Go to originalLocalized version was produced by AI. It may contain inaccuracies.
Preparing document pages…
Page 1
LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXXIV (1994)
LIETUVIŲ KALBOS TARMĖS IR JŲ TYRINĖJIMAI
Kazys MORKŪNAS
ÜBER DEN PRIEDZŪKIS UND SEINE GRENZEN
Kazimieras Jaunius unterschied erstmals in seiner Studie „Lietuvių kalbos priegaidės“ (1899), später – in der postum veröffentlichten „Lietuvių kalbos gramatika“ (1911–1916) – neben anderen wichtigen litauischen Dialekten (den west- und ostaukštaitischen) auch die mittelaukštaitische Untermundart1. Antanas Salys erörterte als Erster ausführlicher die wichtigsten Merkmale dieser Untermundart (in seiner Terminologie: der mittelaukštaitische Dialekt) sowie ihre Unterschiede zu den west- und ostaukštaitischen Dialekten. Von den ersteren unterscheiden sich die Mittelaukštaiten durch die Verhärtung des Konsonanten l vor ė (und e, ei), von den letzteren durch die Bewahrung der Vokale ą, ę (sowie -a, -e < *-ān, *-ēn) und der Diphthonge am, an, em, en (wie die Westaukštaiten). A. Salys gab auch das Gebiet2 (die Grenzen) dieser Untermundart ziemlich genau an. In seinem an der Vytautas-Magnus-Universität gehaltenen Kurs über litauische Dialektologie fügte er außerdem hinzu: „Wie anderswo gibt es auch an den Grenzen des mittelaukštaitischen Dialekts Orte, an denen sich benachbarte Merkmale einschleichen, die man sporadische nennt“3. Diesen Hinweis veranschaulichte A. Salys mit einem, vermutlich aber dem charakteristischsten Beispiel – der südlichen Ecke des genannten Dialektgebiets.
Die südliche Ecke des mittelaukštaitischen Dialekts, die einige gemeinsame Merkmale mit dem Dzükischen aufweist, nannte A. Salys priedzūkis. Dieser Begriff wird auch heute in den Arbeiten litauischer Sprachwissenschaftler recht häufig verwendet, doch wird sein Inhalt nicht von allen ganz einheitlich verstanden. So wird der Begriff priedzūkis etwa folgendermaßen erklärt: „der Dialekt der südlichen Mittelaukštaiten, der Merkmale des dzükischen Dialekts aufweist“4; „das Gebiet der west- und mittelaukštaitischen Dialekte, das an das Dzükische angrenzt“5; „in der Klassifikation der litauischen Dialekte von K. Jaunius und A. Salys bezeichnet priedzūkis den Teil der mittelaukštaitischen Untermundart, der den Dzuken in einigen Merkmalen ähnelt, selbst aber nicht dzükisch spricht (zwischen Alytus, Balbieriškis, Jieznas, Užuguostis, Butrimonys“6. Mitunter wird dem Begriff (priedzūkis) auch eine weniger klar umrissene geografische Bedeutung zugeschrieben – der Randbereich benachbarter Aukštaiten, der an das Gebiet des dzükischen Dialekts grenzt oder Ähnliches.
1 Vgl. D r o t v i n a s V., G r i n a v e c k i s V. Kalbininkas Kazimieras Jaunius. V., 1970. S. 66–68, 165.
2 Plg. S a l y s A. Kelios pastabos tarmių istorijai // Archivum Philologicum. K., 1933. Kn. 4. P. 28—29 ir žemėlapį; S a l y s A. Raštai. Roma, 1992. T. 4 (Lietuvių kalbos tarmės). P. 109—114 ir žemėlapi.
3 S a l y s A. Raštai. T. 4. P. 113.
4 Dabartinės lietuvių kalbos žodynas (II leidimas). V., 1972. P. 607. Iš esmės toks aiškinimas liko ir šio žodyno III leidime (V., 1993. P. 598), plg.: ”pietinių vidurio aukštaičių šnekta, turinti dzūkams būdingų kalbos ypatybių”.
5 Lietuvių kalbos žodynas. V., 1976. T. 10. P. 631.
6 G a i v e n i s K., K e i n y s S. Kalbotyros terminų žodynas. K., 1990. P. 157.
84
Page 2
A. Salys bezeichnete, wie erwähnt, als Prä-Dzukisches Gebiet die südliche Ecke des mittleren Aukštaitischen Dialektgebiets oder das Territorium, „in dem nur einige sprachliche Merkmale der Dzuker auftreten“7. Welches Gebiet ordnete er dem Prä-Dzukischen zu, und welche dzukischen Merkmale, die sich dort „zeigen“, hielt er für die wichtigsten?
