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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXVI (1996)

LIETUVIŲ KALBA: TYRĖJAI IR TYRIMAI

Giedrius SUBAČIUS

DREI MODELLE DER LITAUISCHEN GEMEINSCHRIFTSPRACHE DES 19. JAHRHUNDERTS: J. A. PABRĖŽA, J. ČIULDA, S. DAUKANTAS1

Bevor ich auf die drei unterschiedlichen Modelle der litauischen Gemeinschriftsprache (brk.) des 19. Jahrhunderts eingehe, möchte ich den allgemeinen politischen, kulturellen und sozialen Zustand Litauens jener Zeit sehr kurz skizzieren.

Geopolitisch gehörten die ethnisch litauischen Gebiete niemals zu einem einzigen Staat: Ein Teil gehörte zu Preußen (das sogenannte Kleinlitauen), das übrige Litauen (Großlitauen) war ein selbstständiger Staat, und seit der Mitte des 16. Jahrhunderts bildete es eine Union mit Polen. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts besetzte Russland fast ganz Großlitauen; während des hier interessierenden Zeitraums gehörte Großlitauen daher zu Russland und Kleinlitauen zu Preußen.

Kulturell unterschieden sich Klein- und Großlitauen ebenfalls seit jeher. In Kleinlitauen hatte sich bereits seit dem 16. Jahrhundert das Luthertum durchgesetzt, während sich in Großlitauen der Katholizismus behauptete und vorherrschte. Hinsichtlich der Schriftsprache bildeten sich in Kleinlitauen, einem kompakten Gebiet, bereits im 17. Jahrhundert recht stabile Sprachnormen heraus, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und sogar noch länger Bestand hatten. Großlitauen war sehr uneinheitlich; zum einen gab es hier (und gibt es noch) zwei große Dialektgruppen, die Žemaiten und die Aukštaiten, deren Sprachen so unterschiedlich waren, dass ihre Sprecher einander nicht immer verstanden; zum anderen hatte sich noch kein einzelner Dialekt endgültig als Grundlage der litauischen Schriftsprache durchgesetzt, doch zu Beginn des 19. Jahrhunderts gewannen Texte auf Žemaitisch zunehmend die Oberhand. Andererseits war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Polnisch weiterhin die vorherrschende Kultursprache in Großlitauen; traditionell wurde es seit der Union mit dem polnischen Staat verwendet.

Sozial waren die Gesellschaften ebenfalls unterschiedlich. In Preußen wurden die Bauern bereits zu Beginn des Jahrhunderts offiziell frei, während die russische Regierung die Leibeigenschaft in Großlitauen erst 1861 abschaffte. Doch auch in Großlitauen hatten die Befreiung der Nichtadligen (Bauern), die Ausbreitung der Alphabetisierung und die zunehmende soziale Mobilität schon viel früher eingesetzt. Die Freiheitsideen der Französischen Revolution veränderten zwar noch nicht die sozialen Strukturen, begannen aber allmählich das Bewusstsein der Menschen zu erreichen. Nur in einer sich befreienden und langsam zu einer Zivilgesellschaft werdenden Gesellschaft konnte auch

1 Ausführlicher werden diese Modelle in anderen Arbeiten des Verfassers dieses Artikels behandelt: Simonas Daukantas’ Auffassung von der Gemeinsprache. — Studien zur Geschichte der litauischen Wiedergeburt (LAIS): Simonas Daukantas 5, Vilnius: Viltis, 1993, 63—68; Juozas Čiulda und seine Grammatik. — LAIS: Juozas Čiulda. Kurze Überlegungen zu den Regeln der Grammatik der žemaitischen Sprache 6, Vilnius: Verlag für Wissenschaft und Enzyklopädien, 1994, 7—54; die žemaitische Sprache von Jurgis Ambraziejus Pabrėža. — LAIS: Person: zwischen Volk und Staat 8 (im Druck).

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konnte sich eine moderne Vorstellung von der Gemeinschriftsprache und die Gemeinschriftsprache selbst herausbilden. (Als modern kann eine einheitliche Sprache bezeichnet werden, die alle gesellschaftlichen Schichten zur Befriedigung sämtlicher kultureller Bedürfnisse verwenden.)

Alle drei Modelle der Gemeinschriftsprache des 19. Jahrhunderts, die ich vorstellen möchte, wurden von Autoren aus Žemaitija im russisch beherrschten Großlitauen entwickelt. In Kleinlitauen war die Schriftsprache hinreichend stabil, und niemand modellierte sie dort damals neu. Die drei hier vorgestellten Modelle wurden von ihren Urhebern nicht systematisch dargelegt. Ich versuche, sie aus unterschiedlichen (nicht nur sprachwissenschaftlichen) Handschriften zu rekonstruieren (bei S. Daukantas auch aus Druckwerken).

