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DANUTĖ VALENTUKEVIČIENĖ

Institut für die litauische Sprache

ORCID iD: orcid.org/0000-0001-7497-7365

Forschungsgebiete: Dialektologie, Geolinguistik.

DOI: doi.org/10.35321/all88-07

DYNAMIK DER KONSONANTENVERHÄRTUNG IN DER UMGEBUNG VON MARCINKONYS

Die Dynamik der Entpalatalisierung im Umfeld von Marcinkonys

ABSTRACT

Der Beitrag untersucht die für das Süddialektgebiet Aukštaitija charakteristische phonetische Erscheinung der Entpalatalisierung. Ziel der Untersuchung ist es, die Tendenzen der Entpalatalisierung im Süddialektgebiet Aukštaitija im Umfeld von Marcinkonys in der beobachteten Zeit zu erörtern. Bei der Untersuchung der Situation der Entpalatalisierung in drei Altersgenerationen wird eine geolinguistische Perspektive zugrunde gelegt, die mit dem Konzept des dynamischen Raums verbunden ist.

Der Beitrag präsentiert eine Analyse der Entpalatalisierung auf der Grundlage zweier Schichten dialektaler Materialien: der im Dialektarchiv des Instituts für die litauische Sprache aufbewahrten Tonaufnahmen und handschriftlichen Texte aus dem siebten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts sowie der von der Autorin des Beitrags aufgezeichneten Tonaufnahmen dreier Generationen aus dem Umfeld von Marcinkonys. Die Untersuchung beschreibt, welche Korrelation der palatalisierten und nicht palatalisierten Konsonanten (oder deren Fehlen) in der Sprache dreier Generationen vorherrscht; außerdem werden die Ursachen erläutert, die die Dynamik dieser Erscheinung bestimmen.

Es wurde festgestellt, dass sich das Dialektgebiet im Umfeld von Marcinkonys zu Beginn des 21. Jahrhunderts verändert hat. Die Ergebnisse zeigen eine recht kontinuierliche und allmähliche Abschwächung der Entpalatalisierung.

SCHLÜSSELWÖRTER: südlitauisches Subdialektgebiet Aukštaitija, Entpalatalisierung, dialektales Merkmal, beobachtete Zeit.

ANNOTATION

Der Beitrag analysiert die Entpalatalisierung als unterscheidendes phonetisches Merkmal des Süddialektgebiets Aukštaitija. Ziel der Untersuchung ist es, die Tendenzen der Entpalatalisierung zu erörtern, die im Subdialektgebiet des Süddialektgebiets Aukštaitija im Umfeld von Marcinkonys beobachtet werden können

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indem ein Ansatz der scheinbaren Zeit verwendet wird. Die Untersuchung der Situation der Entpalatalisierung basiert auf der geolinguistischen Perspektive, die mit dem Konzept des dynamischen Raums verbunden ist.

Der Beitrag präsentiert die Analyse der Entpalatalisierung auf der Grundlage zweier Schichten dialektaler Daten: der Tonaufnahmen und handschriftlichen Texte aus den 1960er Jahren, die im Dialektarchiv des Instituts für die litauische Sprache aufbewahrt werden, sowie der von der Autorin des Beitrags im Umfeld von Marcinkonys angefertigten Tonaufnahmen dreier Generationen. Die Untersuchung beschreibt, welche Korrelation palatalisierter und nicht palatalisierter Konsonanten (oder deren Fehlen) in der Sprache dreier Generationen vorherrscht; die Ursachen, die die Dynamik dieser Erscheinung bestimmen, werden erläutert.

Es wurde festgestellt, dass das Dialektgebiet im Umfeld von Marcinkonys zu Beginn des 21st. Jahrhunderts bestimmte Veränderungen aufweist. Die Ergebnisse zeigen eine recht kontinuierliche und allmähliche Abschwächung der Entpalatalisierung.

SCHLÜSSELWÖRTER: südlitauisches Subdialektgebiet Aukštaitija, Entpalatalisierung, dialektales Merkmal, scheinbare Zeit.

