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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXX (1993) PERIFERINĖS LIETUVIŲ KALBOS TARMĖS
Iryda GREK-PABISOWA, Irena MARYNIAKOVA
ÜBER DEN CHARAKTER DER BEZIEHUNGEN DER LITAUISCHEN SPRACHE ZU RUSSISCHEN UND POLNISCHEN MUNDARTEN
Gegenstand der Erörterung sind Fragen des litauischen Einflusses auf slawische Mundarten, untersucht anhand mehrerer Mundartgruppen.
Wir beziehen in unsere Betrachtung erstens ein: a) russische Mundarten aus Gebieten in der Nähe des litauischen ethnischen Siedlungsgebiets, konkret die Pskower Mundarten, und b) die Mundart der russischen Altgläubigen in Polen, Umsiedler aus dem Gebiet Pskows, die sich hier im Einflussbereich der lokalen litauischen Puńsk- und Sejny-Mundarten niedergelassen haben; zweitens: nordostpolnische Mundarten a) aus der Umgebung von Sejny und Suwałki sowie b) auf dem Gebiet Litauens und im litauisch-belarussischen Grenzgebiet.
Das Gebiet der Pskower Mundarten umfasst die Territorien des heutigen Gebiets Pskow sowie die daran angrenzenden Kreise Cholm des Gebiets Nowgorod und Toropez des Gebiets Kalinin im Osten und den Kreis Slanzy des Gebiets Leningrad im Norden. Im Westen grenzt Pskowland von Norden nach Süden an Estland und Lettland, von Südwesten bis zum Gebiet Smolensk an Belarus. Dies ist der westlichste Teil des russischen ethnischen Siedlungsgebiets. An das ethnische Litauen grenzt dieses Gebiet nicht. Historisch jedoch schloss es sich an Gebiete an, die zur Zeit des Großfürstentums Litauen und auch später unter litauischem Einfluss standen.
Die Altgläubigen, die nach Polen übersiedelten, stammten aus dem südwestlichen Teil des Kreises Welikije Luki. Diese Gebiete gehörten zwar niemals zum Großfürstentum Litauen, lagen aber in dessen unmittelbarer Nachbarschaft, im Einflussbereich der aus Polen und Litauen kommenden westlichen Kultur. Belege dafür finden sich in der Sprache. Sowohl in den Sprachdenkmälern als auch in den heutigen Mundarten gibt es westslawische und litauische Elemente. Das entsprechende Material ist im Wörterbuch der Pskower Mundarten erfasst1. Dort sind Polonismen nicht nur aus Pskower Sprachdenkmälern angegeben, sondern auch solche, die sich bis heute in lebendigen Mundarten erhalten haben. In den ersten fünf bislang erschienenen Bänden dieses Wörterbuchs zu den Buchstaben A, B, W fand I. Grek-Pabisowa 40 Polonismen oder Wörter, die über das Polnische übernommen wurden2.
1 Псковский областной словарь с историческими данными. Вып. 1-5. Л., 1967-1983.
2 Grek-Pabisowa I. Polonismen in den Pskower Mundarten // Sprache und ihre Varietäten im Aspekt
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Auch die Zahl der Litauismen ist trotz der dichten Sprachbarriere beträchtlich. J. Laucziutie hat sie in der Arbeit "Leksičeskije bałtizmy w pskowskich goworach"3 zusammengestellt und mit Ergänzungen im Wörterbuch der Baltismen in den slawischen Sprachen4 wiederholt. Insgesamt schätzt sie die Zahl der lexikalischen Baltismen in den Pskower Mundarten auf 60 Einheiten. Man kann davon ausgehen, dass die meisten davon Litauismen sind.
Die litauischen Einflüsse auf die Pskower Mundarten sind vor allem auf der Ebene des Wortschatzes untersucht worden. Die Pskower Mundarten weisen zwar bestimmte sprachliche Phänomene auf — lautliche und syntaktische —, die man als Ergebnis litauischer Einflüsse bezeichnen könnte, doch gehen die Autoren, die sie beschreiben, meist nicht auf den Ursprung dieser Phänomene ein oder suchen ihre Erklärung in der inneren Entwicklung der Mundart.