Um die Modelle der litauischen Gemeinschriftsprache jener Zeit zu rekonstruieren, würde ich die folgenden Aspekte als besonders wichtig und relevant betrachten:

1. Der Gebrauchskontext der Gemeinschriftsprache: a) die gesellschaftlichen Schichten, für die die betreffende Gemeinschriftsprache bestimmt ist, b) die Literaturformen und „Gattungen“, für deren Schaffung diese Gemeinschriftsprache verwendet wird. Davon, ob die Schriftsprache allen gesellschaftlichen Schichten und allen Literaturformen dient, hängt letztlich ab, ob sie als Gemeinschriftsprache bezeichnet werden kann.

2. Das Verbreitungsgebiet der Gemeinschriftsprache, d. h. ob sie den Bedürfnissen aller ethnischen Litauer oder nur eines Teils von ihnen dient.

3. Das Verhältnis der Gemeinschriftsprache zur gesprochenen Sprache.

4. Grundlage der Gemeinschriftsprache — ob man schreibt, wie gesprochen wird, oder so, wie es die Regeln und das Sprachsystem verlangen.

Auch andere Aspekte ließen sich untersuchen — die Haltung zu Lehnwörtern und Neologismen sowie zu Rechtschreibprinzipien und anderem –, doch das sei der Zukunft überlassen.

I. JURGIS AMBAZIEJUS PABRĖŽA wurde 1771 im nördlichen Žemaitija geboren. In der Geschichte der litauischen Kultur ist er vor allem als Franziskanermönch und Priester, als berühmter Prediger und als erster Schöpfer botanischer Terminologie bekannt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in Litauen sogar erhebliche Anstrengungen unternommen, damit der Papst in Rom Pabrėža heilig- oder wenigstens seligsprach. Rein sprachliche Texte hat er nicht hinterlassen, doch schrieb er über Sprache in den Vorworten seiner Werke und in Briefen.

Pabrėžas Denkweise hatte sich bereits im 18. Jahrhundert herausgebildet, in einem Umfeld, in dem die Ideen von Freiheit und Gleichheit noch kaum vernommen worden waren (die Moderne des 19. Jahrhunderts erreichte ihn, als er 29 Jahre alt war). Für ihn war damals eine Gesellschaft natürlich, üblich und „normal“, in der ein Teil der Menschen frei und gewöhnlich gebildete Bürger waren, der andere Teil dagegen abhängige, häufig ungebildete Menschen (das einfache Volk). Seit 1798 verfasste Pabrėža viele, Tausende von Seiten litauischer Predigten. Doch etwa bis 1828–1831 kann noch nicht von einer Gemeinsprache in Schriftform gesprochen werden. Pabrėža schrieb seine Predigten nieder, doch ihr Zweck war die Normierung der Sprache; sie sollten aber von einem ungebildeten Volk gelesen werden – die Texte waren also lediglich ein Hilfsmittel für die mündliche Ausdrucksweise. Und erst um 1828–1831 beschloss Pabrėža, natürlich beeinflusst von der zunehmend freiheitlichen Stimmung in der Gesellschaft, eine litauische Gemeinsprache in Schriftform zu schaffen. Damals war er bereits etwa 60 Jahre alt.

Pabrėžas Entschluss ist dokumentarisch belegt. Das Ende seiner langen Zweifel lässt sich durch folgenden Satz aus einem seiner Briefe von 1829 veranschaulichen: „Was die samogitische Orthografie betrifft“

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bin ich nicht geneigt, meine Haltung zu ändern²². Um diese Zeit, vielleicht etwas später, führte Pabrėža ganz neue, von niemandem irgendwo verwendete Schriftzeichen ein: Er verdoppelte lange und verlängerte Vokale (d. h. er begann bajooroo ‘bajoraĩ’, taapaas ‘lapais’ zu schreiben) und gab die weichen Laute [š’], [č’] mit šź, čź wieder (z. B.: šźerdys ‘širdis’, augmynčźynis ‘augminyčinis’; hier waren šź und čź durch eine Kontamination der damals unter Litauern üblichen Schreibweise mit der polnischen Orthografie entstanden: ś und ć bezeichneten gewöhnlich weiche Laute, sz und cz dagegen harte).

