Page 1JOLANTA VASKELIENĖ
Universität Vilnius, Akademie Šiauliai
ORCID id: orcid.org./0000-0002-8516-8608
FORSCHUNGSSCHWERPUNKTE: Wortbildung, Morphologie, Textlinguistik, Stilistik, Variabilität.
DOI: doi.org/10.35321/bkalba.2023.96.11
ÜBER VARIIERENDE, NEUE ERSCHEINUNGEN DER LITAUISCHEN SPRACHE UND NICHT NUR
Recenzija: Rita Miliūnaitė. Įvairuojantys ir nauji lietuvių kalbos reiškiniai XXI a. pradžioje: sistematika ir pokyčių kryptys, monografija, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2022, 720 p. ISBN 978-609-411-322-2. Prieiga internete: https://doi.org/10.35321/e-pub.42.lietuviu-kalbos-pokyciai
2022 erschien Ritas Miliūnaitės Monografie Įvairuojantys ir nauji lietuvių kalbos reiškiniai XXI a. pradžioje: sistematika ir pokyčių kryptys (Vilnius: Lietuvių kalbos institutas) in elektronischer Form. Diese Rezension ist der Vorstellung und Besprechung dieser Monografie gewidmet1.
Um zu erkennen, wie sich Sprache verändert und wie sie variiert, bedarf es langfristiger Beobachtungen und empirischen Materials aus unterschiedlichen Zeiträumen. Die Autorin der Monografie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Variabilität und den Varianten der litauischen Sprache; diese Monografie ist somit die Fortsetzung einer kontinuierlichen Forschung. Mit der vorliegenden Arbeit wollte R. Miliūnaitė zwei grundlegende Fragen beantworten: „1) Wie lässt sich systematisieren, was variiert und sich erneuert? 2) Was verändert sich in der litauischen Sprache zu Beginn des 21. Jahrhunderts am deutlichsten und wie?“ (S. 21). Gleich vorweg lässt sich sagen, dass es der Autorin im Wesentlichen gelungen ist, diese Fragen zu beantworten.
Dieses umfangreiche Buch (720 S.) erfüllt in jeder Hinsicht die Anforderungen an Monografien. Die Struktur der Monografie ist durchdacht und logisch – sie besteht aus einer Einleitung, deren vier Kapitel das Forschungsziel und die Forschungsaufgaben ausführlich vorstellen, die Relevanz und Neuheit der Untersuchung benennen, theoretische und methodologische Zugänge darlegen sowie die wichtigsten Mo-
1 Obwohl 2023 eine Rezension von Erika Rimkutė zu dieser Monografie veröffentlicht wurde, konnte ich dem Wunsch nicht widerstehen, auch den einen oder anderen eigenen Gedanken zu äußern.
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Page 2die in der Monografie verwendeten Begriffe sowie drei in kleinere Kapitel, Unterkapitel und Abschnitte gegliederte Teile. Im ersten Teil der Monografie (Systematisierung variierender und neuer Sprachphänomene) werden die Datenquellen ausführlich vorgestellt, die klassifizierten Daten sowie Besonderheiten, Schwierigkeiten, Grundsätze und Kriterien ihrer Klassifizierung erörtert und Aufbau, Wert und Anwendungsmöglichkeiten des Verzeichnisses variierender und neuer Sprachphänomene (im Folgenden: Verzeichnis) behandelt. Der zweite Teil (Verzeichnis variierender und neuer Sprachphänomene und seine Beschreibung) ist dem Verzeichnis selbst gewidmet. Er umfasst vier Kapitel (2.1. Lexik; 2.2. Wortstruktur; 2.3. Morphologie; 2.4. Syntax), in denen Varianten der jeweiligen Sprachebenen vorgestellt und einige konkrete variierende Sprachphänomene erörtert werden. Der dritte Teil (Dynamik der Standardsprache und ihrer Phänomene) widmet sich der sprachlichen Variation und den Entwicklungsrichtungen des Aufbaus der litauischen Standardsprache; außerdem bietet er einen breiten Kontext europäischer Standardsprachen. Die Monografie schließt mit ausführlichen, auf die Untersuchung bezogenen Schlussfolgerungen, einem Schlusswort sowie Verzeichnissen der Quellen und der Literatur. Besonders nützlich sind die informativen und anschaulichen Abbildungen und Tabellen des Buches – die Monografie enthält insgesamt 56 Abbildungen und 36 Tabellen des Verzeichnisses. (Zugegeben, bisweilen kam der Gedanke auf, das klassifizierte empirische Material hätte am Ende des Buches in Anhängen untergebracht werden können, damit sich die Leserinnen und Leser – ungestört von langen Tabellen – stärker auf den Text und die Erläuterungen konzentrieren könnten.) Die Klassifizierung und Analyse des gesammelten empirischen Materials stützen sich auf theoretische Erörterungen und berücksichtigen Literatur, die in verschiedenen Sprachen veröffentlicht wurde; deren Verzeichnis wird Leserinnen und Lesern, die sich für vergleichbare Untersuchungen interessieren, nützlich sein.
