Skip to document
Back
Go to original Localized version was produced by AI. It may contain inaccuracies.
Preparing document pages…

LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XL (1998)

Aloyzas VIDUGIRIS

Institut für Litauische Sprache, Vilnius

ZANAVYKER – NACHKOMMEN DER SUDauer ODER DER SCHEMAITEN

Prof. Juozas Pikčilingis regte dazu an, sich eingehender mit der Mundart der Zanavyker zu befassen. Diese Arbeit, wenn auch verspätet, soll dem Willen des verstorbenen Professors anlässlich seines 70. Geburtstags und des 450-jährigen Jubiläums des ersten litauischen Buches entsprechen und zugleich Ausdruck der persönlichen Verbundenheit des Autors mit dieser Gegend sein.

Als Zanavyker wird gewöhnlich die nördliche Mundart der südwestlichen Hochlitauer bezeichnet, das heißt eine der Mundarten des Kaunasser Dialekts. Sie ist der nördlichste Teil der sogenannten Užnemunė oder Sūduva und liegt zwischen den Flüssen Nemunas, Šešupė und Višakis. Fast das gesamte Gebiet gehört zum heutigen Bezirk Šakiai (der jetzt zum Kreis Marijampolė gehört). Die Mundart der Zanavyker zählt zusammen mit der der benachbarten Kapsai zu den wichtigsten Dialekten, die der litauischen Standardsprache zugrunde liegen. Aus diesem Gebiet stammten der eigentliche Vater der litauischen Standardsprache, Jonas Jablonskis, sowie viele weitere herausragende Kulturschaffende der wiedererwachenden litauischen Nation und des Staates.

Der Name zanavykų selbst ist nichtlitauischer Bildung und entstand aus dem slawisierten Namen des Flusses Nõva, Nava (in Inventaren von 1561 als Navupe verzeichnet), und dem slawischen Präfix za- ‚hinter-‘; vgl. ähnlich gebildete Ableitungen wie zanemùnščikas, zanemùnščikai oder zalemùnščikai (der Konsonant l anstelle von n in der letzteren Form entstand durch Dissimilation) sowie die Ortsnamen Zadvariškė, Zagriaūžis, Zapùrvė. Demnach müsste man zanavykus auf Litauisch užnoviškiais nennen. Die Bezeichnung zanavykai wird gewöhnlich von ihren südlichen Nachbarn, den kāpsai, verwendet (sie sagen kāp statt kaĩp), um den für die Zanavyker kennzeichnenden fallenden Ton auf beiden Bestandteilen der Diphthonge und Diphthongverbindungen sowie die unveränderte Präposition kaĩp hervorzuheben. Als Trennlinie zwischen Kapsai und Zanavyker gelten gewöhnlich der Višakis, ein rechter Nebenfluss der Šešupė, und der Mittellauf der Šešupė bis Kudirkos Naumiestis. Die Bezeichnung zanavykai ist rein geografisch und nicht ganz genau. Die eigentlichen Zanavyker beginnen bereits vor der Nõva, gleich hinter dem Mittellauf der Šešupė und der Mündung des Višakis, und reichen etwas über den Mittellauf der Nõva hinaus, hinter Griškabūdis; denn in der Umgebung von Sintautai, Lukšiai und Lekėčiai wird die Quantität unbetonter langer Vokale in offenen Endsilben nicht mehr immer gut bewahrt. Gewisse Unterschiede innerhalb der Mundart der Zanavyker sind auf historische und politische Umstände zurückzuführen.

Aus der Geschichte ist bekannt, dass in der gesamten Užnemunė und weit darüber hinaus nach Süden und Südosten bis in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts ein eigenständiger westbaltischer Stamm lebte, der aus Chroniken unter mehreren regionalen, heute zusammenfassend verwendeten Bezeichnungen bekannt ist: sūduviai (aus westeuropäischen und Ordenschroniken bekannt), jōtvingiai (aus slawischen Quellen), daināviai (litauisch), palekiai oder palekšenai (polnisch). Die Sūduver waren als einer der zahlreichsten und am stärksten organisierten westbaltischen Stämme …

22

…stämme, die ihre Existenz tapfer verteidigten, hatten vermutlich einst einen beträchtlichen Teil des heutigen nordöstlichen Polen, des westlichen Belarus und Südlitauens besiedelt. Von mächtigeren Nachbarn bedrängt, waren sie im 13. Jahrhundert weitgehend auf das Gebiet zwischen dem Nemunas im Norden und Osten, dem Fluss Bebras im Süden, dem Raminta-Wald und ungefähr der heutigen Grenze zur Oblast Königsberg (Kaliningrad) im Westen zurückgedrängt. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts wurden sie von den Kreuzrittern endgültig niedergeworfen und grausam verwüstet. Der größte Teil von Sūduva war vermutlich nahezu vollständig entvölkert (Totoraitis 1938: 1–15). Dass Überreste der Sūduver noch längere Zeit im heutigen litauischen Gebiet jenseits des Nemunas lebten, belegt eine beträchtliche Schicht alter Ortsnamen und verschiedener sprachlicher Merkmale. Dass Sūduver früher auch in Südlitauen lebten, zeigen einzelne, aber für ganz Westlitauen charakteristische Merkmale der Phonetik, Morphologie und Lexik (siehe unten).