1. a)—b) Anhand dieser Schriftzeichen lässt sich am leichtesten erkennen, für welche Art von Texten Pabrėža sein Konzept einer Gemeinsprache in Schriftform anwandte. Vor allem handelt es sich um seine zahlreichen botanischen und medizinischen Werke. Es gibt Belege dafür, dass er diese Normen auch auf Schulbücher, belletristische Texte und Folklore anwandte; sogar Briefe von ihm sind erhalten, die nach solchen Normen verfasst wurden. Zusammenfassend könnte man sagen: Pabrėža wandte seine Normen für die Gemeinsprache in Schriftform auf alle Bereiche des weltlichen Kulturlebens an.

Doch – was heute seltsam und unglaubwürdig erscheinen mag – diese Normen wurden in den zahlreichen religiösen Texten ebenfalls nicht befolgt. Ich würde sagen: Für geistliche Schriften hielt Pabrėža weiterhin am Maßstab des 18. Jahrhunderts fest, während er zugleich begann, eine weltliche Gemeinsprache in Schriftform auf ganz moderne Weise zu schaffen. Somit ist Pabrėža gewissermaßen ein Vertreter einer Übergangszeit. Er hatte bereits verstanden, dass eine immer größere Schicht von Menschen entstand, die eine Gemeinsprache benötigte, aber noch nicht, dass ein solcher Prozess früher oder später zu einer Gesellschaft führen würde, in der alle diese Gemeinsprache in Schriftform brauchen würden (das heißt, in der es keine Leibeigenschaft geben und alle frei und gebildet sein würden). Dass für das Kirchenvolk bestimmte Texte nicht in der Gemeinsprache in Schriftform verfasst wurden, zeigt, dass Pabrėža es für völlig normal hielt, dass dieses Volk auch künftig bloß Volk blieb. Nur ein Teil der Gesellschaft, die neuen Gebildeten, benötigte die neue Gemeinsprache in Schriftform. Saulius Žukas, der Pabrėžas Gedichte analysierte, kam zu dem Schluss, dass „ihre Analyse den Prozess eines epistemischen Kulturbruchs, die Situation des Übergangs von einem Wertesystem zu einem anderen, erahnen lässt“³. Obwohl Pabrėža eine moderne Gemeinsprache in Schriftform schuf, bewahrte er dennoch Elemente eines alten Verständnisses von Schriftsprache. Ich würde sein Modell als „defizitär“ bezeichnen, aber immerhin war es bereits ein Modell einer Gemeinsprache in Schriftform.

Außerdem wandte Pabrėža sein Modell einer Gemeinsprache in Schriftform nicht auf das gesamte ethnische Gebiet der litauischen Sprache an, sondern nur auf die Samogiten. In seinen Worten: „Die Pflanzennamen schreibe ich so, wie sie in unserer Küstenregion 15 Meilen landeinwärts von der See ausgesprochen werden“⁴. Rechnet man die damaligen Meilen in heutige Maße um, ergibt sich eine Entfernung von etwa 128 km – also schlicht das Gebiet des samogitischen Dialekts. Pabrėža schuf die Schriftsprache somit nur für die Samogiten; er erkannte an, dass daneben noch zwei weitere litauische Schriftsprachen existieren konnten: die der Preußisch-Litauer und die der Litauer Großlitauens – der Aukštaiten. So nahm Pabrėža beispielsweise bei der Erstellung von Listen mit Pflanzennamen in verschiedenen Sprachen in seiner Botanik die samogitischen und die preußisch-litauischen Bezeichnungen getrennt auf, und in einem Brief beklagte er, dass „man auch litauische [d. h. die der Aukštaiten Großlitauens

2 P a b r ė ž a J. A. 1829 m. balandžio 13 d. laiškas iš Kretingos prof. J. F. Wolfgangui į Vilnių. Rankraštis saugomas MAB, f. 7—309.

3 Ž u k a s S. Apie pyvkininkus (du J. A. Pabrėžos eilėraščiai) — LAIS: Liaudis virsta tauta 4, Vilnius: Baltoji varnelė, 1993, 117—118.

4 P a b r ė ž a J. A. 1828 m. rugsėjo 20 d. laiškas iš Kretingos prof. J. F. Wolfgangui į Vilnių. Rankraštis saugomas MAB, f. 7—309.

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(Bezeichnungen) nicht auslassen, aber bis jetzt konnte ich sie nirgendsher bekommen“5. Pabrėžas Ansicht ist kategorisch: „Ein Žemaitier wird sich niemals mit einem Litauer (d. h. einem Hochlitauer aus Großlitauen) über die Sprache einigen, ebenso wenig mit einem Preußen (d. h. einem Litauer aus Preußen) oder einem Letten6. Somit zeigt Pabrėžas brk.-Modell auch in territorialer Hinsicht, dass sein Autor sich an einer abgeschlosseneren Gesellschaft orientierte, vielleicht sogar an der Möglichkeit, ein eigenes žemaitisches Volk zu formen.

