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ROLANDAS KREGŽDYS

Institut für Litauische Sprache

Forschungsschwerpunkte: vergleichende Grammatik der baltischen und anderer indoeuropäischer Sprachen, baltische Religion und Mythologie, Quellenforschung.

THEONYME IN M. STRYJKOWSKIS WERK KRONIKA POLSKA, LITEWSKA, ŻMÓDZKA I WSZYSTKIEJ RUSI: CHAURIRARI

Theonyme in M. Stryjkowskis Werk Kronika Polska, Litewska, Żmódzka i wszystkiej Rusi: Chaurirari

Z U S A M M E N F A S S U N G

Die Studie untersucht die Etymologie des im Werk von Motiejus Stryjkowski Kronika Polska, Litewska, Żmódzka i wszystkiej Rusi (1582) erwähnten Theonyms Chaurirari sowie die Entwicklung der Funktionen dieser Gottheit. Die einzige bislang vorgelegte, wissenschaftlich fundierte Erklärung zur Herkunft des Namens dieser Gottheit stammt von Vladimir Toporov. Leider ist Toporovs Rekonstruktion *Kaur-aris ‚Gottheit eines braunroten (ein Element der Feuersymbolik) Pferdes‘, die sich auf das Arbeitsmodell des tatpuruṣa-Kompositums stützt, aufgrund des rekonstruierten Genus des zweiten Gliedes, balt. *aris ‚Pferd‘, das in keiner baltischen schriftlichen Quelle belegt ist, spekulativ. Diese Deutung weckt auch hinsichtlich der mythologischen Motivation erhebliche Zweifel, denn weder im baltischen noch im slawischen religiösen System ist ein Kult des Pferdes als Gottheit (!!!) bekannt (abgesehen von rudimentären Überresten des Totemismus). Gestützt auf eine neue Etymologie des Theonyms und die Analyse der Funktionen der Gottheit wird behauptet, dass der Name der Gottheit Chaurirari kein ἅπαξ λεγόμενον ist, wie bislang angenommen. Vermutlich spiegelt dieses Theonym das nomen proprium (Theonym) Kaukarius ‚Berggott‘ wider, das in mehreren Werken von Lexikografen und Kulturschaffenden aus Kleinlitauen des 18. Jahrhunderts belegt ist (in den Wörterbüchern von Jokūbas Brodovskis und Kristijonas Gotlybas Milk aus). Neben der Analyse des genannten Theonyms werden auch Etymologien einiger weiterer Lexeme vorgelegt, die bislang vermutlich fälschlich mit Chaurirari in Verbindung gebracht wurden (Subst. russ. Dial. kaýp ‚hölzerner Hammer zum Betäuben von Fischen‘, Verb. russ. Dial. kaýpитъся, zornig sein; die Stirn runzeln, mürrisch sein; hochmütig sein; stur sein‘).

S T I C H W Ö R T E R: tatpuruṣa-Kompositum, ἅπαξ λεγόμενον; progressive Assimilation, regressive Assimilation; morphophonologische Transposition, Theonym.

S C H L Ü S S E L W Ö R T E R: tatpuruṣa-Kompositum, ἅπαξ λεγόμενον; progressive, regressive Assimilation; morphophonologische Transposition, Theonym.

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M. Stryikowskio veikalo Kronika Polska, Litewska, Żmódzka i wszystkiej Rusi teonimai: Chaurirari

A N N O T A T I O N

Die Studie befasst sich mit Fragen der etymologischen Analyse und der kurzen Entstehungsgeschichte (und damit der hierarchischen Stellung im baltischen Pantheon) des Theonyms Chaurirari, das in Maciej Stryikowskis Werk Kronika Polska, Litewska, Żmódzka i wszystkiej Rusi (1582) erwähnt wird. Die einzige wissenschaftliche Untersuchung dieser Frage stammt von Vladimir Toporov. Mit großem Bedauern ist festzustellen, dass der vom Urheber der Hypothese rekonstruierte tatpuruṣa-Kompositum lit. *Kaur-aris ‚falbfarbene (Element der Feuersymbolik) Pferdegottheit‘ nicht akzeptabel ist, da die Rekonstruktion auf dem unbelegten (in keiner schriftlichen Quelle zur baltischen Mythologie und Religion nachgewiesenen) balt. *aris ‚Pferd‘ beruht.

Da es in den baltischen und slawischen Religionssystemen abgesehen von totemistischen Überresten keinen Kult einer Pferdegottheit gibt, ist eine solche Deutung hinsichtlich der mythologischen Motivation zweifelhaft. Auf der Grundlage der neuen Etymologie des Theonyms und der Analyse der Funktionen der Gottheit wurde die These aufgestellt, dass Chaurirari nicht als ἅπαξ λεγόμενον gedeutet werden kann. Das Lexem lässt sich mit dem Eigennamen (Theonym) Eigenname Kaukarius „Gott der Furten“ in Verbindung bringen, der in mehreren lexikografischen Wörterbüchern des 18. Jahrhunderts aus Kleinlitauen erwähnt wird (in den Thesauri von Brodowski und Milke). Neben dem Mythologem bietet die Studie eine Analyse von russ. dial. Schlägel, mit dem man einen Fisch betäubt und russ. dial. schmollen; zusammenzucken, trübsinnig sein; aufrecht stehen; sich widersetzen, die fälschlich als Baltismen eingestuft wurden.

„[…] Auch die Deutung eines Namens hat ihren Reiz, wenn man ihn ins Lächerliche zieht und fragt, warum jemand so genannt wird […] (Cicero, Über den Redner 257)

Erstmals erwähnt Matiejus Stryikowskis die litauische und žemaitische Gottheit Chaurirari in schriftlichen Quellen, und zwar in seinem Werk Kronika Polska, Litewska, Żmódzka i wszystkiej Rusi (Stryikowski 1582: 144): „Chaurirari końłki Bog, temu pietuchy rolłe, cerłtwe, rożney barwy ofiarowali, aby łę też konie takie mnożyły, á kiedy go o pokoy prołili od ich nieprzyjaciół [bo go też mieli za Boga woyny] iak Grekowie y Rzymianie Marła, tedy za piecem na łiodłach liedząc ofiary y modły mu czynili.“

Dominykas Urbas (BRMŠ II 546) übersetzt diesen Satz folgendermaßen: „Chaurirari, der Gott der Pferde; ihm opferte man Hähne, großgewachsene, kräftige, verschiedenfarbige, damit auch die Pferde sich in solcher Art vermehrten,

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und wenn man ihn um Frieden anflehte, damit die Feinde nicht angriffen (denn man hielt ihn auch für einen Kriegsgott), wie die Griechen und Römer Mars, dann betete man hinter dem Ofen auf Sätteln sitzend zu ihm und brachte ihm Opfer dar.“ Vilhelmas Mannhardtas (1936: 330) hatte diesen Satz zuvor auf identische Weise ins Deutsche übersetzt, Vladimir Toporov (Топоров 2000: 173) ins Russische.

Bedauerlicherweise übersetzt Urbas den Satzanfang recht frei (das polnische temu ‚deshalb‘ (Linde V 616) ersetzt er durch ‚ihm‘, was sich als Dativ des Demonstrativpronomens lie. tas auffassen lässt), während er den Schluss fragwürdig interpretiert, denn er fügt Informationen hinzu, die Stryikowskis nicht einmal erwähnt – dadurch wird die usuelle Bedeutung dieses Mythologems verfälscht:

I. Er schreibt von keinerlei „hinter dem Ofen“, also einer Ofennische, denn weder die Litauer noch die Žemaiten bauten zu Stryikowskis’ Lebzeiten – im 16. Jahrhundert – Öfen, hinter die man hätte kriechen und dort opfern können (auf diesen sehr wichtigen Umstand hat Rimantas Balsys (2006: 176) bereits früher hingewiesen1), sondern schichteten auf bestimmte Weise einen Haufen unvermörtelter Steine auf (krušni (so waren nicht nur die Öfen der Wohnräume, sondern auch die der Badehäuser und Dreschscheunen beschaffen)) – in einer Grube oder auf dem Lehmboden – oder unterhielten einfach ein Feuer in der Feuerstelle des Hauses oder der Hütte (in offenen Feuerstätten; ausführlicher siehe LE V 234). Steinöfen wurden erst Mitte des 19. Jahrhunderts durch gestampfte und Ziegelöfen ersetzt (LE XIII 223–225).

Dieselben Tatsachen, nämlich eine rußgeschwärzte Hütte ohne Öfen, erwähnt auch Janas Długoszas (Longinus). Bei der Beschreibung der Lebensweise der Litauer erklärt er, dass sie zusammen mit ihrem Vieh in rußgeschwärzten Hütten lebten: „Nulius illi stubarum aut aedificiorum nobilium, sed tantummodo tugurii unius usus [...]. In ea domo se, uxores, pignora, servos, ancillas, pecus, armentum, frumentum et omnem supellectilem condunt [...]“ (BRMŠ I 560–561) (siehe auch Łowmiański 1989: 82). Von einer rußgeschwärzten Hütte berichtet auch Philipp Callimachus: „[...] ignis in medio tugurii, circa quem accubitus ac discubitus sine loci alicuius electione aut observantia, neque ullius rei domesticae ordo aut disciplina“ (BRMŠ I 601). Johann Boemus Aubiečius zufolge besitzen die Litauer keine ordentlichen Wohnhäuser: „Vaporaria seu stubas habent nullas“ (BRMŠ II 358). Ähnliche Angaben macht auch Sigismund Herberstein: „In humilibus casis, iisque oblongioribus vitam ducunt, in quibus ignis in medio conservatur [...]. Solent enim sub eodem, quo ipsi habitant, tecto, sine ullo interstitio pecora habere“ (BRMŠ II 393). Auch Janas Łasickis berichtet von einer rußgeschwärzten Behausung (einer ‚Landhütte‘): „Mapalia, quae turres appellant, sursum angusta, atque qua fumus et foetor exeat, aperta, ex tignis, asseribus, stramine, corticibus faciunt, in his homines cum omni peculio, in pauimento tabulato stante, habitant“ (BRMŠ II 579).

1 Balsys (2006: 314) lygina Urbo pateikto vertimo informaciją su Łasickio veikale De Diis Samagitarum [...] neva panašiu mitologiniu faktu – dievo Pesseias slėpimusi už židinio tarp ką tik atsivesto prieauglio. Deja, Striykowskis nemini jokio židinio (žr. toliau), o Pesseias (šio teonimo kilmei skirtinas atskiras darbas) slepiasi ne tarp ką tik atsivesto prieauglio, mat lo. pullos reiškia visai kitą sememą (plg. Łasickis 1969: 42) – ją galima teisingai interpretuoti, tik tinkamai aprašius minėto teonimo kilmę (dar žr. Kregždys 2010: 51–52).

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Tiesa, Henrikas Łowmiańskis (1935: 43) teigia, kad diduomenės gyvenamieji pastatai (curiae, villae) labai skyrėsi nuo dūminėse pirkiose gyvenusiųjų. Deja, itin patikimų duomenų apie senuosius buitinius baltų pastatus nėra išlikę, išskyrus pasakojimus apie religinio pobūdžio statinius ir gyvenvietes (plačiau žr. Kregždys 2009: 131–133, 150–152).

II. BRMŠ bietet eine fehlerhafte Übersetzung der polnischen Phrase za piecem liedząç, denn poln. za piecem siedzieć bedeutet nicht ‚hinter dem Ofen sitzen‘, wie in BRMŠ angegeben („hinter dem Ofen [...] sitzend“), sondern ‚still sitzen = und sich ruhig verhalten‘ (Linde IV 676). Außerdem bedeutet die präpositionale Konstruktion na fjodłach nicht ‚auf den Sätteln sitzend‘, sondern ‚zu Pferde‘, vgl. poln. siodło (metonymisch) ‚zum Reiten‘ (Linde V 243). Stryikowskis betont also, dass dem Gott in Stille bzw. bei ruhigem Verhalten geopfert wurde.

Somit sollte die Übersetzung von Stryikowskis Text, der die von Urbas in Baltų religijos ir mitologijos šaltiniuose angeführte Gottheit Chaurirari beschreibt, als revisionsbedürftig bewertet werden: „Chaurirari, Gott der Pferde; deshalb opferte man große, kräftige Hähne verschiedener Farben, damit auch die Pferde solche Nachkommen bekämen; und wenn man ihn bat, vor Feinden zu retten (denn man hielt ihn auch für einen Kriegsgott), beteten ihm die friedlich zu Pferde Sitzenden wie die Griechen und Römer dem Mars und brachten ihm Opfer dar.“

Die Erwähnung antiker Motive legt die Behauptung nahe, dass Stryikowskis keine authentischen Informationen, sondern Erfindungen bietet, denn die griechischen und römischen Riten für Ares bzw. Mars wurden lärmend vollzogen (vgl. die Tänze der salischen Priester (ausführlicher siehe Zieliński 1999: 229; CM 505)), d. h. die funktionale (und auch die wesensmäßige) Konnotation dieser Götter war mit Bewegung, Lärm, Leidenschaftlichkeit (die auch die Fruchtbarkeit der Menschen bewirkte) u. Ä. verbunden (vgl. Нильссон 1998: 154; Taxo-Годи 1999: 92, 112, 136, 151, 205, 229, 261, 289, 299, 526, 530, 596–597, 656; Zieliński 1999, 113, 115, 118–119, 354). Außerdem sollte die seit Langem bekannte Tatsache nicht außer Acht gelassen werden, dass Ares keine griechische, sondern eine thrakische2 Gottheit ist (Taxo-Годи 1999: 289), deren Vitalität bereits in der Ilias verspottet wird. Vorsichtig lässt sich vermuten, dass Stryikowskis den etymologisch unklaren Theonym zu deuten versuchte, indem er es mit ähnlich klingenden litauischen Wörtern in Verbindung brachte – vielleicht mit lit. kãras ‚Krieg‘, wie es auch spätere Autoren taten, die ihm folgten (siehe unten). Die von ihm erwähnte Information über das stille Opfern ist offenbar eine Erfindung des Autors selbst, wie sie für Anhänger des neuen Glaubens charakteristisch ist, die heidnische Riten mit christlicher Tradition in Verbindung brachten (dazu siehe Kregždys 2009, 141–142, 165–166). Deshalb ist Stryikowskis Aussage zur Kriegsfunktion der Gottheit, die er mit dem griechischen Ares und dem römischen Mars vergleicht, offenbar als essayistisch-literarisch zu betrachten. Vorsichtig lässt sich also behaupten, dass zwei Fakten als authentisch gelten können: 1) Der Name der Gottheit lautet Chaurirari; 2) Chaurirari ist ‚Gott der Pferde‘.

2 Erwähnenswert ist, dass der Name dieser Gottheit in schriftlichen Denkmälern aus der Zeit der kretischen und mykenischen Kultur belegt ist (Казанскене, Казанский 1986: 140–141); daher könnte die morphologische Struktur des Wortes hellenisch sein, doch die Besonderheiten des Kultes werden bis heute eher als superstratisch und durch den Einfluss kleinasiatischer Völker bedingt beurteilt.

