Page 1ACTA LINGUISTICA LITHUANICA
XLV (2001), 93–111
Der Adessiv in Chylinskis Übersetzung des Neuen Testaments
Gina Kavaliūnaitė
Lietuvių kalbos institutas, Vilnius
Dieser Beitrag analysiert den Gebrauch des Adessivs in Chylinskis Übersetzung des Neuen Testaments. Es wird die These aufgestellt, dass der Gebrauch des Adessivs im Gegensatz zum Inessiv mit Belebtheit zusammenhängt und dass die Verteilung von Adessiv und Inessiv in den verschiedenen Wortarten und deren Unterkategorien (Pronomen der 1. und 2. Person, Pronomen der 3. Person, Eigennamen, Gattungsnamen usw.) durch eine von Silverstein formulierte Belebtheitshierarchie und teilweise auch (in den Fällen, in denen kein Unterschied hinsichtlich der Belebtheit besteht) durch eine Individuierungshierarchie bestimmt wird. Adessiv und Inessiv sind komplementär verteilt; ihr Gebrauch wird durch die kategorialen Eigenschaften des Nomens oder Pronomens bestimmt. Die in der Literatur häufig wiederholte Auffassung, die altlitauischen Schriften spiegelten eine Verwechslung oder funktionale Verschmelzung von Adessiv und Inessiv wider, erweist sich als unzutreffend. Sie beruht auf einer fehlerhaften Auffassung des gegenseitigen Verhältnisses dieser Kasusformen.
0. EINLEITUNG
Bei der Untersuchung des Verhältnisses zwischen Chylinskis Übersetzung des Neuen Testaments (im Folgenden: ChNT) und ihren Quellen musste den postpositionalen Lokalkasus in diesem Text beträchtliche Aufmerksamkeit gewidmet werden. In den Originalsprachen der Quellen von ChNT gibt es keine postpositionalen Lokalkasus; durch den Vergleich einzelner postpositionaler Lokalkasus in ChNT sowie lokaler Präpositionalgefüge mit den Präpositionalgefügen der Quellen lassen sich jedoch bestimmte Regelmäßigkeiten im Gebrauch des Adessivs feststellen. Unter Berücksichtigung des möglichen Ausmaßes des Einflusses der Quellen können Schlussfolgerungen über den Gebrauch postpositionaler Lokalkasus im Litauischen zu Chylinskis Zeit oder zumindest in Chylinskis Idiolekt gezogen werden. Neben den grundlegenden Arbeiten zu den postpositionalen Lokalkasus, die sich vor allem mit Fragen ihrer Bildung befassen (Laigonaitė 1957; Palionis 1967, Kazlauskas 2000; Zinkevičius 1980, 1982; Rosinas 1995, 2000), wurden bislang zwei Untersuchungen zum Gebrauch postpositionaler Kasus in Bretkūnas’ Schriften und ihrem Verhältnis zu den Konstruktionen der Originale veröffentlicht (Range 1995, Gelumbeckaitė 1997, 1999).
Dieser Beitrag ermittelt die Entsprechungen von Konstruktionen mit Adessiv in den Quellen von ChNT und den Einfluss dieser Quellen auf den Gebrauch solcher Konstruktionen, analysiert die Funktionen der in der Übersetzung verwendeten Konstruktionen mit Adessiv, grenzt den Gebrauch des Adessivs in ChNT ab, weist darauf hin, dass die Häufigkeit dieses Kasus mit bestimmten Wortarten und grammatischen Kategorien zusammenhängt, und versucht zu klären, worauf dieser Zusammenhang beruht. Außerdem wird erneut das Problem des Gebrauchs des Inessivs anstelle des Adessivs erörtert. Hier
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werden ausschließlich die Sprachdaten Chylinskis untersucht1; daher lassen sich die formulierten Schlussfolgerungen nicht unmittelbar auf das Litauische des 17. Jahrhunderts insgesamt übertragen. Der Vergleich mit den von anderen Autoren zusammengetragenen Daten zum Gebrauch postpositionaler Lokalkasus in den altlitauischen Schriften zeigt jedoch, dass sich ihr Gebrauch dort nur geringfügig von dem in Chylinskis Sprache unterscheidet. Der Gebrauch von Adessivkonstruktionen in der Übersetzung von ChNT lässt sich etwas anders interpretieren, als dies bislang in Arbeiten zu anderen alten Schriften oder zu postpositionalen Lokalkasus vorgeschlagen wurde. Weiter gefasste verallgemeinernde Schlussfolgerungen werden erst möglich sein, wenn Daten aller Autoren des genannten Zeitraums gesammelt und analysiert worden sind.
Die Sprachdaten Chylinskis werden mit den Daten der Hauptquelle der Übersetzung – Statenbijbel – und der zusätzlichen polnischen Quellen – der Danziger Bibel und der Brest-Bibel2 – verglichen. Da zahlreiche Argumente dafür sprechen, dass Chylinskis beim Übersetzen weder die Vulgata noch das griechische NT herangezogen hat (Kavaliaūnaitė 2001: 105–128), werden hier keine Entsprechungen aus diesen Quellen angeführt.
1. DIE STELLUNG DES ADESSIVS IM KASUSYSTEM CHYLINSKIS
1.1. Der Adessiv wird von Chylinskis unter allen postpositionalen Lokalkasus am seltensten verwendet. Konstruktionen mit dem Adessiv machen 6,2% (507 Vorkommen) aller postpositionalen Lokalkasus aus3.
Im niederländischen Original von ChNT entsprechen dem Adessiv Präpositionalkonstruktionen in + DAT. / ACC. (58%) und by + DAT. (23%), seltener (insgesamt 19%) Konstruktionen mit op + DAT. / ACC., voor + DAT. / ACC. und aan + DAT. / ACC. In den polnischen Quellen finden wir hier Konstruktionen w + LOC. (60%), u + GEN. (22%), seltener (insgesamt 18%) przy + LOC., przez + ACC., z + INSTR, na + LOC.
Mt 17,5 ChNT Tey ⇒ Das ist mein Sohn → Mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe ⇒ möge StB Defe is mijn geliefde Sone / in den welcken ick mijn welbehagen hebbe GdB Ten jest Syn moj miły / w ktorym mi się upodobało BrAB Ten ieft moy ſyn miły ná kthorym przeſtáwam Mk 6, 14 ChNT Jonaß [...] kiełeć iʒ numirui̇u, ir togdėl toğ galibęg deſtio jampi StB Joannis [...] is van den dooden opgeweckt / ende daerom wercken die krachten in hem
1Der Beitrag stützt sich auf Daten aus der Übersetzung des Neuen Testaments.
2Solange nicht endgültig nachgewiesen ist, dass Chylinskis bei seiner Übersetzung die Bibel von Brasta nicht verwendet hat, werden alle zitierten Stellen auch mit ihr verglichen.
3In ChNT gibt es insgesamt 8196 postpositionale Lokalkasus, darunter: LOC. 4117 Vorkommen (50,2%), ADES. 507 Vorkommen (6,2%), ALLAT. 1706 Vorkommen (20,8%), ILLAT. 1866 Vorkommen (22,8%). Zum Vergleich führen wir die Statistik zum Gebrauch postpositionaler Lokalkasus in der NT-Übersetzung von Jonas Bretkūnas an (Daten von Jolanta Gelumbickaitė): BNT enthält insgesamt 1286 Konstruktionen mit postpositionalen Lokalkasus, davon: LOC. 672 Vorkommen (52,4%), ADES. 82 Vorkommen (6,5%), ALLAT. 1456 Vorkommen (35,5%), ILLAT. 176 Vorkommen (5,6%). Wir sehen, dass postpositionale Kasus in ChNT fünfmal häufiger verwendet werden als in BNT, obwohl ihre prozentuale Verteilung im Text sehr ähnlich ist; in ChNT entfällt ein etwas größerer Anteil als in BNT auf den Illativ und ein kleinerer auf den Allativ.
