Page 1BALTŲ IR SLAVŲ KALBŲ KALBARYŠIAI LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA
REZENSIONEN
EIN WICHTIGER BEITRAG ZUR BALTISTIK
Chr. S. Stang, Vergleichende Grammatik der baltischen Sprachen, Oslo—Bergen—Tromsø, 1966, 485 p.
Der Name des bedeutenden norwegischen Linguisten, Professor Chr. Stang, fand vor fast vierzig Jahren Eingang in die Bibliographie der litauischen Sprachwissenschaft. Bemerkenswert ist, dass dieser Linguist seine erste bedeutende lituanistische Arbeit mit der Erforschung des ersten litauischen Buches begann: Im Alter von 29 Jahren veröffentlichte er eine Monographie über das 1547 erschienene Buch „Catechismsa prasty szadei“ und dessen Herausgeber M. Mažvydas¹. Einige Jahre später beschrieb Chr. Stang zusammen mit J. Gerullis einen ostpreußischen litauischen Dialekt²; später veröffentlichte er eine Studie über das slawische und baltische Verb³, untersuchte das in den Kanzleien des Großfürstentums Litauen verwendete Weißrussische und befasste sich eingehend mit der Frage der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen.
Das umfangreichste und zweifellos bedeutendste Werk von Chr. Stang ist seine in den letzten Jahren entstandene Arbeit „Vergleichende Grammatik der baltischen Sprachen“. Die enorme Bedeutung dieses Werks für die Baltistik und die Indogermanistik insgesamt wird besonders deutlich und verständlich, wenn man bedenkt, dass die bis dahin einzige vergleichende Grammatik der baltischen Sprachen ein relativ schmales Buch war: „Laute und Formen der baltischen Sprachen“, herausgegeben auf der Grundlage der Vorlesungen des lettischen Linguisten J. Endzelīns an der Universität Riga⁴. Das Erscheinen von Chr. Stangs Grammatik ist somit sowohl aus theoretischer als auch aus praktischer Sicht ein wichtiges Ereignis der Sprachwissenschaft – für viele Philologen, die sich für die baltischen Sprachen und ihre Geschichte interessieren, wird diese Grammatik nun ein unentbehrliches Lehrbuch sein.
In der Einleitung zur „Vergleichenden Grammatik der baltischen Sprachen“ (S. 1–21) charakterisiert Chr. Stang kurz die baltischen Sprachen und gibt ihr Verhältnis zu den slawischen Sprachen an. Ausführlich behandelt wird die Phonetik der baltischen Sprachen – des Litauischen, Lettischen und Altpreußischen – (S. 22–174), von der Morphologie dagegen der Formenwandel der Wörter (S. 175–482). Fragen der Wortbildung und Syntax werden in der Arbeit nicht eigens behandelt.
Bei der Erläuterung der Geschichte und Entwicklung phonetischer und morphologischer Erscheinungen der baltischen Sprachen vergleicht der Verfasser sie mit entsprechenden Befunden aus anderen indogermanischen Sprachen, insbesondere den slawischen. Im Kapitel zur Phonetik stützt er sich häufig auf baltische Lehnwörter in den ostseefinnischen Sprachen. Das Buch enthält jedoch selbstverständlich vor allem Sprachmaterial aus den baltischen Sprachen
1 Chr. S. Stang, Die Sprache des litauischen Katechismus von Mažvydas, Oslo, 1929.
2 J. Gerullis ir Chr. Stang’as, Lietuvių žvejų tarmė Prūsuose, Kaunas, 1933.
3 Chr. S. Stang, Das slavische und baltische Verbum, Oslo, 1942.
4 J. Endzelīns, Baltu valodu skaņas un formas, Rīgā, 1948 (litauische Übersetzung: J. Endzel-ynas, Baltų kalbų garsai ir formos, Vilnius, 1957).
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Page 2…material aus alten Schriftquellen und verschiedenen zeitgenössischen Quellen. Besonders häufig stützt sich der Verfasser auf litauische Sprachdaten und die Arbeiten litauischer Linguisten. Ihm sind nicht nur die Arbeiten von A. Baranauskas, K. Jaunius, K. Būga, J. Jablonskis und anderen Linguisten gut bekannt, sondern auch die litauische Sprachwissenschaft der letzten Jahre: In seinem Werk zitiert Chr. Stang die Arbeiten von mehr als zwanzig sowjetlitauischen Linguisten.
Sowohl in den Kapiteln zur Phonetik als auch zur Morphologie finden sich zahlreiche neue Thesen. Gewiss kann man ihnen nicht allen sofort zustimmen; viele von ihnen werden jedoch durch ihre Originalität zweifellos auch die Aufmerksamkeit anderer Linguisten auf sich ziehen und sie dazu veranlassen, einzelne Fragen der Geschichte der baltischen Sprachen neu zu betrachten.