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Balsys (2006: 134, 152, 154), aptardamas galimas Chaurirari skirtas apeigas, itin daug dėmesio skiria gaidžio aukojimui aprašyti. Jis taip pat išvardija beveik visus mėginimus paaiškinti teonimo kilmę: Dionizas Poška (LM I 41) jį suvokia kaip Szaurirar; Simonas Stanevičius (LM I 95) dėl lietuvių kalbai nebūdingos tokios fonetinės ir morfologinės struktūros lyties apskritai abejoja jos autentiškumu; Mannhardtas (1936: 339) atsargiai spėja, kad teonimą galima būtų skaityti kaip karorius ir sieti jį su lie. kàras „Krieg“. Algirdas Julius Greimas (1990: 418) vardo kilmės neaiškina, tik pripažįsta, kad iki šiol niekam nepavyko to padaryti, nors neatmeta galimybės mitologemą aiškinti kaip vieną Velino epitetą, t. y. anot jo, ši „karo žirgo [...] epifanija apibūdina neabejotinai vieną svarbiausių Velino funkcijų.“ Yra ir daugiau mėginimų atskleisti Chaurirari kilmę, tačiau jie nepagrįsti lingvistiškai, todėl ir nevertintini. Na, o Jonas Balys konstatuoja, kad šio teonimo reikšmės „sveiku protu jau niekas nebegalės išspręsti“ (JBR II 56). Tokio teiginio svarumu, žinoma, reikėtų labai abejoti, mat „[...] имя в своей тайне превышает способности «среднего» человека, находящегося вне пространства, в котором можно уразуметь тайну имени и именословия“ (Топоров 2004: 373).

Toporov (Топоров 2000: 172–174; 2006: 190–194), der als Letzter und Einziger versucht hat, eine auf wissenschaftlichen Argumenten beruhende Beschreibung der morphologischen Entwicklung des Namens dieser Gottheit vorzulegen, stellte eine neue, aber völlig unglaubwürdige Etymologiehypothese auf3. Man muss natürlich seiner sehr gut begründeten Behauptung zustimmen (er führt Beispiele aus dem Altpreußischen und Litauischen an: ap. chelmo ‚Hut‘ GrA 61 ↔ ap. kelmo ‚ebd.‘ GrG 40 (vgl. PEŽ II 160) u. a.) zur Aussprache des anlautenden Ch- als K- (Топоров 2000: 174; 2006: 190) zu, doch die etymologische Analyse des Theonyms ist sophistisch. Indem er behauptet, Chaurirari sei ein Beleg für einen lapsus calami (vgl. „[...] вторая половина имени (-rari) есть результат весьма распространённой графической ошибки удвоения слога [...]“ (Топоров 2000: 174–175; 2006: 190)), rekonstruiert er die Form *Kaur-aris ‚rotbraun gefärbte (Element der Feuersymbolik) Pferdegottheit‘, die angeblich ein doppelt abgeleitetes Wortbildungsmodell voraussetzt: 1) eine suffixale Ableitung lit. *kaur- + Suff. -ar-is ← Subst. lit. kàuras ‚Schimmel, Moose, Flechten‘ BŽ 371, J, Kl; ‚verhärtete Fettschicht an ungewaschenem Geschirr‘ (LKŽe) oder Subst. lit. kàuras ‚Haar, Zottelhaar‘ J, Jnš, VoL 327 (LKŽe) – folglich spiegele das Mythologem eine farbliche Denotation wider: ‚Schimmelung, Grau- oder Rotbraunfärbung‘; 2) ein Kompositum lit. *kaur- ‚schimmelfarbenes Objekt‘ + lit. *arīs ‚Pferd‘ (~ kirchenslaw. opь ‚Hengst‘, russ. opь ‚Pferd‘, tschech. oř, ebd.‘, hydron. poln. Orz ‚Nebenfluss des Flusses Narew‘, Orzyc ‚ebd.‘, altpoln. orz (siehe auch Фасмер III 155)).

Die erste Hypothese Toporovs lässt sich semantisch kaum begründen, denn eine mit dem Suffix -ar gebildete Ableitung *Kaur-aris müsste, ausgehend von den derivationellen Entsprechungen dieses Suffixes im Litauischen, …

3 Bis dahin hatte sich dieser Forscher auf eine neutrale Definition dieses Mythologems beschränkt: „[...] таинственного лошади-ного бога Chaurirari у Стрыйковского [...]“ (ПЯ I 136).

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…mische Ausdrucksweise muss den Denotat des Referenten und dessen konnotativen Wert widerspiegeln; das heißt, es wäre eine Protosemem zu rekonstruieren: *‚verschimmelter Gegenstand ↔ etwas Schimmelartiges‘ oder *‚zottiges (bewachsenes) Subjekt‘ ~ Subst. lit. stābaras ‚trockener, fester Stängel‘ Ds, ‚irgendein wertloser Gegenstand‘ Sb ← Subst. lit. stābas ‚Statue oder ein Gegenstand, der für einen Gott gehalten und verehrt wird‘ DŽ, KB II 53 u. a.; ‚Statue‘ S. Dauk.; ‚Pfahl‘ M, L, Rtr u. a.; ‚Gestalt, Form‘ TlŽ; ‚Lähmung, Schlaganfall‘ SD 241, B u. a. (LKŽe); Subst. lit. ùmaras ‚Wirbelwind, Sturm‘ Q 496, K 474 ← Adj. lit. ùmas ‚plötzlich‘⁴; Subst. lit. žābaras ‚Reisig, Rute‘ Rsn u. a., ‚kleine Zweige, junge Bäumchen, Sträucher‘ Jrb, ‚Schotter, grober Kies‘ Nms, Vkv ← lit. žābas ‚Rute, Reisig, Zweig‘ LV IV 677 u. a.; ‚Stängel, Strohhalm‘ Kpr, Mžš u. a.; ‚Peitsche (zum Schlagen)‘ T, Š u. a.; ‚Strauch, Gestrüpp‘ RtŽ, A. Baran. u. a.; ‚Zweig, aus dem ein Strauch oder eine Pflanze gezogen wird‘ Šmn, Sur; ‚Gebiss‘ K. Būg. u. a. (LKŽe) (weitere Beispiele siehe Skardžius 1996: 302–304). Wenn man außerdem Toporovs Vermutung zustimmte, müsste man eine Protosemem *‚Gott der schimmelfarbenen Pferde‘ rekonstruieren. Ausgehend von einer solchen Hypothese müsste man vermuten, dass es im baltischen Pantheon auch Pferdegottheiten anderer Farben geben sollte. In den Quellen zur baltischen Religion und Mythologie finden sich solche Belege jedoch nicht; daher ist diese Vermutung als unlogisch zu betrachten.

Die zweite Hypothese ist morphologisch unmöglich (und damit auch etymologisch – die untrennbare Verbindung dieser beiden Ebenen wird in jüngster Zeit immer wieder betont (vgl. PEŽ III 13; Откупщиков 2006: 216)), denn der Verfasser der Vermutung stützt seine Argumentation auf eine Ableitungsanalyse des Subst. lit. arklys ‚Haustier mit einem Huf, mit dem man arbeitet, fährt und reitet (Equus caballus)‘ R, K, Kp, Jnš, Jnšk, Gs, Rm, SD 30, B, Sk u. a. (LKŽe) – wobei hervorzuheben ist, dass er die strukturelle Entwicklung des Lexems falsch wiedergibt. Toporov behauptet, lit. arklỹs, lett. ārkls ‚Pferd‘⁵ (ME I 141) sei mit dem Suffix -kl- gebildet, das zur Bildung von Werkzeugbezeichnungen (nomina instrumenti) verwendet werde (vgl. lett. ārkls und lett. dial. ārkls ‚Pflug‘ (siehe ME ebd.; Breidaks 2006: 118)), und lit. *aris ‚Pferd‘. Leider ist diese Vermutung grundlegend falsch, denn lit. arklỹs ist ein nomen qualitatis (wie auch das Subst. lit. pirklỹs (siehe unten)) und lässt sich nicht von einem lit. *aris ‚Pferd‘ ableiten, das in den baltischen Sprachen niemals existiert hat (siehe unten), und auch nicht vom Verb lit. árt i ‚mit einem Pferd und Pflug arbeiten, den Boden lockern‘ SD 229, R u. a.; ‚aufreißen, durchwühlen‘ LTR (An); ‚in seiner Gewalt halten, bedrängen, unterdrücken‘ Arm, Vvr, Lp; ‚sich nicht einigen, streiten‘ Tvr, Drs (LKŽe) (diese falsche Erklärung gibt Pranas Skardžius (1996: 196), dem offenbar auch Toporov folgt), sondern von lit. ārklas ‚Gerät zum Pflügen, Pflug‘ K, J u. a. (LKŽe) (vgl. Ambrazas 1993: 153); vorausgesetzt wird also die Protosemem *‚derjenige, der den Pflug zieht‘, vgl. lit. pìrklas ‚Kaufware‘ SD

4 Möglicherweise war die Grundform dieses Wortes nicht das Adjektiv lit. ūmas ‚plötzlich‘, sondern das Substantiv lit. ūmas NdŽ, ūmas Dgl ‚Plötzlichkeit, Eile, Schnelligkeit, Geschwindigkeit‘ Jnš, Lk u. a. (LKŽe).

5 Dieses lett. ārkls ‚Pferd‘ spiegelt einen Wandel auf der semantischen Ebene wider, bei dem eine der Konnotationen des Referenten die Entstehung einer sekundären Denotation bedingt, d. h. ‚Pflug‘ → ‚Pferd‘ (ausführlicher zu einem solchen Wandel siehe Kregždys 2010a: 24–25).

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123 u. a.; „Bezahlung für einen Einkauf“ SP II 203–204 (LKŽe) (← Verb. lit. pirkti ‚für Geld erwerben‘ H, Pb u. a.; ‚für Geld besondere Gottesdienste bestellen‘ Žem, Rm, Rdn; ‚auf bestimmte Weise erlangen, gewinnen‘ SP I 227, II 203 u. a.; ‚durch Zahlung mit etwas zurechtkommen, sich behelfen‘ Žd u. a. (LKŽe) (vgl. Skardžius 1996: 193 – die Wortbildung dieses Wortes erklärt Ambrazas (1993: 98) anders)) → Subst. lit. pirklỹs, -ė ‚wer sich mit dem Kauf und Verkauf von Waren beschäftigt‘ Š, NdŽ, Sim, Tsk (LKŽe), d. h. diese Lexeme sind als Flexionsableitungen – Denominativa – zu behandeln (!!!).

Auch der extralinguistische Faktor, der die Unrichtigkeit von Toporovs Hypothese impliziert – die Gleichsetzung von Pferd und Zugtier –, muss erörtert werden. Jeder Landwirt weiß sehr wohl, dass man mit einem Pferd bzw. Hengst nicht nur unmöglich pflügen kann, sondern dass auch das Reiten äußerst gefährlich ist – zu diesem Zweck wurde das Zähmen von Pferden erfunden, d. h. die Umwandlung des Pferdes in ein Pflug- und Arbeitstier. Schon viel früher wies Max Vasmer auf diese Unvereinbarkeit der Semanteme ‚Pferd‘ und ‚pflügen‘ hin (Фасмер III 155). Leider begründet er seine Aussage nicht, sondern stellt lediglich fest, dass der Versuch, Subst. russ. орь ‚Pferd‘ mit Verb. russ. opáть ‚pflügen‘ zu verbinden, erfolglos ist. Vasmers Aussage kann man nur teilweise zustimmen – offenbar erkennt er völlig zu Recht die semantische Unvereinbarkeit dieser Wörter, irrt aber bei der Bestimmung der Wortbildungsgrundlage. Es bestehen keinerlei Zweifel daran, dass russ. опь ‚Pferd‘ eine Ableitung von Verb. russ. opáть im thematischen Format des urslaw. *i ist (dazu ausführlicher siehe Хабургаев 1974: 194) – solche deverbalen Ableitungen gibt es im Russischen sehr zahlreich: Subst. russ. вонь ‚übelriechender Geruch‘ ← Verb. russ. вонять ‚stinken‘ (Даль I 240), Subst. russ. хворь ‚Schmerz, Krankheit, Gebrechen, Trauer u. a.‘ ← Verb. russ. хворать ‚schmerzen, schwach sein, krank sein u. a.‘ (Даль IV 545–546), Subst. russ. копь ‚Schacht; Ort, an dem Erz, Kohle oder Salz abgebaut wird‘ ← Verb. russ. копать ‚graben, ausheben u. Ä.‘ (Даль II 157) (die deverbalische Herkunft dieser Beispiele lässt sich nicht nur durch die bereits erwähnte semantische Konnotation von russ. копь, d. h. den Bezug auf eine vollzogene Handlung, begründen, sondern auch durch das Semem von Subst. russ. ломь ‚das, was zerbrochen ist‘ ← Verb. russ. ломать ‚Kraft aufteilen, (zer)brechen‘ (Даль II 264–265)) u. a. Die semantische Genese von Subst. russ. опь ‚Pferd‘ ist völlig klar. Es spiegelt das in Dialekten verwendete Semem von Verb. russ. opáть ‚heiser sprechen, lügen, Unsinn reden u. a.‘ wider: ‚wiehern (pferdetypische Laute von sich geben)‘ (vgl. CPHF XXIII 330). Somit lässt sich behaupten, dass Subst. russ. опь ‚Pferd‘ keine baltisch-slawische, sondern eine ausschließlich den slawischen Sprachen eigene deverbalische Bildung ist; daher ist die Rekonstruktion von lit. *aris ‚Pferd‘ unmöglich.

Toporovs rekonstruiertes Kompositum vom Typ tatpuruṣa *Kaur-aris ‚rötlich gefärbte (Element der Feuersymbolik) Pferdegottheit‘ ist auch hinsichtlich seiner mythologischen Motivation höchst fragwürdig, denn weder in den baltischen noch in den slawischen religiösen Systemen ist ein Kult des Pferdes als Gottheit (!!!) bekannt (abgesehen von rudimentären Relikten des Totemismus, die Andrej Prochorov (Прохоров 2002: 423–424, 433, 437) als Episoden der Vergöttlichung des Pferdes zu deuten geneigt ist, ohne jedoch irgendwelche verlässlichen Argumente für diese kühne Vermutung vorzulegen; manche Aussagen dieses Forschers überraschen schlicht: Um unbedingt die Existenz einer Verehrung zoomorpher Objekte in den westslawischen Gebieten nachzuweisen, verweist er-

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do savo sukurtą čekų mito interpretaciją (Прохоров 2002: 427), neturinčią visiškai nieko bendra su gyvulio kultu, mat vieną karžygio atributų – arklį – kažkodėl interpretuoja kaip dieviškumo simbolį (plačiau žr. Крегждис 2009: 265–266)6. Be to, rašytiniuose baltų religijos ir mitologijos šaltiniuose užsimenama apie baltų, o ne rusvų ar rausvų (ar dar kitokios spalvos) arklių svarbą prūsų kulto apeigose (o gal ir šių gyvūnų garbinimą), plg. Petro Dusburgiečio (BRMŠ I 335–336, 346) ir Simono Grünavo (BRMŠ II 80, 116–117) duomenis (dar žr. Beresnevičius 2006) (baltas arklys Rigvedoje simbolizuoja Indros žirgą, plg. jo epitetą s. i. haryā́çva ‚raitelis ant balto arklio‘ (RV VII 32, 14–15)). Taigi Toporovo hipotezė apie šios dievybės pirminę arklių globos funkciją taip pat koreguotina, mat mitologemos etiologinė ir etimologinė raida suponuoja šią funkciją esant antrinę (žr. toliau).

