Page 1LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXV (1995) LIETUVIŲ LEKSIKOLOGIJOS TYRINĖJIMAI
Dovilė RIMANTAITĖ—SVETIKIENĖ
STEINPILZ (BOLETUS EDULIS FR.) UND SEINE SYNONYME
Heute gilt der Steinpilz in Litauen als der wertvollste Pilz. Je nach Standort sind in Litauen mindestens vier Hauptformen von Boletus edulis (Bull.) Fr. bekannt1, die sich „in Form, Farbe und Größe unterscheiden“2. In jüngster Zeit neigen Mykologen dazu, sogar mehrere Steinpilzarten zu unterscheiden. So werden in „Lietuvos grybai“3 der Echte Steinpilz (Boletus edulis Fr. = B. edulis f. edulis, einschließlich B. edulis f. betulicola Vassilk.) und der Kiefernsteinpilz (Boletus pinicola Vitt. = B. edulis f. pinicola (Vitt.) Vassilk.)⟧ aufgeführt, die unter den Steinpilzen in Litauen offenbar am weitesten verbreitet sind. An verschiedenen Orten Litauens wachsen gewöhnlich mehrere unterschiedliche Steinpilzformen, je nachdem, welche Wälder die Umgebung prägen. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Formen des Steinpilzes entgehen den Menschen meist nicht; doch weder dies noch der Wert dieses Pilzes haben dazu geführt, dass sich zahlreiche litauische Volksnamen herausgebildet hätten. Im Gegenteil: Sowohl in den Dialekten als auch in der Standardsprache hat sich ein Lehnwort durchgesetzt, während alle Versuche, einen eigenen Namen zur Verwendung in der Standardsprache vorzuschlagen, erfolglos blieben. Dieser Artikel unternimmt den Versuch, alle bekannten Bezeichnungen für diesen Pilz und ihre Motivationen zu überblicken.
Das Material wurde dem „Wörterbuch der litauischen Sprache“4 (im Folgenden LKŽ), dem „Atlas der litauischen Sprache“5 (im Folgenden LKA) und deren Karteien entnommen und durch Bezeichnungen aus litauischen Wörterbüchern sowie durch von der Autorin selbst gesammelte Dialektdaten ergänzt.
1. Bezeichnungen für den Steinpilz.
Dieser „essbare Pilz aus der Familie der Röhrlinge, mit braunem, gewölbtem Hut und hohem, dickem Stiel (Boletus edulis), wird fast im gesamten litauischen Sprachgebiet mit dem slawischen Lehnwort baravykas bezeichnet“; belegt ist auch barovykas in Želsva, Rajon Marijampolė (LKA I 170). Die slawische Herkunft von baravykas steht außer Zweifel: Das Wort wird von weißrussisch баравік6 hergeleitet. Weißrussisch баравік, wie die weißrussische Dialektologie zeigt,
1 M a z e l a i t i s J. ir M i n k e v i č i u s A. Valgomoji ir nuodingieji grybai, Vilnius, 1957, 99. 2 U r b o n a s V. Grybai, Vilnius, 1986, 54. 3 M a z e l a i t i s J., U r b o n a s V. Lietuvos grybai, Vilnius, 1980, 143. 4 Lietuvių kalbos žodynas 3—16, Vilnius, 1956—1995; II leid. 1—2, 1968—1969. 5 Lietuvių kalbos atlasas 1, Leksika, Vilnius, 1977. 6 B r ü c k n e r A. Die slavischen Fremdwörter im Litauischen. — Litu-slavische Studien, Weimar, 1877, 70; S k a r d ž i u s P. Die slavischen Lehnwörter im Altlitauischen, Kaunas, 1931, 39; F r a e n k e l E. Litauisches etymologisches Wörterbuch 1, Heidelberg etc., 1962, 35; žr. dar: S a b a l i a u s k a s A. Lietuvių kalbos leksika, Vilnius, 1990, 237.
