Page 1DAIVA MURMULAITYTĖ
Institut für Litauische Sprache
MURDYTI(S), MURGDYTI(S), MURKDYTI(S) PRÄSENTATION IN WÖRTERBÜCHERN UND DER HEUTIGE GEBRAUCH
EINLEITUNG
Eine der Neuerungen des künftigen Wörterbuchs der litauischen Standardsprache (im Folgenden BŽ) – und einer der Gründe für seine verspätete Fertigstellung – ist, dass es nicht wie früher alphabetisch verfasst und redigiert wird, sondern die Wörter nach gemeinsamen semantischen Merkmalen und Wortbildung gruppiert werden (Liutkevičienė 2006: 9). Damit soll ein möglichst systematisch aufgebautes Wörterbuch geschaffen werden. Als Ausgangspunkt diente die Computerversion der 3. Auflage des Wörterbuchs der litauischen Gegenwartssprache (im Folgenden DŽ). Die Stichwörter werden in lexikalisch-semantische Gruppen eingeteilt, die Daten analysiert, korrigiert und ergänzt; der heutige Sprachgebrauch sowie die neuesten lexikografischen Quellen (darunter auch spätere DŽ-Auflagen) werden untersucht, und all dies mündet schließlich in neue Wörterbuchartikel1.
Bei der Abfassung der Artikel zu Verben mit dem Suffix -yti und ihren Ableitungen (einer Untergruppe dieser Gruppe) fiel auf, dass die verschiedenen Auflagen des DŽ und des Wörterbuchs der litauischen Sprache (im Folgenden LKŽ) die Beziehungen zwischen den Verben murdyti, murgdyti, murkdyti (und auch ihren Ableitungen) recht unterschiedlich behandeln. Der heutige Sprachgebrauch zeigt, dass es sich um Varianten handelt2: Verben mit den Wurzeln mur- und murk- haben – von wenigen Ausnahmen abgesehen – identische Bedeutungen, während die am seltensten gebrauchten Verben mit der Wurzel murg- gewöhnlich weniger Bedeutungen haben als die Hauptvariante mit murk-. Bei der Abfassung der Artikel zu diesen Verben und ihren Ableitungen waren daher folgende Fragen zu klären: Inwieweit kann man sich auf frühere lexikografische
1 Siehe auch den Beitrag von D. Liutkevičienė in diesem Band von Kalbos kultūra (S. 141–150).
2 Kalbotyroje varianto sąvoka suprantama įvairiai (ЛГС 1990: 80). Šiame straipsnyje variantais vadinamos to paties kalbos vieneto, šiuo atveju – žodžio, skirtýbės, atmainos, turinčios tapačią semantiką ir skirtingą raišką. Pagrindinis, nusistovėjęs, bendrinėje kalboje reikalaujamas variantas yra norma (KTŽ 1990: 225, 134).
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Page 2Quellen stützen, lässt sich die Kontinuität der Darstellung dieser Wörter darin wahren, kann dem heutigen Gebrauch dieser Verben Vorrang eingeräumt werden, wenn dessen Untersuchung es erlaubt, die genannten Wörter als Varianten zu betrachten und die deutliche Vorherrschaft einer Variante zeigt, wie lässt sich das BŽ mit dem LKŽ vereinbaren, in dem eine der Varianten als Fehler gilt, und so weiter. Die Antworten auf diese Fragen sind noch nicht vollständig klar; dieser Beitrag soll daher eine Diskussion anregen3 und Kritik sowie Vorschläge einholen, die es ermöglichen, diese Wörter im BŽ angemessen darzustellen, ohne gegen die Anforderungen der Norm zu verstoßen und die Tatsachen des tatsächlichen Sprachgebrauchs zu verfälschen.
1. DIE AUFNAHME DER UNTERSUCHTEN VERBEN IN WÖRTERBÜCHERN
1.1. DŽ1 führt alle drei hier behandelten Verben auf, zwei davon – murdyti und murgdyti – in einem Artikel:
mùr(g)d∥yti, ~o, ~ė 1. in Wasser oder Schlamm versenken, tauchen: M., etw. in eine Pfütze. Die Dorfstraßen sind (im Frühjahr) ausgefahren und verschlammt, man kann nicht mehr fahren. 2. stopfen, stecken, hineindrücken: Heu in die Scheune stopfen. Das Maß ist vollgestopft, übervoll und randvoll. Er stopfte die Scheune bis obenhin mit Heu voll. 3. refl. im Schlamm waten, baden: Im sumpfigen Gelände am Hang ~ytis. ~ymas (1)
mùrkd∥yti, ~o, ~ė 1. in eine Pfütze stecken, tauchen, murdyti: Vieh in Pfützen ~o. Während sie ~ydamiesi, zogen sie Heu aus der Pfütze. Die ganze Wäsche wurde in den Kessel gestopft. 2. übertr. verwickeln, in Schwierigkeiten bringen. ~ymas (1)
DŽ1 nepriešdėlinių veiksmažodžių straipsniuose kartu su vartosenos pavyzdžiais pateikiami ir priešdėliniai bei sangrąžiniai antraštinių veiksmažodžių vediniai (DŽ1 VII, XI), tokiu būdu į šį žodyno leidimą dar pateko įmurdyti, išmurdyti, numurdyti, primurdyti, mur(g)dyti ir sumurkdyti. Akivaizdu, kad taupumo sumetimais vienu straipsniu pateikiami murdyti ir murgdyti laikomi variantais, kurių reikšmės visiškai sutampa. Sprendžiant iš iliustracijose pateikiamų priešdėlinių vedinių, kurie visi padaryti tik iš murdyti, galima spėti, kad pastarasis variantas ir laikomas pagrindiniu. Juo aiškinamas ir atskiru straipsniu pateikiamas murkdyti, kuris tik pirmąja
3Auf Bitte der Wörterbuchredaktion (vermittelt durch Aiste Pangonytė, leitende Fachreferentin der Staatlichen Kommission für die litauische Sprache) haben Dozent Dr. Jurgis Pakerys und Dozent Dr. Albinas Drukteinis ihre Ansichten zu der betreffenden Frage geäußert. Es wäre sehr hilfreich, wenn sie ihre Gedanken ausführlicher darlegen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen würden.
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Page 3Bedeutung mit den beiden anderen Verben übereinstimmt und darüber hinaus noch eine ihnen nicht eigene übertragene Bedeutung aufweist. Die reflexive Ableitung murkdyti ist nicht als eigene Bedeutung ausgewiesen (vgl. mur(g)dyti 3. refl.).