R. Miliūnaitė hat sich zweifellos eingehend mit dem untersuchten Phänomen befasst, kennt vergleichbare Untersuchungen und ist allgemein mit der Entwicklung der Standardsprachen verschiedener Länder, den jeweiligen Situationen, den Besonderheiten der Entwicklung der litauischen Standardsprache und Ähnlichem vertraut. Beeindruckend sind die treffenden Einsichten der Autorin, ihr vielseitiger Blick und ihre Fähigkeit, Sprachphänomene verschiedener Ebenen aus unterschiedlichen Perspektiven und Blickwinkeln zu untersuchen. Wertvoll ist, dass sich die Monografie nicht nur vollständig, sondern auch in Teilen lesen lässt (je nachdem, was einen interessiert und wonach man sucht), denn ihre einzelnen Teile hängen zusammen und sind zugleich bedingt eigenständig. Dies gilt insbesondere für den dritten Teil (Dynamik der Standardsprache und ihrer Phänomene) – die darin präsentierten Einsichten können für sehr unterschiedliche Leserinnen und Leser nützlich sein. Die Monografie ist in wissenschaftlichem Stil verfasst, sorgfältig gestaltet und angemessen redigiert. Die ausführliche englischsprachige Zusammenfassung (übersetzt von Vaida Kavaliauskaitė-Ožalinskienė) ermöglicht es, die internationale Öffentlichkeit mit den wichtigsten Untersuchungsergebnissen und Erkenntnissen vertraut zu machen.
Wertvoll ist auch, dass die Monografie zum Nachdenken und Analysieren anregt und bisweilen auch zur Diskussion einlädt. Einige der dabei entstandenen Gedanken (oder Zweifel) sollen hier geteilt werden.
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Page 3Zu den Bezeichnungen und zur Grundlage der Gliederung der Kapitel der Monografie (2.2. Wortstruktur und 2.3. Morphologie). Mit der Wortstruktur hängen sowohl die Wortbildung als auch die Morphologie zusammen; die Morphologie befasst sich jedoch mit der morphematischen Zusammensetzung von Wörtern (der Identifizierung sämtlicher Morpheme eines Wortes), die Wortbildung hingegen nur mit dem Wortbildungsaffix, also dem Mittel, mit dem ein neues Wort gebildet wurde (zum Gegenstand der Morphologie sowie zu Unterschieden zwischen morphematischen und wortbildungsbezogenen Analysen siehe Paulauskienė 1994: 10; LKE 2008: 359). Traditionell würde man also, um die Untersuchungsgegenstände verschiedener Teilgebiete der Sprachwissenschaft nicht miteinander zu vermengen, Kapitel zur Wortbildung und zur Morphologie unterscheiden. Warum Kapitel 2.2 dieser Monografie nicht Wortbildung, sondern Wortstruktur heißt, wird auf S. 213 erläutert:
In dieser Monografie werden der Wortbildungsprozess und die wortbildnerische Zusammensetzung von Wörtern aus der Perspektive der Variation und des Wandels betrachtet, wobei das übergeordnete Ziel im Blick bleibt, die häufigsten und neuen VNSP [variierenden und neuen Sprachphänomene] zu systematisieren, insbesondere jene, die mit dem Wandel der Normen der litauischen Standardsprache zusammenhängen. Der Untersuchungsgegenstand ist daher wesentlich breiter als die bloße Bildung neuer Wörter, denn in die Systematik der VNSP werden auch traditionelle Variationen aufgenommen (Wortbildungsvarianten, die über einen längeren oder kürzeren Zeitraum in der Verwendung miteinander konkurrieren). Außerdem lässt