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VÁCLAV BLAŽEK

Masaryk University

Forschungsgebiete: Indogermanistik, insbesondere slawische, baltische, keltische, anatolische, tocharische und indo-iranische Sprachen; finno-ugrische Sprachen; afroasiatische Sprachen; Etymologie; genetische Klassifikation; mathematische Modelle in der historischen Linguistik.

DOI: https://doi.org/10.35321/all81-03

DIE WOLGA – DER ERSTE FLUSS EUROPAS

Wolga – der erste Fluss Europas

Damit kein Streit entstehe unter freien Menschen, Wolga, Wolga, liebe Mutter, nimm die Schöne zum Geschenk!

„Damit für immer Frieden herrsche in diesem freien und tapferen Bund, Wolga, Wolga, Mutter Wolga, mach dieses schöne Mädchen zum Grab!“

Дмитрий Николаевич Садовников¹ im Jahr 1883

ZUSAMMENFASSUNG

Die vorliegende Studie fasst alle Bezeichnungen des Flusses Wolga zusammen und ordnet sie, soweit möglich, in einem weiteren Kontext der Primärtexte im Anhang an. Die zweite Aufgabe ist eine Bestandsaufnahme und Diskussion der bestehenden Etymologien. Das dritte Ziel besteht darin, neue Lösungen vorzuschlagen, falls die bestehenden nicht überzeugend genug sind. Abschließend werden einige allgemeine Schlussfolgerungen formuliert.

SCHLAGWÖRTER: Fluss, Wolga, Hydronym, Etymologie.

¹ Verfügbar unter: <https://en.wikipedia.org/wiki/Stenka_Razin> [abgerufen am 01.11.2019].

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Acta Linguistica Lithuanica LXXXI

Volga – the First River of Europe

ZUSAMMENFASSUNG

Diese Studie fasst alle Bezeichnungen des Flusses Wolga zusammen, soweit möglich im weiteren Kontext der im Anhang zusammengestellten Primärtexte. Das zweite Ziel der Untersuchung besteht darin, die bestehenden Etymologien zu untersuchen und zu diskutieren; das dritte darin, neue Lösungen vorzuschlagen, sofern die bestehenden nicht überzeugend genug sind. Abschließend werden einige allgemeine Schlussfolgerungen formuliert.

SCHLÜSSELWÖRTER: Fluss, Wolga, Hydronym, Etymologie.

Mit einer Länge von 3.534 km (vor dem Bau des Systems aus Stauseen waren es 3.693 km) und einem Einzugsgebiet von 1.380.000 km² ist die Wolga der größte Fluss Europas, der westlichste große Fluss Eurasiens und der größte endorheische Fluss der Welt. Für derart lange Flüsse ist es typisch, dass sie in verschiedenen Sprachen mehrere Namen tragen. Die folgenden sieben Hydronyme, alphabetisch geordnet, werden sowohl unter etymologischen Gesichtspunkten als auch im Hinblick auf ihre semantische Motivation ausführlich analysiert.

1. Ἀράξης

1.0. Herodot [1.201–202] (ca. 450 v. Chr.) erwähnte Ἀράξης als einen Fluss, der mit dem Ister, d. h. der Donau, vergleichbar oder sogar größer sei. Dieser Araxes sollte durch 40 Flussarme fließen, von denen jedoch nur einer ins Kaspische Meer mündete. In seinem Delta soll es Inseln von der Größe Lesbos’ (1.630 km²) gegeben haben. Diese Beschreibung kann nur auf die Wolga zutreffen (ursprünglich 3.693 km; Einzugsgebiet 1.380.000 km²; Abfluss in Astrachan 8.060 m³/s; das Wolgadelta besteht aus ca. 500 Flussarmen² auf einer Fläche von 27.224 km²) und nicht auf den Fluss Ἀράξης, der im modernen Armenischen als Araks, im Türkischen, Persischen und Kurdischen als Aras und im Aserbaidschanischen als Araz bekannt ist (1.072 km; 102.000 km²; Abfluss an der Mündung in die Kura 285 m³/s) und nahe der Stadt Erzurum in Ostanatolien entspringt, in derselben Gegend wie die Quelle

² Verfügbar unter: <https://earthobservatory.nasa.gov/images/5650/volga-river-delta> [abgerufen am 01.11.2019].

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VÁCLAV BLAŽEK

des Euphrat3. Dieser Araks wurde als reißend, aber schmal beschrieben4, im Gegensatz zu Herodots Beschreibung.

1.1. „Reißender Strom“ kann eine überzeugende Motivation für die Benennung dieses kürzeren und schneller fließenden Flusses sein, der an den Hängen über 3.000 m hoher Berge entspringt und traditionell mithilfe des Armenischen arag, erag „rasch, reißend, schnell“ erklärt wird (vgl. Tomaschek 1895, S. 404), das seinerseits iranischen Ursprungs ist; vgl. Parthisch (Turfan) rg „rasch, reißend“, Avestisch rayu- „leicht beweglich, flink“ (Olsen 1999: 868; Bailey 1979: 359). Der anlautende Vokal entspricht einer typischen armenischen Prothese vor Entlehnungen mit r̥-5. Ergänzend sei erwähnt, dass der Fluss in klassischen armenischen Quellen Erask‘ hieß, während das Altgeorgische Rakšī6 aufwies, noch ohne den anlautenden Vokal.

1.2. Falls Herodot die Wolga tatsächlich als Ἀράξης beschrieb, ist die Etymologie „reißend“ nicht anwendbar, da die Quelle der Wolga nur 228 m hoch liegt und der Fluss angesichts seiner ursprünglichen Länge von fast 3.700 km extrem langsam fließt. In diesem Fall wäre es denkbar, den Flussnamen als iranisch *a-raxsa- „unschädlich“ zu erklären; vgl. Jungavestisch Akk. Sg. (ā-Stamm?)

3 Pompeius kannte diesen Fluss bereits 68 v. Chr., wie Plutarchs Zeugnis in seiner Lebensbeschreibung des Pompeius belegt [33.1: Πομπήιος δὲ εἰς Ἀρμενίαν ἐνέβαλε τοῦ νέου Τιγράνου καλούντος αὐτόν ἤδη γὰρ ἀφειστήκει τοῦ πατρός, καὶ συνήντησε τῷ Πομπήιω περὶ τὸν Ἀράξην ποταμόν, ὃς ἀνίσχει μὲν ἐκ τῶν αὐτῶν τῷ Εὐφράτῃ τόπων, ἀποτρεπόμενος δὲ πρὸς τὰς ἀνατολὰς εἰς τὸ Κάσπιον ἐμβάλλει πέλαγος, „Pompeius fiel daraufhin auf Einladung des jungen Tigranes in Armenien ein, der sich nun von seinem Vater losgesagt hatte, und traf Pompeius in der Nähe des Flusses Araxes. Dieser entspringt in denselben Gegenden wie der Euphrat, wendet sich aber nach Osten und mündet ins Kaspische Meer“ (Plutarch 1917: Pompey. – Plutarch’s Lives, with an English Translation by Bernadotte Perrin. Cambridge (MA): Harvard University Press – London: Heinemann, 1917). Verfügbar unter: <http://data.perseus.org/citations/urn:cts:greekLit:tlg0007.tlg045.perseus-grc1:33.1-[accessed 01.11.2019]; <http://data.perseus.org/citations/urn:cts:greekLit:tlg0007.tlg045.perseus-eng1:33.1> [abgerufen am 01.11.2019].

4 Vgl. Vergil: Aeneid 8.728: pontem indignatus Araxes „der Araxes, empört darüber, überbrückt worden zu sein“. Siehe auch den Eintrag Araxes in Encyclopaedia Iranica, Bd. II, Fasc. 3 (1986), S. 268–271, von W. B. Fisher (& C. E. Bosworth). Verfügbar unter: <http://www.iranicaonline.org/articles/araxes-river> [abgerufen am 01.11.2019].

5 Vgl. Armenisch aroy̌r „Messing“ < iranisch *rauða-, vgl. manichäisches Mittelpersisch rwy, zoroastrisches Mittelpersisch lwd „Kupfer, Messing“; Armenisch erang „Farbe“ gegenüber manichäischem Mittelpersisch rng; Sanskrit raṅga- „Farbe, Farbstoff“; Armenisch erak „Vene“ gegenüber zoroastrischem Mittelpersisch rk’ ebenda usw. (Olsen 1999: 869, 879).

6 W. B. Fisher, C. E. Bosworth. Verfügbar unter: <http://www.iranicaonline.org/articles/araxes-river> [abgerufen am 01.11.2019].

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Acta Linguistica Lithuanica LXXXI

Volga – the First River of Europe

raxsam „Schaden“ [Vištāsp Yašt 2.127; Übersetzung von James Darmstetter⁸]. Eine ähnliche semantische Motivation wurde beispielsweise für den Pazifischen Ozean herangezogen.

1.3.1. Unter den Hydronymen sind Namen, die durch Farben motiviert sind, relativ häufig. Ein aussichtsreicher Kandidat könnte das Iranische *raxšā- „dunkel gefärbt“ sein, vgl. >Khotanesischrraša „dunkel gefärbt“, Sogdisch rγš „Fuchspferd“, Persisch raxš „rot-weiß gemischt, zwischen Schwarz und Fahl“ >Wakhi rakš „grau, braun“ (Steblin-Kamenskij 1999: 292), Kurdisch raš „schwarz, dunkel“ (Bailey 1979: 362; Cabolov 2010: 194). Offen bleibt die Deutung des anlautenden Vokals. Die einfachste Lösung wäre das Negativpräfix *a-, also *a-raxšā- = „nicht dunkel“. Es wäre jedoch recht merkwürdig, wenn stattdessen nicht unmittelbar ein Wort für eine helle Farbe verwendet worden wäre. Andererseits wurde zumindest der Mittellauf der Wolga als „schwarz“ bezeichnet (siehe unten).

1.3.2. Eine weitere Möglichkeit ist das Kompositum *ha-raxšā- „ganz dunkel“, vgl. Avestisch ha- „zusammen“, Khotanesisch ha „alle“ (ESI] 3: 345–353; Bailey 1979: 438).

1.3.3. Die dritte Möglichkeit ist das Kompositum *āh-raxšā- „dunkler Mund“, vgl. Avestisch āh-, Khotanesisch āha- „Mund“ (Bartholomae 1904: 345, 351, 357; Bailey 1979: 29–30; ESI] 1: 303–304). Die hypothetische Bedeutung „dunkler Mund“ könnte vielleicht widerspiegeln, dass es im Delta der Wolga Erdölvorkommen gibt⁹.

1.3.4. Grundsätzlich kann man auch annehmen, dass Herodot zwei quasi-homonyme Hydronyme miteinander kombinierte, eines mit anlautendem Vokal, der die „armenische Prothese“ repräsentiert (Araks/Ars/Araz; früher Eraskʿ, aber altgeorgisch Rakšī) und das zweite ohne ihn (*Raxsaoder *Raxšā-; vielleicht die Wolga). Das Ergebnis war eine Angleichung, die zur Form *Araxšāmit dem entsprechenden anlautenden a-. führte.

2. *As(a)tEl > Ἀσστὴλ/Ἄσσατὴλ ~ Ἀττίλας ~ Ἄτελ ~ Τίλ ~ Ätil

2.0.1. Byzantinische Quellen (chronologisch geordnet; siehe Moravcsik 1958: 78–79): Ἀττίλας … Fluss bei Zemarchus, um 570 (überliefert durch Menander Protector) Τίλ … Fluss bei Theophylactus Simocatta, Historiae, um 630 verfasst, über das Ende des 6ᵗʰ Jahrhunderts Ἄτελ … Fluss bei Theophanes Homologetes (†818), Chronicle (284–813 n. Chr.; etwa um 680)

⁷ Verfügbar unter: <http://titus.fkidg1.uni-frankfurt.de/texte/etcs/iran/airan/avesta/avest.htm> [abgerufen am 01.11.2019].

⁸ Verfügbar unter: <http://www.avesta.org/fragment/vytsbe.htm> [abgerufen am 01.11.2019].

⁹ Verfügbar unter: <https://earthobservatory.nasa.gov/images/5650/volga-river-delta> [abgerufen am 01.11.2019].

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Ἄσθηλ... Fluss und Festung in Chasarien, erwähnt in byzantinischen geographischen Berichten aus dem 8.th Jh.

Ἀσατήλ... Bistum in Chasarien laut einer Pariser Handschrift (um 800?).

Ἄτηλ... Fluss bei Konstantin Porphyrogennetos (erste Hälfte des 10.th Jh., mit Bezug auf das 9.th Jh.).

Ἀτελκούζου... Ort, an dem die Petschenegen zur Zeit Konstantins lebten (ebd.).

Ἐτέλ καὶ Κουσού... Ort, der früher von Türken (= Ungarn), später von Petschenegen bewohnt wurde (ebd.).

2.0.2. Armenische Quellen (Pritsak 1956: 407): Et‘il in der Geographie des Pseudo-Mowsēs Chorenac‘i in einer Abschrift von Anania Šira-kac‘i (um 700 n. Chr.). At‘l bei Gregor von Akanc‘ (†1333).

2.0.3. Quellen in hebräischer Schrift (Gaster 1899: 67, § 34.14): Htl {חטל} im Yosippon (um 900 n. Chr.).

2.0.4. Quellen in arabischer Schrift (Marquart 1929: 96; Pritsak 1954: 407–408): Itil bei Ibn Rusta (um 903) und al-Muqaddasī (996) Ātl & Ʀtl bei Ibn Faḍlān (922) ʔIṭl bei al-Balḫī (†934) Iṭil bei Iṣṭaḫrī (Mitte des 10. Jh.) und Idrīsī (1157) ʔātil bei Ibn Ḥawqal (977/8) Ātil bei Maḥmūd Kašġarī (um 1070) und Marwazī (1120) ʔatal bei Abū Ḥāmid al-Andalusī al-Ġarnāṭī (1080–1170) Itil bei Yāqūt (†1229) Ītīl bei Ğuwainī (†1283) Ṣdīl in Šaġarat al-atrāk (um 1457) Ṣadl bei al-Iṣfahānī (um 1509) Ṣadal or Ṣadil im Derbend-nāmeh usw.

2.0.5. Berichte europäischer Reisender aus dem 13. Jh.: Frater Richard Ethyl; Rubruk Etilia, Ethilia, Edilia; Marco Polo Edilia; Benedictus Polonus Ethyl (Gombocz 1917: 183; Pritsak 1956: 409).