3. Das Verhältnis von Pabrėžas brk. zur gesprochenen Sprache lässt sich mit seinen eigenen Worten so beschreiben: „Am besten schreibt man so, wie man spricht“7 oder „Du findest die Wörter so geschrieben, wie dort in jener Gegend alle Žemaitier sprechen“8. Pabrėža hatte noch kein Bedürfnis verspürt, eine gemeinsame gesprochene Sprache zu ordnen; die Žemaitier sprachen seiner Ansicht nach gut, schrieben aber schlecht. Somit wird der Dialekt selbst gleichsam als gesprochene Variante der brk. aufgefasst, weshalb auch er keiner Normierung bedarf.

4. Aus dem Gesagten geht bereits völlig klar hervor, dass für Pabrėža das Hauptkriterium der Normierung der brk. der Sprachgebrauch, die gesprochene Sprache, war.

II. JUOZAS ČIULDA wurde später als Pabrėža geboren, 1796, ebenfalls in Nordžemaitien (bei Plungė, also näher am Zentrum der Žemaitier). Auch er war Priester: Er arbeitete als Kaplan an einer Schule in Kaunas und war später zeitlebens an verschiedenen Orten in Lietuva als Priester tätig. Sein größtes Verdienst um die litauische Kultur besteht darin, dass er eine Grammatik der litauischen Sprache verfasste (um 1854). Er gehörte einer anderen, jüngeren Generation an, die in einem Umfeld heranwuchs, in dem das Bedürfnis nach Freiheit bereits ständig spürbar war und man sich an einer freien Gesellschaft orientierte.

1. a) Im Unterschied zu Pabrėža entwarf Čiulda bereits das Modell einer Gesellschaft ausschließlich freier Menschen. Für ihn gehörten nicht nur die Adligen, sondern auch die Bauern zum Volk. Die Begriffe Volk und Nation hatten für Čiulda dieselbe Bedeutung (was sich über Pabrėža nicht sagen lässt), z. B.: „Die Lieder der Žemaitier bestehen aus den Liedern des V o l k e s, d. h. der einfachen Menschen [...]. In gewissem Sinne kann man sagen, dass diese N a t i o n [...]“. Es ist klar, dass Čiulda seine brk.-Normen für eine derart als monolithisch verstandene Gesellschaft schuf – für alle Schichten gleichermaßen. Dies ist bereits ein „nichtdefektives“ Verständnis der brk.

b) Obwohl Čiulda nicht genau angegeben hat, für welche literarischen Gattungen er sein brk.-Modell vorsah, kann man annehmen, dass es für alle denkbaren galt. Zwar schrieb Čiulda sowohl den Text seiner Grammatik als auch seine Briefe und sonstigen Arbeiten auf Polnisch; auf Litauisch zu schreiben wagte er noch nicht. Daher kann man nur von theoretisch entworfenen, praktisch jedoch noch nicht umgesetzten brk.-Normen sprechen.

2. Als Grundlage für die von ihm geschaffenen brk.-Normen nahm Čiulda seinen heimischen nordžemaitischen Dialekt, ähnlich wie Pabrėža. Das Gebiet, dessen Bewohnern Čiulda seine brk. zugedacht hatte, war jedoch viel größer. Zur Erklärung, warum er sich auf den žemaitischen Dialekt stützte, sagte Čiulda, dass „der westžemaitische Unterdialekt stärker zusam-

5 P a b r ė ž a J. A. 1834 m. gruodžio 19 d. laiškas iš Kretingos J. K. Gintilai į Peterburgą / Paskelbė K. Sendzikas. — Mūsų senovė, 1938, t. 2, nr. 3(8), 491.

6 P a b r ė ž a J. A. 1835 m. kovo 20 d. laiškas iš Kretingos J. K. Gintilai į Peterburgą. — Mūsų senovė, 1938, t. 2, nr. 3(8), 495.

7 Ebenda, 493.

8 P a b r ė ž a J. A. Uuogas nekorios apey Smertį, 1828, IV. Rankraštis saugomas Lietuvos nacionalinėje M. Mažvydo bibliotekoje. Sign. f. 124—3.