Ende des 18. Jahrhunderts zog eine Gruppe russischer Altgläubiger aus dem Gebiet von Welikije Luki im Pskower Land nach Westen und ließ sich in der Adelsrepublik Polen-Litauen in den Kreisen Suwałki und Sejny nieder. Sie brachte ihre Mundart mit allen sprachlichen Merkmalen, darunter auch Litauismen, mit. Am neuen Ort fanden sich die Altgläubigen in einer polnischsprachigen Umgebung wieder; doch war auch die polnische Sprache der örtlichen Bevölkerung nicht frei von litauischen Einflüssen, insbesondere im Sejny-Gebiet5. Die Altgläubigen bildeten eine abgeschlossene soziale Gruppe, die nur ungern mit ihrer Umgebung in Kontakt trat. Dennoch gab es hier Dörfer mit gemischter Bevölkerung, in denen Altgläubige neben Litauern lebten. Nach fast einem halben Jahrhundert im Gebiet Suwałki–Sejny setzte ein Teil der Altgläubigen seine Wanderung fort und ließ sich in den Jahren 1830–1832 in Masuren in der damaligen Woiwodschaft Allenstein nieder. Etwas später entstand in der Region Augustów eine dritte Gruppe von Altgläubigensiedlungen, die hauptsächlich aus Bewohnern verschiedener älterer Siedlungen bestand. Auf diese Weise bildeten sich drei russische Siedlungsgebiete, die sich gegenwärtig durch einige sprachliche Merkmale leicht voneinander unterscheiden. Die Aufspaltung der Altgläubigen ermöglicht Beobachtungen zum Erhalt der Litauismen in ihrer Mundart. Die Bedingungen, unter denen sich die Altgläubigen in Masuren wiederfanden, insbesondere die strenge sprachliche Isolation, bewirkten, dass ihre Mundart im Vergleich zu den übrigen am archaischsten ist. Hier haben sich auch die meisten alten Litauismen erhalten, die noch aus dem Pskower Gebiet mitgebracht worden waren, darunter solche, die in den anderen Altgläubigenzentren in Polen außer Gebrauch kamen, wie etwa al’úga, g’irsá, k’iz’úk, kl’ómpy, nar’ést (und Ableitungen nar’éstavát’, nar’éstaván’ie), sk’irdá, šugát6, šurbáty. We
vergleichend. Slawistische Arbeiten. Nr. 53. Warschau, 1986. S. 183–194.
3 Лексические балтизмы в псковских говорах // Kalbotyra, 1971, T. 22(2). C. 77-92.
4 Лау... Ю. А. Словарь балтизмов в славянских языках. Л., 1982.
5 Siehe Zdancewicz T., Litewskie elementy słownikowe w gwarach polskich okolic Sejn // Lingua Posnaniensis, 1960. T. 8. S. 333-352; ders.: Gwary powiatu sejneńskiego na tle procesów osadniczych // Materiały do dziejów ziemi sejneńskiej. Białystok, 1963. S. 231-266; ders.: Litewskie i ruskie zasięgi słownikowe na Białostocczyźnie // Z polskich studiów slawistycznych, Warszawa, 1967. Seria 2. S. 287-310; ders.: Wpływy litewskie i wschodniosłowiańskie w polskich gwarach pod Sejnami // Acta Baltico-Slavica, I, 1964. S. 227-246; Gołąbek A., Wpływy litewskie w polskich gwarach sejneńskich // Acta Baltico-Slavica, XVIII, 1987. S. 181-191.
6 Das Wort šugát bedeutet in der Altgläubigenmundart ‚mit einer schnellen Bewegung werfen‘, z. B. to my śt ółk’i l’ešč of f trav u šugál’i. Es stammt wahrscheinlich aus dem Litauischen. W.W. Martynow betrachtet es als Baltismus.