Nach dem Vertrag von Melno (1422) gehörte der nördliche Teil von Sūduva (das sogenannte Gebiet der Zanavyker) bis Kudirkos Naumiestis, Šešupė, Višakis und zur Mündung der Nevėžis zum Ältestenamt Žemaitija. Deshalb wird manchmal angenommen, die heutigen Bewohner der Užnemunė (Sūduva) – alle südwestlichen Hochlitauer (die südlichen Kaunasser) – seien Nachfahren von Hochlitauern aus dem damaligen Žemaitija. Nicht selten scherzt man sogar, ein Suvalkier, insbesondere ein Zanavyker, sei nichts anderes als ein über den Nemunas geworfener Schemaite. Diese Behauptung scheinen die südlichen Hochlitauer (oder westlichen Dzūker) zu bestätigen, die ihre nördlichen Nachbarn – die südlichen Hochlitauer im Westen – bis heute Schemaiten nennen. Daher möchten wir hier präzisieren, wie viel Wahrheit und wie viel Erdichtung in diesen Behauptungen steckt und schließlich, wie das sogenannte Ödland zur Wiege der litauischen Standardsprache und zum Zentrum der litauischen Wiedergeburt wurde.

Ein umfassenderer Blick auf die Vergangenheit der südwestlichen Hochlitauer (Kaunasser), der sogenannten Zanavyker, und ihrer nächsten Nachbarn auf drei Ebenen (Phonetik, Morphologie und Lexik) wird durch das Material des „Atlas der litauischen Sprache“ ermöglicht. Als eine der wichtigsten gilt gewöhnlich die phonetische Ebene. Nicht minder wichtige ergänzende Daten können auch andere Sprachebenen liefern – morphologische und lexikalische Merkmale sowie ihre Verbreitung. Bei der Untersuchung der Vergangenheit und Herkunft der Zanavyker sind variierende dialektale Merkmale besonders wichtig: Einige können älter, andere jüngeren Datums sein; manche stammen aus der einen, andere aus einer anderen Mundart; einige sind weiter, andere enger verbreitet. Versuchen wir also zumindest annähernd festzustellen, was in der Mundart der Zanavyker den Westlitauern gemeinsam und was spezifisch ist, was aus älterer Zeit ererbt und was aus benachbarten Mundarten übernommen wurde. Insgesamt hat die Mundart der Zanavyker als einer der Dialekte des westlichen litauischen Sprachraums mehr archaische Merkmale bewahrt. Das zeigt sich an vielen der nachstehend aufgeführten Eigenschaften.

Hinsichtlich vieler phonetischer Merkmale fügt sich die Mundart der Zanavyker harmonisch in das Gesamtbild der Dialekte dieser Gegend ein. Hier wird nicht versucht, die Lautmerkmale dieser eigenständigen und in mancher Hinsicht einzigartigen Mundart zu untersuchen; vielmehr richtet sich die Aufmerksamkeit auf ihre Verbreitung. Dadurch wird deutlicher, welchen Dialekten sich die Zanavyker stärker anschließen und woher Einflüsse kamen. Beginnen wir mit den weiter verbreiteten Merkmalen und gehen wir in der Reihenfolge ihrer abnehmenden Verbreitung vor.

23

1. Alle westlitauischen Sprecher (West- und Südhochlitauer sowie Žemaiten oder zumindest ein beträchtlicher Teil von ihnen) verbindet Folgendes an archaischen Merkmalen westlichen Typs: a) der nicht verlängerte betonte Vokal a in den Pronomen māno, tāvo, sāvo (LKA 1982: 21–22. Karte Nr. 2.); b) die nicht verlängerten betonten Vokale a, e in zweisilbigen Infinitiven und Verbpräfixen, z. B.: kàst(i), nèšt(i), àpsuku, nènėšu, pàdeda, prãneša, tebèk.alba, tèšnekā (LKA 1982: 31–32. Karte Nr. 13.); c) das erhaltene kurze betonte e in den Suffixen von Komparativadjektiven, z. B.: aukštesnis, -ė, gerèsnis, -ė, jaunèsnis, -ė (LKA 1982: 32–33. Karte Nr. 14.); d) die nicht verlängerten betonten kurzen Stammvokale i, u, z. B.: bùtas, bùvo, kìtas, lìže, lìbos, vìsas (LKA 1982: 37–38. Karte Nr. 19.); e) die nicht verengten tautosilbischen Diphthonge am, an, em, en, z. B.: kãmpas, lángas, lãnkas, pántis, sámtis, pémpė, péntis, pẽnktas, švẽntė, tẽmpti, tèšnekā (LKA 1982: 83–89. Karte Nr. 68–72.).

2. Außer bei den Südhochlitauern sind weiter oder begrenzter unter den Westhochlitauern (Kaunaser, Šiauliai- und Klaipėdaer Mundarten) und mitunter auch in einem beträchtlichen Gebiet der Žemaiten folgende aus alter Zeit überlieferte Merkmale verbreitet: a) Erhaltung langer betonter und unbetonter Stammvokale a, e, z. B.: kãsnis, grãžtas, grẽžt(i), skẽst(i), sprẽst(i), kãšnėlis, grãžtėlis, žãšėlės, grẽžimas, tẽsimas (LKA 1982: 61–63. Karte Nr. 44–45.); b) das nicht verkürzte betonte a in offener Endsilbe in den Akkusativ-Singular-Formen der Pronomen, z. B.: aną, ką, katrą, tą (LKA 1982: 63. Karte Nr. 46.); c) zusammen mit den Žemaiten ungefähr bis zur Linie Žagarė–Šiauliai–Kėdainiai–Kaunas–Prienai–Krosna wird l vor e, ei, ę, ė nicht palatalisiert, z. B.: lėdas, leĩdžia, lẽkia, pelėnai, kiaũlė, pėlės, sáulę (LKA 1982: 33–35, 53, 66. Karte Nr. 15–16, 34, 49.); d) in einem etwas größeren Gebiet bleibt das lange y in der Endung der 3. Person gemischter Verben im Futur erhalten, z. B.: badýs, darýs, matýs (LKA 1982: 60–61. Karte Nr. 42.); e) die Präposition į wird in den westhochlitauischen Klaipėdaer Mundarten sowie im angrenzenden Gebiet der Žemaiten und der Kaunaser bis Vilkija, Kaunas und Marijampolė lang ausgesprochen (LKA 1982: 68. Karte Nr. 53.); f) nicht nur in einem größeren Gebiet der Žemaiten, sondern auch in einem kleineren Teil der Kapsen, ungefähr bis Skriaudžiai, Sasnava und Vištytis, ist der ursprüngliche Wortanlautvokal e unverändert erhalten – sowohl einzeln als auch in den Verbindungen ei, el, en, er, z. B.: ẽglė, eketė, ẽsti, ežìa, eilė, eit(i), éln.ias, éngt(i), erškėtis (LKA 1982: 26–29. Karte Nr. 9, 10.)