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GdB Jan [...] ist von den Toten auferstanden; deshalb geschehen Wunder durch ihn
BRAB Jan [...] ist von den Toten auferstanden / und deshalb zeigen sich in ihm diese Kräfte
Lk 1,37 ChNT Zedna⇒Nichts, denn kein Ding ist bei Gott unmöglich → unmöglich
StB Denn kein Ding wird bei Gott unmöglich sein
GdB Denn kein Wort wird bei Gott unmöglich sein
Lk 1,33 BRAB Denn bei Gott wird kein Wort unmöglich sein
Lk 1,56 ChNT Oh, Maria blieb bei ihr etwa drei Monate
StB Und Maria blieb bei ihr ungefähr drei Monate
GdB Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr
Lk 1,52 BRAB Und so mit ihr verweilte Maria, gleichsam drei Monate lang
Mt 27,43 ChNT Du hast auf Gott vertraut
StB Er hat auf Gott vertraut
GdB Er vertraute auf Gott
BRAB Er vertraute auf Gott
Mk 5,33 ChNT Da aber die Frau [...] erkannte → als sie erkannte, dass sie [es] war
StB Und die Frau [...] wusste, was mit ihr geschehen war
GdB Aber die Frau [...] wusste, was mit ihr geschehen war
BRAB Und [...] die Frau wusste, was ihr widerfahren war
Durch Adessivkonstruktionen wird im ChNT Folgendes ausgedrückt: 1) ein innerer Zustand, ein Ort oder ein Vorgang im geistigen Raum einer Person, der häufig als Raum der Gegenwart oder des Wirkens (Gottes) oder als ein Ort aufgefasst wird, an dem die Gedanken und Gefühle eines Menschen lokalisiert sind oder auf den sie gerichtet werden4:
Mk 6,14 ChNT Johannes [...] und deshalb können diese Kräfte in ihm wirken
StB Johannes [...] und deshalb wirken die Wunderkräfte in ihm
GdB Johannes [...] deshalb geschehen die Wunder durch ihn
BRAB Johannes [...] deshalb zeigen sich in ihm diese Kräfte
2Tim 1,14 ChNT Bewahre durch den heiligen Geist, der in dir wohnt, bei dir
StB bewahrt [...] durch den Heiligen Geist / der in uns wohnt
GdB Bewahre […] durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt
BRAB bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt
4 Bronius Maskuliūnas (2000: 202–203) adesyvo konstrukcijas su veiksmažodžiu būti ir su kai kuriais kitais veiksmažodžiais (gyventi, rasti, užgulėti) laiko posesyvinėmis. Lokalinė ir posesyvinė adesyvo interpretacijos iš esmės viena kitai neprieštarauja, kadangi posesyvinė reikšmė gali būti laikoma pagrįsta lokalinė reikšme. Šiame straipsnyje nagrinėjamiems klausimams posesyvinės adesyvo interpretacijos galimybė įtakos neturi ir į ją nebus atsižvelgta.
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Mk 11,22 ChNT Jesus antwortete ihnen: Habt Glauben an Gott
StB Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt Glauben an Gott
GdB Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt Glauben an Gott
BrAB Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt Gottesglauben
2) Ort bei jemandem, Aufenthalt (einer Person) in der Umgebung:
Apg 13,7 ChNT Dort war bei dem Statthalter Sergius Paulus, einem verständigen Mann
StB Der bei dem Statthalter Sergius Paulus war, einem verständigen Mann
GdB Der bei dem edlen Statthalter Sergius Paulus war, einem besonnenen Mann
BrAB Der bei dem Statthalter Sergius Paulus, einem weisen Mann war
Apg 28,7 ChNT Publius /…/, der uns aufnahm und uns drei Tage lang freundlich bei sich behielt
StB Publius, [sein] Landgut, der uns aufnahm und uns drei Tage lang freundlich beherbergte
GdB Publius, der uns aufnahm und uns drei Tage lang gastfreundlich beherbergte
BrAB Publius, der uns aufnahm und uns drei Tage lang gastfreundlich in seinem Haus beherbergte
3) Ort zwischen mehreren Personen, in einer Umgebung. In dieser Bedeutung werden nur die Adessive der Personalpronomen der ersten und zweiten Person Plural verwendet:
Joh 14,25 ChNT Dies habe ich zu euch gesprochen, während ich bei euch bin
StB Diese Dinge habe ich zu euch gesprochen, bei euch bleibend
GdB Das habe ich euch gesagt, bei euch wohnend
BrAB Das habe ich euch gesagt, bei euch wohnend
Apg 20,18 ChNT Vom ersten Tag an, als ich nach Asien kam, wie ich bei euch die ganze Zeit gewesen bin
StB vom ersten Tag an, seit ich in Asien angekommen bin, wie ich bei euch die ganze Zeit gewesen bin
GdB vom ersten Tag an, an dem ich nach Asien gekommen bin, wie ich die ganze Zeit bei euch gewesen bin
BrAB vom ersten Tag an, an dem ich nach Asien gekommen bin, wie ich die ganze Zeit bei euch gewesen bin
Mt 13,56 ChNT Sind nicht auch seine Schwestern alle bei uns?
StB Und sind seine Schwestern nicht alle bei uns?
GdB Sind nicht auch seine Schwestern alle bei uns?
BrAB Sind nicht auch seine Schwestern alle bei uns?
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4) Ort im Inneren. Diese Bedeutungen des Adessivs werden im ChNT besonders selten verwendet; im gesamten ChNT-Text wurden nur wenige Beispiele dafür gefunden. Meist handelt es sich um Adessivformen von Personalpronomen der dritten Person, die als Ersatz für Substantive verwendet werden, die unbelebte Gegenstände bezeichnen:
Mt 21,33 ChNT pflanzte einen Weinberg [...] und grub darin eine Kelter ⇒ Gepflanzt einen Weinberg StB wijngaert planted e [...] ende groef eenen wijnperßback daer in GdB pflanzte einen Weinberg [...] und grub darin eine Kelter BrAB pflanzte einen Weinberg [...] und grub darin eine Kelter APR 1,3 ChNT die das Wort der Prophezeiung hören und bewahren, was darin geschrieben steht StB die horen de woorden defer prophe tie / ende die bewaren het gene in defelve gefchreven is GdB die die Worte dieser Prophezeiung hören und bewahren, was darin geschrieben steht BrAB⁵
Adessivformen von Substantiven, die unbelebte Gegenstände bezeichnen, werden im ChNT überhaupt nicht verwendet. Insgesamt ist der Adessiv im ChNT vor allem mit Belebtheit verbunden. Adessivformen, die einen Ort im Inneren und nicht bei oder zwischen Lebewesen bezeichnen, sind statistisch so selten, dass der Eindruck entsteht, der Adessiv der Pronomen sei in solchen Fällen aus Trägheit verwendet worden: Pronomen der dritten Person können sowohl als Ersatz für Substantive dienen, die Lebewesen bezeichnen, als auch für solche, die unbelebte Gegenstände bezeichnen. Eine eingehendere Analyse zeigt, dass die Verwendung von Adessivformen der Pronomen zur Bezeichnung sowohl von Lebewesen als auch von unbelebten Gegenständen tatsächlich kein eigenständiges und zufälliges, sondern ein systematisches Phänomen ist. Auf diese Frage wird weiter unten ausführlicher eingegangen. Die traditionelle Bedeutung des Ortes bei etwas (vgl. Zinkevičius 1980: 259) ist in Chylinskis NT-Übersetzung durch keine einzige Adessivform belegt. Diese semantische Funktion wird bei Bewegungsverben wie legen, tragen, schlagen usw. durch den Allativ erfüllt (Lk 3,9; Lk 9,62; Jn 19,29; ApD 2,23; 1 Kor 7,27 usw.).
1.2. Aus dem Gesagten über die semantischen Funktionen des Adessivs wird deutlich, dass das wichtigste Merkmal der im ChNT in Adessivformen verwendeten Substantive die Opposition belebt (+) – unbelebt (–) ist. Adessivformen von Lexemen, die Lebewesen bezeichnen, sind auch in anderen alten litauischen Schriften sehr häufig. Wie Zigmas Zinkevičius angibt, macht diese Verwendung 70% bis 100% aller Fälle aus: In Daukšas Postille entfallen auf die Pluralformen des Adessivs der Pronomen der ersten und zweiten Person 45% aller Pluralbeispiele des Adessivs, in Bretkūnas Postille 75%; im ChNT, in Sirvydas’ Punktai sakymų, Jaknavičius’ Evangelien und Belarminos Katechismus werden ausschließlich diese Formen verwendet (Zinkevičius 1982: 33).
