Page 1LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, II
LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA
ÜBER BALTISCHE SPUREN IN DER TOPONYMIE RUSSISCHER GEBIETE
В. Н. ТОПОРОВ
Vor etwa sechzig Jahren erschien der Aufsatz von A. A. Kotschubinski „Das Gebiet des vorgeschichtlichen Litauens“ (Journal des Ministeriums für Volksaufklärung, Teil 309, 1897, Nr. 1, S. 60–94), in dem erstmals ein ernsthafter Versuch unternommen wurde, baltische Elemente in den Ortsnamen der Gebiete östlich und südöstlich des heutigen Litauens zu bestimmen. A. A. Kotschubinski gelang es, eine recht bedeutende baltische Schicht in den Ortsnamen der Gouvernements Minsk, Witebsk, Mogiljow und – allerdings nur in Ausnahmefällen – Smolensk aufzudecken. Dieser Aufsatz gab den Anstoß zu einer ganzen Reihe weiterer Versuche, baltische Ortsnamen in östlicher Richtung ausfindig zu machen.
Zunächst sind die äußerst wertvollen Untersuchungen des litauischen Linguisten K. Būga zur ostslawischen Toponymie baltischen Ursprungs hervorzuheben1. Es gelang ihm, mehr als 150 Beispiele dieser Art zusammenzutragen, eine Zahl, die die Materialien seiner Vorgänger bei Weitem übertrifft. Darüber hinaus sind die sprachwissenschaftliche Deutung dieser Beispiele und ihre Beweiskraft überzeugender als bei A. A. Kotschubinski, obwohl sich auch in K. Būgas Arbeiten zahlreiche fragliche oder schlicht falsche Beispiele finden (Гривка, Клѣтка, Метелка, Неропля, Нератовка, Перелом, Переволока, Полова, Струпица u. a.); zudem wird der Frage nach den Kriterien zur Unterscheidung baltischer Ortsnamen von alten slawischen nicht immer der gebührende Platz eingeräumt. Das ist besonders erstaunlich, wenn man bedenkt, dass gerade K. Būga die wichtigsten Elemente der slawischen Sprache jener Zeit, in der die Slawen mit den Balten, den Finnen sowie der alten Bevölkerung des Balkans und der Voralpengebiete in Kontakt kamen, sehr treffend bestimmt hat. Wichtig ist auch, dass sich das Untersuchungsgebiet des litauischen Gelehrten im Wesentlichen auf dieselben Gebiete beschränkte wie das von A. A. Kotschubinski; anders als dieser hat er allerdings die Angaben zur Toponymie des Gouvernements Smolensk etwas umfassender herangezogen.
Noch weiter östlich suchten A. L. Pogodin nach Spuren baltischer Toponymie,
1 Siehe K. Būga, Aistiškos kilmės Gudijos vietovardžiai, „Tauta ir Žodis“ 1, Kaunas, 1923, S. 20–44; ders., Upių vardų studijos ir aisčių bei slavėnų senovė, ebenda, 1, S. 1–20; ders., Die Vorgeschichte der Aistischen (Baltischen) Stämme im Lichte der Ortsnamenforschung, Streitberg-Festgabe, Leipzig, 1924, S. 22–35 (litauische Fassung: Aisčių praeitis vietų vardų šviesoje) u. a.
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Page 2godin, der annahm, dass die Ostgrenze der Verbreitung des baltischen Elements in den Gouvernements Tambow und Pensa verlief, wo es sich mit dem finno-ugrischen und offenbar sogar mit dem iranischen Element vermischte; A. I. Sobolewski, der zwar kein neues toponymisches Material vorlegte; M. Vasmer, der das zuverlässigste, wenn auch begrenzte Material zur Toponymie der Gouvernements Smolensk, Twer, Kaluga, Moskau, Tschernigow und Orjol zusammentrug.
Im letzten Vierteljahrhundert ist das Interesse an diesem Problem deutlich zurückgegangen; neue Arbeiten erscheinen äußerst selten und befassen sich in der Regel mit Einzelaspekten. Die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler hat sich auf weiter westlich gelegene Gebiete verlagert, wo man nach Spuren baltischer Toponymie auf polnischem Gebiet sucht oder Verbindungen der baltischen Hydronymie mit der „mitteleuropäischen“ untersucht. Bei aller Anerkennung der vorrangigen Bedeutung solcher Untersuchungen lässt sich dennoch nicht zugeben
² См. А. Л. Погодин, Из истории славянских передвижений, СПб, 1901, стр. 92-93.
