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Zum Verständnis der Eindeutigkeit wissenschaftlicher Termini

STASYS KEINYS

SCHLÜSSELWÖRTER: Terminus, wissenschaftlicher Terminus, Terminologie, Eindeutigkeit

Als ich mich daran setzte, diesen Artikel zu schreiben, tauchten aus irgendeinem Winkel meines Gedächtnisses die Worte des Schriftstellers, Literaturprofessors und Nobelpreisträgers Česlovas Milošas aus Šeteniai (bei Kalnaberžė) auf: „<...>einen Vogel zu benennen und in Buchstaben einzuschließen, ist beinahe dasselbe, wie ihn für immer zu besitzen“ (Milošas 1991: 124). Ich freute mich, dass dieser Gedanke zu einer umfassenderen Betrachtung der Termini passen könnte. Denn in den fünf Jahrzehnten, in denen ich mich unmittelbar mit Termini und Terminologie beschäftigt habe, ist mir nicht selten zu Ohren gekommen und begegnet, dass ein Terminus für alle Benutzer und beinahe für alle Zeiten ein und derselbe sein müsse. Dasselbe hinsichtlich Ausdruck und Bedeutung, also wie die Bezeichnung eines Vogels, mit einem Ausdruck und einer Bedeutung. Hier sind zwei von vielen möglichen Belegen dafür.

Erstens. Genau vor hundert Jahren sagte der Arzt Kazys Grinius, im Volksmund Doktor genannt, auf der Vollversammlung der Litauischen Wissenschaftlichen Gesellschaft (der damaligen Akademie der Wissenschaften) in seiner Erläuterung der Frage „Was kann man von der wissenschaftlichen Terminologie verlangen?“ zunächst: „Für jeden Begriff soll es eine Bezeichnung, ein Wort geben, denn ein wissenschaftlicher Terminus ist ein echtes nomen proprium und darf nur eines sein1“ (Grinius 1914: 432–433).

Ein zweiter Beleg lautet: „Ein Terminus ist sozusagen ein kleines Zitat. Nach den Zitierregeln muss ein Terminus in sämtlichen wissenschaftlichen Arbeiten eines bestimmten Wissensgebiets dieselbe Bedeutung behalten“, so lehrte der Philologieprofessor Jurij Roždžestvenskis (Рождественский 1979: 141) vor etwa dreißig Jahren die Studierenden in der damals erschienenen Einführung in die Allgemeine Philologie an der Michail-Lomonossow-Universität Moskau.

Man kann sagen, dass die hier erwähnte Eindeutigkeit des Terminus seit Langem angestrebt wird; als man jedoch begann, nicht nur Erzeugnisse, sondern auch deren eigene

1Die Zitate wurden sprachlich nicht korrigiert; lediglich an einigen Stellen wurde die Akzentuierung ergänzt.

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und die Bezeichnungen ihrer Teile zu erreichen, wurde zu einer der wichtigsten Anforderungen der Terminologie. Es überrascht nicht, dass dies in ihren terminologischen Arbeiten besonders jene Ingenieure hervorhoben, die seit dem vierten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts im Bereich der Standardisierung tätig waren: der Russe Dmitrijus Lotė (1898–1950), der Österreicher Eugen as Viusteris (1898–1977) und der Lette Ernestas Drezenas (1892–1937), der zur selben Zeit Standardisierungsarbeiten in Russland verrichtete. Die vor allem auf Logik beruhende Begriffstheorie der beiden Erstgenannten ist bis heute lebendig, obwohl nach dem Zweiten Weltkrieg Linguisten, zumindest ein Teil von ihnen, die Fachsprache und Terminologie eingehender zu untersuchen begannen und die Strenge dieser Anforderungen erheblich milderten. Denn die Sprache verfügt über ein gemeinsames System von Bedeutungen und Ausdrucksweisen, das sich über Hunderte, mit den Protosprache(n) sogar über Tausende von Jahren herausgebildet und das Bewusstsein ihrer Sprecher durchdrungen hat und sowohl der allgemeinen als auch der Fachsprache zugrunde liegt; dieses System zu vergewaltigen und von außen auferlegten Anforderungen entsprechend zu verändern, ist für die Gesellschaft, die Sprecher dieser Sprache, keine nützliche Arbeit. Das erkannte auch der fast zur selben Zeit, ja sogar ein wenig früher wirkende Zeitgenosse der genannten Ingenieure, unser Philosoph und Terminologe, Professor Stasys Šalkauskis (1886–1941), sehr gut und brachte es zum Ausdruck. In seiner Studie zur Terminologietheorie, die damals in der Vorkriegszeitschrift Logos veröffentlicht und nun in den Schriften nachgedruckt wurde, schrieb er: „<...> und in die wissenschaftliche Terminologie aufgenommene Wörter erstarren semantisch nicht, sondern unterliegen einer weiteren Entwicklung, die niemals endet, solange die Sprache im Geist des Volkes lebendig ist“ (Šalkauskis 1991: 43).

