EINFÜHRUNG IN DIE BALTISTIK IN UNGARISCHER SPRACHE
Im Herbst 1968 stellte Kostas Korsakas auf einem internationalen Slavistenkongress in Prag den Verfasser dieser Zeilen einem jungen ungarischen Philologen vor, der, obwohl er Litauen noch nie gesehen hatte, bereits Litauisch sprach.
Die Jahre vergingen. Über den ungarischen Philologen Endre Bojtár (Böjtara) hörte unsere Öffentlichkeit immer mehr. Er besuchte Litauen mehr als einmal, fand hier zahlreiche Freunde und schloss Freundschaft mit den Litauern in den Vereinigten Staaten von Amerika. In Ungarn erschienen nach und nach von ihm übersetzte Bücher litauischer Schriftsteller. Besonders freuten wir uns, als wir 1970 die von einem renommierten Budapester Verlag herausgegebenen „Jahreszeiten“ („Évszakok“. Európa Könyvkiadó, 1970) von Kristijonas Donelaitis sahen, die E. Bojtár gemeinsam mit dem Dichter Dezső (Dežiu) Tandori übersetzt hatte. Die Übersetzung wurde von einem Artikel E. Bojtárs begleitet, der die ungarischen Leser erstmals ausführlicher mit unserem großen Dichter bekannt machte. Unter anderem übersetzte E. Bojtár zusammen mit D. Tandori auch Justinas Marcinkevičius’ Dramatrilogie.
Der ungarische Philologe widmet der litauischen Literatur in seinen Studien über die avantgardistische Literatur Osteuropas und die Romantik große Aufmerksamkeit.
Seine Erfahrung mit dem selbstständigen Studium der litauischen Sprache fasste E. Bojtár anschaulich in einem hervorragend methodisch konzipierten Lehrbuch der litauischen Sprache zusammen („Kevés szóval litvánul“. Tankönyvkiadó, Budapest, 1985). Wohl muss man nicht eigens darauf hinweisen, dass ein Buch dieser Art in Ungarn ebenfalls zum ersten Mal erschienen war. Dieses Buch war, könnte man sagen, bereits auch der Blick eines Literaten auf die Sprachwissenschaft. E. Bojtár erlernte auch gut Lettisch. Mit großem Eifer studierte er die Kulturgeschichte, Folklore und Mythologie der baltischen Völker. Den Abschluss all dieser Studien bildete E. Bojtárs neues, beneidenswert schön herausgegebenes Buch – „Einführung in die Baltistik“ („Bevezetés a baltisztikába. A balti kultúra a régiségben“. Osiris Kiadó. Budapest, 1997). Es ist ein umfangreiches Werk (316 Seiten), dessen Anspruch wohl durch das Literaturverzeichnis hinreichend belegt wird – rund tausend Bücher und Aufsätze in verschiedenen Sprachen. Besonders geschätzte Forscher der baltischen Vergangenheit sind für E. Bojtár: J. Balys, H. Biezajis (Biezais), A. Brückner, K. Būga, J. Endzelynas, M. Gimbutienė, A. J. Greimas, E. Gudavičius, V. Ivanovas, Z. Ivinskis, J. Kabelka, G. Labuda, H. Lowmiański, P. Šmitas, V. Toporovas, M. Vasmer, Z. Zinkevičius. In einzelnen Kapiteln des Buches behandelt der Autor ausführlich die Geschichte der baltischen Völker und Stämme, beschreibt ihre Sprachen und Dialekte und widmet der Mythologie viel Raum (in dieser Hinsicht unterscheidet sich E. Bojtárs Werk wohl am stärksten von allen zuvor veröffentlichten Büchern dieser Art).
Beim Durchblättern von E. Bojtárs Buch drängt sich der Gedanke auf, dass es nicht nur ein gewissenhafter Wissenschaftler, sondern auch ein aufrichtiger Freund der baltischen Völker geschrieben hat: Nicht umsonst beginnt es mit einer Karte Litauens aus der Zeit Vytautas des Großen, und den Umschlag schmückt ein dahinsprengender Reiter der alten Balten (ein Gobelin von Ramutė Jasudytė). Es ist erfreulich, dass sich das Gebiet der Baltistik erweitert – wann werden wir eine litauische Einführung in die Finnougristik haben?
Algirdas Sabaliauskas
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