³ Siehe A. I. Sobolewski, Где жила Литва?,—Известия Императорской Академии Наук за 1911 год, S. 1051–1054.
⁴ См. M. Vasmer, Beiträge zur historischen Völkerkunde Osteuropas, 1. — Die Ostgrenze der baltischen Stämme, SPAW, Phil.-hist. Klasse, XXIV, Berlin, 1932.
⁵ Siehe E. Blesse, Beiträge zur Namenforschung, 4, 1953, S. 289–291 (zu den Namen Гжати und Бологое; der Aufsatz war uns nicht zugänglich); P. Arumaa, Die ostslavische Gewässernamen mit l-epentheticum. Festschrift M. Vasmer, Wiesbaden, 1956, S. 47–60 (hier findet sich auch baltisches Material). Die in T. Lehr-Splawińskis Buch „O pochodzeniu i praojczyźnie Słowian“, Poznań, 1946, zusammengetragenen Fakten (siehe § 15. D. Nazwy Bałtyckie, S. 65–67, ferner S. 175–177) sind traditionell. In der postum veröffentlichten Untersuchung von J. Rozwadowski, Studia nad nazwami wód słowiańskich, Kraków, 1948, werden baltische Hydronyme, die ebenfalls meist traditionell sind, nicht unter dem hier erörterten Gesichtspunkt betrachtet.
⁶ Siehe V. N. Toporov, Две заметки из области балтийской топонимии. — Сборник в честь акад. Я. М. Эндзелина, Riga, 1959 (hier ist auch die einschlägige Literatur angeführt).
⁷ Siehe H. Krahe, Illyrica, IV-V, IF,49, 1931, S. 267–274 (V. Baltisch und Illyrisch, S. 271–274); ders., Baltische Ortsnamen westlich der Weichsel, Alt-Preußen, 8, 1943, S. 43–44; ders., Beiträge zur alteuropäischen Flußnamenforschung, Würzburger Jahrbuch, 1, 1946, S. 79–97; ders., Alteuropäische Flußnamen, BzNf, 1, 1949–1950, S. 24–51, 247–266; 2, 1950–1951, S. 113–131, 217–237; 3, 1951–1952, S. 1–18, 153–170, 225–243; 4, 1953, S. 37–53, 105–122, 234–243; ders., Sprache und Vorzeit. Europäische Vorgeschichte nach dem Zeugnis der Sprache, Heidelberg, 1954 (insbesondere 15. Das Verhältnis des Illyrischen zum Baltischen und Slavischen, S. 108–114); ders., Die Sprache der Illyrier, 1 Teil: Die Quellen, Wiesbaden, 1955; ders., Zu einzelnen illyrischen Eigennamen, BzNf, 6, 1955, S. 237–243; 7, 1956, S. 217–224; ders., Balto-Illyrica. Festschrift M. Vasmer, S. 245–252; ders., Fluß- (und Orts-) Namen auf -mana/-mina, BzNf, 8, 1957, S. 1–27; ders., Bemerkungen zu alten Gewässernamen, BzNf, 8, 1957, S. 144–148; u. a.; K. Kaspersons, Illyrica. — Filologu Biedrības Raksti, 18, 1938, S. 52–65; 19, 1939, S. 57–74; 20, 1940, S. 188–204; G. Alessio, Un’oasi linguistica preindoeuropea nella regione baltica. Studi Etruschi, 19, 1946, S. 141–176; R. Schmittlein, Notes de toponymie lituanienne, AASF, 51, 1941, S. 59–60; ders., Études sur la nationalité des Aestii, 1, Toponymie lituanienne. 1948; ders., Sur quelques toponymes lituaniens, BzNf, 14, S. 233–248; 15, S. 51–71, 152–179; ders., The confluence Balto-Romane? Mélanges de linguistique et de littérature romanes, 2, 1953, S. 251–267 u. a.
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Page 3Das Vergessen des von K. Būga und M. Vasmer aufgeworfenen Fragenkreises ist nicht gerechtfertigt; umso mehr, als diese Fragen noch weit von einer vollständigen Lösung entfernt sind und häufig aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden.