2.0.6. Das Hydronym ist seit dem 11.th Jh. in den Turksprachen (Maḥmūd Kašġarī) und seit dem 13.th Jh. in den mongolischen Sprachen (Geheime Geschichte der Mongolen) belegt: Karachanidisch Etil ‚Flussname, vielleicht Wolga‘ [Maḥmūd Kašġarī, 11. Jh.; Legende über Oghuz–Qaghan aus dem 13. Jh.] (DTS 187), Tschagataisch Ātil, Ādil ‚Wolga‘, Ak–Ādil ‚Kama‘, wörtlich ‚Weiße Ādil‘, Kasachisch und Nogaisch Edil, Teleutisch Ädäl, Baschkirisch Idal ‚Wolga‘, Kasan-Tatarisch Izal, Idal ‚Wolga‘, Kara Idal ‚Wolga‘ =

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„Schwarzer Idal“ vs. Ak Idal „Kama“¹⁰ = „Weißer Idal“, Tschuwaschisch ADăl „Wolga“, Šură-ADăl „Kama“, wörtlich „Weißer ADăl“ (Gombocz 1917: 183; Radlov I: 842, 857, 1509; Räsänen 1969: 52). Später gelegentlich appellativisch: Tschagataisch ädil „Fluss, Strom“, Diminutiv ädil-ča & ădil-čik „Bächlein“, Kasan-Tatarisch idal „großer Fluss“ (> Mansisch eĕtl „Meerwasser“) vs. idal-čäk „Bächlein“ (Pritsak 1956: 415).

Mittelmongolisch Idil „Wolga“ [Secret History of Mongols, §§ 262, 270], Ežil „von den Mongolen zerstörte Stadt“ [Secret History of Mongols, § 274], Kalmückisch Idžl (mörn) „Wolga (Fluss)“ (Ramstedt 1935: 205).

Folgende Etymologien oder etymologische Kommentare wurden (oder könnten) vorgeschlagen werden:

2.1. Klaproth (1826) unterschied ’Aṭṭílas „Wolga“ (S. 117) und Tíl „Kama“ (S. 274) und schrieb Letzterem die Bedeutung „schwarz“ zu (S. 268). Ausgehend von seiner Vorstellung einer Beziehung zwischen den antiken Awaren und den modernen Awaren aus Dagestan verglich er das Hydronym mit Andi dir; der Begriff „schwarz“ müsste im Andischen jedoch b-ečedir lauten, außerdem Karata b-ečetiro-b, Hunzib çədilu, Bezhta çodolo usw. (Klimov & Xalilov 2003: 354; NCED 556 zufolge ist Andi -dir ein Wortbildungssuffix). Zum Attribut „schwarz“ vgl. Pritsak (1956: 411), der auf die Historiae des Theophylactus Simocatta [258.9] verweist: (verfasst um 630, gegen Ende des 6ᵗʰ Jh.), wo

ἔνθα ὁ Τίλ διαρρεῖ ποταμός, ὃν Μέλανα Τούρκοις ἀποκαλεῖν <ἔθος>

“wo der Til-Fluss hindurch-fliesst, den die Türken ‘den Schwarzen’ <zu>nennen<pflegen>”

(siehe Haussig 1953: 283, 287),

und ferner die häufige türkische Bezeichnung der Wolga als „schwarz“, Qara Idil oder Qara Itil. Pritsak (1956: 411) deutete es als „groß“, wie den Namen Qara Mö́ren für den Huang He bei Rašīd ad-Dīn (†1318).

2.2. Haussig (1953: 426) rekonstruierte die Form ’Aστıλ als *’As-Til = *„Fluss der ’Ασιοι“, wobei die Form Tíl von Theophylactus Simocatta belegt wurde (bereits Abel-Rémusat 1820, 320 erkannte in Tíl die Wolga). Haussig konnte jedoch keinen Beleg dafür anführen, dass Tíl appellativisch „Fluss“ vel sim. bedeutete, und zwar nicht nur im Türkischen.

2.3. Pritsak (1956: 404–419; 1982: 444) analysierte sowohl den Personen- und Flussnamen ’Aттíλας als auch den Flussnamen ’Aστıλ als hypothetisches altbulgarisches Kompositum, bestehend aus den Bestandteilen *as „groß, alt“ und *til „Meer“, d. h. „ozeanischer = Weltenherrscher {“ (vgl. den mongolischen Titel Dalaj-in Qa’an mit seiner türkischen Übersetzung Talui-nuŋ Xanï – siehe Pelliot 1923: 24–25: „le khan océanique“; Pritsak

¹⁰ Alternativ wurde die Kama im Kasan-Tatarischen Čölmen-Idal genannt, also „Fluss des Ödlands“, ebenso Tschuwaschisch čolma und Altbulgarisch Čölmän-Itıl (Tomaschek 1889: 33) gegenüber Alttürkisch çöl, Kasachisch śöl usw. „Steppe, Ödland“ (Räsänen 1969: 117).

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1956: 417), mit Belegen in den folgenden Turksprachen: Tschuwaschisch as-lă „groß, vornehm“¹¹, Tschagataisch äs-li „groß, stark“, Altuyghurisch und Mitteltürkisch äs-ki „alt“ usw. (Räsänen 1969: 50), sowie alttürkisch talüy „Meer“, altuyghurisch taluj „Meer“ oder „See“, Sary-Uyghur talej, tali, tali „See, Meer, Ozean“ usw. (Räsänen 1969: 130; Clauson 1972: 502). Der Begriff könnte chinesischen Ursprungs sein, wenn er eine Anpassung des chinesischen Flussnamens 大漠 dà(i)lěi¹² < Late Middle Chinese *tha(i)lɣjʹ < Early Middle Chinese *daʾlwiʹ or *dajhlwiʹ (Hirth 1895: 18) darstellte. Es ist jedoch fraglich, ob diese chinesische Entlehnung bereits im 6. Jh. in den Bestandteil Tíl umgewandelt worden sein könnte. Wahrscheinlicher ist eine andere Idee von Pritsak, wonach Tíl dem tschuwaschischen Hydronym TilĚe (> Russian Tel’ca) entspricht, dessen letzte Silbe das turkische Diminutivsuffix *-čǎ/*-čě widerspiegelt. Pritsak (1956: 410–412) erkannte dieselbe Wurzel im recht rätselhaften Flussnamen Qara Tíl aus dem Becken des Syr-Darya bei Nizām ad-Dīn (†1404), der alternativ Qara Tal genannt wird, und zwar vom „anonymen Verfasser des Iskander“ von 1414. Ein weiterer Qara Tal mündete laut Ḥudūd al-ʿĀlam in den Balchaschsee. Die tatsächliche appellativische Verwendung der Wurzel *til-/*tíl wurde von Pritsak (1956: 413) nur im Tungusischen gefunden: Ewenkisch tilkan „Überschwemmung“, Ewenisch ṭilqa, Ultschisch čílčan, Nanai čílqā id., daneben das Verb im Ewenkischen tilka-, Ewenischen ṭilqən-, Ultschischen čílčan-, Nanai čílqa- „überfließen, spritzen“ (Cincius 1977: 180–181). In EDAL wird es mit dem Turkischen *d(i)äl(i)- „überfließen“ verglichen > Altuyghurisch, Karachanidisch taš-, Turkmenisch dāš-, Kirgisisch und Tatarisch taštĭ-, Jakutisch tahijetc., id., daneben Oirat tašṭin „Überschwemmung“ (Räsänen 1969: 466; Clauson 1972: 559; ESTJ 3: 169–170), und mit mongolisch *čilga- / *čal-gi- „überfließen“ > Schriftmongolisch čilga-, čalgi-, Chalcha calgi-, Ordos čal-gi-, Burjatisch salgĭ-, šalšagana-, šald. Das tschuwaschische Hydronym Til und seine zentralasiatischen Entsprechungen Tíl / Tal lassen sich mit dem Turkischen *d(i)äl(i)- „überfließen“ verbinden. In diesem Fall lässt sich das Hydronym Ἀστῆλ als altbulgarische Zusammensetzung *as-tiál „übermäßig überfließend“ oder „{Fluss, der} große Überschwemmungen bringt“ analysieren.

Note: It is necessary to mention that Eugene Helimski (2000, 2004; plus Evgenij Xelimskij 2000, 2003) tried to present arguments about a Tungusic component in language(s) of the Avar Kaganat. It is natural to add the Tungusic candidate for the first component *asof the hydronym Ἀστῆλ etc. It could be

¹¹ Pritsak (1956: 414) tried to identify the component *äsin the Hunnic name Έσκάμ = *äs-kam “great priest”, and in the name of the Khazarian majordomus, called ʾaštarḥān (Ṭabarī), i.e. “great tarxan”, or rāštarḥān (Yaʿqūbī), with the first Arabic component raʾs “head; top; leader”, i.e. *“over-tarxan”. He added, the same etymology could be ascribed to the city-name Astraxán, although it was known only from the 14ᵗʰ cent.

¹² 大 dà, dài „groß, bedeutend, weit, breit, tief“ < Late Middle Chinese *thaʾ, *thajʹ < Early Middle Chinese *daʾ, *dajh & 濁 lěi „Flussname“ < Late Middle Chinese *lyjʹ < Early Middle Chinese *lwiʹ (Pulleyblank 1991: 69, 185).

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die tungusische Wurzel *as- „sehr; viele“ > Udihe asahᶦ „sehr“, Ulča asir id., Nanai asō, asor „nicht sehr“, Mandschurisch asi, asuru „sehr; viele, viel, häufig“ (Cincius 1975: 54–55). Die Zusammensetzung *as(V)til würde *„{Fluss, der} sehr große Überschwemmungen bringt“ bedeuten, also fast dasselbe wie die altbulgarische Deutung.

2.4. Axmetjanov (2001: 76) leitete die Formen vom Typ karachanidisch Etil aus *ertil ab, möglicherweise über *ettil, und schlug denselben Ursprung wie für das Hydronym Irtyš vor; dieses sei ihm zufolge von dem im Altuyghurischen, Kumanischen und Schorischen belegten Verb ert-, chakassisch und tschuwaschisch irt-, jakutisch irdě- „vorbeigehen“ abzuleiten (Räsänen 1969: 46).

2.5. Berücksichtigt man den Beleg ’Αστῆλ, bietet sich eine alternative türkische Deutung an, die auf der hypothetischen Zusammensetzung *ast¹³–(h)ȫl¹⁴ „untere Feuchtigkeit“ beruht, die dem Delta der Wolga zugeschrieben werden könnte.

2.6. Alternativ lässt uns die Form ’Αστῆλ an eine frühe ungarische Zusammensetzung denken, bestehend aus altungarisch (AD 1055) azaa, azah „Fluß, Bach“ (UEW 3) ~ ‘fehe rea’, modern ungarisch (dial.) aszó „Wasserriß, zeitweiliger Wasserlauf; Trockental“ (EWU I: 54), „Tal, Niederung; ein Tal, in dem in Regenperioden und zur Zeit der Frühjahrschneeschmelze ein kleiner Bach fließt, das aber sonst trocken ist“ (UEW 3); und ungarisch tele (zuerst 1372), tel, dial. telle ‘voll, gefüllt’, tel- ‘voll werden, sich füllen’, teljes, arch. teles ‘ganz, vollständig, total, komplett; voll’, töl-t ‘(Flüssigkeit) schütten, gießen, (Getränke) einschenken; füllen, anfüllen’ (EWU II: 1497–1500; UEW 518: zusammen mit mansi Tᵊ täwl, P tayla und chantisch Vj. O tel ‘voll’ aus FU *tälk³ oder *täwdę ableitbar).

Die hypothetische Zusammensetzung asz(a)tele könnte „Tal voll {Wasser}“ oder „Fluss voll {Wasser}“ bezeichnen.

Anmerkung 1: Konstantin Porphyrogennetos verzeichnete ebenfalls die Zusammensetzung Ἀτελκούζου [§ 38.30], erläutert als die Orte, an denen zur Zeit des Autors das Volk der Petschenegen lebte. Später erscheint sie im Syntagma Ἐτελ {ποταμός} καὶ¹⁵

¹³ Turkmenisch, Krimtatarisch, Krim-Karaimisch, Karakalpakisch, Uyghurisch ast, Usbekisch åst, Kirgisisch, Tatarisch as(t), Baschkirisch aş(t)/aθ(t) „unten“ (Sevortjan 1974: 195–196); vgl. karachanidisch (11. Jh.) astīn „unter, unterhalb“, (13. Jh.) astındaɣı „unten gelegen“, tschagataisch ast(i) „unterhalb“, kumanisch astında „unterhalb“ usw. (Clauson 1972: 242).

¹⁴ Prot თურქisch *(h)ȫl > alttürkisch (manichäisch), altuyghurisch (buddhistisch) (beide 8. Jh.) ȫl „feucht“ (vom Land), karachanidisch öl [Maḥmūd Kašġari: Qutadğu Bilig] „feucht, nass“, mitteltürkisch öl (Sanglax) id., (Payet de Courteille) „Sumpf“, tschagataisch (15. Jh.) öl „feucht“, auch für darya „Meer“ verwendet, türkisch öl „feucht, nass“, osmanisch öl „Tümpel“, turkmenisch öl, dial. hȫl „feucht, nass“, khaladschisch hēl, hēl, kirgisisch öl, karakalpakisch hȫl, usbekisch hul id., uyghurisch hȫl „feucht, nass“, chakassisch öl „feucht, nass“, schorisch ül, oiratisch ül, tuwinisch, tofalarrisch öl, jakutisch üöl „feucht, nass“, tschuwaschisch vile id. (Räsänen 1969: 371; Clauson 1972: 124; Sevortjan 1974: 524–525).

¹⁵ Marquart (1903: 33, fn. 3) explained the conjunction as a mistake of a copist, who thought that Κουζού was an alternative name for Ἐτελ.

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Kουζού [§ 40.24], was expliziter als „der Ort, an dem die Türken (= Ungarn) früher zu sein pflegten, wird nach dem Namen des Flusses benannt, der hindurchfließt: Etel und Kouzou, und jetzt leben darin die Petschenegen“ erklärt wurde (übersetzt von Jenkins). Menges (1944–1945: 259) vermutete, dass diese Bezeichnung entweder einen anderen Fluss bezeichnete oder zu einem Appellativ wurde. Markwart (1903: 33) spekulierte in Anlehnung an Zeuss (1837: 751), das Wort Kουζού sei ein Äquivalent des griechischen μεσοποταμία, und identifizierte in Kουζού das ungarische köze (3. Sg. Possessivform von köz „Mitte, Zentrum“), das auch in ungarischen Bezirksnamen verwendet wurde, z. B. Szamos-köz, Mura-köze, Rába-köze. Das ungarische köz lässt sich aus dem Fenno-Ugrischen *kütz (UEW 163; EWU II, 827) ~ *kütï „Mitte“ (Sammallahti 1988: 544) herleiten.

Anmerkung 2: Müllenhoff (1906: 75) schlug vor, dass das Hydronym Δάϊς [Ptolemy 6.14.2,4,5], Δαϊχ [Zemarchus], Γεϊήχ [Constantine Porphyrogenitus 37.2], später Jajïk, vgl. Tschuwaschisch Jejăk, Kasachisch Žajyk, seit 1775 Ural River genannt (Vasmer IV: 551–552), uralischen Ursprungs sein könnte; er stellte es mit uralisch *joke „Fluss“ (UEW 99) ~ *jukă (Sammallahti 1988: 537) in Verbindung, obwohl gewöhnlich eine türkische Etymologie angenommen wurde (vgl. Menges 1944–1945: 260, der türkisch jaj-yк „ausgedehnt, offen“, Partizip Perfekt Passiv von jaj- „ausdehnen“, tuwinisch čat-, mittel-türkisch [MK] jad- und alttürkisch-uyghurisch jad- verglich; altaiisch d’ajɣ „Überschwemmung“ und tuwinisch čajɣ „Sintflut, Platzregen“ kommen der Flussbenennung semantisch jedoch näher und lassen sich nicht aus gemeintürkisch *jad-, sondern nur aus *jāj- herleiten, das im tuwinischen čaj- „schwingen, pumpen“ fortlebt. Altaiisch d’aj- „über die Ufer treten, überschwemmen, sich ausbreiten (über einen Fluss)“ – siehe ESTJ 1989: 76–77).