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Page 2Daten7 zufolge ist es der Hauptname dieses Pilzes und in ganz Belarus bekannt; im litauischen Grenzgebiet ist er im Wesentlichen die einzige Bezeichnung. Das Wort borowik ist für diesen Pilz auch in Polen weit verbreitet, scheint sich dort jedoch vergleichsweise erst vor nicht allzu langer Zeit eingebürgert zu haben; zudem ist es als einziger Name dieses Pilzes nur in den nordöstlichen Randgebieten Polens (in der Umgebung von Suwałki, Białystok und Lublin) bekannt8. Aufgrund der geographischen Verbreitung und der Wortbildung des Namens nimmt man an, dass polnisch borowik aus den ostslawischen Sprachen9 stammt,10 wahrscheinlich aus dem Weißrussischen. Interessant ist, dass ihn in der polnischen Literatur wohl als Erster – im Epos „Pan Tadeusz“ – A. Mickiewicz11 verwendete, der aus der Gegend von Nowogródek (heute Belarus) stammte.
Diese slawische Pilzbezeichnung wird mit russisch und weißrussisch бор „Kiefernwald“, polnisch bór u. a. in Verbindung gebracht12; als Motiv wird der Standort des Pilzes angeführt.
Litauisch baravykas ist ein vergleichsweise altes Lehnwort. In der Schriftsprache erscheint es erstmals in den handschriftlichen Wörterbüchern Lexicon Lithuanicum aus der Mitte des 17. Jahrhunderts (Lex 8413) und im sogenannten Krause-Wörterbuch aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Q 505). Später findet sich das Wort im Wörterbuch von P. Ruigys, in K. Donelaitis’ „Metai“ (Vasaros darbai 601), im Wörterbuch von K. G. Milkus und G. H. F. Nesselmanno, in einem handschriftlichen litauisch-polnischen Wörterbuch (RtŽ), in den Wörterbüchern von F. Kuršaitis und A. Juška sowie in V. Kalvaitis’ „Lietuviškų vardų kletelė“ (KlvK 83). Im handschriftlichen Wörterbuch von J. Brodovskis aus dem 18. Jahrhundert ist eine Variante desselben Wortes mit ė-Stamm belegt: Barawikkes Steinpiltzke & Storkótes (B979)14. baravykas findet sich auch in allen litauischen Wörterbüchern des 20. Jahrhunderts. Von dort gelangte es auch in die mykologische Terminologie. Zunächst bezeichnete es in P. Matulionis’ „Žolynas“15 den wichtigsten Pilz der Gattung Boletus, Boletus edulis Fr.; später etablierte es sich jedoch im „Lietuviškas botanikos žodynas“ und in anderen Büchern16 als Gattungsname für Boletus.
Wie LKA I 170 und unser gesammeltes Material zeigen, gibt es neben dem in Litauen weit verbreiteten baravykas in den südlichen litauischen Dialekten auch andere Bezeichnungen für diesen Pilz. Belegt sind zusammengesetzte Namen, bei denen das zweite Glied die allgemeine Pilzbezeichnung oder das Wort baravykas ist und das erste Glied die Adjektive tikras, tikrinis. So wurde tikras grybas in Rudnia, Marcinkonys und Kabeliai gehört,
7 Лексичны атлас беларускіх народных гаворак 1, Мінск, 1993, 114 ir žemėlapis 279; Сержанина Г. И., Яшкин И. Я. Грибы, Минск, 1986, 117.
8 Bartnicka — Dąbkowska B. Polskie ludowe nazwy grzybów, Wrocław etc., 1964, 45.
9 Ebenda.
10 Sabaliauskas A. Ten pat.
11 Bartnicka — Dąbkowska B. Min. veik., 46.
12 Brückner A. Słownik etymologiczny języka polskiego, Warszawa, 1974, 36; Этн.магазины слоўнік беларускай мовы 1, Мінск, 1978, 370; žr. dar: Sabaliauskas A. Ten pat.
13 Hier und im Folgenden sind die Abkürzungen wie in LKŽ.
14 Diese Form hat auch G. H. F. Ness elmann von J. Brodovskis übernommen, vgl.: Barawikke, -es, f. daff. (Bd.).
15 Matulionis P. Kräuterbuch 2, Wörterbuch der litauischen Pflanzen und Pflanzenliste, Vilnius, 1906, 12.
16 Lietuviškas botanikos žodynas 1, Kaunas, 1938, 51; Mazelaitis J. und Minkev ičius A. a. a. O., 97; Mazelaitis J., Urbonas V. a. a. O., 143 u. a.