In diesem Beitrag möchten wir – soweit es sein Umfang erlaubt – auf die wichtigsten Probleme hinweisen, denen sich unserer Ansicht nach heute die Erforschung der baltischen Toponymie auf dem Gebiet Russlands gegenübersieht, und einige vorläufige Überlegungen dazu äußern, ergänzt um mehrere neue Deutungen.
Eine der wesentlichen Aufgaben besteht darin, die Grenzen der baltischen Toponymie auf dem Gebiet Russlands festzustellen. Bemerkenswert ist, dass gerade ihre Ostgrenze am unbestimmtesten und unschärfsten bleibt, während die Südgrenze sehr deutlich entlang des Prypjat verläuft (Toponymie jatwingischen Typs)8; auch die Westgrenze bietet kaum ernsthafte Zweifel (die „mitteleuropäischen“ Beziehungen bleiben hier unberücksichtigt). Was die Nordgrenze der baltischen Toponymie betrifft, so stellt ihre Bestimmung im Grunde kein Problem dar, da die baltischen Stämme offensichtlich niemals nördlich der Gebiete siedelten, in denen sie heute leben. Die Frage nach den Ostgrenzen der baltischen Toponymie wurde nur von M. Vasmer aufgeworfen, der auch versuchte, sie in ganz allgemeiner Form zu bestimmen. Tatsächlich gibt es jedoch keinen Grund, von einer realen Grenze zu sprechen, die die baltische Toponymie von der finnischen, iranischen und slawischen trennt. Das liegt nicht nur daran, dass selbst innerhalb des Verbreitungsgebiets baltischer Spuren ständig alte Toponyme nichtbaltischen Typs vorkommen. Vielleicht noch bedeutsamer ist die Tatsache, dass auch jenseits der von M. Vasmer umrissenen Ostgrenze Ortsnamen entdeckt werden, die von der überwiegenden Mehrheit der Wissenschaftler den baltischen zugeordnet werden (vgl. zum Beispiel die Tsna – linker Nebenfluss der Oka; die Tsna – linker Nebenfluss der Mokscha9 usw.)10. Trifft E. Blesses Ansicht zu, dass der Name Bologoje baltischen Ursprungs ist (balt. *bal-g-, später im Sinne der Volksetymologie umgedeutet), so zwingt auch dies uns, über die von M. Vasmer gezogenen Grenzen hinauszugehen.
Doch selbst wenn man solche Namen aus der Gruppe der baltischen ausschließt (offenbar ist gerade so M. Vasmers Übergehen dieser Namen zu verstehen, der in anderen Fällen stets ausdrücklich auf zweifelhafte Beispiele hinweist), bleibt die Ostgrenze der baltischen Toponymie dennoch allzu ungefähr. Dies erklärt sich insbesondere
8 Siehe K. Būga, Upių vardų studijos...; ders., Jotvingių Žemės upių vardų galūnė-da. — „Tauta ir Žodis“, 1, S. 100. Einige Meinungsverschiedenheiten betreffen lediglich einen kleinen Abschnitt der Südwestgrenze; in der Regel beruhen sie jedoch nicht auf einer unterschiedlichen Interpretation der toponymischen Befunde, sondern auf einem unterschiedlichen Verständnis bestimmter historischer Daten.
9 Vgl. auch die Tsna – rechter Nebenfluss der Tvertsa.
10 Es sei auf die interessante Beobachtung von A. L. Pogodin hingewiesen: Im Einzugsgebiet des Prypjat gibt es die Flüsse Tsna und Schatska; andererseits liegt an der Tsna, einem Nebenfluss der Mokscha, die Stadt Schatsk (vgl. den Namen des Flusses Schat, Schat – rechter Nebenfluss der Upa), a. a. O., S. 92. Unsererseits weisen wir auf den Fluss Šatė in den litauischen Rajons Kretinga und Mažeikiai hin.
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Page 4Dies liegt daran, dass der deutsche Wissenschaftler, der bei seinen Beobachtungen und Schlussfolgerungen äußerst vorsichtig vorging, lediglich einige der zuverlässigsten (man könnte sogar sagen: unbestreitbaren) Anhaltspunkte in Form von Ortsnamen anführte und dadurch seine Aufgabe wesentlich einschränkte, wie sie aus dem Titel seiner Arbeit hervorgeht. Die viel zu geringe Zahl der Toponyme (23 zuverlässige Fälle in den Gouvernements Twer, Moskau, Kaluga, Orjol und Tschernigow; 19 Hydronyme aus dem Gouvernement Smolensk müssen außer Betracht bleiben, da sie keine äußersten östlichen Beispiele darstellen) auf einem derart ausgedehnten Gebiet lässt keine Einzelheiten der Ostgrenze der baltischen Toponymie erkennen.