Bei der Erörterung der Frage nach der Eindeutigkeit sowohl des Wortes als auch des Terminus sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass die Wörter vienareikšmis, vienareikšmiškas und vienareikšmiškumas selbst nicht eindeutig sind. Im Wörterbuch der Gegenwartssprache Litauens werden seit der zweiten Auflage zwei Bedeutungen dieser Wörter unterschieden, je nachdem, ob die betreffende Sache erstens nur eine Bedeutung hat und zweitens dieselbe Bedeutung besitzt (DŽ 1972: 934). Offenbar sind beide Bedeutungen gemeint, wenn über die Semantik von Termini gesprochen oder geschrieben wird. Und obwohl bei der Aufzählung der Merkmale von Termini gewöhnlich oder zumindest meist nur die Ein-Bedeutungs-Eigenschaft genannt wird, wird im oben angeführten Zitat aus dem Buch von J. Rožd estvenskis gerade das Beibehalten d e r s e l b e n Bedeutung betont (der Genauigkeit halber wird das Zitat hier in der Originalsprache wiederholt): «Термин является как бы минимальной цитатой. По правилам цитирования термин должен сохраняться в одном и том же значении во всех научных сочинениях, принадлежащих к определенной области знания.» Genau genommen ist die kategorische Formulierung dieses Autors nicht leicht zu verstehen, denn er schreibt nicht über den isoliert betrachteten Terminus als Einheit bzw. Bestandteil eines bestimmten Systems, nicht über die Empfehlung oder Festlegung eines Terminus, sondern über seinen Gebrauch.

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Diese beiden Fälle des Bestehens von Termini – Festlegung und Empfehlung einerseits, Gebrauch andererseits – sollte man bei der terminologischen Arbeit und in wissenschaftlichen Untersuchungen stets im Blick behalten. In Arbeiten zur Empfehlung und Festlegung, das heißt in Terminologiewörterbüchern, Enzyklopädien, Normen usw., wird der Terminus gleichsam erstarrt, verfestigt; sein Bedeutungsgehalt wird angegeben. Hier lässt er sich leicht so darstellen, wie man es möchte: eindeutig, synonymfrei usw. Leben aber verleiht dem Terminus der Benutzer; und er, vor allem der Verfasser eines wissenschaftlichen Textes (neben ihm sollte man den Rezipienten – den Zuhörer oder Leser – nicht vergessen), entscheidet, ob der Terminus genau so gebraucht (und verstanden) wird, wie es derjenige oder diejenigen festgelegt haben, die ihn empfehlen, oder ob seine Bedeutung in irgendeiner Hinsicht eingeschränkt, erweitert, übertragen oder präzisiert wird. Schließlich glauben wir doch nicht, dass Terminologen im Gegensatz zu allen anderen Menschen unfehlbare Allwissende seien, die besser als alle anderen die mit Termini bezeichneten Sachverhalte zu erfassen und zu benennen vermögen.