Die Bedeutung der Kategorien Belebtheit und Unbelebtheit für die Beschreibung von Ortskasus hat Wojciech Smoczyński hervorgehoben. Er weist darauf hin, dass ein (litauischer) Stamm gewöhnlich nicht mehr als zwei Lokalkasus bildet. „Man beobachtet das gemeinsame Auftreten von (I) Illativ und Lokativ sowie (II) Allativ und Adessiv, abhängig von der Bedeutung des Stammes: bei unbelebten Ortsbezeichnungen – (I), bei belebten (insbesondere Personen) und bei Personenbezeichnungen – (II). Es gibt jedoch keinen Stamm, zu dem sowohl Lokativ und Illativ als auch Adessiv und Allativ gebildet würden“ (Smoczyński 2001: 215).
5Die in der Bibliothek der Litauischen Akademie der Wissenschaften aufbewahrten Exemplare der Brastos Biblija sind defekt; es fehlen Blätter, besonders am Anfang und Ende des Buches. Daher können wir einige Beispiele aus der Brastos Biblija nicht anführen.
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nen Ortsbezeichnungen – (I), bei belebten (insbesondere Personen) und bei Personenbezeichnungen – (II). Es gibt jedoch keinen Stamm, zu dem sowohl Lokativ und Illativ als auch Adessiv und Allativ gebildet würden“ (Smoczyński 2001: 215).
Typologische Untersuchungen zeigen, dass die Kategorie der Belebtheit grammatikalisiert wird, das heißt, grammatische Merkmale, die in irgendeiner Weise mit Belebtheit zusammenhängen, regelmäßig durch diejenigen Wortarten (oder deren Subkategorien) ausgedrückt werden, die von Natur aus häufiger zur Bezeichnung von Lebewesen verwendet werden. Es versteht sich von selbst, dass Pronomen der ersten und zweiten Person gewöhnlich Menschen bezeichnen und daher grammatische Merkmale, die mit Belebtheit (Menschlichkeit) zusammenhängen, regelmäßiger ausdrücken; diese Verwendung kann auf alle Mitglieder der betreffenden Kategorie verallgemeinert werden, das heißt, der Adessiv der Pronomen wird auch in den selteneren Fällen verwendet, in denen das Pronomen kein Lebewesen bezeichnet, zum Beispiel:
Mt 10,11 ChNT Und → Wenn ihr in eine Stadt oder ein Dorf kommt → geht hinein, fragt, wer dort → würdig ist → würdig StB Ende in wat ftadt ofte vlecke ghy fult inkomen / onderfloeckt wie daer in weerdigh is GdB Und in welche Stadt oder welches Städtchen ihr auch kommt, erkundigt euch, wer darin würdig ist BrAB Und in welche Stadt oder welches Dorf ihr kommt, erkundigt euch, wer darin würdig ist
In der natürlichen HIERARCHIE DER BELEBTHEIT (animacy hierarchy) nehmen einzelne Wortarten und ihre Subkategorien bestimmte Positionen ein, je nachdem, wie häufig sie in gewöhnlichen, prototypischen Situationen Lebewesen bezeichnen. Den Begriff der Belebtheitshierarchie führte Michal Silverstein in die Linguistik ein; er untersuchte die Verteilung von Mustern zur nominativischen und ergativischen Kennzeichnung des Subjekts (Agens) und Objekts transitiver Sätze nach Wortarten und deren Subkategorien in australischen Aborigine-Sprachen (Silverstein 1976: 122 ff.). Der Begriff wird breit zur Untersuchung und Beschreibung zahlreicher weiterer sprachlicher Phänomene verwendet, die mit der Kategorie der Belebtheit zusammenhängen. An erster Stelle sind hier die grammatischen Genussysteme zu nennen. Jolanta Mindak (1990) wendet den Begriff der Belebtheitshierarchie erfolgreich auf die Beschreibung grammatischer Genussysteme slawischer Sprachen an. Auch in der neueren linguistischen Literatur wird der Begriff der Belebtheitshierarchie häufig verwendet und in einigen Veröffentlichungen zu nominalen Kategorien berücksichtigt (z. B. in Stephen Andersons Überblick, erschienen in der populären, von Timothy Shopen herausgegebenen Sammlung zur syntaktischen Typologie). Silversteins Belebtheitshierarchie wird hier (siehe Tabelle 1) so vorgestellt, wie Anderson sie in seinem Artikel knapp darlegt (1985: 183):
TABELLE 1. HIERARCHIE DER BELEBTHEIT
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Die Statistik der im ChNT verwendeten Adessive entspricht ziemlich genau der hier dargestellten Klassifikation. Die Adessivformen werden im ChNT mit folgender Häufigkeit verwendet:
TABELLE 2. HÄUFIGKEIT DES ADEssIVGEBRAUCHS IM ChNT NACH WORTARTEN UND IHREN SUBKATEGORIEN
Adessive der Pronomen der ersten Person — Sg. manimp (44x), Pl. mū simp (21x)
Adessive der Pronomen der zweiten Person — tavimp (21x), Pl. jū simp (59x)
Adessive des Reflexivpronomens — savimpi (61x)
Adessive der Eigennamen — Kristusiep (65x), Viešpatiep (55x), Jėzusiep (47x), Die wiep (44x), Tė viep (11x), Sūnumpi (4x), Simon iep (4x) usw., insgesamt 177 Adessive von Eigennamen
Adessive der Demonstrativ- und Personalpronomen der dritten Person — jampi, tampi, kitampi (90x)
Adessive der Relativpronomen — kuriampi, kampi (23x)
Adessive von Personenbezeichnungen — žmogumpi (8x)
Adessive von Adjektiven — gyvampi (1x), tikrampi (1x), išmint ingampi (1x)
Adessive von Bezeichnungen für Lebewesen (außer Menschen) und unbelebte Gegenstände — keine
Wie aus den vorgelegten Daten ersichtlich, sind die Adessive der Pronomen der ersten und zweiten Person sowie des Reflexivpronomens am häufigsten (206x), gefolgt von den Adessiven der Eigennamen (177x); an dritter Stelle stehen die Adessive der Demonstrativ-, Personalpronomen der dritten Person und Relativpronomen (113x), am seltensten sind die Adessive von Personenbezeichnungen (8x) und Adjektiven (3x). Im ChNT werden weder Adessive von Bezeichnungen für Lebewesen (außer Menschen) noch von unbelebten Gegenständen verwendet.
Dass Eigennamen häufiger verwendet werden als Demonstrativ- und Personalpronomen der dritten Person, bringt das System in diesem Fall nicht zum Einsturz. In einem neutralen Text werden die Wörter dievas, tėvas, sūnus als Gattungsnamen verwendet; hier jedoch gelten die Bezeichnungen für den christlichen Gott und seine Personen als Eigennamen, und diese Wörter treten in der Heiligen Schrift statistisch häufiger auf als in einem neutralen Text.
Die Belebtheitshierarchie ist Teil einer umfassenderen INDIVIDUALITÄTSHIERARCHIE (individuation hierarchy), auf die sich viele Linguisten in ihren Arbeiten stützen. Mit diesem Konzept lassen sich verschiedene morphosyntaktische Phänomene erfolgreich beschreiben, insbesondere solche, die mit Kasusgebrauchssystemen zusammenhängen – Alan Timberlake verwendete den Begriff der Individualität des Objekts bei der Untersuchung des Gebrauchs des Genitivs bei Negation im Russischen, während John Hopper und Sandra Thomp-
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son ją taikė kaip tranzityvumo parametrą (Timberlake 1975: 123–139; Hopper, Thompson 1980: 251–299). Individualumo hierarchijos skalėje pagal reiškiamą individualumo kiekį skiriamos tokios semantinės opozicijos:
3. TABELLE: HIERARCHIE DER INDIVIDUALITÄT
hoher Individualitätsgrad
niedriger Individualitätsgrad
Eigenname
Gattungsname
belebt
unbelebt
Singular
Plural
konkret
abstrakt
Die semantischen Merkmale der im ChNT verwendeten Adessive entsprechen genau den hier aufgeführten Merkmalen eines hohen Individualitätsgrades: Die meisten Adessive sind Eigennamen; Adessive von Nomina, die lebende Wesen bezeichnen, werden bevorzugt verwendet; Adessive im Singular dominieren; Adessive im Plural werden ausschließlich bei Pronomen der ersten und zweiten Person verwendet (die am engsten mit grammatikalisierter Belebtheit verbunden sind); Adessive abstrakter Substantive werden nicht verwendet. Somit bestätigt die Analyse der Sprachdaten von Chylinskis Tendenz, die Zinkevičius festgestellt hat, Adessivformen bei der Bezugnahme auf lebende Wesen zu verwenden. Häufiger werden Adessive bei den Wortarten und ihren Subkategorien verwendet, die in der Belebtheitshierarchie weiter oben stehen. Unterschiede in der Häufigkeit der Verwendung des Adessivs innerhalb einer Wortart (d. h. wenn der Grad der grammatikalisierten Belebtheit gleich ist) lassen sich anhand der Individualitätshierarchie beschreiben.
