Acta baltico-slavica / Archeologia, historia, ethnographia et linguarum scientia/ XXIII. Polska Akademia Nauk, Institut Slawistyki. Warschau: Slawistyczny Ośrodek Wydawniczy, 1996, 260 S.
Abb. 1. Acta baltico-slavica Umschlag von Band 23
Vor einigen Jahren erschien in Warschau der 23. Band der Zeitschrift Acta baltico-slavica, in dem sowohl Sprachwissenschaftler als auch verschiedene Kulturforscher interessantes sprachliches und historisches Material zu Litauen und seinen unmittelbaren Nachbarn finden. Entsprechend ist auch die Zusammensetzung der Redaktionskommission: die Warschauer Sprachwissenschaftler und Historiker I. Grek-Pabisowa /verantwortliche Redakteurin/, Aleksander Gieysztor, Janas Jaskanis, Michalas Kondratiukas, Piotras Losowskis, Antonina Obrębska-Jabłońska, Jerzis Okuliczius, die Posener Michalis Hasiukas und Tadeuszas Zdancewiczius, der Krakauer Leszekas Bednarczukas, der Minsker Viktoras Martynovas und der Vilniuser Vytautas Mažiulis.
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Viele Artikel befassen sich mit der litauischen Sprache. Der Band beginnt mit litauistischen Beiträgen, von denen die ersten beiden auf Deutsch verfasst sind. Žaneta Markevičienė und Vladas Grinaveckis führen in ihrem Beitrag „Erweiterung und Kürzung von manchen Wörtern in den Mundarten der litauischen Sprachen“ / „Verlängerung und Verkürzung einiger Wörter in den litauischen Mundarten“ / zahlreiche Beispiele an, vorwiegend aus den oberlitauischen Mundarten. Sie betreffen Wörter verschiedener Wortarten: Pronomen aš ir ašei, ašen, ašeai, ašeinos, tū ir tūjei, tūjen, tūjeinos, mán ir mánen, mánenai; Zahlwörter dù, dvi ir dùjen, dùjenai, dùjeno, dùjaino, dvìen, dvìenai, dvìenos, dvìeino; Verben duóti ir dúoten, dúotenai, dúotien, dúodienai, sùkti ir sùkten, sùktenai, sùktien, sùktienai, éinai ‘geht’, sùkai ‘dreht’, mylìai ‘liebt’, tùrai ‘hat’, rašydavai, rašydau ‘schrieb gewöhnlich’, sakýdavai ‘sagte gewöhnlich’; Adverbien, Präpositionen, Konjunktionen und Partikeln: aplink ir aplinkui, aplinkai, aplinkais, aplinkó, aplinkos ap- linkós, aplinkuo, aplinkom, aplinkun, atgal/atgal ir atgalì, atgalìais, atgalìos, atga- lion atgalion, atgalìonai, atgalìom, atgalìaus; dabar ir dabarós, dabarčios, dabarčiaus, dabarčius, dabarčiai, dabarčiu, dabarškčiai, dabartės, dabartėlio, dabartėlios, da- bartėlės, dabarstė, dabarštėlei, dabar̃gu neben Kurzformen dár, dar, ebenso ar ir à dár ir dá, vėl ir vė, kodėl ir kodė, todėl ir todė, kõl, šìol, tõl ir kõlei, šiõlei tõlei, kõlia, šiõlia, tõlia, kõleik, šiõleik, tõleik usw.
V. Grinaveckis behandelt in seinem Beitrag „Zu einem Fall des Infinitivgebrauchs in den Mundarten der litauischen Sprache“ / „Über einen Fall des Infinitivgebrauchs in den litauischen Mundarten“ / vor allem den für Westlitauen charakteristischen Gebrauch des Infinitivs: dūgnas matyti, namai matyti, nieko nematyti, varpai girdėti, gerai išmanyti, aiškiai jausti oder jùsti. In Ostlitauen wird anstelle des Infinitivs meist die reflexive Form der 3. Person Präsens verwendet: dūgnas namai mátos(i), varpai gìrdis(i) usw.
Die meisten übrigen Artikel sind auf Polnisch verfasst. Zu den litauistischen Beiträgen zählt auch der Artikel von Roman Roszko, der gut Litauisch spricht. Anhand von Beispielen aus dem Dialekt von Punsk erörtert der Autor verschiedene Fälle des Ausdrucks wiederholter Handlungen, genauer gesagt untersucht er die Bedeutungsnuancen des Präteritums frequentativum / būdavo, eidavo, rašydavo / und des einfachen Präteritums / buvo, ėjo, rašė, rašinėjo /. Mit dieser Arbeit bestätigt der Autor die Auffassung, dass das sogenannte Präteritum frequentativum lediglich eine der Formen des einfachen Präteritums ist.