St. Šalkauskis hatte den betreffenden Sachverhalt bemerkt und treffend so ausgedrückt: „Die semantische Entwicklung der Terminologie findet ihre Grundlage in der Tatsache, dass jedes Wort durch den Kontext, in dem es gebraucht wird, eine eigene Färbung erhält“ (Šalkauskis 1991: 43). Und etwas weiter führte er aus: „Man muss sich sogar klar vor Augen halten, dass die Natur der Sprache selbst keineswegs verlangt, die Bedeutung und den Sinn von Wörtern so streng festzulegen, dass keine Freiheit mehr bleibt, diese Wörter auf besondere Weise zu verwenden, wie es die Eigenheiten neuer Kontexte erfordern können. Eine Erstarrung der Wortbedeutungen und -sinne in den eisernen Grenzen eines ein für alle Mal festgelegten Wörterbuchs würde den freien Lauf des menschlichen Denkens so sehr einschränken, dass seine intellektuelle Initiative darunter stark zu leiden hätte“ (Šalkauskis 1991: 44).

Man könnte meinen, dass dies auf den genannten Gegensatz zwischen der Auffassung und dem Verständnis der Ingenieure und allgemein der Vertreter der sogenannten exakten Wissenschaften einerseits und des Philosophen und allgemein der Geisteswissenschaftler andererseits hindeutet, der sich aus den unterschiedlichen Gegenständen, der Eigenart und den Bedürfnissen dieser Wissenschaften ergibt. Doch die Philosophie ist nicht nur eine einzelne Wissenschaft, sondern auch die allgemeine Methodologie der Wissenschaft, und Entwicklung ist allen Wissenschaftsbereichen ebenso eigen wie dem gesamten Sein. Auch die Sprache und ihre Terminologie bilden keine Ausnahme.

Übrigens werden in unseren Terminologiewörterbüchern Termini gewöhnlich ohne Gebrauchsbeispiele angeführt; auch die Autoren wissenschaftlicher Arbeiten erläutern ihre abweichenden oder veränderten Bedeutungen im tatsächlichen Gebrauch häufig nicht. Daher müssen die Leser oder Zuhörer selbst herausfinden, was mit einem solchen Terminus mitgeteilt werden sollte.

Man muss sagen, dass die allgemeine Aussage, Termini müssten eindeutig sein und ihre Mehrdeutigkeit sei ein Mangel der Terminologie, von nicht wenigen Fachleuten verschiedener Gebiete ganz direkt als Dogma verstanden und begonnen wird, sie

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auf die gesamte Terminologie der Sprache anzuwenden. Einem Streben nach solcher vollständigen, absoluten Eindeutigkeit kann man jedoch nicht zustimmen, denn ihre Einführung würde eine gewaltige Umwälzung der Terminologie erfordern und, wie bereits erwähnt, ein über lange Zeit gewachsenes und im Bewusstsein der Sprachbenutzer verwurzeltes Benennungssystem zerstören. Gibt es wirklich Menschen, die möchten, dass der Terminus šaknis nur in der Botanik und vielleicht noch im Pflanzenbau verwendet wird, und die Linguisten, Anatomen und Fachleute anderer Gebiete dafür tadeln, dass sie diesen Terminus der Pflanzenkunde durch Bedeutungsübertragung ihren eigenen Wissenschaften angepasst haben? Ob man einander dadurch leichter verstehen würde, wenn das Wort taškas nur die in der Alltagssprache übliche Bedeutung „rundes Zeichen, Fleckchen“ hätte (LKŽ XV 982) und für die Sprachwissenschaft, Mathematik, Physik, Technik, den Sport und andere Bereiche jeweils andere Bezeichnungen erfunden oder entlehnt würden? Gewiss verfügt die Sprache über Mittel und Möglichkeiten, eine solche Umwälzung des Wortschatzes nach Belieben herbeizuführen; doch auch die Bedeutungsübertragung und Anpassung von Wörtern oder Termini ist eine der charakteristischsten Möglichkeiten, den Bedürfnissen des Benennens gerecht zu werden. Außerdem schützt dieses Verfahren die Sprache vor einer Flut von Neubildungen und/oder Entlehnungen aus anderen Sprachen und ist daher ökonomisch für die Sprache und für den Benutzer sehr bequem: Ein geläufiges Wort oder einen Terminus zu verwenden, auch wenn seine Bedeutung verändert und einem anderen Bereich angepasst wurde, ist viel einfacher, als eine neue, gänzlich unbekannte und in der Sprache nicht motivierte Entlehnung oder eine – wie es häufig vorkommt – untypisch gebildete Neubildung zu erfassen und sich einzuprägen.