sich ein Wort mit Wortbildungsmorphemen unter dem Aspekt der Variation (der Herausbildung von Variantenverhältnissen) nicht nur aus theoretischer Sicht der Wortbildung betrachten: Morphemisch segmentierbare Wörter können nicht nur als Ergebnisse der Wortbildung, sondern auch als Varianten mit unterschiedlichen Wortbildungsmorphemen aufgefasst werden, die durch dieselbe lexikalische Bedeutung verbunden sind. All diese Phänomene werden in der Monografie zusammenfassend als Wortstrukturphänomene bezeichnet. So werden beispielsweise nach dem formalen Kriterium, das zur Ermittlung von Variationen angewandt wird, einige Wörter mit gemischter Wortbildung im Verzeichnis den Wörtern mit variierenden Präfixen zugeordnet (prieškarinis, -ė: ikikarinis, -ė [ŽS prieš- 1]) oder den Wörtern mit variierenden Wortausgängen (beprocentinis, -ė: beprocentis, -ė [ŽS –inis 1]). Deshalb wird in vergleichbaren Fällen von Wörtern mit variierenden Affixen gesprochen und nicht von Präfix- oder Suffixableitungen beziehungsweise gemischten Bildungen.
Diese Entscheidung befremdet eine Wortbildungsspezialistin ein wenig (aber das ist wohl das Problem der Rezensentin): Bei den besprochenen Wörtern handelt es sich eindeutig um Bildungen, weshalb man nicht einfach von der Konkurrenz oder Variation morphemisch segmentierbarer Wörter sprechen möchte, sondern von der Konkurrenz von Bildungen (Wortbildungsverfahren, Wortbildungstypen); die Rezensentin denkt zudem an Wortbildungssynonyme und Wortbildungsvarianten2. Die Glieder der angeführten Paare sind typische Wortbildungssynonyme: Ein Synonympaar
2 Wortbildungssynonyme sind stammgleiche Bildungen unterschiedlicher Wortbildungstypen mit ähnlicher (gleicher) lexikalischer Bedeutung; Wortbildungsvarianten hingegen sind stammgleiche Bildungen, die demselben Wortbildungstyp angehören, dieselbe (sehr ähnliche) lexikalische Bedeutung haben und sich durch bestimmte nebensächliche wortbildungsbezogene Merkmale unterscheiden. So können etwa Ableitungen mit demselben Präfix unterschiedliche Endungen aufweisen, oder Zusammensetzungen aus denselben Ausgangswörtern können sich im Fugenvokal unterscheiden usw. (ausführlicher Vaskelienė 2013).
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Page 4prieškarinis, –ė: ikikarinis, –ė besteht aus zwei Bildungen mit gemischtem Wortbildungsverfahren; das Synonympaar beprocentinis, –ė und beprocentis, –ė besteht aus einer Bildung mit gemischtem Wortbildungsverfahren und einer Ableitung. Warum Kapitel 2.2 nicht Wortbildung heißen kann und warum der Unterschied zwischen Wortbildungssynonymen und Wortbildungsvarianten für die Untersuchung nicht wichtig ist, wird auf S. 214 ausführlich erläutert:
In der Monografie ist der Unterschied zwischen Wortbildungsvarianten und Wortbildungssynonymen jedoch unerheblich: Beide können Teil einer umfassenden Variation sein und werden als Phänomene variierender morphämischer Wortstruktur oder einfach als variierende Wortstrukturphänomene bezeichnet. Dazu passen also auch Variationen wie garbanotuvas: garbanoklis (ND, abgerufen am 2021-12-15) – in diesem Fall wird dieselbe lexikalische Bedeutung „Werkzeug zum Locken der Haare“ durch Varianten der Wortstruktur ausgedrückt.
