Page 1LIETUVIŲ KALBOS SANDAROS TYRINĖJIMAI
LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXVI (1987)
REGINA DILIENĖ
STRUKTURELLE MODELLE DES EINFACHEN SATZES IN DEN VON J. BALČIKONIS ÜBERSETZTEN „MÄRCHEN“ VON H. K. ANDERSEN
In den Märchenübersetzungen von J. Balčikonis findet nicht nur der Lexik-, sondern auch der Syntaxforscher viel Interessantes, gleichsam in einer Schatzkammer schöner, lebendiger Volkssprache. In diesem Artikel versuchen wir, die Syntax der von J. Balčikonis übersetzten „Märchen“ von H. K. Andersen1 unter einem Gesichtspunkt zu betrachten: Welche erweiterten Strukturmodelle des einfachen Satzes sind besonders charakteristisch?
Als strukturelles Modell des einfachen Satzes betrachten wir ein abstraktes syntaktisches Muster, nach dem ein einzelner minimaler, relativ abgeschlossener Satz gebildet werden kann2. Es stellt sich jedoch die Frage, wie dieses notwendige Minimum zu bestimmen ist. Nach der Akademiegrammatik der russischen Sprache umfasst die formale Minimalstruktur des Satzes ein oder zwei Satzglieder (sie bilden gewöhnlich das prädikative Zentrum des Satzes)3; in die semantische Minimalstruktur werden jedoch auch das Objekt bei starker Rektion sowie das Subjekt des Zustands bzw. das Objekt der Handlung bei starker Rektion aufgenommen4. Noch ist nicht geklärt, ob ein solches Kriterium ausreicht, um minimale Satzstrukturschemata aufzustellen. Die Untersuchung konkreter Sprachdaten könnte vielleicht etwas deutlicher zeigen, welche Strukturmodelle in der Sprache tatsächlich wirksam sind, und damit auch zur Bestimmung der Prinzipien ihrer Abgrenzung beitragen.
Konkrete Sprachbeispiele für diese Arbeit wurden den von J. Balčikonis übersetzten „Märchen“ von H. K. Andersen entnommen.
Schon bei den ersten Untersuchungen der Übersetzung wird deutlich, dass eine starke „Verkürzung“ der strukturellen Satzformel es nicht immer ermöglicht, selbst bedeutende Unterschiede zwischen sprachlichen Erscheinungen zu erkennen. Deshalb wäre es zweckmäßig, mindestens zwei Ebenen struktureller Formeln zu unterscheiden: Minimalstrukturen (mit dem höchsten Abstraktionsgrad) und erweiterte Strukturen. Der Umfang des erweiterten Satzmodells ist größer als der der Minimalstrukturmodelle, da es nicht nur obligatorische, sondern auch fakultative Aktanten umfasst5; in manchen Modellen sind dies beispielsweise Adverbialkasus und Kasus mit Präpositionen, Infinitive von Verben mit Zielbedeutung usw. Erweiterte Strukturmodelle veranschaulichen die Prädikatsstruktur besser, was für die Satzsemantik häufig von großer Bedeutung ist. Wichtig ist auch, dass bei der Verallgemeinerung der wesentlichen Unterschiede zwischen erweiterten Strukturen minimale Satzstrukturtypen unterschieden werden. So werden beispielsweise Prädikatsgruppen mit Bewegungs- und Lokalisierungsbedeutung voneinander abgegrenzt, denn Sätze, zu deren Struktur
1 Andersenas H. K. Pasakos. — V., 1966.
2 Русская грамматика. — М., 1980, с. 92.
3 Ten pat, p. 97.
4 Ten pat, p. 25.
5 Степанова М. Д., Гельбиг Г. Части речи и проблема валентности в современном немецком языке. — М., 1978, с. 172—177.
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Page 2Bei den Prädikaten gerichteter Bewegung enthält die erweiterte Struktur einen angegebenen Orientierungspunkt (im weiteren Sinne) /siehe Beispiel a)/, während die Sätze mit Prädikaten lokalisierender Bedeutung den angegebenen Ort des Geschehens enthalten /siehe Beispiel b)/. Zum Beispiel: a) So flogen sie ins Land der Türken 95; b) Einmal standen neben einem großen Spiegel auf einem Tischchen ein Schäfermädchen und ein Schornsteinfeger 23.