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In allen drei Zentren hat sich eine gewisse Zahl lexikalischer Litauismen erhalten, die nicht nur aus den Pskower Mundarten, sondern auch aus einem größeren Gebiet östlich und westlich des Pskower Landes bekannt sind, z. B. barkán, buč, k’in’d’úk, r’onk’il’, v’ent’er und andere. Zugleich stellen wir in der Siedlungsgruppe Suwałki–Sejny neue Litauismen fest, die dank örtlicher Kontakte mit litauischen Mundarten erst nach der Umsiedlung auf polnisches Gebiet, wahrscheinlich aber nach der Abspaltung der masurischen Gruppe, aufgekommen sein müssen. Denn diese Wörter gibt es weder in der archaischen masurischen Siedlungsgruppe noch in der jüngeren augustówischen. Dazu gehören: głumnoi ‚dumm‘ < lit. glùmas ‚Dummheit, Verdummung‘, brukavát’ ‚gurren — von Tauben‘ < lit. brukúoti, lúnk’i ‚Löcher im Eis, durch die Fischernetze eingeführt werden‘ — vgl. lit. liúnas ‚Moor, Sumpf‘, rampátyi ‚pockennarbig‘ < lit. raupai, rauplėtas ‚Pocke, pockennarbig‘, str’épúl’icsa ‚mit Getöse hinfallen, zusammenstürzen‘ — vgl. lit. treñpti ‚kräftig mit dem Fuß stampfen‘, sp’ilugát’ ‚niedertreten, misshandeln‘ < lit. spiļgti ‚übertönt werden, im Schatten stehen‘, šk’vyr’icsa ‚sich zanken, streiten‘ < litauische Puńsker Mundart kiviřčytis, kiviřčas ‚sich zanken‘ und einige andere.
In ihrer Arbeit über Baltismen in den Pskower Mundarten stellt J. Lauczutie fest, dass es im Kreis Welikije Luki weniger Baltismen gibt als in den weiter westlich gelegenen Regionen. Am zahlreichsten sind sie in der Umgebung von Sebesch — 19 Lexeme; am seltensten in der Umgebung von Welikije Luki — 9 Lexeme. In der Mundart der Altgläubigen hingegen, die, wie wir wissen, gerade aus dem Kreis Welikije Luki nach Polen kamen, gibt es zusammen mit den Ableitungen über 50. Zieht man diejenigen ab, die bereits im Sejny-Gebiet aufgekommen sein könnten, ist die Zahl der lexikalischen Litauismen im aus dem Pskower Land mitgebrachten Wortschatz beträchtlich7. Somit begünstigte einerseits die Isolation der Altgläubigenmundart in Masuren den Erhalt von Archaismen, darunter litauischen Entlehnungen; andererseits wirkte der Kontakt mit den örtlichen litauischen Mundarten im Gebiet Suwałki–Sejny sowohl auf die Bewahrung und Festigung älterer Entlehnungen als auch auf das Aufkommen neuer ein.
Neben lexikalischen Entlehnungen finden wir in der Altgläubigenmundart litauische Einflüsse auf anderen Sprachebenen. Vielleicht sollte man als litauischen Einfluss den Verlust des anlautenden γ in vielen Wörtern auffassen, z. B. ac el’, aftka, arfa, ektar und andere. Eine solche Aussprache begegnet vor allem bei den Altgläubigen in Masuren, also dort, wo wir die meisten Archaismen finden. Zu den sichersten Belegen zählt die Verwendung des adverbialen Partizips der Vergangenheit als Ergänzung des Tempussystems des Verbs, z. B. vy nai eś’is’ v nas i agat, v Varšavu pr’ii ed’it’e búd’et’e nai eśy; žonku máiīt gd’e to tam astáfsa; aná s’eičás vyjexacy v Ras’eiu, m’éha i
das weißrussische Wort гаварыць < lit. šáuti, šáunu ‚schnell laufen‘ und lett. šaut, šaunu ‚eine schnelle Bewegung machen‘. Siehe Мартьянов В.В. Типы лексических балтизмов в белорусских диалектах // Acta Baltico-Slavica, IX, s. 92.