Einer der bedeutendsten Baltisten Polens, Wojciechas Smoczyńskis, untersucht die Varianten der parallelen Artikel der altpreußischen Sprache stess: steis. Der Autor behandelt die Schreibformen morphologisch und vertritt die Ansicht, dass die Flexion des Artikels auf zwei Stämmen beruht, stes- und steis-, von denen der Diphthongstamm eine Neubildung ist, die aufgrund der Opposition Plural stei-: Singular ste- entstanden ist.
Die Thorner Sprachwissenschaftlerin Jolanta Mędelska veröffentlicht charakteristische Interjektionen und Lautmalereien der polnischen Kultursprache im Wilnagebiet, die in der polnischsprachigen Presse Litauens verwendet werden; ein beträchtlicher Teil davon sind Litauismen, z. B.: am-am, au-au, apshi ‘apsik’, capt, ciu-ciu, čirkšt, čiuk, dzingul, ga-ga, gurkt, jukš, kar, op(a), paplak, pokšt, put-put, šast, šlep(t), štiš, tarkšt, zur(u) usw.
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Der zweite Artikel dieser Sprachwissenschaftlerin trägt den Titel „Der polnische Kulturdialekt in Litauen nach dem Zweiten Weltkrieg: die Sprache der ‚Alten‘ und der ‚Jungen‘“. Auch hier wird anhand der polnischen Presse in Litauen der Einfluss des Litauischen und des Russischen auf die Sprache der einheimischen Polen untersucht. Es wird festgestellt, dass die Sprache der älteren Generation deutlich mehr Belarussismen aufweist. Die Sprache der Intellektuellen der jüngeren Generation steht der Norm der polnischen Standardsprache näher. Dies bestätigt die Auffassung vieler Forscher, dass die Litauer in den südöstlichen Randgebieten zunächst weißrussisch wurden (belarussisiert) und erst danach zum Polnischen überzugehen begannen.
Die Warschauer Sprachwissenschaftler Malgorzata Ostrówka, Norbert Ostrowski und Anna Zielińska erörtern die „Gegenwärtige polnische Sprachsituation in Lettland/im Raum Daugavpils/“, die der Situation der Polen in Litauen bei Weitem nicht gleichkommt. In ihrem Artikel „Aus der Problematik des polnischen Bildungswesens in Litauen 1993–1994“ stellt M. Ostrówka fest, dass in Südostlitauen die Zahl der polnischen Schulen und der polnischen Schüler gestiegen ist und sich ihre Lage verbessert hat.
Die Breslauerin Stefania Walasek legt in ihrem ersten Artikel historische Daten aus dem belarussischen Gymnasium in Kleck und im zweiten aus dem privaten Gymnasium mit mathematischem (realem) Schwerpunkt in Nowogródek (1921–1927) vor, in dem auf Belarussisch und Russisch unterrichtet wurde, und schildert dessen Schicksal.
Der Rigaer Philologe Boris Infantjev führt in seinem Artikel „Der Russe und der Pole in lettischen Liedern“ zahlreiche Beispiele aus der gesungenen Folklore an, in denen häufig die Lexeme krievs ‚Russe‘, krieviņš ‚Rüsslein‘, krieviete ‚Russin‘, polis ‚Pole‘, poliete ‚Polin‘ usw. vorkommen. Man nimmt an, dass die Erwähnung der Russen und Polen in den Liedern zum historischen Erbe gehört und sowohl ihre zeitweilige oder dauerhafte Ansiedlung auf lettischem Gebiet als auch die bestehenden und früheren freundschaftlichen oder feindlichen Kontakte dieser Völker im Laufe vieler Jahrhunderte widerspiegelt.
Den Tataren, die im Großfürstentum Litauen die Rolle der Kosaken erfüllten, ist ein Artikel des Warschauers Piotr Borawski gewidmet.
Die Minskerin Svetlana Prochorova informiert die Leser über den XI. Internationalen Slawistenkongress, der vom 30. August bis zum 8. September 1993 in Bratislava/Slowakei stattfand, und über das dort vorherrschende Thema „Slavo-Baltica“.