3. УЛ

3.0. Mari: KB Jăl, В Jul, U Ju·l-lǝt Wolga (Wichmann 1953: 54, #264); Ost-Jul (Paasonen 1948: 29).

3.1. Paasonen (1926: 38) stellte das Hydronym mit dem Konda-Chantischen i̯atpз „Quelle, Ursprung“, i̯atpo·ŋ „die Mündung eines aus einer Quelle fließenden Baches“ und dem Yugan-Chantischen i̯aLpa „kleiner reißender Bach, Gießbach“ in Verbindung. Die letzte Silbe wurde von Toivonen (1933: 382–383) erklärt.

3.2. Markwart (1929: 96) vermutete, dass dieses Mari-Hydronym aus seinem tschuwaschischen Äquivalent A̯Dăl über *A̯jol entlehnt wurde. Für eine solche Entwicklung gibt es jedoch keine Parallele bei den tschuwaschischen Lehnwörtern im Mari.

3.3. Am wahrscheinlichsten erscheint die Lösung von Sinor (1964: 1–8), der den Ursprung des mariischen Jul „Wolga“ im Türkischen *jul „Bach, Rinnsal, Quelle“ sucht: > altuigurisch yuul „Gebirgsbach, Quelle“, karachanidisch jul, jul „Bach“, oiratisch, salarisch jul,

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Koibalisch jul „Bach, Gebirgsbach“, chakassisch čul „Bach“, tschuwaschisch š́wəl „Quelle“ (Räsänen 1969: 209–210; Clauson 1972: 917–918; Sevortjan 4, 244; DTS 277).

3.4. Tatarisch, baschkirisch jul „Weg, Straße“ gegenüber alttürkisch jol ebenda usw. (Räsänen 1969: 205–206; Sevortjan 4: 217–219). Insbesondere war die Wolga seit prähistorischer Zeit eine Hauptverkehrsader, die den russischen Norden mit den pontisch-kaspischen Steppen verband. Was das Verhältnis der Bedeutungen „Weg“ und „Fluss“ betrifft, gibt es aufschlussreiche semantische Parallelen im Kuschitischen und Tschadischen, konkret im Nordkuschitischen: Bedauisch lagi f., Pl. -a „Pfad, Weg, ausgetretener Pfad“ (Roper); Ostkuschitisch: Somali laag „Wasserlauf“, Bayso lága „Flussufer“ (Hy); Oromo Macha laga „Fluss“, lage „Tal“ (LVS); > Hochlandostkuschitisch *laga „Fluss“ (Hudson 1989: 124); Konso lak-a „Ebene, draußen“, D’irayta lak „Ort, Freiraum, Zimmer, Raum“ (B1), vgl. Sasse 1982: 131; Südkuschitisch: Qwadza lagalako „Pfad, Straße“ (Ehret); und Zentraltjadisch: Wamdiu làgu, Margi lagù, West-Margi lakù, Kilba làkù „Straße“ (Kraft 1981: 73, 93, 112, 122).

4. Λύκος

4.0. Herodot [4.123] erwähnte vier große Flüsse, die aus dem Gebiet der Thyssageten durch eine Einöde und weiter in das Land der Maeetier flossen und in den Maeetischen See mündeten; sie hießen Lykos, Oaros, Tanaïs und (S)yrgis. Tomaschek (1889: 32) vermutete, dass der Lykos mit dem Jajik (dem heutigen Uralfluss) oder dem Oberlauf der Wolga gleichzusetzen sei, während der Oaros zu ihrem Unterlauf gehören sollte.

4.1. Zumindest indirekt brachte Tomaschek (1889: 32–33) den Flussnamen Λύκος mit dem udmurtischen Hydronym Jug, daneben L’ug, und dessen russischem Gegenstück Belaja, einem Nebenfluss der Kama, in Verbindung. Er leitete es vom udmurtischen Malmyž ju·g-ak Adverb „hell, klar, rein“, Malmyž-Uržum l’u·g-ak, d’ug-ak „plötzlich und hell“ her; Sarapul, Malmyž, Jelabuga jugit, Jelabuga, Malmyž-Uržum l’ugit, Ufa d’ugit Adjektiv „hell, klar“ usw. (Wichmann 1987: 82). Komi jugid „Licht (Subst., Adj.), Blitz“, jug „Blitz“, jugör „Strahl, Licht“, jugδini „hell werden, erleuchten“ (KESK 334). Diese Lösung ist für das Hydronym Jug/L’ug zweifellos überzeugend, für Λύκος jedoch problematisch. Der Grund liegt in der historischen Phonetik: Das udmurtische anlautende l’- und d’- sind sekundäre Varianten von j-, und dem permischen medialen -g entspricht mariisch und mordwinisch -ŋg- < FU *-ŋk- (vgl. KESK 14). Die permische Wurzel *jug entspricht regelmäßig dem mariischen jongəštas „aufhellen“, jongədo „geräumig“ (KESK 334; Paasonen 1948: 27).

4.2. Vielleicht ist es aussichtsreicher, über eine durch die Tatsache nahegelegte Motivation zu spekulieren, dass Λύκος durch eine von Herodot beschriebene Einöde floss. Vgl. auch tatarisch aus Kasan Čölmən–Idal „Kama“, d. h. „Fluss der Einöde“, ebenso tschuwaschisch

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čolma and Old Bulgarian Čolmän-Itil (Tomaschek 1889: 33) vs. Old Turkish čöl, Kazakh söl etc. “steppe, wasteland” (Räsänen 1969: 117). If this is the case, the Baltic term *laukas “terrain without trees” seems to be a good candidate, cf. Lithuanian laũkas “terrain without trees, free space, field”, Latvian laũrs “clearing, opening (in forest), free space, field”, Prussian (III) laucks, acc.sg. laukan “field” (ALEW I: 561–562), all from IE *leuk- “to light” (Pokorny 1959: 687–689).

4.3. Eine weitere Lösung könnte auf der Tatsache beruhen, dass die Wolga an der Mündung ihres größten Nebenflusses, der Kama, ihren Lauf von Osten nach Süden wendet. In der Mari-Sprache, die heute in der Nähe dieser Biegung und früher in deren Umgebung gesprochen wird, gibt es das Wort luk (P, B, M, U, CÜ), lŭk (CK, Č, J), lāk (K) „Ecke, Winkel“ und auch „Fluss- oder Seebiegung“ < Proto-Mari *lukā (Bereczki 1992: 34, Nr. 165; 2013: 124–125). Gerade diese Bedeutung entspricht genau der Biegung der Wolga von Osten nach Süden. Andere Verwandte bestätigen den Vorrang dieser Bedeutung: Finnisch loukka, loukas „Höhle, Lager“, loukku „Spalte, Höhle“, loukko „Ecke, Winkel, Versteck, Höhle“,?laukku „Öffnung, Loch“,?liukku „Schneehöhle“; Ungarisch lyuk (dial. gyuk, juk, lik, luk) „Loch, Leck; Höhle; Hinterbacken“; Nenzisch O loxəʔ „Winkel (z. B. in einem Zimmer, in einem langgestreckten See)“ (UEW 252: *lowkə).

Anmerkung: Eine analoge semantische Motivation lässt sich möglicherweise im altrussischen Hydronym Erelb (heute Oreľ) erkennen, das den linken Nebenfluss des Dnepr bezeichnet und erstmals in der Hypatius-Redaktion der Russischen Primärchronik zum Jahr 1183 n. Chr. erwähnt wird: Ереҕ, егоже Русь зовуть Уголь. Vasmer (III, 151) leitete es mithilfe des Osmanischen əjri „schief, krumm“, əjrilä „sich biegen“ (Radloff I: 661–662), Türkisch eğri „krumm; Kurve“, eğrilik „Krümmung“, Altuigurisch ägri „schief“, Karachanidisch, Kumanisch, Tschagataisch ägri „krumm, gebogen“ sowie Tschuwaschisch avăr „tiefe Stelle, Grube in einem Fluss oder See“ usw. (Räsänen 1969: 37–38).

5. RAV & RAVO

5.0. Mordwinisch-Erzjanisch Rav, Ravo „Wolga“, Mokschanisch rava „Fluss“, Rav „Wolga“ (UEW 420). Ibn Ḥawqal, 977/8 n. Chr.: naḥr al-Rōs ~ mordwinische bestimmte Form Rav-ś (Aalto 1976[79], 37). Der Vorläufer des mordwinischen Hydronyms wurde als (i) *rava rekonstruiert (Keresztes 1986: 127), doch gibt es mindestens zwei weitere Möglichkeiten, (ii) *raya und (iii) *raja; vgl. zu (ii) mokschanisch-mordwinisch pavaź ~ pavas „Gott“ < *payas < indo-iranisch *bhagas und zu (iii) mokschanisch ov(a) „Schwiegersohn“ < finnisch-wolgaisch *wäje (siehe Keresztes 1986: 106, 103). Der Vergleich mit chantisch DN rōu, DT rāu „Unreinigkeit, Abfall, Moder (im Wasser)“, Likr. rāɣɜ, Mj. rāuɣ3 „Moder, Schlamm (im Wasser)“ (Korenchy 1972: 65), der die Möglichkeiten (i) und (ii) stützt, ist semantisch schwach.

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5.1. Schlözer (1771: 306) war wahrscheinlich der Erste, der das mordwinische Hydronym mit der griechischen Bezeichnung ‘Pã für die Wolga16 in Verbindung brachte, die bei Ptolemaios [6.14.1,4] belegt ist. Ihm folgten etwa Klaproth (1826: 82), Šafarik (1837: 402) und Kiepert (1878: 346, Fn. 3). De Lagarde (1866: 263) verband Ptolemaios’ ‘Pã mit dem Namen des mythischen Flusses im Avesta Ranhā-, hinsichtlich der Identifizierung dieser Hydronyme mit der Wolga blieb er jedoch zurückhaltend17. Später (1868, 62) fügte er Sanskrit Rasā hinzu und führte in beiden Studien das Phrygische ‘Péa, d. h. Réha?, sowie das von Koriwn in seinem „Leben des Mesrop Maš-tots“ [11.33] erwähnte armenische Hydronym Rah an. Kuhn (1887: 214–215) fügte awestisch Ranhā und vedisch Rasā- hinzu, beides mythische Flüsse. Er äußerte Zweifel an ihrer Identifizierung. Er erwähnte Geigers Versuch, Ranhā mit dem Iaxartes zu identifizieren, und kommentierte ihn: die Ranha wiedererkennen will, führte jedenfalls bei seinen anwohnern einen anderen namen, aus dem das moderne Sīr hervorgegangen ist und der bei den Griechen als Silis, bei den Indern als Sidā erscheint (Kiepert 1878, § 58). Weiter sagte er, dass... Sidā selbstverständlich als iranische, nicht etwa als indische Form des Namens zu betrachten ist.

Let us mention that Rasā- (see Blažek 2016a: 13) was the name of a mythical stream flowing around the earth and the atmosphere [e.g. RV IX.41.6; 10.108., also Nirukta of Yaska], only in RV V.53.9. is it described as the western tributary of the Indus River. In Puranas and Mahabharata Rasā is connected with the underworld or hell (MW 870c). The form rasāis the feminine to the masculine rāsa- “the sap or juice of plants, juice of fruit, any liquid or fluid, moisture, humidity, essence, marrow” [RV] (MW 869b, 870c: rasā- = “moisture, humidity”, but Mayrhofer in EWA I: 441–442 expressed doubts about any appellative sense of rasā-). In Iranian the corresponding hydronym is identified in Young Avestan Ranhā- ‘a mythical river’ [Yašt 5.63, 5.81, 10.104, 14.29, 15.27; Vidēvdāt 1.19 etc.], transcribed in Zoroastrian Pahlavi as Arang (Bartholomae 1904: 1510–1511).

Anmerkung 1: Marquart (1903: 378–379, Fn. 4) deutete das bei Jordanes [Rogasta-dzans] belegte Ethnonym Getica 23, § 116] als *Rauwa-stadjans „die Anwohner des Wolgastrandes“. Dasselbe Hydronym erkannte er im von Ptolemaios aufgezeichneten Ethnonym ‘Ρόβοσκοι.

16 Die Wolga nennen sie noch jetzt Rhau, so wie sie beym Ptolemäus ‘Pã heißt.

17 Ich denke der name des bekannten flusses ‘Pã werde nichts anderes sein als Raniha: natürlich meine ich nicht dass der mythische Ranha der texte die Wolga sei. Das ארום {ʔarūm} der pehlewiübersetzung Vd 7, 9 wird, was Spiegel kommentar 46 als möglich hinstellte, das neupersische Harūm (die stadt der Amazonen) sein: Ptolemaeus lässt ε 9.19 die Amazonen μεταξὺ τοῦ ‘Pã ποταμοῦ καὶ τῶν Ἰππικῶν ὀρέων wohnen.

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5.2. Schrader (1890: 633f) und Schrader & Nehring (1917–1923: 329) sahen in dem Hydronym eine Anpassung von indogermanisch *srou̯a „Strom“, vgl. episch-sanskritisch giri-srāvā- „Gebirgsbach“, litauisch sravā „Fließen, Blutfluss, Menstruation“ usw. (Pokorny 1959: 1003).

5.3. In seiner Rezension von Schrader (1890) versuchte Bartholomae (1890: 1108), das mordwinische Hydronym und Ptolemaios’ Ῥᾶ auf der Grundlage des Awestischen rau̯an-/raon- „Fluss, Wasserlauf“ [Yt. 14.21, 18.6, V. 5.1f / Y. 10.17, V. 2.23] (Bartholomae 1904: c. 1512) < iranisch *hrauᵒ < *srauᵒ (vgl. EWAI II: 784) zu erklären.

5.4. Paasonen (1897: 122–123) verwarf Schraders Idee und schlug eine eigene Etymologie vor, die auf Finnisch rapa „Kot, Schlamm; etwas Sprödes, Brüchiges“, Estnisch raba „Moor; Treber; morsch, brüchig“, Livisch raba mā „lockerer Boden“ und saamisch N rappe „coenum existens in loco, quem homines vei pecudes saepe calcant“ beruhte. Tatsächlich ist der saamische Ausdruck finnischen Ursprungs und die baltisch-finnischen Formen sind skandinavischen Ursprungs; vgl. altnordisch draf „Bodensatz, Hefe“ (de Vries 1962: 79–80; SKES 735–736).