Zugleich sind die Innovationen der Zanavyker und der benachbarten Mundarten zu nennen: a) wahrscheinlich aufgrund einer Analogie wird e auch im Wort ekmuõ im Gebiet um Eržvilkas, Jurbarkas, Šakiai und Kudirkos Naumiestis ausgesprochen (LKA 1991: 34. Karte Nr. 27.); b) verengtes e im Wort ẽsù ‚ich bin‘ im Gebiet der Zanavyker bis Kriūkai und Barzdai, im Teilgebiet der Kapsen bis Vilkaviškis sowie nördlich des Nemunas bis Vilkyškiai, Šimkaičiai und Veliuona (LKA 1991: 82. Karte Nr. 78.) und weitere.

3. Nur im Gebiet der Kaunaser (vorwiegend in ihrem westlichen Teil) werden folgende alte oder jüngere Merkmale verwendet, die gewöhnlich nach Kleinlitauen reichen: a) das unverkürzte unbetonte a in offener Endsilbe ist in den Plural-Nominativ-Formen des Präsens der aktiven Partizipien erhalten, z. B.: kẽkią, láukią, sãką (LKA 1982: 64. Karte Nr. 47.); b) das lange ę derselben Position ist in den Nominativformen des Singulars und Plurals des aktiven Partizips des Präteritums erhalten, z. B.:

24

bijojęs, bijoję, buvęs, buvę, šakęs, šakę (LKA 1982: 66–67. Žemėl. nr. 50–51.); c) sukietėjęs bendraties priebalsis t išnykus balsiui i, pvz.: áust, bijót, nešt, pjáut (LKA 1982: 105–106. Žemėl. nr. 90.); d) kietai tariamas priebalsis l žodžiuose (skoliniuose) páltas, pőlka, válas (LKA 1982: 109–103. Žemėl. nr. 86.); e) žodyje pėsčias, -ia įterpiamas priebalsis k – pėkščias (LKA 1982: 117. Žemėl. nr. 100.); f) metatetinių žodžių primdėlė, pirmgalys vietoj pirmdėlė, pirmgalys vartojimas (LKA 1982: 121. Žemėl. nr. 104.); g) tvirtapradės šaknies būtojo laiko neveikiamųjų dalyvių kirčiavimas pirmąja kirčiuote, pvz.: pagirtas, -a, nušautas, -a, prikáltas, -a (LKA 1982: 127–128. Žemėl. nr. 108.) ir kt.

4. Nur die Zanavyker verbindet mit den westlichen Veliuonaer Mundarten, den Klaipėdaer Mundarten, Kleinlitauen und den benachbarten Žemaiten die Aussprache des Zirkumflex-Akzents auf beiden Bestandteilen von Diphthongen und Doppelvokalen, z. B.: baĩgia, eĩna, kaũkia, lãukas, vaĩkas, bãlsas, dãlgis, dãržas, pẽršti, dūmblas, gūlt(i), kìmba, lìnksta, pìrštas, pū́rvas (LKA 1982: 39–40, 125. Karte Nr. 21, 106.).

5. Die Mundart der Zanavyker wird durch die unterschiedliche Aussprache unbetonter langer Vokale in offener Wortendsilbe in zwei Hälften geteilt (bis zu einer Linie, die von Sintautai zwischen Lukšiai und Griškabūdis sowie durch Jankai, Lekėčiai und Višakio Rūda, Zapyškis und Pažėrai verläuft): a) In den Akkusativformen des Singulars von Nomina bleiben die unbetonten Endungen -ą, -ę nur im südlichen Teil des Kaunaser Gebiets, d. h. im südlichen Teil des Zanavykergebiets und in der Mundart der Kapsen, lang; nördlich der genannten Linie sind diese Vokale verkürzt, z. B.: gẽrą kẽlią ~ gẽrą kẽlią, didelę ūpę ~ didelę ūpę (LKA 1982: 64–66. Karte Nr. 47–49.); b) die offenen Wortendungen ė, o bleiben südlich der genannten Linie nicht nur im südlichen Teil des Westhochlitauischen, sondern auch im gesamten südhochlitauischen Gebiet unverändert; nördlich davon sind diese ė, o wie in der Veliuonaer Mundart zu kurzen i, u geworden, z. B.: kárvi ~ kárve, lãpi ~ lãpe, lĩepi ~ lĩepė, mãti ~ mãtė, bróliu ~ brólio, laũku ~ laũko, bū́vu ~ bū́vo, sãku ~ sãko (LKA 1982: 49–50, 56–57. Karte Nr. 32, 38); c) in ganz Südlitauen bleiben ähnlich die nicht verkürzten Vokale in offener Endsilbe (Akk. Sg.) į, ų erhalten, während sie im nördlichen Teil des Zanavykergebiets bis zur genannten Linie kurz sind, z. B.: geležini peili ~ geležini peilį, sáldu mẽdu ~ sáldų mẽdų (LKA 1982: 70. Karte Nr. 56–57). Man nimmt an, dass diese Verkürzung der Endungen nicht früher als im 17. Jahrhundert erfolgte (Salys 1966: 37). Offenbar verlief die Welle der Endungsverkürzung sowohl in den nördlichen Teil des Zanavykergebiets als auch in die gesamte sogenannte Striukiai-Unterdialektgruppe Kleinlitauens gleichzeitig. Folglich verkürzten bis dahin alle südlichen Westhochlitauer, ebenso wie die Südhochlitauer, die Endungen in dieser Position nicht.