2. VERWENDUNG DES ADESSIVS ANSTELLE DES INESSIVS UND UMGEKEHRT
2.1. In der Literatur zu den postpositionalen Lokalfällen wird dieser Problematik beträchtliche Aufmerksamkeit gewidmet. Die Ursachen für die Verwechslung von Inessiv und Adessiv werden auf zweierlei Weise erklärt. Die meisten Forschenden vertreten die Auffassung, dass der Funktionsunterschied zwischen Adessiv und Inessiv in der Sprache selbst geschwunden sei (Laigonaitė 1957: 27; Palionis 1967: 120, 170; Rosinas 1995: 65; 2001: 140–143; Gelumbec kaitė 1996: 158; 1997: 189–190; Maskuliūnas 2000: 205–206); andere meinen hingegen, dass ihr Gebrauch in den aus der Lutherbibel übersetzten Texten durch den Einfluss der Übersetzungsvorlagen bedingt gewesen sei: „Die Frage, ob diese Vertauschung eine volkssprachige Grundlage hat, möchte ich verneinen. [...] Ich nehme also an, daß die Vertauschung von Adessiv und Lokativ (Inessiv) letztlich vorlagenabhängig ist“ (Range 1995: 99–101). Die Analyse ergab, dass sich die Bedeutungen von Adessiv und Inessiv im ChNT recht deutlich unterscheiden. Die Bedeutung des Adessivs ist im ChNT vor allem mit Belebtheit und Ort verbunden. Der Inessiv wird dagegen niemals zur Bezeichnung eines Vorgangs im Bewusstsein lebender Wesen verwendet; er bezeichnet den Ort einer Handlung oder eines Gegenstands, die Zeit einer Handlung, einen Ort unter mehreren oder Ausdehnung. Die Adessivformen der ersten und zweiten Person Plural werden zur Bezeichnung eines Ortes unter mehreren sowie der Ausdehnung verwendet; die Pronomen der dritten Person stehen im Inessiv Plural: Da sie in der Belebtheitshierar-
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chie eine niedrigere Stellung einnahmen, hatten sie keine Adessivformen im Plural mehr. Substantive, die diese Bedeutung ausdrücken, stehen ebenfalls nur im Inessiv Plural.
Kaip matyti iš Czesławo Kudzinowskio sudaryto Indekso (1964), ChNT nėra nė vieno asmenvardžio, įvardžių aš, tu, leksemų Dievas, Tėvas, Jėzus, Kristus ir pan. įsėvyu. Iš 4117 ChNT pavartotų įsėvyų vos keletas reiškia gyvas būtybes. Tai daugiskaitos įsėvyai žmonėse (9x), pranašuose (5x), visuose (1x) ir vienaskaitos įsėvyai žmoguj (1x), boboj (1x), motinoj (1x). Tuos kelis atvejus toliau ir aptarsime:
1) Inessiv Plural žmonėse (9x):
Mk 10,27 ChNT Für Menschen ist es unmöglich, aber nicht für Gott. Für Gott sind nämlich alle Dinge möglich.
StB Bei den Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott: denn alle Dinge sind bei Gott möglich.
GdB Bei den Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott: denn bei Gott ist alles möglich.
BrAB Bei den Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott; denn bei Gott ist alles möglich.
Lk 18,27 ChNT Was bei den Menschen unmöglich, bei Gott ist möglich.
StB Die Dinge, die bei den Menschen unmöglich sind, sind bei Gott möglich.
GdB Was bei den Menschen unmöglich ist, ist bei Gott möglich.
BrAB Was bei den Menschen unmöglich ist, ist bei Gott möglich.
Da in den besprochenen Beispielen von lebenden Personen die Rede ist, wäre hier der Adessiv zu erwarten, umso mehr, als an den entsprechenden Stellen der Übersetzungsvorlagen typische Entsprechungen des Adessivs verwendet werden. Das Auftreten des Inessivs žmonėse an dieser Stelle ließe sich damit erklären, dass Chylinskis Substantive generell nicht im Adessiv Plural verwendete und mangels einer geeigneten Adessivform in seinem Sprachsystem stattdessen den Inessiv gebrauchte. Diese Annahme wird auch durch den unmittelbar daneben stehenden Adessiv Diewiep gestützt, der in genau derselben Position mit derselben Bedeutung verwendet wird. Um einen Ort unter mehreren auszudrücken, verwendete Chylinskis den Adessiv Plural der Pronomen der ersten und zweiten Person; wird diese Bedeutung jedoch durch ein Substantiv oder ein Pronomen der dritten Person ausgedrückt, steht dieses stets im Inessiv Plural.
2) Adessiv Plural pranašuose (5×):
ApD 13,40 ChNT wie es gesagt ist pranabołe
StB ’t gene, was geschrieben ist in de Propheten
GdB das, was gesagt wurde w Prorocẽch
BrAB das, was gesagt wurde w Prorocẽch
Der Adessiv pranašuose bedeutet „in den Büchern der Propheten“; der hier mit dem Adessiv bezeichnete Ort ist also nicht mit Belebtheit verbunden. Rein theoretisch wäre es in einer solchen Position möglich, auch den Ade-
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ssiv zu verwenden, da das zur Bezeichnung eines Werkes gebrauchte Wort pranašas grammatisch als belebt (nach dem Prinzip der grammatischen Belebtheit) oder als unbelebt (nach dem Referenzprinzip) interpretiert werden kann. In Chylinskis Übersetzung wird das letztere Prinzip befolgt. Außerdem ist auch in diesem Fall bei der Erklärung der Wahl des Inessivs zu bedenken, dass im Text des NT von Chylinskis überhaupt keine adessivischen Pluralformen von Substantiven belegt sind.
3) Inessiv Plural visuose (1×):
Ef 4,6 ChNT Ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle ist und jufimp wifole
StB Ein Gott und Vater aller, der über allen ist und durch alle und in euch allen
GdB Jeden Bog y Oćiec wβyſtkich / ktory ieſt náde wβyſtko / y po wβyſtkich / y we wβyſtkich was
BrAB Ein Gott und Vater aller, der über allen Dingen ist und durch alle Dinge und in euch allen
Hier wird der Inessiv in seiner typischen adessivischen Bedeutung verwendet. Doch auch diese Ausnahme lässt sich mit demselben Grund wie die vorangehenden Fälle erklären: Das zusammenfassende Pronomen „alle“ hatte im Deklinationssystem von ChNT keine Adessiv-Pluralform. In Chylinskis Sprache kommen nur Adessiv-Pluralformen der Pronomen der ersten und zweiten Person vor, die in der Belebtheitshierarchie die erste Stelle einnehmen: musimpi, musiṁp und jusiṁpi, jusiṁp.
4) Inessiv Singular žmoguj (1×):
Eph 3,16 ChNT zu stärken durch seinen Geist widutiniame žmoguj
StB mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist im inwendigen menſche
GdB durch seinen Geist mit Kraft gestärkt im wnętrznym człowieku
BrAB durch seinen Geist kräftig gestärkt / w wnętrznym człowiecże
Die Form des Adessivs žmogumpi wird im ChNT insgesamt verwendet (7×), und in diesem Fall lässt sich das Auftreten des Inessivs durchaus als „Verwechslung“ bezeichnen. Anstelle des Plural-Adessivs wird aus den bereits erörterten Gründen der Plural-Inessiv žmonėse verwendet. Da das System bereits „aufgebrochen“ war, könnte hier analog dazu auch der Singular-Inessiv žmoguj eingeführt worden sein. Einen Einfluss der Übersetzungsquellen können wir hier nicht erkennen, denn den meisten Konstruktionen mit Adessiv entsprechen in den Originalen die in diesem Fall verwendeten Konstruktionen nl. in + DAT. und poln. w + DAT.