1.2. DŽ₂ führt nur zwei der hier behandelten nicht präfigierten Verben auf:
mùrd‖yti, ~o, ~ė 1. in Wasser oder Schlamm versenken, eintauchen: Versenke es nicht so tief. ‖ refl.: Im Schlamm ~ytis. 2. stopfen, stecken, hineindrücken: Er stopfte Heu in einen Sack, in die Scheune. ~ymas (1) mùrk‖dyti, ~o, ~ė 1. ins Wasser tauchen, murdyti: Er taucht das Kind in den Fluss – noch wird es ertrinken. ‖ refl.: Während sie ~ydamiesi, zogen sie Heu aus der Pfütze. 2. übertr. verwickeln, in Schwierigkeiten bringen. ~ymas (1)
Sowohl in DŽ₂ als auch in den späteren Ausgaben werden präfigierte Verben in eigenen Artikeln aufgeführt, mit Ausnahme der Ableitungen mit dem Präfix ne-. In dieser Ausgabe gibt es mehrere präfigierte Verben mit dem Stamm murg-, sodass DŽ₂ im Wesentlichen Verben aller drei Stämme (mur-, murg-, murk-) aufführt. Bemerkenswert ist, dass murádyti und murkdyti sowie įmurádyti und įmurkėdyti in eigenen Artikeln aufgeführt werden. Andere präfigierte Ableitungen samt ihren Varianten mit dem Stamm murg- werden im selben Artikel aufgeführt (išmur(g)dyti, numur(g)dyti, primur(g)dyti, sumur(g)dyti, užmur(g)dyti), mit Ausnahme von pamurádyti und pamurgdyti, die separat aufgeführt sind. Übrigens wird pamurgdyti mit „pamurdyti“ erklärt (es wird nicht darauf verwiesen). Die Belegbeispiele (sowohl die verkürzten als auch die ungekürzten) lassen in diesem Fall keine Rückschlüsse darauf zu, welche Variante als Grundform gilt. Zum Beispiel:
išmùr(g) d‖yti, ~o, ~ė durch Eintauchen ins Wasser baden: I. das Hündchen. ‖ refl.: Er fiel in den Fluss und war ganz nass, nachdem er sich darin herumgewälzt hatte. užmùr(g)d‖yti, ~o, ~ė 1. verstopfen, zustopfen: Er verstopfte die Flasche mit einem Korken. 2. durch Herumstoßen quälen: Die Kinder ~ys das Kätzchen. 3. auf den Kopf stülpen: Er setzte sich eine Mütze auf den Kopf.
Die semantische Struktur der behandelten Verben und ihrer Ableitungen wird ähnlich dargestellt wie in der vorherigen Wörterbuchausgabe; ausgenommen sind reflexive Verben, die nicht mehr als eigene Bedeutungen aufgeführt werden.
1.3. DŽ₃₋₄ führen alle drei nicht präfigierten Verben auf:
mùrd‖yti, ~o, ~ė 1. in Wasser, in Morast versenken, eintauchen: Nemùrdýk taip giliai. ‖ Po dumblą ~ytis. 2. stopfen, stecken, hineindrücken: Šieną ~o į maišą, į daržinę. 3. übertr. in Schwierigkeiten hineinziehen, verwickeln: Pats įkliuvo ir mane ~o. ~ymas (1) mùrgd‖yti, ~o, ~ė siehe m u r d y t i mùrkd‖yti, ~o, ~ė 1. siehe m u r d y t i 1. 2. siehe m u r d y t i 3
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Page 4Die Bedeutungen sind anders angeordnet: Die übertragene Bedeutung „in Schwierigkeiten hineinziehen, verwickeln“, die in früheren DŽ-Ausgaben nur für das Verb murkdyti charakteristisch war, wird nun auch dem Verb murdyti zugeordnet, das als Hauptvariante gilt; auf die anderen Verben wird lediglich dort verwiesen. Außerdem stimmt die Semantik von murgdyti vollständig mit der von murdyti überein (wie auch in DŽ₁), während murkdyti nicht die Bedeutung „stopfen, stecken, hineindrücken“ hat (dies ist in allen DŽ-Ausgaben der Fall). Die auffälligste Neuerung in DŽ₃₋₄ ist, dass präfigierte Verbvarianten mit -g- nicht mehr verzeichnet sind; in der vorherigen Ausgabe standen sie gemeinsam mit der Hauptvariante unter einem Stichwort. Das einzige išmur(g)dyti (und zugleich der einzige Fall, in dem Varianten unter einem Stichwort aufgeführt werden) ist offenbar irrtümlich erhalten geblieben. Somit sind in DŽ₃₋₄ nur noch zwei Verben mit dem Stamm murg- übrig: murgdyti und išmurgdyti.
1.4. In den elektronischen Ausgaben DŽ₅₋₆ ändert sich das Bild grundlegend: Varianten mit dem Stamm murk- gibt es nicht mehr (ausgenommen prisimurkdyti), und Verben mit dem Stamm murg- werden durchgängig auf die Hauptvariante murdyti und deren präfigierte Ableitungen verwiesen.
Interessant ist auch, dass in allen Ausgaben des DŽ außer der ersten die zweite Bedeutung von užmurdyti angegeben wird: „durch Wühlen (murgdant DŽ₂) zu Tode quälen“: Vaikai užmurdys kačiuką. Im Artikel zum Grundverb findet sich jedoch keine solche Bedeutung, auf die sich die Ableitung stützen könnte (vgl. das im LKŽ angegebene „wühlen, kneten“).
1.5. Die Verzeichnung der besprochenen Verben und ihrer präfigierten Ableitungen im LKŽ
und im LKŽₑ unterscheidet sich. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass murgdyti im LKŽₑ als Fehler gilt und zu murkdyti korrigiert wird; es ist ohne Belegbeispiele verzeichnet, und auch seine Ableitungen fehlen. Das gedruckte LKŽ führt sowohl murgdyti als auch dessen reflexive und präfigierte Ableitungen auf: įmurgdyti, numurgdyti, nusimurgdyti, pamurgdyti, pasimurgdyti, primurgdyti, prisimurgdyti, sumurgdyti. Sie alle werden auf murdyti oder auf dessen entsprechende präfigierte beziehungsweise reflexive Ableitungen verwiesen und durch Belege aus der gesprochenen Sprache und aus Schriftquellen illustriert. Insgesamt sind im LKŽ zahlreiche Wörter gleicher oder ähnlicher Semantik mit den Stämmen mur-, murg-, murk- usw. belegt: murà „Sumpf, Morast“; ¹ mùras „durchnässter, aufgeweichter Boden“; mùras², -à „nass, aufgeweicht“; murdėti, mùrda (mùrdi?), -ėjo „versunken sein, einsinken, langsam absinken“; murdýnas, murdỹne „sumpfiger, morastiger Ort, Schlammboden“; mùrdinti (-yti), -ina, -ino siehe murdyti 4 („in Wasser oder irgendeine andere Flüssigkeit stecken, versenken, eintauchen“); mùrduloti, -oja, -ojo „irgendwie waschen, murdyti“; ¹ murgėti,