EINLEITUNG

Die im Süddialektgebiet Aukštaitija weit verbreitete Entpalatalisierung – die Umwandlung palatalisierter Konsonanten in nicht palatalisierte – interessiert die Sprachwissenschaft bereits seit Langem. In den 1960er Jahren unterteilten die Autoren der neuen Klassifikation der litauischen Dialekte, Aleksas Girdenis und Zigmas Zinkevičius, das Süddialektgebiet Aukštaitija nicht weiter, erkannten jedoch die Uneinheitlichkeit des Dialektgebiets anhand der Isoglossen der Dzūkisierung und der Entpalatalisierung an (Girdenis, Zinkevičius 1966: 139–147).¹

Als Zone der intensivsten Entpalatalisierung gilt der südliche Teil des Süddialektgebiets Aukštaitija südlich der Linie Rudaminõs–Seirijų–Merkinės–Marcinkonių (siehe Abb. 1). In den Arbeiten der traditionellen Dialektologie wird behauptet, dass in diesem Gebiet die Konsonanten [l̡], [s̡] entpalatalisiert werden und die Konsonanten [r], [s], [z], [t͡s], [d͡z], [t͡ʃ], [d͡ʒ] keine palatalisierten Korrelate besitzen (Zinkevičius 1966: 158–170; LKT 381, 384–385; LKA II 101–105, Karte Nr. 85–87; vgl. Leskauskaitė 2006: 35–36; 2009: 34–36).

¹ Diese Klassifikation, die ausschließlich auf den phonetischen (vor allem vokalischen und akzentuellen) Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Dialekte beruhte, wurde von Antanas Salys kritisch bewertet. Seiner Ansicht nach „ist auch das Fehlen der Kennzeichnung der Isoglosse der Entpalatalisierung von l auf der klassifikatorischen Dialektkarte als Mangel anzusehen“ (Salys 1992: 296). A. Salys untersuchte die Entpalatalisierung im westlichen Dzūkischen nicht umfassend, sondern merkte lediglich an, dass die „entpalatalisierenden dzūkischen Mundarten“ im Norden an die Kapsen grenzen (Salys 1992: 132).

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ABB. 1. Regelmäßigere Rückverlagerung der Vokale i, y (į) nach den entpalatalisierten Konsonanten r, š, ž, č, dž (im mittleren westlichen Teil und nach c, dz (vgl. LKA II, Karte Nr. 41) mit einer Punktlinie gekennzeichnet². Karte aus LKTCh

In der wissenschaftlichen Literatur wurde die Entpalatalisierung überwiegend mit Methoden der traditionellen Dialektologie beschrieben, wobei ihr Ursprung, ihr Verbreitungsgebiet, das Inventar der nicht palatalisierten Konsonanten, die Positionen, in denen Konsonanten – vor vorderen oder hinteren Vokalen – entpalatalisiert werden, sowie die Veränderungen der ihnen folgenden Vokale angegeben wurden (Buch 1966: 33–36; Zinkevičius 1966: 158–170; 2006: 142–146; LKT 1970: 38; Urbanavičiūtė 1970: 75–86; 1970a: 61–65; 1971: 55–70; 1974: 73–80; 1978: 69–77; LKTCh 2004: 80; Zinkevičius 2006: 142–144 u. a.).³ Eine solche statische und nahezu unveränderliche Beschreibung dieser Erscheinung war in der traditionellen Dialektologie bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, in manchen Fällen auch länger, vorherrschend.

² Die auf der Karte eingetragenen Vokalismus-Isoglossen sind für das Untersuchungsgebiet nicht relevant und werden daher nicht erörtert.

³ Erwähnenswert sind auch die Ergebnisse der Untersuchungen der experimentellen Phonetik. Die Artikulation der nicht palatalisierten Konsonanten des Süddialektgebiets Aukštaitija untersuchte Elzbieta Mikalauskaitė (1975) anhand von Palatogrammen, ihre akustischen Eigenschaften untersuchten Rytis Ambrazevičius und Asta Leskauskaitė (2014).