5) Inessive im Singular boboj (x) und motinoj (1×):
2Tim 1,5 ChNT Denn ich erinnere mich an deinen ungeheuchelten Glauben, der zuerst in deiner Großmutter boboy tawo Loiloy, ir Motynoy tawo Eunice wohnte; und ich bin überzeugt, dass er auch in dir wohnt
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StB Wenn ich mir den ungeheuchelten Glauben vergegenwärtige, der in dir ist und der zuerst in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunice gewohnt hat, bin ich überzeugt, dass er auch in dir [wohnt.]
GdB Wenn ich mir jenen ungeheuchelten Glauben ins Gedächtnis rufe, der in dir ist und der zuerst in deiner Großmutter Loïs und in deiner Mutter Eunice wohnte, bin ich gewiss, dass er auch in dir wohnt.
BrAB Ich rufe mir jenen Glauben ins Gedächtnis, der in dir ist, ungeheuchelt, und der zuvor in deiner Großmutter Loïs und in deiner Mutter Eunice wohnte; und ich bin gewiss, dass er auch in dir wohnt.
Adesyvasformen von *bobaip oder *motinaip gibt es im ChNT nicht. Überhaupt gibt es kein einziges Adesyv eines Substantivs des Femininums; im ChNT wird als einzige Adesyvform des Personalpronomens der dritten Person Femininum ji die Form jeyp verwendet (7x). Man kann annehmen, dass Chylinskis Wahl der Inessive bobo und motinoj damit zusammenhängt, dass er Adesyvformen von Substantiven des Femininums überhaupt nicht verwendete. Die Frage, warum es in der gesamten NT-Übersetzung keinen einzigen Adesyv eines Substantivs des Femininums gibt, müsste Gegenstand einer eigenen Untersuchung sein⁵. Einen Einfluss der Übersetzungsquellen können wir in diesem Fall ebenfalls nicht erkennen.
Somit fanden wir im gesamten ChNT nur einige wenige Fälle, in denen der Inessiv von Personenbezeichnungen verwendet wird. In der Regel wird in solchen Fällen (außer bei „Mensch“) anstelle des Adesyvs nur der Inessiv solcher Wortarten verwendet, für die es in Chylinskis Sprachsystem überhaupt keine Adesyvformen gibt.
2.2. Wie Chylinskis verwendeten auch die Autoren anderer alter Schriften den Adesyv des Pronomens der ersten und zweiten Person sowie des Reflexivpronomens. Albertas Rosinas (2001: 140) stellt fest, dass „das Subsystem der Personalpronomina im Partizipialgebrauch und des Reflexivpronomens (sie nehmen nämlich den ersten Platz in der Belebtheitshierarchie ein – G. K.) in den Texten von Daukša keinen Inessiv aufweist; an seiner Stelle wird der Adesyv verwendet, mit dem meist ein innerer Zustand ausgedrückt wird“. Dieser Befund stimmt vollständig mit den Sprachdaten Chylinskis überein. Ohne alle alten Schriften eigens unter diesem Gesichtspunkt zu untersuchen, lässt sich nicht sagen, bei welchen Autoren Personalpronomina und Reflexivpronomen überhaupt keine Inessivformen hatten. Nach Rosinas Angaben fehlen Inessivformen der Personalpronomina im Partizipialgebrauch nicht nur in den Schriften von Daukša, sondern auch im Katechismus von Petkevičius und in den Schriften von Sirvydas (Rosinas 1995: 17, 20; 2001: 140). Der Inessiv dieser Pronomina wird nur bei Bretkūnas sowie
5 Lässt sich angesichts dessen, dass der Gebrauch des Adesyvs im ChNT sehr konsequent den Merkmalen der Belebtheits- und Individualitätshierarchien entspricht, und gestützt auf den sprachlichen Befund bei Chylinskis, dass sowohl die Adesyvformen der Pronomina als auch die der Substantive im Femininum wesentlich seltener verwendet werden als die entsprechenden Formen im Maskulinum, die Annahme aufstellen, dass das Femininum in der Individualitätshierarchie einen niedrigeren Rang einnimmt? Darauf, dass Adesyvformen femininer Substantive seltener als die maskuliner Substantive verwendet werden, hat auch Range (1995: 100) hingewiesen. In der Literatur zur Stellung des Maskulinums und Femininums in den Belebtheits- und Individualitätshierarchien wird dies nicht behandelt; es ist jedoch denkbar, dass das Femininum in dieser Hierarchie einen niedrigeren Rang einnehmen könnte. Interessanterweise weisen in einigen slawischen Sprachen, in denen der mit dem Genitiv zusammenfallende Akkusativ mit Belebtheit verbunden ist, feminine Substantive uneinheitlich Merkmale grammatischer Belebtheit auf: vgl. russisch ja znaju étix mal’čikov, étix devušek (Acc. = Gen.), aber polnisch widzę tych chłopców (Acc. = Gen.): widzę te dziewczyny (Acc. = Nom.) (zum Verhältnis zwischen den Kategorien Genus und Belebtheit ausführlicher siehe Mindak 1990).
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in den Schriften von Vilentas. Die Gründe für diesen besonderen Gebrauch in den Texten dieser Autoren müssten gesondert untersucht werden.
Auch der von Daukša verwendete Adesyv hängt mit dem Belebtheitsgrad zusammen. Dies bestätigen Rosinas Angaben, wonach „in Sätzen mit den Verben sein, leben und anderen nur der Adesyv der Personalpronomina im Partizipialgebrauch und des Reflexivpronomens verwendet wird, während bei Genuspronomina und Nomina neben dem Adesyv häufig auch der Inessiv gebraucht wird“ (2001: 141).
Etwas anders als Chylinskis verwendete Daukša die Adesyvformen des Plurals von Personenbezeichnungen:
Apė ką Augūltinie p S. Ambraziejep ir kitūfiámp fenūliámp Daktarūfiámp daug ‘kaitit’ gali DP 36933–34; turėtų wiłładós matóne Diewiep ir gerūgiámp žmonełėmp DP 678–9 (zitiert nach Rosinas 2001: 141).
Daraus können wir schließen, dass der Bereich der grammatischen Kodierung von Belebtheit oder Individualität, der sich im Idiolekt Daukšas im Gebrauch des Adesyvs zeigt, etwas weiter gefasst war als in Chylinskis Sprache, obwohl kein grundlegender Unterschied zwischen dem Adesyvgebrauch der beiden Autoren erkennbar ist.
2.3. Bei der Erörterung der Verwechslung von Inessiv und Adessiv im Sprachsystem muss klar definiert werden, was unter einer solchen Verwechslung zu verstehen ist und anhand welcher Kriterien sie festgestellt werden kann. Viele Autoren, die über die Neutralisierung von Inessiv und Adessiv geschrieben haben, führen Beispiele an, in denen Adessiv und Inessiv innerhalb einer Nominalphrase verwendet werden:
nė regi Dwãlios f. žmogup atgimdītame DP 25535–36; žmonełe bediewiũłemp ir neybti-kumūłemp DP 4452–53 (Die Beispiele aus Daukšas Postille werden nach Palionis 1967: 170 zitiert).
Solche Stellen werden gewöhnlich als typische Beispiele für eine Verwechslung von Inessiv und Adessiv zitiert. Die Verwendung von Inessiv und Adessiv innerhalb einer Wortverbindung weist jedoch nicht auf eine Verwechslung von Adessiv und Inessiv hin. Dieser Gebrauch lässt sich durch das Verhältnis der betreffenden Kasus zueinander erklären. Da die Verwendung von Adessiv und Inessiv von den kategorialen Eigenschaften der Nomina abhängt (diese Kasus werden gemäß den Hierarchien von Belebtheit und Individualität verwendet), stehen sie in komplementärer Distribution. Zu diesem Schluss kommt Wojciech Smoczyński, der bei der Beschreibung des Verhältnisses von Inessiv und Illativ sowie von Adessiv und Allativ schreibt: „Realnie mamy [...] do czynienia z dwiema izofunkcyjnymi parami form o dystrybucji komplementarnej, która jest regulowana semantyką rzeczownika“ (Smoczyński 2001: 215). Hinsichtlich ihrer Distribution fungieren Inessiv und Adessiv demnach als Varianten eines Kasus. Damit lässt sich erklären, warum innerhalb einer Nominalphrase, deren Bestandteile durch Kongruenz miteinander verbunden sind, sowohl Adessiv als auch Inessiv verwendet werden können, ohne dass die Kongruenzbeziehung dadurch verletzt wird. Dieses Verhältnis spiegelt die Bedeutungsstruktur von Inessiv und Adessiv wider: Die mit der Kasussemantik verbundene Komponente (Ort, Lokalisierung) ist beiden Kasus gemeinsam. Zusätzliche kategoriale Semen sind innerhalb einer Nominalphrase unabhängig voneinander markiert. In diesen Fällen bilden Adessiv und Inessiv keine Kasusopposition. Dass innerhalb einer Nominalgruppe nebeneinander sowohl Inessiv als auch Adessiv verwendet werden, beweist nicht, dass sie promiscue gebraucht werden, da ihr Gebrauch durch die kategorialen Eigenschaften des Nomens bedingt ist.