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„gebildet“9 (anders als die der Hochlitauer), dass der hochlitauische Dialekt „nicht so weich und angenehm für das Ohr ist wie der žemaitische“10, dass es in einem Teil des hochlitauischen Dialekts „fast keinerlei grammatische Korrektheit gibt, sondern nur ein entstelltes und verdorbenes Gemisch aus polnischer und litauischer Sprache …“11, während es im anderen Teil überhaupt keine festen und einheitlichen Regeln gebe. Eine solche Herabsetzung der hochlitauischen Dialekte zeigt unmissverständlich, dass Čiulda sich nicht nur an žemaitische, sondern auch an hochlitauische Leser wandte und ihnen „bessere“, „stärker ausgeformte“ žemaitische brk.-Normen vorschlug. Somit richtete Čiulda sein brk.-Modell auf das gesamte Gebiet Großlitauens aus.

Doch ähnlich wie Pabrėža wollte er den Preußischlitauern sein Modell nicht aufzwingen. Obwohl er auch sie als Angehörige desselben Volkes betrachtete, erkannte er doch ihre eigenständige, andersartige Tradition der Schriftsprache an. Ein Beispiel für diese Haltung könnte sein, dass Čiulda einen Auszug aus dem Gedicht „Metai“ des berühmten preußischlitauischen Dichters Kristijonas Donelaitis aus dem 18. Jahrhundert in der Originalorthografie wiedergab und daneben in die von ihm vorgeschlagene allgemeine „žemaitische“ Sprache „übersetzte“.

3. Ein ziemlich neuer und wichtiger Aspekt von Čiuldas Normierung ist, dass er neben der brk. auch die gesprochene Sprache normieren wollte. Dies war eine sehr klare und entschiedene Haltung Čiuldas. So schreibt er beispielsweise, dass „die Sprache und die Schriften der gebildeten Menschen die Sprache und Schrift des Volkes sein müssen“12. Die Grammatik selbst definiert Čiulda als eine Sammlung von „Regeln für die gute Ordnung der Sprache, sei sie gesprochen oder geschrieben“13. Dies würde ich als ein für jene Zeit ausgereiftes modernes Verständnis einer Gemeinsprache bezeichnen. Denn sobald sich die brk. herauszubilden beginnt, bildet sich unvermeidlich auch eine an der Schriftsprache orientierte gesprochene Gemeinsprache heraus (die Dialekte sind ja sehr unterschiedlich).

4. Ganz im Gegensatz zu Pabrėža betonte Čiulda, dass die Normierung auf Grundlage der Sprachregeln, der grammatischen Korrektheit, also des Sprachsystems erfolgen müsse, nicht aber auf Grundlage des Sprachgebrauchs. Er sagte, dass „wenn sich die žemaitische (d. h. litauische) Sprache nach dem Vorbild anderer europäischer Sprachen weiterentwickeln soll, dann […] zum Schreiben von Büchern eine Sprache angenommen werden muss, die sich als klarer, regelmäßiger und den Grammatikregeln stärker entsprechend erweist“14 (aus einem Brief an Bischof Motiejus Valančius). Čiulda bemühte sich, dem Sprachsystem zu folgen, das heißt, Ausnahmen von den Regeln, die ihm als solche erschienen, zu verwerfen, selbst wenn sie in der lebendigen Sprache gebräuchlich waren. So schlägt Čiulda beispielsweise aus Gründen des Systems vor, den Dativ Singular des Personalpronomens taw [tav] zu schreiben (und auszusprechen!) und nicht tau, weil der Stamm in den übrigen Kasus überall auf [v] ende (vgl. Gen. Sg. tawęs, Akk. Sg. tawę usw.), obwohl damals wie heute alle Litauer [u] aussprechen — tau. In Čiuldas Grammatik finden sich etliche Beispiele, in denen aufgrund des Sprachsystems in der gesprochenen Sprache gebräuchliche Formen verworfen werden.

III. SIMONAS DAUKANTAS, geboren 1793, ist ein Zeitgenosse Čiuldas. Auch er wurde in Nordžemaitien geboren. Er hat sich um die litauische Kultur als Historiker, Volkskundler, Philologe und überhaupt als Vertreter der neuen modernen

9 Čiulda J. Trumpi samprotavimai apie žemaičių kalbos gramatikos taisykles. — LAIS 6, 233.

10 Ten pat, 249.

11 Ten pat, 227.

12 Ten pat, 230.

13 Ten pat, 330.

14 Ten pat, 364.

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Schöpfer und Wegbereiter der Ideologie des litauischen Volkes, ja sogar ein Symbol. Daukantas lernte in Litauen und arbeitete danach etwa 25 Jahre außerhalb Litauens – in Riga, Sankt Petersburg und anschließend wieder in Litauen.