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Page 3Azierkuose (Gebiet Grodno), echter Steinpilz – in Pivašiūnai, Kapčiamiestis, echter Pilz – in Kabeliai, Ratnyčia. Am weitesten verbreitet ist jedoch das Substantiv echter – in Marcinkonys, Seirijai, Lazdijai, Leipalingis, Ratnyčia, Liškiava, Kapčiamiestis, Druskininkai, Švendubrė, Kabeliai, Veisiejai. All diese Bezeichnungen, die nur im äußersten Südosten Litauens bekannt sind, sollten aufgrund der Geografie offenbar als Lehnübersetzungen entsprechender polnischer Bezeichnungen gelten17, vgl. poln. grzyb prawdziwy, prawdziwy, prawdziwek „Steinpilz“ u. Ä., die in ganz Polen sehr weit verbreitet sind18. Wie die Daten der belarussischen Dialektologie zeigen, sind belaruss. праўдзівы грыб, праўдзівы, праўдзівец „Steinpilz“ u. Ä. im Südwesten von Belarus, nahe der polnischen Grenze, verbreitet19, und die geografische Verbreitung dieser Namen weist darauf hin, dass sie wahrscheinlich aus Polen übernommen wurden. In Zietela (Gebiet Grodno) verzeichnete ščýras grýbas, spravedlìvas grýbas „Steinpilz“ sind jüngere belarussische Lehnübersetzungen von щуры грыб, справядлівы грыб.
Heute wird in Dzūkija manchmal anstelle von oder neben tikrinio, tikro grýbo, tikro baravyko, tikrinio grýbo auch baravykas verwendet, das allmählich beginnt, die in dieser Gegend üblichen Namen des Pilzes aus dem Gebrauch zu verdrängen. Trotzdem gelten die alten Bezeichnungen vorerst als eigene, von alters her überlieferte Namen und sind deutlich gebräuchlicher; baravykas wird hingegen als Lehnwort, als erst kürzlich erlernter Name aufgefasst20. So findet sich im „Wörterbuch des Druskininkai-Dialekts“ der aufschlussreiche Satz: Baravykai – das kommt wohl aus dem Polnischen oder Russischen, bei uns aber (heißen sie) tikriniai21. Dort findet man auch das Verb tikriniauti „Steinpilze sammeln“: Wir gehen tikriniauti – es gibt viele tikriniai. Klang und Wortbildung nach sind tikrinis (grýbas), tikras grýbas (tikras baravykas jüngste Bezeichnung) einheimische Namen. Ihre Motivation ist, wie bei den polnischen Entsprechungen, sehr klar: Aufgrund ihrer Eigenschaften (sie verfärben sich nicht schwarz, eignen sich zum Trocknen und schmecken gut) gelten sie als die besten Pilze, das heißt als die aller-«echtesten»22.
Obwohl tikrinis (grýbas, baravykas) nur in einem relativ kleinen Gebiet (im Südosten Litauens) verwendet wird, erschien es im 20. Jahrhundert in Wörterbüchern und fand Eingang in die Standardsprache. Dies geschah offenbar im Bemühen, ein litauisches Synonym für baravykas zu finden und in die Standardsprache aufzunehmen; zudem wurde es bei der Entwicklung der mykologischen Terminologie aufgegriffen. So verzeichnete J. Baronas in seinem „Russisch-litauischen Wörterbuch“23 (neben šilabudės, baravyko) wohl erstmals in einem Wörterbuch tikrinį grýbą in der Bedeutung „Steinpilz“. Später finden wir tikrinį, tikrinį baravyką auch in anderen Wörterbüchern und Schriften24.
17 LKA I 170.
18 Bartnicka – Dąbkowska B. Min. veik., 44.
19 Leksičny atlas... Min. veik., žemėlapis 279; Сержанина Г. И., Яшкин И. Я. Min. veik. Ten pat.
20 LKA. Ten pat.
21 Naktinienė G., Paulauskienė A., Vitkauskas V. Druskininkų tarmės žodynas, Vilnius, 1988, 407.
22 Bartnicka – Dąbkowska B. Min. veik., 44.
23 Baronas J. Rusų lietuvių žodynas. 2. Aufl., Kaunas, 1933, 32.
24 Lietuviškoji enciklopedija 2, Kaunas, 1934, 1208; Lietuviškas botanikos žodynas. Ebenda; Dabartinės lietuvių kalbos žodynas, Vilnius, 1954, 856; Mazelaitis J.