Im an der Vytautas-Magnus-Universität gehaltenen Kurs zur litauischen Dialektologie von A. Salys werden folgende größere Siedlungen des Prä-Dzukischen Gebiets genannt: Balbieriškis, Jieznas, Prienai, Punia; in dem späteren Aufsatz „Die Dialekte der litauischen Sprache“ außerdem Birštonas und Daršūniškis8.
Von den Merkmalen, die die Mundarten des genannten Gebiets den Dzukern annähern, führte A. Salys zuerst den Wandel der Vokale ą, ę zu u·, i· an. Dieser Wandel ist jedoch nicht überall konsequent. So sagt man in Jieznas grã·stas ‚Bohrer‘, aber ižgr’í·šk ‚bohre aus‘, zwischen Alytus und Balbieriškis grū·stas, gru·ž’í·tie ‚schön machen‘, žu·s’is ‚Gans‘; auch k’i·s’lie ‚leiden‘ und ku·s’n’i·s ‚Bissen‘ neben ká·s’l(ie) ‚beißen‘, kā· ‚was‘ und tā· ‚das‘. „Hier hört man ziemlich häufig die Aussprache: ti·s’l(ie), sūki·s, sūki, man’í, tav’í~ tęsti, sūkes, sūkę, manę, tavę (manęs, manė, tavęs, tavė)9“, und statt tę wird vielerorts noch tenai(s) ebenso wie t’í·, t’i·nai(s) gesagt.
Der Wandel von ą, ę zu u·, i· in verschiedenen Wortstellungen sowie andere Isophonen wurden durch spätere Untersuchungen der genannten mittleren Aukštaitischen und benachbarten Mundarten erheblich genauer bestimmt: vor allem durch die in den 1950er-Jahren für den „Atlas der litauischen Sprache“ erhobenen Daten, durch dialektologische Expeditionen der letzten Jahre10 sowie durch die Beschreibung einzelner Mundarten in Diplomarbeiten11.
Fälle des Wandels der Vokale ą, ę zu u·/u, i·/i kommen in der südlichen Ecke des mittleren Aukštaitischen Gebiets in weit größerem Umfang vor, als A. Salys angab (allerdings nur ungefähr). Nach der Intensität des Wandels lässt sich diese Ecke noch in drei Teile (Zonen) gliedern. 1. In den verschiedenen Wortstellungen werden ą, ę im Gebiet der Ortschaften Gegužinė, Kaungonys, Palomenė und Paparčiai am linken Ufer der Neris regelmäßig zu u·, i· (in unbetonter Stellung zu u, i), das einerseits (im Südosten) an die westlichen Dzuker und andererseits (im Nordosten) an die östlichen Aukštaiten grenzt; siehe Abb. 1. In diesen Gegenden sagt man: ú·žalas/ú·žolas ‚Eiche‘, grū·stas ‚Bohrer‘, kus’n’ė·l’is ‚Häppchen‘, žusū· ‚Gänse‘, š’v’í·s’t ‚feiern‘, gr’í·žimas ‚Bohren‘, anū· ‚jene‘, tū· ‚das‘, báltu ‚weiß‘, kár’v’į ‚Kuh‘, dá·r’is ‚gemacht habend‘, dá·r’į ‚gemacht haben‘. Meist wird so auch in den Gegenden Padaigiai und Upninkai am rechten Ufer der Neris gesprochen, obwohl man dort auch á·žulas||ú·žulas ‚Eiche‘, ža·s’is ‚Gans‘ || žū·s’is ‚Gänse‘, kā·||kā· ‚was‘, k’i·tall|k’i·tu12 ‚das andere‘ sagt.
7 Vgl. den in diesem Band der „Fragen der litauischen Sprachwissenschaft“ veröffentlichten Brief von A. Salys an W. R. Schmalstieg vom 11. März 1972.
8 Vgl. S a l y s A. Raštai. T. 4. S. 113, 303.
9 S a l y s A. Raštai. T. 4. S. 304.
10 Dialektologische Expedition der Studierenden der Pädagogischen Universität Vilnius in der Umgebung von Žasliai im Jahr 1991 (Leiterin: Dozentin D. Mikulėnienė); dialektologische Expedition des Instituts für litauische Sprache in der Umgebung von Balbieriškis im Jahr 1992 (Teilnehmer: E. Grinaveckienė, L. Grumadienė, D. Mikulėnienė, K. Morkūnas, V. Pranskūnaitė, A. Vidugiris).