1. a) Zweifellos war Daukantas ein überzeugter Demokrat; sein Bewusstsein entwarf bereits die Gesellschaft freier Bürger. Daher waren seine Texte und seine Gemeinsprache auch auf die untersten Gesellschaftsschichten, die Bauern, ausgerichtet (das impliziert, dass er sich vorstellte, diese Schichten würden lesen und schreiben lernen). So schrieb er im Vorwort zu einem seiner historischen Werke (”Darbai”): ”aš ne dėl mokytų vyrų ir galvočių, bet dėl tų motinų rašiau, kurios geba savo vaikams darbus jų bočių probočių pasakoti, o be raštų daug kartų apsirinka”15. Eine weitere für Litauen jener Zeit ganz neue Tatsache ist, dass er, Daukantas, ein Laie, ein katholisches Gebetbuch verfasste. Wie Roma Bončkutė hervorhebt, bemühte sich Daukantas neben anderen Texten auch darum, seine Schreibweise für religiöse Texte durchzusetzen16. Es liegt auf der Hand, dass gerade die Bauern dieses Gebetbuch am dringendsten benötigten. Daukantas brach also mit dem Klischee, ein religiöser Text müsse in der vereinfachten traditionellen Schreibweise litauischer religiöser Schriften verfasst werden.

1. b) Schon an der Erstellung des Gebetbuchs zeigt sich, dass Daukantas’ Spektrum der literarischen Gattungen, die in der litauischen Gemeinsprache zu verfassen waren, breiter war als das von Pabrėža. Auch praktisch verwendete Daukantas seine Gemeinsprache viel entschlossener als Čiulda. Er scheute sich nicht, eine kleine Grammatik und andere Werke auf Litauisch zu verfassen, während Čiulda sich das nicht zutraute – abgesehen von der Grammatik schrieb er auch andere wissenschaftliche Werke auf Polnisch.

2. Zu Beginn seines Schaffens orientierte sich Daukantas eindeutig an einem samogitischen Leser; die Sprache seiner Schriften war in jener Zeit stark samogitisch geprägt. In der späteren Schaffensperiode hatte er seine Meinung jedoch geändert und verwendete in seiner Schriftsprache sowohl samogitische als auch hochlitauische Elemente. Daukantas erklärte: ”mano nuomone, negalima rašyti nei vien gryna žemaičių, nei gryna aukštaičių (tarme), bet reikia domėtis jų švelnumu, harmoningumu ir glaustumu”17, — das heißt, beim Schreiben müsse man die Dialekte und ihre Elemente miteinander verbinden. So führte Daukantas in seinem großen polnisch-litauischen Wörterbuch nebeneinander die Formen medioti ‘medžioti’ (samogitisch) und medzioti ‘ebd.’ (hochlitauisch), kwiestas ‘kviestas’ (hochlitauisch) und kwijstas ‘ebd.’ (samogitisch) an. Andererseits übernahm er Schriftelemente (z. B. die Buchstaben ł, é, ô, û sowie die Werte der Buchstaben ž und y u. a.) aus der preußisch-litauischen Schriftsprache und versuchte, sie in Großlitauen einzuführen. Das war weder für Pabrėža noch für Čiulda charakteristisch (bei Čiulda mit gewissen geringfügigen Ausnahmen). Natürlich war Daukantas’ Blickwinkel der weiteste unter allen hier vorgestellten Gemeinsprachemodellen – er wollte seine Gemeinsprache bereits allen ethnischen Litauern zugänglich machen. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass dies der erste derart umfassende Blick auf die Gemeinsprache in der gesamten Geschichte der Normierung der litauischen Sprache war.

3. Dass Daukantas jedoch das Modell der Gemeinsprache für ein großes Gebiet und für alle ethnischen Litauer entwarf, die sehr unterschiedliche, weit voneinander entfernte Dialekte sprachen,