Dennoch gibt es offenbar schon jetzt gewisse Anhaltspunkte, um einzelne Abschnitte dieser Grenze genauer zu bestimmen; zumindest zeichnen sich einzelne Verfahren ab, die in naher Zukunft zu einer präziseren Grenzziehung führen könnten. Insbesondere könnte die umstrittene Frage nach baltischen toponymischen Spuren im Süden und sogar Südosten des Moskauer Gebiets sowie im Osten des Gebiets Tula durch die Berücksichtigung unbestreitbarer Spuren baltischer Toponymie außerhalb der genannten Gebiete in einem neuen Licht erscheinen. Diese Spuren zeigen zweifelsfrei, ob man sie sehr weit fasst und dabei an Strenge einbüßt oder im Gegenteil sehr eng, dafür aber ohne Gefahr eines Irrtums, dass die Grenze der baltischen Toponymie nördlich des auszuschließenden umstrittenen Gebiets von Nordwesten nach Südosten verläuft. Ebenso unbestreitbar ist, dass die Grenze südlich des genannten Gebiets von Nordosten nach Südwesten verläuft. Die natürliche Fortsetzung dieser beiden Linien würde eine Art nach Osten gerichteten Keil bilden, der genau in das Gebiet hineinreichte, dessen baltische Spuren umstritten sind. Schwieriger wäre die Annahme, dass die zuvor recht konstant ausgerichtete Grenze in den genannten Teilen der Gebiete Moskau und Tula ihre Richtung plötzlich sowohl von Süden als auch von Norden her ändert. Gewiss sind die angeführten Anhaltspunkte unsicher (unter anderem deshalb, weil die Frage der Grenzen mit der chronologischen Einordnung verbunden werden muss); sie könnten jedoch bis zu einem gewissen Grad durch jene Beispiele aus dem umstrittenen Gebiet bestätigt werden, die von vielen als baltisch anerkannt werden, durch die geringere Geschlossenheit der finnischen Toponymie an diesem Ort im Vergleich zu dem Gebiet nördlich von Moskau auf denselben Längengraden sowie durch eine ganze Reihe von Toponymen, die ethnische Bezeichnungen finnischer Stämme enthalten (Mokscha, Mordwas usw.). Letzteres ist ein negatives Argument für die Grenze dieses Sprachgebiets (vgl. Namen mit der Wurzel *slov-: *slav- oder *ven-: *vent-: *vend- an den Rändern der slawischen Welt).
Eine weitere wichtige Aufgabe bei der Erforschung baltischer Spuren in der russischen Toponymie ist es, möglichst alle Beispiele baltischen Typs zu ermitteln. Es ist anzunehmen, dass sich die Zahl der Beispiele, wenn man denselben Beweismaßstab wie K. Būga zugrunde legt, wahrscheinlich erheblich erhöhen ließe.
Schon jetzt lassen sich einige neue Beispiele baltischer To-
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Page 5Toponymik auf russischem Gebiet. So ist im Namen des Flusses Гжать (rechter Nebenfluss der Вазуза) unserer Ansicht nach eine bekannte baltische Wurzel zu erkennen, die im preußischen gudde „Strauch“, „Wald“ (und, wie manche meinen, „Sumpf“), in litauischen Wörtern gūdkar klis, gūdnotrėlė, gūdobelė und anderen sowie in zahlreichen Ortsnamen Preußens, Litauens und Lettlands vorkommt¹¹. In diesem Fall entspricht Гжать <*Gbžātъ <*gudi-ati- und findet die nächste Analogie in den Namen Gdańsk(o) <*Gbd-an-bsk- <*gud-ān-isk- und Gdynia <*Gbd-ynjā <*gud-ūnjā am anderen Ende der baltischen Welt¹². Allerdings ist auch eine andere Erklärung möglich (wenn auch weniger wahrscheinlich); vgl. S. 63 dieses Artikels.