11 Š v e n č i o n y t ė B. Der Dialekt von Žasliai. Diplomarbeit (Manuskript). Universität Vilnius, 1956; G r e n d a Č. Der Dialekt von Palomenė. Diplomarbeit (Manuskript). Universität Vilnius, 1957.
12 Die Gegenden Čiobiškis und Gelvonai am rechten Ufer der Neris, die A. Salys zuordnete
85
Page 3
2. Ungefähr von Naujieji Kietaviškės (Raj. Kaišiadorys) weiter nach Süden verlaufend, stimmt die Isophone des regelmäßigen Wandels der Vokale ą, ę zu u·, i· mit der Grenze der Westdzuken überein (anstelle der Isophone der Aussprache von č, dž und t, d vor i, y, į, ie als c, dz). Westlich dieser Isophone werden in einem schmalen Streifen des mittleren Aukštaitischen (siehe Abb. 1) — Pakertiškės (Raj. Kaišiadorys), Gripiškės, Užuguostis (Raj. Prienai), Mer̃giškės (Raj. Trakai), Butrimonys, Kriauniai, Punia, Žagarai (Raj. Alytus) — u·, i· anstelle von betontem und unbetontem ą, ę im Wortstamm unregelmäßig, aber recht häufig ausgesprochen, z. B. ú·žuolas, kú·s'n'is/ku·s'n'i·s ‘Bissen’, sú·spara/su·spara ‘Zapfenverbindung’, grū·štas, trū·stas ‘Baumstamm’, tū·so ‘zieht’, žū·si·s ‘Gänse’, u·žuolė·l'is, u·žuolin'i·s, gru·št'ė·l'is, ru·st'ė·l'is, uštu·si·tas ‘gezerrt’, žu·s'ė·k·e·s, g'i·sta ‘verwelkt’, gr'i·ža ‘bohrt’, n'ek'i·s ‘wird nicht ertragen’, sk'i·sta ‘ertrinkt’, gr'i·žimas ‘Bohren’ und á·žuolas, ká·s'n'is/ka·s'n'i·s, ká·s't'l ‘beißen’, grā·stas, rā·stas, šā·la ‘friert’, žā·si·s, dra·sumas ‘Mut’, dra·sūs ‘mutig’, br'ė·sta ‘reift’, g'ė·sta, gr'ė·ža, sk'ė·sta, gr'e·žimas. Am Wortende bleiben ą, ę hier meist erhalten (mit Ausnahme der Nominativformen Singular und Plural der maskulinen Partizipien des Präteritums), z. B. anā· ‘jene’, tā· ‘das’, v'iena· kartā· ‘einmal’, bálta· s'iena· ‘weiße Wand’; kā·t'e· ‘Katze’, p'ė·la· ‘Maus’.
3. Noch weiter westlich der oben genannten Orte (siehe Abb. 1) — Darsūniškis, Kaišiadorys, Kalviai, Kruonis, Žiežmariai (Raj. Kaišiadorys), Balbieriškis, Birštonas, Jieznas, Nemajūnai, Prienai (Raj. Prienai), Ūdrija (Raj. Alytus) — kommt u·, i· anstelle von ą, ę im Wortstamm nur sehr selten vor, z. B. su·sparā ‘Zapfenverbindung’ (Kaišiadorys), gr'i·ža ‘bohrt’, gr'i·žimas ‘Bohren’ (Birštonas, Darsūniškis, Kalviai, Kruonis, Žiežmariai), sú·sparal|sá·spara, gr'į·št'l ‘bohren’, gr'į·ža (Prienai), gr'į·št'l, k'ė·st'l ‘ertragen’ (Nemajūnai). Meist sagt man hier: á·žuolas, ká·s'n'is/ka·s'n'i·s, ká·s't'l, sá·sparal/sa·sparā, grā·stas, rā·stas, šā·la, ža·s'is, br'ė·sta, sk'ė·sta, gr'ė·ža, gr'ė·št'l, k'ė·st'l, š'ū·ė·st'l.
