger Litauens mit dem sowjetischen System verwachsen war, unter dem Einfluss seiner ideologischen Prinzipien lebte und gemäß dem von ihm geprägten Diskurs dachte⁹. Die semantische Analyse der für die Untersuchung ausgewählten Sätze zeigt somit, dass sich in der sowjetischen ideologischen Presse gleichsam in einem Zerrspiegel das offizielle Simulakrum eines idealen Litauens widerspiegelte¹⁰ und dass wir erst nach der Wiedererlangung der Freiheit zu begreifen beginnen, dass dies lediglich der „verzerrte Zauber des sowjetischen Paradieses“ war (Putinaitė 2007: 17).
SCHLUSSFOLGERUNGEN
In den heutigen (post)sozialistischen Forschungen widmen vor allem Historiker, Soziologen, Ethnologen und Literaturwissenschaftler der Sowjetzeit Aufmerksamkeit; doch dieser historische Zeitraum ist auch für Sprachwissenschaftler von Bedeutung. Bei der Analyse von Pressetexten aus der Sowjetzeit muss man stets den Umstand im Auge behalten, dass die Menschen damals
⁸ Die Bedeutung und der Einfluss der „Pravda“ im Leben der einfachen Bürger der UdSSR werden auch durch folgende Tatsache deutlich: Die Kommunisten brachten ihren Kindern das Lesen anhand dieser Zeitung bei (ausführlicher siehe Aleksijevič 2016: 25).
⁹ Als der bewaffnete Widerstand gebrochen war, zwang „der einfachste Selbsterhaltungstrieb der Nation dazu, sich an die Bedingungen des Besatzungsregimes anzupassen“ (Brazauskas 2010: 8)
¹⁰ Simulakrum – ein Bild, das eine nicht existierende Realität schafft und den Unterschied zwischen dem, was „echt“ und „unecht“, „real“ und „vorgestellt“ ist, aufhebt (Baudrillard 2002: 9).
Straipsniai / Articles
245
Page 20AURELIJA GRITĖNIENĖ
sozusagen ein Doppelleben: Das eine war ein von der Propaganda im öffentlichen Raum geschaffenes und aufrechterhaltenes, von der kommunistischen Ideologie konstruiertes Leben, das andere eine öffentlich nicht gezeigte Welt des Hauses (vgl. Lubecka 2013: 92); wenn wir daher die Presse jener Zeit aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts betrachten, sehen wir einen offensichtlichen Widerspruch zwischen der Propaganda der Sowjetzeit und der Realität. Die totalitäre Ideologie hatte die gesamte damalige Presse durchdrungen. In der offiziellen Propagandapresse wurde ein äußerst positives Bild eines sowjetisierten idealen Litauens geschaffen. In dieser idealistischen Erzählung über Litauen werden standardisierte Propagandaklischees der Sowjetzeit und Verwandtschaftsbezeichnungen reichlich verwendet; in einem pathetischen Stil wird mithilfe von Metaphern, Vergleichen und Epitheta das Leben „glücklicher“ Menschen eines „glücklichen“ Landes im sowjetischen System gezeichnet.
Das ideale Bild Sowjetlitauens setzt sich aus folgenden wesentlichen Aspekten zusammen: der Verunglimpfung der jüngsten Vergangenheit; dem Gegensatz zwischen dem „dunklen“, „elenden“, „rückständigen“ bürgerlichen Litauen und dem hellen, aufblühenden neuen Sowjetlitauen; der Hervorhebung der Freunde und Feinde des Landes sowie seiner wirtschaftlichen, kulturellen und sonstigen Errungenschaften. In der Presse der Nachkriegsjahre, insbesondere in der „Tiesa“ von 1945, wurde das faschistische Deutschland eindeutig als äußerer Hauptfeind Litauens bezeichnet, während der größte innere Feind in den Banden bürgerlicher Nationalisten gesehen wurde, gegen die erbittert gekämpft wurde. Nach Auffassung der Ideologen der Presse unterhielt Litauen vor allem mit dem großen russischen Volk brüderliche Beziehungen; zugleich wurde eine feste Freundschaft auch mit den anderen Völkern der Sowjetunion und mit den sozialistischen Staaten geknüpft. Die Presse Sowjetlitauens mit ihren hohen Auflagen lehrte ihre Bürger, sich ihrer Gefühle gegenüber der Roten Armee, die Litauen die Freiheit „geschenkt“ hatte, gegenüber Genossen Stalin, der Sowjetunion und ihren brüderlichen Völkern, insbesondere dem großen russischen Volk, nicht zu schämen. In der damaligen Propagandapresse wurden Gefühle der Dankbarkeit, Freude, Liebe und andere offen zur Schau gestellt.