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Page 5mùrga, -ėjo „fein regnen, sprühen“; murglà „dichter Nebel; sehr feiner Regen“; mùrglinas, -à 1. „schlammig, schmutzig“; 2. „überhitzt, verschwitzt“; murglýnas „Morast“; murglýnė „sehr sumpfiger Ort, Schlammboden“; 2 muõglinti, -ina, -ino „beschmutzen, verschmieren“; muõglytis, -ijasi, -ijosi „baden, sich im Schlamm wälzen“; murgliuoti, -iuoja, -iavo „beschmieren, verschmieren“; murglótas, -a „mit feinem Regen, neblig“; murglóti, -ója, -ójo „fein nieseln, sprühregnen“; 3 mùrinas, -à 1. „schlammig, schmutzig, verschmiert“; 2. „nass, erschöpft, warmgelaufen“; 1 mùrinti, -ina, -ino 1. „beschmieren, verschmieren, schmutzig machen“; | refl.; 2. „einweichen, nass machen“; 2 mùrinti, -ina, -ino „murdyti“; 2 įmùrinti „hineinstopfen, hineinstecken“; 2 išmùrinti siehe išmurdyti 3 („durch Fahren zertrampeln, zerfahren“): Išmùrintas kelýs; mùrioti, -ioja, -iojo 1. „beschmieren, verschmutzen, schmutzig machen“; 2. refl. „sich schlecht waschen, sich beschmieren“; mùrkyti, -o (-ia), -ė „kneten, herumdrücken“; įmùrkyti „hineinstecken, hineindrücken“; sumùrkyti 1. „zerknautschen, zerdrücken, kneten“; 2. „zerschlagen, zerschmettern, zerdrücken“; 3. „ins Wasser stecken, eintauchen“; murklýnė siehe murglýnė; 2 mùrklinti, -ina, -ino siehe 2 murglinti; murklóti, -ója, -ójo „im Morast herumwaten, sich im Schlamm wälzen“; murknà „Tauwetter, Tauwetterperiode“; murknùs, -i „bewölkt, trüb“; murksóti, mùrkso, -ójo 3. „bewölkt sein“; 1 murkšlà „feiner Regen“; murkšlénti, -ėna, -ėno „verschmieren, beschmutzen, etwas unsauber erledigen (z. B. Wäsche waschen)“; 1 mùrkšlinti, -ina, -ino „beschmieren, verschmieren“; mùrkšlioti, -ioja, -iojo 3. „schlecht und unsauber waschen“; murkšlótas, -a „bewölkt; mit feinen Tropfen nieselig“; 1 murkšlóti, -ója, -ójo „fein regnen, nieseln“; mùrkteleti, -ėja (-ia), -ėjo 1. „plötzlich eintauchen“; 2. „plötzlich hineinschlüpfen, hineinlaufen, hineinhuschen“; 2 mùrkti, -ia, -ė „unaufhörlich regnen, durchnässen“; 2 murla „Nebel, Dunst“; 2 murlìà „sumpfiger Ort, Schlammboden“; muõliotis, -iojasi, -iojosi „regnen, nieseln“; muõlyti, -ija, -ijo 1. „beschmutzen, verschmieren, trüben“; 2. refl. „sich im Matsch abmühen, herumspritzen, sich im Schlamm wälzen“; mùrti, -sta (mūra), -o 1. „nass werden, einweichen, weich werden“; 3. „im Morast stecken bleiben, versinken“ und andere. Vgl. außerdem mùrmaliuoti, -iuoja, -iavo siehe murlyti 2: Ančiukai mùrmaliuoja po klaną; murmýnė 1. „Morast“; mùrminti (-yti), -ina, -ino 3. „stecken, hineindrücken, murdyti“; 5. refl. „auf schlechtem Weg fahren, im Morast herumfahren“. Angesichts der formalen und semantischen Identität oder Ähnlichkeit lassen sich die im Artikel behandelten Wörter mit den Stämmen mur-, murg-, murk- sowie die übrigen hier aufgeführten Wörter auch mit mirkti, merkti, maurai und ähnlichen Wörtern in Verbindung bringen.
Die umfangreichen Belege im LKŽ zeigen, dass sowohl Wörter mit dem Stamm murg- als auch solche mit dem Stamm murk- beträchtliche Wortbildungsnester bilden. In beiden Fällen kommen Positionen vor einem Vokal und einem Halbvokal vor (z. B.: murgėti, murgla, murkti (murkia, murkė), murkyti, murkna); daher wäre es falsch, die Schreibung des Stammes murg- wegen Konsonantenassimilation als fehlerhaft zu betrachten.
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Page 6Zusammenfassend lässt sich anhand der Daten aus LKŽ und LKŽₑ feststellen, dass Verben mit der Wurzel mur– eher für die Niederlitauer und die westlichen Oberlitauer charakteristisch sind, während murg– / murk– eher für die östlichen Oberlitauer charakteristisch sind.
2. ANGABEN AUS ETYMOLOGISCHEN QUELLEN
In Ernsto Fraenkelio Lietuvių kalbos etimologiniame žodyne wird im Wort mūrg̃linas „durchnässt“ das -gl- von -*dl- hergeleitet; dieses Wort wird mit mùrdyti, mùrti, mùras, murióti, máuras „Schlamm, Morast“ sowie mit lett. murdi „Strahl, Quelle (Sprudel)“, mùrdēt „sprudeln“, murdinât „trüben“, murga „Pfütze, Lache, schmutziges Wesen (Pfütze, unreines Wesen)“, murît, -êt „beschmutzen, verdrecken“ in Verbindung gebracht (Fraenkel 1965: 472). Im Wörterbuch von Karlis Miūlenbachs und Janis Endzelyns wird murdinât möglicherweise mit lit. mùrdyti in Verbindung gebracht: 1. „trüben“ (Wasser); 2. „zum Sprudeln, Blubbern bringen“ (Wasser); 3. „zum Schnurren bringen“ (Katze) (Wohl zu li. murdyti „etwas im Wasser rüttelnd behandeln“; ME 1925–1927: 668), während murga mit lit. mùrti in Verbindung gebracht wird (ME 1925–1927: 669).
Im lettischen etymologischen Wörterbuch wird murdyti mit lett. murdētb „blubbern, brodeln“ und der russischen mundartlichen Form мурда́ „Schlamm, Morast“ in Verbindung gebracht. Die grundlegende Wurzelbedeutung zeigen die mundartlichen Formen murît „bespritzen, beschmutzen, verschmieren“ und murga „Pfütze, Lache“. Die Bedeutung des lettischen Wortes wurde durch das Homonym murdēta „undeutlich sprechen, brummen, murmeln“ beeinflusst (Karulis 1992: 608–609)⁴.
In Wojciech Smoczyńskis Lietuvių kalbos etimologiniame žodyne werden die Wörter mit der Wurzel murk- murksėti „eintauchen, versinken“ und murknà „Tauwetter“ bei der Etymologisierung des Verbs merkti angeführt; Verben und Nomina mit der Wurzel mur– (i)mùrti, mùrdyti(s), murdėti, mùrinti, murà, mùras, mùrinas usw. dagegen bei der Etymologisierung des Wortes máuras. murgėti, murglà, murglóti werden, gestützt auf das Bedeutungsverhältnis von poln. mżyć (1. „nieseln, fein regnen“ und 2. „wie durch Nebel sichtbar sein, diffus leuchten, aufblitzen, flimmern“), mit lett. mùrgt „die Zeit ohne Schlaf verbringen, sich abplagen, sich quälen“, mùrgi „Wahn, Halluzination; Gespenster; Nordlicht“ und mùrguôt „fantasieren, delirieren“ in Verbindung gebracht und in der Etymologie des Wortes mirgėti angeführt (Smoczyński 2007: 378, 390, 404).
4 Vgl. lit. mùrminti (–yti), –ina, –ino 1. intr. N „murmeln, murren“. 2. tr. „ärgern, erzürnen“: Kam mùrmini juos, t. y. pykini! J. 3. tr. „hineinstecken, hineinstopfen, untertauchen“: Dukrele, mùrmink gerai siūlus, kad dažai geriau nukąstų Kp. 4. tr. „stochern, herumstochern“: Dalgiočiu èmiau murmýti liūną, ir atsivėrė eketėlė Slm. 5. refl. „auf schlechtem Weg fahren, sich durch Schlamm quälen“: Mùrminas po duobes, ir gana Skr. (LKŽₑ).
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Page 7In einem der Einträge der Datenbank zum etymologischen Wörterbuch der litauischen Sprache wird http://etimologija.baltnexus.lt/?w=murdyti) murdyti „schütteln“ mit serbokroatischen Wörtern slawischen Ursprungs (angesetzt als *mъrd-) *mъrdati (sę) – mȍdamu (ce)) und deren Entsprechungen slowen. mȑdati, bulg. мъ̀рдam, мръ̀двам, мръ̀дна, poln. mardać, merdać und tschechoslowak. mrdati verglichen (deren Bedeutungen sind ähnlich: „bewegen, berühren“). Angaben zu murgdyti, murkdyti liegen nicht vor (abgerufen am 24.11.2010).