7 Diese Abweichungen geben zu denken. Sie lassen sich auf zweierlei Weise erklären: Entweder war die Mundart im Kreis Welikije Luki stärker mit Litauismen durchsetzt, oder die Mundart der Altgläubigen übernahm sie bereits in der ersten Zeit ihres Aufenthalts auf polnischem Gebiet in der Nachbarschaft litauischer Dörfer.
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Es gibt auch das Auftreten präpositionsloser Genitivkonstruktionen des Typs — my pryvišy par’atku. Hinzufügen ließen sich hier die belegten, wenn auch recht seltenen und in der Sprache der ältesten Generation vorkommenden zusammengesetzten Zahlwörter des Typs: polp’āta, poltr’ét’a, polčetvértasta. Diese Erscheinungen bestehen in den Mundarten sämtlicher Siedlungsgruppen fort, was für ihr hohes Alter spricht.
Kommen wir nun zu den Bemerkungen über litauische Einflüsse auf die polnischen Mundarten.
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, interessieren uns polnische Mundarten in Litauen und im litauisch-belarussischen Grenzgebiet sowie die Mundarten der Gegend von Sejny und Suwałki.
Um bei der gesprochenen Sprache, also den Dialekten, zu bleiben, klammern wir die umfassend bearbeitete onomastische Thematik aus den vorliegenden Erörterungen aus und stützen uns auf andere Arbeiten, auf die wir ausführlicher Bezug nehmen müssen.
Litauische Einflüsse in den polnischen Mundarten der Gegend von Sejny und Suwałki wurden in mehreren Arbeiten von T. Zdancewicz8 und A. Gołąbek9 beschrieben. Die stärkste Wirkung des Litauischen zeigt sich im Wortschatz. Zdancewicz führt über 200 Lexeme aus verschiedenen Wortschatzbereichen an. Der Grad der Durchsetzung der beschriebenen Mundarten mit Litauismen ist unterschiedlich. Die meisten Lexeme litauischer Herkunft finden sich nach den genannten Autoren in der polnischen Sprache der Litauer, weniger in den Mundarten ohne Mazurierung in der Nähe von Sejny. In den mazurierenden Mundarten von Suwałki nimmt die Zahl der Litauismen trotz der geringen Entfernung ab. Systemische litauische Lehnprägungen sind selten. Beide Autoren nennen im Bereich der Phonetik den Ersatz von x durch k sowie g anstelle von d, weisen jedoch darauf hin, dass es sich um zufällige Übereinstimmungen handeln könnte. Als den baltischen und slawischen Sprachen gemeinsame Suffixe gelten -uć < lit. -ūtis, -un < lit. -ūnas und -uk < lit. -ūkas in Formen wie raguć, xamuć, kyšun, gaduk ‚Schwätzer‘, skaptuk ‚Meißel‘, die zumindest bei den litauischen lexikalischen Entlehnungen diesen Ursprungs sind10. In den Mundarten der Gegend von Sejny wurden Fälle eines Wechsels des grammatischen Geschlechts sächlicher Substantive ins Maskulinum oder Femininum verzeichnet. Im Bereich der Syntax sind die durch litauischen Einfluss bedingten Partizipialformen auf -(v)šy sowie die Konstruktion des Agens ohne Präposition beim Passivpartizip des Typs obras opaskuźony muxof weit verbreitet.
Anders stellen sich vor diesem Hintergrund die polnischen Mundarten des nördlichen Grenzlands (die Wilnaer Mundarten) dar. Als Erste erkannte und beschrieb H. Turska11 die Bedeutung des litauischen Elements in den polnischen Wilnaer Mundarten. Ihre Beschreibung ist sehr eingehend und detailliert. Neben weit verbreiteten Merkmalen behandelt sie auch weniger bedeutende oder lokal begrenzte Merkmale. Ohne auf Einzelheiten einzugehen, lässt sich allgemein sagen, dass Turska den litauischen Einfluss im Bereich der Phonetik in
8Zdancewicz T. Litewskie elementy...; tenże: Wpływy litewskie...; tenże: Gwary powiatu sejneńskiego...; tenże: Mazurzące gwary suwalskie. Cz. 1. Warszawa-Poznań, 1980.