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Weitere Forschungsmöglichkeiten eröffneten sich den Dialektologen mit der Etablierung der Geolinguistik in Litauen, als man begann, den Subdialekt nicht als ein lokales und geschlossenes phonologisches System zu betrachten, das durch Isoglossen verschiedenster Art begrenzt ist, sondern als ein bestimmtes Kontinuum, das ständig von verschiedenen Konvergenz- und Divergenzerscheinungen beeinflusst wird (Aliūkaitė, Mikulenienė 2014: 39; Mikulenienė 2018: 12; vgl. Kalėdienė 2011). Darüber hinaus ermöglicht die geolinguistische Perspektive, nicht nur die sprachliche Variabilität und den Wandel einer, sondern mehrerer Generationen von Informanten in der beobachteten Zeit⁴ – hier und jetzt – zu beobachten. Somit gewinnen solche Untersuchungen, obwohl sie synchronisch sind, auch eine diachronische Perspektive.

Dennoch finden sich auch in den neuesten dialektologischen Arbeiten vom Beginn des 21. Jahrhunderts zur Dynamik der Entpalatalisierung nur fragmentarische Angaben, das heißt, es wird die unsystematische Entpalatalisierung von Konsonanten und die Abschwächung dieser Erscheinung hervorgehoben (Garšva 2005: 236–237, 247–248, 251–252, 263–265; Leskauskaitė 2006: 35–36; 2016: 52–55; 2020: 28–29; 2021: 55–56; Tuomienė 2010: 227, 231; Mikulenienė et al. 2019: 150, 154; vgl. Mikulenienė 2016: 340–346; Leskauskaitė 2016: 52–55; 2018a: 23–24; 2021: 55–57).

Daher besteht das Ziel dieses Beitrags darin, die Tendenzen der Entpalatalisierung im Süddialektgebiet Aukštaitija im Umfeld von Marcinkonys in der beobachteten Zeit zu erörtern. Zur Erreichung dieses Ziels werden folgende Aufgaben gestellt: 1) zu beschreiben, welche Korrelation der palatalisierten und nicht palatalisierten Konsonanten (oder deren Fehlen) in der Sprache dreier Generationen vorherrscht; 2) die Ursachen zu erklären, die die Dynamik der Entpalatalisierung bestimmen.

Für die Untersuchung wurde ein heterogenes Gebiet des Süddialektgebiets Aukštaitija ausgewählt, nämlich die Punkte Marcinkonys (697), Darželiai (696), Kabėliai (704) des Atlas der litauischen Sprache (im Folgenden – LKA)⁵, die in der traditionellen Dialektologie den Mundarten von Marcinkonys und Kabėliai zugeordnet werden (Leskauskaitė 2009: 29–30). Bei der Untersuchung der Situation der Entpalatalisierung in drei Altersgenerationen wird eine geolinguistische Perspektive zugrunde gelegt, die vor allem mit dem Konzept des dynamischen Raums verbunden ist. Die Annahme der Dynamik beruht auch auf der Einbeziehung kultureller und sozialer Faktoren in die dialektologischen Untersuchungen (Aliūkaitė 2013: 5).

⁴ Im Jahr 1966 nutzte William Labov offensichtliche Zeitunterschiede zur Untersuchung der Lautveränderungen in New York und etablierte die Methode der scheinbaren Zeit als wichtigstes Instrument zur Untersuchung der Variabilität. In Anlehnung an W. Labovs Theorie der sprachlichen Variation und des Wandels zeigen die sprachlichen Unterschiede zwischen Informanten unterschiedlichen Alters die in der beobachteten Zeit (engl. apparent time) stattfindenden Sprachveränderungen: Die Sprache älterer Informanten bezeichnet eine frühere, diejenige jüngerer Informanten die gegenwärtige Phase des Sprachwandels. Mehr zur scheinbaren Zeit siehe Labov 1972; Bailey, Wikle, Tillery, Sand 1991: 241–244; Inoue 2008: 45–64; 2010: 45–64; Aliūkaitė, Mikulenienė 2014: 36; Kalėdienė 2015: 213–215).

⁵ Atlas der litauischen Sprache bezeichnet einen konkreten Wohnort und die ihm geografisch und sprachlich nächstgelegenen Siedlungen in einer Entfernung von 10–12 km (Mikulėnienė, Čepaitienė 2021: 85–94). Dem in diesem Beitrag untersuchten Punkt Marcinkonys werden die Dörfer Zervynos und Manciagirė zugeordnet; der Peripherie des Punkts Darželiai – Kapiniškiai, Mardžionys, Grybauliai; dem Punkt Kabėliai – Ašašninkai, Musteikà, Daržinė lės.