In diesem Gebiet wandelt sich e überwiegend regelmäßig zu i·/i·, jedoch nur am Ende bestimmter Wortformen. Dazu zählen vor allem die Nominativformen Singular und Plural der maskulinen aktiven Partizipien des Präteritums, z. B. b'ijó·ji·s/b'ijó·jis ‘derjenige, der gefürchtet hat’, g'ir'd'ė·ji·s/-is ‘derjenige, der gehört hat’, mā·t'i·s/-is ‘derjenige, der gesehen hat’, įžgūlb'l·s/-bls ‘derjenige, der sich ausgestreckt hat’, b'ijó·ji·/-i ‘diejenigen, die gefürchtet haben’, g'ir'd'ė·ji·/-i ‘diejenigen, die gehört haben’, mā·t'i·/-i ‘diejenigen, die gesehen haben’, įžgūlb'l·/-bl ‘diejenigen, die sich ausgestreckt haben’. Nur am westlichsten Rand dieses Gebietes kommen die genannten Partizipformen in zwei Aussprachevarianten vor, z. B. b'ijó·ji·, häufiger jedoch būv'e·s, jó·je· (Kruonis), jó·jis, b'ijó·ji, būv'i, k'ė·blu ‘diejenigen, die gehoben haben’ neben dā·r'es, (pa)mā·t'es, rā·s'es (Žiežmariai), užāug'i·s, užāug'i· und (offenbar seltener) užāug'e·s, užāug'e· (Balbieriškis), g'im'i·s, tur'ė·ji·s, jó·ji·, p'r'iprā·t'i· neben selteneren Formen n'e-b'ėig'e·s ‘derjenige, der nicht beendet hat’, apv'ėrt'e·s (Ūdrija).
mit dem mittleren Aukštaitischen (siehe die in Anmerkung 2 erwähnten Arbeiten dazu) tatsächlich sowohl hinsichtlich der Aussprache der Diphthonge am, an, em, en (die zu um, un, im, in werden) als auch hinsichtlich anderer Vokalismusmerkmale (z. B. der Reduktion von Wortendauslauten) mit den östlichen Aukštaiten der benachbarten Gegenden um Pabaiskas und Širvintos überein, vgl. Morkūnas K. Rytų aukštaičių pietinės tarmės fonetika // Lietuvių kalbotyros klausimai. V., 1960. T. 3. P. 8 tt.; Zinkevičius Z. Lietuvių dialektologija. V., 1966. P. 53 tt., 96 tt., žemėl. Nr. 1; Lietuvių kalbos atlasas. T. 2 (Fonetika). V., 1982. Žemėl. Nr. 6, 68–72.
86
Page 4
Auch die Endungen der Partizipien des frequentativen Präteritums (z. B. būdovęs, būdovę) müssten so ausgesprochen werden, doch sind diese Partizipformen nicht überall belegt.
Wie die Präteritumsformen der Partizipien mit -i’s/-is, -i’/-i werden in allen drei oben erwähnten Teilgebieten der südlichen Ecke des mittleren Aukštaitischen die Adverbien (oder Partikeln) t’iː<t’ę (mancherorts auch t’iːnai/t’iːnãi, t’iːnaĩs ‘dort, dorthin’) und s’íː<sę verwendet (das letztere Adverb ist nicht überall belegt). Am südwestlichen Rand — in der Gegend von Balbieriškis und Prienai — werden t’iː und t’ęː bisweilen sogar von Einwohnern desselben Dorfes verwechselt (t’ęː wird häufiger von Angehörigen der jüngeren Generation ausgesprochen).
Die Einwohner von Balbieriškis und der umliegenden Gegenden, die t’iː (und s’íː) sagen, nennen ihre westlichen und nordwestlichen Nachbarn, die t’ęː aussprechen, t e k- š i a i. Vgl. die Bemerkungen der Einheimischen:
Wir pflegten zu sagen: Wir sind aus der Gegend von Prienai [Prienų]; wir sagen meist „in’_t’iː“, „in’_t’iːnãi“, und in der Gegend von Prienai „in’_t’ęː“, „in’_t’enãi“. Mein Vater sagte „in’_t’iː“, meine Mutter aber aus der Gegend von Prienai „in’_t’ęː“. Meine Mutter stammt aus Tekšiai, aus der Gegend von Medvišiai; Kunigiškiai [Medvišiai, Kunigiškiai — Dörfer im nordwestlichen Teil der Umgebung von Balbieriškis]. Diese Tekšiai liegen hinter Balbieriškis, ungefähr sechs Kilometer entfernt. Mardosai, Pūtrišiai, Rūdžiakampiai, Žagariai [Mardosai, Pūtrįsiai, Rūdžiakampiai, Žagariai — Dörfer südlich von Balbieriškis] sind keine Tekšiai. (Juozas Marčiulynas, 1920 geboren, lebt in Pūtrisiuose).
kun’ig’iš’k’uos’e | vartuosė [Vartai — Balbieriškio apylinkės šiaurės vakarų dalies kaimas] š’n’ęːka k’it’ėp | gr’iːnaĩ l’ietuv’iškai | t’ekš’ɛi || (Paprūdžiai, Balbieriškio apyl.).