Der Name des linken Nebenflusses der Угра, Гордоты, erinnert an die zahlreichen baltischen Ortsnamen mit der Wurzel gard-, von denen einige Beispiele im slawischen Gebiet bereits verzeichnet wurden (siehe Gardejiški). Die Annahme eines baltischen Ursprungs von Гордоты wird besonders wahrscheinlich, wenn man die eindeutig baltische Toponymik dieser Gegend berücksichtigt und auf das Suffix achtet. Eine ähnliche Überlegung lässt auch im Namen des rechten Nebenflusses der Вазуза, Салита, sowie des Nebenflusses der Ржать, Чичате (es gibt auch einen gleichnamigen See), ein baltisches Element erkennen. Eine Überprüfung aus baltischer Perspektive verdienen Hydronyme wie Лобь (im Nordwesten des Moskauer Gebiets; vgl. den preußischen See Lobyn und den litauischen Fluss Lobinis, zu lit. lōbas „Flussbett“, „Vertiefung“), Держа (im Rajon Rschew; vgl. lit. diržus, diržingas „zähflüssig“), Лусьяка (rechter Nebenfluss der Москва westlich von Moschaisk; hier liegt auch das Dorf Лусось)¹³, vielleicht Сведва (rechter Nebenfluss der Ока; vgl. lit. Smaid-riai, preuß. Smedeyn, Smedythen, Smydyn, Smaydegarbs usw.) und andere. Die baltischen Elemente in der russischen Toponymik werden wir an anderer Stelle ausführlicher und eingehender untersuchen.
Nur die Erstellung einer hinreichend detaillierten Karte der baltischen Ortsnamen auf russischen Gebieten würde eine differenzierte Herangehensweise an die aus den weiten Gebieten Belarus', West- und teilweise Zentralrusslands zusammengetragenen Fakten ermöglichen. Jedenfalls würde eine Analyse dazu beitragen, zumindest die vorherrschenden Wortbildungsmodelle innerhalb dieses gesamten Raumes herauszuarbeiten. Dies wiederum würde (ebenso wie rein lexikalische Daten) erlauben, eine weitere äußerst wichtige Frage aufzuwerfen: die nach der dialektalen Zugehörigkeit der baltischen Toponymik der genannten Gebiete, die traditionell von vielen als litauisch oder (weiter gefasst) ostbaltisch angesehen wird.
Nach unserer tiefen Überzeugung, die sich nicht allein auf die Untersuchung der Toponymik, sondern auch auf eine Reihe allgemeinerer Überlegungen stützt (da-
¹¹ См. G. Gerullis, Die altpreußischen Ortsnamen, Berlin-Leipzig, 1922, стр. 47, 87, 95; И. Я. Спрогис, Географический Словарь древней Жомойтской земли 16 столетия, Вильна, 1888, стр. 86; J. Endzelin, Latvijas PSR vietvārdi, Rīgā, 1956, стр. 336-337 и др.
¹² Hinsichtlich der Etymologie der Namen Danzigs und Gdynias stimmen wir den Auffassungen von J. Endzelin und E. Fraenkel zu (siehe Die baltischen Sprachen, Heidelberg, 1950, S. 63–66) und weisen die Ansicht zurück, hier sei der Name der Goten zu sehen (E. Hermann, R. Ekblom u. a.).
¹³ Siehe G. Gerullis, a. a. O., S. 91–93; vgl. auch die zahlreichen ostbaltischen Ortsnamen mit derselben Wurzel.
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Page 6ten aus der altbaltischen Dialektologie, das Fehlen sogenannter slawisch-ostbaltischer Übergangsdialekte, die Deutlichkeit der bekannten balto-slawischen Grenzen, einige Angaben zur Chronologie slawischer Entlehnungen im Litauischen und Lettischen14 usw.), gehört die baltische Toponymik der untersuchten Gebiete eher zu den westbaltischen als zu den ostbaltischen Dialekten (selbstverständlich gilt dies alles nur, sofern zwischen den beiden Zweigen der baltischen Dialekte überhaupt ein Unterschied besteht). Bis zu einem gewissen Grad könnten die chronikalischen Angaben über die Galinder (Goliad') und die toponymischen Belege mit der Wurzel *galind- für diese Annahme sprechen. Nach der kritischen Besprechung von A. I. Sobolewskijs bereits erwähnter Arbeit durch M. Vasmer wären solche Argumente jedoch zu wenig überzeugend. Daher ist es besser, einen anderen Weg einzuschlagen – einen ausschließlich linguistischen.