Realitätsnäher erscheint die Forderung nach Eindeutigkeit eines Terminus – oder, wie ich meine, treffender gesagt, der Wunsch danach – innerhalb des Fachgebiets oder Systems, dem er terminologisch angehört. Üblicherweise werden dabei auch eng verwandte Gebiete berücksichtigt; Fälle jedoch, in denen Termini, die in unterschiedlichen Gebieten gebraucht werden, genau dieselbe Bedeutung haben sollten, sind offenbar selten oder sogar sehr selten. Aus der Not heraus ließen sich hier beispielsweise Bezeichnungen für Sprachorgane anführen, die aus der anatomischen Nomenklatur oder vielleicht auch unmittelbar aus der lebendigen Alltagssprache in die Linguistik (vor allem in die Phonetik, also die Lautlehre) übernommen wurden (wohl niemand würde einen Linguisten dafür loben, für diesen Zweck Neubildungen zu schaffen oder Entlehnungen aus einer anderen Sprache zu verwenden). Doch gleich darauf verwendet so mancher Phonetiker, als hätte er seine eigenen Bezeichnungen für die Artikulationsorgane vergessen, für die Benennung der mit diesen Organen gebildeten Laute eingebürgerte Lehnadjektive dentalinis „dental“, labialinis „labial“, nazalinis „nasal“, uvuliarinis „uvular“ usw. sowie entlehnte Bezeichnungen für die entsprechenden Erscheinungen, etwa labializacija, nazalizacija usw. Gewiss ist dies eine andere Frage, nämlich die der Eindeutigkeit von Termini, und gehört daher nicht in diesen Aufsatz; sie lässt sich jedoch keineswegs davon trennen, denn Ausdruck und Bedeutung bilden eine Einheit aus zwei Seiten, zwei notwendige Seiten desselben Zeichens, ohne die es nicht bestehen könnte.

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Die Übertragung eines Terminus in einen anderen Bereich hängt meist damit zusammen, dass seine Bedeutung angepasst, präzisiert oder verändert wird. Und wohl nicht selten kann der Wunsch entstehen, solche partiellen (einzelnen Fachgebieten zugeordneten) Termini zu einem eine allgemeinste Bedeutung tragenden, sozusagen übergeordneten Terminus zusammenzuführen. Denn es scheint offensichtlich, dass das aus der Biologie in die Sprachwissenschaft und einige andere Wissenschaften übernommene Terminbestandteil morfologija zu einem solchen übergeordneten Terminus geworden ist, der „Wissenschaft von den Formen“ bedeutet, während in diesen Fachgebieten und ihren Teilbereichen Termini mit einer entsprechend dem untersuchten Gegenstand eingeengten Bedeutung verwendet werden, zum Beispiel augalų morfologija, gyvūnų morfologija, kalbos (žodžių) morfologija, kraujo morfologija, die Einworttermini citomorfologija „Zellmorphologie“, geomorfologija „Erdmorphologie“ usw. Übrigens ist es zumindest in den erklärenden Wörterbüchern unserer Sprache und ebenso in Enzyklopädien üblich, nur die einzelnen, nach Fachgebieten aufgegliederten Bedeutungen anzuführen. Vielleicht liegt das daran, dass es offenbar noch keine Wissenschaft der allgemeinen Morphologie gibt. Doch sollte dies der Unterscheidung von Wortbedeutungen nicht im Wege stehen.