Die Informationen zu den untersuchten Verben in etymologischen Quellen sind also recht vielfältig und in einigen Fällen zweifelhaft. In keiner der Etymologien werden alle drei erwähnt. Wahrscheinlich sind murdyti(s), murgdyti(s), murkdyti(s) als Wörter unterschiedlichen Ursprungs anzusehen. Synchron betrachtet ist das erste mit murti, das dritte mit merkti, mirkti in Verbindung zu bringen. Das zweite – murgdyti(s) – ist offensichtlich keine stimmhaft gewordene Variante von murkdyti(s).
3. SEMANTIK
Die Hauptbedeutung der hier behandelten Verben murdyti, murgdyti, murkdyti ist „(gewöhnlich wiederholt) in eine Flüssigkeit oder ein ähnliches Medium stecken, eintauchen“; z. B.: ins Wasser, in den Schnee murkdyti; im Schlamm murkdyti (weitere illustrative Verwendungsbeispiele für diese und andere Bedeutungen finden sich im ersten Wörterbuchartikel des BŽ, der in Abschnitt 5 dieses Artikels wiedergegeben ist). Aus dieser Bedeutung entstand die übertragene Bedeutung „schaden, in Schwierigkeiten bringen, erniedrigen, verachten, zugrunde richten“; z. B.: der gute Name eines Menschen wird jetzt im Schmutz murkdomas; vor Gericht zugrunde gerichtet; der zermürbte Konkurrent wird sich wohl kaum erholen. Das Verb murdyti ist insofern besonders, als seine Ableitung iš-murdyti außerdem „durch Betreten oder Befahren aufweichen, beschädigen (von Wegen)“ bedeutet5. Bemerkenswert ist, dass ein Verwendungsbeispiel für diese Bedeutung nur in der ersten aller Ausgaben des DŽ belegt ist (siehe den zitierten Artikel zu murgdyti); es veranschaulicht allerdings fälschlich die zuvor genannte erste Bedeutung. Eine Untersuchung des Sprachgebrauchs legt jedoch nahe, dass das Verb išmurdyti am häufigsten in der Bedeutung „aufweichen“ gebraucht wird.
Mit der Hauptbedeutung des Eintauchens in eine Flüssigkeit oder ein ähnliches Medium hängen die Bedeutungen der reflexiven Ableitungen murdytis, murgdytis, murkdytis zusammen: „schwerfällig umhergehen, sich sinkend fortbewegen, sich mühsam bewegen u. Ä.“ sowie „baden, tauchen, planschen“; außerdem gibt es auch
5Wahrscheinlich ist išmurdyti in dieser Bedeutung als präfigiertes und nicht als präfigal abgeleitetes Verb anzusehen, d. h. als kausative Ableitung mit dem Suffix -dyti von išmurti und nicht als Ableitung mit dem Präfix iš- von murdyti. Im Artikel zu Letzterem wird diese Bedeutung im LKŽ nicht angegeben. Natürlich kann die Wortbildung von išmurdyti je nach Kontext, wie bei vielen anderen Verben mit Präfixen und Suffixen, auch anders erklärt werden (Urbutis 1978: 92).
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Page 8übertragene Bedeutung: „sich abmühen, sich plagen, auf Hindernisse stoßen, sich bei der Bewältigung von Sorgen, beim Lösen von Problemen u. Ä. anstrengen“; z. B. in Schulden, Intrigen, Skandalen murkdyti.
Den Daten der gedruckten Ausgaben des DŽ zufolge hat murkdyti nicht die den Verben murdyti und murgdyti eigene Bedeutung „mit Kraft hineinstecken, hineinstopfen, hineindrücken“. Das elektronische LKŽ (LKŽₑ) führt Verwendungsbeispiele für įmurkdyti, primurkdyti und sumurkdyti an, die diese Bedeutung des Stopfens und Hineindrückens zeigen: Und wer hat dich hier in diesen Sack hineingestopft? rš. Was immer er fand, stopfte er in seinen Sack Svn. Die Frau, nachdem sie den gerade herauskriechenden Hahn zurück in den Korb gestopft hatte, eilte ihrer Wege P. Cvir. Allerdings veranschaulichen die ersten beiden Sätze im gedruckten LKŽ die Verben įmurgdyti und primurgdyti (unter Angabe derselben Quellen)6.
4. WIDERHALL DES HEUTIGEN SPRACHGEBRAUCHS IM INTERNET
Zur Untersuchung des heutigen Gebrauchs der Verben murdyti(s), murgdyti(s), murkdyti(s) und ihrer präfigierten Ableitungen wurde die Suchmaschine Google herangezogen (abgerufen vom 16. bis 20.06.2010; die reflexiven Verben wurden zusätzlich am 08.11.2010 untersucht, die Ergebnisse stimmten im Wesentlichen mit den früheren überein). Öffentlich zugängliche Internettexte lassen sich ihrem Kommunikationscharakter nach bedingt in informative und kommunikative Texte unterteilen; Letztere sind eher als eine „geschriebene Form einer (mehr oder weniger) privaten Varietät der gesprochenen Sprache“ einzustufen (Vaicekauskienė 2008: 71–72). In diesem Fall wurden die statistischen Daten erhoben, ohne die Internettexte in die genannten Kategorien einzuteilen, obwohl auf den ersten Blick erkennbar ist, dass kommunikative Texte überwogen. Das ist natürlich, da die untersuchten Wörter stilistisch markiert und für die Umgangssprache typisch sind. Besonders häufig werden sie in übertragenen Bedeutungen verwendet. Zum Teil sind kommunikative Texte für diese Untersuchung vielleicht sogar wichtiger – als Gegengewicht zu den untersuchten lexikografischen Quellen, deren aufgrund der recht uneinheitlichen Darstellungsweise schwer zu
6 Im Allgemeinen veranschaulicht ein Teil der Beispiele, die im gedruckten LKŽ mit dem Stamm murg- angeführt werden, im elektronischen Wörterbuch nach entsprechender Anpassung den Gebrauch von Verben mit dem Stamm murk- (darauf machte Doz. Dr. Albinas Drukteinis die BŽ-Redakteure aufmerksam). Die meisten angepassten Beispiele stammen aus der gesprochenen Sprache; die Sammler der Wörter könnten sie nach ihrem eigenen Verständnis der korrekten Rechtschreibung (also mit –g–) niedergeschrieben haben. Nachdem die Herausgeber des LKŽₑ beschlossen hatten, murgdyti als Fall fehlerhafter Schreibweise zu betrachten, konnten die zitierten und andere Verwendungsbeispiele korrigiert und in Artikeln zu Verben mit korrekter Schreibweise aufgenommen worden sein. Zwar wurden auch einige Beispiele aus schriftlichen Quellen korrigiert, doch stammten sie aus alten oder aus anderen Gründen orthografisch wenig zuverlässigen Quellen – sie sind mit den Abkürzungen BsP (= Lietuviškos pasakos įvairios. Surinko Dr. J. Basanavičius. I–IV dalis. Chicago 1903–1905) und rš (= ein Wort oder Satz aus Übersetzungen und sonstigen Schriften, die sich nicht durch besondere Merkmale auszeichnen).