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Analysieren wir weitere Beispiele, die als Illustration einer Verwechslung von Inessiv und Adessiv angeführt werden:
kaipo ſchwentaie Euangelyaie parafchit / ira. ſ. Matheupj tapagaliauſiagi Galwagi MžK 24₇₋₉; Matehulſiep Dwieu Defſymtu Pirmoi Cap. DP 1₄₋₅; und nicht nur andere βmones Jordanip ira krikſchtjens BP₁₁ 239₁₁₋₁₃ (zitiert nach Range 1995: 101).
Wir sehen, dass zur Bezeichnung eines nicht mit Belebtheit verbundenen Ortes (ſchwentaie Euangelyaie, tapagaliauſiagi Galwagi, Dwieu Defſymtu Pirmoi Cap.) der Inessiv verwendet wird, während innerhalb der Konstruktion gerade der Personenname Matheupj, Matehulſiep im Adessiv steht. Das in Bretkūnas Postille verwendete Hydronym Jordanip konnte als Eigenname mit einem Personennamen assoziiert werden; so könnte sein Adessiv an dieser Stelle analogisch entstanden sein.
Vor dem Hintergrund dieser allgemeinen strukturellen Merkmale des Gebrauchs von Inessiv und Adessiv kann man versuchen, Kriterien zu formulieren, anhand deren sich feststellen ließe, ob diese Kasus tatsächlich verwechselt werden oder nicht. Das Verschwinden des Bedeutungsunterschieds zwischen Inessiv und Adessiv lässt sich nur anhand von Fällen nachweisen, in denen an verschiedenen Stellen, aber in gleichen Kontexten, ohne klaren funktionalen Unterschied Inessive und Adessive desselben Wortes (derselben Wortart) verwendet werden. Das sind gerade die Stellen, an denen Inessiv und Adessiv von Pronomen sowohl zur Bezeichnung eines inneren Zustands und eines Ortes im Umfeld einer Person oder mehrerer Personen als auch eines Ortes bei unbelebten Dingen verwendet werden. In Chylinskis Übersetzung finden sich nur wenige solche Fälle:
Mt 23,21 ChNT pryſiekt per Baźnicų į a/.../ ir per ghi kurſey giwena jeyp → joy StB Ende wie ſweert by den tempel / die ſweert by den ſelven / ende by dien die daer in woont GdB A kto przysięga ná Kościoł / przysięga náń / y ná tego ktory w nim mieſka BRAB A kthoby kolwiek przysięgł ná kościoł / przysięgać náń / y ná tego ktory w nim mieſka
Solche Stellen können wir nur teilweise als Beispiele für eine „Verwechslung“ betrachten, denn der Gebrauch des Adessivs von Pronomen ist auch dann gerechtfertigt, wenn diese als Ersatz für unbelebte Dinge dienen, da Pronomen in der Belebtheitshierarchie einen sehr hohen Rang einnehmen. In Chylinskis NT-Übersetzung lässt sich auf diese Weise jedoch nur der Gebrauch des Adessivs bei Pronomen der dritten Person Singular Maskulinum rechtfertigen, die unbelebte Dinge vertreten. Denn Chylinskis verwendete die Pronomen der dritten Person Singular Maskulinum, die Substantive für belebte wie unbelebte Dinge ersetzen, mit nur einer einzigen Ausnahme (Jak 1,25) ausschließlich im Adessiv (76-mal). Die Pronomen der dritten Person Singular Femininum werden etwas anders gebraucht. Ihre Verwendung ist gewöhnlich differenziert: Der Inessiv wird nur anstelle von Pronomen verwendet, die Substantive für unbelebte Dinge ersetzen, der Adessiv dagegen unterschiedslos (in Mt 1,20; Mk 5,33; Lk 1,56 ersetzen die Adessive der Pronomen der dritten Person Singular Femininum die Substantive žmona und Marija, in Mt 21,33; Mt 23,21; Rom 1,17; Offb 1,3 hingegen die Substantive bažnyčia, evangelija, pranašystė, vynvyčia). Somit bilden die Pronomen der dritten Person Femininum in Chylinskis Übersetzung das schwache Glied, bei dem die Vermischung von Inessiv und Adessiv beginnt.
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In der Literatur werden Beispiele dieses Typs aus den Schriften von Bretkūnas, Daukša und Sirvydas angeführt; die meisten Beispiele hier betreffen den Gebrauch des Inessivs und Adessivs bei Pronomen der dritten Person im selben Kontext:
nera iumpi teyibes PS₁ 130₁₈–₁₉; nera iuole [wejkatos PS₁ 125₂₀–₂₁; … Dwalia S. būwo iamimp DP 429₃₂–₃₃; Dwaliá S. būwo iame DP 426₃₉–₄₀ (zitiert nach Maskuliūnas 2000: 206).
Ein solcher inkonsequenter Gebrauch könnte auf die hinweisende Funktion der Pronomen zurückzuführen sein: In unterschiedlichen Kontexten können sie bald auf Lebewesen, bald auf unbelebte Gegenstände verweisen.
2.4. Anders als in den zuvor besprochenen Texten werden die Pronomen in den Schriften Bretkūnas verwendet. Hier werden der innere Zustand einer Person oder mehrerer Personen sowie eine Handlung im Bewusstsein von Personen durch den Inessiv und Adessiv des Pronomens der ersten und zweiten Person sowie des Reflexivpronomens ausgedrückt (anders als bei Chylinskis), z. B.:
Bet ne tur Schaknu fawimp BNT Mt 13,21; Pharifeufchas ftaw edams teip pats faw eie meld ei BNT Lk 18,11; A ie dumai fawija BNT Lk 20,5; Satanas fawija → fawije perfkitas ira BNT Lk 11,17; Er ne dege fchirdis muſu mulūi BNT Lk 24,2 (zitiert nach Gelumbec kaitė 1997: 189).
Es darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass in einer solchen Position Inessive in Bretkūnas’ NT-Übersetzung häufig durch den Adessiv ersetzt werden:
dumaia fawei → fawip BNT Lk 12,17; bilaia fawije → fawip BNT Lk 18,4; [shwieſumas kuris tawije →tawipi ira BNT Lk 11,35; paſinſite, kaip elch mano Tiewieie →Tiew+pi efmi, ir ius manije →manipi ir elch iuſuie → iuſuie / iuſuia →iuſipi BNT Jn 14,20; (zitiert nach Gelumbec kaitė 1996:157; 1997: 189).
Anhand der veranschaulichten Ersetzung des Inessivs durch den Adessiv erkennen wir, dass Bretkūnas an der Eignung des Inessivs in einer solchen Position zweifelte und einen Unterschied zwischen den Gebrauchsfeldern der besprochenen Kasus empfand. Range (1995: 99–101) erklärt diese inkonsequente Abgrenzung der Gebrauchsfelder mit dem Einfluss der Übersetzungsvorlagen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die deutschen Konstruktionen in + DAT. günstige Voraussetzungen dafür schaffen konnten, dass der Inessiv in solchen Positionen auftrat (obwohl diese Konstruktionen in Chylinskis Übersetzung keinerlei Einfluss auf den Gebrauch des Adessivs hatten). Das Vorkommen deutscher Konstruktionen sowie von + ACC. an denselben Stellen veranlasste Bretkūnas, den Inessiv zumindest gelegentlich durch den Adessiv zu ersetzen. Auf solche Ersetzungen dürften nicht nur die Übersetzungsvorlagen, sondern auch Bretkūnas’ eigenes Sprachgefühl oder seine Zweifel an der besseren Form Einfluss gehabt haben. Die Annahme, dass Bretkūnas einen Unterschied zwischen dem mit Belebtheit verbundenen Adessiv und dem mit Ort verbundenen Inessiv empfand, wird auch durch die Daten von Gelumbec kaitė (1999: 217) gestützt: Im BNT wird der Adessiv nicht durch den Inessiv ersetzt, wenn eine Handlung im Bewusstsein einer Person (oder mehrerer Personen) oder die Lokalisierung mentaler Vorgänge ausgedrückt wird. Der Inessiv (Allativ) wird im BNT bisweilen auch dann zum Adessiv korrigiert, wenn von einem Ort zwischen etwas oder von einer Ausbreitung in einer bestimmten Umgebung die Rede ist:
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derjenigen Dinge, die mufui → mufip geschehen sind BNT Lk 1,1; die Wunder, die iufui → iulip getan wurden BNT Lk 10,13; ich habe zu euch gesprochen iufump → iufipi, während ich bei euch war BNT Joh 14,25 (zitiert nach Gelumbeckaitė 1996: 157; 1997: 191–192).