So besteht beispielsweise bislang keine einheitliche Auffassung darüber, wie das litauische š aus s nach den Vokalen š und ū entstanden ist. Nach kritischer Bewertung der hierzu vorliegenden Ansichten (J. Endzelīns, J. Otrebski) vertritt Chr. Stang die Auffassung, dass das Vorkommen des Konsonanten š in den Wörtern maišas, rieš(ut)as, aušra, rišti und des s in den Wörtern mūšė, lysė, klāusiu nicht nur ein phonetisches, sondern auch ein dialektgeographisches Problem darstellt (S. 96 ff.). Ebenso meint er, dass das in alten litauischen Schriften häufig vor Konsonanten anzutreffende s(ss) anstelle von š (besonders bei Verfassern aus dem westlichen Teil Litauens: Mažvydas, Vilentas, Bretkūnas, Daukša u. a.; z. B. schestas „šeštas“, auktas „aukštas“, ischreske „išreiškė“, penukslas „penukšlas“) keine bloße Orthographiefrage ist, sondern auch unterschiedliche Aussprachen des š in den genannten Fällen widerspiegelt (S. 99–100).
Viele Forscher des Litauischen beschäftigten und beschäftigen sich mit der Dativendung -ai im Singular der a(ō)-Stamm-Substantive im ostlitauischen Dialekt von Debeikiai (z. B. vaikai „vaikui“). Über ihren Ursprung bestehen unterschiedliche Auffassungen. Chr. Stang entwickelt einen neuen Gedanken: Da in dem genannten Dialekt der unbetonte Diphthong uo zu a wird, hält er die Singular-Dativendung -ai für aus der alten litauisch-lettischen triftongischen Kasusendung *-uoi entstanden (S. 70). Die Endung -ai, deren erster Bestandteil tatsächlich etwas reduziert ist (= α), kann den Lautgesetzen des Dialekts zufolge jedoch auch aus -ui hervorgegangen sein; vgl. den Pluralnominativ vīrai „vyrai“ und den Singular-Dativ vīrai „vyrui“ dieses Dialekts sowie den Singular-Lokativ turgāi < turgūj(e)5.
Chr. Stang widerspricht auch der verbreiteten Auffassung, dass die litauischen Plural-Lokativformen auf -uose aus Plural-Akkusativformen und der Postposition *en gebildet seien. Diese Auffassung sei angeblich deshalb unzutreffend, weil es bereits zuvor Formen auf -uosu gegeben habe. Aus diesen Formen sei nach Ansicht des Grammatikverfassers, analog zum Singular-Lokativ, auch der Plural-Lokativ auf -uose entstanden. Das Element uo in den älteren Plural-Lokativformen auf -uosu sei den Plural-Illativformen auf -uosna entnommen (S. 186–187).
Zum Authentizitätsgrad, zur Interpretation und zur Lokalisierung einzelner im Werk angeführter litauischer Sprachdaten lässt sich die eine oder andere kritische Bemerkung machen.
So wird neben der Singular-Genitivendung -aus der u-Stämme (sūnaūs) auch die Endung -ūs angegeben (S. 214) (sūnūs), die in der von dem französischen Linguisten R. Gauthiot veröffentlichten Beschreibung des Dialekts von Buivydžiai belegt ist⁶. Die dialektologischen Forschungen der letzten Jahre haben die Endung -ūs jedoch weder für Buivydžiai noch für andere litauische Dialekte bestätigt. Wahrscheinlich hat auch R. Gauthiot sie ungenau notiert, statt der in diesem Dialekt undeutlich ausgesprochenen Endung -aus⁷.
5 Žr. Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, Vilnius, 1966, p. 95–96.
6 R. Gauthiot, Le parler de Buividze, Paris, 1903, § 44.
7 Vgl. Z. Zinkevičius, op. cit., S. 92.
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Page 3Auf Grundlage der von A. Salys erstellten Karte der litauischen Dialekte8 gibt der Verfasser der Grammatik die Verbreitung bestimmter dialektaler Erscheinungen nicht ganz genau an. So werden neben anderen bewohnten Orten, an denen statt der betonten, nicht endständigen Vokale a, e o (ɔ), ė(ę) gesprochen werden, auch Alanta und Giedraičiai genannt (S. 25). Tatsächlich bleiben in diesen Orten die genannten a, e unverändert. Auch die stoßtonigen Diphthonge am, an, em, en sind in der Umgebung von Smilgiai unverändert erhalten (in der Grammatik heißt es, dass sie hier zu ąm, ęm werden, S. 85—86).