Diese Bezeichnung als Neckname für den abweichenden Nachbardialekt ist auch andernorts belegt: tekšiai (Nom. Sg. tekšys) in der Gegend von Alytus und Krākialaukis, tėkšiai (Nom. Sg. tėkšis) in der Gegend von Kruonis und Simnas¹³.
A. Salys führt ferner Formen man’iː~ manę, tav’iː~ tavę an, die im ganzen Priedzūkischen verbreitet sind und anstelle von manęs, manė, tavęs, tave gebraucht werden14. Diese letzteren Formen, deren Herkunft nicht ganz eindeutig ist15, sind jedoch nicht nur für die südliche Ecke des mittleren Aukštaitischen charakteristisch, sondern für ein viel größeres Gebiet dieses Dialekts, das sich entlang des östlichen Aukštaitischen nach Norden erstreckt — in die Gegend von Jonava, Šėta u. a. Es ist zu beachten, dass diese Formen mancherorts sowohl im Genitiv als auch im Akkusativ Singular verwendet werden, anderswo jedoch jeweils nur einen dieser Kasus ausdrücken; siehe Abb. 1.16
A. Salys und gelegentlich auch andere Sprachwissenschaftler erwähnen noch ein weiteres phonetisches Merkmal der südlichen Ecke des mittleren Aukštaitischen: den Wandel von uo zu ua oder sogar zu va, z. B. dųáda ‘gibt’, dųãna/doàna ‘Brot’, kųãlas ‘Pfahl’, dųanùk’ė/dvanùk’ė ‘Brotchen’, vandųã/vandòv ‘Wasser’. Ergänzend sei erwähnt, dass hier anstelle von ie ebenfalls ausgesprochen wird
13 Plg. Lietuvių kalbos žodynas. T. 15. V., 1991. P. 1134.
14 S a l y s A. Raštai. T. 4. P. 304.
15 Plg. Z i n k e v i č i u s Z. Lietuvių dialektologija. P. 298—299.
16 Zur Ergänzung der Formen man’iː, tav’iː des Genitivs und Akkusativs Singular der geschlechtslosen Pronomen vgl. auch Lietuvių kalbos atlasas. T. 3 (Morfologija). V., 1991. P. 78—79 und Karte Nr. 72—73.
87
Page 5
(nicht bei allen gleichermaßen deutlich) iea/i̯e, z. B. ṗiėanas/ṗi̯ėnas/ṗj̇ėnas ‘Milch’, štėanas/šj̇ėnas/šj̇ėnas ‘Wand’. Eine solche deutlichere Aussprache von uo, ie ist jedoch nur in einem kleinen Gebiet charakteristisch – in den Umgebungen von Jieznas, Užuguostis, Nemajūnai (Kreis Prienai), Butrimonys, Pivašiūnai, Punia und Žagariai (Kreis Alytus). Entfernt man sich in beliebiger Richtung von diesem „Zentrum“, schwächt sich die Verbreiterung des Auslauts von uo, ie ab und ist gehörmäßig schwerer zu unterscheiden¹⁷.
A. Salys verwies auch auf die eine oder andere morphologische (mor phonologische) Besonderheit, die die südliche Ecke der mittleren Aukštaiten mit den Dzūken gemeinsam hat: Präteritumsformen mat’ū ‘ich sah’, v’ed’ū ‘ich führte’ (ohne Affrikaten, entsprechend matė, vedei, mātė, vėdė), Konjunktivformen bū·tau ‘ich wäre’, bū·tai ‘du wärst’ (neuere Untersuchungen zeigen, dass der Akzent der Konjunktivformen mit akuter Wurzel in diesen Dialekten zum Zirkumflex wird, d. h. sie werden bū·tau, bū·tai ausgesprochen¹⁸). Die nordwestlichen Isomorphen der letztgenannten Formen sowie des Genitivs Plural der ē-Stämme d’ē·d’ū· (d’ē·d’ū·) ‘Onkel’, g’i·vā·t’ū· ‘Schlangen’, der durch den Einfluss anderer Kasus entstanden ist, betrachten einige Linguisten ebenfalls als nordwestliche Grenze des Vordzūkischen¹⁹.