Zu den überzeugendsten Argumenten für die westbaltische Zugehörigkeit der Toponyme des untersuchten Gebiets zählen Namen, die ein Element mit der Bedeutung „Fluss“ enthalten. Bekanntlich unterscheiden sich die ostbaltischen Dialekte hinsichtlich der Lautgestalt der Wurzel dieses Wortes von den westbaltischen: lit. ùpė, lett. upe: preuß. ape (belegt im Elbinger Vokabular, 62, sowie in einer ganzen Reihe von Ortsnamen im preußischen Gebiet). Das Wort ape verbirgt sich im Namen des rechten Nebenflusses der Wolga, Жукопы, der die Annahme balt. žukape „Fischfluss“ nahelegt (bezeichnenderweise verweist auch der erste Teil dieses Wortes auf das preußische Gebiet; vgl. preuß. suckis „Fisch“ gegenüber lit. žùvis, lett. žuvs, zivs15). Dasselbe Wort ist Bestandteil des Namens des Flusses Ужепа, der im Rajon Juchnow im Gebiet Smolensk fließt (е statt о aus *а lässt sich durch den Einfluss des Lautes ž erklären16). Schließlich könnte der Name des rechten Nebenflusses von Днепр-Вопь theoretisch sowohl ape als auch ùpė widerspiegeln, wahrscheinlicher ist jedoch, dass er das preußische Wort voraussetzt17. Aus mehreren Gründen zählen wir Непоряд nicht dazu, in dessen Namen J. Rozwadowski das genannte preußische Wort sieht18. Erhebliche Schwierigkeiten bereitet die Deutung des Namens des bedeutendsten Flusses, der eine Wurzel mit der Bedeutung „Wasser“ enthält. Gemeint ist Упа (vgl. ihren
14 Neben älteren Arbeiten vgl. die neueren Untersuchungen von V. Kiparsky, in denen chronologische Fragen eine besondere Rolle spielen: Chronologie des relations slavobaltiques et slavofinnoises, RÉSL, 24, 1948, S. 29—47; The Earliest Contacts of the Russian with the Finns and Balts.— Oxford Slavonic Papers, 3, 1952, S. 67—79; Ein angeblich altpreussisches Lehnwort im Litauischen.— Studi baltici, 9, 1952, S. 238—243; Sur la chronologie de quelques altérations phonétiques en slave.— Scando-Slavica, 1, 1954, S. 19—21; Zur Chronologie der slawisch-finnischen lexikalischen Beziehungen.— Scando-Slavica, 4, 1958, S. 127—136 u. a.
15 Was das Element žuk- in litauischen Wörtern wie žukmistras, žuksparnis, žuklỹs betrifft, ist hier offenbar an eine Entlehnung oder an einen sehr seltenen dialektalen Beleg zu denken.
16 Siehe M. Vasmer, a. a. O., S. 22. Bemerkenswert ist, dass auch bei diesem Wort der erste Teil sich am besten mit preußischen Mitteln etymologisieren lässt.
17 So denken M. Vasmer, a. a. O., S. 23, und T. Lehr-Splawiński, a. a. O., S. 65 (die Etymologie von E. F. Karskij, der es mit вопить verbindet, ist eindeutig falsch).
18 J. Rozwadowski, a. a. O., S. 9.
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Page 7ein Zufluss der Uperta, der von den Forschern gewöhnlich ignoriert wird, sowie die nicht ganz klaren Namen von Flüssen derselben Gegend Vypra, Vyporejka (vgl. den Namen des litauischen Sees Ūpartas im Kreis Zarasai?). M. Vasmer und einige andere Wissenschaftler äußerten Zweifel an der traditionellen Gleichsetzung mit lit. ūrė, lett. upe aus lautlichen Gründen (aus den genannten ostbaltischen Wörtern wäre *Vорь entstanden; andererseits ist es schwer, an eine sehr späte Entlehnung dieses Namens durch die Russen zu denken; jedenfalls stünden die historischen Angaben zur Kolonisierung dieser Gebiete durch slawische Stämme im Widerspruch zur Chronologie der bekannten lautlichen Prozesse). In jüngster Zeit ist T. Lehr-Splawiński allerdings wieder auf die alte Erklärung zurückgekommen (a. a. O., S. 65, 176) und beruft sich dabei auf den von N. S. Trubeckoj beobachteten (ZfslPh. 14, 1937, S. 353–354) Übergang von у zu ц- (vor einem Konsonanten) in den Mundarten dieser Gegend. Einige chronologische Erwägungen erlauben es uns jedoch nicht, die Frage nach der Herkunft des Namens Uly als endgültig geklärt zu betrachten. Ebenso riskant erscheint die Behauptung, der Name des Flusses Kasplja im Gebiet Smolensk enthalte das Element ūrė>*рѣ.
