Page 1VYTAUTAS LANDSBERGIS
ZWEI UNVERÖFFENTLICHTE BRIEFE JONO JABLONSKIS’ AN VILIUS GAIGALAITIS
In der Dokumentensammlung des Johann-Gottfried-Herder-Instituts in Marburg, Deutschland (Die Dokumentesammlung des Herder-Instituts), werden in der Sammlung von P. V. Reklaitis neben weiteren litauischen Materialien zwei Briefe Jono Jablonskis’ an den Kleinlitauischen Aktivisten Vilius Gaigalaitis aufbewahrt. Sie sind unter DSHI 150 Nachlass Gaigalat 146 registriert. Der eine ist auf den 5./17. Januar 1895 datiert, der andere, eine noch etwas knappere Antwort – Weihnachten wird erwähnt –, betrifft denselben Anlass: die Feier zum zehnjährigen Bestehen des Vereins „Birutė“ in Tilsit. Den Veranstaltern lag auch der musikalische Teil am Herzen, und besonders fehlte ein „Prolog“ – eine Festansprache.
Wie bekannt, fand das Jubiläumsfest zum zehnjährigen Bestehen von „Birutė“ genau einen Monat nach dem zweiten Brief statt, sodass J. Jablonskis aus Mitau nicht helfen konnte; er schlug lediglich vor, sich an Vincas Kudirka zu wenden, der leicht zu publizistischen Gesängen anstimmte, obwohl er – und das umso mehr – fern auf der Krim lebte und sich dort behandeln ließ. Die einleitende Ansprache hielt schließlich der Vorsitzende von „Birutė“, J. Lapinas, und ermahnte, sich des Litauertums und der Muttersprache nicht zu schämen; aufgeführt wurde A. Fromo-Gužuĉios „Die Zerstörung der Burg von Kaunas“; E. Jagomastas sang J. Zauerveins ins Litauische übertragene „Gals yr tylėjims“, und weitere Lieder trug der örtliche Chor von „Birutė“ gemeinsam mit dem Chor der angereisten žemaitischen Frauen vor.
Der Erfolg war überwältigend; V. Maknys erwähnt beiläufig, dass wohl an die tausend Teilnehmer zusammengekommen waren. Die deutsche Verwaltung war besorgt, das aufkommende litauische Wiedererwachen einzudämmen. Vydūnas tadelte, dass ein Stück über das Scheitern der Litauer – den Sieg der Kreuzritter – aufgeführt worden war, doch bald nahm auch er selbst Chorarbeit sowie weitere musikalische und erzieherische Tätigkeiten auf. Der Anfang war kein Schweigen.
Das geteilte Volk zog keine Grenze entlang der damaligen deutsch-russischen Grenze. Davon zeugen die Freundschaft und der Briefwechsel des Kleinlitauers V. Gaigalačio1, des späteren Geistlichen und Kultur-
1 Vilius Gaigalaitis (1870–1945) war damals noch Student der Theologie und Philosophie, aber bereits Mitglied des Vereins Prussia in Königsberg.
V. LANDSBERGIS. Du neskelbti Jono Jablonskio laiškai Viliui Gaigalačiui
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Page 2manns, mit J. Jablonski, ebenso wie die Anreise der žemaitischen Frauen, um beim Fest in Tilsit zu singen.
Mögen diese beiden nun erstmals veröffentlichten Briefe des Sprachwissenschaftlers an jene Zeiten und Beziehungen erinnern2 – besondere Wörter betont er sogar! –, die anlässlich des 150. Geburtstags von Jonas Jablonskis gerade aus dem Archiv hervorgeholt wurden.
Lieber Freund!
Verzeih, dass ich so lange nicht geantwortet habe: Es ließ sich einfach nichts Sicheres erfahren. Jetzt ist die ganze Sache klar geworden, und deshalb gebe ich Nachricht.
Antanas Būgnų3 übersetzt aus dem Russischen ein kleines Lustspiel, wobei er alle russischen Lebenswirklichkeiten daraus entfernt4 und es ein wenig bearbeitet. Dieses Lustspiel wollen wir zu Weihnachten auf unserer „Bühne“ aufführen und Ihnen gleich zusenden … vielleicht könnten Sie es verwenden. Schade nur, dass wir so spät von diesem Fest erfahren haben; sonst hätten wir noch etwas mehr organisieren können …
Eine Festansprache für das Fest (davon schrieb uns Jonas5) können wir nicht verfassen, denn die Aktivitäten von Birūtė6 sind uns völlig unbekannt (wir wissen überhaupt nicht, was Gutes sie in Preußisch-Litauen getan hat, wie lange sie gelebt – gewacht – und wie lange sie geschlafen hat …). Wenn sie mehr geschlafen als gewacht hat, könnten Sie sie dann nicht wenigstens jetzt wiederbeleben und dafür sorgen, dass sie etwas Gutes aus ihrem Programm verwirklicht?
Nach Petersburg habe ich geschrieben, aber noch keine Antwort erhalten.