6. *U̯ar(i̯)- > ᾽Oαρος

6.0. Das Hydronym ᾽Oαρος wurde erstmals um 450 v. Chr. von Herodot [4.123–124] aufgezeichnet. Dieselbe Komponente *u̯ar lässt sich möglicherweise im Hydronym Οὐαρουδάνης erkennen, das von Ptolemaios [5.9.5, 28] aufgezeichnet wurde und wahrscheinlich den Kuban bezeichnete (vgl. Abaev 1949: 188: *u̯aru-dānu- „breiter Fluss“).

6.1. Marquart (1903: 378–379, Fn. 4) meinte, das Hydronym ᾽Oαρος müsse eine alternative Bezeichnung der Wolga sein, die als iranisch *u̯aru- „breit“18 gedeutet werde, vgl. awestisch vouru-, etwa im Altavestischen vouru-cāšani- „innerhalb

18 Rogastadzans ist die gotische Übersetzung von Ῥόβοσοι, eines von Ptol. 6.14 p. 426, 28 Wilberg an den östlichsten Rhaquellen verzeichneten Volkes, bei Orosius I, 2, 2 Rhobasci, das mit den unter den Rhipaeen sitzenden Βοροῦσκοι Ptol. 3, 5 p. 201, 15 identisch ist. Ῥόβοσοι, Rhobasci ist vom finnischen Namen der Wolga abgeleitet, der noch heute bei den Mordwinen Raw, Rau, in bestimmter Form Rawš lautet und wahrscheinlich dem Ῥᾶς des Agathemeros zu Grunde liegt. Derselbe ist wohl dem skythisch-iranischen *Raha, bei Ptol. Ῥᾶ (nur Gen. und Acc.), aw. Raihā, ved. Rasā entlehnt. Neben letzterem Namen kannten die iranischen Skythen für die Wolga noch die Bezeichnung ᾽Oαρος (Herodotos 4, 123. 124) d. i. *waru- „der breite“ (vgl. Βοροῦ-σθένης, hunnisch War), wovon der Volksname Βοροῦσκοι abgeleitet ist. Vgl. Zeuss 1837: 80; Müllenhoff 1906: 98; Tomaschek 1889: 20. Für die Gleichung Ῥᾶ = Raiha haben sich ausgesprochen P. de Lagarde 1866: 263; Id. 1868: 62.

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blickend“ ~ vedisch uru-cākṣas-; ossetisch urux „weit, geräumig“ (EWAI I: 227). Ähnlich Herrmann (1937: cc. 1680–1681¹⁹).

6.2. Kretschmer (1928: 101) erklärte das Hydronym mithilfe des Sanskrit vār(i) „Wasser“ und erwähnte die Bedeutung „Regen“ des entsprechenden avestischen Gegenstücks vār-. Tatsächlich gibt es vedisch vār- „Wasser“ [RV, AV, VS], neben dem Sanskrit vārī-, das sowohl „Wasser“ als auch „Regen“ bedeutet [Mn, MBh] und dem Avestischen vār- „Regen“ entspricht, aber auch Sanskrit vārī-, Pl. varyas „Fluss“, entsprechend Avestisch vai̯ri- „Meer, Meeresbucht“ [Y. 42.2, 65.4, 71.10; Yt. 5.37, 8.46.8, 10.14, 19.51, 19.56, 19.59; Aog. 28; Ny. 5.5; S. 2.9] > sowie zoroastrisch-pahlavisch var „See“ (Bartholomae 1904: 1364–1365; Eilers & Mayrhofer 1960: 110–111; Nyberg 1974: 203). Kretschmer verband dieses Hydronym außerdem mit Tocharisch A wār „Wasser“ und ferner mit dem ligurischen Flussnamen Vārus, der erstmals von Caesar erwähnt wurde [BG 1.86.8]. Später ordnete Krahe (1964: 38–40) ihn seiner „alt-europäischen“ Hydronymie zu.

6.3. Für Herodots Ὄαρος suchte Napolskix (p.c.) den Ursprung unmittelbar im Tocharischen A wār, B war „Wasser“, B -wār „Strom“, z. B. ñoru-wār „flussabwärts“ (Adams 2013: 627–628), wobei er in diesem Hydronym eine Spur der ostwärts gerichteten prototocarischen Wanderung annahm.

6.4. Schramm (1973: 115) wies Ὄαρος als Bezeichnung der Wolga überhaupt zurück und bevorzugte eine Verbindung mit dem Dnepr, der von Jordanes 52 ausdrücklich Var genannt wird: ut vix pars aliqua hostium remaneret, quae in fuga versa eas partes Scythiae peteret, quas Danabri amnis fluente praetermeant, quam lingua sua Hunni Var appellant²⁰, sowie Βαζούχ bei Konstantin Porphyrogennetos (De administrando imperio 38.68). Auch dieses Hydronym wurde auf verschiedene Weise etymologisiert:

6.4.1. Da Klaproth (1826: 245) hier eine Spur der alten Awaren sah, versuchte er, Var mithilfe des modernen Awarenischen aus Dagestan zu erklären, wo das Wort ʒor „Fluss“ vorkommt. Nikolayev & Starostin (NCED 537) verglichen es mit Tindal reha „Wasserreservoir“, Bezhta rühi „künstlicher Bach“, Lesgisch, Tabassaranisch hül „Meer“ usw. und rekonstruierten die nordkaukasische Protoform *hʷilV/*l̥hʷV.

¹⁹ Oaros – nach Herodot [IV 123] neben dem Lykos, Tanais und Syrgis ein Zufluss der Maiotis, entspringend bei den Thyssagetai. Aus Herodot [IV, 124] ergibt sich, dass der O. ein grösserer Fluss war, an dem Dareios sein Heer lagern liess und acht Burgen baute, als er bis zur Einoede zwischen den Budinen und Thyssagetai vordrang. Danach (c. 1681) kann es sich nur um die Wolga handeln, die Herodotos irrtümlich in die Maiotis münden lässt statt in das Kaspische Meer. Kiessling u. Bd. IA s. 1f. vergleicht den Namen O. mit avest. Vouru “der breite (Fluss)”, was die Türkstämme durch Atl uebersetzten;

²⁰ „Der Rest wandte sich zur Flucht und suchte jene Teile Skythiens auf, die an den Strom des Flusses Danaper grenzen, den die Hunnen in ihrer eigenen Sprache Var nennen.“ Siehe The Gothic history of Jordanes in englischer Fassung mit Einleitung und Kommentar von Charles Christopher Mierow. Princeton: University Press – London: Humphrey Milford – Oxford: University Press 1915: 128.

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6.4.2. Tomaschek (1889: 20) verglich Βαqούη mit Jakutisch üräx „Fluss“ (Böhtling 1851: 49). Verwandt sein könnte das Tschuwaschische vъrə, das in der Wendung šъ vъri „Flussmündung“ verwendet wird. Der Verlust des finalen Velars lässt sich mit dem homonymen tschuwaschischen vъrə „Samen“ gegenüber alttürkisch uruy ebendies vergleichen (Egorov 1964: 49; Räsänen 1969: 516).

6.4.3. Vasmer (1923: 66), Abaev (1949: 187) und Schramm (1973: 99) erklärten Βαqούη auf der Grundlage des Ossetischen: Iron wærax, Digor urux „breit“ < *uaruka−/*uruka− (Abaev 1989: 90).

6.4.4. Pritsak (1954: 124–134; vgl. auch Schramm 1973: 99) schlug eine altbulgarische Erklärung von Var vor und zog dafür Tschuwaschisch var „Tal, Flussbett, Schlucht, Klamm; Inneres, Zentrum, Mitte, Bauch“ heran; anatolisch-türkisch poetisch öz in den Flussnamen Ėgri öz, Qïlïğ özü, ferner kasan-tatarisch üzän „Tal, Niederung“, barabinisch-tatarisch üzön „Bächlein, Bach“, kasachisch özän „Fluss; Inneres“, neben der Bezeichnung Yozu (= özü < *özi) des Dnepr in einer späten Abschrift der „Geographie“ des Pseudo-Mowsés Chorenacʿi, möglicherweise aus Anania Širakacʿi, umgeschrieben um 700 n. Chr., sowie dem oghusisch-kumanischen Namen Özi desselben Flusses (-i ist das Possessivsuffix der 3. Person, das zur Bestimmung dient).

Anmerkung: Es ist verlockend zu vermuten, dass der altbulgarische Vorläufer des tschuwaschischen var „Tal, Flussbett, Schlucht, Klamm; Inneres, Zentrum, Mitte, Bauch“ im Namen des Dnepr durch den Ausdruck -коúζου, Κουζού als Lehnübersetzung wiedergegeben worden sein könnte, der von Konstantin Porphyrogennetos im Kompositum Ἀτελλοúζου [§ 38.30] und in der Wortgruppe Ἐτέλ {ποταμός} καὶ Κουζού [§ 40.24] belegt ist. Zeuss (1837: 751) und Markwart (1903: 33) identifizierten in -коúζου & Κουζού das Ungarische köze (3. Sg. Possessivform von köz „Zentrum, Mitte“), das auch in ungarischen Namen von Bezirken verwendet wurde, z. B. Szamos-köz, Mura-köze, Rába-köze. Ungarisch köz lässt sich auf finno-ugrisch *kütз (UEW: 163; EWU II: 827) ~ *kütï „Mitte“ zurückführen (Sammallahti 1988: 544). In diesem Fall waren die Formen -коúζου & Κουζού ein Äquivalent des griechischen μεσοποταμία, und altbulgarisch Var erfüllte vermutlich dieselbe Funktion.

7. WOLGA

7.0. Das Hydronym Volga erscheint erstmals als altrussisch Volga in der um 1100 verfassten Russischen Primärchronik, in einem Bericht zu Ereignissen aus dem Jahr 964 n. Chr.

7.1. Der byzantinische Historiker und Archivar, Theologe und Astronom Nikephoros Gregoras (1290/1–1360) formulierte in seiner Byzantina Historia 1.26.19–21 die Hypothese, dass die Bezeichnung der Bulgaren Βούλγαροι vom Flussnamen Βούλγα „Wolga“ abgeleitet sei (vgl. auch Moravcsik 1958: 105). Eine andere Volga ist ein Nebenfluss des Dnepr. In Polen gibt es zwei Nebenflüsse der Weichsel namens Wilga; einer mündet bei Krakau (25 km lang), der zweite

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mit seiner Mündung im südlichen Umland von Warschau (67 km lang). Diese Hydronyme lassen sich transparent aus dem Gemeinslawischen *Volga „Feuchtigkeit, Nässe“ ableiten (Vasmer I: 336–337). Hinzuzufügen sind die unmittelbaren baltischen Kognaten, die ebenfalls das Hydronym Volga etymologisieren können, nämlich lettisch vāļgs m., vaļga f. „feucht“, vīlgt, ōgstu, ōgu „feucht werden“ (ME IV: 454, 587), litauisch vīlgti, vīlgstu, vīlgau „anfeuchten“ usw. (Pokorny 1959: 1145–1146: *uelg-).

Es gibt auch alternative etymologische Versuche:

7.2. Tomaschek (1889: 32) und Rozwadowski (1913: 49; 1948: 227–230) versuchten, das Hydronym aus fennovolgaisch *walkeda „weiß“²¹ zu erklären, doch Vasmer (I: 336–337) verwarf dies als phonologisch unmöglich. Das trifft auf *walkeda „weiß“ und seine Fortsetzungen zu, doch gibt es auch andere Formen, die nicht mit dem Suffix *–đa gebildet sind, insbesondere mari wolɣem „ich leuchte, glänze (Feuer, Wasser, Gold, Glas)“. Die 3. Person Singular wolɣa „es ist hell“ scheint ein guter Kandidat zu sein, angesichts der Tatsache, dass der größte Nebenfluss der Volga, die Kama, „weiß“ genannt wird, nämlich tschagataisch Ätil, Ädil ‚Volga‘, Ak-Ädil ‚Kama‘, wörtlich ‚Weiße Ädil‘, kasan-tatarisch Iẓal, Idal ‚Volga; großer Fluss‘, Kara Idal ‚Volga‘ = ‚Schwarze Idal‘ gegenüber Ak Idal ‚Kama‘ = ‚Weiße Idal‘, tschuwaschisch ADăl ‚Volga‘, Šură–ADăl ‚Kama‘, wörtlich ‚Weiße ADăl‘ (Gombocz 1917: 183; Radloff I: 842, 857, 1509; Räsänen 1969: 52). Tomaschek (1889: 32) erwähnte außerdem den Volgo-See (61 km²), den niedrigsten der vier natürlichen Seen, die die Volga durchfließt.

7.3. Nach der mündlichen Aussage von Roman Jakobson schlug sein Landsmann Nikolaj Sergeevič Trubeckoj während seiner Vorlesungen in Wien in den 1930er Jahren eine baltische Etymologie des Hydronyms Volga vor. Ihm zufolge lautete die Etymologie von Volga wie folgt: Im urslawischen Ostslawischen wandelten sich ungerundete Vorderzungenvokale vor einem tautosyllabischen l in gerundete Hinterzungenvokale um, sodass sich jilga zu julga hätte wandeln müssen; das anlautende j ging im Ostslawischen vor gerundeten Vokalen verloren, und das anlautende u erhielt ein obligatorisches prothetisches v. So entstand die Form vulga, und das kurze u wandelte sich im 12.–13. Jahrhundert zu o. So wurde Jilga durch eine lange Reihe von Lautveränderungen zu Volga. Zitiert nach Gimbutas 1963a: 69; 1963b: 33, 205. Siehe auch Toporov 1980: 40. Unter den baltischen Hydronymen gibt es tatsächlich Namen, die aus dem baltischen Adjektiv „lang“ gebildet sind, das im Litauischen ilgas, im Lettischen ilgs „ebd.“ fortlebt; außerdem prussisch Adverb ilga „lange Zeit“,

²¹ Fennovolgaisch *walkeda > finnisch valkea „weiß; leuchtend, hell; Feuer, leuchtende Flamme, Feuerlicht, Blitz“, ludisch valged, estnisch valge „weiß, hell, blond; Weißes, Licht“, livisch vālda (SKES: 1619–1621); saamisch N viel’gâd „weiß; hell, blass“, kildinsamisch vielked, nordsamisch Nõt vielked „ebd.“; mordwinisch Erzya valdo, Moksha valdă „hell, licht“; mari (I) waylăd, (U B) wolyadă „klar, hell; Helle, Klarheit“. Vgl. ferner mari wolɣem „ich leuchte, glänze (Feuer, Wasser, Gold, Glas)“; ungarisch világ „Licht; Welt; Leute“, (veraltet) „Menschheit, Leben“, was auf finno-ugrisch *walkз „weiß, hell; leuchten“ verweist (UEW: 554–555; Bereczky 2013: 315–316). Sammalahti (1988: 551) rekonstruierte finno-ugrisch *wilki– „Licht“ sowie finnopermisch *vēlkita.