9Gołąbek A. Op. cit.
10 Vgl. Gołąbek A. a. a. O., S. 185.
11Turska H. O powstaniu polskich obszarów językowych na Wileńszczyźnie // Studia nad polszczyzną kresową. T. 1. Ossolineum, 1982. S. 86-121.
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die Neigung zu diphthongischer Aussprache der Vokale und zur Palatalisierung der Konsonanten (insbesondere zum Auftreten der weichen t’, d’, r’) in der Depalatalisierung der Konsonanten in bestimmten Positionen sowie in einer geringen Reduktion der Vokale als Spur litauischer Quantitäts- und Intonationsverhältnisse. Außerdem wertete sie die Intonationsweise von Äußerungen als litauischen Einfluss, wodurch diese eine charakteristische Melodie erhalten. Im Bereich der Wortbildung stellt sie fest, dass die Bildung neuer Wörter mithilfe litauischer Morpheme selten ist. Hier haben wir es dagegen mit modifizierten litauischen Suffixen zu tun, die einmal den polnischen, ein anderes Mal den weißrussischen ähneln. Erst nach ihrer Modifizierung werden solche Suffixe produktiv. Auf diese Weise entstehen Mischbildungen. Turska dokumentiert den Gebrauch verschiedener Arten von Komposita, die nach litauischem Muster gebildet oder als Lehnübersetzungen übernommen wurden. Sie spricht auch von häufigen Diminutiven und expressiven Formen. Das Vorhandensein zahlreicher expressiver Bildungen, deren Anstoß zur Entstehung in der litauischen und weißrussischen Sprache zu suchen ist, wird anhand von Gegenwartsmaterial von B.Dubicka12 bestätigt.
Über den Einfluss des litauischen Faktors auf Morphologie und Syntax können wir nur noch auf der Grundlage der allgemeineren Angaben von H.Turska13 sowie der Hinweise in Arbeiten zeitgenössischer Dialektologen sprechen. Vermutlich ist die Palatalisierung der Endung der ersten Person Plural der Verben im Präsens -m’i14, z. B. xcem’i, v’em’i, mam’i usw., ein aus dem Litauischen stammender Archaismus. Während unserer Erhebungen haben auch wir solche Formen aufgezeichnet, z. B. prośt zamacym’i [len] o na łonka, v’onżem f snopk’i i stav’am’i po ćtery snopk’i. Diese Endung bleibt in der Sprache der Repatriierten erhalten, der ehemaligen Bewohner des Wilnaer Gebiets. Darüber berichtet K.Tekielski15.
Unter den syntaktischen Erscheinungen sind der häufige Gebrauch des aktiven Partizips des Präteritums auf -(v)šy als Prädikat sowie Passivformen auf -no, -to zu nennen. Partizipien werden in ähnlicher Funktion in den sejnischen Mundarten ebenso umfassend gebraucht wie in der Wilnaer Gegend. Beispiele für den Gebrauch beider Formen haben wir in jüngster Zeit in den polnischen Mundarten im Wilnaer Gebiet aufgezeichnet.
Wie wir also sehen, bestätigt die Situation im untersuchten Gebiet erneut die bekannte Regel, dass in Kontakt stehenden Sprachen vor allem zahlreiche wechselseitige, nicht systemische Einflüsse auftreten. Weitaus weniger empfänglich für Einflüsse sind Phonetik und Syntax. Am widerstandsfähigsten gegenüber Veränderungen durch äußere Faktoren erweist sich das morphologische System, obwohl in
12 Dubicka B. Niektóre odrębności słowotwórcze polszczyzny wileńskiej // Studia nad polszczyzną kresową. T. 4. Ossolineum, 1986. S. 71-79.