Dies ist bereits ein anderer Typ des Gebrauchs von Inessiv und Adessiv, der unter anderen Umständen entstanden ist: Die adessivische Bedeutung des Aufenthalts bei jemandem, in der Umgebung von jemandem, steht der lokalen Bedeutung des Ortes zwischen etwas, der Ausdehnung in der Umgebung von jemandem, sehr nahe. Man kann sich sogar vorstellen, dass die Bedeutung des Aufenthalts bei jemandem die Bedeutung des Singular-Adessivs ist, während die Bedeutung des Aufenthalts in der Umgebung von jemandem, der Ausdehnung zwischen etwas, die Bedeutung des Plural-Adessivs ist, vgl.:
Denn er war Storafteyp Sergiubiep Powilep zmogumpi ibmintingampi ChNT ApD 13,7; Sind seine Schwestern nicht alle mufimp? ChNT Mt 13,56.
Im ChNT wird die Bedeutung des Ortes zwischen etwas oder der Ausdehnung im Inneren nicht nur durch den Plural-Adessiv der Personalpronomen der ersten und zweiten Person ausgedrückt, sondern auch (wenn diese Bedeutung durch Glieder bezeichnet wird, die auf der Individualitätsskala einen niedrigeren Rang einnehmen – durch ein Pronomen der dritten Person oder ein Substantiv) durch den Plural-Inessiv oder durch Präpositionalkonstruktionen:
Idand teyſe Zokona galetu but ibpildita mufimp ChNT Rom 8,4; Tey kalbėjau jumu, budama iufimp ChNT Jn 14,25; Kaſ neg aukbta ira zmoneſa ChNT Lk 16,15; ir turejo łofka wiſoſe zmoneſa ChNT ApD 2,47; <Togdel> kad tada atajo Samarytone yop, praſe jo kad → idand pafiliktu → atliktu jofe ChNT Jn 4,40.
Wir können nicht sagen, dass Chylinskis in diesen Fällen die Gebrauchsbereiche von Inessiv und Adessiv beim Ausdruck des Ortes zwischen etwas verwechselte. Im Gegenteil, er spürte ihre Grenzen sehr genau: stärker individualisierte Wortarten oder ihre Unterkategorien (Personalpronomen der ersten und zweiten Person) drückte er durch den Plural-Adessiv aus, weniger stark individualisierte (Personalpronomen der dritten Person und Substantive) durch den Plural-Inessiv. Ähnlich verwendete Jonas Bretkūnas im Bibelübersetzungstext den Adessiv von Personalpronomen im Plural zur Bezeichnung der Bedeutung des Ortes zwischen etwas (meist in Korrekturen). Wenn der Ort oder die Ausdehnung zwischen etwas durch ein Substantiv bezeichnet wird, steht dieses – ebenso wie in Chylinskis Übersetzung – im Inessiv (Gelumbeckaitė 1997: 191–192):
Das Reich Gottes ist mitten unter euch → iufipi BNT Lk 17,21; er wollte mir meine Ehre nehmen, ſmonieſa → unter den Menschen BNT Lk 1,25 (zitiert nach Gelumbeckaitė 1996:157; 1997: 91).
Anders als Chylinskis verwendete Bretkūnas den Plural-Inessiv der Personalpronomen der ersten und zweiten Person ebenfalls für die Bedeutung des Ortes zwischen etwas:
der Dinge, die mului → mufip geschehen sind BNT Lk 1,1; die Wunder, die iufui → iufip getan wurden BNT Lk 10,13 (zitiert nach Gelumbeckaitė 1997: 191).
Wir sehen, dass im Bibelübersetzungstext Bretkūnas’ der Gebrauch des Adessivs enger ist als im ChNT, während der des Inessivs erheblich breiter ist: 1) Bretkūnas drückte anders als Chylinskis Lebewesen
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im geistigen Bereich verwendete er die Inessivformen der Personalpronomen der ersten und zweiten Person sowie des Reflexivpronomens in dieser Bedeutung, obwohl er sie bisweilen zum Adessiv korrigierte; 2) in der Bedeutung „Ort zwischen wem/was“ verwendete Bretkūnas anders als Chylinskis auch den Inessiv der Pluralformen der Personalpronomen der ersten und zweiten Person. Diesen Gebrauch bei Bretkūnas können wir als Verwechslung von Inessiv und Adessiv betrachten.
In anderen alten Schriften wurden lediglich Fälle einer Verwechslung von Inessiv und Adessiv bei den Pronomen der dritten Person gefunden. Die Ursachen für eine solche Verwechslung liegen wahrscheinlich im Sprachsystem selbst: Die Grenzen zwischen den Bedeutungen von Inessiv und Adessiv konnten bei verschiedenen Autoren unterschiedlich verlaufen. Im Sprachsystem einiger Autoren war der Gebrauch des Adessivs mit einem höheren Grad an Individualität verbunden (Chylinskis), andernorts (Daukša, Sirvydas) konnte sein Anwendungsbereich auch Elemente mit einem geringeren Grad an Individualität umfassen. Die Frage, warum der Inessiv in den Schriften von Bretkūnas viel umfassender als bei anderen Autoren verwendet wird, sollte gesondert untersucht werden.
3. SCHLUSSFOLGERUNGEN
VERHÄLTNIS ZU DEN ÜBERSETZUNGSVORLAGEN. Die wichtigsten Entsprechungen der im ChNT verwendeten Adessivkonstruktionen sind lokale Präpositionalphrasen ol. in + DAT. / ACC. (58%) sowie poln. w + LOC. (60%); seltener finden sich an den entsprechenden Stellen ol. by + DAT. (23%) und poln. u + GEN. (22%). Den Rest bilden Entsprechungen mit ol. op + DAT. / ACC., voor + DAT. / ACC., aan + DAT. / ACC. sowie poln. przy + LOC., przez + ACC., z + INSTR. Es wurden keine Tendenzen festgestellt, wonach bestimmte Konstruktionen den Gebrauch des Adessivs begünstigt hätten. Adessivkonstruktionen, die im untersuchten Text by + DAT. entsprechen, werden in Korrekturen gelegentlich durch pas + ACC., su + INSTR. ersetzt; es gibt jedoch keinen Grund zu behaupten, dass diese Korrekturen durch die Übersetzungsvorlagen bedingt sind.
GEBRAUCH. Adessivkonstruktionen bezeichnen einen Ort im geistigen Bereich von Lebewesen, einen Ort bei jemandem, in der Umgebung von jemandem und einen Ort zwischen wem/was sowie Ausdehnung (in dieser Bedeutung werden nur die Adessivformen der Pluralpronomen der ersten und zweiten Person verwendet). Orte in unbelebten Gegenständen werden im ChNT durch Adessivkonstruktionen besonders selten bezeichnet; es wurden nur wenige solche Fälle gefunden. In der Bedeutung „Ort bei etwas“ wird der Adessiv im ChNT nicht verwendet.
Die adessivische Bedeutung ist im ChNT unmittelbar mit grammatikalisiertem Belebtheit verbunden, d. h. häufiger werden Adessivformen derjenigen Wortarten verwendet, die Lebewesen bezeichnen. Die im ChNT verwendeten Adessive entsprechen genau der Belebtheitshierarchie nach Silverstein (am häufigsten kommen Adessivformen der Pronomen der ersten und zweiten Person vor, etwas seltener die von Eigennamen und Pronomen der dritten Person, noch seltener die von Personenbezeichnungen; Adessivformen von Bezeichnungen für Lebewesen außer Menschen und für unbelebte Gegenstände fehlen) sowie den Merkmalen der Individualitätshierarchie (häufiger werden Adessive von Eigennamen und von Wortarten verwendet, die in der Belebtheitshierarchie einen höheren Rang einnehmen; die Singularformen des Adessivs sind unvergleichlich häufiger als die Pluralformen, und verwendet werden nur Adessive konkreter Substantive).