Straipsniai / Articles

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VÁCLAV BLAŽEK

z. B. in Litauen die Flüsse Įlga, Įlė, Įlgės, Įlgupys usw. und die Seen Įlgai, Įlgis, Įlgys, Įlgžeris, Įlgžeris usw. (Vanagas 1981: 129); lettische Flüsse Įlga upe, Įlupe und Seen Įldza-ęzers, Įldzes-ezers usw.; preußische Seen Įlgayn, Įlgen See, Įlgowen usw. (Toporov 1980: 39). Der längste „Lange Fluss“ ist der chinesische 長江 Cháng Jiāng mit einer Länge von 6.379 km und einem Einzugsgebiet von 1.808.500 km²; „lang“ genannt wird er seit der Zeit der Sechs Dynastien (220–589 n. Chr.). Der heutige Name 揚子 Yángzǐ wurde ursprünglich für den Unterlauf des Flusses verwendet²².

7.4. Noch weniger wahrscheinlich ist Mikolas (1929: 127–128) Versuch, eine Quelle im Proto-Mari *Jyl⁽²³⁾ anzusetzen, das tatsächlich als Westmari Jāl, Ostmari Jul „Volga“ belegt ist (siehe unten). Zur Erklärung des Unterschieds im Anlaut verwies Mikola (1929: 127) auf die altrussische Transkription Омov(ь)за, Омovуза des estnischen Flussnamens Emajõgi. Die Existenz eines altrussischen *Vьlga müsste durch die udmurtische folkloristische Entlehnung Bulga „Volga“ belegt werden (Mikola 1929: 128). Vasmer (I: 337) fügte hinzu, dass das hypothetische Proto-Mari *Jyl aus solchen Turksprachen wie Baba-Tatarisch, baschkirisch jylya „Fluss, Bach“ und kasachisch žylğa „Bächlein, Fluss“ entlehnt worden wäre (Räsänen 1969: 200; aus dem Mongolischen žylga „Flussbett, Bach, Abhang“ entlehnt – siehe Ramstedt 1935: 109).

7.5. Eine ganz neue Lösung lässt sich auf Grundlage des Ungarischen völgy „Tal, Talung, Tal“ (121); (veraltet) „Mal, Kern eines Geschwürs“ anbieten, vgl. die altungarischen Ortsnamen: Furizelgi (121), Welg (120), Saswelgy (126), Welgzad (1338), Worrewwabelgy (1342) usw. (EW 1653). Verwandt sind obugrisch *wāyəl > PKhanty *wāyəl > chantisch Trj. wāyəl „ein Zufluss des Ob“, Oxal, Kaz. wōxal „Zufluss; Wogul“, wōxal-jōxan „Boryka (Bächlein); mansisch *wāl > mansisch (LM) vuol „Flusskrümmung“, (KU KM P LO) wōl, (So.) wōl „Flussabschnitt“ (Honti 1982: 193, #677); komi (S) vol, vol-ju „ein kleiner Fluss“, (Vō) vel „ein rechter Nebenfluss der oberen Vyčegda“; nenzisch (Nj.) wäej in jaew wäej „längerer gerader Flussabschnitt zwischen zwei Krümmungen; плёс“ < uralisch *waδз „kleiner Fluss; Flusskrümmung oder Flussabschnitt zwischen zwei Krümmungen“ (UEW: 550–551).

7.6. Der Vollständigkeit halber sollte auch Tocharisch B walke, ein unflektierbares Adjektiv „lang (zeitlich)“ und Adverb „lange Zeit“, als hypothetische Quelle hinzugefügt werden. Die semantische Motivation ist dieselbe wie bei litauisch ilga f. „lang“ (vgl. § 7.3). Die synchrone Form steht der Form Volga ebenfalls sehr nahe. Die traditionelle Rückführung auf *uḷ₂Hgo-, möglicherweise abgeleitet vom Verb *uel- „sich drehen“ (Adams 2013: 631–632), ist auch auf Volga anwendbar. Die etymologische Analyse *u̯i-dH̥gʰo- (siehe Blažek 2015: 62) würde diese Lösung jedoch, falls sie zutrifft, wahrscheinlich ausschließen.

22 Verfügbar unter:<https://en.wikipedia.org/wiki/Yangtze> [abgerufen am 01.11.2019].

23 Der Verlust von γ nach dem Schwund des Endvokals ist regelmäßig; vgl. mari KB jal „Fuß“ gegenüber mordwinisch Moksha jalga „zu Fuß“ und finnisch jalka „Fuß“ (Mikola 1929: 127; UEW: 88–89).

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Volga – the First River of Europe

8.

ZUSAMMENFASSUNG

Indo-Iranisch

Slawisch

Baltisch

Iranisch

Tocharisch

Mordwinisch

Mari

Ungarisch

Tatarisch

(vgl. tatarisch Kara Tatar Volga)

* astai mit großen Überschwemmungen

* ast(h)ol untere Feuchtigkeit

* ul Bach

Tatarischer Weg

asz (V) tele Tal voller Wasser

die Biegung

Fluss * Rava * Rava * Runa

* draša- Feuchtigkeit > Avestan Raŋha-

* naraxs- ganz dunkel

* hraxsa- dunkler Mund

* daugas baumloses Gelände

* Aogəs

* As(a)f[?]

* ul

* Aresos

Rau(e)

Strainsai / Articles

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Indoeuropäisch

*Ocos

Slawisch

*bog Feuchtigkeit

Baltisch

Lettisch padag t. nass

*lōg lang t.

Iranisch

Avestisch tāri-Meer, Meeresbucht; Pahlavi bar See

*pāru- breit

Tocharisch

B war Wasser B-war-Bach

Mordwinisch

Mari

nuolya ist Licht

Ungarisch

zóly-Tal

Turkisch

baschkirisch iylya „Fluss“

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Volga – the First River of Europe

9. SCHLUSSFOLGERUNG

9.1. Die vorangehende Tabelle (§ 8) fasst alle mehr oder weniger wahrscheinlichen Lösungen zusammen, obwohl sie sich oft gegenseitig ausschließen. Nach ihren semantischen Motivationen lassen sie sich in zwei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe besteht aus vollständig „hydronymischen“ Namen, die durch Bedeutungen im Zusammenhang mit „Wasser“ motiviert sind, nämlich „Wasser“ selbst sowie „Fluss“, „(Fluss-)Tal“, „Bach“, „Überschwemmung“, „Feuchtigkeit“, „See“ und „Meer“. Die zweite Gruppe umfasst Begriffe, die den Flusslauf oder die Ufer charakterisieren, hier also „breit“, „lang“, „gekrümmt“, „baumlos“, „harmlos“, „weiß/hell“ und „schwarz/dunkel“. Offensichtlich ist die erste semantische Gruppe unmittelbar mit Wasser verbunden und daher vorzuziehen. Bei mehreren etymologischen Kandidaten erscheint eine semantische Motivation, die sich in verschiedenen Bezeichnungen wiederholt, vielversprechender als vereinzelte Erklärungen. So entspricht altrussisch Volga < gemein-slawisch *vəlgə „Feuchtigkeit“ dem Iranischen, vielleicht Skythischen *raha-, dessen Bedeutung „Nässe, Feuchtigkeit“ nach vedisch [RV] rasā- rekonstruiert wird; dies ist die feminine Form zu maskulin rāsa- „Saft oder Flüssigkeit von Pflanzen, Fruchtsaft, jede Flüssigkeit, Nässe, Feuchtigkeit, Essenz, Mark“. Ein drittes Gegenstück könnte in der hypothetischen türkischen Zusammensetzung *ast-(h)öl „untere Feuchtigkeit“ erkannt werden. Man könnte sich vorstellen, dass sie das Wolgadelta bezeichnete. Es liegt nahe, daraus zu schließen, dass die slawischen und möglicherweise türkischen Hydronyme Lehnübersetzungen ihres iranischen Vorläufers darstellen.

9.2. Chronologisch zuerst scheinen die mythischen Flussnamen Rasā́ zu sein, die bereits aus dem Ṛgveda bekannt sind, das wahrscheinlich zwischen 1500 und 1100 v. Chr. verfasst wurde, sowie ihr jungavestisches Gegenstück Raŋhā, das aus dem Beginn des 1st. Jahrtausends v. Chr. stammt. Mordwinisch Rav oder Rav kann sowohl *ra als auch *raya widerspiegeln. Der erste Fall bewahrt die spezifisch avestisch anmutende Entwicklung der Folge *ə̄hā; der spätere Fall stellt wahrscheinlich die Form *Rahā dar, die für mehrere alt- und frühnitteliranische Dialekte rekonstruierbar ist, nämlich Skythisch, Sarmatisch und Sakisch, entsprechend ihrer geografischen Verbreitung. Ptolemaios’ Ῥᾶ und Pseudo-Agathemeros’ Ῥᾶ stehen im 2nd. bzw. 3rd Jh. n. Chr. noch nahe bei *Rahā. Mitte des 5th Jh. v. Chr. verzeichnete Herodot drei verschiedene Flussnamen, die vielleicht zur Wolga gehören: Ὄαρος, Ἀγάρης, Λύκος. Ὄαρος lässt sich anhand jungavestisch vāiri- „Meer, Meeresbucht“ und Pahlavi var „See“ etymologisieren. Diese Lösung weist auf einen Fluss hin, der in ein großes Gewässer mündet. Im Wettbewerb mit der nicht minder attraktiven tochaarischen Etymologie (B war „Wasser“, -wär „Bach“) ist der iranische Ursprung vorzuziehen, wenn man Ptolemaios’ Hydronym Οὐαράνης berücksichtigt, das wahrscheinlich den Kuban bezeichnet, der ins Asowsche Meer/Maeotis mündet. Es lässt sich ausdrücklich als *uar(V)-dānu- „Fluss, der in ein Meer/einen See mündet“ analysieren, wobei das zweite Glied iranisch *dānu- „Fluss“ ist > jungavestisch dānu „Fluss, Bach“, ossetisch don „Fluss, Wasser“, ohne ein bekanntes

Straișnai / Articles

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tocharisches Gegenstück. Herodot beschrieb den Fluss Ἀογῆς als einen Strom, der sich vor seiner Mündung ins Kaspische Meer in 40 Arme teilt. Diese Beschreibung trifft nur auf ein tatsächlich großes Delta zu. Falls das Wolgadelta gemeint war, sind mindestens drei iranische Deutungen denkbar, nämlich *a-raxsā- „harmlos“, bezogen auf seinen ruhigen Lauf, oder *ha-raxsā- „ganz dunkel“, mit der Variante *āh-raxsā- „dunkle Mündung“, im Hinblick auf den schwarzen Schlamm im Delta (vgl. auch kasan-tatarisch Ka-ra Idəl). Das dritte Hydronym Herodots, das wahrscheinlich zur Wolga gehört, Λύκος, wirkt wie eine griechische Umschrift von protomari *lukə „Biegung“, die die Wendung der Wolga von Osten nach Süden an der Mündung ihres größten Nebenflusses, der Kama, bezeichnen kann. Diese Lösung erscheint überzeugender als die alternative baltische Bezeichnung *laukas „baumloses Gelände“, die die von Herodot beschriebene Ödnis um die Kama bezeichnet hätte. Obwohl eine solche Deutung durchaus legitim ist, sind derartige semantische Motivationen für Hydronyme nicht allgemein typisch. Im 2nd und 3rd Jh. n. Chr. verzeichneten Ptolemaios und Pseudo-Agathemeros die Wolganamen Ῥᾶ bzw. Ῥᾶς, die Fortsetzungen des oben erörterten iranischen *Rahā darstellen. Ab dem 6th Jh. n. Chr. ist der neue Name der Wolga bekannt, der sich als *As(a)tEl rekonstruieren lässt. Es gibt mindestens drei alternative Etymologien. Altbulgarisch *as-tíl „mit großen Überschwemmungen“ wird dadurch gestützt, dass etwa die Regionen Astrachan und Wolgograd mehr oder weniger regelmäßig alle fünf Jahre überschwemmt werden. Eine Schwäche dieser Lösung besteht darin, dass es im Tschuwaschischen keine appellativische Fortsetzung gibt, sondern nur das Hydronym Tilž (siehe § 2.3). Die hypothetische Zusammensetzung *ast-(h)əl „untere Feuchtigkeit“ sollte wahrscheinlich unmittelbar einem türkischen Hauptdialekt zugeschrieben werden, da sich keines der beiden Bestandteile im Tschuwaschischen fortsetzt. Der dritte Etymologisierungsversuch stellt das Hydronym als Vorläufer der hypothetischen ungarischen Zusammensetzung asz(V)-tele „wassergefülltes Flusstal“ dar. Es sollte nicht überraschen, auch die Möglichkeit einer ungarischen Etymologie in Betracht zu ziehen. Der Wanderungsweg der Vorfahren der Ungarn folgte sehr wahrscheinlich dem Lauf der Kama und weiter der Wolga von ihrem Zusammenfluss bis zum Donbecken, wodurch sie zum Pontus und an dessen Ufern entlang weiter ins Donaubecken gelangten (vgl. Blažek 2013: 181). Diese Etymologie setzt die Anwesenheit ungarischer Vorfahren im Unterwolgagebiet vor etwa 570 n. Chr. voraus, als Zemarchus den Fluss überquerte und seinen Namen als Ἄττιλας verzeichnete. Diese Deutung könnte durch eine der alternativen Etymologien des Hydronyms Volga selbst gestützt werden, nämlich ungarisch völgy „Tal“. Die Volga selbst wurde erstmals in der auf 964 n. Chr. datierten russischen Nestorchronik erwähnt. Ihre slawische Protoform *vьlga „Feuchtigkeit“ scheint gesichert; entsprechende Hydronyme sind aus den Einzugsgebieten des Dnepr und der Weichsel bekannt. Doch die Wolga könnte eine