Die sogenannte „helle“ sowjetische Zukunft wurde in der Propagandapresse unter besonderer Aufmerksamkeit für die arbeitenden Menschen gestaltet. Es wurde die Illusion erzeugt, dass die Menschen Litauens in der sozialistischen Gesellschaft satt, glücklich und frei seien. Dank ihnen entwickelte sich auch Litauen selbst so schnell; deshalb wurde in der Presse ständig betont, wie wichtig es sei, die Pläne und Verpflichtungen nicht nur weiterhin zu erfüllen, sondern auch zu überbieten (dies galt nicht als Ausbeutung), aktiv am Aufbau des Kommunismus, am sozialistischen Leben und am sozialistischen Wettbewerb teilzunehmen. Die untersuchten illustrativen Beispiele zeigen deutlich, wie intensiv, aktiv und produktiv das Leben der arbeitenden Menschen Litauens damals gewesen sein soll. Die ideologische Presse führte eine breit angelegte Propagandakampagne; wenn wir jedoch die sowjetische Presse aus heutiger Sicht betrachten und die historische Wahrheit kennen, sehen wir eine offensichtliche Kluft zwischen dem, was die offizielle sowjetische Presse darstellte und vermittelte, und dem, was tatsächlich im grauen Alltag Litauens existierte.
246
Acta Linguistica Lithuanica XC
Page 21Sovietinės Lietuvos vaizdinys Moderniosios tapatybės ideologinio naratyvo tekstyne
QUELLEN UND LITERATUR
Aleksijevič Svetlana 2016: Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus, Vilnius: Kitos knygos.
Anušauskas Arvydas, verantwortlicher Redakteur, 2004: Entwicklung und Methoden des Widerstands. – Ziviler Widerstand in Litauen und Polen: Zusammenhänge und Besonderheiten 1939–1956, Vilnius: Lietuvos gyventojų genocido ir rezistencijos tyrimo centras.
Baudrillard Jean 2002: Simulakren und Simulation, Vilnius: Baltos lankos.
Brazauskas Algirdas 2010: Und damals arbeiteten wir für Litauen, Vilnius: Knygiai.
Čepaitienė Aušolė 2013: Ethnografie des Lebens: Orte, Strukturen und Zeit. Das sich wandelnde Litauen im 20. Jahrhundert, Vilnius: Lietuvos istorijos institutas.
Čepaitienė Rasa 2007: Erinnerung an die Sowjetzeit – zwischen Ablehnung und Nostalgie. – Lituanistica 4(72), 36–50. Online verfügbar: http://mokslozurnalai.lmaleidykla.lt/publ/0235-716X/2007/4/Lit_036_050.pdf.
Jakonytė-Kvedarienė Loreta 2015: Das Familienbild in der litauischen Literatur der Sowjetzeit, Vilnius: Lietuvių literatūros ir tautosakos institutas.
Juknevičius Stanislovas 2022: Eine archetypische Geschichte der Mentalitäten: Sowjetlitauen, Vilnius: Lietuvos kultūros tyrimų institutas.
Kalėda Algis, Kmita Rimantas, Satkauskytė Dalia 2019: Litauische Literatur der Sowjetzeit. Phänomene und Begriffe, Vilnius: Lietuvių literatūros ir tautosakos institutas.