Tatsächlich umfassen Varianten im weitesten Sinne sowohl Wortbildungssynonyme als auch Wortbildungsvarianten (R. Miliūnaitė hat sich bereits 2009 in einer Monografie mit Variantenkonzepten befasst3). Die besprochene Monografie folgt dem weit gefassten Konzept – dies wird in Abschnitt 0.3.6 erläutert und zeigt sich auch in den konkreten Kapiteln zu Wortstruktur und Syntax4. Die Entscheidung, variierende Wörter nach ihren strukturellen Merkmalen zu benennen (und zu klassifizieren), wird weiter unten auf derselben Seite sehr klar erläutert (und hervorgehoben): „Bei der Identifizierung von VNSP der Wortstruktur wird die praktische Frage nicht danach gestellt, woraus und wie ein Wort gebildet wurde (auf welches Ausgangswort es zurückgeht), sondern danach, wie das Wort aufgebaut ist und mit welchen Wörtern es in der Verwendung konkurriert sowie welche Unterschiede in den Wortbildungsmorphemen (nicht notwendigerweise der letzten Bildungsstufe) die konkurrierenden Varianten aufweisen.“ Siehe auch S. 214: „Den Teil des VNSP-Verzeichnisses zur Wortstruktur bilden somit Wortvarianten, die sich durch Wortbildungsmorpheme unterscheiden, aber nicht unbedingt unmittelbar aus einem Wortbildungsprozess hervorgegangen sind, sowie Varianten, bei denen das entsprechende (markierte) Glied ein Wortbildungsmorphem aufweist und aufgrund dessen meist negativ kodifiziert ist, während das Hauptglied der Variation auch durch ein anderes Ausdrucksmittel realisiert sein kann (eine Wortverbindung oder Ähnliches).“ Natürlich können Forschende dasselbe empirische Material auch nach bestimmten anderen Kriterien klassifizieren und analysieren (und tun dies auch), …
3 In ihrer Monografie stellt sie drei Variantenkonzepte vor: das engste (Identität des Wortes + Identität der Bedeutung), das vorherrschende (Identität der Spracheinheit + Identität der Bedeutung) und das weiteste (Identität der Bedeutung (Funktion) von Sprachphänomenen) (Miliūnaitė 2009: 140–147). Übrigens umfasst nach Ansicht der Rezensentin das engste Konzept das vorherrschende – schließlich ist auch ein Wort eine Spracheinheit.
4 S. 392: „Die variierende Ausdrucksweise syntaktischer Verbindungen, Konstruktionen und Satzbildungen wird im Verzeichnis weit gefasst verstanden; aufgenommen werden somit nicht nur die sogenannten syntaktischen Varianten – ‚syntaktische Konstruktionen mit völlig gleicher Bedeutung‘ (Župerka 1983: 28). Variantenfamilien umfassen auch syntaktische Synonyme (vgl. Valiulytė 1998: 9–12) sowie andere syntaktische Einheiten, die sich in verschiedenen Bedeutungsnuancen und nicht immer in ihrer lexikalischen Zusammensetzung unterscheiden.“
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Page 5unter einem ausgewählten Aspekt. Die Autorin der Monografie hat das Recht, selbst zu entscheiden, wie sie Bildungen klassifiziert. Entscheidend ist, dass R. Miliūnaitė ihre Wahl ausführlich begründet und konsequent daran festhält; dem Leser bleibt nur, die vorgeschlagenen Spielregeln anzunehmen5.