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Bei der Erörterung des Dialektgebiets im Umfeld von Marcinkonys ist hervorzuheben, dass in den Untersuchungspunkten die wichtigsten phonetischen Merkmale des Süddialektgebiets Aukštaitija erhalten geblieben sind: die Verengung der Nasalvokale [ɑː], [æː], die Bewahrung der Diphthonge [ɛm], [ɑm] [ɛn], [ɑn], [ɛm], [æːm], [ɛn], [æːm], die Dzūkisierung, die Entpalatalisierung von Konsonanten u. a. (siehe LKTCh 76–85; Zinkevičius 2006: 137–149; Leskauskaitė 2006: 29–40).

Das Gebiet im Umfeld von Marcinkonys lässt sich anhand zweier dialektaler Merkmale feiner differenzieren: der Aussprache der Vokale [eː], [oː] und [ɛː], [ɔː] sowie der Vermischung der Konsonanten [sʲ], [s], [zʲ], [z] und [ʃ], [s], [ʒʲ], [z]. Die engeren und gespannteren [eː], [oː] werden meist an den Punkten Darželiai (696) und Marcinkonys (697) ausgesprochen, während in Kabėliai (704) die offeneren [ɛː], [ɔː] vorkommen, die dem südwestlichen Gebiet des Süddialektgebiets Aukštaitija näherstehen (vgl. Markevičienė 1999: 27–28; 2010: 51; Leskauskaitė 2004: 56–57; 2009: 30–31). Die Vermischung der Konsonanten [sʲ], [s], [zʲ], [z] und [ʃ], [s], [ʒʲ], [z] ist für den Punkt Kabėliai (704) charakteristisch (Zinkevičius 1966: 147–148; LKTCh 38; Leskauskaitė 2009: 30; Markevičienė 2010: 49–50; Valentukevičienė 2019: 5–6)⁶

Das Untersuchungsmaterial besteht aus:

1) dem im Dialektarchiv des Zentrums für Geolinguistik des Instituts für die litauische Sprache (im Folgenden – GCTA) aufbewahrten dialektalen Material aus den 1950er–1960er Jahren: Tonaufnahmen aus Marcinkonys (697) und Kabėliai (704) (CD 17 PA 7, Aufnahme 08201704; CD 21 PA 9, Aufnahme 38201697, Aufnahmedauer – 31 Min. 2 Sek.), handschriftlichem Material aus Marcinkonys (697, GCTA R, Registrier-Nr. des Bestands 839), Darželiai (696, GCTA R, Registrier-Nr. des Bestands 821) und Kabėliai (704, GCTA R, Registrier-Nr. des Bestands 840)⁷;

2) dem von der Autorin des Beitrags in den Untersuchungsorten aufgezeichneten Tonmaterial von 28 Informanten mit einer Dauer von 28 Std. 16 Min., das 2019–2022 nach der Methode des halbstrukturierten Interviews aufgenommen wurde: 13 Informanten der ältesten, 5 der mittleren und 10 der jüngsten Generation⁸.

Fast alle Untersuchungsteilnehmer der ältesten Generation erfüllen die NORM-Kriterien: Sie haben eine Grund- oder mittlere⁹ Ausbildung erworben, leben sesshaft und haben keine Möglichkeit, ihren Wohnort häufig zu wechseln. Viele von ihnen arbeiteten in der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft oder im Dienstleistungsbereich, in dem keine aktive Kommunikation erforderlich ist.

Die Vertreter der mittleren Generation haben – mit Ausnahme eines Informanten mit Hochschulbildung – eine Grund- oder mittlere Ausbildung erworben, sind mobil und arbeiten im

⁶ Diese Erscheinung kam auch in der Sprache der aus Ašašninkai und Kabėliai nach Marcinkonys zugezogenen Bewohner vor (Leskauskaitė 2009: 30). Eine Vermischung der Konsonanten wurde auch am Punkt Šklėriai (703) festgestellt. Tonaufnahmen aus den 1950er–1960er Jahren von den Punkten Marcinkonys (697) und Kabėliai (704) sind nur in geringer Zahl vorhanden. Ihre Dauer beträgt 2 Min. bis 10 Min.