Wenn wir versuchen, die besprochenen Sachverhalte zu verstehen, gelangen wir in den Bereich der Bedeutungsbeziehungen zwischen Termini der allgemeinen Wissenschaft und anderer umfassenderer Bereiche (auch solche allgemeinen Termini, die gewöhnlich die weiteste Bedeutung haben, könnten wir bestehende, echte, übergeordnete Termini nennen), ebenso wie zwischen interdisziplinären Termini einerseits und Termini einzelner Wissenschaftsgebiete und ihrer Teilbereiche andererseits – also, anders gesagt, zu den Verknüpfungen von Termini mit weiterem und engerem Geltungsbereich mit der Eindeutigkeit und Uneindeutigkeit. Beispielsweise ist das Wort forma ein allgemeiner Terminus aus Wissenschaft, Technik und Kunst, der im weitesten Sinne in der Philosophie verwendet wird: „Element der Wirklichkeit und des Erkenntnisprozesses, das erkennbaren Objekten Individualität und Identität verleiht“ (VLE VI 187). In einzelnen Tätigkeitsbereichen und ihren Teilgebieten wird dieser Terminus allein oder als Bestandteil zusammengesetzter Termini mit entsprechend angepasster und definierter Bedeutung verwendet; so hat forma in der Sprachwissenschaft meist zwei Bedeutungen: die weitere „Ausdruck, Ausdrucksform“ und die engere, konkretere „Genus“ (vgl. EWJP 1978: 89; DL 1980: 222–223; KTŽ 1990: 65, 75, 88, 166, 241; Булыгина, Крылов 1990: 557–558).

Sowohl aus der weiteren als auch aus der engeren semantischen Perspektive auf den Terminus eines einzelnen Fachgebiets oder Teilbereichs hängt es davon ab, wie viele und wie weit gefasste Bedeutungen einem einzelnen Terminus oder einer Gruppe von Termini zugewiesen werden, wie die terminologische Bedeutung verstanden und abgegrenzt wird, in welcher Beziehung sie zum bezeichneten Begriff, zu dessen Umfang und zur Bezeichnung selbst steht und inwieweit bei der Benennung systemische Tendenzen des Wortschatzes der Sprache berücksichtigt werden. So ist es in der heutigen Standardsprache üblich, dass von Berufsbezeichnungen für Personen mit dem Suffix -ystė abgeleitete Wörter und Termini die Theorie und Praxis (Wissenschaft und Gewerbe) des jeweiligen Bereichs oder Teilbereichs bezeichnen

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und zwar zum Beispiel: bitininkystė, daržininkystė, gyvulininkystė, jūrininkystė, oreivystė, paukštininkystė, žemdirbystė usw. In der Terminologie gibt es jedoch Ausnahmen: Neben miškininkystės hat man vielleicht, weil die Mehrdeutigkeit des Terminus als zu stark empfunden wurde, vielleicht aus Gründen der Würde der Wissenschaftler oder wegen beider Umstände zugleich, vielleicht aber auch aus einem anderen Grund, die Wissenschaftsbezeichnung miškotyra geschaffen, und daraus auch das Wort miškotyrininkas für eine forschende Person. Vor einiger Zeit wurde auch vorgeschlagen, bibliotekininkystės die wissenschaftliche Bedeutung zu nehmen und diese Wissenschaft bibliotekotyra oder sogar bibliotekologija zu nennen. Um ehrlich zu sein, ist es sehr fraglich, ob es sich lohnt, die etablierte benennende Ordnung der Sprache mit solchen Neubildungen zu erschüttern.

Man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass in terminologischen Nachschlagewerken nicht unbedingt alle Bedeutungen der aufgeführten Termini angegeben werden. Als ich beispielsweise vor etwa drei Jahrzehnten gemeinsam mit Kazimieras Gaivenis für ein Wörterbuch sprachwissenschaftlicher Termini eine Reihe zugänglicher terminologischer Wörterbücher mehrerer Sprachen durchgesehen hatte, war ich erstaunt, dass die Bezeichnung jeder Wortart darin nur als grammatische Wortklasse erklärt wurde, während die ebenso alte, in Arbeiten zur Sprachwissenschaft und in der sprachlichen Praxis jedoch weitaus häufigere Bedeutung eines einzelnen Wortes dieser Klasse unerwähnt blieb. Wir vereinbarten, die Termini dieser Gruppe im Wörterbuch mit zwei Bedeutungen aufzunehmen (übrigens wurden wir dafür nach Erscheinen des Wörterbuchs von nicht wenigen Sprachwissenschaftlern gelobt).