6. Hinsichtlich der Aussprache der unbetonten, nicht verkürzten Vokale ė, o in geschlossener Endsilbe gehen die Südhochlitauer fast mit allen Kaunaser Mundarten (d. h. den Kapsen, Zanavykern und dem südlichen Teil der Veliuonaer) zusammen, z. B.: ė und (i)ã-Stämme im Genitiv Singular und Nominativ Plural lãpės, medìnės, pẽmpės, lū́pos, sáujos.

Aus der oben betrachteten unterschiedlichen Verbreitung der phonetischen Merkmale lässt sich schließen, dass in der Mundart der Zanavyker zwei Einflussströme aufeinandertrafen: einer aus dem Norden (und vielleicht aus dem Nordwesten), der andere aus dem Südosten (Zinkevičius 1987: 246). Zugleich lässt sich jedoch nicht übersehen, dass auf der Grundlage der westbaltischen Sprache in Südlitauen,

25

Noch vor der Verwüstung der Sudauer muss sich bereits die westlitauische Mundart der Hochlitauer oder zumindest deren Herausbildung begonnen haben, ebenso ihre südliche Variante. Die frühe Litauisierung der westlichen Balten (Mažiulis 1994: 4–6; 1995: 465–469) wurde durch das stürmische Vordringen der Slawen in die baltischen Gebiete, die bald darauf einsetzende rasche Herausbildung der litauischen Ethnie und die Infiltration von Zuwanderern aus den östlichen baltischen Gebieten begünstigt. Wie unterschiedlich die östlichen Sprachmerkmale ihren Weg nach Westen bahnten, zeigt der nordwestliche Teil der südlichen Hochlitauer, das sogenannte Priedzukis (Morkūnas 1994: 84–92). Die östliche Grenze der westlichen Balten lag einst offenbar nahe der Isophone der erhaltenen tautosilbischen am, an, em, en, die im Norden nahezu mit der Grenze zwischen den Žemaiten und dem Gebiet von Upytė zusammenfiel (Maksimaitienė 1986: 22), während sie im Süden – von Ūkainiai (südlich von Ramygala) an – der Ostgrenze der Woiwodschaft Trakai entsprach.

Hinsichtlich vieler morphologischer Flexions- und Wortbildungseigenschaften unterscheiden sich die Zanavykai nicht von den Nachbarn, insbesondere den hochlitauischen Mundarten. Bei manchen Merkmalen verbinden sie sich mit den benachbarten Veliuona-Sprechern (den nördlichen Kaunas-Sprechern) und den Žemaiten, bei anderen bilden sie mit den benachbarten hochlitauischen Kaunas- und Klaipėda-Sprechern gleichsam ein eigenes Areal; bei wieder anderen stehen sie gleichsam an einem Kreuzweg zwischen Ost und West.

1. Die Žemaiten, die westlichen Hochlitauer und die südlichen Hochlitauer bis ungefähr zur Linie Kriukai–Pašvitinys–Lygumai, östlich von Baisogala–Šėta–Gegužinė–Nerimė–Vokė–Rūdninkai–Butrimonys–Varėnavas (Balatna), gehen hinsichtlich der Aussprache der Endung der Verben in der 3. Person Singular des Präteritums kišo, kniso, rišo gemeinsam (LKA 1991: 102. Karte Nr. 97.).

2. Im Gebiet der Zanavykai (besonders in dessen westlichem Teil bis Lekėčiai, Griškabūdis und Barzdai) sowie bei den Veliuona-Sprechern (bis zur Linie Jurbarkas–Girkalnis–Mittellauf der Dubysa) überlagern sich hinsichtlich der Dativendung des Plurals verschiedener Stämme zwei Schichten: eine archaischere, die sich über die nördlichen Kaunas-Sprecher bis zu den Žemaiten erstreckt (z. B. vyrams, peiliams, boboms, gražioms, akims, nosims, vagims, sūnims, seserims), und eine modernere, vereinfachte Schicht, die aus den hochlitauischen Mundarten stammt, d. h. ohne die Endung -s (z. B. vyram, peiliam, bobom, gražiom, akim, nosim, vagim, seserim, sūnim; daneben bei den Veliuona-Sprechern und anderen östlichen und südlichen Hochlitauern sūnām, bei den Žemaiten sūnāms) (LKA 1991: 61–65. Karten Nr. 56–61.).

3. Die Zanavykai (ohne Lekėčiai) gehen hinsichtlich des erhaltenen Suffixes -ininkas gemeinsam mit dem westlichen Teil der Veliuona-Sprecher (jedoch ohne Veliuona), den westlichen Hochlitauern von Klaipėda und den Žemaiten, z. B.: darbininkas, daržininkas, šeimininkas (LKA 1991: 128–129. Karte Nr. 115.). Ähnlich findet man in demselben Gebiet (nun aber zusammen mit Lekėčiai und dem Städtchen Veliuona) das i-stämmige Wort bitis neben der selteneren Form bitė (LKA 1991: 33. Karte Nr. 23.).