24 Verfügbar unter: <https://www.climatechgepost.com/russia/river-floods/> [abgerufen am 01.11.2019].

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Auch die ostslawische Anpassung des baltischen Namens vom Typ lettisch valga f. „nass“. Eine ähnliche semantische Motivation wird für den vedischen mythischen Fluss Rasā und sein awestisches Gegenstück Raŋhā vorgeschlagen, die mit der iranischen/indoiranischen Heimat in Verbindung gebracht und mit der Wolga identifiziert wurden. Die hypothetische türkische Zusammensetzung *ast-(h)öł „untere Feuchtigkeit“ würde dieselben Eigenschaften ausdrücken. Es gibt jedoch mehrere alternative Etymologien, die auf Sprachen beruhen, die entlang der Wolga gesprochen wurden, bevor die ersten Slawen den Fluss erreichten (vielleicht um 600 CE, wenn man die glottochronologische Datierung der Auflösung des Gemeinslawischen ins 6th. Jh. berücksichtigt), nämlich baltisch (lettisch valga f. „nass“; weniger wahrscheinlich ist litauisch ilga f. „lang“, angesichts der schwierigen Erklärung des slawischen v–); mari wolγa „ist hell“; ungarisch völgy „Tal“; tocharisch wake „lang“. Baschkirisch yïlya „Fluss“ lässt sich als späte mongolische Entlehnung unmittelbar ausschließen. Obwohl die mari-, ungarischen und tocharischen Deutungen nicht miteinander vereinbar sind, könnten sie zu verschiedenen Zeiten auf denselben Fluss angewandt worden sein. Man kann sich vorstellen, dass eine ältere Bezeichnung nach dem Prinzip der Quasi-Homonymie durch eine neue ersetzt wurde, unabhängig von einem Bedeutungsunterschied. Ein anschauliches Beispiel findet sich etwa im altrussischen Hydronym Erel, das in der Russischen Nestorchronik als Уголъ „Winkel“ übersetzt wurde, in Übereinstimmung mit seiner türkischen Etymologie (osmanisch äjri „Haupt-, krumm“, äjrilä „sich biegen“), das sich jedoch bis heute zu Orel, also „Adler“, verändert hat (siehe § 4.3). Von den letzten drei Alternativen hatte sich die tocharische als erste abgespalten. Glottochronologischen Analysen zufolge wird die Abspaltung des tocharischen Zweigs vom indogermanischen Hauptstamm (der anatolische Zweig hatte sich bereits im 5th. Jt. BCE abgespalten) von Sergej Starostin und Georgij Starostin auf 3.810 BCE beziehungsweise 3.900 BCE datiert (siehe Blažek & Schwarz 2017: 203–204), während die Auflösung der finnisch-ugrischen Ursprache von Blažek erst auf 2.350 BCE (2012: 34; 2016b: 89), von S. Starostin auf 2.180 BCE (siehe Blažek 2012: 32) und von G. Starostin (2015: 569) auf 2.160 BCE datiert wird; im Durchschnitt also auf 2.230 BCE. Die Abspaltung der mari- und permischen Zweige wird von S. Starostin auf 1.370 BCE und von Blažek auf 1.200 BCE datiert (siehe Blažek 2012: 32, 34; 2016: 89), die Abspaltung des Ungarischen vom obugrischen Zweig von S. Starostin auf 1.340 BCE und von Blažek auf 1.480 BCE (siehe Blažek 2012: 32, 34). Das bedeutet, dass sich der tocharische Zweig etwa 1,5 Jahrtausende vor der Auflösung der finnisch-ugrischen Einheit und etwa 2,5 Jahrtausende vor den Abspaltungen des Mari und des Ungarischen abgespalten hat. Die Tocharer waren im 1st. Jt. CE der östlichste indogermanische Zweig. Wahrscheinlich nahmen sie auch in der indogermanischen Heimat die östlichste Position ein. Wird die nordpontische Lokalisierung der indogermanischen Heimat zumindest nach der Abspaltung des anatolischen Zweigs akzeptiert, könnte die Wolga die östliche Grenze des indogermanischen Dialektkontinuums gebildet haben, die vermutlich zuerst nur von den Vorfahren der Tocharer überschritten wurde, vielleicht in der ersten Hälfte des 4th. Jahrtausends.

Strapšnia / Articles

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BCE. In einem solchen Fall erschiene es naheliegend, dass die Bezeichnung eines so mächtigen, für Orientierung, Transport und Fischfang wichtigen Flusses lange bewahrt wurde und dass neue Bevölkerungsgruppen, als sie sich an seinen Ufern niederließen, quasi-homonyme Namen bevorzugten, deren Bedeutungen jedoch neu gedeutet wurden. Neben der längsten Kette, dargestellt durch Tocharisch B wake „lang“²⁵ → Ungarisch volǵ „Flusstal“ → Mari wolγa „ist weiß“ → Lettisch vala „nass“ → Altrussisch Volga *„Feuchtigkeit“, gibt es auch die Reihe Tocharisch B war „Wasser“, -wār „Fluss“ → Awestisch vari- „Meer, Meeresbucht“, Pahlavi var „See“ → Tschuwaschisch var „Tal, Wasserlauf, Schlucht, Klamm; Inneres, Mitte, Zentrum, Bauch“, oder Jungawestisch Raŋhā oder „skythisch“ *Rahā → Mordwinisch-Erzjanisch Rav, Rav „Wolga“, Mokschanisch rava „Fluss“, Rav „Wolga“. Diese Hypothese setzt eine Kontinuität der Bevölkerungen trotz Phasen massiver Migrationen voraus, wahrscheinlich in Form von Rest-Siedlungen an wichtigen Flüssen, die die ursprünglichen Hydronyme weitergaben. Durch diesen Mechanismus blieben die Namen vieler bedeutender Flüsse erhalten, obwohl sich die Sprachen an ihren Ufern wandelten. Natürlich werden neben alten Namen auch neue eingeführt. Im Fall der Wolga ist das jüngste Beispiel dieses Typs wahrscheinlich Mari Jul, übernommen aus einer türkischen Quelle vom Typ alttürkisch-uigurisch yul „Gebirgsbach, Quelle“.

10. ANHANG: TEXTFRAGMENTE

Die Russische Nestorchronik

Laurentianische Redaktion

[642 (964)] Князь Стославъ възрастыю. и възмужавъ. нача воѣ сокупляти. многи и храбры и легко хода. акы пардусь. воинѣ многи творяше хода. воз по собѣ не возяше. ни котла ни мясъ варя. но потонку изрѣзавъ. коню ли. звѣрину ли. или говядину. на углехъ испекъ ядяше. ни шатра имаше. но подкладъ пославъ. и сѣдло в головахъ. также и прочи воѣ его вси бѣхѫ. [и] посылаше къ странамъ глѣ. хочю на вы ити. и иде на Оку рѣку и на Волгу. и налезе Вятичѣ. и речѣ Вятичемъ. кому дань даете. они же рѣша Козарамъ по щьлягу. и тѣ ра даемъ.

Verfügbar unter: <http://litopys.org.ua/lavrlet/lavr03.htm> [abgerufen am 01.11.2019].

25 Falls Tocharisch B wake tatsächlich von *ui-dḷHgh⁰- abgeleitet ist, sollte es aus den Kandidaten für die Protoform der Wolga ausgeschlossen werden. In diesem Fall wäre Mari das älteste Glied dieser Kette, das dem Verlauf der Wolga folgt. Die Kette müsste folgendermaßen aussehen: Ungarisch volǵ ← Mari wolγa → Lettisch vala → Altrussisch Volga.

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Hypatianische Redaktion

[6472 (964)] Князю Святославу възрастьшю. и възмужаю. нача воевати. многы и храбры. бѣ бо и сам храбръ и легокъ. хода акы пардусъ. воины многы творяше. въз бо по себѣ не возяше. ни котла ни масла варя. но по тонку изрѣзав. конину. или звѣрину. или говядину на угльех испекъ аше. ни шатра имаше. но подклада постилаше. а сѣдло въ головѣ. тако же и прочи вои єго бѣху. и посылаше къ странамъ. глаголя хочю на вы ити. и иде на Оку рѣку. и на Волгу. и налѣзе Вятичи. и рече имъ кому дань даете. они же рекоша Козаромъ. по щелягу ѡ рала даємъ

Verfügbar unter: <http://litopys.org.ua/ipat/ipat03.htm> [abgerufen am 01.11.2019].

Englische Übersetzung der Laurentianischen Redaktion

472 (964). „Als Fürst Swjatoslaw herangewachsen und mündig geworden war, begann er, ein zahlreiches und tapferes Heer zu sammeln. Leichtfüßig wie ein Leopard, unternahm er viele Feldzüge. Auf seinen Unternehmungen führte er weder Wagen noch Kessel mit sich und kochte kein Fleisch, sondern schnitt dünne Streifen von Pferdefleisch, Wild oder Rindfleisch ab und aß sie, nachdem er sie auf der Glut geröstet hatte. Auch hatte er kein Zelt, sondern breitete eine Pferdedecke unter sich aus und legte seinen Sattel unter den Kopf; (65) ebenso verfuhren alle seine Gefolgsleute. Er sandte Boten in die anderen Länder und ließ seine Absicht verkünden, sie anzugreifen. Er zog zur Oka und zur Wolga und traf auf die Wjatitschen. Er fragte sie, wem sie Tribut zahlten. Sie antworteten, sie zahlten den Chasaren einen Silberling je Pflugschar.“

Die Russische Primärchronik: Laurentianischer Text, übersetzt und herausgegeben von Samuel Hazzard Cross & Olgerd P. Sherbowitz-Wetzor, Cambridge, Massachusetts: The Medieval Academy of America, Nr. 60, 1953. Verfügbar unter:<http://www.mgh-bibliothek.de/dokumente/a/a011458.pdf> [abgerufen am 01.11.2019].

Zeugnis griechischer Autoren

Herodot 1.201–202: 201. ὡς δὲ τῷ Κύρῳ καὶ τοῦτο τὸ ἔθνος κατέργαστο, ἐπεθύμησε Μασσαγέτας ὑπ’ ἑωυτῷ ποιήσασθαι. τὸ δὲ ἔθνος τοῦτο καὶ μέγα λέγεται εἶναι καὶ ἄλκιμον, οἰκημένον δὲ πρὸς ἠῶ τε καὶ ἡλίου ἀνατολάς, πέρην τοῦ Ἀράξεω ποταμοῦ, ἀντίον δὲ Ἰσσηδόνων ἀνδρῶν. εἰσὶ δὲ οἵτινες καὶ Σκυθικὸν λέγουσι τοῦτο τὸ ἔθνος εἶναι.

Verfügbar unter: <http://data.perseus.org/citations/urn:cts:greekLit:tlg0016.tlg001.perseus-grc1:1.201.1>

„Nachdem Kyros auch dieses Volk unterworfen hatte, wollte er die Massageten ebenfalls seiner Herrschaft unterstellen. Diese sollen ein großes und mächtiges Volk sein, das in Richtung

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östlich und dem Sonnenaufgang zugewandt, jenseits des Araxes und den Issedonen gegenüber; und manche sagen, sie seien ein skythisches Volk.“

Verfügbar unter: <http://data.perseus.org/citations/urn:cts:greekLit:tlg0016.tlg001.perseus-eng1:1.201.1>

202. Man sagt, der Ἀράξης sei sowohl größer als auch kleiner als der Ister; in ihm gebe es häufig Inseln von ungefähr der Größe Lesbos’, und auf ihnen Menschen, die sich im Sommer von allerlei Wurzeln ernähren, die sie ausgraben; reife Früchte von Bäumen aber hätten sie als Nahrung aufbewahrt und äßen diese im Winter.

Man sagt, der Ἀράξης sei sowohl größer als auch kleiner als der Ister; in ihm gebe es häufig Inseln von ungefähr der Größe Lesbos’, und auf ihnen Menschen, die sich im Sommer von allerlei Wurzeln ernähren, die sie ausgraben; reife Früchte von Bäumen aber hätten sie als Nahrung aufbewahrt und äßen diese im Winter. Außerdem hätten sie weitere Bäume entdeckt, die Früchte folgender Art tragen: Wenn sie sich in Gruppen versammeln, ein Feuer anzünden und sich ringsum setzen, werfen sie die Früchte ins Feuer; während die Früchte verbrennen, berauschen sie sich an ihrem Duft, wie die Griechen am Wein, und je mehr Früchte sie ins Feuer werfen, desto stärker werden sie berauscht, bis sie schließlich zum Tanz aufstehen und zu singen beginnen. So, heißt es, leben sie. Der Fluss Ἀράξης fließt aus dem Gebiet der Matiener, von wo auch der Gyndes kommt, den Kyros in die dreihundertsechzig Kanäle teilte; er ergießt sich durch vierzig Mündungen, von denen alle bis auf eine in Sümpfe und Moräste münden. Dort sollen Menschen leben, die rohen Fisch essen und Felle von Robben als Kleidung tragen. Die eine Mündung des Araxes aber fließt in einem klaren Bett ins Kaspische Meer.

Verfügbar unter: <http://data.perseus.org/citations/urn:cts:greekLit:tlg0016.tlg001.perseus-grc1:1.202> [abgerufen am 01.11.2019].

Manche sagen, der Araxes sei größer, andere, er sei kleiner als der Ister. Es wird berichtet, dass es in ihm viele Inseln gebe, so groß wie Lesbos, und auf ihnen Menschen, die im Sommer von allerlei Wurzeln leben, die sie ausgraben, und im Winter von Früchten, die sie zur Reifezeit von Bäumen gesammelt und als Nahrung aufbewahrt haben; außerdem kennen sie (wie es heißt) Bäume, die eine Frucht tragen, deren Wirkung folgende ist: Die Menschen versammeln sich in Gruppen, entzünden ein Feuer, setzen sich ringsum und werfen die Frucht in die Flammen; der Rauch, der beim Verbrennen aufsteigt, berauscht sie wie die Griechen der Wein, und je mehr Früchte ins Feuer geworfen werden, desto stärker werden sie berauscht, bis sie schließlich zum Tanzen und sogar zum Singen aufstehen. So, heißt es, ist ihre Lebensweise. Der Araxes fließt aus dem Gebiet der Matiener (ebenso wie der Gyndes, den Kyros in dreihundertsechzig Kanäle teilte) und mündet durch vierzig

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Volga – the First River of Europe

Mündungen, von denen alle bis auf eine in Sümpfe und Moräste fließen; dort sollen Menschen leben, deren Nahrung roher Fisch ist und deren übliche Kleidung aus Robbenfellen besteht. Der eine verbleibende Strom des Araxes fließt in einem klaren Bett ins Kaspische Meer.Araxes

Verfügbar unter: <http://data.perseus.org/citations/urn:cts:greekLit:tlg0016.tlg001.perseus-eng1:1.202.1> [abgerufen am 01.1.2019]. Herodotus 1920: Histories, mit englischer Übersetzung von A. D. Godley. Cambridge: Harvard University Press.

Herodot 4.123–124:

4.123.3

ὕπερ δὲ τῆς ἐρήμου θυσάμεται οἰκέουσι, ποταμοὶ δὲ ἐξ αὐτῶν τέσσερες μεγάλοι ῥέοντες διὰ Ματτην ἐκδίδουσι ἐς τὴν λίμνην τὴν καλεομένην Μαῖτιν, τοῖσι οὐνόματα κέεται τάδε, Λύκος Ὄαρος Τάναϊς Σύρις.

Verfügbar unter: <http://data.perseus.org/citations/urn:cts:greekLit:tlg0016.tlg001.perseus-grc1:4.123.3> [abgerufen am 01.1.2019].

Jenseits dieser Einöde leben die Thyssageten; vier große Flüsse fließen aus ihrem Gebiet durch das Land der Maeetier und münden in den Maeetischen See; ihre Namen sind Lykos, Oarus, Tanais, Syrgis.

Verfügbar unter: <http://data.perseus.org/citations/urn:cts:greekLit:tlg0016.tlg001.perseus-eng1:4.123.3> [abgerufen am 01.1.2019].

4.124.1.

Als Dareios nun in die Wüste gelangt war, ließ er den Marsch anhalten und schlug sein Lager am Fluss Oaros auf. Nachdem er dies getan hatte, errichtete er acht große Festungsmauern, die jeweils ungefähr sechzig Stadien voneinander entfernt waren; zu meiner Zeit waren davon noch die Ruinen erhalten.