Sowohl Terminologiewörterbücher als auch insbesondere der Gebrauch in der Fachsprache zeigen, dass ein Teil der Termini mehr als eine Bedeutung hat. Besonders kennzeichnend ist dies für allgemeine Wissenschaftstermini und Termini einzelner Wissenschaften. Unter den in sprachwissenschaftlichen Arbeiten verwendeten Termini ist der Grundterminus kalba ein besonders offensichtlicher Beleg für Mehrdeutigkeit: Im Litauischen wird damit meist nicht nur die berühmte Dreiergruppe von Ferdinand de Saussure bezeichnet, langue, parole, langage, sondern auch eine ganze Reihe weiterer Bedeutungen. Der russische Philosoph und Philologe, Professor Aleksej Losev, erörterte 1978 in einem veröffentlichten (1982 nachgedruckten) Aufsatz mit dem Titel „Die Mehrdeutigkeit der Termini in den Theorien des Zeichens und des Symbols“ die Polysemie von Termini aus der Geisteswissenschaft. Darin schrieb er: „Termini wie ženklas, reikšmė, struktūra, modelis, simbolis haben im Gebrauch verschiedener Autoren Dutzende unterschiedlicher Bedeutungen. Man sollte nicht meinen, dass auf diesem Gebiet zwingend eine einzige Terminologie gelten müsse, die andere terminologische Prinzipien ausschlösse. Das Einzige, was man von Autoren verlangen kann, ist, dass sie bei der Verwendung des einen oder anderen Termsystems ihre Terminologie konsequent einhalten und nicht jedes Mal zwischen ihrem eigenen und irgendeinem anderen Termsystem hin- und herspringen“ (Лосев 1982: 220).

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Es gibt außerdem – unabhängig davon, ob Terminologieempfehlungen befürwortet oder missbilligt werden – nicht nur allgemeine, sondern auch partielle Bedeutungen, die von Vertretern bestimmter Fachgebiete und anderer Bereiche, von Richtungen, Strömungen, Schulen und sogar einzelnen Autoren verwendet werden; schließlich gibt es Bedeutungen, die nur bestimmten Texten oder Textgruppen eigen sind und wohl meist weder empfohlen noch ausdrücklich verworfen werden. Sie sind schlicht vorhanden und werden durchaus häufig verwendet. Über solche individuellen Bedeutungen von Termini, die er selbst verwendete, sprach Professor Algirdas Julius Greimas 1971 in einer Vorlesung mit dem Titel „Probleme der allgemeinen Semiotik“ an der Universität Vilnius: „Wenn ich zunächst Wertesysteme als Axiologien von den Organisationen des Funktionierens von Werten unterscheide, die ich Ideologien nenne, so ist das meine persönliche Terminologie, und ich bitte, sie nicht als ein heiliges Wort aufzufassen. Ich will nur sagen, dass es hier zweckmäßig ist, eine Sache von der anderen zu unterscheiden, nämlich ein Wertesystem als statisches System (ich nenne es Axiologie) von einem Wertesystem, das den Menschen als Tätigkeitsmodell gegeben ist und das ich Ideologie nenne. Das entspricht nicht unbedingt den Unterscheidungen, die die Soziologie trifft“ (Greimas 1991: 48). Diese terminologische Anmerkung des berühmtesten und in der Wissenschaftswelt bekanntesten litauischen Wissenschaftlers stimmt hervorragend mit dem Vorhaben und dem Hauptgedanken dieses Artikels überein: Wissenschaftliche Termini sollten nicht in enge, für alle verbindliche Rahmen allgemeiner Eindeutigkeit gepresst werden, denn terminologische Grundsätze sind keine militärischen Dienstvorschriften und Wissenschaftler keine blinden Vollstrecker. Andernfalls wäre Wissenschaft keine schöpferische Tätigkeit und auch kein Mitgestalter sprachlichen Schaffens.