Bei der Form des Dativs Singular žmuōgun (Druckfehler statt žmuōgun), die aus den Schriften von K. Būga zitiert wird, ist Kvėdarna angegeben (S. 85). Tatsächlich merkt K. Būga an, dass dem Dativ Singular der žemaitischen Varniškiai-Form žmuōgun in Kvėdarna žmuōgū und in Alsėdžiai, Rietavas und Salantai žmuōgō entspricht9.
Da in der Arbeit nach dem Tildezeichen (~) gewöhnlich eine in die Literatursprache transponierte dialektale Form zum Laut angegeben wird, müssten die žemaitischen Dativ-Singular-Formen gālōu 140, lōngōu 169, ārk·l’ōu, vā·kōu 170 in diesem Fall nicht als gālui, lāngui, ārkliui, vaikui, sondern als gāluo, lānguo, ārkluo, vaikou transponiert werden.
In einzelnen Fällen werden in der Arbeit ohne triftigen Grund oder entsprechende Anmerkung nicht Formen der litauischen Literatursprache, sondern Dialektformen angegeben, z. B.: opšrýs 9 (= opšrūs); gimti 7 (= gimti), gulbė 8 (= gulbė), ińkstas 109, 112 (= inkstas), laiškas 8, 63 (= laiškas), mušė 97 (= mušė).
Die uneinheitliche Transkription von Beispielen aus verschiedenen dialektologischen Arbeiten (die Beispiele werden gewöhnlich in der Transkription der Quelle wiedergegeben) kann die Leser bisweilen ebenfalls etwas verwirren.
Es finden sich auch eindeutige Druckfehler, die man durchaus unerwähnt lassen könnte. Einige davon können jedoch Leser, die mit den einzelnen baltischen Sprachen weniger vertraut sind, in die Irre führen; daher seien die wichtigeren angeführt: ąžuole 298 (= ąžuolė), dievūtis 3 (= dievulis), gálva 141 (= gálva), kraštėlin 192 (= kraštėlin), kriáušė 204 (= kriáušė), meslti 61 (= melsti), plūoštas 110, 360 (= plūoštas), sājka 169 (= šājka), švenčiausis 193 (= švenčiausis), žvėris 91 (= žvėris).
Auch die Formen einiger Eigennamen sind zu korrigieren, etwa die Ortsnamen: Alantų 25 (= Alanta), Anykščiai 181 (= Anykščiai), Dieveniškis 478, Dieveniškis 479 (= Dieveniškės), Dubiniai 104 (= Dubingiai), Gervėčiai 70 (= Gervėčiai), Mosėdis 207 (= Mosėdis), Musininkai 86 (= Musninkai), Oniškis 99 (= Onuškis), Pagirai 86 (= Pagiriai), Pagramančių 160 (= Pagramančio), Panevėžys 85, 86, 125 (= Panevėžys), Pašilė 227 (= Pašilė), Svedasai 207, 302 (= Svėdasai), Švėkšna 471 (= Švėkšna), Švenčionėliai 188 (= Švenčionėliai), Švenčionys 433 (= Švenčionys), Širvintai 4, Širvintas 170 (= Širvintos), Veiviržėnai 194 (= Veiviržėnai), Vendžiogala 170 (= Vandžiogala); Personennamen: Algimant 4 (= Algimantas), Daukža 231 (= Daukša), Grynaveckis 139 (= Grinaveckis), Mikol auskaitė 168, 169, 478 (= Mikalauskaitė), Otrebski 207, 212 (= Otrębski), Шобтнивль 5 (= Товтивиль). Darüber hinaus sollte das litauische Äquivalent der russischen Form des 14. Jahrhunderts Минигаило Minigaila lauten und nicht Minigailas 6, vgl. Švirigaila (Швиртигаило) 5. Ebenso lautet das genauere litauische Äquivalent des prußischen Personennamens Minnegayle Min(i)gaila und nicht Mangaila 4.
Die aus verschiedenen Gründen in die Grammatik gelangten und darin verbliebenen vereinzelten kleinen Ungenauigkeiten mindern keineswegs die wissenschaftliche Bedeutung dieser außerordentlich sorgfältig und methodisch ausgeführten langjährigen Forschungsarbeit des Verfassers.
8 Archívum Philologicum, 4, Kaunas, 1933.
9 Žr. K. Būga, Rinktiniai raštai, III, Vilnius, 1961, p. 376.