Im Abschnitt Diskussionen und Polemik vertritt der Vilniuser Artūras Dubonis in seinem Artikel „Leitis in der litauischen Gesellschaft /13.–16. Jh./“ die Auffassung, dass die in den Quellen zur Geschichte Litauens erwähnten Leičiai eine der Gruppen von Bauern gewesen seien, die unmittelbar dem Großfürstenhof, seinem Domänengut, unterstanden. Die anschließenden sprachlichen Schlussfolgerungen sind jedoch bislang wenig überzeugend.
Im Rezensionsabschnitt bespricht Janas Jurkiewiczius den dritten Band der „Altlitauischen Literatur“: Devynioliktan amžiun įžengus, Vilnius: Pradai, 1994.
Der Chronikteil besteht aus Artikeln zum Verlust zweier bedeutender litauischer Sprachwissenschaftler, Aleksandras Vanagas und Vladas Grinaveckis, sowie eines der bedeutendsten polnischen Historiker Litauens, Jerzy Ochmański. Über das Leben A. Vanagas’, seine wichtigsten Arbeiten und deren Bedeutung schrieb der enge Freund des Verstorbenen, der polnische Onomastiker Michalas Kondratiukas; das Leben und Werk V. Grinaveckis’ schilderte Vytautas Vit-
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kauskas, und den wissenschaftlichen Werdegang, den J. Ochmański zurückgelegt hatte, stellte der verstorbene Kollege Jan Jurkiewiczus eindrucksvoll vor.
Aloyzas Vidugiris
Aloyzas VIDUGIRIS
Institut für litauische Sprache
Antakalnio g. 6
LT-2055 Vilnius, Lietuva
Eingegangen am 12.01.2000
IN MEMORIAM TATJANA BULYGINA (1929–2000)
Am 19. April 2000 starb Tatjana Bulygina (Šmeliova) nach schwerer Krankheit in Moskau. Wir haben eine bedeutende Erforscherin der litauischen Sprache und eine aufrichtige Freundin unseres Volkes verloren.
T. Bulygina wurde am 16. Mai 1929 in Moskau geboren. 1951 schloss sie ihr Studium der englischen Sprache an der Moskauer Universität ab. Zu ihren engsten Studienfreunden zählten später berühmt gewordene und auch in Litauen gut bekannte russische Wissenschaftler: die Orientalistin Tatjana Jelizarenkova, der Indoeuropäist Wjatscheslaw Iwanow sowie Wladimir Toporow, der im selben Jahr sein Studium der Slawistik abschloss.
Unter der Betreuung von Professor Michail Peterson verfasste T. Bulygina ihre Kandidatendissertation über Verbindungen mit dem Genitiv in der modernen litauischen Standardsprache. Einen Artikel zum Thema ihrer Dissertation veröffentlichte sie auch in „Lietuvių kalbotyros klausimai“ (1959, 2, S. 90–108). Nach der Verteidigung ihrer Dissertation im Jahr 1960 widmete sich T. Bulygina besonders Fragen der Theorie der Sprachwissenschaft. 1964 veröffentlichte sie eine Studie über die Prager Linguistische Schule (in: Osnovnye napravlenija strukturalizma. M., 1964, S. 46–126). 1968 erschien ihre Untersuchung zu Problemen grammatischer Oppositionen (in: Issledovanija po obščej teorii gramatiki. M., 1968, S. 175–231). Für die Erforscher der litauischen Sprache ist T. Bulyginas Arbeit „Die morphologische Wortstruktur der modernen litauischen Standardsprache“ besonders wichtig (in: Morfologičeskaja struktura slova v indoevropejskich jazykach. M., 1970, S. 7–70), in der erstmals versucht wurde, den morphologischen Aufbau des litauischen Wortes strukturell zu beschreiben.
1977 erschien T. Bulyginas bedeutendstes Werk, „Probleme der Theorie morphologischer Modelle“ (Problemy teorii morfologičeskich modelej. M., 1977), als eigenständiges Buch. Als hauptsächliches sprachwissenschaftliches Material wählte die Autorin darin das Russische und das Litauische. 1980 wurde T. Bulygina für diese Arbeit der Doktorgrad der philologischen Wissenschaften verliehen.
T. Bulygina veröffentlichte interessante Artikel zu Fragen der Satzsemantik und Semiotik. Zusammen mit ihrem Sohn Aleksejem Šmeliov übersetzte sie ins Russische Werke der Semiotik