Ein weiterer wichtiger Toponymtyp westbaltischer Herkunft sind Namen wie Paneя (ein Fluss im Bezirk Beschezk), Ponja (im Gebiet Kaluga), möglicherweise auch einige Hydronyme des Dnepr-Beckens, die umgedeutet wurden und Suffixveränderungen erfahren haben: Panika, Panik, Panivka usw. 19 In diesen Namen verbirgt sich zweifellos dieselbe Wurzel wie im prußischen Wort rappean „mo-sebruch“ (Elbinger Vokabular, 288), das mit got. fani „Schlamm“, a-sächs. feni „Sumpf“, altind. paṅka „Schlamm“, „Sumpf“, altir. an „Wasser“ usw. verglichen wird. 20 In den ostbaltischen Dialekten fehlt das entsprechende Wort entweder ganz oder ist eine jatwingische Entlehnung (vgl. lit. dial. raniaubė „eine Pilzart, die in Sümpfen und an anderen feuchten Orten wächst“21). Interessanterweise begegnet diese Wurzel als Toponym nur im Verbreitungsgebiet der westbaltischen Dialekte – vgl. Rapčen in Ordensurkunden aus dem Jahr 1267, die polnische Bezeichnung eines Zuflusses der Kirsna (ebenfalls ein westbaltisches Hydronym) – Ponie aus jatwingisch *Paniā usw.
Eines der überzeugendsten Argumente für das Vorhandensein westbaltischer Hydronyme im westlichen Russland sind die bislang von niemandem verzeichneten Namen Stabna (Stabenka) – ein rechter Zufluss des Dnepr bei Smolensk, Stabnja – ein linker Zufluss des Dnepr, Stabnica – ein rechter Zufluss der Brodnja (ein rechter Zufluss der Beresina)22. In ihnen erkennen wir
19 См. П. Маштаков, Список рек Днепровского бассейна, СПб, 1913, стр. 5, 31, 206, 215, 228.
20 Siehe auch Abb. Pannonia.
21 Siehe K. Būga, Kann man Keltenspuren auf baltischem Gebiet nachweisen? — Rocznik Slawistyczny, 6, 1913, S. 37; Aistiškos kilmės Gudijos vietovardžiai, S. 35–36. Über das vereinzelte lit. pane. lässt sich kaum etwas Bestimmtes sagen.
22 Siehe P. Maschtakow, a. a. O., S. 29, 97; I. Orlowski, Kurze Geographie des Gouvernements Smolensk, Smolensk, 1908, S. 21.
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Page 8baltische Wurzel stab-, die nur im westbaltischen Gebiet die Bedeutung „Stein“ bewahrt hat (vgl. pruß. stabis, Elbinger Vokabular, 32) und nur hier als Toponym gebraucht wird (vgl. Stabaras, Staba-yen, Stabego de, Stabelauken (im Litauischen gibt es Stablaukis), Stabelow, Stabin-gen, Stabynotilte, Stabuniten²³). Bezeichnenderweise weisen eine Reihe prußischer Namen ebenso wie das prußische Appellativ stabni- „Ofen“ (aus *stabine) unmittelbar auf die Form hin, die den oben angeführten Hydronymen des Gebiets Smolensk zugrunde liegt: *Stab-in-ā>*Stabьna>Stabna.
Umstrittener ist der Beleg durch Toponyme wie Съжа, heute Сож (ein linker Zufluss des Dnepr), für die sich unter den baltischen Sprachen nur im Prußischen eine Entsprechung findet: suge „Regen“ (wenn man dieses Wort, wie früher, mit ahd. sîgan usw.²⁴ vergleicht); oder Lukty – ein Dorf im Bezirk Dorogobusch, dessen Name eher mit pruß. Lukte als mit lit. Lukštas oder lett. Lukste²⁵ übereinstimmt, und andere.
Zweifellos werden weitere Forschungen neue westbaltische Elemente in der russischen Toponymie zutage fördern.