Auf Grundlage der durchgeführten Analyse lässt sich feststellen, dass die von Toporov vorgeschlagenen Erklärungsansätze zur Herkunft der litauischen Gottheit Chaurirari grundlegend zu korrigieren sind.

Bei der Analyse der morphologischen Entwicklung von Theonymen müssen die spezifischen Wortbildungseigenschaften berücksichtigt werden, die für Lexeme des religiösen Kults charakteristisch sind und nicht nur in Stryikows-

6 Toporovs Behauptung (ПЯ I 136), wonach der Genuss von Stutenmilch bei religiösen Riten (ein Element des baltischen Nekrokults) und die Bestattung eines Pferdes zusammen mit dem Verstorbenen mit einem preußischen Pferdekult in Verbindung zu bringen seien, muss irgendwie begründet sein, da ihr Urheber die Attribute der Gottheit mit dem Gott selbst gleichsetzt. Nach dieser Methodik müsste man auch die Verehrung der Bienengöttin behaupten, denn bei denselben (Bestattungs-; siehe Kregždys 2010b: 13–14) Riten tranken die Armen keinen Stutenmilch-, sondern Met aus Bienenhonig:

In Wulfstans Bericht über die Reise von Hydaby (Schleswig) nach Truso (Ostpreußen) (ausführlicher siehe Kregždys 2011) wird von äußerst wichtigen Tatsachen zur Herstellung und zum Konsum von Bestattungsgetränken bei den westlichen Balten berichtet: 1) and se cyning and þa ricostan men drincað myran meolc, and þa unspedigan and þa þeowan drincað medo (SRP I 733) „und der König und die reichsten Männer trinken Stutenmilch, die Armen und die Sklaven aber trinken Met“; 2) and ne bið þær nænig ealo gebrowen mid Éstum, ac þær bið medo genōh „und bei den Esten wird überhaupt kein Bier gebraut, aber Met gibt es dort reichlich“ (SRP ibd.). Hervorzuheben ist, dass Vjačeslav Ivanov (Иванов 1974: 75–138), der das indoeuropäische Mythologem „Pferd“ sehr detailliert beschrieben hat (ebenso die Bedeutung von Pferden in Bestattungsriten; selbstverständlich sind heute viele der in dieser Arbeit angeführten Aussagen diskutabel (z. B. die Interpretation der Folge der Opfertiere Mensch → Pferd → Stier; die Bedeutung des Frauenopfers; die Bedeutung der Überdeckung des Gesichts einer Göttin und nicht eines gewöhnlichen Mädchens, wie Ivanov behauptet, mit einer Fettschicht (die Ivanov überhaupt nicht erörtert, obwohl dieses Motiv entscheidende Bedeutung hat); die Interpretation des Zwillingsmythologems; die Bedeutung des rechten Pferdes im Gespann für das Opfer und deren Deutung sowie viele weitere Motive)), keine Tatsachen zur Vergöttlichung des Pferdes anführt.

Somit ist diese Überlegung Toporovs offenbar als korrekturbedürftig zu betrachten, obwohl es keinerlei Grund gibt, die Authentizität der genannten ethnographischen Motive anzuzweifeln (zur Bibliographie siehe ПЯ I 136); vgl. eine mögliche kulturelle Entsprechung im westslawischen lechitischen Gebiet: Auch in den nekrokultischen Riten der Kaschuben wird der Genuss von Stutenmilch erwähnt. Alexander Gura (Гура 1997: 550), der sie beschrieb, ohne sich mit der baltischen Mythologie auseinanderzusetzen, übersetzt jedoch die kaschubische Wortverbindung pjic kobělim donotę als ‚Stutenmilch trinken‘, obwohl das Wort kaschub. donotę, das Gura unklar ist (die Übersetzung der Verbindung endet mit einem Fragezeichen), offenbar als substantivierte Bildung adjektivischen Ursprungs zu erklären ist: kaschub. donota ‚Milch‘ ← kaschub. *do-j(e)n-ota ‚Melken; Milch‘ (< Suff. -ota, vgl. poln. wilg-ota ‚mäßige Feuchtigkeit, Feuchte‘ (Linde VI 235), poln. mork-ota ‚Feuchtigkeit‘ (Linde III 135); zur Bedeutung vgl. altind. dóha ‚Melken; Milch‘) < Adj. westsl. *doj(b)nъ ‚gemolken‘ (< Subst. westsl. *doja ‚Melken‘ (< Subst. urslaw. *doja ‚ebd.‘ < Verb. urslaw. *dojiti ‚melken, stillen‘ (ЭССЯ V 53–54, 57)) → tschech. důje ‚ebd.‘ (ЭССЯ V 52)) → altpoln. dojny ‚melkbar‘ (1452), poln. dojny ‚(arch.) mit dem Melken verbunden; gemolken‘ (ЭССЯ V 56).

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… des besprochenen Chaurirari, sondern auch in der Struktur vieler anderer Verbalwurzeln dieser besonderen lexikalischen Schicht⁷. Einer der Hauptfaktoren, die die morphologische Struktur der Mitglieder der untersuchten lexikalisch-semantischen Gruppe bestimmten, ist das Tabuphänomen, dessen Missachtung

⁷ Bei der Erörterung der Herkunft des Wortschatzes der sakralen Sphäre verschiedener indoeuropäischer Völker müssen die morphophonologischen Veränderungen der Wortstruktur auf der Rekonstruktionsebene berücksichtigt werden (die auch durch das Tabuphänomen bedingt sind und zur Entstehung ungewöhnlicher morphotaktischer Glieder geführt haben; ausführlicher siehe Маковский 1998: 155, 158–160). Werden diese Veränderungen ignoriert, d. h. wird eine atomistische Untersuchungsmethode angewandt, entstehen zahlreiche Fehler. Vgl. die bisherigen Herkunftsbeschreibungen der Gottheit Стрибог des Kiewer Pantheons der Ostslawen, die absolut nichts mit der Beschreibung ihrer Funktionen, aber auch nichts mit der morphologischen Struktur des Theonyms zu tun haben (ausführlicher siehe Крегждис 2010: 212–215): Es werden Formen konstruiert, die niemals existiert haben und angeblich der lexikalischen Schicht der indoeuropäischen Ursprache zuzurechnen sind, deren morphologische Struktur nicht nur aufgrund der Besonderheiten der phonotaktischen Gruppierung ihrer Segmente, sondern auch aufgrund ihrer semantischen Plausibilität unmöglich ist. Da sie die Herkunft des mit dieser Gottheit verbundenen russ. стрый (arch. стрый, стрый) ‚Bruder des Vaters, Onkel (Bruder des Vaters)‘ (Даль IV 340) nicht erklären können, rekonstruieren Wjatscheslaw Iwanow und Tamaz Gamkrelidse in Übereinstimmung mit der Hypothese von Marc Vey (1931: 65–66; Вей 1958: 96) über sl. stri- < indoeurop. *pətri-, ‚Vater‘, eine unwahrscheinliche Konstruktion, eine angeblich in der indoeuropäischen Ursprache verwendete Form des Verwandtschaftsbegriffs *–pʰ|h|h|r– // *pʰ|H|tʰ|h|r– (Гамкрелидзе, Иванов 1984: 538, 765, 777, 791), die vermutlich selbst der erfahrenste Phonologe nicht aussprechen und auch die Entstehung einer solchen Formenstruktur nicht begründen könnte. Die Analyse dieser Lexeme ergab, dass ihre Herkunft keinerlei Zusammenhang mit Verwandtschaftsbezeichnungen hat und dass die bislang als besonders alte Wörter betrachteten russ. cmpūй (arch. cmpūй, cmpūй), Стрибог spät entstandene morphophonologische Veränderungen des Altrussischen widerspiegeln (ausführlicher siehe Крегждис 2010: 214, 216).

Den genannten, im Grunde zu korrigierenden Vermutungen gab vor allem Oleg Trubatschows (Трубачев 2006: 20, 28, 49, 53, 201 (Erstauflage 1959)) Unterstützung für die Vermutung des französischen Linguisten Vey zur Herkunft der Wurzel str- Auftrieb, wobei bulg. пасторок, пастрок ‚Stiefvater‘ < *po-p(ə)tor (← *pātor, *pster ‚Vater‘) herangezogen wurde. Oswald Szemerényi (Семереньи 1967: 15) bestritt entschieden die Möglichkeit, lit. tėvas ‚pater‘ von *ptē-vas abzuleiten; Josef Mikkola (1908–1909: 124) behauptet, dessen Wurzel *ptē sei eine Variante von indoeurop. *patēr. Dagegen leitet er russ. cmpūй ‚Bruder des Vaters, Onkel (Bruder des Vaters)‘ von indoeurop. *ptr- (< *ttr-) ab. Diese etymologische Behauptung wurde von dem bereits erwähnten Vey, André Vaillant (1950: 82) und Georgij Ševeljov (1964: 191) in ihren Arbeiten weiterentwickelt, von Christian Stang u. a. jedoch entschieden kritisiert (ausführlicher siehe Семереньи 1967: 15)). Trubatschow weist Szemerényis (1977: 7) völlig berechtigte und begründete Zweifel an der Ableitung von sl. *stryjb aus indoeurop. *pater zurück und begründet dies wie folgt: I. „[...] совсем упускает из виду еще один вероятный славянский его континуант – болг. пастрок ‘отчим’ < и.-е. *pō-pətor-.“ (Трубачев 2006: 201); II. „Этимологически прозрачно болг. пастрок ‘отчим’ < *po-ptor. Несколько затруднителен вопрос о развитии значения ‘пасынок’. Образование с суффиксом -ъkъ вряд ли восходит здесь к глубокой древности, ср. др.-чешск. pastore и болг. пастроче с суффиксом -е-, -ent-. Здесь не исключено первоначальное значение принадлежности (‘отчимов, неродной сын’ = ‘пасынок’). Обращает на себя внимание отсутствие pastorkъ в восточнославянских языках. Единичное др.-русск. посторъкъ, вероятно, заимствовано. Из южнославянских языков происходит алб. pasterk ‘пасынок’“ (Трубачев 2006: 49); III. „С префиксом pa-: русск. паотец (В. И. Даль: ‘неродной отец, воспитатель приемыша’), ср. литовск. patevis ‘отчим’ – tevas ‘отец’. Сюда же, возможно, относится болг. пастрок, пастрокор ‘отчим’ < *popator“ (Трубачев 2006: 27–28).

Leider sind all diese Behauptungen Trubatschows offenbar zu korrigieren, nicht nur, weil ihr Urheber keine verlässliche, auf linguistischen Argumenten statt auf Veys Vermutungen beruhende Herkunftsbeschreibung von bulg. пасторок, пастрок ‚Stiefvater‘ vorlegt, sondern auch, weil er Lexeme mit völlig unterschiedlicher Etymologie miteinander vergleicht (siehe unten).

Zunächst ist die durch atomistische Untersuchung bedingte Behauptung zurückzuweisen, lit. patėvis, patėvis ‚nichtleiblicher Vater, zweiter Ehemann der Mutter für die Kinder des ersten Ehemanns‘ K, SInt u. a. (LKŽe) sei mit russ. нао́мець ‚Stiefvater, Pflegevater eines Adoptivkindes; zweiter Vater‘ (Даль III: 16) und bulg. пастрок, пастрок ‚Stiefvater‘ (< indoeurop. *popator) verwandt. Die Herkunft all dieser Wörter ist unterschiedlich: 1) lit. patėvis, patėvis ‚nichtleiblicher Vater, zweiter Ehemann der Mutter für die Kinder des ersten

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führt zur Entstehung a priori falscher Theorien über die Herkunft von Wörtern. Die atomistische Methode, die in onomastischen Untersuchungen bis heute häufig vorherrscht, führt zu einer ausgesprochen negativen Bewertung des Gegenstands dieses Zweigs der Sprachwissenschaft (und insbesondere seiner etymologischen Analyse):

‚für die Kinder des Ehemanns‘ ← Präf. pa- + Subst. lit. tėvas ‚Vater, Mann (gewöhnlich verheiratet) für sein Kind‘ Lex 90, SD 1104 u. a.; ‚einer der Elternteile‘ Mžš; ‚Ehemann einer Frau, Mann‘ Šts u. a.; ‚Schwiegervater‘ LKA I 195; ‚älterer Mann, betagter Mensch (als Anrede)‘ NdŽ, Jdr, Plv; ‚Begründer, Schöpfer‘ A 1884, 244, DP 534 u. a.; ‚Hirt‘ rš.; ‚Bezeichnung eines Geistlichen oder Mönchs‘ NdŽ, rš.; ‚Titel eines Kultdieners‘ NdŽ, J. Marc.; ‚jemand, der durch seine Hingabe an die Kirche und den Glauben Achtung verdient‘ P, DP 5 u. a.; ‚Bezeichnung Gottes‘ WP 146, PK 16 u. a.; ‚Gott‘ Mž 105 u. a.; ‚Bienenkönigin‘ LKA I 172 (LKŽe); dieses Präf. pa- ≤ Präf. lit. po-, ‚(Funktion) zum Ausdruck von Kontinuitätsverhältnissen‘ (siehe Kregždys 2010a: 222 (Fußnote 190)), vgl. lit. pósūnis ‚Stiefsohn, Sohn der Ehefrau oder des Ehemanns aus einer früheren Ehe‘ Lex84, SD242, Q507, R u. a.; ‚Seitentrieb, Schössling‘ Kb ↔ lit. dial. pãšūnis ‚Stiefsohn‘ Pb (LKŽe); lit. pódūkra ‚Stieftochter‘, aus einer früheren Ehe geborene Tochter (für den später in die Familie eintretenden anderen Ehemann), nichtleibliche Tochter‘ Krtv, Alk, Brs, Ds u. a. ↔ lit. dial. padukra ‚Stieftochter‘ Q 507 (LKŽe); lit. pamergė ‚Brautjungfer bei traditionellen Hochzeiten‘ Grž, Jnšk u. a.; ‚(abwertend) über ein aufgedonnertes, arbeitsfaules Mädchen‘ Lkš ↔ lit. dial. póm ergė, pomergė ‚Brautjungfer‘ Št u. a. (LKŽe) u. a., während russ. ná-отец ‚Stiefvater, Pflegevater eines Adoptivkindes; zweiter Vater‘ ein Lehnübersetzung ist (zu morphologischen und semantischen russischen Lehnübersetzungen aus dem Griechischen ausführlicher siehe Шанский 1959: 201–203) von gr. πάππος ‚Großvater (väterlicher- oder mütterlicherseits); unterer Teil der Samen bestimmter Pflanzen; erste Barthaare (Wangenhaare); kleiner Vogel, in dessen Nest der Kuckuck ein Ei legt‘ (Liddell, Scott 1882: 1302); (spät // byzant.) ‚Großvater‘ (Lampe 1961: 1006) – die Semem ‚kleiner Vogel, in dessen Nest der Kuckuck ein Ei legt‘ führte zur Entstehung der Bedeutung ‚(Stief-, Adoptiv-)Vater‘ (d. h. ‚Vogel, der ein nicht eigenes Küken aufzieht‘ → ‚Mensch, der ein nicht eigenes Kind aufzieht‘). Im Laufe der Zeit kam es aufgrund von Homophonie zu einer Kontamination mit (spät // byzant.) gr. πάπας (πάππας, παπᾶς) ‚Vater; ehrerbietige Anrede für einen Priester (und Bischof) in den Kirchen von Rom und Alexandria‘ (Lampe 1961: 1006; Дьяченко 1993: 406) → (spät // byzant.) gr. *παπαδίτης ‚Junge, der von einem Priester erzogen wird‘ (Lampe ibd.) (< gr. πάπας ‚Priester‘ + gr. διαζάω ‚leben, die Lebensfunktionen aufrechterhalten‘ (+ –της (Nomen-agentis-Suffix)) → russ. dial. nána ‚Großvater; Pate‘ (СРНГ XXV 203). Folglich ist das erste Glied von russ. ná-отец ‚Stiefvater, Pflegevater eines Adoptivkindes; zweiter Vater‘ eine unmittelbare Reflexion des griechischen kirchlichen Begriffs (Substantivs, nicht eines Präfixes (!!!)) und kann keinesfalls mit den litauischen Entsprechungen verglichen werden (Ableitungen mit dem Präfix lit. po-); eine Rekonstruktion von indoeurop. *po-p(ə)tor ‚Stiefvater‘ ist somit unmöglich (!!!).