13. Baltų ir slavų kalbų ryšiai
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Page 4Im Vorwort der Grammatik wird der Leser mit den bescheidenen Worten des Pioniers des litauischen Schrifttums, M. Mažvydas, angesprochen: „mana darba usz gier prymkiet“. Es besteht kein Zweifel, dass sich dieser Wunsch des namhaften norwegischen Baltisten und Wissenschaftlers mehr als erfüllen wird. Auf jeder Seite des Buches spürt der Leser dem Autor gegenüber große Dankbarkeit dafür, dass die „Vergleichende Grammatik der baltischen Sprachen“ einen gewichtigen und grundlegenden Beitrag zur heutigen Baltistik und Indogermanistik darstellt.
K. Morkūnas
NEUE LITAUISCHE GRAMMATIK
A. Senn, Handbuch der litauischen Sprache, Bd. I: Grammatik, Heidelberg, 1966.
Lange Zeit lernten ganze Generationen ausländischer Linguisten Litauisch anhand des von A. Leskynas zusammengestellten Lehrbuchs, das aus einer Chrestomathie, einer kurzen Grammatik und einem Wörterbuch bestand. Seit seinem Erscheinen (1919) sind bereits fast fünfzig Jahre vergangen. In dieser Zeit haben sich nicht nur die litauische Rechtschreibung, sondern auch der Gebrauch einiger Formen erheblich verändert; die Belletristik und die wissenschaftliche Literatur sind unvergleichlich stark angewachsen, und viele Fragen der Phonetik, Morphologie und Syntax wurden eingehend untersucht. Die Erstellung eines neuen, umfassenden Lehrbuchs der litauischen Sprache wurde notwendig. Diese Aufgabe übernahm der schweizerischstämmige Linguist A. Zenas (Senn). 1957 veröffentlichte er den zweiten Teil des „Lehrbuchs der litauischen Sprache“, der aus ausgewählten und mit Akzenten versehenen Texten aus Werken verschiedener litauischer Schriftsteller samt Kommentaren sowie einem litauisch-deutsch-englischen Wörterbuch besteht1. 1966 erschien auch der erste und wichtigste Teil dieses Lehrbuchs – die Grammatik der litauischen Sprache. Es handelt sich um ein umfangreiches Werk von 495 Seiten, in dem die Phonetik und Morphologie des heutigen Litauisch sowie der Gebrauch vieler grammatischer Formen ausführlich beschrieben werden.
Der Verfasser dieser Grammatik, A. Zenas, Professor an der University of Pennsylvania, ist den litauischen Linguisten durch seine Arbeiten bestens bekannt. Er ist einer der Herausgeber des kürzlich in Heidelberg fertiggestellten, fünfbändigen „Wörterbuchs der litauischen Schriftsprache“2 und zugleich der einzige, der seit Beginn seiner Veröffentlichung an diesem Wörterbuch mitarbeitet. Er interessiert sich schon lange für die litauische Sprache, hat in Litauen gelebt und an der Universität Kaunas Phonetik und andere sprachwissenschaftliche Fächer unterrichtet. 1929 verfasste er ein „Kurzes Lehrbuch der litauischen Sprache“3 für Ausländer, die Litauisch lernen wollten. A. Zenas brach seine Beziehungen zur Litauistik auch später nicht ab. Er hat zahlreiche Artikel und andere Arbeiten zu Fragen der Litauistik, Baltistik und der vergleichenden Sprachwissenschaft im Allgemeinen verfasst und beteiligt sich in jüngster Zeit aktiv an der Erörterung des Problems der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen, slawischen und germanischen Sprachen. Sein neues Werk fasst gleichsam die Ergebnisse langjähriger litauistischer Studien zusammen.
Die Grammatik besteht aus zehn Teilen. Bereits der erste, einleitende Teil ist umfangreich und gehaltvoll; nach einem kurzen Überblick über die Geschichte des litauischen Volkes behandelt er die Stellung der litauischen Sprache innerhalb der baltischen Sprachen und ihre Beziehungen zu anderen verwandten Sprachen. Hier legt der Autor knapp seine Auffassung zu den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen, slawischen und germanischen Sprachen dar. Seiner Ansicht nach entstanden bereits gegen Ende der indogermanischen Gemeinschaftszeit, als die Vorfahren der Balten, Slawen und Germanen eng miteinander in Kontakt standen,
1 A. Senn, Handbuch der litauischen Sprache, II, Heidelberg, 1957.
2 M. Niedermann, A. Senn, F. Brender, A. Salys, Wörterbuch der litauischen Schriftsprache, Litauisch-Deutsch, I–V, Heidelberg, 1934–1967.
3 A. Senn, Kleine litauische Sprachlehre, Heidelberg, 1929.
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