4. Die Zanavykai verbinden sich zusammen mit einem Teil der Veliuona-Sprecher und der hochlitauischen Klaipėda-Sprecher mit den südlichen und östlichen Hochlitauern hinsichtlich der erhaltenen i-stämmigen Verben der 3. Person Singular Präsens gāli, gùli, nóri (LKA 1991: 97–98. Karte Nr. 94.).

5. Nur in einem größeren oder kleineren Gebiet der westlichen Hochlitauer von Kaunas und der benachbarten Klaipėda-Sprecher sind, überwiegend entlang der Grenze zum Gebiet Königsberg (Kaliningrad), die folgenden Merkmale verbreitet (einige davon sind zweifellos Archaismen): a) Akzentuierung-

26

mo variantas musė (LKA 1991: 33. Žemėl. nr. 24.); b) nuosekliai išlaikytas u kamieno dgs. vardininkas sūnūs, pietūs (LKA 1991: 57–58. Žemėl. nr. 49.); c) geriausiai išlaikoma visų laikų ir nuosakų veiksmažodžių daugiskaitos 1 a. forma su galūne -e: dirbame, geriame, mylime, ėjome, bėgdavome (LKA 1991: 85–86. Žemėl. nr. 82.); d) esamojo laiko 3 a. forma pjauja (LKA 1991: 95. Žemėl. nr. 91.); e) priesagos -ėti vedinys (bendratis) gyvėt(i) ‘gyventi’ (LKA 1991: 151. Žemėl. nr. 142.); f) sutrumpėję prielinksniai gerý ‘geryn’, sený ‘senyn’, žemý ‘žemyn’ (LKA 1991: 153. Žemėl. nr. 144.);g) įjo kamieno vns. vardininko forma zuikys (LKA 1991: 25. Žemėl. nr. 6.).

Die Bezeichnung zuikis, zùikis, zuikys, die nur in Westlitauen verbreitet ist, ist zugleich auch eine lexikalische Frage, denn östlich der Linie Joniškis–Radviliškis–Kėdainiai–Jonava–Jiežnas–Druskininkai wird bereits das Wort kiškis verwendet. Das Wort zuikis selbst ist vermutlich kurischer Herkunft (Kaukienė 1995: 473). Wann es jedoch seine Reise in das historische Sudauen (in das gesamte Užnemunė und darüber hinaus) antrat, ist unklar, denn die Sudauer bezeichneten den Hasen früher wie die Preußen mit dem Wort sasnis (vgl. den Ortsnamen Sasnavà). Die Einwirkung der Ältestenschaft von Žemaitija, die erst im 15. Jahrhundert den Nemunas überschritt, dürfte kaum genügt haben, damit sich das Wort zuikis so weit verbreitete. Wahrscheinlich begannen die Sudauer, dieses Wort im Zuge ihrer Litauisierung bereits vor der Tragödie zu verwenden, die sie gegen Ende des 13. Jahrhunderts traf.

Nicht weniger wichtig sind auch andere lexikalische Daten, die verschiedene Überlegungen zur Herkunft einzelner Wörter, zu ihrer Verbreitung usw. anregen. Das Gebiet der Zanavykai-Mundart grenzt sich anhand vieler traditioneller Bezeichnungen überwiegend an die westlichen Hochlitauer an. Manchmal verbinden einzelne Objektbezeichnungen (Wörter) alle Zanavykai oder einzelne Teile ihres Gebiets stärker mit den nördlichen westlichen Hochlitauern und weiter entfernten Mundarten, manchmal eher mit den südlichen, insbesondere den westlichen Mundarten Kleinlitauens.

1. Im gesamten südwestlichen Gebiet der litauischen Sprache (in den Mundarten der Žemaiten, der westlichen und südlichen Hochlitauer) werden die folgenden Dinge nahezu gleich bezeichnet: a) pelūdė „Stelle oder Anbau am Rand der Scheune, in den Spreu geschüttet wird“ (LKA 1977: 54. Karte Nr. 15.); b) erūkas, erūkas „junges Schaf“ (LKA 1977: 148–149. Karte Nr. 74.); c) gluosnis „Baum oder Strauch mit biegsamen Zweigen (Galix)“ (LKA 1977: 164–165. Karte Nr. 90.); d) lydekà „Raubfisch der Süßgewässer (esox lucius)“ (LKA 1977: 154. Karte Nr. 80.); e) šaltinis „aus der Erde hervorsprudelnde Quelle“ (LKA 1997: 180–181. Karte Nr. 104.); f) in einem etwas kleineren Gebiet Westlitauens hat sich die altertümliche Bezeichnung des männlichen Tieres der Ente erhalten: gaigalas (LKA 1977: 145–146. Karte Nr. 73.); g) dal̃gis „Werkzeug zum Mähen von Getreide oder Gras“ (die maskuline Form wird in den westlichen hochlitauischen und žemaitischen Mundarten verwendet) (LKA 1977: 111. Karte Nr. 50.).