Dies ist nicht Trubatschows erster Fehler bei der Beurteilung slawischer Entlehnungen aus dem Griechischen (ausführlicher dazu siehe Семереньи 1967: 20). Oswald Szemerényi (Семереньи 1967: 19) bemerkte völlig zutreffend, dass „Наиболее серьезная ошибка заключается в том, что даже для признанных заимствований очень часто рассматривается лишь ближайший источник, тогда как не менее важно обнаружить и наиболее отдаленный, который может дать правильный этимон, «первичное значение»“ (diese Aussage lässt sich auch als Hervorhebung der Notwendigkeit verstehen, das direkte bzw. substratische Element zu bestimmen);

2) Trubačiovo postulatas „Этимологически прозрачно болг. пастрок ‘отчим’ < *ро-pator.“, matyt, vertintinas kaip pokštas, mat ši pietų slavų leksema su ide. giminystės terminų raida neturi absoliučiai nieko bendra: a) bulg. náстpok, nacтopok,patėvis‘ (masc.) negali būti nagrinėjamas atskirai nuo bulg. náстроче,posūnis, podukra‘ (neutr.) (su suff. -ък-, -че (pastarasis reflektuoja pirminę bulgarų palatalizaciją – žr. Маслов 1981: 55)) – jų kilmė ta pati, t. y. adj. bulg. nбcтър, –pa, –po, –пу,margas; nevienodas, sudarytas iš skirtingų elementų‘ (Бернштейн 1953: 650) (su –ъ– ↔ –а– // –а– ↔ –ъ– (nekirčiuotu (kirčio vieta senuosiuose bulgarų tekstuose ir dabartinėje kalboje dažnai skiriasi – Маслов 1981: 46)), plg. bulg. настърва,margumas‘ (Бернштейн 1953: 520)) (verb. bulg. nбcтр я, –их,marguliuoti, (išsi-)skirti‘ (Бернштейн 1953: 650) // настъря,marguliuoti, raibuliuoti‘ (Бернштейн 1953: 649)) + suff. –áк– (nomina qualitatis darybinis modelis (!!!) – žr. Маслов 1981: 77); b) bulg. пастрок (< *nбcт–b–pok (su –b– absorbcija dėl nekirčiuotumo resp. „gyvosios“ balsiokaitos –

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Radoslav Katičić (Katičić I 48) zufolge beruhen viele Darstellungen der Herkunft onomastischer Lexeme auf den Prinzipien der Volksetymologie, während Aleksandra Superanskaja (Суперанская 1986: 78) feststellt, dass solche Untersuchungen stets hypothetischen Charakters sind –

žr. Маслов 1981: 135)), насторок kilmę iš verb. bulg. пъстрѣя ‘marguliuoti, raibuliuoti‘ patvirtina -о- ↔ -е- kaita – labai senos bulgarų balsiko kaitos refleksija, plg. verb. bulg. лежа́ ‘gulėti; kalėti‘ ↔ subst. bulg. ло́же ‘patalynė‘ (plačiau žr. Маслов 1981: 53), t. y. adj. bulg. пъстр ‘nevienodas, sudarytas iš skirtingų elementų‘ + suff. -ъk- (↔-áк-) > subst. bulg. *пъстрък, ‘ne tos pačios giminystės žmogus ⇒ ne vienos motinos ir//ar tėvo vaikas resp. (pa-,į-)tėvis‘ > bulg. náстрок, насторок ‘patėvis‘ // bulg. náстроче ‘posūnis, podukra‘ (su radialinio -о-↔-у- // a ↔ъ // b↔ у- (bulgarų fonologinių kitimų ypatybės – plačiau žr. Маслов 1981: 37, 44)).

Auf der Grundlage dieser Analyse lassen sich Trubačëvs Aussagen widerlegen über: I. die Möglichkeit, idg. *po-p(a)tor (← *pator, *pster ‚Vater‘ zu rekonstruieren – solche Formen hat es in der idg. Ursprache nie gegeben und konnte es auch nicht geben (idg. Sprachen werden bis heute nicht der semitischen Sprachgruppe zugerechnet, die durch vokallose phonotaktische Sequenzen aus drei oder mehr Konsonantemen gekennzeichnet ist (!!!)); II. die Herkunft von russ. стрий (arch. строй, стрый), ‚Bruder des Vaters, Onkel (väterlicherseits)‘: Durch Kontamination des Hypokoristikums russ. dial. ся ‚Schwester‘ aus Twer (Даль IV 383) mit dem Substantiv russ. dial. тятя ‚Vater; Schwester‘ aus Rjasan (Даль IV 456) könnte im Russischen das Adjektiv russ. *се(я)стриной ‚dem Vater gehörig‘ > und das Substantiv russ. *се(я)стрина ‚das, was dem Vater gehört‘ entstanden sein (zu Suffix *-īn- siehe Хабургаев 1974: 203–204) (→ Substantiv russ. сестренцынь ‚alles, was ihnen gehört, was ihnen persönlich zu eigen ist‘ (Даль IV 179) – eine Ableitung mit den Suffixen *-īn- + *-īk- (zu diesem Wortbildungsmodell ausführlicher siehe Хабургаев 1974: 201)) ⇒ Substantiv russ. *(ся)стр(ин)ой ‚Bruder des Vaters, Onkel‘ (mit Aphärese von ся- (ausgelöst durch die Wiederholung von c-...c-, vgl. lit. overė ‚Eichhörnchen‘ = voverė, ebenfalls ‚Eichhörnchen‘; engl. óm /aim/ ← I am (Gaivenis, Keinys 1990: 12), vgl. auch den ukrainischen Personennamen Ле́ра ← Ба-ле́рий (Скрипник, Дзятківська 2005: 45 (zur Bildung russischer Personennamen-Hypokoristika ausführlicher siehe Суслова, Суперанская 1991: 99, 111, 115–116)) und mit Absorption des Suffixes -ин- (zu derartigen Lautwandelprozessen ausführlicher siehe Крегждис 2009, 281 (Fußnote 37)) → russ. (arch.) строй ‚ebd.‘. Auch das Auftreten von russ. стрий ‚Bruder des Vaters, Onkel‘ lässt sich mit den morphologischen Veränderungen dieser Form in Verbindung bringen, doch ist die Erklärung hier viel einfacher: Substantiv russ. *се(я)стрия ‚das, was dem Vater gehört‘ (nomen collect.) (vgl. kirchenslaw. а́даѝть ‚Bruderschaft‘ (nomen collect.)) → Substantiv russ. *се(я) стрий ‚Bruder des Vaters, Onkel‘ (nach dem Vorbild von russ. céстрия ‚Cousine‘ und durch Wandel des Flexionsformans des Femininums *-ā zu mask. -ъ, nach dem Vorbild von russ. бραтний ‚ihm (d. h. dem Bruder – R. K.) gehörig, eigen‘ (Даль I 124)) → Substantiv russ. стрий ‚ebd.‘ (mit Aphärese von се(я)-) (ausführlicher siehe Крегждис 2010: 214); III. alt-russ. Стри-богъ ← (*C-mp-u- ← *-втриС) ← *Сирть-богъ (? anagrammatische Stammtransposition mit Metathese des anlautenden C- aufgrund des Fehlens der phonotaktischen Sequenz TPИС- im Russischen (die Verbindung СТРИ- ist in dieser ostslawischen Sprache recht häufig: russ. стрúба ‚Pferd‘ (in Spielen); стрикъ ‚Streifen, Grenze usw.‘, стрий (arch. строй, стрый) ‚Bruder des Vaters, Onkel (väterlicherseits)‘ (Даль IV 340)) ← russ. (arch.) срть ‚Wasserstrudel, Wirbel, Sturmwind usw.‘ (Даль IV 188), d. h. das erste Glied eines karmadhāraya-Kompositums karmadhāraya (zu diesem Wortbildungstyp im Urslawischen ausführlicher siehe Хабургаев 1974: 192) spiegelt eine Transposition des Wurzelmorphems wider (ausführlicher siehe Крегждис 2010: 216).

Dėmesys atkreiptinas ir į dar vieną Trubačiovo (Трубачев 2006: 49) nurodomą kalbinį faktą – s. sl. пасторъкъ ‘πρόγονος; prigvinuš‘, kuris nefiksuojamas pagrindiniame senosios slavų leksikos sąvade (ССЯ III 18–19 (jame surinktos visos IX–XII a. šios kalbos leksemos)), o s. r. посторокъ немниман autoritetingiausiuose bažnytinės slavų kalbos rinkiniuose (ЦСЦ III 171; СЦРЯ III 162, 394), išskyrus Grigorijaus Djačenko leidinį (Дьяченко 1993: 409), kuriame minimi ir tie žodžiai, kurie yra seni tik autoriaus nuomone (žr. s. v. баба-яга), t. y. jie pateikiami be šaltinio nuorodos (!!!). Panašių keistos žodžių interpretacijos pavyzdžių pasitaiko ir Emilio Benvenisto veikaluose (žr. Бенвенист 1995: 177): r. dial. стрий ‘dėdė‘ aiškinamas kaip senosios slavų kalbos žodis (!!!) (plg. „[...] ст.-сл. stryjь ‘брат отца‘ (общеславянский термин, который отсутствует, однако, в русском [...]“ (Бенвенист 1995: 179)), nors šios kalbos pagrindiniame sąvade tokia lytis nenurodoma (žr. ССЯ IV 181–190), bet pateikiama bažnytinės slavų kalbos žodynuose reikšmė ‘tėvo / motinos brolis‘ (ЦС IV 179; СЦРЯ IV 239),

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Argumente, die auf äußerst unwahrscheinlichen Annahmen beruhen. Jurij Otkupščikovas (Откупщиков 1988; 2006: 216) formulierte, um diese verbreitete Auffassung zu widerlegen, eine Methodik zur Untersuchung onomastischer Geschlechter, die auf einer detaillierten Wortbildungsanalyse und nicht auf einer semantischen oder phonetischen Analyse der Lexeme beruht; für Letztere trat Antoine Meillet ein (ausführlicher siehe Мейе 1954: 40). Erwähnenswert ist, dass auch Vytautas Mažiulis bei der Beschreibung der Wortherkunft wiederholt die Bedeutung der morphologischen Analyse betonte (vgl. PEŽ III 13). Dennoch reicht es bei der Etymologisierung von Theonymen und anderen Mythologemen nicht aus, sich ausschließlich auf diese Methode zu stützen, deren Bedeutung zweifellos nicht infrage zu stellen ist. Vgl. den Klang der tabuisierten Pflanzennamen der ostaukštaitischen Mundarten, die Eugenija Šimkūnaitė (2001: 30, 71) als „unreine Bezeichnungen – Mittel der Verschlüsselung und zugleich des Abwehrzaubers gegen Krankheiten; Wortmagie; Entschlüsselung von Wissen“ charakterisiert:⁸ Sie alle spiegeln nicht nur eine vollständig veränderte morphologische Struktur des Grundworts (das Lexem wird durch eine phraseologische Wendung ersetzt: „Teufelsrettich“ ↔ lit. dial. Hundsbuile ‚gefleckter Wasserschierling‘ (Jasiūnaitė 2010: 286)) wider, sondern auch einen Referenzwandel. Ebenso weisen die Theonyme, die im Werk des Kulturvertreters Łasicki, eines Zeitgenossen Stryikowskis, erwähnt werden, strukturelle Abweichungen zwischen substratsprachlichen Formen und den in der schriftlichen Quelle belegten Formen auf. Vgl. Salaus9, Klamals10, Atlaibos11, Tawals12 und weitere, die in seinem Werk De Diis Samagitarum Cæterorumque Sarmatarum, & falforum Chriſtianorum. Item de religione Armeniorum (1582) erwähnt werden (ausführlicher dazu siehe LE XIV 181–183; BRMŠ II 577–579; Łasickis 1969) (Kregždys 2010: 51–52). Diese Theonyme also,

d. h. das Lexem ist kein Erbwort des Altkirchenslawischen, sondern ein russischer Dialektismus, der aus der История Государства Российскаго des Grafen Karamzin und aus der Кормчая книга II 209 bekannt ist (einer Sammlung russischer kirchlicher Postulate aus späterer Zeit) (siehe СЦСРЯ ibd.).

8 Vgl. ‚Schafkot‘ = Erlenzapfen, Schlangenknöterich, Mädesüß; ‚rote Kröten‘ = Wurzelstöcke des Gefleckten Schierlings; ‚Mädchen- oder Jungenurin‘ = Ahorn- oder Birkensaft; ‚schwarze Kröten‘ = Birkenporling; ‚Mäusefresser‘ = Mutterkorn; ‚Sonne im weißen Kopftuch‘ = Echte Kamille; ‚rosa Häschen im Stoppelfeld‘ = Kiefernknospen (ausführlicher siehe Šimkūnaitė 2001: 31, 74–75). Vgl. ferner ‚Teufelsrettich‘ = Giftiger Schierling; ‚Teufelsbeere‘ = Vierblättrige Einbeere (Jasiūnaitė 2010: 286, 292).

9 Salaus ← (morphotaktisch authentische Dialektform) Salius < *Sáulius (mit -áu- > -a.- (eine Besonderheit der Mundart von Ragnit)) ← lit. saulė ‚Sonne‘.

10 Klamals < *kalmal(i)s ‚Knochenmahler‘ (Typ der Nahmetathese; die phonotaktische Struktur des zweiten Morphems desselben Stammes wird verändert, d. h. AXBY → AB(XY)) ↔ *,derjenige, der Knochen mahlt, d. h. eine Gottheit der Knochen- bzw. Gelenkkrankheiten‘ < *kaula-malis ‚ebd.‘ < (Tatpuruṣa-Kompositum) *kaula-malūnis ‚ebd.‘, vgl. lit. Substantiv malūnis ‚Mühlenleiter, Spezialist für das Mahlen‘ ~ lit. Substantiv malūninis ‚Mühlenleiter, Spezialist für das Mahlen‘ ← lit. Adjektiv malūninis ‚mit Mühlen verbunden‘ (siehe auch Kregždys 2009b: 121).