⁷ Tonaufnahmen aus den 1950er–1960er Jahren von den Punkten Marcinkonys (697) und Kabėliai (704) sind nur in geringer Zahl vorhanden. Ihre Dauer beträgt 2 Min. bis 10 Min.

⁸ In quantitativen soziolinguistischen Untersuchungen gilt es als ideal, wenn sich die Stichprobe 30 Informanten nähert (Milroy, Gordon 2003: 164).

⁹ Die Informanten erwarben die mittlere Ausbildung bereits als Erwachsene an einer Abendschule.

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im Dienstleistungsbereich. Die an der Untersuchung beteiligten Jugendlichen – Gymnasiasten, Studierende und einige Arbeiter – bilden die mobilste Gruppe; sie befriedigen ihre kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnisse außerhalb des Subdialektgebiets.

1 TABELLE. Dauer der Tonaufnahmen (28 Std. 16 Min.)

Nr. Code des Informanten Geburtsjahr Ausbildung Dauer der Tonaufnahme 1. 697Mrc3M 1938 Grundschule 1 Std. 31 Min. 2. 697Mrc3–1M 1940 Grundschule 1 Std. 21 Min. 3. 697Mrc3–2M 1942 Mittlere Ausbildung 1 Std. 16 Min 4. 697Mrc3–3M 1937 Grundschule 34 Min. 5. 696Drž3M 1936 Grundschule 1 Std. 36 Min. 6. 696Drž3–1M 1938 Grundschule 1 Std. 1 Min. 7. 696Drž3–2M 1938 Grundschule 1 Std. 8. 696Drž3–3M 1942 Mittlere Ausbildung 1 Std. 1 Min. 9. 696Drž3V 1942 Grundbildung 10. 696Drž3–1V 1938 Grundschule 1 Std. 2 Min. 11. 704Kb3M 1937 Grundschule 12. 704Kb3V 1942 Grundschule 1 Std. 32 Min. 13. 704Kb3–1M 1966 Mittlere Ausbildung 36 Min. 14. 697Mrc2M 1975 Mittlere Ausbildung 1 Std. 19 Min. 15. 697Mrc2–1M 1978 Grundbildung 1 Std. 10 Min. 16. 697Mrc2–2M 1973 Mittlere Ausbildung 1 Std. 20 Min. 17. 704Kb2–1V 1973 Hochschulbildung 36 Min. 18. 704Kb2V 1972 Mittlere Ausbildung 1 Std. 19 Min. 19. 697Mrc1M 2004 Mittlere Ausbildung 20. 697Mrc1–1M 2002 Mittlere Ausbildung 1 Std. 39 Min. 21. 697Mrc1–2M 2004 Grundbildung 1 Std. 22. 697Mrc1V 2003 Mittlere Ausbildung 1 Std. 23. 696Drž1M 2002 Mittlere Ausbildung 1 Std. 5 Min. 24. 704Kb1M 2003 Mittlere Ausbildung 1 Std. 3 Min. 25. 704Kb1–2M 2004 Grundbildung 1 Std. 26. 704Kb1V 1995 Fachmittlere Ausbildung 40 Min. 27. 704Kb1–1V 2004 Grundbildung 1 Std. 28. 704Kb1–2V 2002 Fachmittlere Ausbildung 1 Std. 29 Min.

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Die Informanten wurden anhand der Nummer und der Abkürzung des LKA-Punkts, des Alters des Informanten (1 bezeichnet die jüngste Generation von 18 bis 30 Jahren, 2 die mittlere Generation von 31 bis 50 Jahren, 3 die älteste Generation) und des Geschlechts (M – Frau, V – Mann) kodiert. Beispielsweise wird ein Informant der jüngsten Generation aus dem Punkt Marcinkonys mit 697Mrc1V bezeichnet. Gibt es mehrere Informanten derselben Altersgruppe, wird nach dem Bindestrich eine zusätzliche Nummer angegeben, z. B. 697Mrc1V-1 (siehe Tabelle 1).