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Page 9die tatsächliche Verwendung und die Beziehungen der genannten Verben untereinander zu ermitteln. Gesucht wurde sowohl nach konjugierten Formen einfacher als auch reflexiver Verben sowie nach aktiven und passiven Partizipien. Da die Länge der Suchzeile begrenzt ist und Verben durch eine große Vielfalt an Formen gekennzeichnet sind, wurden die wahrscheinlichsten, d. h. häufigsten Formen ausgewählt (vgl. Aleksandravičiūtė 2008: 270). Für murdyti, murdytis sahen die Suchzeilen beispielsweise folgendermaßen aus:
(1) einfache konjugierte Formen – „murdyti“ OR „murdau“ OR „murdai“ OR „murdo“ OR „murdomė“ OR „murdote“ OR „murdžiau“ OR „murdei“ OR „murdė“ OR „murdėme“ OR „murdėte“ OR „murdydavau“ OR „murdydavai“ OR „murdydavo“ OR „murdydavome“ OR „murdydavote“ OR „murdysiu“ OR „murdysi“ OR „murdys“ OR „murdysime“ OR „murdysite“ OR „murdytų“ OR „murdyk“ OR „murdykite“;
(2) reflexive konjugierte Formen – „murdytis“ OR „murdausi“ OR „murdaisi“ OR „murdosi“ OR „murdomės“ OR „murdotės“ OR „murdžiausi“ OR „murdeisi“ OR „murdėsi“ OR „murdėmės“ OR „murdėtės“ OR „murdydavausi“ OR „murdydavaisi“ OR „murdydavosi“ OR „murdydavomės“ OR „murdydavotės“ OR „murdysis“ OR „murdytusi“ OR „murdykis“ OR „murdykitės“;
(3) Formen der Aktivpartizipien – „murdomas“ OR „murdomo“ OR „murdomam“ OR „murdomą“ OR „murdomu“ OR „murdomame“ OR „murdomi“ OR „murdomų“ OR „murdomiems“ OR „murdomus“ OR „murdomais“ OR „murdomuose“ OR „murdoma“ OR „murdomos“ OR „murdomai“ OR „murdomoje“ OR „murdomoms“ OR „murdomomis“ OR „murdomose“;
(4) Formen der Passivpartizipien – „murdytas“ OR „murdyto“ OR „murdytam“ OR „murdytą“ OR „murdytu“ OR „murdytame“ OR „murdytiems“ OR „murdytus“ OR „murdytais“ OR „murdy tuose“ OR „murdyta“ OR „murdytos“ OR „murdytai“ OR „murdytoje“ OR „murdytoms“ OR „murdytomis“ OR „murdytose“.
Die Suchergebnisse sind in Tabelle 1 dargestellt. In der ersten Spalte (1) werden statistische Angaben zu den konjugierten Formen einfacher, in (2) zu den konjugierten Formen reflexiver Verben und in (3) und (4) zu Aktiv- bzw. Passivpartizipien aufgeführt (ausgenommen die Formen im Plural Nominativ und Genitiv, die mit dem Infinitiv und der 3. Person des Konjunktivs übereinstimmen und daher zusammen mit den einfachen konjugierten Formen gezählt wurden). Die erste Zahlenzeile enthält die Statistik zu Verben ohne Präfix, die folgenden zu Verben mit verschiedenen Präfixen, z. B. in der zweiten Zeile zu į(si)murdyti, į(si)murgdyti, į(si)murkdyti, in der dritten zu iš(si)murdyti, iš(si)murgdyti, iš(si)murkdyti usw.
Untersucht wurden auch die Nomina actionis der besprochenen Verben; die Suchzeilen hierfür umfassten vollständige Flexionsparadigmen einfacher und reflexiver Substantive. Die Häufigkeit der Verwendung von Handlungsbezeichnungen wird in Tabelle 2 dargestellt.
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Page 10TABELLE 1. Verwendung von Verben mit den Wurzeln mur-, murg-, murk-
Präfix murdyti (1) (2) (3) (4) insgesamt murgdyti (1) (2) (3) (4) insgesamt murkdyti (1) (2) (3) (4) insgesamt − 153 192 31 9 385 52 86 16 4 158 278 529 122 21 950 į- 53 1 15 16 85 8 1? − 2 11 108 5 6 35 154 iš- 10 2 − 4 16 8 5 − 2 15 31 21 2 18 72 ne- 16 12 1 1 30 1 12 1 4 18 16 19 3 4 42 nu- 10 2 − 7 19 3 − − 1 4 8 1 1 4 14 pa- 39 35 1 5 80 31 21 − 5 57 76 92 5 10 183 pri- 11 3 − 1 15 1? − − − 1 4 4 − 2 10 su- 51 11 1 22 85 23 − 1 8 32 78 2 5 31 116 už- 4 − − 2 6 − − − − − 7 4 3 1 15 Insgesamt 347 258 49 67 721 127 125 18 26 296 606 677 147 126 1556
TABELLE 2. Verwendung von Handlungsbezeichnungen mit den Wurzeln mur-, murg-, murk-
Präfix murdymas einfach reflexiv insgesamt murgdymas einfach reflexiv insgesamt murkdymas einfach reflexiv insgesamt − 19 23 42 11 5 16 39 5 44 į- 1 − 1 1 − 1 − − − iš- − − − − − − 2 2 4 ne- − − − − − − 1 − 1 nu- − − − − − − − − − pa- 2 3 5 1 6 7 7 19 26 pri- − − − − − − 1 − 1 su- 5 − 5 − − − 3 1 4 už- − − − − − − − − − Insgesamt 27 26 53 13 11 24 53 27 80
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Page 11Tabelle 1 und 2a zeigen deutlich, dass Verben mit dem Stamm murk- und ihre Abstrakta am häufigsten sind – mit 1556 beziehungsweise 80 Belegen. Verben und Substantive mit dem Stamm mur- kommen deutlich seltener vor (721 und 53 Belege), während Verben mit dem Stamm murg- mehr als fünfmal (Abstrakta 3,3-mal) seltener sind als die häufigsten Verben mit dem Stamm murk- (es wurden 296 Verb- und 24 Substantivbelege gefunden). Angesichts der Vielfalt der Internettexte, des Übergewichts kommunikativer Texte, des unterschiedlichen Schreibkompetenzniveaus ihrer Verfasser (die meisten Texte sind nicht redigiert) und anderer außersprachlicher Faktoren können diese Häufigkeitswerte bei der Wahl einer der Stammvarianten als Hauptform nur bedingt als Grundlage dienen. Es ist nicht bekannt, welche Textverfasser Varianten mit murg- und murk- bewusst wählen und welche einfach schreiben, wie sie es hören, ohne die Konsonantenassimilation zu beachten. Dennoch sind die statistischen Daten sehr aussagekräftig und zeigen, dass Formen mit dem Stamm murk- im heutigen Sprachgebrauch eindeutig überwiegen7.
5. ANSETZUNG IM WÖRTERBUCH DER LITAUISCHEN STANDARDSprache
Nach dem Konzept des BŽ soll dieses Wörterbuch „ein Wörterbuch realer Normen sein, in dem durch differenzierte Anwendung der Korrektheitskriterien und ohne Varianten auszuschließen eine prestigeträchtige Sprache gestaltet wird, ohne die Alltagssprache zu beseitigen“ (Naktinienė 2000: 16). Der vorliegenden Untersuchung zufolge werden die Verben mit den Stämmen mur-, murg- und murk- in der Alltagssprache variantenweise gebraucht und haben dieselben Hauptbedeutungen; die Semantik der Wörter mit mur- und murk- ist nahezu identisch.
Zu beachten ist, dass das neue Wörterbuch normativ sein wird und Normveränderungen nicht abrupt erfolgen können. Die grundlegende Anforderung an die Kodifizierung lautet, die wesentliche Eigenschaft der Norm – ihre Stabilität – zu wahren (Pupkis 1980: 37; Vitkauskas 1995: 88). Andererseits „müssen die Herausgeber des BŽ die gesellschaftliche Verankerung der Normen berücksichtigen und bei der Auswahl aus mehreren für die Standardsprache akzeptablen Varianten dem Vorrang des tatsächlichen Sprachgebrauchs folgen“ (Naktinienė 2000: 17).