13 Turska H. Język polski na Wileńszczyźnie // Studia nad polszczyzną kresową. T. 2. Ossolineum, 1983. S. 21-22.
14 Vgl. Otrębski J. Gramatyka języka litewskiego. T. 3. Warszawa, 1956. S. 185. Zum Vorkommen dieser Endung in den polnischen Mundarten in Lettland siehe Напуева Ю. М. Глагол в польской речи жителей деревни Дарвинец Мадонского района Латвийской ССР // Польские говоры в СССР. Ч. 2. Минск, 1973. С. 105-106.
15 Tekielski K. Gwarowa polszczyzna okolic Podbrzezia i Niemenczyna na Wileńszczyźnie // Język Polski, LXII. Z. 4-5. S. 282-293.
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In den untersuchten Dialekten lässt sich die Wortbildung deutlich abgrenzen. Was die russischen Dialekte betrifft, so gibt es im Gebiet von Pskow weniger Lexeme litauischen Ursprungs als im Dialekt der Altgläubigen in Polen, wo der zusätzliche Faktor des engeren Sprachkontakts hinzugekommen ist. Dies stellt jedoch das allgemeine Prinzip nicht infrage.
Wir veranschaulichen unsere Ausführungen mit einem einfachen Schema, das die Einflusszonen des Litauischen auf die untersuchten Dialekte darstellt. Den Kontakt der litauischen Sprache und ihrer Dialekte mit polnischen und russischen Dialekten haben wir in drei Zonen unterteilt.
In die erste Zone ordnen wir jene Dialekte ein, die in unmittelbarem Kontakt mit der litauischen Sprache und ihren Dialekten stehen. Dazu gehören das Wilnaer Polnisch in Litauen und im litauisch-belarussischen Grenzgebiet sowie die polnischen Dialekte von Sejny. Aus dem zuvor vorgestellten Material geht hervor, dass litauische Einflüsse innerhalb dieser Zone auf vielen Sprachebenen wirksam sind, vor allem und am stärksten jedoch im Wortschatz. Die vorhandenen Untersuchungen erlauben einige Schlussfolgerungen. Die genauen Angaben von T. Zdancewicz und A. Gołąbek nennen 200 bis 230 litauische lexikalische Entlehnungen in den Dialekten von Sejny. Diese Zahl ist erheblich überhöht, weil hier die Lituanismen im Polnisch der Litauer gemeinsam mit den Lituanismen im Polnisch der Polen aus der Region Sejny gezählt wurden. Dennoch muss man auch unter Berücksichtigung dieses Umstands die hier vorkommenden Entlehnungen als zahlreich bezeichnen. So genaue Angaben gibt es hingegen für die lexikalischen Lituanismen aus dem Gebiet
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Litauens und des litauisch-belarussischen Grenzgebiets nicht. Im Material von K. Nitsch und H. Turska fehlen konkrete Zahlen; es finden sich lediglich Beispiele. Für den Dialekt des Dorfes Łopatowszczyzna bei Turgiele sondert A. Zdaniukiewicz im lexikalischen Teil seines Buches16 die Lituanismen nicht gesondert aus. Nach unseren ungefähren Berechnungen sind es etwa 50. Bei unseren eigenen Feldforschungen verzeichneten wir gelegentlich auch lexikalische litauische Entlehnungen, die in den bisherigen Untersuchungen nicht erwähnt werden17. Man kann feststellen, dass lexikalische Lituanismen in diesem Gebiet in vielen Bereichen vorkommen, wahrscheinlich zahlreicher als in den Dialekten von Sejny, obwohl sie das neue politisch-gesellschaftliche Vokabular nur in sehr geringem Maße betreffen, da sich hier eher Russizismen verbreiten.
Im Bereich der Phonetik sind die polnischen Wilnaer Dialekte den stärksten Einflüssen ausgesetzt. Auf den übrigen Sprachebenen sind die Einflüsse, abgesehen von der Wortbildung, deutlich geringer. Für diese Dialekte führt H. Turska zahlreiche litauische phonetische und wortbildende Merkmale an, von denen sich nur einige auch in den Dialekten von Sejny wiederfinden.