Tatsächlich stimmen die Isomorphen dieser Formen der 1. Person Singular des Präteritums (mat’ū/mat’ēi, v’ed’ū/v’ed’ēu), der 1. Person Singular (n’ēštau/n’ēštāu) und der 2. Person Singular (n’ēštai/n’ēštāi) des Konjunktivs nicht überein²⁰. Außerdem umfasst keine dieser (drei) Isomorphen die gesamte südliche Ecke der mittleren Aukštaiten, in der die maskulinen Singular- und Pluralformen der aktiven Partizipien des Präteritums -ęs, -ę > -i·s/-is, -i·/-i lauten und statt tė t’ē· ausgesprochen wird. Andererseits umfassen diese Isomorphen einen kleineren (mat’ū/mat’ēu und n’ēštau/n’ēštāu) oder größeren (n’ēštai/n’ēštāi) südöstlichen Randbereich der Westaukštaiten, siehe Abb. 1.
Die genannten Genitiv-Plural-Formen ohne Affrikaten werden von den Dzūken selbst nicht ganz konsequent verwendet, außerhalb ihres Gebiets erst recht nicht²¹. Daher ist es schwieriger, die nordwestliche Isomorphe ihres Verbreitungsgebiets genau zu bestimmen. Die eine oder andere Form des Typs gaid’ū· ‘Hähne’, b’it’ū·/b’i·t’ū· ist außerhalb des dzūkischen Gebiets beispielsweise in den Umgebungen von Balbieriškis, Čiobiškis und Upninkai (Dorf Padaigai) belegt.
Somit unterscheidet sich die Verbreitung fast jeder der erörterten Besonderheiten mehr oder weniger, d. h. sie bilden kein vollständig übereinstimmendes Bündel von Isoglossen (Isophonen, Isomorphen). Welche dieser Isoglossen ist dennoch als nordwestliche Grenze des Vordzūkischen anzusehen?
Eine der wichtigsten vokalischen Besonderheiten der westlichen Dzūken, die sie von ihren nächsten Nachbarn, den mittleren (und selbstverständlich auch den westlichen) Aukštaiten, unterscheidet, ist der Wandel der Vokale ą, ę zu u·, i·. Als Vordzūkisch sollte man wohl das Gebiet jenseits der nordwestlichen Grenze der Dzūken betrachten, in dem mehr oder weniger zahlreiche Relikte dieser Besonderheit vorkommen. Weit-
¹⁷ Vgl. Z i n k e v i č i u s Z. Lietuvių dialektologija. S. 86—87; Lietuvių kalbos atlasas. Bd. 2. S. 77—82 und Karte Nr. 66, 67.
¹⁸ Vgl. die Akzentuierung der Formen der 3. Person Singular des Konjunktivs bei zweisilbigen Verben: Lietuvių kalbos atlasas. Bd. 2. S. 128 und Karte Nr. 109.
¹⁹ Vgl. V i d u g i r i s A. Svarbesnieji pietinės Lietuvos Panemunių tarmių bruožai // Panemunių dzūkai. V., 1970. S. 44—45.
²⁰ Vgl. Lietuvių kalbos atlasas. Bd. 2. Karte Nr. 80; Bd. 3. Karten Nr. 103—105 und S. 107—109.
²¹ Vgl. Lietuvių kalbos atlasas. Bd. 2. S. 95—96.
88
Page 6
Abb. 1. Priedzūkis. 1 — östliche Grenze der westlichen Aukštaitier (nach A. Salys), 2 — westliche Grenze der östlichen Aukštaitier, 3 — westliche Grenze der Dzūken, 4 — östliche Grenze der mittleren Aukštaitier (nach A. Salys), 5 — von A. Salys erwähnte größere Orte des Priedzūkis, 6 — g. wird in verschiedenen Wortpositionen am häufigsten verwendet, 7 — v. und g. „uneinheitlich“ (nicht überall konsequent) in den Endungen des Nominativs Singular und Plural der aktiven Partizipien des Präteritums, 9 — matėu (matė), vedėu (vedė) statt mačiau, vedžiau, 10 — ne estei, ne eisiu, nesiau, 11 — este, ne’ėsta; ne’ėsta, 12 — Gen. Sg. man’į; maręs, tavęs — 13 — Akk. Sg. man’į; tav’į; manė, tavė.
89
Page 7
Die äußerste Grenze des Priedzūkis ist dort, wo die Nominativformen Singular und Plural der aktiven Partizipien des Präteritums mit den Endungen -i s/-is, -i̇ /-i vorkommen. Dort endet auch die Aussprache t'i', t'i'nai.
Dieses dem Priedzūkis zuzurechnende Gebiet ist etwas größer (erstreckt sich weiter nach Nordosten) als das von A. Salys ungefähr angegebene. Dennoch grenzt es, ebenso wie das von Salys angegebene Gebiet, fast an die mittleren Aukštaitier; bei den westlichen Aukštaitiern wird nur am südwestlichen Rand des Rajons Marijampolė neben jō'je's, g'ir'dė'je's, t'ė', š'ė' mancherorts auch jō'ji's, g'ir'dė'ji's, t'i', š'i' gesagt. (Gelčiai, Umgebung von Gudeliai).