Um die Tendenzen der Entpalatalisierung in drei Generationen zu ermitteln, wurde aus den Tonaufnahmen jedes Informanten ein 30-minütiger Abschnitt spontaner Rede ausgewählt, die Fälle mit (nicht) entpalatalisierten Konsonanten systematisch transkribiert und die Ergebnisse visualisiert. Im Beitrag werden Beispiele aus handschriftlichen Texten in authentischer Orthografie präsentiert, das Material des 21. Jahrhunderts in Internationalem Phonetischem Alphabet (IPA) (siehe Bakšienė 2018: 10–20; 2022: 165–183). In der Untersuchung wurden die deskriptive Methode sowie Methoden der Beobachtung und Analyse empirischen Materials verwendet.

1. MARCINKONIŲ APYLINKIŲ SOCIOLINGVISTINIAI BRUOŽAI

Die Untersuchungspunkte Marcinkonys (697), Darželiai (696), Kabėliai (704) liegen im Süden Litauens an der Grenze zu Belarus. Von 1920 bis 1939 gehörte das Umfeld von Marcinkonys zum von Polen verwalteten Gebiet Vilnius, von 1939 bis 1940 zu Belarus.

Im 20. Jahrhundert lebten im Umfeld von Marcinkonys neben der dominierenden litauischen Bevölkerung auch Russen (vor allem in Marcinkonys), Polen, Belarussen und Ukrainer10. Neben dem Litauischen wurden bis zum Ende des 20. Jahrhunderts im öffentlichen Raum auch das Polnische und das Russische verwendet, sodass die Sprachkontakte auch die phonetische Interferenz verstärkten (vgl. Grumadienė 1988: 138).

Als sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die litauische Standardsprache im öffentlichen Leben durchsetzte, nahm das Prestige des Süddialektgebiets Aukštaitija wie auch das der anderen litauischen Dialekte11 ab und wurde herabgesetzt, da sich die Hauptaufmerksamkeit auf die Standardsprache richtete

10 Die meisten der aus Russland nach Marcinkonys zugezogenen Personen der ältesten Generation lernten nie, Litauisch zu sprechen. Polen und Belarussen, die Familien mit Litauern gründeten, kommunizierten zu Hause auf Litauisch (vgl. Rutkovska 2016: 2–3). Die Kinder slawischsprachiger Familien besuchten litauische Schulen und passten sich erfolgreich an das vorherrschende sprachliche Umfeld an.

11 Die Prestigesprache wird von Bewohnern verwendet, die über eine besondere soziale Macht verfügen (Milroy 2001: 549). Prestige kann offen sein, wenn positive Spracheinstellungen und Sprachverhalten bekundet werden (vgl. Holmes 2001: 345). Der Begriff des verdeckten Prestiges umfasst die positive Bewertung öffentlich nicht anerkannter sprachlicher Kodes und positive Einstellungen, die nicht offen (insbesondere gegenüber Außenstehenden) bekundet werden (vgl. Trudgill 1979: 9; Kalėdienė 2013: 137; Holmes 2001: 345; Ramonienė 2006: 145).

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(Leskauskaitė 2018: 36). Die auffälligsten Merkmale des Süddialektgebiets Aukštaitija – Dzūkisierung und Entpalatalisierung – wurden zu Merkmalen ohne Prestige. Die Bewohner des Umfelds von Marcinkonys vermeiden diese Merkmale wie andere Sprecher des Süddialektgebiets Aukštaitija im Gespräch mit Fremden (vgl. Mikalauskaitė 1975: 94; Leskauskaitė 2009: 38).12

Zum Prestigeverlust des Subdialekts trugen auch die verfallene Infrastruktur sowie veränderte demografische, sozioökonomische und kulturelle Bedingungen bei, die zu schwachen sozialen Beziehungen und einer geringeren Mobilität der Bewohner nicht nur innerhalb des Dialektgebiets, sondern auch außerhalb seiner Grenzen führten.13 Die stark zunehmende Mobilität der Bewohner ist einer der Hauptfaktoren, die den häufigeren Gebrauch der Standardsprache sowohl bei Individuen als auch in Sprachgemeinschaften bestimmen (vgl. Chambers 2002: 117; Meiliūnaitė, Mikulėnienė 2014: 126; Monka 2015: 98; Čepaitienė 2016: 154).