Bei der Entscheidung über die Hauptvariante im BŽ sind die Herkunft der Wörter, ihre Wortbildungsbeziehungen zu Wörtern desselben Wortbildungsnestes (hinsichtlich Bedeutung und Form), die Geschichte ihrer Aufnahme in Wörterbücher und ihr heutiger Gebrauch zu berücksichtigen. Der letztgenannte Faktor ist in diesem Fall besonders bedeutsam, da der heutige schriftliche Sprachgebrauch zeigt, dass die Semantik von murdyti und murkdyti nahezu identisch geworden ist; die Wörter haben dieselben
7 Interessanterweise fragt das Suchwerkzeug Google auf Grundlage seiner eigenen statistischen Daten und Gebrauchshäufigkeitswerte gelegentlich nach und schlägt die häufigere Variante vor, zum Beispiel: „Meinten Sie vielleicht įmurkdyti?“ (bei einer Suche nach įmurgdyti).
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Page 12dieselben Bedeutungen. Unter den Präfixableitungen fällt nur išmurdyti durch seine eigenen Bedeutungen auf. Einige Präfixableitungen von murgdyti haben weniger Bedeutungen als ihre Grundvarianten, zumindest lässt ihr Gebrauch im Internet dies erkennen.
Als Hauptvariante im in Vorbereitung befindlichen Wörterbuch wird murkdyti vorgeschlagen, da es am häufigsten gebraucht wird und die meisten Bedeutungen hat. Bei jeder einzelnen Bedeutung sollen die Bedeutungen der selteneren Variante murdyti gesondert angegeben und durch Belege illustriert werden. Murgdyti soll vorerst, um sich nicht zu weit vom LKŽ zu entfernen, lediglich als Verweis auf die Hauptvariante aufgenommen werden, ohne Bedeutungsdifferenzierung und Belege. Die Wörterbuchartikel zu den hier erörterten Verben könnten im BŽ also etwa wie folgt aussehen (dies ist eine vorläufige Fassung; unter anderem gibt es hier zu viele Gebrauchsbelege, die dazu dienen, die semantischen Strukturen der Wörter und ihre Beziehungen zueinander besser zu veranschaulichen):
mùrkdyti, mùrkdo, mùrkė Verb. 1. (wen) (gewöhnlich wiederholt) in Wasser oder eine andere Flüssigkeit, Schlamm, Schnee o. Ä. stecken, eintauchen und darin bewegen: Kinder tauchen gern und tauchen einander unter. Zum Glück bemerkte ich rechtzeitig die von den Wellen hin und her geworfenen Mädchen. | (wen, wohin, worin): Ich reibe den fettigen Teller mit einem seifigen Lappen ab und spüle ihn im Wasser. Die Fahrer werden die Autos wieder durch die zu Schlamm gewordenen Rasenflächen in den Höfen der Mehrfamilienhäuser fahren. Ich buk Schakotis, danach tauchte ich sie in Honig. | reflexiv, von der Angelpose: Wenn die Pose zu sinken beginnt, zieh die Angel ein. | verneint (womit, wohin, unter was): Ich watete mit den Winterstiefeln nicht mehr durch Schlamm und Pfützen, sondern zog meine Stiefel an. Im Wasser darf man nicht herumtollen und einander untertauchen. Ein guter Geländewagen ist das, nicht durch Sümpfe und Schlamm gefahren. | übertragen (womit): Ich war dem Autor dankbar dafür, dass er mir nicht die Nase in die von ihm beschriebene Gans stieß. 2. reflexiv (worin, durch was) im Schlamm waten, sich schwerfällig fortbewegen und dabei einsinken, sich mühsam vorwärtsbewegen, herumwühlen: Auf der Wiese watete die Fotografin in Gummistiefeln durch den Schlamm. Die Händler mit Gebrauchtkleidung waten bei Regen durch Pfützen. Offenbar waten die Rugbyspieler gern im Schlamm. Wegen eines verlorenen kostbaren Rings arbeiteten die Klempner mehrere Stunden lang im Abwasserkanal. Die Menschen wateten, als sie durch einen kleinen Fluss fuhren. | übertragen: Du suhlst dich in Selbstmitleid. | verneint (worin, durch was): Ich werde nicht durch den Schnee waten. Damit die Menschen nicht im Frühjahrs- und Herbstschlamm versanken, wurde der ständig aufgeweichte Schotterweg mit Steinen gepflastert. 3. reflexiv (worin) baden, tauchen, planschen: Kinder, jetzt reicht das Planschen, kommt ans Ufer! Wir sonnten uns und planschten im Meer, bis wir ganz blau waren. Die Vögel planschen im Bächlein. Im Winter badeten sie im Eisloch. 4. (wen) schaden, übel mitspielen, in etwas hineinziehen, in Schwierigkeiten bringen, erniedrigen, verächtlich machen, zugrunde richten: Während der Zar uns unterdrückte, schufen andere Völker Meisterwerke. Im Jahr, in dem Vilnius Kulturhauptstadt war, wurde die Stadt sowohl gepriesen als auch geschmäht. Die Strategie ist einfach – den Kunden irgendwie anlocken und ihn dann fertigmachen. Der Mensch war und bleibt ein Mensch, ganz gleich, wie sehr man ihn auch erniedrigt. | (wen, wohin, worin, womit, unter was): Der Werbeschöpfer wird ständig in den Schmutz gezogen. Die Regierung zieht Litauen in
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Page 13in den Schuldensumpf. Wie lange wollen wir noch zulassen, dass der gute Ruf des Landes im Dreck versinkt? Bemühen wir uns, den Gesprächspartner zu ermutigen und zu unterstützen, statt ihn in der Kritik zu versenken. Warum versenken wir einander jetzt so im Morast? Auch ich bin schon einmal mit dem Gesicht in den Dreck gestoßen worden. • vgl. versenken, versumpfen. | verneint (wen?): Wenn du dich schon selbst überhöhst, dann versenke wenigstens deine Kollegen nicht. Man sollte andere Menschen nicht in den Dreck ziehen. | verneint (wen, worin?): Ein echter Journalist sollte den Leser nicht in den Abfall versenken. 5. refl. (worin, womit) sich abmühen, sich plagen, auf Hindernisse stoßen, sich in einer bestimmten Lage anstrengen (meist im Umgang mit Sorgen und Unannehmlichkeiten oder bei der Lösung von Problemen): Im Elend [in Korruption, Interessenkonflikten, Intrigen, Schulden] versinken. Wir versinken in der Routine [im Wirrwarr der Gesetze], als wären wir darin versunken. Auch ich bin in dieselbe Grube gestoßen worden, in der ganz Litauen versinkt. Der ehemalige Präsident versinkt im Schmutz der Skandale. Das Team steckt am Tabellenende des Turniers fest (Sport). Ich stehe in der Schlange und verspreche mir wieder, beim nächsten Mal im Voraus einzukaufen. • vgl. untergehen, stecken bleiben. | (womit): Ich mühe mich schon den zweiten Tag mit diesem Passwort ab. 6. (wen, wohin) mit Kraft hineinstecken; [Syn.] stopfen, hineinstoßen: Das Mädchen klappt das Buch zu und steckt es in die Handtasche. So ein Geschenk musst du nur nehmen und in den Sack des Weihnachtsmanns stecken. | übertr.: Die Kinder stecken die Nase in die Angelegenheiten anderer. | verneint (wen, wohin?): Ich zwinge dem Kind nicht die Füßchen in den Schuh. 