11 Atlaibos < *lai-ta-bas (Metathesetyp der ersten beiden Silben, d. h. AB → BA) < lit. Substantiv laitas ‚gestampfter Boden einer Scheune oder Stube, Fußboden‘; ‚Unterseite, Boden des Ofens‘ usw. + lit. Substantiv lãbas ‚Wohlergehen, Nutzen‘, ‚das Gute‘, ‚Reichtum, Schatz, Gut‘ usw. ⇒ (Tatpuruṣa-Kompositum) *Laitalabas // *Laitalabis ‚Reichtum des Dreschbodens ↔ Gottheit des auf den gestampften Boden (anscheinend der Tenne) geschütteten Getreides ↔ Scheunengott‘.

12 Tawals – ein Prussismus, der lit. dial. (MLiet.) Substantiv tãvas ‚Vater‘ widerspiegelt (< pr. taws, ebd.) ↔ *Taval-lis ‚Väterchen‘ (vielleicht ein Euphemismus aufgrund eines Tabus) → Tavolas ‚ebd.‘.

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Auch alle anderen von Łasicki aufgeführten Götternamen wurden untersucht und ihre Etymologien zu erklären versucht; die Forscher deuten sie als entstellt oder sogar erfunden, obwohl sämtliche von diesem Autor erwähnten nomina propria authentisches baltisches Sprachmaterial widerspiegeln – mitunter sogar von hohem Alter. Der Hauptgrund für die bisherige fehlerhafte Analyse der Herkunft der Mythologeme bei Łasicki, Stryikowskis und anderen Autoren ist die bereits erwähnte rücksichtslose Anwendung der atomistischen Methode. Bei der Untersuchung onomastischer Formen wird vergessen, dass Götternamen (sowohl uranische als auch chthonische) zunächst mithilfe der Rekonstruktionsmethode analysiert werden müssen, denn Begriffe aus dem sakralen Bereich (insbesondere Götternamen) werden aufgrund von Tabus entstellt und transponiert, sodass ihre ursprüngliche Form nur rekonstruiert werden kann. Für die Bestimmung der Etymologie eines Theonyms sind mögliche Funktionen der Gottheiten nicht sonderlich hilfreich, da diese häufig erfunden und bisweilen gänzlich unbekannt sind (ausführlicher siehe Крегждис 2009: 257–259).

Tendenzen zum Wandel der Morphemstruktur tabuisierter Theonyme finden sich nicht nur in der sakralen Lexik der baltischen Theonyme, sondern auch in derjenigen der Slawen und anderer indogermanischer (und nichtindogermanischer) Völker (vgl. russ. dial. анчу́тка ‚Teufel, böser Geist‘ (Orel, Simbirsk, Tula, Rjasan u. a.) < russ. dial. анчу́т ‚Teufel‘ < *анчуд, ebenfalls‘ (morphologische Übertragung; vgl. auch den sporadischen Wechsel -д- ↔ -м-: russ. чудо́къ ↔ чуто́къ ‚wenig, gerade eben; ein Weinglas‘ (Даль IV 613)) ~ russ. dial. анчибо́д, ebenfalls‘ (Топоров 1973: 31) < russ. dial. *начуд, ebenfalls‘ (morphophonemische Transposition aufgrund eines Tabus) ← russ. Verb начудить (начудесить, начудотворить) ‚allerlei Unfug treiben; durch seltsames Verhalten verblüffen‘ (siehe auch Kregždys 2009, a21); russ. dial. у͡дага́нка ‚Hexe‘ (Kolyma) (siehe Власова 2008: 499) < *yagdanка ← russ. Verb yagdyvatь ‚erraten, sich zurechtfinden; anhand ungewöhnlicher Zeichen (Merkmale) und Ähnlichem etwas erfahren‘ (Даль IV 464–465)¹³; beim slawischen Donnergott Perun, der im südlichen

13 Šio žodžio kilmės aprašas, pateiktas Aleksandro Anikino (Аникин 2000: 580), yra motyvuotas liaudies etimologijos metodika (daugybė tokio nagrinėjimo pavyzdžių pateikiama Platono Lukaševičiaus veikale (žr. Лукашевич 1847)), mat aptariamą leksemą priskyręs skoliniams iš jakutų удаган ‚šamanė, ragana, burtininkė‘, o pastarąjį – iš mongolų удаган ‚šamanė‘, hipotezės autorius pamiršo nurodyti: I. pirminį skolinimosi šaltinį (!!!), mat sieti jį su Anikino nurodomu tiurkų *iduk ‚šventas‘ nepatikima ne tik dėl tokios formos vartosenos stokos gyvojoje kalboje (tai, matyt, vienas pagrindinių kazuistikos bruožų, kai pateikiama neva autentiška prolytė, paremta vieninteliu argumentu – asterisku (!!!); be to, toks skolinys nenurodomas rusų kalbos tiurkizmų sąvade (Шипова 1976: 342–343)), bet ir morfofonetinio skolinio ir substratinės formos neatitikimo (!!!); II. morfologinių kitimų grandi – visiškai neaišku, (a) kodėl jakutų удаган ‚šamanė, ragana, burtininkė‘, suponuojantis moteriškosios giminės referentą, rusų kalboje vartojamas su suff. r. -ка; (b) jei spėtume, kad toks morfologinis kitimas nulemtas kontaminacijos su r. dial. шаманка ‚keiksmažodis‘ (apie šio žodžio kilmę plačiau žr. Фасмер IV 401; Аникин 2000: 688), reikėtų paaiškinti, kaip rusų kalbos Sibiro dialekte galėjo būti pradėtas vartoti skolinys, savo morfologine struktūra neatitinkantis morfotaktinės šios kalbos sistemos. Be to, vienas pagrindinių argumentų, suponuojančių Anikino hipotezės klaidingumą – šioje rytų slavų kalboje ir jos Sibiro dialekte plačiai vartojamas jau minėtas tos pačios semantinės vertės skolinys r. шаманъ, шаман́ка ‚laukinų Sibiro genčių apgavikų kasta, kurių atstovai, besiverčiantys burtininkavimu, apgaudinėja žmones‘ (CAP VI 850), шаман, шаманка ‚kulto tarnautojai, bendraujantys su dvasiomis; burtininkas, žiniuonis, gebantis sukelti ekstazės būseną‘ (БТСРЯ 1489), t. y. Anikino „hipotezė“ neatitinka visuotinų superstatinės

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die durch slawische Tabus bedingte Morphemtransposition (Metathese): bulg. неперуна, неперуда, непнепуда, нпеперуда (MC 431); der nach dem anagrammatischen Transpositionsmuster veränderte Name der slawischen Gottheit des Reichtums und des Viehs Волос, vgl. russ. Соловей-разбойник ← Волос (von links nach rechts zu lesen) (siehe MC 496)). Derselben Gruppe sind auch das ostslawische Theonym Стрибог, das in der ältesten Chronik der Kiewer Rus, genauer gesagt in ihren Abschriften, erwähnt wird, Мокошь und andere zuzurechnen (ausführlicher siehe Крегждис 2010: 211–213). Ein solches Phänomen wurde auch bei der Aussprache des tetragrammatischen Namens YHWH der nichtindoeuropäischen höchsten jüdischen Gottheit angewandt und wird bis heute beachtet; ursprünglich war dieser der Gott einer Hirtenstammesgemeinschaft (des Stammes Juda) (MC 633).

Die Analyse von vier in Łasickis Werk erwähnten Theonymen ergab, dass zwei (Salaus, Tavvals) morphotaktisch authentische Dialektformen widerspiegeln, während zwei – untergeschobene-

Postulate zur Entstehung der Lexik: skoliny s – „Rückgriff auf den lexikalischen Bestand anderer Sprachen, um neue Begriffe auszudrücken, bereits vorhandene weiter zu differenzieren und zuvor unbekannte Gegenstände zu bezeichnen (häufig werden diese Begriffe und Gegenstände den Sprechern der betreffenden Sprache erst infolge der Kontakte mit den Völkern bekannt, aus deren Sprachen die entsprechenden Wörter entlehnt werden).“ (Ахманова 1969: 150–151); „Übernahme eines sprachlichen Ausdrucks aus einer Sprache in eine andere, üblicherweise wenn für den neuen Gegenstand, Begriff oder Sachverhalt kein Ausdruck existiert“ (Bussmann 2006:139).

Ein fragwürdiger Aspekt von Anikins Methodik zur Bestimmung der Herkunft dieses Wortes ist das völlige Fehlen synchronischer Analyse. Anikin analysiert und erläutert die Besonderheiten des russischen Wortschatzes nicht, sondern versucht, Veränderungen in nichtindogermanischen Sprachen zu rekonstruieren (siehe auch Аникин 2009: 155 (dieser Forscher deutet nicht nur Erbwörter des Russischen – selbstverständlich ohne Ergebnisse einer morphologischen oder semantischen Analyse vorzulegen, da er eine solche nicht durchführt – als Entlehnungen aus den Turksprachen, sondern unternimmt auch eine „Finnisierung“ baltischer Lexik – lit. odą, jūrą, kadagys u. a. seien laut Anikin die eindeutigsten Entlehnungen aus den Finnischen Sprachen (Аникин 2009: 155); seltsamerweise ignoriert der Rezensent bei der Erörterung von Hypothesen zur Herkunft der baltischen Lexik selbst die wichtigsten baltistischen Arbeiten in lateinischer Schrift, in denen solche „Behauptungen“ längst widerlegt worden sind (Būga II 273; PEŽ II 65, 55–56; LEW 516 u. a.), während er Wojciech Smoczyńskis Werk bewertet und ihm die geringe Zitierung kyrillisch verfasster Arbeiten vorwirft))), obwohl der deverbalen Herkunft des russ. удаганка ‚Hexe (Schimpfwort)‘ (siehe oben), nicht aber seinem Entlehnungsstatus, keine Zweifel entgegenstehen (außerdem sind die erwähnten Beispiele aus den Turksprachen als Entlehnungen aus dem Russischen und nicht umgekehrt zu bewerten (!!!)): russ. dial. зад ‚Hellseher‘ im Gouvernement Olonez (1846), Wologda, Jaroslawl, Kostroma, Perm, Westrussland; ‚яслюс, jemand, der etwas errät‘ in Jaroslawl (1853); ‚Wahrsager‘ in Wologda, Perm (CPHF VI 90), russ. dial. задь ‚Wahrsager; Zauberin, Seherin‘ in Westrussland (Даль I 339) ← russ. dial. *задан ‚ebenso‘ (mit Apokope des Suffixes -ан durch Kontamination mit dem sakralen russ. dial. зад ‚Schlange‘ (CPHF VI 89) (!!!) – Terminus aus dem sakralen Bereich (~ (aufgrund der morphologischen Struktur von nomina agentia) russ. молчанъ ‚Hund, der beißt, aber nicht bellt‘ (← russ. Verb молчать ‚schweigen, ruhig sein usw.‘) (Даль II 343) (weitere Beispiele siehe Зализняк 1980: 494–496)) ↔ russ. зада́нка ‚Wahrsagerin‘ im Ural (1963) (CPHF VI 90). Die Missachtung struktureller Veränderungen führte dazu, dass Lexeme mit völlig unterschiedlicher Herkunft und Bildungsweise – Homophone, russ. зад ‚Schlange‘ und russ. dial. зад ‚Hellseher usw.‘ – einem einzigen lexikalisch-semantischen Nest zugeordnet wurden (CPHF VI 89–90).

Einer der wichtigsten Belege für die deverbalen Herkunft des russ. удаганка ‚Hexe (Schimpfwort)‘ (< *уагаданка ‚Hexe, Hellseherin‘) ist das lexikalisch-semantische ukrainische Äquivalent (sowohl hinsichtlich der Wortbildung als auch der Bedeutung): ukrain. угадник (вгадник) ‚Hellseher‘ ↔ угадниця (вгадниця), ebenso (fem.)‘ ← ukrain. Verb угадуватися (вгадуватися) ‚voraussehen, ahnen, abergläubisch sein; 2. erraten; 3. erfahren‘ (→ ukrain. угадництво (вгадництво) ‚Fähigkeit, etwas zu erraten‘ (siehe СУМ 371).

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…tige Formen, deren struktureller Wechsel sich folgendermaßen erklären lässt: I. Typ der unmittelbaren Metathese, bei der die phonotaktische Struktur des zweiten Morphems desselben Stammes verändert wird, d. h. AXBY → AB(XY) (Klamals); II. metathetischer Typ der ersten beiden Silben14, oder Typ der unmittelbaren Metathese (einander benachbarter Silben), bei der das erste Morphem desselben Stammes durch das zweite ersetzt wird, d. h. AB → BA (Atlaibos) (siehe Fußnoten 7–10). Auf der Grundlage dieser Argumente und der für das Litauische untypischen morphophonologischen Struktur des Namens der untersuchten Gottheit lässt sich eine neue Herkunftshypothese für das Theonym Chaurirari formulieren – vermutlich spiegelt es einen morphotaktischen Wechsel des Typs II wider: lit. *Kauriraris ‚Pferdegott‘ < Subst. lit. *kaurikaris ‚dasselbe‘ (r...r < r...k (unmittelbare progressive Assimilation)) ↔ Subst. lit. *kaurikanis (r...r < r...n (distante progressive Assimilation)) < Subst. lit. *kaukarinis ‚dasselbe‘ (morphotaktische Metathese aufgrund eines Tabus (?); ausführlicher siehe Kregždys 2010: 51–52; 2010₍: 88) < Adj. lit. *kaukarinis ‚zu Kaukarius gehörig‘ (vgl. die Mythologeme Subst. lit. rugìnis ‚ein solches Märchenwesen‘ Mš; ‚Herbstmonat, September‘ S. Dauk (LKŽe) ← Adj. lit. rugìnis, -ė ‚aus Roggen gemacht, hergestellt‘ SD 463 u. a.; ‚zum Roggen gehörig‘ N, Nmč, Aps, Ps, Pb, Vžns, Dv, L. Paukš., Švn; ‚mit Roggen verbunden‘ Lz; ‚zum Roggenanbau geeignet (vom Boden)‘ KzR, Krsn, Alk, Smn; ‚zusammen mit dem Roggen reifend‘ Skr, Stak, Lkv, Ggr, Rt; ‚beim Roggenschnitt gesungen‘ Švnč u. a.; ‚auf Roggen wachsend, auf oder in Roggen schmarotzend‘ LBŽ, F; ‚sich im Roggen aufhaltend, dort lebend‘ LKK XIII 140 (Grv) (LKŽe); Subst. lit. jaũrinis