Erweiterte strukturelle Satzmodelle tragen teilweise auch zur Charakterisierung des Stils eines Schriftstellers bei. In den von J. Balčikonis übersetzten Märchen begegnet häufig eine der litauischen Sprache seit alters her eigene Konstruktion aus einer finiten Verbform und einem Partizip oder Gerundium. Zum Beispiel: Kurz vor Sonnenuntergang sah Elzytė elf wilde Schwäne mit goldenen Kronen auf dem Kopf fliegen 152.
Im Hinblick auf die Satzstruktur bereitet diese Konstruktion erhebliche Schwierigkeiten — es ist unklar, ob alle Glieder der Konstruktion gleichermaßen für das Satzminimum notwendig sind, denn in der litauischen Sprachwissenschaft ist man allgemein noch zu keiner einheitlichen Auffassung darüber gelangt, wie eine solche Konstruktion einzuordnen ist6.
In den von J. Balčikonis übersetzten „Märchen“ von H. K. Andersen bestehen die genannten Konstruktionen überwiegend aus Prädikaten der Wahrnehmung und Empfindung (hören, sehen, spüren); mitunter aus Handlungs- oder Zustandsprädikaten (lauschen, sich fürchten). Zum Beispiel: Dann waren auch Hunde bellen zu hören 157; Jetzt fürchtete Kajus sich nicht mehr davor, dass die Schneekönigin nach Hause zurückkehren würde 264.
In der Übersetzung von H. K. Andersens „Märchen“ kommen synonymische Ersatzformen der genannten Konstruktion vor. Dies sind:
1. Verb + Kasus eines Nomens (kein Partizip / Halbpartizip). Zum Beispiel: Die Prinzessin ging mit allen Hofdamen spazieren und hörte eine Melodie von Glöckchen 15.
2. Verb + Nebensatz. Diese synonymische Ersatzform ist wesentlich häufiger als die erste, d. h. Verb + Kasus eines Nomens. Zum Beispiel: Hast du nicht gehört, dass man es im ganzen Land ausruft? 19. Doch noch schrecklicher war es zu sehen, wie sie kämpften und sich schubsten, bissen, kratzten und einander auffraßen28.
Ein weiterer synonymischer Fall ist möglich — das Gerundium neben einem transitiven Verb wird durch ein Partizip ersetzt. In diesem Fall fungiert das Partizip als kongruierendes Attribut und ist vom Prädikatswort unabhängig. Zum Beispiel: Elzytė sah die fliegenden Schwäne. Vgl.: Elzytė sah Schwäne fliegen.
In J. Balčikonis’ Übersetzung der „Märchen“ ließ sich jedoch kein solches Beispiel finden. Somit gibt der Sprachwissenschaftler in diesem Fall der Konstruktion aus Verb und Gerundium den Vorzug. Das Verhältnis aller genannten synonymischen Fälle in der Übersetzung der „Märchen“ genau zu bestimmen, ist ziemlich schwierig, denn:
1. Dasselbe Verb kann, auch wenn es im Wesentlichen nicht polysem ist, in einem bestimmten Kontext Dinge mit unterschiedlichen stilistischen Nuancen bezeichnen, die ihrerseits eine unterschiedliche formale Satzstruktur bedingen. Zum Beispiel: a) Er hörte eine Trommel schlagen <...> 166. b) Ich hörte, dass die Vase einst mit einem Körper verlobt gewesen war 24.
Im zweiten Satz bezeichnet das Verb hörte weniger eine akustische Wahrnehmung als vielmehr einen bestimmten Modalitätsgrad, d. h., es könnte synonym zum Verb wusste sein, mit einem Beiklang von Zweifel, Unsicherheit und fehlender Gewissheit.
6 Plg.: Balkevičius J. Dabartinės lietuvių kalbos sintaksė. — V., 1963, p. 193; Lietuvių kalbos gramatika. — V., 1976, t. 3, p. 476.