In der zweiten Zone befinden sich die polnischen masurischen Dialekte und der russische Dialekt der Altgläubigen, die sich hier vor etwa zweihundert Jahren angesiedelt haben. Gegenüber der ersten Zone sind die litauischen Einflüsse auf den polnischen Dialekt eingeschränkter. Es sind lexikalische Entlehnungen in etwas geringerem Umfang sowie syntaktische Entlehnungen eingedrungen. Was den Dialekt der Altgläubigen betrifft, so finden sich auch hier zahlreiche lexikalische Entlehnungen, da sich hier ältere, aus den Herkunftsgebieten mitgebrachte Entlehnungen mit neuen, aus den lokalen Kontakten hervorgegangenen vermischt haben; diese Kontakte waren jedoch aufgrund des abgeschlossenen Charakters dieser Religionsgemeinschaft recht begrenzt.
Zur dritten Zone gehören die russischen Dialekte des Gebiets von Pskow, die die Herkunftsdialekte der polnischen Altgläubigen darstellen. Wie wir bereits geschrieben haben, standen sie nicht in unmittelbarem Kontakt mit den litauischen Dialekten; dennoch erwiesen sich die Einflüsse, insbesondere die lexikalischen, als sehr dauerhaft. Davon zeugt unter anderem die Tatsache, dass sie bis heute im Dialekt der Altgläubigengruppe in Masuren erhalten geblieben sind, die über lange Zeit hinweg umgesiedelt und isoliert war. Sowohl im russischen Dialekt als auch in den masurischen Dialekten hat sich die syntaktische Konstruktion des Partizips auf -(v)šy erhalten.
Der dritten Zone ordnen wir außerdem das in die Grenzen unseres Staates umgesiedelte Polnisch der Dörfer bei Wilna zu. Seit mehreren Jahrzehnten steht es weder mit der litauischen Sprache noch mit dem Belarussischen – einem Träger von Lituanismen – in Kontakt. Auch in diesem umgesiedelten Polnisch halten sich lexikalische Lituanismen am zahlreichsten und längsten. K. Tekielski18 findet in der Sprache ehemaliger Bewohner der Gegend um Podbrzezie und Niemenczyn (aus lediglich zwei Bereichen
16 Zdaniukiewicz A. Gwara Łopatowszczyzny. Fonetyka, fleksja, słownictwo. Ossolineum, 1972. Der Autor führte die Untersuchung des Dialekts von Łopatowszczyzna in den Jahren 1956–1959 bereits in Polen unter ehemaligen Bewohnern dieses Dorfes in der Region Wilna durch. Man kann davon ausgehen, dass sich seit dem Verlassen Litauens in der Sprache der Informanten keine wesentlichen Veränderungen ergeben haben.
17 Abgesehen von den oben genannten Arbeiten geht es hier um folgende Aufsätze: Лаучюте Ю. О словах литовского происхождения в польском языке // Kalbtyra, 1971. T. 22(2). V. C. 93-104; Grinaveckienė E. Lietuviškos kilmės leksika Aukštadvario lenkų šnektoje // Lietuvių kalbotyros klausimai, 1977. T. 17. P. 136-145.
18 Tekielski K. Lexikalische Litauismen im Dialekt der Umgebung von Podbrzezie und Niemenczyn // Acta Baltico-Slavica, XIII, 1980. S. 67-72.
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semantischen Bereichen (Bauernhof und Mensch) bis zu 45 Litauismen. Aus dem Litauischen übernommene Merkmale auf anderen Sprachebenen bestehen hier noch in der Sprache der älteren Generation fort, bei den Jüngeren verschwinden sie.