14 Vgl. Beispiele für Metathesen, die vermutlich durch das Tabuphänomen bedingt sind: 1) lit. dial. vilbãtas ‚(myth.) ein Mensch, der sich in einen Wolf verwandeln oder von anderen in einen solchen verwandelt werden kann‘ BŽ 305 u. a.; ‚(übertr.) von einem hässlichen, grausamen Menschen‘ Ant, Ut (LKŽe) < *viltakas ‚Werwolf‘ < vilk-takas Š; eine ähnliche Entwicklung gab es auch im Lettischen (was die mögliche Wirkung des Tabuphänomens bestätigt – ein gemeinsames baltisches mythologisch-religiöses Motiv): lett. vilkata Latvju dainas 19392, 2; vilkate 19424; vilkatis 19392 (vgl. Būga I 221); 2) lett. klemu (māte) (mit affriziertem c- (< *k-) > k- aufgrund der Position vor einem Konsonanten (!!!) (ausführlicher siehe Endzelynas 1957: 40)) ← lett. ceļmu māte ‚Mutter der Baumstümpfe ↔ Mutter der Teufel ↔ Teufelin‘, aufgrund der mit dem „Baumstumpf“ verbundenen Verortung des Teufels; vgl. lit. dial. (žem.) kėlmas ‚ein solcher Fluch, wenn man den Teufel nicht beim Namen nennen will‘ Dr, Užv (d. h. euphemistische Anrede des Teufels ~ po kelmų išeiti ‚verschwinden, umkommen‘ Dr → ‚zur Hölle fahren‘, vgl. užskas išėję puõ_kelmų Dr; Adj. lit. (žem.) kėlmiškas, -ė ‚sehr schlecht, teuflisch‘ (siehe DūnŽ 128) (diese Vermutung lässt sich auch durch die Erwähnung des bluko(-io) (Lettizismus) // eines Holzklotzes, Baumstamms, d. h. Baumstumpfs (eines Stammstücks), beim Fasching stützen (vgl. LE XXXII 368), der offenbar den Teufel symbolisierte; dieser wird den baltischen Mythologiedaten zufolge mit einer unterirdischen Wohnstätte in Verbindung gebracht, in der es kalt war (JBR I 9) – folglich wird während dieses Festes die Kälte, der Winter, vertrieben (!!!). Dieselbe Bedeutung hatte offenbar auch das Brauchtum des Weihnachtsklotzziehens (ausführlicher siehe Vaicekauskas 2005: 75–76)). Ferner vgl. sporadische, durch extralinguistische Faktoren bedingte metathetische Veränderungen in den baltischen Sprachen: Verb. lit. mąstakuoti ‚schwingen, hin und her bewegen, schwenken‘ A. Vien. ~ maskatuoti, mäskatuoti Gl; ‚sich hängend bewegen, baumeln, flattern‘ Dkš, Dbk u. a.; ‚zittern‘ Er; bewegen, schaukeln, schwingen‘ Vd, Sb u. a.; ‚etwas tun, mit schwingenden Händen arbeiten‘ Dbk u. a.; ‚eilig gehen‘ Ds u. a.; ‚fahren, reisen (gewöhnlich ohne Grund)‘ Er, Pc; ‚mit der Zunge mahlen, schwatzen‘ Dbk, Dgl, Ut; herumtollen, toben Rm; ‚sich seltsam zurechtmachen, schmücken, sich herausputzen‘ Rm (LKŽe) (weitere Beispiele siehe Būga II 410); 3) pruß. wubri ‚Wimper‘ E 82 ← pruß. *bruwi ‚Augenbraue‘ (durch Kontamination mit dt. wimpro ‚Wimper‘ (PEŽ IV 266)).

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‚Teufel‘ (Vėlius 1987: 40) ← Adj. lit. jáujinis, -ė, jaujos; in der jauja getrocknet (vor dem Dreschen); in der jauja gedroschen; in der jauja gemahlen‘ Ggr u. a. (LKŽe); Subst. lit. javinė ‚Getreidegöttin‘ [K] ↔ Subst. lit. javinis ‚Verwalter des Getreidespeichers, Erfasser der Getreidevorräte‘ [K]; Lex 55 u. a. ← Adj. lit. javinis, -ė ‚Getreide-‘ K I 537 u. a. (LKŽe) u. a. (siehe auch Крегждис 2009: 305)) ← nomen proprium (Theonym) lit. Kaukarus 59812 (Kaukarius) ‚Berggott; Berg Gott‘, erwähnt von Jokūbas Brodovskis (JBŽ II 175; III 364) (später nutzte auch Kristijonas Gotlibas Milkus diese Quelle (vgl. LKE 417; JBR II 158)), das eine äußerst alte bzw. ursprüngliche Protoseme dieser Gottheit widerspiegelt (!!!) (siehe unten).

Das Vorhandensein bzw. die Wiederkehr solcher mythopoetischen Entsprechungen in Werken von Autoren verschiedener Epochen ist laut Toporov „kein Zufall, keine Ausnahme, sondern Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit, bedingt durch einen geheimnisvollen und tiefen Sinn“ (Топоров 2007: 112), d. h. eines der wichtigsten Argumente, die die Authentizität der Bedeutungseinheit nicht nur in formaler, sondern auch in semantisch-kultureller Hinsicht begründen (vgl. pruß. Curche ‚Gottheit des Hornviehs‘, erwähnt im Vertrag von Christburg aus dem 13. Jh., und die von dem im 17. Jh. lebenden Motiejus Pretorijus (BRMŠ III 261) angeführte Gottheit Karwaitis ‚Kälbergott‘ (siehe Крегждис 2009: 286, 305, 319)).

Um die Wortbildungsgrundlage des lit. Kaukarus zu bestimmen, sollte man seine Analyse offenbar mit der Erörterung des Flexionsformats -ius beginnen, da Ableitungen mit dem Suffix *-ių- gewöhnlich verbale Abstrakta voraussetzen; vgl. lit. Subst. gýrius ‚Lob, Ehre‘ DP 150, 320 u. a. (Skardžius 1996: 76). Dennoch ist hervorzuheben, dass in den litauischen Dialekten Formen der Stämme *-i̯ō- und *-i̯ū- mit gleicher Bedeutung besonders häufig verwendet werden (vgl. lit. dėdžius ‚Onkel‘ Vlkv, Sasnava ↔ lit. dial. dėdis Jrb, Skr – dies ist eine recht alte Erscheinung (vgl. Kazlauskas 1959: 41; Zinkevičius 1966: 255)); außerdem werden Formen der *-i̯ō-Stämme neben Entsprechungen der ē-Stämme verwendet (vgl. lit. dial. pasáulė Krtn ‚Welt‘ ↔ lit. PN Sáulīs Brš, Ob, Rk, Saulis Kn, Mdž u. a.; Saulỹs Pn, Švnčl, Trgn; Saũlius Alv u. a. (Zinkevičius 1966: 219)). Kazimieras Būga hat die Ursache dieses Wechsels sehr klar beschrieben (RR II 665; siehe auch Zinkevičius 1966: 224): Die Gründe für die Variation der Stämme seien im Flexionssystem der Vermischung verschiedener Stämme zu suchen – besonders in den Gebieten der žemaitischen und der daran angrenzenden westaukštaitischen Mundarten, d. h. hier infolge der Kürzung unbetonter Flexionsformanten (vor allem natürlich in den küstennahen žemaitischen Mundarten) (Gen. Sg. des iā-Stamms) -ās > -es // -ēs (ē-Stamm) → iā-Stamm ↔ ē-Stamm, und iā-Stamm ↔ *-i̯ū-Stamm; vgl. Karliáučia ‚Königsberg‘ (Gerullis, Stang 1933: 18), aus demselben Grund, aus dem auch der Übergang des *-i̯ū-Stamms in den *-i̯ō-Stamm erfolgte, nämlich aufgrund des flexivischen Ausgleichs der Formen dieser Stämme im Nom. Pl. (morphologische Neutralisierung); vgl. (Nom. Pl.) lit. vaišius ‚Früchte‘, (Nom. Pl.) vaišiai ↔ lit. sėnys ‚Paläste, prächtige Häuser‘ SD⁵ 48 ~ (Akk. Pl.) fienius ŽCh 139₁₄ (< *sieniai) (ausführlicher siehe Būga II 554–555; siehe auch Girdenis, Girdenienė 1997: 291).

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Daraus lässt sich schließen, dass der litauische Eigenname Kaukarius ‚Berggott‘ möglicherweise analogisch 15 zu dem litauischen Personennamen Šaulius Krš (LPŽ II 683) (← *saulius ‚Sonne‘ < *saulia ‚ebd.‘ < (ē-Stamm) lit. saulė ‚ebd.‘) entstanden sein könnte; dieser setzt eine Form mit -iō-Stamm *Kaukaris ‚ebd.‘ voraus (~ litauische Personennamen Šaulis, Saulìs, Saulỹs ← *saulis, -ys) ↔ litauisches Substantiv kaũkoris ‚Haufen, Ansammlung‘ Klvr (LKŽe; siehe auch Ambrazas 1993: 138; 2000, 116), und dieses wiederum aus dem litauischen Substantiv mit ō-Stamm *Kaukaras16 ‚ebd.‘ < (lexikalische Metonymie) litauisches Substantiv kaũkaras ‚Hügelchen, Anhöhe, Hügel‘ B, R, M޲ 118 u. a.; ‚Gipfel eines Berges‘ M, S. Dauk., RB 4 Moz 23,9; ‚Erhebung im Gelände, Erdklumpen, Grabhügel‘ B, J; ‚Stirn, Hinterkopf‘ Kair (LKŽe) (vgl. auch litauisch kaũkoras, ferner 73 ‚Alraune‘ (CGL I 75); d. h. es wird das Semem ‚Fruchtbarkeit‘ reflektiert (LE XVII 225), das mit einer der Hauptfunktionen einer chthonischen Gottheit in Verbindung steht – erfolgreicher Nachwuchs beziehungsweise Fruchtbarkeit).

Wie bereits erwähnt, ist das Semem ‚Berggott‘ offenbar primär; daher muss festgestellt werden, wie die von Stryikowskis angeführte Bedeutung ‚Pferdegottheit‘ entstanden ist. Dieses Problem lässt sich nur lösen, wenn das litauische Substantiv kaũkaras ‚Hügelchen, Anhöhe, Hügel‘ u. a. morphologisch (und damit auch etymologisch) analysiert wird. Bislang wird dieses litauische Wort als eine Ableitung vom litauischen Substantiv kaukas mit dem Suffix -ara- erklärt (Skardžius 1996: 303). Fraenkel (LEW I 230) leitet es vom litauischen Substantiv kaũkas ‚Geschwür, Abszess, Furunkel‘ K, J, LsB 194, N (LKŽe) ab. Dieser Vergleich ist durchaus nachvollziehbar und klar, da beide Lexeme einen Referenten „Erhebung; das, was hervorsteht, herausragt“ voraussetzen. Der Bedeutungszusammenhang zwischen diesen Wörtern und dem litauischen Substantiv kaũkas ‚Hausgeist, der Reichtum bringt, Aitvaras‘ B, R u. a.; ‚Seele eines ungetauften Kindes‘ K, C I 1059, J; ‚Teufel‘ Lš; ‚alter, vertrockneter, struppig behaarter Mensch; altmodischer, abergläubischer Mensch‘ Mrj; ‚Orchidee‘ Kp; ‚Zwerg, kleiner Mensch‘ K (LKŽe) ist jedoch völlig unklar. Folglich ist auch die Herkunft des letztgenannten Wortes ungeklärt, obwohl gerade die Verbindung mit diesem Mythologem und dem litauischen *Kaukaras beziehungsweise der Gottheit *Kaukarinis die Entstehung der von Stryikowskis angeführten Bedeutung ‚Pferdegottheit‘ bestimmte; denn anhand folkloristischer Belege wurde festgestellt, dass die Kaukai ebenso wie die Aitvarai die Pferde beaufsichtigen (LE XI 186; (für Teufel ist dies auch bei den Slawen typisch (sie nennen Pferde sogar „schwarze Teufel“)) vgl. Vėlius 1977: 124, 126; (für Kaukai) 184, 186–189, 193). Hier sei angemerkt, dass auch der Vergleich der Kaukai mit den Aitvarai nicht zufällig ist (dies ist selbstverständlich ein Problem, das einer gesonderten Untersuchung bedarf): Ihre funktionale Konnotation ist häufig identisch (JBR II 158; LE ibd.); vgl. litauisch aitvaras ‚märchenhaftes Wesen, das den Menschen Reichtum bringt‘ SD 129,

15 Eine ähnliche Wirkung der Analogie legen auch die Tendenzen zur Veränderung der Deklinationstypen anderer litauischer Lexeme nahe; vgl. litauisch mit ō-Stamm žvyras Varn, Krž, žvyras (3) Škt ‚Mischung aus Sand, Kies und Geröll‘ J u. a.; ‚Erde, Boden mit viel Geröll‘ Jrb u. a.; ‚Kieselstein‘ Pv, Akm, Krž, Jrb, Skdv; ‚im Körper entstehendes Sediment, Sand‘ Škt (LKŽe) ~ litauischer Dialekt mit iū-Stamm žvȳrius (2) NdŽ u. a., žvȳrius (4) Alv u. a. ‚ebd.‘ (vgl. Žvyriaus didelį kaupą suvežėm LTR, s. v. kaũpas – LKŽe).

16 Dieses Mythologem hat offenbar die Entstehung des pejorativen litauischen Substantivs kaukaras ‚Säufer‘ Q 22, Mit I 227 (LKŽe) bewirkt, denn die Schenke ist ein typischer Aufenthaltsort des Teufels (Vėlius 1987: 53–54, 94) (nach russischen Folklorebelegen stehen alle Säufer unter der Herrschaft des Teufels (!!!) – Власова 2008: 542–543, 547).

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N, J u. a.; ‚Spielzeug, das Kinder an einem Faden in die Luft steigen lassen, Drachen‘ J. Jabl.; ‚Unruhestifter, Wildfang‘ Slnt, Krn, Tj (LKŽe); ‚Branktas (Teil des Pferdegeschirrs)‘ (Vėlius 1977: 174)). Tatsächlich wird die Ätiologie der Kaukai nach litauischen Folklorebelegen (LTR 1583/51) mit Körperteilen von Pferden in Verbindung gebracht – sie werden aus den Eiern eines schwarzen Igels ausgebrütet (ausführlicher siehe Vėlius 1977: 183).

Mažiulis (PEŽ II 148–150) ordnete dem prußischen Wort bei der Analyse der genetischen Beziehungen zwischen den genannten ostbaltischen Lexemen und dem Substantiv pruß. cawx ‚Teufel‘ E 11 eine konnotative Semem zu, die in keiner schriftlichen Quelle oder in der Folklore erwähnt wird und angeblich für diese Gottheit charakteristisch ist: *,derjenige, der gebeugt, bucklig usw. ist‘ (PEŽ II 149). Mažiulis’ Behauptung kann man aus einem ganz einfachen Grund nicht zustimmen – weder das Substantiv pruß. cawx ‚Teufel‘ noch das Substantiv lit. Hügel ‚Anhöhe, Hügel, Buckel‘ lässt sich von dem balt. Adjektiv *kauka- ‚gebeugt, bucklig‘ ableiten <dem ide. Adjektiv *kouko-(: *keuko-) ‚sich so beugend (neigend, gebogen), dass es bedeckt‘ / ‚so bedeckend (bedeckt), dass es sich beugt (neigt, krümmt)‘ <und dem ide. Verb *(s)keuk- / *(s)kouk- / *(s)kūk- ‚sich so bedecken, dass man sich beugt (neigt) / so beugen (neigen), dass man bedeckt‘ (PEŽ II 150) ableiten; diese Wörter setzen nämlich nicht Konnotationen des „Sichbiegens“, sondern des „Hervortretens, Herausragens, Hochliegens“ voraus (vgl. Urbutis 1981: 77) – ihre semantische Konnotation ist differentiell (zum referenziellen Wert dieser Formen ausführlicher siehe Paulauskas 1987: 64–65, 86) (ähnliche Schlussfolgerungen legen auch die bei LIV (I 319) angeführten Belege für ide.? *keuk- ‚sich biegen‘ nahe, d. h. die Beispiele ‚sich neigen, krümmen, (sich) beugen‘: Verb s. i. (Ved.) ut-kucant- ‚sich winden; sich buckeln; sich beugen‘, v.p. n-gwč- ‚sich verneigen‘, ir. cúar ‚krumm‘, s.-kr. kûka ‚Haken‘, lit. kaũkas ‚Tannenzapfen‘ (übrigens wird diese Bedeutung im LKŽ (!!!) nicht aufgeführt), d. h. es wird eine äußerst wichtige Tatsache außer Acht gelassen: Eine Einbuchtung bzw. „Senke“ ist keine Ausbuchtung bzw. „Anhöhe“). Folglich ist der Ursprung dieser Wörter ein ganz anderer als der von Fraenkel (LEW ibd.) und Mažiulis (PEŽ ibd.) erläuterte (ihnen folgt auch Liubovė Kurkina, die lit. Hügel mit slav. *čukorb in Verbindung gebracht hat – vgl. Куркина 1992: 164) Arbeiten¹⁷.