Verfügbar unter: <http://data.perseus.org/citations/urn:cts:greekLit:tlg0016.tlg001.perseus-grc1:4.124.1> [abgerufen am 01.1.2019].

Als Dareios in das öde Land kam, hielt er seine Verfolgung an und schlug sein Lager am Fluss Oarus auf. Dort errichtete er acht große Festungen, deren Ruinen noch zu meinen Lebzeiten standen; sie lagen alle in einem gleichen Abstand von etwa sieben Meilen voneinander.

Verfügbar unter: <http://data.perseus.org/citations/urn:cts:greekLit:tlg0016.tlg001.perseus-eng1:4.124.1> [abgerufen am 01.1.2019]. Herodot 1920: The Histories, mit einer englischen Übersetzung von A. D. Godley. Cambridge: Harvard University Press.

Straipsniai / Articles

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VÁCLAV BLAŽEK

Ptolemaios, 6.14.1–4:

Skythien innerhalb des Imaosgebirges wird im Westen durch das angrenzende asiatische Sarmatien begrenzt, wie wir gesagt haben; im Norden durch unbekanntes Land; im Osten allein durch das nach Norden verlaufende Imaosgebirge entlang der Meridianlinie, die sich, wie bereits erwähnt, bis zum unbekannten Land erstreckt; im Süden durch östliches Sogdien und Margiana und entlang ihrer angegebenen Grenzlinie bis zur Mündung des Oxos, der in das Hyrkanische Meer fließt, sowie durch einen Teil des Hyrkanischen Meeres bis zum Fluss Rha; der Verlauf seiner Küste wird wie folgt beschrieben: Als nächstes nach der Mündung des Rha-Flusses die Mündung des Rymnos-Flusses 91 48 15; die Mündung des Daix-Flusses 94 48 15; die Mündung des Iaxartes-Flusses 97 48; die Mündung des Istus-Flusses 100 47 20; die Mündung des Polymetos-Flusses 103 45 30; die Stadt Aspabota 102 44; danach die Mündung des Oxos-Flusses 100 43.

Skythien innerhalb des Imaosgebirges wird im Westen durch das angrenzende asiatische Sarmatien begrenzt, wie wir gesagt haben; im Norden durch Terra Incognita (unbekanntes Land); im Osten allein durch das nach Norden verlaufende Imaosgebirge entlang der Meridianlinie, die sich, wie bereits erwähnt, bis zur Terra Incognita erstreckt; im Süden durch östliches Sogdien und Margiana und entlang ihrer angegebenen Grenzlinie bis zur Mündung des Oxos, der in das Hyrkanische Meer fließt, sowie durch einen Teil des Hyrkanischen Meeres bis zum Fluss Rha; der Verlauf seiner Küste wird wie folgt beschrieben:

Als nächstes nach der Mündung des Rha-Flusses die Mündung des Rymnos-Flusses 91 48 15; die Mündung des Daix-Flusses 94 48 15; die Mündung des Iaxartes-Flusses 97 48; die Mündung des Istus-Flusses 100 47 20; die Mündung des Polymetos-Flusses 103 45 30; die Stadt Aspabota 102 44; danach die Mündung des Oxos-Flusses 100 43.

Englische Übersetzung von Edward Luther Stevenson (1932).

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Acta Linguistica Lithuanica LXXI

Volga – the First River of Europe

[Anonym] Kurze Darstellung der Geographie (gewöhnlich Agathērēs zugeschrieben; 3. Jh. n. Chr.)

§ 29. Iaxates, Oxos, Rhymos, Rhas, Kyros und Araxes fließen in das Binnenmeer

„Iaxates, Oxus, Rhymus, Rhas, Cyrus und Araxes münden in das Kaspische Meer.“

Anmerkung: Der Herausgeber vermutete `Ρᾶς anstelle von `Ρώς

Geographi Graeci Minores, Vol. II, ed. by Karl Müller. Paris: Firmin-Didot, 1861, 502.

Byzantinische Quellen

Zemarchus, um 570 (überliefert durch Menander Protector, geboren um die Mitte des 6.th Jahrhunderts)

Zemarchus zog zwölf Tage lang am sandigen Ufer des Sees entlang und gelangte, nachdem er einige schwer passierbare Gebiete umgangen hatte, zu den Flussläufen des Ikh, dann zum Daikh und, durch weitere Seen fahrend, schließlich zum Atilas.

„Zemarchus reiste zwölf Tage lang am sandigen Ufer entlang und gelangte, nachdem er schwieriges Gelände umgangen hatte, zum Fluss Ikh, dann zum Daikh und, nachdem er einige weitere Seen passiert hatte, zum Atilas {Fluss}.“

Edited and translated by Blockley 1985: 124–125.

Further see Moravcsik (1958: 78–79):

Theophylactus Simocata (Θεοφύλακτος Σιμοκάτ(τ)ης: Historiae (verfasst um 630, gegen Ende des 6th. Jh.)

258.9: der Fluss Til …, den die Türken gewöhnlich Melas nennen <>

Theophanes Homologetes (†818), Chronik (284–813 n. Chr.; entstanden um 680)

356.23: Ἄτελ

In den nördlichen Randgebieten des Pontos Euxeinos, im sogenannten Mäotischen See, mündet ein gewaltiger Fluss, der aus dem Ozean kommt und durch das Land der Sauromaten fließt; er heißt Ἄτελ. In ihn mündet der sogenannte Fluss Τάναϊς, der seinerseits aus den Iberischen Pforten in den Kaukasischen Bergen entspringt. Aus der Vereinigung des Tanais und des Atel (wobei sich Atel oberhalb des zuvor erwähnten Mäotischen Sees teilt) entsteht der sogenannte Fluss Κοῦφις, der schließlich nahe den Nekropolen in das Schwarze Meer mündet, an dem Kap namens Κριοῦ Πρόσωπον.

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Václav Blažek

„Im nördlichen Teil des Schwarzen Meeres, am See namens Maotis, in den ein großer Fluss mündet, der vom Ozean durch das Land der Sarmaten fließt und Atel genannt wird; in diesen mündet der Fluss namens Tanais, der an den Iberischen Toren im Kaukasusgebirge entspringt. Vom Zusammenfluss des Tanais und des Atel (oberhalb des zuvor genannten Sees Maotis, wo der Atel geteilt wird) fließt ein Fluss namens Kuphis und mündet am äußersten Rand des Pontischen Meeres nahe der Nekropole beim Kap, das Widderlippe genannt wird.“

Byzantinische geographische Notizen aus dem 8. Jahrhundert: ὁ Ἀστήλ ἐν ᾧ λέγεται ὁ Ἀστήλ ὁ ποταμὸς τῆς Χαζαρίας, ἔστιν δὲ κάστρον „{Bistum} Astil, das bedeutet Astil – der Fluss in Chasarien, aber es gibt auch eine Festung {gleichen Namens}“ (siehe Moravcsik 1958: 78). Seibt (2017: 301) erwähnt nach einer Pariser Handschrift die abweichende Überlieferung Ἀσταήλ für dieses Bistum.

Constantine Porphyrogenitus (Κωνσταντίνος Πορφυρογέννητος; 905–959 n. Chr.): De Administrando Imperio (um 50)

37.2–4: Ἰστέον, ὅτι οἱ Πατζινακῖται τὸ ἀπ’ ἀρχῆς εἰς τὸν ποταμὸν Ἀτήλ τὴν αὐτῶν εἶχον κατοίκησιν ὁμοίως δὲ καὶ εἰς τὸν ποταμὸν Γείχ, ἔχοντες τοὺς τε Χαζάρους συνοροῦντας καὶ τοὺς Οὔζους „Ursprünglich hatten die Petschenegen ihren Wohnsitz am Fluss Atil und ebenso am Fluss Geik; sie hatten die Chasaren und die sogenannten Oghusen als Nachbarn.“

38.30 εἰς τόπους ἐπονομαζομένους Ἀτελούζου, ἐν οἷς τόποις τὰ νῦν τὸ τῶν Πατζινακιτῶν ἔθνος κατοικεῖ „an Orten, die Atelkouz genannt werden und an denen heute das Volk der Petschenegen lebt“

38.66–71 Ὅτι ὁ τῶν Πατζινακιτῶν τόπος, ἐν ᾧ τῷ τότε καιρῷ κατῴκησαν οἱ Τοῦρκοι, καλεῖται κατὰ τὴν ἐπωνυμίαν τῶν ἐκεῖσε ὄντων ποταμῶν. Οἱ δὲ ποταμοί εἰσιν οὗτοι· ποταμὸς πρῶτος ὁ καλούμενος Βαρούχ, ποταμὸς δεύτερος ὁ καλούμενος Κουβού, ποταμὸς τρίτος ὁ καλούμενος Τρούλλος, ποταμὸς τέταρτος ὁ καλούμενος Βρούτος, ποταμὸς πέμπτος ὁ καλούμενος Σέρετος. „Das Gebiet der Petschenegen, in dem damals die Türken lebten, ist nach den Namen der dortigen Flüsse benannt. Diese Flüsse sind: der erste Fluss, Baroukh {Dniper} genannt; der zweite Fluss, Kouou {Bug} genannt; der dritte Fluss, Troullos {Dniester} genannt; der vierte Fluss, Broutos {Prut} genannt; der fünfte Fluss, Seretos {Seret} genannt.“

40.23–25 Der Ort aber, an dem die Türken zuvor lebten, wird nach dem Namen des dort vorbeifließenden Flusses Etel und Kubu genannt; an diesem wohnen jetzt die Petschenegen.

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Acta Linguistica Lithuanica LXXI

Volga – the First River of Europe

„Das Gebiet, in dem früher die Türken (= Ungarn) lebten, ist nach dem Namen des Flusses benannt, der hindurchfließt, Etel und Kouzou; dort leben jetzt die Petschenegen.“

Edited by Gy. Moravcsik; translated by R. J. H. Jenkins 1967: 166–179.

Nicephorus Gregoras (1290/1–1360) 1.26.19-21 Es gibt einen Ort namens Oso jenseits und nördlich der Ister, durch den ein nicht unbedeutender Fluss fließt; Bulgar nennen ihn die Einheimischen; von ihm haben auch sie den Namen der Bulgaren übernommen, obwohl sie ursprünglich Skythen waren.

„Jenseits der Donau, nach Norden hin, liegt ein Gebiet, das von einem nicht unbedeutenden Fluss durchflossen wird, den die Einheimischen Bulga nennen; daher erhielten auch sie den Namen der Bulgaren, obwohl sie ursprünglich Skythen waren.“

Nicephori Gregorae Byzantina Historia, Graece et Latine, cum annotationes Hier. Wolfii, Car. Ducangii, Io. Boivini et Cl. Capperonnerii. Bon: Weber, 1829 (Scriptorum Historiae Byzantinae, editio emendatior et copiosior, consilio B.G. Niebuhr, Pars IX: Nicephorus Gregoras, Vol. I), 26.

Verfügbar unter: <https://ia800207.us.archive.org/31/items/byzantinahistor00bekgoog/byzantinahistor00bekgoog.pdf> [abgerufen am 01.11.2019].

Jungavestischer Beleg

Avestan Raŋhā- ‘a mythical river’ (Bartholomae 1904: 1510–1511)

ym bariti Karō masiō upā yō Raŋhaiiā dūrāeparāiia. jafraiia hazarō vīraia varəsō.stauuaŋhəm apō uruaesəm maraiiete „Der im Wasser lebende Fisch Kara, der einen haarbreiten Wasserwirbel der fernbegrenzten, tiefen, tausend Männer tiefen Raŋhā bemerkt“

[Yt. 14.29].

təm yazata yōišō yō friianąm paiti pəduuaēpā Raŋhaiiā. satəm aspanəm aršnəm hazarəm gauuəm baēuuarə anumiiąm „Ihr opferte Yōišta, der zu den Fryana gehörte, auf der umbrandeten Insel der Raŋhā hundert männliche Pferde, tausend Rinder, zehntausend Schafe“

[Yt. 5.81].

xšuuāš.kasəm asahəmca šōiθranəmca | vahištəm frāβərəsəm azəm yō ahurō mazdā | upa aoδešu Raŋhaiiā | yō. asarō. aibiiaxšaienti:

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“Als den sechzehnten der Orte und Stätten schuf Ich, der Ahura Mazdāh, (das Land) upa aodāešu Rahaiiā (= an den Quellen der Rahā), wo die wohnen, (die) keinen Oberherrn haben”

[Vd. 1.19].

yațcīt ahi rašnuō āšam upa aodāešu raha iiā yațcīt ahi rašnuō āšam upa sanke raha iiā „Auch wenn du dich, o seliger Rānu, an der Quelle der Rahā befindest, rufen wir dich an. Auch wenn du dich, o seliger Rānu, an der Mündung der Rahā befindest, rufen wir dich an“

[Yt. 12.18–19].

yațcīt sanke raha iiā yațcīt ūmaidīm aihā zəmō “auch wenn (Mithra) an der Mündung der Rahā auch wenn (er) im Mittelpunkt der Erde hier (wäre)”

[Yt. 10.104].

təm yazata naire.māṇ kərəsāspō upa guδəm apəžarəm Ranhaiiā mazdātaiiā. „Ihm opferte der heldenmütige Kərəsāpa an der Guδa, dem Arm der von Mazda geschaffenen Ranhā“

[Yt. 15.27].

Aduiš ūre āhite | mōšu mē javca auuahe | nūram mē bara upastaṇ hazərəm tē azəm zaoθraṇ | haomauuaitiṇəm gaomauuaitiṇəm | yaoždātəm pairihaštāṇəm | bārani | oi āpəm yəm Rahəm | yezi jun frapaiēni | oi zəm ahuraδātəm | oi nūnan yim xᵛēpaθəm „O gewaltige, makellose Arəδvī! Eile mir rasch zu Hilfe, bring mir jetzt Unterstützung! Ich will dir tausend haomahaltige, milchhaltige, ordnungsgemäß gereinigte Zaδra’s bei dem Wasser Rahā darbringen, wenn ich lebend zur ahurageschaffenen Erde und zu meinem Haus gehe“

[Yt. 5.63].

Verfügbar unter: <http://titus.fkidg1.uni-frankfurt.de/texte/etcs/iran/iran/avesta/avest.htm>

Deutsche Übersetzung von Wolff 1910.

Vedischer Beleg

I.12.12

yā́bʰiḥ rasā́m kṣódasā udnā́ pinvat́ uḥ anasvám yā́bʰiḥ rāt́ am āvatam iṣé yā́bʰiḥ triṣókaḥ usriyā́h údīyata tá́bʰiḥ u sū́ utíbʰiḥ áśvinā ā́ gatam

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Acta Linguistica Lithuanica LXXI

Volga – the First River of Europe

Ja: „Mit denen ihr die Rasā (den Fluss) durch einen Wasserschwall anschwellen ließet, mit denen ihr den wagenlosen Streitwagen zum Sieg verholfet, mit denen Triśoka für sich rötliche Kühe hinauftreiben ließ – mit jenen Hilfsmitteln kommt hierher, o Aśvins.“

Gr: „Womit ihr die Rasā durch Wasserfluten anschwellen ließet und den wagenlosen Streitwagen zum Sieg antriebt; womit Triśoka seine wiedergewonnenen Kühe hinaustrieb – damit kommt zu uns her, o Aśvins.“

Ge: “Durch die ihr die Rasā mit Wassers Flut angeschwellt habt, mit denen ihr den Wagen ohne Roß zum Sieg verhalf, durch die Triśoka die Kühe heraustrieb, mit diesen Hilfen kommt doch ja her, ihr Aśvin!”