Den Begriff Priedzūkis finden wir selbstverständlich nicht im neuen System der Einteilung der litauischen Dialekte und der Dialektbezeichnungen. Die Autoren dieser Einteilung, A. Girdenis und Z. Zinkevičius, unterschieden, vor allem unter Berücksichtigung der Vokalismuseigenschaften, innerhalb der aukštaitischen Mundart drei Hauptunterdialekte: westliche, südliche und östliche Aukštaitier. Das oben erörterte Gebiet des Priedzūkis ist auf zwei dieser Hauptunterdialekte aufgeteilt: Der nördliche Teil (Gegužinė, Palomenė, Žasliai) wurde den südlichen Aukštaitiern (den früheren westlichen Dzūken) zugeordnet, der größere südliche Teil (Balbieriškis, Jieznas, Užuguostis, Žiežmariai) dagegen, wie alle übrigen mittleren Aukštaitier, den westlichen Aukštaitiern. Zugleich ist dieser südliche (Priedzūkis-)Teil eine typische periphere Mundart der westlichen kauniškischen Aukštaitier mit zahlreichen Übergangsmerkmalen des südlichen Aukštaitier-Unterdialekts, während der nördliche Teil eine periphere Mundart des südlichen Aukštaitier-Unterdialekts mit einigen Merkmalen der östlichen širvintiškischen Aukštaitier ist (z. B. die Kürzung unbetonter langer Vokale).
Ein umfassendes Studium der Geschichte dieser Gegend, die auch den Wandel der sprachlichen Verhältnisse beeinflusst hat, wird künftig möglicherweise zu einem besseren Verständnis der Entstehung der Mundarten im Unterlauf der Neris und im Zwischenstromland von Nemunas und Neris sowie der Verbreitung verschiedener Spracherscheinungen (Isoglossen) beitragen. Vieles hat die Veränderungen der Mundarten dieser Gegend auch in den vergangenen Jahrzehnten geprägt. Neben allen Ursachen, die den Wandel der litauischen Dialekte beeinflusst haben oder weiterhin beeinflussen, ist der Umstand besonders wichtig, dass es im Zwischenstromland von Neris und Nemunas infolge des Baus der großen Kraftwerke von Kaunas, Elektrėnai und Kruonis zu einem deutlichen Bevölkerungsaustausch (Migration) kam (ganze Dörfer verschwanden, eine neue große stadtartige Siedlung, Elektrėnai, entstand). Viele Besonderheiten der Mundarten dieser Gegend gehen auch unter dem Einfluss der litauischen Standardsprache zurück. Daher waren einige der den Priedzūkis abgrenzenden Merkmale in den vergangenen Jahren bereits nur noch bei der älteren Generation der Einheimischen zu hören.
Orte des Priedzūkis und der angrenzenden Gegend
(siehe Abb. 1)
Nr. des Ortes (Punktes)
Name des Ortes*
Rajon
Umgebung
497
Betėgala
Jonavos
Kulvos
498
Padaigai
”
Ūpninkų
499
Gegužinė
Kaišiadorių
Žūbiškių
500
Mančiūšėnai
Širvintų, Jonavos
Gėlvonų (Širvintų r.),
* Die Nummern und Bezeichnungen der Wohnorte (Punkte) entsprechen denen des „Atlas der litauischen Sprache“ (V., 1977—1991. Bd. 1—3). Die administrative Zugehörigkeit einzelner Wohnorte kann sich inzwischen geringfügig geändert haben.