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Page 4Der echte Steinpilz hat sich auch in der wissenschaftlichen mykologischen Terminologie etabliert. Nachdem Steinpilz als Bezeichnung für Pilze der Gattung Boletus gewählt worden war, wurde die wichtigste Steinpilzart, Boletus edulis Fr., Echter Steinpilz genannt.
Neben den bereits erwähnten, in der wissenschaftlichen Terminologie verwendeten Namen gibt es im Litauischen auch weitere, enger begrenzt verwendete oder gebräuchliche Bezeichnungen für den Steinpilz. Nicht allzu häufig wird der Steinpilz in Dzūkija (Dauguse, Varėna, Rudnia, Marcinkonys, Perloja, Merkinė, Kabeliai) und in Zietela auch mit dem allgemeinen Pilznamen bezeichnet. Die recht begrenzte Verwendung von grybas in der Bedeutung „Steinpilz“ lässt vermuten, dass die Litauer, nachdem sie dieses Wort vor ziemlich langer Zeit aus den slawischen Sprachen entlehnt hatten (es ist aus Schriftzeugnissen des 17. Jahrhunderts bekannt)²⁵, vermutlich erst vor kürzerer Zeit auch die Bedeutung des Wortes von ihren nächsten Nachbarn übernommen haben. So war und ist es in den Dialekten der nord- und westslawischen Sprachen üblich, mit dem allgemeinen Pilznamen nur oder vor allem den Steinpilz zu bezeichnen²⁶. Besonders im Nordosten Polens ist poln. grzyb in der Bedeutung Boletus edulis Fr. weit verbreitet²⁷. Weißruss. гриб ist in derselben Bedeutung im Süden Weißrusslands bekannt²⁸. Der Steinpilz wird schlicht Pilz genannt, weil er als der wertvollste Pilz gilt²⁹.
Ein litauisches grybas, das in der Bedeutung „Steinpilz“ belegt ist, ließ sich in Schriftzeugnissen nicht finden. Interessant ist hier zu erwähnen, dass beispielsweise entsprechende slawische Lehnwörter im Lettischen, (g)rības, grība, in älteren lettischen Sprachdenkmälern offenbar in der Bedeutung „Steinpilz“ aufgezeichnet wurden; vgl. Steinpültzen, Rīhbas im deutsch-lettischen Wörterbuch von K. Elvers (1748), grihbas, Steinpülzen im lettisch-deutschen Wörterbuch von G. F. Stender (1761), wobei der Autor das Wort als oberländisch bezeichnet³⁰ (dasselbe Wörterbuch enthält auch die Pilzbezeichnung baravīkḍ³¹), Grihbas (rīhbas) Steinpilz in der Liste der Pilznamen Kurlands (1866)³² sowie grība, der Steinpilz im lettisch-deutschen Wörterbuch von C. C. Ulmann (1872)³³.
Eine weitere, weniger bekannte Bezeichnung für den Steinpilz ist storkōtis (stōrkōtis). Allerdings ist sie in der gesprochenen Sprache nicht belegt. Zum ersten Mal findet sie sich in einem handschriftlichen Wörterbuch aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im ehemaligen Königsberger Archiv (Q¹ 399)³⁴. Später wurde sie zusammen mit baravykù, kann man sagen, in sämtlichen ost-
und M i n k e v i č i u s A. a. a. O., 143.
²⁵ Z i n k e v i č i u s Z. Geschichte der litauischen Sprache 3, Die Sprache der alten Schriften, Vilnius, 1988, 137.
²⁶ Г а й д а м о в и ч — М а з у р е к А. Названия грибов в славянских языках. — Filologia rosyjska 13, Seria A, 1976, 106.
²⁷ B a r t n i c k a — D ą b k o w s k a B. a. a. O., 44.
²⁸ Лексичны атлас. a. a. O. Dort; C е р ж а н и н а Г. И., Я ш к и н И. Я. … a. a. O. ebenda.