2. Ein eigenständiges lexikalisches Gebiet, das sich nahezu mit dem Gebiet der westlichen Hochlitauer von Kaunas (der sogenannten Kapsai, Zanavykai und Veliuona-Sprecher) deckt: a) pértráuktis „Stange, die das Vordergestell eines Wagens mit dem Hintergestell verbindet, gewöhnlich zusammen mit der Deichsel“ (LKA 1977: 90–91. Karte Nr. 35.); b) kám̃pa „Querbalken eines Schlittens, Zugholz oder Zugholz und Speiche zusammen“ (LKA 1977: 101. Karte Nr. 44.); c) jungėlis, jūngas „Band, das den Dreschflegelstiel mit dem Flegelkopf verbindet“ (LKA 1977: 118–119. Karte Nr. 57.); d) skràn-

27

da ‘kailiniai’ (LKA 1977: 144–145. Žemėl. nr. 72.); e) vyturys ‘žvirblinių būrio paukštis giesmininkas, vieversys (Alanda arvensis)’ (LKA 1977: 151–152. Žemėl. nr. 79.); f) bulvė ‘daržovė, kurios valgomi šakniagumbiai turi daug krakmolo (Solanum tuberosum)’ (LKA 1977: 161. Žemėl. nr. 87.); g) kadugys, kãdugis ‘sausų vietų dekoratyvinis spygliuotis krūmas ar medis juodomis uogomis, kadagys (Juniperus)’ (LKA 1977: 165. Žemėl. nr. 91.); h) dilgėlė, ‘piktžolė, vaistinis, pluoštinis augalas, kurio stiebas ir lapai turi dilginamųjų plaukelių (Urtica)’ (LKA 1977: 167–168. Žemėl. nr. 94.); i) srãvažolė, stravažolė ‘graižažiedžių šeimos vaistinis augalas (Achillea)’ (LKA 1977: 168. Žemėl. nr. 95.); j) rikė ‘javų guba’ (LKA 1977: 186–187. Žemėl. nr. 109.); k) žiaunė ‘kepalo papentis, žiauberė’ (LKA 1977: 189–190. Žemėl. nr. 112.).

3. Vorwiegend nur von den Zanavyker und Kapsen (Kaunasser aus dem Gebiet jenseits der Memel) verwendete Bezeichnungen: a) kãimas „Wohn- und Arbeitsstätte der Bauern, Gehöft“ (die Bewohner von Veliuona und die benachbarten Žemaiten haben die Variante kãima) (LKA 1977: 45–46. Karte Nr. 9.); b) išautys, išautis „Teil des Wagenuntergestells, eine Stange, die Vorder- und Hinterachse verbindet“ (LKA 1977: 90–91. Karte Nr. 35.); c) angis „Schlange“ (ein den Sūduver, Preußen und Litauern gemeinsames Wort, das vorwiegend von Kapsen und südlichen Zanavykern verwendet wird und auch in benachbarten südlichen Oberlitauischen, Klaipėdaer und Kleinlitauischen Mundarten vorkommt) (LKA: 152. Karte Nr. 80.); d) statinė „großes, zylindrisches Holzgefäß aus Dauben“ (LKA 1977: 68–69. Karte Nr. 22.).

4. Bezeichnungen oder ihre Varianten, die nur in den Mundarten der Zanavyker und der Bewohner von Veliuona (mittlere und nördliche Kaunasser) verwendet werden: a) kašė, kašė „Korb, Flechtkorb“ (LKA 1977: 79–80. Karte Nr. 28.); b) avižė „großes, am Wasser lebendes Insekt aus der Gruppe der Libellen, eine Libelle (Aeschna)“ (LKA 1977: 158–159. Karte Nr. 85.).

5. Nur die Zanavyker haben das Wort sklendė „Vorrichtung zum Verschließen von Türen oder Fenstern, Riegel“ (LKA 1977: 40–41. Karte Nr. 6.).

6. Im Gebiet der Zanavyker treffen folgende Bezeichnungen aufeinander (manchmal teilen sie es untereinander auf): a) Nördlich bis zur Linie Sintautai–Lekėčiai wird für den Boden des Getreidespeichers die Bezeichnung aslà verwendet, südlich bis zur Linie Šakiai–Lekėčiai dagegen gréndymas „gestampfter Scheunenboden“ (LKA 1977: 53–54. Karte Nr. 4.); b) Im Süden bis Šakiai–Lukšiai und Lekėčiai lautet die Bezeichnung für den Getreidespeicher klúonas, im Norden bis Šakiai, Sintautai, Griškabūdis und Kazlų Rūda klojimas, im Westen bis Kiduliai, Šakiai, Sintautai und Žvirgždaičiai der Germanismus skūnia (LKA 1977: 53. Karte Nr. 14.); c) Im Südosten bis Veliuona, Plokščiai, Lukšiai und Sintautai wird das Wort krėslas „gewöhnlich der vordere Teil eines Wagens, in den die Deichselholme eingesetzt werden“ verwendet, im Nordwesten hingegen der im benachbarten westlichen Oberlitauischen von Veliuona und im östlichen Teil des Klaipėdaer Dialekts verwendete Hybrid gývrungis (LKA 1977: 93–95. Karte Nr. 37.); d) Im Osten bis Šakiai und Plokščiai wird die Bezeichnung rõgės „Winterfahrzeug mit Kufen“ verwendet, im Nordwesten bis Žalioji (südlich von Kudirkos Naumiestis), Barzdai und Višakio Rūda dagegen šlajos (übrigens bezeichnet šlajos in der Gegend um Šakiai, Lukšiai, Griškabūdis, Kudirkos Naumiestis und Barzdai einen Arbeitschlitten, rõgės dagegen ein leichteres, für festliche Anlässe bestimmtes Winterfahrzeug) (LKA 1977: 100–101. Karte).

28

Nr. 43.); e) Südlich des Mittellaufs der Šešupė bis Barzdai, Griškabūdis, Lekėčiai und Zapyškis heißt eine längliche Senke im Gelände klonis, während nördlich davon bis Kybartai, Vilkaviškis, Kazlų Rūda und Skriaudžiai die Bezeichnung lomā verbreitet ist (LKA 1977: 178–179. Karte Nr. 103.).