Klumb y tė Neringa 2004: Menschen am Rand der Gegenwartsgeschichte: Erinnerungen an die Sowjetzeit und Alltagserfahrungen in ländlichen Gemeinschaften. – Politologie 3(35), 63–83. Online verfügbar: https://www.ceeol.com/search/viewpdf?id=191351.
Kuodytė Dalia, Tracevskis Rokas 2013: Der unbekannte Krieg. Bewaffneter antisowjetischer Widerstand in Litauen 1944–1953, Vilnius: Genocide and resistance research center of Lithuania.
Lankauskas Gediminas 2006: Über das sensorische Gedächtnis des Sozialismus. – Ethnologie Litauens: Studien der Sozialanthropologie und Ethnologie 6(15), 47–72.
Laurinavičius Česlovas, wissenschaftlicher Redakteur, 2013: Nationalismus als verbindendes Element der Epochen: (De-)Konstruktion der Nation im zwischenkriegszeitlichen, sowjetischen und postsowjetischen Litauen, Vilnius: Lietuvos istorijos institutas.
Leinartė Dalia 2022: Ungeplantes Leben. Familie im sowjetischen Litauen, Vilnius: Aukso žuvys.
Leinartė Dalia, Žilinskienė Laima, Kraniauskienė Sigita, Šutinienė Irena, Gečienė Ingrida 2014: Erinnerung an die Sowjetzeit in Lebensgeschichten, Vilnius: Vilniaus universiteto leidykla.
Straipsniai / Articles
247
Page 22AURELIJA GRITĖNIENĖ
L u b e c k a A n n a 2013: Das polnische Ritualjahr – eine Reflexion über die polnische Kulturpolitik. – Estland und Polen: Kreativität und Tradition in der kulturellen Kommunikation 2: Perspektiven nationaler und regionaler Identität, herausgegeben von L. Laineste, D. Brzozowska, W. Chłopicki, Tartu: ELM Scholary Press, 83–98.
M a ž e i k i s G i n t a u t a s 2010: Propaganda und symbolisches Denken, Kaunas: Vytauto Didžiojo universitetas. Online verfügbar: http://talpykla.elaba.lt/elaba-fedora/objects/elaba:4575266/datastreams/MAIN/content.
MTINT – Korpus des ideologischen Narrativs der modernen Identität: Fortlaufend online wissenschaftlich systematisierter Datensatz, herausgegeben von V. ČižiK-Prokaševa, A. Gaidienė, A. Gritenienė, L. Vaičiulytė-Semenienė, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2018–2021. Online verfügbar: http://publicistikos-tekstynas.lki.lt.
N i k ž e n t a i t i s A l v y d a s, herausgegeben von, 2013: Politik von Erinnerung und Geschichte in Litauen. – Die Vielschichtigkeit der Erinnerung. Stadt, Staat, Region, Vilnius: Lietuvos istorijos institutas, 517–538.
P a u k š t y t ė - Š a k n i e n ė R a s a 2016: Familie und Kalenderfeste im sowjetischen Litauen. – Ethnologie Litauens 16(25), 9–31.
P o c i u s M i n d a u g a s, herausgegeben von, 2018: Die Sowjetisierung Litauens 1947–1953: Dokumente des ZK der KPdSU (B), Vilnius: Lietuvos istorijos institutas.
P u t i n a i t ė N e r i j a 2007: Die ununterbrochene Saite: Anpassung und Widerstand im sowjetischen Litauen, Vilnius: Aidai.
R a m o n a i t ė A i n ė 2013: Wer sehnt sich nach der Sowjetzeit? Der Einfluss von wirtschaftlichem Status, sozialem Umfeld und Wertorientierungen auf die sowjetische–antisowjetische Trennlinie in Litauen. Soziologie. Gedanke und Handlung 2(33), 265–285. Online verfügbar: https://www.ceeol.com/search/viewpdf?id=103868.
S a b o n i s A r v y d a s, S a b o n i s S t a s y s, herausgegeben von, 1992: Der Schriftsteller und die Zensur, Vilnius: Vaga.
S a t k a u s k y t ė D a l i a, herausgegeben von, 2015: Zwischen Ästhetik und Politik: Litauische Literatur in der Sowjetzeit, Vilnius: Lietuvių literatūros ir tautosakos institutas.