Dennoch blieb auch bei der Lektüre zu einigen konkreten Varianten, die sich in bestimmten Strukturmerkmalen unterscheiden, unklar, wie manche Wörter voneinander abzugrenzen sind. In Tabelle 26 steht beim Wort debiurokratizuoti die Anmerkung 183 („Dieses und einige andere Neologismen, die in die Rubrik der neuen Derivate aufgenommen wurden (mit Ausnahme vor allem jener, die einen litauischen Stamm haben), können auch entlehnt sein; ihr Verwendungskontext (vgl. ND) deutet jedoch auf eine größere Wahrscheinlichkeit für eine Neubildung oder Lehnprägung hin“), die kaum für mehr Klarheit sorgt – man muss der Einschätzung der Autorin einfach vertrauen, dass etwa hiperintensyvus, -i eine neue Entlehnung ist, während hiperjautrus, -i eine Neubildung oder Lehnprägung ist (im Buch heißt es darinys / vertinys), dass antiinfl iacinis eine Entlehnung ist, antipabėgėliškas, -a, antiria ušinis, -ė hingegen Neubildungen oder Lehnprägungen sind, dass koaferistas, -ė eine Entlehnung ist, kokūryba, kopriklausomas, -a hingegen Neubildungen oder Lehnprägungen sind usw. In der Monografie gelten offenbar nur Wörter mit einer litauischen Basis als Derivate. Doch ist es oft schwierig festzustellen, ob ein Wort mitsamt Affixen entlehnt oder erst in unserer Sprache gebildet wurde. Schließlich lässt sich nicht ausschließen, dass etwa antiinfl iacinis, -ė ein Produkt gemischter Wortbildung ist (aus infliacija mit anti- und -inis, -ė gebildet)6. Außerdem stellte sich die Frage: Wenn das Wichtigste die Struktur der Wörter und bestimmte Wortmorpheme sind, hätte man dann überhaupt versuchen müssen, neue Entlehnungen von Derivaten und Lehnprägungen abzugrenzen? (Wie zu sehen ist, wird man selbst im letzteren Fall vorsichtshalber, da die Unterscheidung zwischen Derivat und Lehnprägung oft subjektiv ist.)
Tabelle 26 der Monografie trägt den Titel Inventar internationaler Präfixe <...>, ihre erste Spalte heißt Internationale Präfixe, obwohl in Anmerkung 181 erklärt wird, dass hier sowohl Präfixe als auch Erstglieder von Zusammensetzungen aufgeführt werden. Einige fremdsprachliche Konstituenten werden unterschiedlich behandelt (an einer Stelle als Präfixe, an anderer als Erstglieder von Zusammensetzungen), beispielsweise sind die in Tabelle 26 aufgeführten eks-, hiper-, infra-, intra-, mega- und andere im Wörterbuch internationaler Wörter (TŽŽ) als Erstglieder von Zusammensetzungen verzeichnet (TŽŽ 2013: 207, 330, 353, 362, 518). Die Autorin der Monografie erläutert, was sie als Präfixe betrachtet: „In der Monografie wird die Auffassung vertreten, dass zu den internationalen Präfixen jene zu zählen sind, die sich nicht auf ein eigenständig in der Sprache verwendetes Wort stützen (also mit keiner Wurzel verbunden sind), sondern lediglich eine bestimmte Modifikation der Bedeutung des Basisworts in Richtung Zunahme–Abnahme,
5 Vielleicht hätte man bei der Wahl der Bezeichnung Wortstruktur auch das Verhältnis zur Morphologie erläutern sollen – was der Morphologie vorbehalten bleibt und was im Abschnitt zur Wortstruktur davon ausgegliedert wird und warum.
6 Ähnliche Fragen kamen auch bei der Betrachtung einiger Beispiele aus den Tabellen 29 und 30 auf.