Die Sprache der Wissenschaft umfasst viele eindeutige und viele unterschiedlich verstandene und erklärte Termini. Die Ursachen dafür sind vielfältig, ebenso die Erscheinungsformen. Ich hatte weder die Absicht noch die Hoffnung, in diesem Artikel eine Problematik der Eindeutigkeit und Vieldeutigkeit von Termini zu erfassen, die wohl mehr als ein Buch füllen könnte. Es ging lediglich darum, die Problematik dieses Gegenstands anhand eines einzelnen Bereichs – der Wissenschaft – zu erörtern und die Verwender, Schöpfer und Bearbeiter wissenschaftlicher Termini daran zu erinnern, dass in der terminologischen Forschung ebenso wie in der praktischen Terminologiearbeit Wörter mit gebieterischer Bedeutung wie reikalavimas, draudimas, privaloma, negalima nicht immer passend sind und dass wir wohl nicht immer selbst wissen, ob ein Terminus tatsächlich eindeutig ist und erst recht nicht, ob er auch nach einiger Zeit noch dieselbe und nur eine Bedeutung haben wird. Denn die Wissenschaftssprache und damit auch ihre Termini verändern sich mit der Entwicklung der Wissenschaft; sie verändern sich heute wie eh und je. Denn, um Romualdas Granauskas’ Worten aus dem Beitrag „Zwölf Raben, die um Daukantas herumlaufen“ zu zitieren: „<...> Wissenschaft ist auch Freiheit, Unwissenheit aber sind eiserne Ketten um den Hals und eichene Holzklötze an den Füßen“ (Granauskas 1995: 272).

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LITERATŪRA

DL 1980: Dictionnaire de linguistique par J. Dubois, M. Giacomo, L. Guespin, Chr. Marcellesi, J.-B. Marcellesi, J.-P. Mével, Paris: Librairie Larousse.

DŽ 1972: Dabartinės lietuvių kalbos žodynas. II papildytas leidimas. Ats. red. J. Kruopas, Vilnius: Mintis.

EWJP 1978: Encyklopedia wiedzy o języku polskim. Pod redakcją St. Urbańczyka, Wrocław–Warszawa–Kraków–Gdańsk: Zakład Narodowy im. Ossolińskich Wydawnictwo.

Granauskas R. 1995: Vakaras, paskui rytas: Apsakymai ir apysakos, Vilnius: Leidybos centras.

Greimas A. J. 1991: Iš arti ir iš toli: Literatūra, kultūra, grožis, Vilnius: Vaga.

Grinius K. 1914: Apie botanikos organografijos lietuviškąją terminologiją. – Lietuvių tauta. Kn. 2, d. 3 (1912–1913). Yra ir atskiras K. Griniaus darbo atspaudas.

KTŽ 1990: Gaivenis K., Keinys St. Kalbotyros terminų žodynas, Kaunas: Šviesa.

LKŽ XV – Lietuvių kalbos žodynas 15. Vyr. red. K. Ulvydas, Vilnius: Mokslas, 1991.

Milošas Č. 1991: Isos slėnis. Vertė A. Kalėda, Vilnius: Vaga.

Šalkauskis St. 1991: Terminologijos teorija ir bendroji filosofijos terminija. – Raštai 2. Filosofijos ir pedagogikos terminija, Vilnius: Mintis.

VLE VI – Visuotinė lietuvių enciklopedija 6. Vyr. red. A. Račis, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas, 2004.

Булыгина Т. В., Крылов С. А. 1990: Форма в языкознании. – Лингвистический энциклопедический словарь. Гл. ред. В. Н. Ярцева, Москва: Советская энциклопедия.

Лосев А. Ф. 1982: Знак. Символ. Миф: Труды по языкознанию, Москва: Издательство Московского университета.

Рождественский Ю. В. 1979: Введение в общую филологию, Москва: Высшая школа.