Die letzte Frage, auf die wir eingehen möchten, betrifft die Chronologie der Entlehnung baltischer Toponyme durch die Russen. Das Vorhandensein von Doppelformen wie Lučesa-Lukesa, vollvokalischen neben unvollvokalischen Formen, von Beispielen mit tautosyllabischen Nasalkonsonanten und mit den regulären ostslawischen Reflexen der Verbindungen „Vokal + Nasalkonsonant“ sowie von Fällen, die eine Überprüfung der Wiedergabe von ū; k’ und g’; tj und dj usw. in den von den Slawen entlehnten baltischen Namen ermöglichen, erlaubt zumindest eine vorläufige chronologische Differenzierung der genannten Toponyme. Darüber hinaus können diese Erscheinungen als gewisse Anhaltspunkte dienen, anhand derer wir das Lautbild der Sprache der Slawen jener Zeit beurteilen, als sie auf dem Gebiet Weißrusslands und des westlichen Russlands auf die baltischen Stämme trafen. Dieses Lautbild zeichnet sich dadurch aus, dass Diphthonge und diphthongische Verbindungen mit Nasalkonsonanten noch vorhanden waren; Verbindungen vom Typ tort und tj, dj blieben unverändert; ū war noch nicht zu у geworden. All dies lässt sich leicht anhand der baltischen Toponymlehnwörter im Slawischen überprüfen.
Dieser Entwicklungsstand des slawischen phonologischen Systems, der dem baltischen äußerst nahekam, ebenso wie die Tatsache, dass sich ein sehr großer Teil des baltischen und slawischen Grundwortschatzes deckt, erschwert die Ermittlung aller Spuren baltischer Toponymie auf russischen Gebieten erheblich.
23 Siehe G. Gerullis, Die altpreußischen Ortsnamen, S. 171–172. Vgl. auch W. N. Toporow, a. a. Aufsatz (zu Toponymen mit der Wurzel stab- und ihrem Verhältnis zu Toponymen mit der Wurzel akmen- in geographischer Hinsicht).
24 Wenn k hier eine graphische Variante von j ist (wie in cugis, vgl. lit. kūjis, slaw. куjb), dann sollte man wohl mit pruß. suj- das Hydronym Suja vergleichen. Kürzlich wurde überzeugend gezeigt, dass pruß. suge als sūjē zu verstehen ist. Siehe Eric P. Hamp, OPruss. Soye „rain“, KZ 74, 1956, S. 127–128. Die Form soye ist in E. Hermann, Eine unbeachtete Überlieferung des preussischen Vokabulars Simon Grunaus, Göttingen, 1949, belegt.
25 Allerdings besteht hier auch die Möglichkeit einer anderen, wenn auch weniger wahrscheinlichen Erklärung des Namens Lukty. Siehe M. Vasmer, a. a. O., S. 21.
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Page 9und erschwert in vielen Fällen die Festlegung einigermaßen verlässlicher Kriterien zur Unterscheidung baltischer und slawischer Namen. Wie soll man beispielsweise die Frage nach der sprachlichen Zugehörigkeit des Flussnamens Ржать (im Rajon Rschew) entscheiden, wenn selbst die alten Namen Ржева (Ржева, Ржова, Ржевка usw.) oder Toponyme wie Ржава, Ржавка nicht mehr erkennen lassen als eine Endform *radi- (> *rъžь-), die gleichermaßen baltisch wie slawisch sein kann? Ebenso ist die oben erwähnte Wurzel gud- nicht nur in den baltischen, sondern auch in den slawischen Sprachen bekannt (vgl. serbokroat. Gacko (polje) aus *gud- — bsk26). Die Missachtung dieses Umstands führte dazu, dass K. Buga zahlreiche Ortsnamen zusammentrug, die sich ebenso leicht aus baltischer wie aus slawischer Sicht erklären lassen. Dabei liegt ein schwerwiegender methodischer Fehler vor, vergleichbar dem, der entstünde, wenn wir die Toponymie des heutigen Litauens aus protoslawischer Sicht etymologisierten (rein theoretisch wäre dies für eine beträchtliche Zahl von Namen durchaus möglich).
Abschließend sei daher nochmals die überragende Bedeutung der Frage nach den Grenzen des Möglichen bei der Bestimmung baltischer Elemente in der russischen Toponymie hervorgehoben.
26 Siehe S. Rospond, Stratygrafia toponimiczna, — „Z polskich studiów slawistycznych“, Warszawa, 1958, S. 182.