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Page 6in den Richtungen der Entfernung–Hinzufügung, der Statusaufwertung–Statusminderung usw.“ (S. 233). Dennoch wäre es üblicher und genauer, alle in der Tabelle aufgeführten Morpheme als Präfixe und Erstglieder von Zusammensetzungen zu bezeichnen (d. h. zu schreiben: Inventar internationaler Präfixe und Erstglieder von Zusammensetzungen <...>), zumal an derselben Stelle der Monografie (S. 233) darauf hingewiesen wird, dass manche Wörter, die die Autorin als Präfixe auffasst, auch als selbstständige Wörter verwendet werden: „Allerdings gibt es Ausnahmen: So werden sowohl das bereits erwähnte vice- als auch die Konstituenten eks-, super-, ultra- lexikalisiert und gelegentlich in informellen Registern als selbstständige Wörter verwendet.“ Eine andere Frage ist, ob es zutreffend ist, echte Präfixe und Erstglieder von Zusammensetzungen zusammenzufassen; dies ist jedoch die Entscheidung der Autorin. Vgl. den weiter gefassten Begriff Baigmuo im Unterabschnitt 2.2.2 (Wörter mit variierenden Endungen). Wäre es dann nicht besser gewesen, auch den Unterabschnitt 2.2.1 nicht Wörter mit variierenden Präfixen, sondern Wörter mit variierenden Anfangselementen zu nennen und dort sowohl Präfixe als auch Erstglieder von Zusammensetzungen aufzunehmen? Außerdem ist schwer zu erkennen, worin sich einige der in Tabelle 26 aufgeführten Konstituenten von dem Erstglied der Zusammensetzung kripto- in Tabelle 28 unterscheiden („erster Bestandteil von zusammengesetzten Wörtern, der die Geheimhaltung des durch den zweiten Wortteil bezeichneten Begriffs ausdrückt, z. B. kriptografija“ TŽŽ 2013: 455). Tabelle 26 enthält nicht die Varianten aller Präfixe. Beispielsweise werden im TŽŽ (2013: 61, 64) archi- und arki- als Varianten angegeben (archi- ist in der Tabelle nicht aufgeführt) – offenbar kamen Wörter mit diesen Varianten in den untersuchten Quellen schlicht nicht vor. In Anmerkung 181 heißt es, dass einige der in der Tabelle aufgeführten Morpheme (cis-, supra-, mal-, mis-) weder im TŽŽ noch in der Grammatik der heutigen litauischen Sprache (DLKG 2005) vorkommen. Offenbar gelten sie gerade aufgrund der erwähnten besonderen Auffassung von Präfixen als solche.
Beim Lesen über das Verhältnis der variierenden Glieder kamen mancherorts Zweifel auf. So findet sich in Tabelle 13 („nicht zu verwechselnde normative Erscheinungen mit Bedeutungs- oder Funktionsnuancen“) das Beispiel kupiškietis ↔ kupiškėnas. Im Wörterbuch der heutigen litauischen Sprache DLKŽ₈ haben kupiškietis, -ė und kupiškėnas, -ė jedoch dieselbe Bedeutung – „Einwohner der Stadt oder des Bezirks Kupiškis“ (sie sind also Wortbildungssynonyme). Im Wörterbuch der litauischen Standardsprache (BLKŽ) wird das Wort kupiškietis, -ė als „eine in Kupiškis oder dessen Umgebung lebende oder von dort stammende Person“ erklärt, kupiškėnas, -ė hingegen als „1. eine in der Umgebung von Kupiškis lebende oder von dort stammende Person“ und als „2. eine Person, die den ostaukštaitischen Dialekt von Kupiškėnai spricht“. Demnach weisen kupiškietis, -ė und das in der ersten Bedeutung verwendete kupiškėnas, -ė sowohl nach DLKŽ als auch nach BLKŽ keine semantischen Unterschiede auf7; ihr Wechsel in dieser Bedeutung
7 Es sei denn, die Autorin hat funktionale Unterschiede erkannt.
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Page 7möglich. Das heißt, die stammverwandten Derivate kupiškietis, -ė und kupiškenas, -ė eignen sich zur Veranschaulichung der Aussage in Tabelle 13 nur dann, wenn man das Wort mit all seinen Bedeutungen zugrunde legt (wie es offenbar auch geschehen ist).
Dieser Satz gab Anlass zum Nachdenken: „Eine präzisierte Definition lexikalischer Varianten könnte also lauten: Es handelt sich um Wörter mit unterschiedlichen Wortstämmen, die dieselbe lexikalische Bedeutung haben“ (S. 133). Ohne die in Fußnote 100 formulierte Aussage des Kalbotyros terminų žodyno (Gaivenis, Keinys 1990) über den Wortstamm infrage zu stellen, und in Übereinstimmung damit, dass der Wortstamm zweifellos wichtig ist, muss gesagt werden, dass wohl nicht einfach der Wortstamm, sondern das Endprodukt das Wichtigste ist. Wenn man anerkennt, dass Derivate eigenständige lexikalische Einheiten sind, erscheint ihre Abgrenzung vom Wortschatz künstlich (folglich sind stammverwandte Derivate gleicher Bedeutung ebenfalls lexikalische Varianten (im weiteren Sinne), zum Beispiel die bereits erwähnten kupiškenas, -ė und kupiškietis, -ė). Zweifellos haben lexikalische Einheiten unterschiedlichen Ursprungs; darauf wird auch auf S. 134 hingewiesen: „Die Natur der lexikalischen Einheiten, die Variationen bilden, ist unterschiedlich.“ Dennoch hätte die Entscheidung, nur Wörter mit unterschiedlichen Wortstämmen als lexikalische Varianten zu betrachten, ausführlicher erläutert werden sollen (mit einem Verweis darauf, wo über konkurrierende stammverwandte Wörter gesprochen wird).