Eines der Argumente, mit denen Mažiulis seine Vermutung über eine mögliche Rekonstruktion des baltischen Adjektivs *kauka- ‚gebeugt, bucklig‘ begründet, ist eine falsche Behauptung der Autoren des Etymologischen Wörterbuchs der slawischen Sprachen (siehe ЭССЯ XIII 86–87, 94), wonach das russische Substantiv kyka ‚Faust, geballte Hand‘ (zu seiner Herkunft siehe ausführlicher Фасмер II 404) mit russischem Dialekt kyka ‚Waldgeist, der in der Sauna lebt‘ (vgl. CPHH XVI 30) vergleichbar sei – sie werden als Mitglieder eines gemeinsamen lexikalisch-semantischen Wortfelds aufgeführt. Leider sind diese Wörter völlig unterschiedlicher Herkunft – das russische Dialektwort kyka ‚Waldgeist, der in der Sauna lebt‘ (ЭССЯ XIII 87) ist ein Lallwort (offenbar veranlasst durch die Kontamination der lautmalerischen Nachahmung bu-bu von Eulenrufen mit dem pejorativen russischen Wort (ebenfalls ein Lallwort) káka ‚igitt; Schmutz, Übel, Dreck, Kot‘ (Даль II 75)) und spiegelt eine regressive Assimilation wider (zur Sprache

17 Diese Erklärung wird auch in den jüngsten Arbeiten zur preußischen Lexikologie wiederholt (ausführlicher siehe Brazaitis 2010: 150).

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der schlechten Artikulation des Benutzers (des Kindes (!!!)): k…κ ← 6…κ) r. бу́ка ‚Teufel; mythisches Wesen‘ usw. (CPHF III 262), ‚Ungeheuer (Schreckgespenst), mit dem verständige Erzieher Kinder erschrecken; Übermensch; Bär; böser, grausamer, unempfindlicher Mensch‘ (Даль I 138).

Ein weiterer, von Mažiulis herangezogener Verwandter des prußischen caws ‚Teufel‘ ist lett. kaūcens ‚Erdkröte; Frosch‘ (ME II 172), dessen Herkunft ebenfalls ganz anders ist, als der Autor der Vermutung angibt. Es ist als Substantiv lett. kauca ‚Heulen, Schreien, Brüllen‘ (ME ibd.) und als Ableitung mit dem Suffix -ęn-s zu behandeln (vgl. lett. meita ‚Tochter; Mädchen, junge Frau, Dienstmagd‘ → meitēns ‚Mädel; Mädchen‘, lett. māsa ‚Schwester‘ → lett. māsēns ‚Cousin, Neffe‘ (Endzelīns 1951: 303); ferner vgl. Substantiv lit. tylā ‚Abwesenheit von Lärm, Geräuschen; Stille, Ruhe, Friedlichkeit, Gelassenheit‘ FrnW, KŽ usw.; ‚Schweigen‘ SD 151 usw.; ‚Windstille, Flaute‘: NdŽ, GTŽ, DŽ; ‚ruhiger Ort, stille Ecke‘ Vd; ‚schweigsamer Mensch, Stillling‘ NdŽ, K (LKŽe) → tylēnis, -ē ‚stiller Mensch, Stillling‘ DŽ, NdŽ usw.; ‚Mensch, der seine Ansichten nicht öffentlich äußert‘ DŽ (LKŽe); lit. gárbanà ‚gekräuseltes Haar, gekräuselte Wolle oder Pflanzen‘ K usw. (LKŽe) → lit. dial. gerbēnis, -ē ‚jemand, dessen Haare sich kräuseln‘ Pc, Sml usw. (LKŽe) (siehe auch Skardžius 1996: 235) usw.). Lett. kauca hingegen ist ein Deverbativum, das vom lettischen Verb kàukt ‚heulen, brüllen, jammern; weinen, schluchzen; Lärm machen; (vom Wind) pfeifen; knacken, krachen; (im Ohr) mit einem durchdringenden Ton klingen18 (ME II173) abzuleiten ist; vgl. lett. kaūkuris ‚pfeifender Wirbelwind‘ (ME ibd.).

Somit ist die von Mažiulis gegebene Beschreibung der Herkunft des prußischen caws beziehungsweise lit. kaūkas zu korrigieren.

Das Problem der Bestimmung der Herkunft der hier erörterten Wörter lit. kaūkaras, lit. kaūkas, pruß. cawx ‚Teufel‘ lässt sich leicht lösen, wenn man von der von Mažiulis zutreffend erkannten semantischen und genetischen Verbindung dieser Lexeme mit der Bezeichnung der Kröte ausgeht – einer altbaltischen Penate (die mythologische Deutung des Autors der Vermutung ist sehr zweifelhaft (siehe unten)). Anders als Mažiulis (PEŽ II 148) ist jedoch nicht das onomatopoetische lett. kaūcens, sondern das Substantiv lett. kaupis ‚Kröte‘ (EH I 594), lett. kaūpiņš ‚Kröte, Frosch; ein Pilz, der aus dem Erdboden hervorragt‘, lett. kàupenis2 ‚Kröte‘, lett. kaūpītis ‚Kröte, Frosch‘ (ME II 177) mit den genannten Wörtern zu verbinden. Diese setzen keinen geheimnisvollen mythologischen Referenten ‚Penate‘ voraus – daher besteht kein Anlass, eine niemals existiert habende Form lett. *kaūk-ena ‚zu den Kauken (Penaten) gehörig‘ (PEŽ ibd.) zu rekonstruieren –, sondern ein etymologisch leicht begründbares Semem ‚Erhebung, Hervortreten über den Erdboden‘19 ↔ lett. kau-pis ‚Schalenpanzer‘ (ME ibd.).

Die Ursachen der unterschiedlichen Akzentformen, deren besondere Bedeutung Mažiulis hervorhebt (PEŽ ibd.), lassen sich leicht durch litauische Entsprechungen erklären, die die Grundformen dieser Genera widerspiegeln:

18 Die onomatopoetische Herkunft des lett. kaūcens lässt sich auch mit lett. kauķis ‚Kröte‘ (ME II 357) < und dem Verb lett. kaukstēt ‚quak-quak quaken, kläffen o. Ä.‘ < (onomat.) lett. kàuku ‚quak-quak‘ (ME ibd.) begründen.

19 Lett. kaūpiņš ‚abwertende Bezeichnung für einen unbedeutenden Menschen oder ein unbedeutendes Tier‘ (EH I 594) legt einen appellativischen Ursprung der Wortbedeutung nahe, offenbar aufgrund der pejorativen Konnotation des Referenten ‚Kröte‘ beziehungsweise ‚Frosch‘.

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spiegeln die Grundformen dieser Genera wider: Substantiv lit. kaūpas, káupas ‚Erhebung, Hügel, Haufen‘ K usw.; ‚Kartoffeln oder Gemüse, die zu einem Haufen aufgeschüttet, mit Stroh bedeckt und mit Erde zugeschüttet sind; Keller‘ Brt usw.; ‚Überschreitung des Maßes, Überschuss‘ R, SD 398 usw.; ‚was über der Norm liegt, mehr als nötig, das Obere‘ Kt, Slk usw.; ‚Scheitel‘ Ds (LKŽe). Hervorzuheben ist, dass die Wurzel dieser Formen historisch eine Schwundstufe ist und das Auftreten der akuten Formen durch das Kollektivsuffix *-ā bedingt ist (ausführlicher siehe Kregždys 2010a: 29–31); vgl. Substantiv lit. káupa ‚Hügel‘ ↔ lit. dial. káupas ‚ebd.‘ (ebenso südkroat. kùpa ‚Haufen‘ ↔ kùp ‚ebd.‘ (siehe Būga II 442); Būga (I 441) hält die maskuline Form für eine Neuerung), lett. kuõpa ‚Haufen, Bündel (Getreidegarbe), Schober‘, Adverb lett. dial. kuõpā ‚zusammen‘ ↔ lit. dial. kuopa ‚Heuhaufen, Kegel, Schober‘ (vgl. Būga II 355) < Substantiv balt. *kaupa- ‚Ansammlung‘ < Adjektiv balt. *kaupa- ‚angehäuft‘ (vgl. PEŽ II 151) < Verb balt.-slaw. *kaup-/*kūp- ‚zu einem Haufen schichten; hervorragen‘ (< idg. *keup- ‚ebd.‘ (Pokornys (IEW 591) rekonstruierte Sememe ‚sich neigen, biegen usw.‘ eignen sich überhaupt nicht zur Erklärung der semantischen Entwicklung der oben genannten Lexeme und sind daher zu ändern)) > Verb lit. kaũpti ‚zu einem Haufen aufschütten, einen Haufen bilden‘ K, J; ‚Erde um den Stamm einer Pflanze oder um etwas anderes anhäufeln‘ K, N, Krsn, Ktk, J; ‚sammeln, zusammenbringen, konzentrieren‘ Mrs; ‚zusammenraffen, für sich greifen‘ J (LKŽe).

Daher lässt sich vermuten, dass lit. Hügel, lit. Geist, pruß. caux den durch progressive Assimilation bedingten Wandel der phonetischen Wortstruktur widerspiegeln (k…p > k…k): balt. Subst. *kaupa- ‚Anhäufung‘ (→ (Bildungen mit dem Suffix -(a)ra-) lit. Hügel ‚Hügel‘, Hügel ‚Anhöhe‘ V1 (Būga I 447); lett. kaupra ‚Hügel‘ (EH I 595), lett. kàupre2 ‚kleiner Hügel; Höhenzug‘ (ME II 177), lett. kàupris2 ‚Höhenzug; Hinterkopf‘ (EH I 595)) ⇒ *kauka- ‚ebenso‘, vgl. den lit. Eigennamen Kaũkas ‚sammelt allerlei Dinge und trägt sie nach Hause‘ Tv (Butkus 1995: 255) (in der Gegend von Kaunas wird lit. Geist nur als geiziger Mensch verstanden, der alles nach Hause schleppt (!!!) – R. K.) ↔ lit. Verb anhäufen ‚plündern, an sich reißen‘ (siehe oben). Ein solcher Wandel fand offenbar bereits in der baltisch-slawischen Ursprache statt²⁰, vgl. serbokroat. Haufen ‚Haufen, Schober; Gruppe von Bäumen oder Menschen; Heuhaufen; Stapel‘ // Haufen ‚ebenso‘, hydron. Kùpa ‚Fluss in Kroatien; Κόλαπις (von Strabon erwähnt)‘ (RHS 789, 791; siehe auch Būga II 442) ↔ slowen. Hügel ‚Hügel‘ (vgl. PEŽ II 150), kroat. Oberschenkelkopf ‚(anat.) oberer (hervortretender) Teil des Oberschenkelknochens von Mensch und Tier; Spitze eines Steins‘ (RHJ: 517; RHS:

20 Auch Beispiele aus der prußischen Toponymie und Hydronymie, die Ortsnamen mit möglichen Varianten der Wurzel –p- und –k- belegen, setzen einen frühen Ursprung dieses Prozesses voraus: pruß. Ortsname (Südpreußen) Kaukenynen 1400 (Gerullis 1922: 58; Blažienė 2005: 271), pruß. Ortsname Kaucaliskis 1331, Kaukelawke 1394 (Gerullis ibd.), pruß. Ortsname Koken 1755, Nūwe Kuckendorff 1380 usw. (Przybytek 1993: 102–103, 315) ~ pruß. Hydronym (Fluss) Caupeaps 1395, pruß. Ortsname Kaupsitten 1343 (Gerullis ibd.). Eine solche vorsichtige Annahme lässt sich angesichts des äußerst umfangreichen lettischen toponymischen Materials (mit Wurzel –p-) und des Vorhandenseins offensichtlicher phonetischer Alternanten in dieser ostbaltischen Sprache aufstellen: lett. Ortsnamen Kaupa, Kaũpas, Kaũpes ~ lit. Ortsname Káupos; lett. Ortsnamen Kàupari2, Kauper-kalns; Kaũpes-kalns ↔ lett. Ortsnamen Kaukuri, Kaũkure, Kauk̦u kalns usw. (weitere Beispiele siehe Endzelīns 1961: 63, 67–68).

Daher lässt sich sehr vorsichtig vermuten, dass einige prußische und litauische Toponyme und Hydronyme mit der Wurzel kauk- nicht mit der Referenzkonnotation ‚Kaukas‘ beziehungsweise ‚Teufel‘, sondern mit ‚Hügel‘ beziehungsweise ‚Berg‘ zu verbinden sind (!!!).

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753), s.-kr. kùk (kūk), kūka ‚riesiger Stein, Findling‘, top. (in Bosnien) Kùk // Kūk ‚großer Hügel‘ (RHS ibd.)21.

Diese Vermutung lässt sich auch mythologisch begründen, denn es ist bekannt, dass „der Kaukas wie der russische дворовой, der schwedische ritomte, der norwegische Nisse, die finnischen tanh(u)an haltija, tallitonttu, riihenhaltija und andere Wesen eher mit der Scheune und dem Stall als mit dem Wohnraum der Menschen verbunden ist – er trägt Getreide und Heu herbei, kümmert sich um die Pferde usw.“ (Vėlius 1977: 188), d. h. der Kaukas häuft Haufen auf bzw. sammelt, vgl. die bereits erwähnten Bedeutungen des litauischen Verbs kaũpti: ‚zu einem Haufen aufschichten, einen Haufen bilden‘ und ‚sammeln, zusammenführen, konzentrieren‘ (LKŽe).