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Page 32. Es ist schwer zu entscheiden, ob das Handlungsobjekt als handelnd oder statisch wahrgenommen wird. Davon hängt ab, ob sich die finite Verbform der Bedeutung nach durch eine Partizip- bzw. Gerundivkonstruktion ersetzen lässt oder nicht. Z. B. könnten wir im Satz Nie habe ich etwas von ähnlicher Schönheit gehört! 17 die Verbindung von ähnlicher Schönheit gehört kaum durch irgendeine synonymische Konstruktion aus finiter Verbform und Partizip/Gerundiv ersetzen.
Etwas anderes ist der Satz Sie spürte die Erbse durch zwanzig Matratzen und zwanzig Federbetten hindurch, die übereinander gestapelt waren 48.
Hier kann man der Bedeutung nach nicht spürte die Erbse, sondern spürte, wie die Erbse drückte sagen.
3. Nicht immer kann die Verbindung aus Verb und Partizip/Gerundiv synonymisch ausgedrückt werden. Z. B. verlangt das Verb sakytis gewöhnlich sowohl semantisch als auch syntaktisch ein Partizip. Z. B.: Er erklärte, er sei ein türkischer Gott und aus dem Himmel zu ihm gekommen 36; Doch sie sagte, sie sei eine echte Königstochter 48.
Dass J. Balčikonis sich nicht mit nur einer Ausdrucksweise begnügt, zeugt von seinem feinen Verständnis für die Unterschiede zwischen diesen Ausdrucksweisen und seiner Fähigkeit, sie wirkungsvoll einzusetzen. Diese Unterschiede könnten sich in erweiterten Strukturformeln widerspiegeln – das heißt, in sie müssten alle Konstruktionen aufgenommen werden
Außerdem verwendet J. Balčikonis auch eine andere Konstruktion: ein finites Verb als Prädikat zusammen mit einem Infinitiv. Z. B.: Die künstliche Nachtigall ließ eine allein singen 77; Ähnliche Dinge kann man nicht verschweigen 30.
Nach G. Zolotova treten solche Konstruktionen (finite Verbform + Infinitiv) dann auf, wenn in der syntagmatischen Verbindung zwei Merkmale der Handlung ausgedrückt werden – entweder der Phasencharakter des Prozesses (Beginn, Ende, Fortdauer) oder das syntaktische Modalverhältnis zwischen Subjekt und Handlung (Können, Wollen, Müssen usw.)7.
In diesem Fall wird die Handlung selbst durch den Infinitiv ausgedrückt, während die finite Form des Hilfsverbs gleichsam an deren Stelle tritt. Z. B.: Das Tannenbäumchen begann wieder, von sich und seinem Leben im Wald zu erzählen 92; Bald hörten auch die Sümpfe auf, sie zu besuchen 93.
Die Handlung wird also durch den Infinitiv ausgedrückt, während die finite Verbform dessen Inhalt semantisch erweitert. Auf diese Weise bilden beide Verbformen ein einziges Prädikat. Konstruktionen mit einem Modal- oder Phasenverb sind semantisch konkreter und präziser und kommen in J. Balčikonis’ Übersetzungen häufig vor. In „Des Kaisers neue Kleider“ machen sie etwa 25% aller Verbformen aus, in „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ 13%, in „Das hässliche Entlein“ 20% aller Verbformen.
Phasen- und Modalverben verändern den Inhalt des Infinitivs jedoch nicht in gleicher Weise. Phasenverben bezeichnen lediglich die Phase der Handlung – ihren Beginn, ihr Ende oder ihre Fortdauer. Z. B.: Jetzt trägt er meinen alten goldenen Pantoffel zu Ende! 54; Später begann er noch heftiger zu schießen 224.
Modalverben sind semantisch nahezu wichtiger als der Infinitiv, denn gerade sie bestimmen die Semantik der erweiterten Satzstruktur. Vgl.: 1) Wir, die Alten, können jetzt in ihrem Schatten sitzen 112; 2) Wir, die Alten, sitzen jetzt in ihrem Schatten.
7 Золотова Г. А. О синтаксической природе современного русского языка. – Филологические науки, 1979, вып. 5(113), с. 45.