Zur Wortbildungskategorie. Auf S. 269 heißt es: „Das Suffix -akas (-iakas) [ŽS -akas/skol., žarg., ŽS -iakas/skol., žarg.] ist in litauischen Ableitungen recht häufig – in Bezeichnungen für Träger einer nominalen oder verbalen Eigenschaft <...>.“ Das einzige der hier angeführten Beispiele, laižiakas („das Herumknutschen“ (leidenschaftliches Küssen)), ist von einem Verb abgeleitet. Es bezeichnet jedoch keinen Träger einer verbalen Eigenschaft, sondern ein Verbalabstraktum (eine Handlungsbezeichnung), wenn auch mit konkreterer Bedeutung.
Manchmal ist schwer zu erkennen, worum es geht – um Entlehnung oder Wortbildung, um ein Ableitungssuffix oder um ein Suffixelement. So ist beispielsweise auf S. 264 vom Suffixelement -abilus, -i die Rede, unmittelbar danach aber von einem Suffix: „Die allgemeine Wortbildungsbedeutung dieses Suffixes lautet: ‚fähig, das zu tun (oder haben zu können), was im Basiswort ausgesagt wird‘. Die Anpassung solcher Entlehnungen im Litauischen und ihre Konkurrenz mit varianten Ausdrucksmitteln verlaufen unterschiedlich.“ Übrigens spricht man gewöhnlich von der Wortbildungsbedeutung von Derivaten (nicht von Entlehnungen).
Auf S. 376 heißt es: „Die Varianten der grammatischen Wortform werden klassifikatorisch von Wortbildungsvarianten abzugrenzen versucht, die im Sprachgebrauch dadurch entstehen, dass Wörter gleicher Bedeutung mit verschiedenen Wortbildungsmitteln gebildet werden, vgl.: pakampis: pakampė, potemė: potemės, aiškiaregis: aiškiaregys.“ Ja, alle hier angeführten Beispiele sind Wortbildungsvarianten; da sie in sprachwissenschaftlichen Werken jedoch häufig mit Wortbildungssynonymen verwechselt werden, wäre es sinnvoll gewesen zu erwähnen, dass die stammverwandten Derivate aller Paare demselben Wortbildungstyp angehören
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Page 8(mit den Präfixen pa-, po- und Zusammensetzungen aus einem Adjektiv und einem Verb), sich aber durch sekundäre Wortbildungsmittel – die Endungen – unterscheiden.
Noch einige Kleinigkeiten. Der gebräuchlichste Terminus ist priešdėlis, gelegentlich wird aber auch prefiksas verwendet, zum Beispiel auf S. 321: „Vgl. adaptierte Entlehnungen: 1) mit internationalem Präfix: egocentriškas, -a ← ego- + -centriškas, -a (engl. egocentric <...>)“ – es ist unklar, ob sie sich in irgendeiner Hinsicht unterscheiden oder synonym verwendet werden. In Fußnote 183 ist von vediniai die Rede, während in der Tabelle der weiter gefasste Terminus darinio verwendet wird. Es gibt viel Literatur, doch in einigen Fällen, etwa bei der Behandlung von Phraseologismen, hätte auch auf eine Publikation von Rūta Marcinkevičienė (2001) zurückgegriffen werden können, in der traditionelle Phraseologie und erstarrte Wortverbindungen behandelt werden.