Daug kur rašyti apie draugystę7 teip mažai težinoma iš savo darbų – labai sunku. Kiekvienas paklaus, ką ji padarė..... Rašydamas į Maskvą apie ją, pats nežinojau, ką parašyti ant klausymų, kuriuos, kiek žinojau, norėtų užduoti maskviečiai.
Von uns wird wohl kaum jemand kommen: Landsbergis lebt weit entfernt, in Moskau, Mačys im Uralgebirge; wir alle haben eine solche Arbeit, dass es uns sehr schwerfällt, unseren Aufenthaltsort zu verlassen.
Wir wünschen viel Erfolg – das Lustspiel (oder den Schwank) werden wir zusenden.
Alle Ihre Bekannten und Freunde lassen Sie herzlich grüßen.
Jablonskis /Unterschrift/
2 Einige Textkommentare sind den Briefen beigefügt.
3 Antanas Kriščiukaitis (1864–1933, Antanas iš Būgnų, Aišbė), teisininkas ir literatas, tuo metu dirbęs Mintaujoj. Laiško tekste vardas pabrauktas, kaip ir kiti vardai, regis, ne J. Jablonskio, o vėliau. Šiaip žodžiai ir vietovardžiai pabraukti paties Jablonskio.
4 J. Jablonskis korrigierte beim Schreiben: „rusicizmus (gyvenimo)“ kennzeichnete er mit den Ziffern 2 und 1; daher wird der Text nun entsprechend seiner Korrektur wiedergegeben.
5 Wahrscheinlich der Aktivist Jon Vanagaitis aus Preußisch-Litauen, der später mit Panemunijų Jonas zu unterzeichnen pflegte.
6 Diese Schreibweise (mit langem ū) war vermutlich noch aus der Zeit von S. Valiūnas „Birūta“ überliefert.
7 Freundschaft – Gesellschaft.
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Lieber Landsmann!
Heute bin ich nach Mintauja zurückgekehrt und habe Ihr Briefchen vorgefunden. Ich beeile mich zu antworten.
Am 10./22. Januar wird Antanas Būgnas zurückkehren, den die Obrigkeit zur Arbeit geschickt hatte. Er hat sich verspätet, auch die beigefügte Arbeit aus diesem Grund zu verfassen. Sobald er nach Hause zurückkommt, werden wir seine Arbeit gleich abschicken. Soweit ich weiß, ist er gerade dabei, sie fertigzustellen.
Pranaitis8 hatte nicht zugesagt zu fahren. Mir scheint, dass man jetzt kaum noch darauf hoffen kann, dass er kommt, und zwar aus folgendem Grund: Während unseres Neujahrsfestes verhaftete man seinen Bruder9, einen Priester und Dozenten für Hebräisch an der Geistlichen Akademie zu Petersburg. Der Musiker ist so niedergeschlagen, dass er wohl kaum Lust haben wird, sich und andere zu unterhalten. Stellen Sie das Programm so zusammen, dass man ohne ihn auskommen kann. Soweit ich vermute, wird wohl kaum einer von uns kommen: Wir könnten, so sehr wir es auch von Herzen wollten, auf keine Weise abreisen...
Falls Ihnen Antanas’ Komödie, die aus dem Russischen übersetzt wurde, jetzt nicht zusagen sollte, könnten Sie sie vielleicht ein andermal aufführen...
Wegen des Prologs wenden Sie sich an V. Kudirka; er ist ja unter uns der einzige halbwegs brauchbare Hahn. Seine Adresse: Севастополь, Малая Морская, № 37, д. Гаврилова. Врачу 50 пех. Белостокского полка, Л. Терцияну10, zur Weiterleitung an V. K.*
Das Programm gefällt uns im Großen und Ganzen sehr, und wir können von unserer Seite nichts hinzufügen11.
Herzliche Grüße von uns allen
Jablonskis /Unterschrift/
* Ich hoffe, dass er tatsächlich schreiben wird. Es wäre gut, wenn Sie mehrere Prologe bekämen. Sie könnten den besseren auswählen...
8 Petras Juozas Pranaitis (1868–1942) – peterburgietis muzikas, vargonininkas, chorų vadovas ir kompozitorius, 1893 m. išspausdinęs, vienu sykiu su V. Kudirka, pirmuosius pabrėžtinai „lietuviškus“ kūrinėlius fortepijonui. Polka Lietuvaite ant 4 rankų sustatė P. J. Pranaitis. Petropile. Prekė 1 rub. – tai buvo ir spaudos draudimo ignoravimas.
9 Justinas Bonaventūra Pranaitis (1861–1947) – dvasininkas, baigęs ir dėstęs Peterburgo Romos katalikų dvasinėje akademijoje. Nuo 1891 m. Akademijos prefektas, kovojęs prieš rusinimą, veikęs Lietuvių–žemaičių labdaringoje draugijoje, 1895–1896 m. ištremtas į Tverę.
10 Der Nachname des Arztes Laurynas Tercijonas vom 50. Infanterieregiment Białystok ist von J. Jablonskis unterstrichen (ebenso Sevastopol).
11 Zweimal „nichts“ – ein Versehen des Autors.
V. LANDSBERGIS. Du neskelbti Jono Jablonskio laiškai Viliui Gaigalačiui
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