7. Die westlichen Oberlitauer (Kaunasser, Klaipėdaer oder Teile von ihnen) verbindet mit größeren oder kleineren Gebieten benachbarter Mundarten und mit den Mundarten Kleinlitauens eine Reihe verschiedener Bezeichnungen, ethnografischer Ausdrücke und Lehnwörter: a) būtas „Vorraum, Vorhalle“ (LKA 1977: 38–39. Karte Nr. 5.); b) stubà „Bauernwohnhaus, Bauernstube, Häuschen“ (im Gebiet der Kaunasser hat es vermutlich das ältere Wort trobà verdrängt) (LKA 1977: 34. Karte Nr. 2.); c) dyselýs, dýselis „Wagenlenker, Stange zur Steuerung eines Zweispänners“ (LKA 1977: 93. Karte Nr. 36.); d) šlaunys „Teil des Zweispänners der westlichen Oberlitauer und Kaunasser zur Befestigung des Deichselholms“ (LKA 1977: 93. Karte Nr. 36..); e) skiètas „Querbalken am Wagen zum Einhängen der Zugstränge, nur in einem begrenzten Gebiet Westlitauens verbreitet“ (LKA 1977: 91–92. Karte Nr. 36.); f) bùkšas, bukš(w)à „Radnabe“ (LKA 1977: 100. Karte Nr. 40.); g) kripė, kripės „Wagengestell, seitliche Wagenwand“ (LKA 1977: 99–100. Karte Nr. 39.); h) špykis, špykis „Radspeiche“ (LKA 1977: 98. Karte Nr. 41.); i) rinkùtė, rinkėlė „Teil der Sensenhülse, Ring“ (LKA 1977: 114–115. Karte Nr. 53.); j) pãkalas, prãkalas „Sensenkeil, Keil“ (LKA 1977: 115–116. Karte Nr. 54.); k) brókštas, brokštėlis „hölzernes Gefäß zum Buttern, Butterfass“ (LKA 1997: 141–142. Karte Nr. 71.) und andere.

8. Folgende Bezeichnungen verbinden den südlichen Teil des westlichen Oberlitauischen, mitunter nur das Gebiet der Kaunasser jenseits der Memel, mit dem südlichen Oberlitauischen: a) tvãrtas „Stallgebäude“ (LKA 1977: 49–50. Karte Nr. 13.); b) vežimas „Pferdefuhrwerk, Wagen“ (LKA 1977: 89–90. Karte Nr. 34.); c) keltuvė „Dreschflegelstiel“ (LKA 1997: 116–117. Karte Nr. 55.); d) mėkšras „kleiner, flacher Fisch aus der Familie der Karpfen, der in Süßgewässern und Meeren lebt, Plötze (Rutilus rutilus)“ (die im Süden und Nordwesten Litauens verbreitete Bezeichnung reicht nur bis zur Memel) (LKA 1977: 153–154. Karte Nr. 82.); e) apsiaùti (kėlinės) „anziehen (Schuhe)“ (LKA 1977: 192–193. Karte Nr. 110.) und andere.

Die hier angeführte Lexik ist recht uneinheitlich. Neben dem alten, ererbten Wortschatz gibt es auch ganz neue Elemente – eine beträchtliche Schicht von Lehnwörtern, insbesondere Germanismen. Daher kann man sich nicht bedenkenlos auf sie stützen. Zur Bestimmung von Einflussrichtungen ist ihre Bedeutung jedoch nicht geringer als die der lautlichen Ebene.

Schlussfolgerungen. Das Gebiet der Mundarten der sogenannten Zanavyker deckt sich nahezu vollständig mit den heutigen Grenzen des Bezirks Šakiai. Obwohl die Bezeichnung zanavykai rein geografisch und nicht ganz genau ist, hat sich das Wort doch fest eingebürgert: Die Wochenzeitung „Zanavykai“ erscheint, und die Zanavyker-Vereine der Landsleute sind aktiv. Die Zanavyker bilden eine der Mundarten des westlichen Oberlitauischen, der kaunassischen Untergruppe. Sie nehmen den westlichen Teil des zentralen Kaunassischen ein und fügen sich harmonisch in das System der litauischen Dialekte ein.

Historisch besiedeln die Zanavyker den nördlichen Teil des alten Sūduva, der vermutlich am frühesten dem Einfluss der sich herausbildenden litauischen Ethnie und Sprache ausgesetzt war. Im Mittelalter entstand hier ein Dykragebiet, von dem die Chroniken des Deutschen Ordens berichten,

29

war das Ergebnis dauernder, mehr als zweihundert Jahre währender Kämpfe und Feldzüge gegen den litauischen Staat. Doch dieses Ödland war nicht völlig unbewohnt, sondern nur relativ dünn besiedelt. Obwohl das Gebiet der Zanavykai im 15.–17. Jahrhundert zur Ältestenschaft Samogitiens gehörte, war der Einfluss der Dialekte der nächstgelegenen Nachbarn dieser Ältestenschaft, der westlichen Oberlitauer (der sogenannten Veliuonaer), wohl kaum entscheidend. Diesen von Norden kommenden Einflussstrom in die weiter südöstlich gelegenen Gebiete bremste stark ein ebenso mächtiger Einflussstrom, der von den benachbarten Dialekten der Woiwodschaft Trakai herüberkam. Der südliche Dialekt der Woiwodschaft Trakai war jedoch nicht einheitlich. Er bestand aus zwei Schichten: einer älteren, westlich geprägten Schicht, die sich vermutlich noch auf der Grundlage der Sprache der westlichen Balten, der Sudauer, herausgebildet hatte, und einer zweiten Schicht östlicher Merkmale, die mehr oder weniger in die erste eingedrungen war oder sie überlagert hatte. Die meisten dieser Merkmale, die die Mundart der Zanavykai nicht erreicht haben, enden im Übergangsgebiet zwischen dem südöstlichen Randgebiet des westlichen Oberlitauischen (Kaunaser Unterdialekt) und dem nordwestlichen Randgebiet des südlichen Oberlitauischen. Außerdem standen der Westrand des Kaunaser Unterdialekts des westlichen Oberlitauischen, also auch die Mundart der Zanavykai, stets unter dem direkten Einfluss der Mundarten des südlichen westlichen Oberlitauischen in Kleinlitauen. Daher ist der nördliche Teil der Mundart der Zanavykai im Wesentlichen eine Fortsetzung der Mundart der sogenannten Striukiai. Somit ist die Mundart der Zanavykai, die auf der Grundlage westlicher litauischer Mundarten entstanden ist, eine eigenständige Ausprägung des südlichen westlichen Oberlitauischen und reicht mit ihren Wurzeln noch bis zur sudauischen Grundlage der alten Bewohner dieser Gegend zurück.