S ė d a i t y t ė E d i t a 2017: Historiografie der sowjetischen Zensur: wichtigste Forschungsrichtungen und Zensurkonzepte. – Knygotyra 69, 84–102. Online verfügbar: file:///C:/Users/Dell/Downloads/24603698.pdf.
Š l i a v a i t ė K r i s t i n a 2010: Deindustrialisierung, soziale Unsicherheit und Überlebensstrategien im postsowjetischen Raum: der Fall Visaginas. – Ethnologie Litauens: Studien der Sozialanthropologie und Ethnologie 10(19), 93–116. Online verfügbar: https://etalpykla.lituanistikadb.lt/fedora/objects/LT-LDB-0001:J.04~2010~1367175701116/datastreams/DS.002.0.01.ARTIC/content.
2 4 8
A c t a L i n g u i s t i c a L i t h u a n i c a XC
Page 23Sovietinės Lietuvos vaizdinys Moderniosios tapatybės ideologinio naratyvo tekstyne
Šutinienė Irena 2020: Zwischen Sozialismuskritik und Kindheitsnostalgie: Erinnerung an die Sowjetzeit in den Lebensgeschichten der Generation der siebziger Jahre. – Soziologie. Gedanke und Handlung 1(46), 7–28. Online verfügbar: https://www.zurnalai.vu.lt/sociologija-mintis-ir-veiksmas/article/view/22616/21839.
Švedas Aurimas 2009: In der Gefangenschaft der Matrix. Die Historiografie der litauischen Sowjetzeit (1944–1985), Vilnius: Aidai.
Tin inis Vytautas 1994: Sowjetlitauen und seine Akteure, Vilnius: Enciklopedija.
Vaičiulytė-Semėnienė Loreta, Čižik-Prokaševa Veslava, Gritėnienė Aurelija, Liutkevičienė Danutė, Gaidienė Anzelika 2022: Litauens Nachbarn: Freunde oder Feinde? Vilnius: Lietuvių kalbos institutas.
Vaiseta Tomas 2014: Die Gesellschaft der Langeweile. Alltag und Ideologie in der späten Sowjetzeit (1965–1984), Vilnius: Lietuvių katalikų mokslo akademija.
Walicki Andrzej 2005: Marxismus und der Sprung in das Reich der Freiheit: Die Geschichte der kommunistischen Utopie, Vilnius: Mintis.
Venclauskienė Laima 2016: Homo sovieticus: Merkmale des Porträts des grauen und kahlen Menschen in der Presse des sich befreienden Litauens. – Darbai ir dienos 65, 143–162. Online verfügbar: https://www.vdu.lt/cris/bitstream/20.500.12259/31395/1/ISSN23358769_2016_N_65.PG_143–162.pdf.
VLEe – Allgemeine litauische Enzyklopädie, elektronische Fassung, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos centras, 2001–2020. Online verfügbar: https://www.vle.lt.
Zijderveld Anton 1979: On Cliches: The Supersedure of Meaning by Function in Modernity, London, Boston, Henley: Routledge and Kegan Paul.
Žilinskienė Laimutė, Kraniauskienė Sigita, Šutinienė Irena 2016: Im Sozialismus geboren: die erste Generation der Sowjetzeit, Vilnius: Vilniaus universitetas.