15 D a u k a n t a s S. Raštai / Parengė V. Merkys ir B. Vanagienė 1, Vilnius: Vaga, 1976, 39.

16 B o n č k u t ė R. Nespausdinto rankraščio istorija, — Literatūra ir menas, 1993 m. spalio 16 d., nr. 42, 4.

17 D a u k a n t a s S. Raštai 2, Vilnius: Vaga, 1976, 788.

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… voneinander durch Dialekte unterschieden, was Probleme bei der Normierung der gesprochenen Sprache, d. h. der mündlichen Variante der Gemeinsprache, aufwarf. Für Daukantas’ Ansichten könnte folgendes Zitat kennzeichnend sein: ”Wo es sich ergibt, uo zu schreiben, ist es sehr gut, ą zu schreiben, dadurch kann man allen gefallen, sowohl denjenigen, die zuerst uo [d. h. die Aukštaiten] sagen, als auch denjenigen, die ou aussprechen [d. h. die Žemaiten], denn die einen sagen duoti, die anderen doati”. Eine solche Erlaubnis, den Buchstaben ų polyphonisch entsprechend dem eigenen Dialekt zu lesen, impliziert keineswegs eine einheitliche gesprochene Gemeinsprache. Dies verdeutlicht eine weitere Erklärung Daukantas im Vorwort seines Werks ”Pasakojimas...”: ”Dich, lieber litauischer Leser, bitte ich, mir nicht böse zu sein, weil ich nicht die Sprache deiner Pfarrei geschrieben habe; du kannst selbst, nachdem du es einmal gelesen hast, beim zweiten Lesen die Wörter nach der Aussprache deiner Pfarrei vorlesen. Und wenn du also findest, dass geschrieben steht kantri ir narsį kareiviai, lies kantrūs ir narsūs kareiviai...”18

Daukantas modellierte also ebenso wenig wie Pabrėža eine gesprochene Gemeinsprache. Pabrėža tat dies jedoch deshalb nicht, weil die gesprochene Sprache im kleinen und vergleichsweise sprachlich homogenen Gebiet Žemaitijas hinreichend einheitlich zu sein schien; Daukantas hingegen stellte sich die Gemeinsprache im Wesentlichen als Schriftsprache, nicht aber als gesprochene Sprache vor; zumindest lag ihm diese gesprochene Gemeinsprache kaum am Herzen.

4. Daukantas’ bereits erwähnte Haltung, die Dialekte miteinander in Einklang zu bringen, ist von ihm, dem Historiker, tatsächlich sehr demokratisch formuliert; wie dies praktisch umzusetzen sei, wusste jedoch auch Daukantas selbst nicht genau. Den Wortschatz in Einklang zu bringen ist leichter, doch wie lassen sich unterschiedliche phonetische Erscheinungen miteinander vereinbaren? Häufig nimmt er es nicht auf sich, selbst zu entscheiden und Regeln festzulegen: ”Was den vierten Kasus des Pronomens asz betrifft, wird die Zeit zeigen, ob mani oder manę zu schreiben ist”; ”wie man schreiben soll — tabokis oder tabokas — ist schwer zu erraten”19 und Ähnliches. Formulierungen wie ”die Zeit wird es zeigen” gibt es weder in Pabrėžas noch in Čiuldas normierenden Texten. All dies macht deutlich, dass Daukantas, nachdem er sich in der Spätphase seines Schaffens dafür entschieden hatte, verschiedene Dialekte miteinander in Einklang zu bringen, also eine normierende Regel aufgestellt hatte, nicht weiterging, sondern es offenbar in jedem Einzelfall der Geschichte selbst überließ, wie diese Dialekte in Einklang zu bringen seien. Seine Unfähigkeit, sich festzulegen, zeigt sich auch in der häufig wechselnden Schreibweise Daukantas’, wohl häufiger und stärker als bei jeder anderen litauischen Kulturgestalt des 19. Jahrhunderts. Das Fazit ist eindeutig: Obwohl Daukantas darauf verzichtete, sich ausschließlich auf den Sprachgebrauch oder auf die Formen eines einzelnen Dialekts zu stützen, ist auch die Umsetzung konkreter Regeln nur schwach ausgeprägt.

* * *

Abschließend sind die drei unterschiedlichen Modelle zusammenzufassen. Wie sich zeigt, unterscheidet sich das Modell Pabrėžas, eines Vertreters der älteren Generation, in nahezu allen Parametern von denen der jüngeren Čiulda und Daukantas. Mit Daukantas stimmt es zwar darin überein, dass keine gesprochene Gemeinsprache modelliert wird; wie erwähnt, geschieht dies jedoch aus unterschiedlichen Gründen. Pabrėžas Gemeinsprache ist demnach eine geschriebene gemeinsame žemaitische Sprache, die für die gebildeteren Gesellschaftsschichten und zur Abfassung aller weltlichen Texte bestimmt ist und sich am gesprochenen žemaitischen Dialekt orientiert. Čiulda und Daukantas, Vertreter der jüngeren Generation, unter-