²⁹ B a r t n i c k a — D ą b k o w s k a B. Ebenda.
³⁰ Zitiert nach: Z e m z a r e D. Latviešu vārdnīcas, Rīgā, 1961, 115.
³¹ Ebenda, 127.
³² K a w a l l H. Pilze in Kurland nach ihren lettischen Benennungen und mit ver[s]uchter Deutung einiger derselben. — Magazin, herausgegeben von Lettisch-Literär[ischen] Gesellschaft 13, 1866, 78.
³³ M ü l e n b a c h s K. Latviešu valodas vārdnīca 1. Redigiert, ergänzt und fortgeführt von J. Endzelīns, Rīgā, 1923, 656.
³⁴ Die Angaben stammen aus: S k a r d ž i u s P. Lietuvių kalbos žodžių daryba, Vilnius,
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Page 5In den lexikografischen Arbeiten der preußischen Litauer: im Wörterbuch von P. Ruigys, in K. Donelaitis’ „Metai“ (Sommerarbeiten 601), sowie in den Wörterbüchern von K. G. Milkus und G. H. F. Nesselmanno. F. Kurschat setzt storkotį in eckige Klammern und zeigt damit, dass ihm dieser Name aus der lebendigen Sprache unbekannt war (er hatte nur baravykas gehört); dass das Wort jedoch noch lebendig war (neben baravyko), bezeugte in Preußisch-Litauen noch Ende des 19. Jahrhunderts V. Kalvaitis35. Das handschriftliche Wörterbuch von J. Brodovskis aus dem 18. Jahrhundert bietet eine Variante desselben Wortes mit Stamm auf ė: Storkōtes (B 979). Als mögliches Synonym für baravyko führen im 20. Jahrhundert DŽ (1954, 1972, 1993) und NdŽ storkotį an, KŽ dagegen storkotį; doch scheint es ein bloßer lexikalischer Dialektismus geblieben zu sein36. Das verfügbare Material zeigt, dass storkōtis „baravykas“ nur in Preußisch-Litauen bekannt war. Unter Berücksichtigung der Konventionen eines Kunstwerks ließe sich hier dennoch ein Satz aus K. Donelaitis’ „Metai“ zitieren: „Als sie in die Wälder lief, sammelte sie sich so viele Plempe, Rudmesė, Storkotis und Baravykai, Jautakis und Baltikis, Gruzdai und auch Bobausiai...“ (Sommerarbeiten 601—603). Die nebeneinander verwendeten Bezeichnungen storkotis und baravykas scheinen den Gedanken nahezulegen, dass es sich um Namen verschiedener Pilze handelt. Gut möglich, dass storkočių eine bestimmte Varietät des Steinpilzes bezeichnete. Die anschauliche Motivation dieses Namens zeigt, dass der dicke Stiel dieses Pilzes hervorgehoben wird; Pilze mit sehr dicken Stielen gelten den Menschen als die besten. Vgl. den Satz aus Pėžaičiai (Rajon Klaipėda): Baravykai mit dickem Stiel — die sind die echten37. Bemerkenswert ist, dass in anderen Sprachen keine Bezeichnung für den Steinpilz mit einer ähnlichen Motivation vorkommt. Dies ist tatsächlich eine genuin einheimische, in einer einzelnen Region entstandene Bezeichnung für diesen Pilz, die in Litauen insgesamt unbekannt blieb und sich nicht durchsetzte.
Als einheimische, volkstümliche Bezeichnung für den Steinpilz ist auch das žemaitische juodviršis anzusehen, das aus den unveröffentlichten Schriften von J. Pabrėža, S. Daukantas und M. Akelaitis bekannt ist, obwohl es nicht aus der lebendigen Sprache aufgezeichnet wurde. In seinem „Taislius“38 bemüht sich J. Pabrėža, die litauische Sprache zu reinigen und für ein Lehnwort eine litauische Entsprechung zu finden; als Bezeichnung für den Steinpilz nennt er juodviršį und vermerkt zugleich, dass dies ein žemaitischer Name sei. Auch S. Daukantas vermied das Lehnwort baravykas, das in Žemaitija zweifellos gut bekannt war, und bevorzugte stattdessen juodviršį. In Daukantas’ handschriftlichem litauisch-lateinischem Wörterbuch steht: Barawikas vide joudwirszis (S. 85)39; in seinem polnisch-litauischen Wörterbuch sieht der Eintrag für baravyko so aus: Borowik, jūdwiŕszis40. Juodviršis ist auch in den Handschriften von M. Akelaitis belegt41; es ist jedoch bekannt, dass er der Schriftsprache seiner žemaitischen Zeitgenossen folgte und Auszüge anfertigte42 und,
1943, 426.