90
Page 8
518 | Užusaliai | Jonavos | Ūpninkų Užusalių
519 | Palomenė | Kaišiadorių | Palomenės
520 | Čiobiškis | Širvintų | Čiobiškio
521 | Musninkai | ” | Musninkų
535 | Pravieniškės | Kaišiadorių | Rumšiškių
536 | Rumšiškės | ” | ”
537 | Kaišiadorys | ” |
538 | Žasliai | ” | Kaišiadorių
539 | Papárčiai | ” | Papárčių
540 | Kernavė | Vilniaus | Dūkštų
550 | Skriaudžiai | Prienų | Skriaudžių
552 | Garliavà | Kaũno | Garliavos
553 | Márgininkai | ” | Taũrakiemio
554 | Krúonis | Kaišiadorių | Krúonio
555 | Žiežmāriai | ” | Žiežmārių
556 | Naujosios Kietaviškės | ” | Kietaviškių
557 | Vievís | Trãkų |
568 | Ąžuolų Būdà | Marijámpoles | Gaváltuvos
569 | Mozūriškės | Prienų | Veiverių
570 | Išlaužas | ” | Išlaužo
571 | Darsūniškis | Kaišiadorių | Vilūnų
572 | Kálviai | ” | Kálvių
573 | Pakertìškės | ” | Žiežmārių
574 | Káugonys | ” | Papárčių
575 | Daugirdiškės | Trãkų | Rusákalnio
576 | Rykantai | ” | Bražuolės
586 | Sasnavà | Marijámpoles | Sasnavos
587 | Plūtiškės | ” | Guobų
588 | Pašlavantys | Prienų | Naujosios Ūtos
589 | Prienai | ” |
590 | Birštonas | ” | Birštono
591 | Jieznas | ” | Jiezno
592 | Užuguostis | ” | Lielionių
593 | Margiškės | Trãkų | Ubiškių
594 | Semeliškės | ” | Semeliškių
605 | Keturvalakiai | Vilkaviškio | Keturvalakių
606 | Marijámpolė | Marijámpolės |
607 | Igl iāuka | ” | Igliáukos
608 | Naujóji Ūtà | Prienų | Naujosios Ūtos
609 | Balbieriškis | Prienų | Balbieriškio
610 | Nemajúnai | Alytaus, Prienų | Birštono (Prienų r.), Punios
Den südlichen Teil der Untermundart des Mittelaukštaitischen (sie hat von den anderen aukštaitischen K.Jaunius unterschieden) hat A.Salys vordzukisch (priedzukis) bezeichnet. Diesen Terminus gebrauchen nicht selten auch andere Linguisten, doch verleihen sie ihm nicht immer den gleichen Inhalt. Vordzukisch ist nach den Worten von A.Salys das Territorium (es umfaßt Siedlungen von Balbieriškis, Birštonas, Darsūniškis, Jieznas, Prienai, Punia), „wo nur manche Merkmale des Dzukischen vorkommen“. Von diesen Merkmalen hat er vor allem den Wandel der Vokale ą, ę (allerdings nicht immer regelmäßig) zu u·, i·, z.B. grã·stas / grū·stas „Bohrer“, s·kė·sta / s·kī·sta „versinkt“ erwähnt. Die späteren Forschungen haben die Geographie dieser Erscheinung präzisiert. Nach der Intensität des Wandels von diesen Vokalen kann man das südliche Eck des Mittelaukštaitischen in drei Zonen einteilen: 1) ą, ę werden in allen Positionen meistens regelmäßig in u·, i· verwandelt, z.B. grū·stas, kàu·žì Akk. „die Kuh“. Das ist das Territorium von Gegužinė, Kaugonys, Palomenė, Paparčiai (nach der neuen, von A.Girdienis, Z.Zinkevičius vorgeschlagenen Klassifikation der litauischen Dialekte gehört dieses Gebiet zum Südaukštaitischen); 2) anstatt ą, ę werden unregelmäßig u·, i· ausgesprochen, z.B. á·žuolas „Eiche“, s·kė·sta „versinkt“ und ú·žuolas, s·kī·sta. Diese Erscheinung umfaßt folgende Siedlungen: Pakertiškės, Gripiškės, Užuguostis, Merģiškės, Butrimōnys, Kriauniai, Punia, Žagariai; 3) i· anstatt e· wird nur in der Formen des Partizipiums preitiri ausgesprochen, z.B. bijójes, bijóje > b'ijó·ji·s/-is, b'ijó·ji·/-i „erschrocken“ und tę, šę > l'ę·, s·i· „jene, diese“. Das Gebiet umfaßt Balbieriškis, Birštonas, Darsūniškis, Jieznas, Kaišiadorys, Prienai, Žiežmariai (nach der neuen Klassifikation der Dialekte gehören die Mundarten der zweiten und der dritten Zone zum Westaukštaitischen von Kaunas). Damit wäre das Isophon der Partizipien ę > i·/i als westliche Grenze des Vordzukischen zu halten.
A.Salys hat auf dieselben phonomorphologischen Merkmale wie Dzukischen hingewiesen, die in den südlichen Untermundarten des Mittelaukštaitischen gebraucht werden, z.B. mat'ų „ich habe gesehen“, bū·tau „ich wäre“, bū·tai „du wärest“ (das haben manche später als Grenze des Vordzukischen gehalten). Die Isomorphe von diesen Formen umfassen doch verschiedene Territorien der Untermundarten, sie fallen mit keinen Isophon des Wandels ą, ę zu u·/u bzw. i·/i zusammen.