ABOUT UNDERSTANDING THE UNAMBIGUITY OF THE TERMS OF SCIENCE

Unambiguity is usually treated as one of the important features of a term and quite often it is viewed as one of the main requirements of terms. Therefore polysemy of a term is treated as a fault. However, polysemous terms are quite frequent in term recording works (special dictionaries, encyclopaedias, etc.) as well as in scientific texts of various domains. This article deals with the problem of unambiguity of terms of science in respect of science development and naming system of the language.

First of all it is noted that the words and terms vienareikšmis (unambiguous) and vienareikšmiškumas (unambiguity) are not unambiguous themselves, because on the one hand they mean ‘having only one meaning’ and on the other hand – ‘having the same meaning’. When speaking about the unambiguity of terms often both these meanings are kept in mind, but more frequently the oneness of term meaning is emphasized.

The Lithuanian philosopher Stasys Šalkauskis (1886–1941) who published his works on terminology theory and practice from 1927 onwards gave a reasoned argument against strict restraint of the meaning of terms. In his work Terminologijos teorija (Terminology Theory) Šalkauskis wrote: “<...> ir patekę į mokslinę terminiją, žodžiai nesustingsta semantiniu atžvilgiu, o yra palenkti tolimesnei evoliucijai, kuri niekados nesibaigia, kol kalba yra gyva tautos dvasioje” (translation: “<...> and when words make their way into scientific terminology they do not freeze in semantic respect, but are inclined towards further evolution which never stops while the language is alive in the spirit of a nation”). These words are very important for the cognition of the essence of science and its language creation.

The article rejects an absolutization of unambiguity of scientific terms and argues that the main manifestation of the existence of terms is not their fixation in

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dictionaries or encyclopaedias, but scientific texts where terms are used not only in general, but also in partial meanings specific to particular domains and scientific schools as well as in some individual meanings characteristic to particular scientists or to some of their works. This is viewed as a natural thing for the language and terminology of science, because only terminology theory and practice which do not restrict the freedom of scientific creative work can facilitate the development of scientific cognition and ensure the progress of science.

К ВОПРОСУ О ПОНИМАНИИ ОДНОЗНАЧНОСТИ ТЕРМИНОВ НАУКИ

Однозначность обычно считается важной чертой терминов, нередко даже одним из основных к ним предъявляемых требований, а многозначность – недостатком терминологии. Но как в работах по фиксации научных терминов (в специальных словарях, энциклопедиях и т.п.), так и особенно в научных текстах неоднозначные термины не являются редким исключением. В настоящей статье обсуждается проблема однозначности научных терминов в контексте развития науки и номинативной системы языка.

С начала обращается внимание на факт неоднозначности самих слов и терминов vienareikšmis «однозначный» и vienareikšmiškumas «однозначность» – 1) имеющий только одно значение, 2) имеющий тождественное (неизменённое) значение. К терминологии относят оба этих значения, но чаще подчёркивается единственность значения термина.

В литовском терминоведении против строгого ограничения значения терминов аргументированно выступил философ и терминолог профессор Стасис Шалкаускіѕ (Stasys Šalkauskis, 1886–1941), с 1927 года включившийся в разработку теории терминологии и создавший словарь философских терминов. В труде по теории терминологии он писал, что после попадания в терминологию науки слова не прекращают семантического развития, которое никогда не оканчивается пока язык остаётся живым в духе народа.

Далее в статье показана несостоятельность абсолютизации однозначности научной терминологии, доказывается, что основной сферой существования терминов является не фиксация в словарях или энциклопедиях, а тексты науки, в которых термины используются не только в общих, но и в частных, в том числе свойственных для отдельных научных направлений, школ, значениях. Кроме того, термины употребляются и с индивидуальными значениями, характерными как для отдельных учёных, так и отдельным их трудам. Это считается естественным, так как только ненарушающая свободы научного творчества терминология способствует успешному развитию научного познания и самой науки.

Gauta 2013-11-12

Stasys Keinys Lietuvių kalbos institutas P. Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius E. paštas [email protected]

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