Der Dialekt der masurischen Altgläubigengruppe, der in derselben Zone angesiedelt ist, stellt ebenfalls einen übertragenen Dialekt dar, der von litauischen Einflüssen und den vermittelnden Einflüssen belarussischer Dialekte abgeschnitten ist. Er bewahrt archaische lexikalische Litauismen, sogar solche, die wir bei den Suwałki-Sejny-Altgläubigen nicht mehr verzeichnen. Er hat auch Konstruktionen mit dem Partizip auf -(v)šy und -no, -to bewahrt.
Natürlich endet, wie wir wissen, der Einfluss der litauischen Sprache nicht bei den Dialekten der von uns genannten Zonen. So weit das Großfürstentum Litauen nach Westen reichte, begegnen wir bis heute Wörtern litauischen Ursprungs. Einige lexikalische Litauismen haben eine engere, andere eine weitere Verbreitung. Beispielsweise reichen Wörter wie kulša, kump'ak, kurpi u. a. über Łomża hinaus19. Ein Teil davon sind laut Cz. Kudzinowski Baltismen, Relikte der Sprache der Jatwinger20. Zu berücksichtigen ist jedoch auch die Auffassung von Z. Zinkiewiczus, der die meisten der von Kudzinowski angeführten Lexeme für Litauismen hält21.
Bei der Betrachtung des Einflusses des Litauischen auf polnische und russische Dialekte sind auch die Rolle und Bedeutung der in diesen Gebieten koexistierenden belarussischen Sprache zu berücksichtigen. Viele litauische Lexeme und sprachliche Merkmale haben sich dank der Vermittlung durch das Belarussische im Polnischen und Russischen eingebürgert. In den polnischen Wilnaer Dialekten finden sich mehr litauische Merkmale, da hier sowohl ein unmittelbarer litauischer Einfluss als auch ein Einfluss über das Belarussische wirksam war. Das Polnische in größerer Entfernung vom ethnischen Litauen sowie die Dialekte der Region Pskow haben vor allem ältere Einflüsse, hauptsächlich lexikalische Entlehnungen, bewahrt und fanden dabei Rückhalt im verwandten Belarussischen.
Als eines der Merkmale des Wilnaer Polnisch nannte Prof. Turska die Intonation von Äußerungen und Sätzen. Diese Intonation verleiht der Sprache der Polen aus den nordöstlichen Grenzgebieten eine besondere Melodik. Das erwähnte Merkmal ist weit verbreitet und reicht bis nach Podlachien. Es stellt ein liebenswertes Relikt lang andauernder Kontakte benachbarter Völker dar.
19 Zdancewicz T. Litauische und ruthenische Verbreitungsgebiete...
20 Kudzinowski Cz. Jaćwięgowie w języku // Acta Baltico-Slavica, I, 1964. S. 217-225.
21 Zinkeviius Z. Über das baltische Substrat in der Woiwodschaft Białystok /Polen/ // Baltistica, 1975. T. 11(2). S. 149-153.
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ÜBER BESONDERHEITEN DER BEZIEHUNGEN DER LITAUISCHEN SPRACHE ZU DEN DIALEKTEN DES POLNISCHEN UND RUSSISCHEN
Zusammenfassung
Der Artikel behandelt den Einfluss der litauischen Sprache und ihrer peripheren Dialekte auf folgende slawische Dialekte und Dialektgruppen: die polnischen Dialekte der Region Vilnius und der Umgebung von Sejny sowie den Dialekt der russischen Altgläubigen, der aus der Umgebung von Pskow auf das Gebiet Polens verlegt wurde. Berücksichtigt werden auch die Dialekte der aus der Region Vilnius stammenden Polen im heutigen Polen.
Nach der Untersuchung der direkten und indirekten Beziehungen der genannten Dialekte zur litauischen Sprache sowie ihrer Kontakte mit dem Belarussischen (dem Übermittler von Litauismen) wurde der Grad des Einflusses der litauischen Sprache ermittelt (siehe Schema).
Der Artikel stützt sich auf von den Autoren selbst gesammeltes Material sowie auf Arbeiten anderer polnischer und ausländischer Wissenschaftler.