35 K a l v a i t i s W. Lietuwiszku Wardu Klėtele, Tilsit, 1910, 83.
36 So wird diese Pilzbezeichnung beschrieben in: K a b e l k a J. Kristijono Donelaičio raštų leksika, Vilnius, 1964, 21.
37 LKA-Kartei.
38 P a b r ė ž a J. Tayslės augumynis... (das Manuskript wird in der Nationalbibliothek M. Mažvydas aufbewahrt), 1843, 850.
39 Zitiert aus dem Aufsatz: K r u o p a s J. S. Daukanto leksikografiniai darbai. — Lietuvių kalbotyros klausimai 4, 1961, 309.
40 D a u k a n t a s S. Didysis lenkų-lietuvių kalbų žodynas (a-m), Vilnius, 1993, 94.
41 LKŽ IV 412.
42 K r u o p a s J. M. Akelaitis, Lexikograf. — Fragen der litauischen Sprachwissenschaft
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Page 6möglicherweise gelangte es in das litauisch-polnische Wörterbuch von S. Daukantas43. Sowohl J. Pabrėža als auch S. Daukantas waren als žemaitische Bauern mit ihrer Mundart vertraut und schrieben daher nach deren Regeln; so ist juodviršis wohl aus ihrer Mundart in die Handschriften gelangt, hat sich aber nicht weiter verbreitet. J. Pabrėža, der als Erster versucht hatte, eine botanische Terminologie und Nomenklatur in litauischer Sprache zu schaffen, bemühte sich allerdings, juodviršį auch in der wissenschaftlichen Terminologie zu verwenden, indem er dem Pilz Boletus edulis Fr. den Namen skylelių grybas juodviršis gab (und die Gattung Boletus entsprechend skylelių grybais nannte)44, doch setzte sich diese Bezeichnung später nicht durch.
Die wenigen litauischen Synonyme für baravyko wurden im 20. Jahrhundert durch neu geschaffene, in Wörterbüchern verzeichnete Namen dieses Pilzes ergänzt. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts gab es, als man sich besonders darum bemühte, die Sprache zu reinigen und slawische Lehnwörter auszumerzen, deutliche Bestrebungen, auch baravyką zu litauisieren und einen Ersatz dafür zu finden (dies hatten bereits J. Pabrėža und S. Daukantas angestrebt). So erschien in litauischen Schriftquellen45 die halbentlehnte Form šilavykas: Der Stamm des Lehnworts wurde übersetzt (die Motivation blieb also dieselbe), das Wortbildungssuffix hingegen entlehnt. Anfang des 20. Jahrhunderts tauchte die Bedeutung „Steinpilz“ auch bei šilabudė46, šilabudė (NdŽ, KŽ) auf – ebenfalls ein Geschöpf der Wörterbücher. Diese Bezeichnung, offenbar nicht ohne Einfluss von baravyko und mit derselben Motivation gebildet, verbreitete sich jedoch nicht über diese Wörterbücher hinaus. In der neuesten Ausgabe des DŽ (1993) wurde sie ebenfalls aufgegeben; dabei wurde auch berücksichtigt, dass das zweite Glied von šilabudės bei der Bildung von Namen für Röhrenpilze nicht üblich ist. Unter den volkstümlichen Pilznamen mit dem Zweitglied -budė finden sich nur Namen von Täublingen oder von sonst minderwertigen, ungenießbaren Pilzen, vgl. kiauliabudė „Lactarius trivialis Fr.“, storabudė „Lactarius vellereus Fr.“, kelmabudė „Armillariella mellea Karst.?“, brėdžiabudė „Hydnum imbricatum Fr.“, panabudė „Phallus impudicus (L.) Pers.“ usw. Vgl. ferner būdė, dessen in Marcinkonys aufgezeichnete Bedeutung „alle Pilze außer Steinpilzen“ lautet. Diese Bedeutung wird offenbar auch durch Belege aus LKŽ I 1120 und J. Pabrėžas būdė „Agaricus“47 gestützt.