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Page 4Im ersten Satz haben wir lediglich die Möglichkeit einer Handlung, eine bestimmte Bedingung für ihr Stattfinden, im zweiten dagegen die konkrete Handlung selbst. In J. Balčikonis’ Übersetzung von H. K. Andersens „Märchen“ finden wir sehr unterschiedliche Modalverben. Sie können Folgendes ausdrücken:
1) Können, Fertigkeiten: Denn die Großmutter verstand sich aufs Zaubern 248.
2. Möglichkeit: Däumelinchen konnte nicht einschlafen 127.
3. Beschluss, Erlaubnis: Zum Umdenken gewährte man ihm ein Jahr und einen Tag 180; Zum Leben erhielt er ein winziges Zimmerchen neben dem Schweinestall 15; Die echte Nachtigall beschloss man ganz aus diesem Land zu verbannen 78.
4. Notwendigkeit: Wir müssen von hier fortziehen 125; Denn schon am ersten Morgen nach ihrer Hochzeit sollte sie sterben und zu Meeresschaum werden! 281.
Im Hinblick auf die strukturellen Satzmodelle stellt sich auch hier ein Problem: Soll das Hilfsverb in das minimale Strukturmodell aufgenommen werden oder nicht? Betrachten wir mögliche synonymische Varianten:
1) Als sie einen Maikäfer sahen, beschlossen sie, mit ihm zu spielen 38 und Nachdem sie einen Maikäfer gesehen hatten, spielten sie mit ihm. 2) Und auf diesem Papier begann er tatsächlich zu schreiben 118. — Und auf diesem Papier schrieb er tatsächlich. 3) Zum Leben erhielt er ein winziges Zimmerchen neben dem Schweinestall 15. — Er lebte in einem winzigen Zimmerchen neben dem Schweinestall.
Solche synonymischen Ersetzungen sind möglich, verändern jedoch die Semantik des Satzes erheblich, manchmal sogar grundlegend. Daher sind wir der Auffassung, dass diese Konstruktionen in das minimale und (unbedingt) auch in das erweiterte Satzmodell aufgenommen werden sollten. Umso mehr, als diese Hilfsverben häufig den Akkusativ eines Verbalnomens regieren können. Vgl.: Und Elzytė begann von ganzem Herzen zu beten 154 Und Elzytė begann von ganzem Herzen ein Gebet.
Eine eigene Gruppe bilden die Prädikate des Willensäußerung; sie stehen stets in einer finiten Verbform mit Infinitiv. Z. B.: Befiehl dem Schnee, die jungen Triebe sanft zu bedecken 205; Sie lässt niemanden ihr direkt ins Gesicht sehen 195.
Da in diesem Fall die beiden Handlung ausdrückenden Verbformen zu verschiedenen Handelnden, d. h. zu verschiedenen Handlungssubjekten, gehören, gehen sowohl die finite Verbform als auch der Infinitiv in das minimale wie auch in das erweiterte Strukturmodell ein. Deshalb bilden die Prädikate der Willensäußerung einen eigenen Prädikatstyp.
In dieser Arbeit wurden nur einige Fragmente der erweiterten Struktur einfacher Sätze behandelt. Genauere Untersuchungen könnten vielleicht dazu beitragen, einige bis heute umstrittene Fragen der Satzstruktur zu klären.
EINIGE HÄUFIGE STRUKTURMODELLE DES EINFACHEN SATZES IN DER ÜBERSETZUNG VON J. BALČIKONIS’ BUCH „MÄRCHEN“ VON H. C. ANDERSEN
Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit behandelt die Notwendigkeit, Satzstrukturmodelle mindestens zweier Ebenen zu unterscheiden – der Minimalstruktur und der erweiterten Struktur –, da eine starke „Verkürzung“ der Strukturformel häufig nicht einmal bedeutende semantische Unterschiede erkennen lässt. Diese Aussage stützt sich auf die Übersetzung von H. C. Andersens „Märchen“ durch J. Balčikonis. In der Arbeit werden zwei in der Übersetzung häufig vorkommende Konstruktionen erörtert – V₁ [Part / N] / Gerundium und die Konstruktion mit dem Hilfsverb V₁ und Vinf –, wobei ihre Stellung im Satzstrukturmodell thematisiert wird.
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