7. (wen/was) zerknüllen, kneten: Das von den Töchtern geknetete Kätzchen wehrt sich eine Weile nicht. mùrdyti, mùrdo, mùrdė Verb. MURKDYTI: 1. (was): Der Eisregen drückte immer wieder auf die Bäume, drückte sie nieder. | (wen/was, wohin, worin): Der Hund steckt seine verletzte Schnauze immer wieder in den Schnee. Sie fahren mit Geländewagen durch den Morast und bringen sie auf gefährliche Strecken. | verneint (wen/was, wohin, worin): Du wirst mich nicht in den Schnee [in die Schneewehen] stoßen, und wir werden uns auch nicht mehr mit Schneebällen bewerfen. | übertr. (womit): Unsere Polizei drückt straffällige Frauen noch nicht mit dem Gesicht auf den Asphalt. 2. refl. (worin, unter was): Ich wühle mich im Graben [im Schlamm, im Morast] und versinke. Als wir (zum Markt) kamen, wälzten wir uns im Schnee. Die Geländewagen wühlten sich auf der Strecke durch die Pfützen. 3. refl. (worin): Die Kinder planschen zufrieden im Teich. Schweine, Vögel und Hunde wühlen im Schmutz der Straßen. 4. (wen/was): Sie gab nicht auf, obwohl sie bedrängt wurde, und gewann den Prozess sogar. Das fünfzig Jahre lang von Besatzern unterdrückte Litauen atmete wieder Freiheit. | (wen/was, wohin, worin): In Schulden stürzen. In den Schmutz aus Lügen und Verleumdungen gestürzt, sehnten sich die Menschen nach der Wahrheit. Die Sonderkommission ist eine mächtige Waffe, um den politischen Gegner in den Schmutz zu ziehen. Die Abfallgebühr stürzt die Bewohner ins Chaos. | verneint (wen/was, wohin, worin): Man möchte, dass sie uns nicht tiefer in den Dreck stoßen, als wir ohnehin schon sind. Mich wird niemand mehr in diesem Schlamassel versenken! (über das Wirrwarr der Gesetze). 5. refl. (worin): Auch du wirst im grauen Alltag versinken. Wenn die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer nicht wachsen, werden sie weiter in Armut versinken. Ich wühle mich durch die Enzyklopädie und finde nichts. Man kauft sich ein gutes Auto und muss sich dann mit Schrottkarren auf den Straßen [im Stau] herumschlagen. | verneint refl. (worin): Ich lebe hier und jetzt und wühle nicht in der Vergangenheit. 6. (wen/was, wohin): Der Hausmeister kehrt die gefallenen Blätter zusammen und steckt sie in einen Sack. Mit geschlossenen Augen drückte ich mein Gesicht immer tiefer hi
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Page 14nein. Auf dem Dachfirst, am Rand des Wagenrads stehend, drückte der Storch einen mitgebrachten Zweig zwischen die Speichen. Jeder Beamte steckt die Hand in die Staatskasse. | verneint (was, wohin): In den Container mit der Aufschrift „Papier“ sollte man keine Tapeten stecken. 7. (wen/was): Sie neckt und bedrängt ständig die Kleine (Schwester). | verneint (wen/was): Störe jetzt die Welpen nicht, sie schlafen doch satt und friedlich.
mùrgdyti, mùrgdo, mùrgdė Verb. MURKDYTI.
Analog dazu sollen auch die Präfixableitungen dargestellt werden. Angesichts der erwähnten Besonderheit des Verbs ausmatschen (d. h. seiner charakteristischsten Bedeutung des Zerweichens, Zertretens und Ähnlichem, in der es am häufigsten verwendet wird) sollen die hier behandelten Verben mit dem Präfix iš– etwas anders dargestellt werden:
išmurdyti, išmùrdo, išmùrdė Verb. 1. (was) durch Befahren beschädigen, aufweichen, zertrampeln: Die Straße ist schon ziemlich zerfahren. Die warme Erde ist von Rädern zerfahren und von Vieh zertrampelt worden. 2. (was, worin) IŠMURKDYTI 1: Ich goss Wasser und Spülmittel in die Spüle und wusch das Geschirr darin. Die Jungen packten den Flegel und werden ihn im Schlamm [im Teich] ordentlich durchwühlen. 3. refl. (worin) IŠMURKDYTI 2: Gestern fiel er in einen Fluss, ja in einen Graben, in eine Pfütze und machte sich ganz schmutzig.
išmùrkdyti, išmùrkdo, išmùrkdė Verb. 1. (was, worin) waschen, baden, gründlich durchnässen oder beschmutzen, indem man etwas in Flüssigkeit, Schlamm, Schnee o. Ä. eintaucht: Ich schaffte es, den Kater zu baden, aber zum Abtrocknen und Föhnen reichte meine Geduld nicht mehr. Das Fleisch muss nicht nur in der Marinade eingeweicht werden, es muss mehrere Stunden marinieren. Der Regen hat uns gründlich durchnässt. Diese Dinge wurden nicht durch das Hochwasser beschädigt, sie wurden absichtlich in Pfützen getaucht. 2. refl. (worin) beim Herumplanschen sehr nass oder schmutzig werden: Die Wanderer mussten sich auch im Moor gründlich durchnässen. Es scheint, als wäre ich über die Wasseroberfläche geschwommen, doch ich bin darin ordentlich nass geworden. Bevor der Hund ins Boot stieg, wälzte er sich im Schlamm. | übertr.: Um Vollkommenheit zu erreichen, musst du dich in Fehlern suhlen. 3. (wen/was) schaden, Übles antun, in Schwierigkeiten bringen, erniedrigen, verachten: Auch die Geschädigte fühlt sich in diesem Fall nicht weniger angeschlagen. Mit wem hast du dich eingelassen? Sie werden dich ordentlich fertigmachen! 4. (wen/was) zerwühlen, zerdrücken: Wenn ich nach Hause kam, zerwühlte und knetete ich zuerst alle meine Katzen. 5. (was, womit) IŠMURDYTI 1: Mit Maschinen, die zehn Tonnen wiegen, zerfahren sie nicht nur Straßen, sondern auch die Felder der Bauern.
išmùrgdyti, išmùrgdo, išmùrgdė Verb. IŠMURKDYTI.
Wird die Schreibweise der Verben mit der Wurzel murg- durchgehend auf die Hauptvariante mit der Wurzel murk- verwiesen, soll damit gezeigt werden, dass ihre Schreibweise nicht falsch ist (da sie in das normative Wörterbuch aufgenommen wurden) und zugleich eine allzu große Abweichung von der Darstellung im LKŽₑ vermieden werden. Eine solche Darstellung ist jedoch nicht präzise, denn der Internetgebrauch und der LKŽ zeigen, dass die Bedeutungen der Verben mit der Wurzel murg- nicht in allen Fällen vollständig mit den Bedeutungen der Hauptvariante übereinstimmen. Meist gibt es weniger solcher Bedeutungen.