In den Wörterbüchern von J. Ryter, B. Sereiskis und A. Kuršaitis ist šilbaravykis mit der Bedeutung „Steinpilz“ verzeichnet, bei J. Šlapelis (1940) šilabaravykis; šilagrybis (LL10), das im „Polnisch-litauischen Wörterbuch“ von A. L alio (1912) vorkommt, dürfte zufällig entstanden sein, denn sonst werden mit diesen Namen andere Pilze aus der Familie der Röhrlinge bezeichnet (Boletus luridus Fr., Gyroporus castaneus (Fr.) Quél., Gyroporus cyanescens (Fr.) Quél., Suillus variegatus (Fr.) O. Kuntze, Tylopilus felleus (Fr.) Karst.).
12, 1970, 157.
43 Ebenda, 159.
44 P a b r ė ž a J. Min. Handschr., 849.
45 Litauische Enzyklopädie. Ebenda.; S e r e i s k i s B. Litauisch-russisches Wörterbuch, Kaunas, 1933, 955; S l a p e l i s J. Polnisch-litauisches Wörterbuch, Vilnius, 1940, 509.
46 B a r o n a s J. Russisch-litauisches Wörterbuch, Kaunas, 1924, 24; Litauisch-lettisches Wörterbuch. Zusammengestellt von J. R y t e r i s, Riga, 1929, 1164; B a r o n a s J. Russisch-litauisches Wörterbuch. 2. Aufl., Kaunas, 1933, 32, 104; Š l a p e l i s J. Min. Werk, 509; später DŽ (1954, 1972), NdŽ.
47 P a b r ė ž a J. Min. Handschr., 831.
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Page 72. Bezeichnungen für Varianten des Steinpilzes.
In den litauischen Dialekten finden sich Namen für den Steinpilz, mit denen jeweils eine bestimmte Varietät dieses Pilzes bezeichnet wird. Die meisten dieser Namen wurden in Dzūkija aufgezeichnet, dem pilzreichsten Teil Litauens. Hier werden offenbar zwei Hauptvarietäten des Steinpilzes am deutlichsten unterschieden: der Kiefernwald-Steinpilz (Boletus pinicola Vitt. = B. edulis f. pinicola (Vitt.) Vassilk.) und der Birkenwald-Steinpilz (Boletus edulis Fr. = B. edulis f. edulis, einschließlich B. edulis f. betulicola Vassilk.). Sie unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich des Standortes, sondern auch durch die Farbe und Größe des Hutes. So wird der Kiefernwald-Steinpilz mit schwarzem Hut mit zusammengesetzten Namen wie juodagalvis tikrinis (Druskininkai, Kapčiamiestis), juodagalvis grybas (Kabeliai), juodagalvis baravykas (Labanoras, Tauragnai) bezeichnet, oder noch häufiger substantivisch als juodagalvis (Varėna, Marcinkonys, Rudnia, Pivašiūnai, Valkininkai, Saldutiškis), juodaviršis (Gervėčiai, Rūdiškės). Als Gegenstück dazu wird der Birkenwald-Steinpilz mit hellerem Hut baltagalviu tikriniu (Kapčiamiestis), baltagalviu baravyku (Tauragnai) oder baltagalviu (Varėna, Marcinkonys, Valkininkai, Druskininkai, Saldutiškis), baltaviršiu (Rūdiškės) genannt. Wird der Standort hervorgehoben, werden diese hellen, in Birkenwäldern wachsenden Steinpilze auch paberžiniais baravykais (Labanoras), beržiniais (Varėna, Rudnia) oder trakiniais (Druskininkai, Marcinkonys, Pivašiūnai), trakiniais baravykais (Dubi čiai), trakiniais grybais (Ratnyčia) genannt; vgl. trākas „hohe, trockene Wiese, bewachsen mit vereinzelten Sträuchern und Bäumen, Waldlichtung · || Wiese, auf der Birken stehen“ (LKŽ XVI 538).
