Acta Linguistica Lithuanica
LIV (2006), 101 – 121
Anmerkungen
Remarks
Zur tatsächlichen Form und möglichen Herkunft des Dorfes Kimėnai im Gebiet der Utenaer
Das Dorf Kimenai, dessen Schreibweise in verschiedenen Schriften vorkommt, liegt in der Amtsgemeinde Utena, 6 km von Utena entfernt, auf der rechten Seite der Straße nach Kuktiškės. Diese Form verwendete auch Kazimieras Būga in der Einleitung des Wörterbuchs der litauischen Sprache (1924) (siehe seine Gesammelten Schriften 3, 136), doch soweit mir bekannt ist, hat er selbst nie das Gebiet südlich von Utena besucht und entnahm diesen Namen offenbar einer unzuverlässigen schriftlichen Quelle. Auch in dem etwas später erschienenen Buch Die besiedelten Orte Litauens, das die Ergebnisse der Volkszählung der litauischen Bevölkerung von 1923 enthält (Kaunas, 1925), finden wir das Dorf Kimėnai (S. 451); die Ortsnamen dieser Volkszählung scheinen jedoch nicht von Sprachwissenschaftlern überprüft worden zu sein. Die Form Kimėnai finden wir auch im Verzeichnis der administrativ-territorialen Gliederung der Litauischen SSR (Vilnius: Mintis, 1974, 1, 320), in dem angeblich großer Wert auf die Genauigkeit der Namen von Siedlungen gelegt worden war. Somit ist Kimėnai inzwischen zum offiziellen Namen geworden. Doch die amtliche Schreibweise ist das eine, eine gut überprüfte Form das andere – Sprachhistoriker interessiert vor allem Letzteres. Es ist anzunehmen, dass entweder keine wirklichen Dialektologen diese Gegend besucht haben oder dass bei der Entscheidung über die Schreibweise Kazimieras Būgas Autorität den Ausschlag gab.
Die Einheimischen sprechen den Dorfnamen ausschließlich ki.mė'nai1 aus; der halblange unbetonte Vokal i im Utenaer Dialekt darf in der Standardsprache keinesfalls durch ein kurzes i wiedergegeben werden (die Utenaer unterscheiden beispielsweise die Vokallänge in den Wörtern kiminai und ki.mė'nai ausgezeichnet). Nur Menschen ohne die nötige sprachwissenschaftliche Ausbildung machen solche Schreibfehler, weil sie nicht verstehen, dass der halblange Vokal des Utenaer Dialekts beim Schreiben in der Standardsprache unbedingt übertragen werden muss. Tatsächlich haben wir also den Namen Kymėnai, den Ortsfremde durch volksetymologische Deutung manchmal auch Kiemėnai nennen.
Die Herkunft der Wurzel kym- ist nicht ganz klar. Zwei Möglichkeiten lassen sich zur Erwägung vorschlagen. Die erste wäre folgende: Der zweistämmige Name Kymantas hatte auch eine Kurzform *Kymas, aus der Kymėnai entstanden ist. Būga stellte den Dorfnamen jedoch dem Namen der Region Sudauen gegenüber
1 Zu den Einheimischen muss man meinen Großvater Antanas Žulys und meinen Vater Antanas Žulys zählen, die in diesem Dorf geboren wurden. Ich glaube, auch ich selbst gehöre dazu; ich stamme aus Dirvoniškis, dessen Land an das dieses Dorfes grenzte (Dirvoniškis wurde bei der Deportation von 1948 zerstört).
101