18 Ebenda, 8.

19 Ebenda, 790, 791.

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…scheiden sich von Pabrėža durch ihre neueren, moderneren Auffassungen von der geschriebenen Gemeinsprache – sie wird benötigt, um Literatur aller Art für alle gesellschaftlichen Schichten zu schaffen (allerdings ist Daukantas in der Praxis hier viel mutiger als Čiulda). Ein grundlegender Unterschied zwischen ihren Modellen besteht darin, dass Čiulda eine Sprache nur für Großlitauen modelliert, Daukantas dagegen auch für Kleinlitauen. Ausschlaggebend dafür war Daukantas’ historischer Blick: Er erforschte und empfand besonders stark die historische ethnische Zusammengehörigkeit aller Litauer und entwarf für die Zukunft eine gemeinsame Nation und eine gemeinsame Sprache. Andererseits ist Čiulda als Schöpfer einer Gemeinsprache insofern moderner als Daukantas, als für ihn auch eine gesprochene Gemeinsprache unabdingbar war; außerdem hob er in seiner Grammatik das Sprachsystem und die Regeln besonders hervor und normierte stets jene Formen, die seiner Auffassung nach den Regeln (d. h. dem Sprachsystem) eher entsprachen. In Daukantas’ Arbeiten ist dies nicht deutlich ausgeprägt. Daher würde ich Čiulda einen konsequenten und modernen Theoretiker seiner Zeit nennen, der eine geschriebene und gesprochene Gemeinsprache für Großlitauen für alle gesellschaftlichen Schichten und alle Literaturgattungen modellierte und, was besonders wichtig ist, sein Modell auf dem Kriterium der Systemhaftigkeit der Sprache gründete. Neben Čiulda erscheint Daukantas als Praktiker mit weitem Horizont: Die Sprache müsse für alle Menschen und für Literatur jeder Art geschaffen und von allen Litauern verwendet werden; die umfangreichen, auf Litauisch verfassten Folianten belegen seine praktischen Bemühungen. In theoretischer Hinsicht modellierte Daukantas jedoch keine gesprochene Gemeinsprache und legte nicht fest, wie man sich auf das Sprachsystem und die Regeln stützen sollte. Hinsichtlich seiner Auffassung der Gemeinsprache ähnelt Čiulda daher eher einem theoretischen Linguisten, Daukantas hingegen einem gesellschaftlichen Akteur mit weitem Horizont, nicht aber einem Linguisten.

ANHANG

MODELLE DER GEMEINSAMEN SCHRIFTSPRACHEN VON PABRĖŽA, ČIULDA UND DAUKANTAS (P,Č,D)

1. BRK. ANWENDUNGSBEREICHE

a) SOZIALE SCHICHTEN

alle

nicht alle

Č

P

D

b) LITERARISCHE GATTUNGEN

alle

nicht alle

Č

P

D

2. BRK. GEBIET DER VERWENDUNG

das ganze

nicht das ganze

D

ž+a

ž

Č

P

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3. Verhältnis zur gesprochenen Sprache

gesprochene Schriftsprache modelliert Č

gesprochene Schriftsprache nicht modelliert P D

4. Grundlage

schreiben, wie gesprochen wird P

schreiben, wie es die Regeln (das Sprachsystem) vorschreiben Č D(?)

DREI MODELLE DER LITAUSCHEN GEMEINSPRACHE:

J. A. PABRĖŽA, J. ČIULDA, S. DAUKANTAS

Zusammenfassung

In diesem Artikel werden die Konzeptionen der Gemeinsprache von J. A. Pabrėža, J. Čiulda und S. Daukantas nach 4 Aspekten verglichen: 1) die Gebrauchssphäre der Gemeinsprache (welchen sozialen Schichten und den Sorten der Literatur wird sie gewidmet); 2) das Territorium des Gebrauchs der Gemeinsprache; 3) die Beziehung der Gemeinsprache mit der Umgangssprache; 4) die Grundlage der Gemeinsprache (geschrieben wird so wie gesprochen, oder wie die Regeln, das System der Sprache verlangen). Die Konzeption von J. A. Pabrėža unterscheidet sich in allen Parametern von J. Čiulda und S. Daukantas. J. A. Pabrėža widmete seine Konzeption nur der Intelligenz, nur den weltlichen Texten und nur Žemaiten. Die Hinsicht von J. Čiulda und S. Daukantas auf die Gemeinsprache ist mehr modernisch, sie ist allen sozialen Schichten notwendig, um alle Sorten der Literatur zu schaffen. Ein wesentlicher Unterschied ihrer Modelle ist, daß J. Čiulda die Gemeinsprache nur Groß-Litauen, und S. Daukantas auch Klein-Litauen widmete. Außerdem war J. Čiulda geneigt, nicht nur die Schriftsprache, sondern auch die Umgangssprache zu normen. Bei der Normierung unterstricht er die Bedeutung des Sprachsystems.

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