Die in der Rezension geäußerten Gedanken und Anmerkungen schmälern keineswegs die enorme Arbeit der Autorin. R. Miliūnaitės Monografie Įvairuojantys ir nauji lietuvių kalbos reiškiniai XXI a. pradžioje: sistematika ir pokyčių kryptys wird zu den grundlegenden Werken über die gegenwärtige litauische Sprache zählen. Zweifellos werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die verschiedene Sprachebenen, Variation, Normen, Sprachvarietäten und weitere Fragen untersuchen, ebenso wie Praktikerinnen und Praktiker, die sich für konkrete Varianten des Litauischen, deren Entstehungsursachen, Konkurrenz und Bewertung interessieren, die theoretischen Erkenntnisse, das umfangreiche empirische Material und das Verzeichnis der Monografie nutzen. Somit ist dieses Buch für Lexikologen und Morphologen, Fachleute für Wortbildung und Syntax, Sprachpfleger, Redakteure, Übersetzer und andere Leser nützlich; es lässt sich auch einfallsreich als Lehrbuch einsetzen. Für Nichtlinguisten mag die Monografie schwerer verständlich sein, doch ist zu hoffen, dass die darin dargelegten Erkenntnisse auch die breite Öffentlichkeit erreichen, denn ihre Mitglieder sind es, die Varianten hervorbringen. Es bleibt, der Aussage der Autorin zuzustimmen, dass dieses Werk (insbesondere das Verzeichnis) „eine notwendige Voraussetzung und ein Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen zur Variation der Standardsprache ist. Mit anderen Worten: Das Verzeichnis ist erforderlich, um Veränderungen und Tendenzen des Sprachgebrauchs zu erforschen“ (S. 11). Am Ende des Buches (im Schlusswort) werden auch Leitlinien für weitere Untersuchungen vorgestellt. Abschließend lässt sich sagen, dass diese Monografie von R. Miliūnaitė zweifellos die Möglichkeiten für weitere Forschung eröffnet.
LITERATUR UND QUELLEN
BLKŽ – Wörterbuch der litauischen Standardsprache (in Vorbereitung), verantwortliche Redakteurin D. Liutkevičienė, Vilnius: Institut für Litauische Sprache. Online verfügbar: https://ekalba.lt/bendrinės-lietuvių-kalbos-žodynas.
DLKG 2005: Dabartinės lietuvių kalbos gramatika, red. V. Ambrazas. 4-as patais. leidimas, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas.
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Page 9DLKŽ8e 2021: Wörterbuch der litauischen Gegenwartssprache, verantwortlicher Redakteur S. Keinys, 8., überarbeitete und ergänzte Ausgabe (elektronische Version), Vilnius: Institut für Litauische Sprache. Online verfügbar: https://ekalba.lt/dabartines-lietuviu-kalbos-zodynas.
LKE 2008: Lietuvių kalbos enciklopedija, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas.
G a i v e n i s K a z i m i e r a s, K e i n y s S t a s y s 1990: Wörterbuch der sprachwissenschaftlichen Termini, Kaunas: Šviesa.
M a r c i n k e v i č i e n ė R ū t a 2001: Traditionelle Phraseologie und andere stabile Wortverbindungen. – Lituanistica 4(48), 81–98.
M i l i ū n a i t ė R i t a 2009: Dabartinės lietuvių kalbos vartosenos variantai, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas.
P a u l a u s k i e n ė A l d o n a 1994: Lietuvių kalbos morfologija. Paskaitos lituanistams, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla.
R i m k u t ė E r i k a 2023: Rita Miliūnaitė. Įvairuojantys ir nauji lietuvių kalbos reiškiniai XXI a. pradžioje: sistematika ir pokyčių kryptys. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2022. – Acta Linguistica Lithuanica 88, 309–325.
TŽŽ 2013: Tarptautinių žodžių žodynas, Vilnius: Alma littera.
V a s k e l i e n ė J o l a n t a 2013: Darybinių sinonimų, darybinių variantų ir paronimų panašumai bei skirtumai. – Žmogus ir žodis: Didaktinė lingvistika 15(1), 206–214.
Eingegangen am 10.08.2023
J O L A N T A V A S K E L I E N Ė
Akademie Šiauliai der Universität Vilnius
Vytauto g. 84, LT-76352 Šiauliai
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