Eingegangen am 17.04.1998

LITERATŪRA

K a u k i e n ė A. 1995: Kaip kalbėjo kunigaikštienė Birutė. – Lietuvininkų žodis, Kaunas: Lite-rae universitatis, 469–478.

L K A 1977: Lietuvių kalbos atlasas 1. Leksika, Vilnius: Mokslas.

L K A 1982: Lietuvių kalbos atlasas 2. Fonetika, Vilnius: Mokslas.

L K A 1991: Lietuvių kalbos atlasas 3. Morfologija, Vilnius: Mokslas.

M a k s i m a i t i e n ė O. Upytės senovė. – Upytė. Vilnius: Mintis, 21–30.

M a ž i u l i s V. 1994: Prūsai ir kiti baltai. – Prūsijos kultūra, Vilnius: Academia, 4–6.

M a ž i u l i s V. 1995: Dėl Prūsijos lietuvių kilmės. – Lietuvininkų žodis, Kaunas: Litterae universitatis, 465–469.

M o r k ū n a s K. 1994: Dėl priedzukio ir jo ribų. – Lietuvių kalbotyros klausimai 34, Vilnius, 84–92.

S a l y s A. 1966: Zanavykai. – Lietuvių enciklopedija 35, Boston: Lietuvių enciklopedijų leidykla, 34–38.

T o t o r a i t i s J. 1938: Sūduvos Suvalkijos istorija, Kaunas.

Z i n k e v i č i u s Z. 1987: Lietuvių kalbos istorija, Vilnius: Mokslas.

SIND DIE ZANAVYKAI NACHKOMMEN DER SŪDUVAI ODER DER ŽEMAIČIAI

Zusammenfassung

Die Grenzen des Gebietes der sog. Zanavykai stimmen beinahe ganz überein mit denen des heutigen Bezirkes Šakiai. Die Bezeichnung zanavykai ist eine rein geographische, nicht sehr

30

genaue: eigentlich bedeutet es das „Zanavykische“ und ist eine Mundart des Kaunaser westaukštaitischen Dialektes, die jedoch nur den zentralen Westteil des Kaunaser Dialektes umfaßt. Historisch gesehen nimmt das Zanavykische den nördlichen Teil der alten Süduva ein, der – wie es angenommen wird – als erster unter den Einfluß des entstehenden litauischen Volkstums und der sich herausbildenden litauischen Sprache geriet. Das Land verödete im Mittelalter, wohl nur relativ, infolge der beinahe zwei Jahrhunderte andauernden Kriegszüge des Ritterordens und seiner Kämpfe mit dem litauischen Staat. Das Problem der Herkunft der Zanavykai wurde gelöst vor allem aufgrund des in „Lietuvių kalbos atlasas“ / „Atlas der litauischen Sprache“ (Bd. 1–3) vorliegenden Stoffes.

Obwohl das Zanavykai – Gebiet im 15.–17. Jh. zum žemaitischen Bezirk gehörte, war wohl kaum der Einfluß der Mundart, die von den nächsten Nachbarn dieses Bezirkes gesprochen wurde – das Westaukštaitische der Nordkaunaser (das sog. „Veliuonaer“) von Bedeutung. Der Einfluß anderer Dialekte – der in der Nähe von Trakai gesprochenen – verhinderte die Verbreitung der aus dem Norden ins südöstliche Gebiete strömenden Mundart. Der Süddialekt des Bezirkes von Trakai jedoch war nicht einheitlich. Er bestand aus zwei Schichten: die erste, die ältere, die westlich gestaltete, die sich wohl aufgrund der Sprache der westbaltischen Suduwen / Süduviai entwickelte und die zweite, die östlich gestaltete, die die erste stärker oder schwächer durchsetzte oder sie überlagerte. Die meisten Eigenheiten, die das Zanavykische nicht erreichten, blieben stecken am Rande des Gebietes, das den Übergang vom südöstlichen Kaunaser Westaukštaitischen zum nordwestlichen Südaukštaitischen bildete. Außerdem befand sich das westliche Randgebiet des Kaunaser Westaukštaitischen, also auch das Zanavykische ständig unter dem Einfluß der Mundarten des Südwest aukštaitischen von Kleinlitauen. Deshalb wird das Nordzanavykische eigentlich als eine Fortsetzung der sog. Striukiai – Mundart betrachtet. Also ist das Zanavykische, besonders das Südzanavykische, das sich aus den westlitauischen Mundarten entwickelt hat, ein eigenständiger Dialekt, der zum Südwestaukštaitischen gehört und noch Spuren des Süduvischen (die Süduviai sind die Ureinwohner dieses Gebietes) aufweist.

31

Document details