Somit wird deutlich, dass sowohl Fraenkelis als auch Mažiulis Wörter ganz unterschiedlicher Herkunft und Bedeutung einem einzigen lexikalisch-semantischen Nest zugeordnet haben – phonetische Homonyme (Homophone): das litauische Substantiv kaũkas ‚Hausgeist, der Schätze bringt, Aitvaras‘, ‚Seele eines ungetauften Kindes‘, ‚Teufel‘, ‚alter, vertrockneter Mensch mit wirrem Haar; altmodischer, abergläubischer Mensch‘, ‚Kaukaspenis‘, ‚Zwerg, kleiner Mensch‘ (LKŽe) < ide. *keup- ‚zu einem Haufen aufschichten; hervorragen‘ (diese Semem wurde in IEW 591 nicht gesondert angesetzt; anders erklärt in PEŽ II 61) ≠ das litauische Substantiv kaũkas ‚Fischereigerät – ein hölzerner Haken oder Bogen, mit dem man unter dem Eis eine schräg verlaufende Stange herumdreht‘ Vdšk, Srj, Klt, Ign, Rš, Švnč, Lkm, Plš, Nmn; ‚Stange zum Festzurren einer Ladung auf dem Wagen, Spannvorrichtung‘ Dglš (LKŽe) < ide. Verb. *keuk- ‚(sich) krümmen‘ (IEW 588–589) (siehe auch PEŽ II 150). Auf Grundlage der durchgeführten Analyse lässt sich mit Sicherheit behaupten, dass das in den Wörterbüchern von Brodovskio und Milkaus erwähnte nomen prop. (Theonym) Kaukarius mit der Semem ‚Berggott‘ primär ist, während Stryikowskios

21 Petar Skok bringt das serbokroatische kùk, Gen. kùka ‚oberer Teil des Oberschenkelknochens u. a.‘ mit dem serbokroatischen kàlk (< urslaw. *klьkbъ), ‚Oberschenkel; coxa, femur‘ in Verbindung und leitet es von ide. *kl̥k- ‚(sich) krümmen‘ ab (Skok II 225); doch der von ihm selbst angeführte Ortsname Kùk (Milna, Brač) ‚hoch gelegenes Gebiet mit einem schneebedeckten Hügel‘ legt keinen Bezug auf ‚Krümmung‘, sondern auf ‚Hervorragen‘ nahe (!!!), d. h. er ist nicht mit dem serbokroatischen kàlk ‚Oberschenkel‘, sondern mit dem serbokroatischen kùk (kūk), kūka ‚riesiger Stein, Findling‘ (RHS 753) in Verbindung zu bringen, letzteres wiederum mit dem serbokroatischen küp (Vuk, Kosmet, ŽK) ‚Haufen, Erdwall; Gruppe von Bäumen oder Menschen; Heuschober; Stapel‘, kúpa (Vuk) ‚Haufen, acervus; Armvoll Schilf‘, vergleichbar mit litauisch kaũpas (vgl. Skok II 225, 236–237). Skok erkannte auch genetische Zusammenhänge zwischen diesen Lexemen – die Unterschiede zwischen den Grundformen ide. *queu-p ↔ ide. *queu-k- führt er allein auf den Wechsel der unterschiedlichen Formantien *-k- und *-p- zurück (Skok II 237).

Eine derart nachlässige Bewertung dieser Wörter führte dazu, dass Lexeme gleichen Ursprungs (die den Wandel progressiver Assimilation widerspiegeln: k…p → k…k) auf verschiedene lexikalisch-semantische Nester aufgeteilt wurden; das Grundwort dieser Wörter ist also urslaw. *kupъ ‚Haufen, Erdwall‘ > altkirchenslaw. εὔιυ, σωρός, acervus‘, bulg. куп ‚Haufen; Fülle, Vielzahl‘ u. a. (ausführlicher siehe ЭССЯ XIII 114).

Hier sei auch die völlig unglaubwürdige Vermutung von Oleg Trubačiov erwähnt (ЭССЯ XIII 115), der zufolge die abweichende Betonung von serbokroatisch kȕp bzw. litauisch kaũpas durch die Rekonstruktion unterschiedlicher Grundformen zu erklären sei: ide. *kou-p-o- ↔ ide. *kou-ə-p-o-. Der Urheber dieser Vermutung ignoriert aus irgendeinem Grund Būgas Aussage (I 441), dass serbokroatisch kȕp (Gen. Mask.) als Innovation zu beurteilen ist, d. h. diese Form entstand aus serbokroatisch kȕpa, deren Akut offenbar durch das Kollektivsuffix ide. *-ā nahegelegt wurde (ausführlicher siehe Kregždys 2010a: 31–41). Būgas Hypothese lässt sich auch durch den in indogermanischen Sprachen anzutreffenden grammatischen Kategorienwandel von nomina collectiva zu Genus masculinum begründen (siehe Kregždys 2010a: 54–55). Somit lässt sich die Hypothese aufstellen, dass die in den serbischen und kroatischen Sprachen verwendete lexikalisch-semantische Variante kȕpa ‚Haufen, Erdwall; Gruppe von Bäumen oder Menschen; Heuschober; Stapel‘ // kȗp ‚ebd.‘ gemäß Būgas Vermutung sekundär ist; der Akut von serbokroatisch kȕp entstand daher analog zu Gen. Fem. kȗpa (zu dieser Form ausführlicher siehe ЭССЯ XIII 107–108) und spiegelt nicht ide. *kou-ə-p-o- wider, das offenbar niemals existiert hat.

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*Kaukarinis ‚Pferdegottheit‘ ist sekundär und durch die Konnotation einer Funktionsgottheit bedingt, d. h. litauisch kaũkas setzt die Protosemem ‚eine auf dem Hügel lebende Gottheit, wo sie Reichtümer anhäuft = sammelt‘ voraus. Entgegen Balys (JBR II 158) lässt sich daher mit Sicherheit behaupten, dass dieses Theonym als eines der Epitheta von Velinas zu betrachten ist.

Neben der Analyse des genannten Theonyms ist auch die Herkunft mehrerer russischer Lexeme zu erörtern, die Toporov vermutlich fälschlich mit Chaurirari in Verbindung gebracht hat (Топоров 2000: 184; 2006: 200): 1. dial. russ. kaýp ‚hölzerner Hammer mit langem Stiel zum Betäuben von Fischen‘ (verwendet im Ural, in Sibirien und im Einzugsgebiet des Ob (Westsibirien)) (CPHI XIII 138), den Toporov als Baltismus bezeichnet (Топоров ibd.), der angeblich das litauische Substantiv kaũras ‚langer Stock zum Umrühren von Teer beim Kochen‘ (LKŽe) widerspiegelt. Dieser Vermutung kann man nicht nur wegen des Verbreitungsgebiets des russischen Lexems keinen Glauben schenken, d. h. das Lexem ist in einem Gebiet belegt, in dem Balten niemals gelebt haben (es sei denn, es handelt sich um einen Verbannungsort – allerdings wurden die Angaben zum Gebrauch des Wortes 1908 erhoben), sondern auch wegen der Herkunft des genannten litauischen Wortes: litauisch kaũras ist eine adaptierte Entlehnung aus dem Slawischen, verwandt mit russ. *ковыр ‚Werkzeug zur Bezeichnung eines langsamen Rührvorgangs‘ ↔ russ. ковы́рка ‚das, womit gegraben, ausgehöhlt, ausgeschnitten oder (zusammen)geflochten wird; Bast- oder Birkenrindenriemen zum Festziehen eines Bastschuhs, Schlag; hässlicher, langsamer Mensch‘ (CPHI XIV 38) (← Verb. russ. ковыря́ть ‚herumstochern, drehen, rudern, etwas langsam und unbeholfen tun‘ (CPHI XIV 39–40; Даль II 129)) ~ russ. копу́шка ‚langsamer Mensch; Versager‘ ↔ kóna ‚ebd.‘; russ. копа́ло ‚Stoßzahn‘ ↔ копа́лка ‚beliebiges Grabwerkzeug‘ (Даль II 157).

Zur Herkunft von dial. russ. kaýp ‚hölzerner Hammer mit langem Stiel zum Betäuben von Fischen‘ lässt sich die Hypothese aufstellen, dass es genetisch mit russ. коварный ‚jemand, der Beschläge, Ketten und Fesseln schmiedet‘ (Даль II 127) < Subst. russ. коварь ‚Schmied‘ (Даль ibd.) < Verb. russ. кова́ть ‚Metall mit einem Hammer bearbeiten, dem Metall eine beliebige Form geben; rhythmisch wie auf einem Amboss mit einem Hammer schlagen‘ (Даль ibd.) verwandt ist; graphisch ist es also als Beispiel einer phonetischen Kodifizierung zu verstehen, das eine assimilierte Form widerspiegelt (ohne wurzelständiges -v-, vgl. russ. кавунь ‚Wassermelone, Kürbis‘ ↔ dial. russ. kaýп ‚ebd.‘ (Даль II 71)), die die Form *kaur ← *koar voraussetzt (Wechsel in der phonetischen Wurzelstruktur aufgrund der für das Russische untypischen phonotaktischen Sequenz -oa-). Der Bedeutungswandel Referent ⇕ Konnotat ⇒ Referent (Aᴮ → Bᴬ) lässt sich nach dem Prinzip des inneren semantischen Wandels erklären (ausführlicher siehe Kregždys 2010a: 24–25): Hammer.

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2. Verb. russ. dial. kaýputься ‚zornig sein; die Stirn runzeln, mürrisch und verdrießlich sein; hochmütig sein; starrköpfig sein‘ (Даль II 98; siehe auch CPНГ XIII 138) ist ebenfalls kein Baltismus, wie Toporov behauptet, denn es handelt sich um ein Denominativum, das aus dem Türkischen kovur ‚braun‘, kasachisch konur ‚hellbraun, falb, isabellfarben; schwarzbraun (mit schwarzem Schweif und schwarzer Mähne)‘ entlehnt wurde (Фасмер II 211) – wahrscheinlich verlief die semantische Entwicklung dieses Verbs folgendermaßen: ‚braun, schwarzbraun‘ ↔ ‚bräunlich, schwärzlich‘ ↔ ‚geschwärzt, gebräunt (dunkel gefärbt), daher auch mürrisch‘ ↔ ‚zornig‘ ↔ ‚missmutig, weil zornig‘ ↔ ‚mürrisch, daher auch missmutig‘.

Schlussfolgerungen

1) Der Theonym Chaurirari spiegelt eine Metathese der ersten beiden Silben wider, also den Typ der unmittelbaren (benachbarte Silben betreffenden) Metathese, bei der das erste Morphem desselben Stammes durch das zweite ersetzt wird – anzunehmen ist folgender morphotaktischer Wandel: lit. *Kauriraris ‚Pferdegott‘ < subst. lit. *kaurikaris ‚ebd.‘ (r...r < r...k (unmittelbare progressive Assimilation)) ↔ subst. lit. *kaurikanis (r...r < r...n (distante progressive Assimilation)) < subst. lit. *kaukarinis ‚ebd.‘ (morphotaktische Metathese aufgrund eines Tabus) < adj. lit. *kaukarinis ‚zu Kaukarius gehörig‘;

2) Der Name der Gottheit Chaurirari ist kein ἅπαξ λεγόμενον. Er ist mit dem in mehreren Werken von Lexikografen und Kulturschaffenden aus dem 18. Jahrhundert in Kleinlitauen belegten nomen proprium (Theonym) Kaukarius ‚Berggott‘ in Verbindung zu bringen;

3) lit. kaũkaras, lit. kaũkas, altpreuß. cawx spiegeln einen durch progressive Assimilation bedingten Wandel der phonologischen Wortstruktur wider (k...p > k...k): subst. balt. *kaupa- ‚Anhäufung‘ > subst. lit. kaũpas, kãupas ‚Erhebung, Hügel, Haufen‘ (→ Ableitungen mit dem Suffix –(a)ra–) lit. kauprà ‚Hügel‘, kãuparas ‚Hügel‘; lett. kaupra ‚Hügel‘, lett. kàupre² ‚kleiner Hügel; Höhenzug‘, lett. kàupr̃is² ‚Höhenzug; Hinterkopf‘) ⇒ *kauka– ‚ebd.‘;

4) Die in den Wörterbüchern von Brodovskis und Milkus erwähnte Sememe ‚Berggott‘ von nom. propr. (Theonym) Kaukarius ist ursprünglich, während Stryjkowskis *Kaukarinis ‚Pferdegottheit‘ sekundär ist und durch die funktionale Konnotation der Gottheit bedingt wird;

5) Das Substantiv russ. dial. kaýp ‚Holzhammer zum Betäuben von Fischen‘ und das Verb russ. dial. kaýputься ‚zornig sein; die Stirn runzeln, mürrisch und verdrießlich sein; hochmütig sein; starrköpfig sein‘ sind keine Baltismen.

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RV – R̥gvedaSaṃhitā.

Skok II – Skok Petar. Etimologijski rječnik hrvatskoga ili srpskoga jezika 2. Zagreb: Jugoslavenska Akademija Znanosti i Umjetnosti, 1972.

SRP I – Scriptores rerum Prussicarum: Die Geschichtsquellen der Preussischen Vorzeit bis zum Untergange der Ordensherrschaft, hrsg. von Theodor Hirsch, Max Töppen und Ernst Strehlke, Bd 1. Leipzig: Verlag von S. Hirzel, 1861.

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Ambrazas Saulius 2000: Daiktavardžių darybos raida 2. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas.

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SUMMARY

The study deals with the topics of etymological analysis and brief nascence (consequently, hierarchical position in the Baltic pantheon) of the theonym Chaurirari mentioned in Maciej Stryjkowski’s work Kronika Polska, Litewska, Żmódzka i wszystkiej Rusi (Krolewen, 1581). Cryptogram methods are used to explain the changes, which appeared in the morphological structure of the word probably by virtue of a taboo phenomenon. Changes of the lexeme are explained by means of areal studying and synchronous methods. Being based on the analysis carried out, the main conclusion has been made to which Vladimir Toporov had come earlier that the theonym cited in Stryjkowski’s writing reflects authentic linguistic material which can not be

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ascertained without paying attention to detailed analysis of the lexeme each component. The other conclusions are as follows:

1) theonym Chaurirari reflects juxtapositionally metathesis of the front syllables, i.e. contact metathesis type has been set to explain the morphotactical shift: Lith. *Kauriraris ‘horse God’ < Lith. *kaurikaris ‘ditto’ (r...r < r...k (contact progressive assimilation)) ↔ Lith. *kaurikanis (r...r < r...n (incontiguous progressive assimilation)) ‘ditto’ < Lith. *kaukarinis ‘ditto’ (morphotactical metathesis due to taboo) < adj. Lith. *kaukarinis ‘appending to Kaukarius’;

2) theonym Chaurirari can not be interpreted as ἅπαξ λεγόμενον. The lexeme may be correlated with nomen proprium (theonym) Kaukarius ‘ghats God’, which is mentioned in several Lithuania Minor lexicographical lexicons of the 18th century;

3) Lith. kaū̌karas, Lith. kaū̌kas, Pruss. cawx reflect phonetic structural shift caused by progressive assimilation (k...p → k...k): Balt. *kaupa- ‘accumulation’ > Lith. kaūpas, káupas ‘boss, hump, heap’ → (derivatives with suff. -(a)ra-) Lith. kauprà ‘hill’, kaūparas ‘hump’; Latv. kaupra ‘hill’, Latv. kàupre2 ‘small hill; sierra’, Latv. kàupris2 ‘sierra; sconce’) ⇨ *kauka- ‘ditto’;

4) nom. propr. (theonym) Kaukarius sememe ‘ghats God’ mentioned in Brodowski’s and Milke’s lexicons is attributable to parent drift, while Stryjkowski’s *Kaukarinis ‘horse God’ to accessory, presupposed by functional connotation of the god;

5) Russ. dial. кау́р ‘mallet used to knock out a fish’ and Russ. dial. кау́риться ‘to sulk; to wince, to gloom; to stand tall; to recalcitrate’ are not Baltisms.

Įteikta 2010 m. lapkričio 17 d.

ROLANDAS KREGŽDYS

Lietuvių kalbos institutas

Vileišio g. 5, Vilnius LT-10308

El. paštas – [email protected]

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