Dies bestätigt Zinkevičius’ Feststellung, dass Adessivformen bevorzugt häufiger bei der Rede über Lebewesen verwendet werden, sowie Smoczyńskis Schlussfolgerung, dass zwischen Adessiv und Inessiv beziehungsweise Allativ und Illativ hinsichtlich des Gegensatzes belebt: unbelebt ein Verhältnis komplementärer Distribution besteht.
GEBRAUCH DES INESSIVS ANSTELLE DES ADESSIVS UND UMGEKEHRT
1. Fälle, in denen Inessiv und Adessiv innerhalb einer Konstruktion verwendet werden und das Kongruenzprinzip gewahrt bleibt (I. Matheiu[p] tapagaliauſiagi Galwagi MŽK 24₇,₉; ira and wilo ir per wiø, ir julump wiole ChNT Ef 4,6 usw.), sind nicht als Verwechslung von Inessiv und Adessiv anzusehen
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Fakten; beide Kasus werden in lokaler Bedeutung verwendet: Im Adessiv stehen Sprachbestandteile oder ihre Kategorien, die in der Hierarchie der Individualität bzw. Belebtheit einen höheren Rang einnehmen, im Inessiv dagegen Sprachbestandteile und ihre Unterkategorien, die weniger Individualität ausdrücken. Hier ist von einer durch semantische Merkmale bedingten komplementären Distribution die Rede.
2. Obwohl die Adessivformen der Pluralpronomen der ersten und zweiten Person im ChNT in der Bedeutung „zwischen etwas“ und „Ausbreitung“ verwendet werden, gelten die Inessivformen der Pluralpronomen der dritten Person juose und die Plural-Inessivformen žmonėse nicht als Beispiele für eine Verwechslung von Adessiv und Inessiv, da die Pluralformen der Pronomen der dritten Person und der Substantive als schwach individualisierte Kategorie in Chylinskis Sprache keine pluralischen Adessivformen hatten. Daher wird hier statt des Adessivs der Inessiv verwendet. Ähnliches findet sich auch in anderen alten Schriften: žmonele bediewiufemp ir neyßtikumiufemp DP 4452–53 u. a.
3. In Chylinskis Sprache sind die Bedeutungsgrenzen zwischen Inessiv und Adessiv klar unterschieden und werden fast nie verwechselt. Im gesamten NT fanden sich nur wenige solcher Beispiele; gelegentlich wird versehentlich anstelle des Adessivs ein Inessiv (des Pronomens der dritten Person) verwendet und dann zum Adessiv korrigiert (Mt 23,21).
4. Als eindeutige Fälle einer Verwechslung von Inessiv und Adessiv in Bretkūnas Schriften sind die Verwendung des Inessivs und des Adessivs der Pronomen der ersten und zweiten Person sowie des Reflexivpronomens (fshwieſumas kuris tawịe → tawipi ist BNT Lk 11,35 etc.) zur Bezeichnung eines Ortes im geistigen Raum belebter Wesen sowie die Verwendung des pluralischen Inessivs und Adessivs der Pronomen der ersten und zweiten Person zur Bezeichnung eines Ortes zwischen etwas anzusehen (tų daiktų, kurie mului → mulip nusidawė BNT Lk 1,1 etc.).
In anderen alten Schriften werden Inessiv und Adessiv verwechselt, wenn Pronomen der dritten Person zur Bezeichnung eines Ortes im geistigen Raum belebter Wesen verwendet werden (Dwalía S. būwo iame DP 42639–40; Dwalía buwo iamimp DP 42632–33) und wenn die pluralischen Inessiv- und Adessivformen der Pronomen der dritten Person oder von Eigennamen und Personenbezeichnungen zur Bezeichnung eines Ortes zwischen etwas verwendet werden (nera iumpi teyßibes PS₁ 13018–19; nera iuole [weykatos PS₁ 12520–21; turėtų wilładós malóne Diewiep ir gerūliamp žmoneleſemp DP 678–9; žmonele bediewiufemp ir neyßtikumiufemp DP 4452–53).
ZEICHEN
[...] – Auslassung
žmog[us] – wiederhergestellte Abkürzung
→ – geändert zu
⇒ – Synonym
{...} – unleserlich
Γ – Beginn einer Korrektur
∠ abc\>– gestrichen
ABKÜRZUNGEN
Acc. – accusativus (Akkusativ)
ADES. – adessivus (gegenwärtiger äußerer Lokativ)
ALLAT. – allativus (gerichteter äußerer Lokativ)
DAT. – dativus (Dativ)
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GEN. – genitivus (Genitiv)
ILLAT. – illativus (gerichteter innerer Lokativ)
INSTR. – instrumentalis (Instrumental)
poln. – auf Polnisch
LOC. – locativus (gegenwärtiger innerer Lokativ)
NOM. – nominativus (Nominativ)
niederl. – auf Niederländisch
ABKÜRZUNGEN
BNT – NEUES TESTAMENT. In die litauische Sprache übersetzt von Jonas Bretkūnas, Pastor von Labguva. 1580. Zitiert nach Range J.D., Scholz, Fr. (Hrsg.), NEUES TESTAMENT. In die litauische Sprache übersetzt von Jonas Bretkūnas [...] 1580, Faksimile der Handschrift 7 und 8, 1991, Paderborn-München-Wien-Zürich.
BP – POSTILLA, das heißt eine kurze und einfache Auslegung der Evangelien [...] von Jonas Bretkūnas, Pastor von Litauen in Königsberg in Preußen. Gedruckt in Königsberg bei Georg Osterberger. Im Jahre des Herrn 1591.
BrAB – Die heilige Bibel, das heißt die Bücher des Alten und Neuen Bundes, aus dem Hebräischen, Griechischen und Lateinischen neu mit Sorgfalt und Treue ins Polnische übersetzt, [Brest], 1563.
ChNT – Czesław Kudzinowski, Jan Otrębski, Chylińskis litauische Bibel. Neues Testament 2, Text, Posen: Nationalinstitut Ossoliński, 1958.
DP – KATHOLISCHE Postille, das heißt: Auslegung der Evangelien für jeden Sonntag und Feiertag des ganzen Jahres. Von dem Priester MIKALOY DAVKSZA, Kanoniker von Medininkai / aus dem Polnischen übersetzt. Mit Erlaubnis und Genehmigung der Oberen in Wilna / in der Druckerei der Akademie der GESELLSCHAFT JESU. Im Jahre des Herrn 1599.
GdB – Die heilige Bibel, das heißt die Bücher des Alten und Neuen Bundes, aus der hebräischen und griechischen Sprache sorgfältig und treu ins Polnische übersetzt [...], [Danzig], 1632.
MžK – CATECHISMVS, die einfache Lehre, die Kunst des Lesens und Schreibens sowie Gesänge für die Christenheit und für die kleinen Kinder, neu zusammengestellt in Königsberg, am 8. Tag des Monats Juli, im Jahre der Geburt Gottes 1547.
PS – PUNKTE DER PREDIGTEN vom Advent bis zur Fastenzeit, in litauischer Sprache, mit einer Erklärung auf Polnisch, durch den Priester KONSTANTY SZYRWID / Theologe der Gesellschaft Jesu / MIT GENEHMIGUNG DER OBEREN herausgegeben. In Wilna, in der Druckerei der Akademie der Gesellschaft Jesu, im Jahre 1629.
StB – Bibel, das ist die ganze Heilige Schrift, enthaltend alle kanonischen Bücher des Alten und Neuen Testaments. Auf Befehl der Hochmächtigen Herren Generalstaaten der Vereinigten Niederlande [...] aus den ursprünglichen Sprachen getreu in unsere niederländische Sprache übertragen [...] und auf gemeinsamen Beschluss der niederländischen Kirchen von Druckfehlern und Irrtümern, die sich in der ersten Auflage fanden, bereinigt. Zu Amsterdam, gedruckt bei der Witwe des verstorbenen Paulus Aertsz van Ravelsteijn [...] im Jahre 1657.
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Gina Kavaliūnaitė Lietuvių kalbos institutas Antakalnio g. 6, 2055 Vilnius, Lietuva gina.kav偏[email protected]
Gauta 2001 10 04