Gesondert seien noch solche sporadisch entstandenen zusammengesetzten Namen des Steinpilzes erwähnt, mit denen nur die allerersten, am frühesten erscheinenden Steinpilze bezeichnet werden. Das Austreiben der Steinpilze wird gewöhnlich mit dem Ährenschieben des Roggens in Verbindung gebracht; vgl. die Sätze: Pirmieji baravykai pradeda dygt plaukiant rugiam Kamajai; Kai rugiai krasuoja, baravykai auga Lazūnai; Tada ir baravykaitis kokis išplaukia su rugiais Pelesa. So entstanden die Bezeichnungen ruginis baravykas (: Ruginis baravykas tas y[ra] tikrasis baravykas) in Gardamas sowie baravykas rugiažiedis in Kaltanėnai; hinsichtlich ihrer Motivation vgl. poln. żytni „Boletus edulis Fr.“⁴⁸ und weißruss. каласасвікі „Steinpilze, die zur Zeit des Ährenschiebens des Roggens wachsen“⁴⁹. Außerdem werden die ersten Steinpilze gegužiniais baravykais in Labanoras genannt; hinsichtlich der Motivation vgl. poln. grzyb majowy „Boletus edulis Fr.“⁵⁰, hryb majowy „Boletus edulis Fr.“⁵¹.
3. Išvados.
Bei einem Überblick über alle bekannten Bezeichnungen des Steinpilzes zeigt sich, dass sich sowohl in schriftlichen Quellen als auch in den Dialekten seit ältester Zeit eine vergleichsweise alte slawische Bezeichnung eingebürgert hat
48 B a r t n i c k a — D ą b k o w s k a B. Min. veik., 130.
49 Слоўнік Беларускіх гаворак паўночна-заходняй Беларусі і яе пагранічча 2, Мінск, 1980, 367.
50 B a r t n i c k a — D ą b k o w s k a B. Min. veik., 91; M a j e w s k i E. Słownik nazwiskologicznych i botanicznych polskich 2, Warszawa, 1894, 121.
51 B a r t n i c k a — D ą b k o w s k a B. Min. veik., 93.
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Page 8Lehnwort baravykas, das inzwischen zu einem eigenen Wort geworden ist. Andere Synonyme von baravykas, die in Schriften und Dialekten vorkamen oder vorkommen, sind, obwohl es sich um eigene Wörter handelt, vielleicht aufgrund ihrer sehr anschaulichen Motivation, die jeweils ein Merkmal des Pilzes hervorhebt, entweder enge Dialektismen geblieben (storkūtis, juodviršis) oder wurden schlicht unglücklich gebildet und setzten sich nicht durch. Bei der Entwicklung der wissenschaftlichen mykologischen Terminologie wurde neben baravykas auch tikrinis terminologisiert. Somit hatte sich im 20. Jahrhundert die Stellung aller Bezeichnungen für baravykas, tikrinis, storkūtis, juodviršis. in der Synonymreihe bereits etabliert:
STEINPILZ (BOLETUS EDULIS FR.) UND SEINE SYNONYME
Zusammenfassung
Nach Durchsicht aller bekannten Bezeichnungen des Pilzes Boletus edulis lässt sich feststellen, dass das alte Lehnwort aus dem Weißrussischen baravykas sowohl in der älteren Literatur als auch in den Dialekten vorherrscht. Einige litauische Bezeichnungen für diesen Pilz finden sich dort ebenfalls, sind jedoch außerhalb eines Dialekts nirgendwo verbreitet. Gründe dafür könnten ihre spezifische, wenn auch klare Motivation sein: Der Benennung wurde jeweils nur ein Merkmal des Referenten zugrunde gelegt, z. B. storkūtis, juodviršis; oder sie waren schlicht missgebildet und konnten sich daher in der litauischen Sprache nicht durchsetzen (šįlaogkas, šįlabudė). Bei der Entwicklung der mykologischen Terminologie wurden nicht nur baravykas, sondern auch tikrinis berücksichtigt, eine Bezeichnung, die im Süden Litauens verwendet wird. Somit lassen sich im 20. Jahrhundert alle Synonyme von baravykas nach dem Grad ihrer Verbreitung aufzählen: tikrinis, storkūtis, juodviršis.
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