Das Bild Sowjetlitauens im Korpus des ideologischen Narrativs der modernen Identität
ZUSAMMENFASSUNG
2018 gründete das Institut für litauische Sprache das Korpus des ideologischen Narrativs der modernen Identität. Eine Suche in den Texten des Korpus aus der Sowjetzeit (in der „Tiesa“ von 1945 und 1962 sowie in der „Komjaunimo Tiesa“ von 1956–1957) hat
Straipsniai / Articles
249
Page 24AURELIJA GRITĖNIENĖ
798 Belege mit Erwähnungen Litauens ergeben. Der Artikel zielt darauf ab, die für die linguistische Untersuchung ausgewählten Sätze aus der sowjetischen Propagandapresse zu analysieren und zu untersuchen, welches Bild Sowjetlitauens sich aus dem in der damaligen Presse gedruckten Material zusammensetzen lässt, wie viel Wahrheit und wie viel verzerrte oder sogar von Propagandisten neu konstruierte Realität dieses Bild enthält und wie journalistische Texte jener Zeit Sowjetlitauen (re)konstruieren. Bei der Analyse von Pressetexten aus der Sowjetzeit muss man stets berücksichtigen, dass die Menschen damals sozusagen ein Doppelleben führten: ein von der kommunistischen Ideologie konstruiertes und in der Öffentlichkeit geschaffenes und aufrechterhaltenes Leben; das andere ein nicht öffentlich gezeigtes Privatleben im eigenen Zuhause; daher erkennen wir, wenn wir die Presse jener Zeit durch die Linse des 21st. Jahrhunderts betrachten, einen deutlichen Gegensatz zwischen der Propaganda und den Realitäten der Sowjetzeit. Die semantische Analyse der ausgewählten Sätze hat gezeigt, dass die sowjetische Presse bemüht war, ein äußerst positives Bild eines idealen Litauens zu vermitteln. Dieses Bild wird mit den standardisierten Klischees der sowjetischen Propaganda gezeichnet, wobei das Leben „glücklicher“ Menschen in einem „glücklichen“ Land des sowjetischen Systems in pathetischem Stil dargestellt wird. Das ideale Bild Sowjetlitauens besteht aus folgenden wesentlichen Aspekten: der Verunglimpfung der jüngsten Vergangenheit; der Gegenüberstellung des „dunklen“, „armen“ und „rückständigen“ bürgerlichen Litauens mit dem hellen und aufblühenden neuen Sowjetlitauen; der Benennung der wichtigsten Freunde sowie der inneren und äußeren Feinde; der Verherrlichung der wirtschaftlichen, kulturellen und sonstigen Errungenschaften des Landes. In der Nachkriegspresse, insbesondere in der „Tiesa“ von 1945, wurde das faschistische Deutschland als wichtigster äußerer Feind Litauens bezeichnet; sein größter innerer Feind waren die Banden bürgerlicher Nationalisten, gegen die erbittert gekämpft wurde. Die Ideologen behaupteten, Litauen unterhalte in erster Linie brüderliche Beziehungen zum großen russischen Volk und baue zudem feste Freundschaftsbande zu anderen Völkern der Sowjetunion und zu anderen sozialistischen Staaten auf. Die sowjetlitauische Presse mit ihren hohen Auflagen erzog ihre Bürger dazu, sich der Gefühle von Dankbarkeit, Liebe, Unterstützung und anderer Emotionen gegenüber der Roten Armee, die Litauen die Freiheit „geschenkt“ hatte, gegenüber Genossen Stalin, der Sowjetunion und ihren brüderlichen Völkern sowie insbesondere dem großen russischen Volk nicht zu schämen.
Die sowjetische Presse legte großen Wert auf den Fortschritt Litauens und betonte stets, wie wichtig es sei, die Pläne und Verpflichtungen zu erfüllen und zu überbieten, aktiv am Aufbau des Kommunismus, am gesellschaftlichen Leben und am Wettbewerb teilzunehmen. Die in der Analyse berücksichtigten Beispiele zeigen deutlich, dass die litauischen Menschen jener Zeit ein sehr intensives und aktives Leben führten. Die ideologische Presse jener Zeit betrieb eine groß angelegte Propagandakampagne und behauptete, die in der sozialistischen Gesellschaft lebenden Menschen Litauens seien satt, glücklich und frei, obwohl die Realität völlig anders war; folglich ist eine deutliche Kluft zwischen dem, was die offizielle sowjetische Presse darstellte, und dem tatsächlichen Bild der tristen litauischen Wirklichkeit erkennbar.
Eingegangen am 13. Januar 2024.
AURELIJA GRITĖNIENĖ
Institut für litauische Sprache
Petro-Vileišio-Straße 5, LT–10308, Vilnius, Litauen
[email protected]
250
Acta Linguistica Lithuanica XC