IV.43.6.

sindhūḥ ha vām rasāyā sincad áśvān ghṛṇāḥ! vāya aruṣāsa pari gman tā ū sū vām ajiram ceti yānam yena pāti bṛhávātah sūryāḥ

Ja: „Der Fluss Sindhu besprengt eure Pferde mit der Rasā; eure rötlichen Vögel entgehen der glühenden Hitze. Euer schnelles Gefährt ist soeben erschienen, mit dem ihr beide zu Herren [/Gatten] der Sūryā werdet.“

Gr: „Sindhu möge eure Pferde mit seiner Flut benetzen: Im feurigen Glanz sind die roten Vögel hierhergekommen. Von allen wurde jener rasche Lauf beobachtet, durch den ihr Herren der Tochter Sūryās wurdet.“

Ge: “Sindhu mit der Rasā benetzte eure Pferde; die rötlichen Vogelrosse entgingen den Gluten. Diese eure schnelle Fahrt machte fein Aufsehen, durch die ihr die Gatten der Sūryā werdet.”

V.41.15

padé-pade me jaramāṇi dhāyai vārtrī vā śakrā yā pāyubhiḥ ca śak tu mātā mahī rasā naḥ smat surbhih juhāsta juvanih

Ja: „Schritt für Schritt ist mir das Alter gesichert worden, entweder durch sie, die fähige Schutzgöttin, oder durch die Beschützer. Möge die Mutter, die große Rasā, uns zusammen mit unseren Gönnern begleiten, sie mit ausgestreckten Händen, mit ausgestreckten Gewinnen.“

Gr: „Jedem Einzelnen ist mein Lob gebührend dargebracht worden. Mächtig sei Varātrī mit ihren Kräften, uns beizustehen. Möge die große Mutter Rasā uns hier wohlgesinnt sein, mit gerader Hand, mit den Preisen, vorwärtsstrebend.“

Ge: “Auf Schritt und Tritt sei mir das Alter sichergestellt, sei es durch die mächtige Vatrī und durch die Schutzgeister. Es sollen uns samt den Lohnherren die große Mutter Rasā zur Seite stehen, die eine redliche Hand hat, die reichen Gewinn bringt.”

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VÁCLAV BLAŽEK

V.53.9.

mā vaḥ rasā anitabʰā kubʰā kr̥muḥ mā vaḥ sindʰuḥ ni rīramat mā vaḥ pāri stʰāt sarayuḥ puriṣiṇī asmē it sunnām astu vaḥ

Ja: „Mögen euch weder die Rasā {Fluss}, die Anitabhā, die Kubhā noch der Krumu aufhalten; möge euch auch der Sindhu nicht zum Stillstand bringen. Möge euch die überströmende Sarayu nicht umzingeln. Uns allein möge eure Gunst gelten.“

Gr: „So mögen Rasā, Krumu oder Anitabhā, Kubhā oder Sindhu euch nicht zurückhalten. Mögen die Wasser der Sarati euren Weg nicht versperren. Mit uns sei all das Glück, das ihr gewährt.“

Ge: “Nicht soll euch die Rasā, Anitabhā, Kubhā, Krumu, nicht euch die Sindhu aufhalten, noch euch die quellenreiche Sarayu im Wege stehen. Bei uns soll eure Huld sein.”

VII.72.13.

ā suté siñcata śriyam rodasyoḥ abʰiśriyam rasā dadʰīta vr̥sabʰām

Ja: „In den gepressten Soma gießt Herrlichkeit {= Milch}, die ganze Herrlichkeit der beiden Welthälften. Die Rasā (Fluss {= Wasser}) soll den Stier empfangen.“

Ge: “Gieße die Herrlichkeit in den ausgepreßten Saft, die beiden Welten übertrahlt! Den Bullen soll die Rasā annehmen!”

IX.41.6.

pári naḥ sarmayāntā dʰārā soma viśvataḥ | sāra rasā́ iva viṣṭapam

Ja: „O Soma, ströme für uns herein, ringsum von allen Seiten mit deinem schützenden Strom, wie {der Himmelsfluss} Rasā entlang der oberen Fläche {des Filters}.“

Gr: „Von allen Seiten, o Soma, umströme uns mit deinem schützenden Strom, wie Rasā die Welt umströmt.“

Ge: “Fließe für uns in schützendem Strome, o Soma, ringsum wie die Rasā um die Erderhöhung!”

X.75.6

tr̥ṣṭāmayā pratʰamā yatave sajūḥ susartvā rasayā śvetāyā tvām sindʰo kubʰayā gomatiṃ kr̥mum mehanvā saratʰam yábʰiḥ iyase

Ja: „Zuerst mit der Tr̥ṣṭā gemeinsam zu reisen, {dann} mit der Susartū, der Rasā und dieser Śvetā, du, o Sindhu, {kommst} mit der Kubhā zur Gomati, mit der Mehatn zur Krumu, auf demselben Streitwagen {mit all diesen}, mit denen du dahinrasst.“

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Volga – the First River of Europe

Gr: „Mit Tṛstāma bist du als Erste begierig, hervorzuströmen, mit Rasā, Susartū und hier mit Śvetā, mit Kubhā; und mit diesen, Sindhu und Mehatnū, suchst du in deinem Lauf Krumu und Gomati.“

Ge: “Zuerst mit der Trstama zum Laufe vereint, mit Susartū, Rasā, mit dieser Svetā kommst du, Sindhu, mit der Kubhā zur Gomati, mit der Mehatnū zur Krumu, mit denen du auf gleichem Wagen dahinziehst.”

X. 108.1–2

kím ich ánti saramá prá idám ánat dúré hí ádh vā jagurih parācáḥ kā asméhitih kā pártakmyā ásit kathām asāyā atarah pāyamsi índrasya dútih iśā carāmi maháś ich ánti panáyah nidh vah atiśadabh iyāsā tát nah ávat tāthā asāyā ataram pāyamsi

Ja: [Pani] „Was suchend ist Saramā hier angekommen, da der Weg weit ist und (den Reisenden) in der Ferne verschlingt? Was führt dich zu uns? Was war die letzte Wendung (die dich hierher brachte)? Wie hast du die Wasser der Rasā durchquert?“

[Saramā] „Als Indras Botin ausgesandt, reise ich, auf der Suche nach euren großen verborgenen Schätzen, Paṇis. Mit der Furcht vor dem Sprung hinüber – die uns geholfen hat! – überquerte ich auf diese Weise die Wasser der Rasā.“

Gr: „Welcher Wunsch Saramās hat sie hierhergebracht? Der Weg führt weit fort an ferne Orte. Welchen Auftrag hast du für uns? Wohin wendet sich deine Reise? Wie hast du deinen Weg über Rasās Wasser gefunden?“

„Ich komme als bestellte Botin Indras und suche eure reichen Vorräte an Schätzen, o Paṇis. Dies hat mich vor der Furcht vor dem Überqueren bewahrt: So habe ich meinen Weg über Rasās Wasser gefunden.“

Ge: “Mit welchem Ansuchen ist Sarama hierher gekommen? Der Weg so weit in die Ferne ist ja aufreibend. Was bedeutet die Sendung zu uns? Welches war der entscheidende Wendepunkt? Wie kamst du über die Fluten der Rasa?”

“Als Indras Botin komme ich absandte, eure großen Schätze suchend, ihr Panis. Aus Furcht vor dem Überspringen half sie uns dabei. So kam ich durch die Fluten der Rasa.”

X. 121.4.

yásya imé himávantaḥ mahitvā yásya samudráṃ rasáyā sahá āhuḥ yásya imāḥ pradíśaḥ yásya bāhū kásmai devāya haviṣā vidhema

Ja: „Wem gehören diese schneebedeckten Berge (= der Himalaya) in ihrer Erhabenheit; wem gehört das Meer zusammen mit dem Weltstrom, wie man sagt; wem gehören diese Himmelsrichtungen, wem (ihre) beiden Arme (= der Zenit und der Nadir?) – Welchem Gott sollen wir mit unserer Opfergabe huldigen?“

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Gr: „Durch seine Macht gehören ihm diese schneebedeckten Berge, und die Menschen nennen Meer und Rašā sein Eigentum: Seine sind diese Arme, seine sind diese himmlischen Regionen. Welchen Gott sollen wir mit unserer Opfergabe verehren?“

Ge: “Durch desen Macht jene Schneeberge sind, durch desen Macht, wie sie sagen, der Ozean samt der Ra ist, durch desen Macht diese Himmelsgegenden desen beide Arme sie sind. – Wer ist der Got, dem wir mit Opfer dienen sollen?”

Verfügbar unter: <http://titus.fkidg1.uni-frankfurt.de/texte/etcs/ind/ind/ved/rv/mt/rv.htm>

Translations: Ja = Jamison & Brereton 2013; Gr = Grith 189[1987]; Ge = Geldner 1951.

Hinweis: Die Abkürzungen ohne besondere Erläuterungen, nämlich die Bezeichnungen der Teile des Avesta oder der Dialekte der uralischen Sprachen, entsprechen den in den zitierten Quellen standardmäßig verwendeten Abkürzungen.

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Acknowledgement

The article was prepared under the auspice of the research Fund of Masaryk University, Nr. 287. I am grateful to John Bengtson for his correction of English.

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Acta Linguistica Lithuanica LXXI

Volga – the First River of Europe

Volga – pirmoji Europos upė

SANTRAUKA

Šiame tyrime apibendrinami visi Volgos upės pavadinimai, kurie, kai įmanoma, yra aprašomi platesniame pirminių tekstų, pateiktų prie, kontekste. Taip pat straipsnyje tiriamos ir aptariamos esamos etimologijos bei nurodomos naujos etimologijos, kai senosios atrodo nepakankamai įtikinamos. Volga yra ilgiausia Europos upė (ilgis – 3534 km (prieš užtvankų sistemą ji buvo 3693 km) su didžiausiu baseinu (1 380 000 km²), vakariausia ir didžiausia Eurazijos upė bei didžiausia endorinė upė pasaulyje. Tokiems ilgiems upėms būdinga, kad jos įvairiomis kalbomis vadinamos keliais pavadinimais: septyni hidronimai (Ἀράξης, *As(a)tEl, Jul, Λύγος, Rav(o), Ὄαρος, Volga), išdėstyti abėcėlės tvarka, yra išsamiai išanalizuojami tiek etimologiniu, tiek semantinės motyvacijos požiūriais. Nors šių hidronimų etimologijos yra dažnai nesuderinamos, įvertinus jų semantinę motyvaciją, jos gali būti suskirstytos į dvi grupes. Pirmą grupę sudaro visiškai hidroniminiai vardai, pagrįsti reikšmėmis, susijusiomis su „vandeniu“, t. y. „vanduo“, toliau „upė“, „(upės) slėnis“, „srovė (tėkmė)“, „potvynis“, „drėgmė“, „ežeras“, „jūra“. Antroji grupė apima terminus, apibūdinančius upę ar krantus, būtent: „platus“, „ilgas“, „išlenktas“, „be medžių“, „nekenksmingas“, „baltas / šviesus“, „juodas / tamsus“. Akivaizdu, kad pirmoji semantinė grupė yra tiesiogiai susijusi su vandeniu ir turėtų būti svarbesnė. Keliems etnonimams skirtinguose varduose pasikartojanti semantinė motyvacija atrodo yra perspektyvesnė nei pavieniai paaiškinimai. Tai senovės rusų Volga < bendrinės slavų *vьlga „drėgmė“ sutampa su iranėčių, greičiausiai skitų, *rahā-, kurio reikšmė „drėgnė“ gali būti rekonstruojama pagal vedų [RV] rasā- (vyriškos giminės rasā- „augalų sultys ar sula, vaisių sultys, bet koks skystis ar skystis, drėgmė, esme, čiulpai“ moteriškos giminės forma). Trečiąjį atitikmenį būtų galima identifikuoti hipotetiniame tiurkų junginyje *ast-(h)ōl „apatinis drenumas“. Tikėtina, kad tai apibūdino Volgos deltą. Kyla pagrįsta išvada, kad slavų ir galbūt tiurkų hidronimai kilo iš iranėčių kalbos.

Remiantis senoviniais tekstais, prieinama prie išvados, kad Volga galėjo žymėti rytinę indoeuropiečių tarmės kontinuumo ribą, kuri pirmiausia kito tik toliau protėviai, galbūt pirmoje 4-ojo tūkstantmečio prieš Kristų pusėje. Tokiu atveju atrodytų natūralu, kad tokios galingos upės vardas, kuri yra svarbi orientavimuisi, laivybai, krovinų gabenimui ir žvejybai, buvo išlaikytas ilgą laiką. Kai šios upės krantuose apsigyveno naujų tautų, teisių pirmenybę, kvaizonominiškiems vardams, pradėtos naujai interpretuoti šių vardų reikšmės. Šalia ilgiausios vardų grandinės – tocharų B waike „ilgas“ → vengrų völgy „upės slėnis“ → marų (finougrų) wola „yra baltas, balta“ → latvių valga „šlapias“ → senovės rusų Volga „drėgnumas, drėgė“ – egzistuoja dar viena: tocharų B war „vanduo“, -wär „srovė, tėkmė, upė“ → avestų vairi- „jūra, jūros įlanka“, pelevų var „ežeras“ → čuvašų var „slėnis, pylimas, vaga, tarpeklis; vidurė, centre, viduryje, pilvas“, arba nauji avestų Raŋhā arba ‘skitų’ *Rahā → mordvių erzių Rav, Ravo ‘Volga’, mokšų rava „upė“, Rav ‘Volga’. Ši hipotezė, nepaisant minių migracijų laikotarpių, rodo populiacijų tęstinumą, greičiausiai atsispindi

Straipsniai / Articles

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VÁCLAV BLAŽEK

reikinių gyveniečių prie svarbių upių varduose, kurie yra kilę iš pirminių hidronimų. Šis mechanizmas padėjo išsaugoti daugelio svarbių upių vardus, nors jų krantose keitėsi kalbos. Natūralu, kad šalia senų vardų atsiranda naujų. Volgos atveju jauniausias tokio tipo pavyzdys yra greičiausiai marų (fino-ugrų) Jul, paimtas iš senovės turkų šaltinio senovės uigūrų yul „kalnų upelis, šaltinis, versmė“.

Įteikta 2019 m. lapkričio 4 d.

VÁCLAV BLAŽEK

Ústav jazykovědy a baltistiky

Filozofická fakulta Masarykovy University

A. Nováka 1, CZ-60200 Brno

[email protected]

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Acta Linguistica Lithuanica XXI

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