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Page 15Zum Beispiel hat išmurgdyti nur eine Bedeutung: „waschen, baden, stark durchnässen, durch Eintauchen in Flüssigkeit, Schlamm, Schnee o. Ä. beschmutzen“: Sauerrahm, viele Gewürzkräuter <...>, Pfeffer, Zwiebel, Saft einer halben Zitrone – und das Fleisch darin gut durchmarinieren. Die Hündin nimmt mir den Handschuh weg, zieht ihn mir einfach von der Hand und wälzt ihn dann im Schnee. Das Reflexivverb išsimurgdyti wird ebenfalls nur in der Bedeutung „beim Durchnässen stark nass und schmutzig werden“ gebraucht: Man macht dem Hündchen eine Frisur, und im selben Moment wälzt es sich mit den anderen im Schlamm – ärgerlich. Bei Überlebenswettbewerben haben sich viele im Schlamm gewälzt. Diese beiden Bedeutungen sind nur zwei der fünf, die im Artikel zur Hauptvariante išmurkdyti angegeben werden, obwohl man beim Verweis auf den gesamten Artikel und nicht auf eine bestimmte Bedeutung der Hauptvariante natürlicherweise erwarten würde, dass die Nebenvariante semantisch völlig mit der Hauptvariante übereinstimmt, d. h. alle für diese charakteristischen Bedeutungen hat. Andererseits hat pa(si)murgdyti im Internetgebrauch mehr Bedeutungen als pa(si)murkdyti, auf das verwiesen werden soll. Das untersuchte Verb im Satz Mano (katė) tai pasikėlus, ateis pas tave tik tada, kai pati norės, žinoma, būna, kad ir per prievartą pamurgdau weist einen klaren Zusammenhang mit der siebten Bedeutung des nicht präfigierten Verbs murkdyti auf: „knuddeln, drücken“. Da jedoch keine Gebrauchsbelege gefunden wurden, soll diese Bedeutung im Artikel zum Wort pamurkdyti nicht aufgenommen werden. Diese Bedeutung wird auch durch den Gebrauch des Abstraktums im Satz Barbė (šuo) laukė pamurgdymo parodoj. belegt. Außerdem ist zu bedenken, dass im BŽ reflexive Verben in den Artikeln der entsprechenden nicht reflexiven Verben aufgeführt werden; dies kann zusätzliche Verwirrung stiften, wenn auf den gesamten Artikel und nicht auf eine einzelne Bedeutung verwiesen wird. Ganz zu schweigen davon, dass nichtphilologische Wörterbuchbenutzer die Verweisverknüpfung von Varianten nur schwer verstehen (Naktinienė 2000: 21). Zwar sollen im BŽ nur die am häufigsten gebrauchten präfigierten Ableitungen von murgdyti(s) mit den Präfixen į-, iš-, nu-, pa- und su- aufgenommen werden; unter ihren Abstrakta würde wegen des seltenen Gebrauchs nur pa(si)murgdymas berücksichtigt. Bei der Untersuchung des Gebrauchs wurden Verben dieser Wurzel und ihre Abstrakta mit anderen Präfixen nicht ausreichend häufig gefunden, um sie im BŽ aufnehmen zu müssen. Insgesamt werden Wörter mit der Wurzel murg-, wie die Statistik zeigt, erheblich seltener verwendet; allein nach dem Kriterium der Gebrauchshäufigkeit müsste man sie möglicherweise aus dem Lemma-Verzeichnis des BŽ ausschließen. Sie jedoch vollständig auszuschließen, wäre ebenfalls fehlerhaft, gerade wegen der hier erörterten Variantenbildung. Da es sich zudem um die seltenste und semantisch einfachste der drei Varianten handelt, muss sie auch entsprechend verzeichnet werden – anders als die zweite Variante mit der Wurzel mur-, die der Hauptvariante semantisch fast vollständig entspricht.
Somit wurde diese Art, Verben mit der Wurzel murg- und ihre Abstrakta zu verzeichnen, als das kleinere Übel unter mehreren theoretisch möglichen Vorgehensweisen gewählt. Dies
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Page 16ist ein unvermeidlicher Nachteil, denn in diesem Fall werden einige Wörter im BŽ ungenau verzeichnet. Dieser Anteil ist jedoch sehr gering. Es gibt auch Vorteile: Die Verweise in beide Richtungen machen es möglich, den Unterschied zwischen den Varianten aufzuzeigen; die seltenste Variante wird dennoch ins Wörterbuch aufgenommen, da sie nach der Analyse verwandter Wörter u. a. in der Standardsprache nicht zu vermeiden ist.
SCHLUSSFOLGERUNGEN
1. Die Verben murdyti, murgdyti, murkdyti sowie ihre reflexiven und präfigierten Ableitungen sollen im BŽ grundsätzlich anders verzeichnet werden als in den zuvor erschienenen Wörterbüchern und deren elektronischen Fassungen.
2. Diese Verben und ihre Ableitungen werden in verschiedenen Ausgaben der Gegenwartssprache und des akademischen Wörterbuchs recht unterschiedlich verzeichnet, sodass es im BŽ schwierig wäre, irgendeine Kontinuität zu wahren. Um die in diesem Fall nur schwer miteinander vereinbaren Anforderungen an die Stabilität der Norm und den Vorrang des Sprachgebrauchs in Einklang zu bringen, wurde eine differenzierte Verweisweise für die Varianten gewählt.
3. Aufgrund ihres häufigsten Gebrauchs und ihrer reichhaltigsten Semantik würden im BŽ die Verben mit der Wurzel murk- als Hauptvarianten gelten. Auf sie würden die seltener gebrauchten Verben mit der Wurzel mur- verwiesen, die nahezu identische Bedeutungen haben und ebenfalls nach Bedeutungen gegliedert sowie mit Gebrauchsbelegen versehen werden. Die seltensten Verben mit der Wurzel murg- würden ebenfalls unter Verweis auf die Hauptvarianten aufgeführt, jedoch weder semantisch differenziert noch illustriert.
4. Eine solche Verzeichnung der Verben mit der Wurzel murg- ergibt ein etwas verzerrtes Bild ihrer Semantik. Würden sie jedoch als den Verben mit der Wurzel mur- entsprechend verzeichnet, würde damit die Gleichwertigkeit zweier Varianten (mit den Wurzeln murg- und mur-) anerkannt und somit LKŽe widersprochen, wo Verben mit der Wurzel murg- als Fehler gelten und korrigiert werden.
5. Um die Verben murdyti(s), murgdyti(s), murkdyti(s) und ihre präfigierten Ableitungen im BŽ angemessen – präzise, systematisch, ohne den Normanforderungen zu widersprechen und ohne den tatsächlichen Sprachgebrauch zu verzerren – verzeichnen zu können, wäre es sehr nützlich, nicht nur die Meinung von Lexikografen, sondern auch die von Lexikologen und Fachleuten für Semantik, Wortbildung, Etymologie und insbesondere Rechtschreibung einzuholen. Werden diese Fragen erörtert, könnten die Verben und die Wörter aus ihren umfangreichen Wortbildungsnestern bereits in der ersten Ausgabe des BŽ neu verzeichnet werden, wobei alle in früheren Wörterbüchern vorkommenden Fehler und Unregelmäßigkeiten korrigiert und der gegenwärtige Sprachgebrauch dargestellt würden.
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Page 17ŠALTINIAI
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Gauta 2010 11 26
TREATMENT IN THE DICTIONARIES AND THE CURRENT USAGE OF THE VERBS MURDYTI(S), MURGDYTI(S), MURKDYTI(S)
Summary
The article compares the presentation of the verbs murdyti(s), murgdyti(s), murkdyti(s) ‘dip (into), plunge (into)’ in different dictionaries of Lithuanian, namely, six editions of the Dictionary of Contemporary Lithuanian (Dabartinės lietuvių kalbos žodynas) and two editions of the Dictionary of Lithuanian (Lietuvių kalbos žodynas), which have been released both in the print and electronic versions, analyzes the current usage of the verbs, their interrelation and semantics. The analysis of frequency in the contemporary Lithuanian language and semantic analysis of the verbs call for a new treatment of these verbs and their derivatives in the Dictionary of Standard Lithuanian.
Attempts to accomodate the requirement of norm stability and the criterion of variable language use encouraged the application of differentiated approach to the inclusion of cross-references. Yet this approach has certain drawbacks as it fails to accurately reveal the semantics of variants with the root murg-. Hopefully, this article will stimulate a discussion among lexicographers, lexicologists, language norm prescribers and other experts and will eventually allow to improve the treatment of the above-mentioned and other verbs in the Dictionary of Standard Lithuanian.
DAIVA MURMULAITYTĖ Lietuvių kalbos institutas P. Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius [email protected]
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