Zusammenfassend lässt sich anhand der soziolinguistischen Daten feststellen, dass der Isolationsgrad des Subdialekts im Umfeld von Marcinkonys niedrig ist – es herrschen offene soziale Netzwerke vor, in denen die Personen durch schwache Netzwerkverbindungen miteinander verbunden und offen für Innovationen und den Sprachwandel sind (vgl. Kalėdienė 2013: 148).

2. DIE SITUATION DER ENTPALATALISIERUNG IM UMFELD VON MARCINKONYS IN DER ZWEITEN HÄLFTE DES 20. JAHRHUNDERTS

Die umfassendere dialektale Situation der 1960er Jahre wird durch die wenigen Tonaufnahmen und handschriftlichen Texte erschlossen, die im Dialektarchiv des Zentrums für Geolinguistik des Instituts für die litauische Sprache aufbewahrt werden. Die Analyse des dialektalen Materials zeigt, dass im Untersuchungsgebiet die Konsonanten [l], [r], [s], [ʂ], [z̪], [tʂ], [t̪s], [dž], [dʐ], [p], [b], [m], [u] nicht palatalisiert ausgesprochen wurden (siehe Tabelle 2).

Aus den handschriftlichen Texten geht hervor, dass die Sammler des dialektalen Materials auch veränderte vordere Vokale erfassten, die auf nicht palatalisierte Konsonanten folgten. Auf die Rückverlagerung der vorderen Vokale nach den nicht palatalisierten Konsonanten [r], [s], [z], [tʂ], [t̪s], [dž] wies auch Žaneta Urbanavičiūtė-Markev ičienė hin und kennzeichnete sie in den transkribierten Texten der Punkte Darželiai (696) und Kabėliai (704) mit speziellen Schriftzeichen (šas.

12 Die Informanten der ältesten und mittleren Generation bewerten das Süddialektgebiet Aukštaitija als schön und geeignet, nur im vertrauten Umfeld gesprochen zu werden; im öffentlichen Raum ist es als Kommunikationsmittel jedoch unnötig: „Wer spricht heute noch in den Dörfern dzūkisch? Achtzigjährige Frauen. Und wenn irgendwo noch ein Jüngerer übrig ist, fährt er nach Vilnius oder in die Stadt und dann hört man auch von ihm bald kein Dzūkisch mehr. Und es ist unnötig“ (Mrc697Mrc3-2M). Die jüngere Generation vertritt die Ansicht, dass der Dialekt interessant, wertvoll und schützenswert ist, dass man ihn aber wegen der unterbrochenen Tradition der Dialektweitergabe bereits erlernen muss.

13 Die Gemeinde Marcinkonys gilt als Zone langfristiger Entvölkerung mit verfallener Infrastruktur. In der gesamten Gemeinde gibt es keine Schulen der Allgemeinbildung, keine Einrichtungen der Gesundheitsversorgung usw. und keine Arbeitsplätze mehr.

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Registrier-Nr. 821; Registrier-Nr. des Bestands 840). Die übrigen Aufzeichner von Fakten legten nur einzelne Beispiele vor (Leskauskaitė 2009: 35).

TABELLE 2. Inventar der nicht palatalisierten Konsonanten in den handschriftlichen Texten14

Nicht palatalisierter Konsonant | Entpalatalisierung vor vorderen Vokalen | Entpalatalisierung vor hinteren Vokalen ł | lǎ-das, iškẽlė, sáulys | r | raci, rékc, sùtrbina | sugrùvo, karúominė, netùrù s | sanà, šẽmė | š | gru-šà, nãšė, šìltas | šuõmet ž | daržãluosa, ž̃ídzi, ãtvežė | žú-ro c | klùpscai, vaikãicais, scìklas | slanìksco, marcũ, akẽcuč | tuščàs, nebaščìkas | vaìkščioja, laìkraščiuosa dz | padzáuna | mẽdzo, sodzùs, dzidžulei dž | pradžà | ìždžúvi, bráìdžojo, balandžo p | p̃lãupė, sopẽc | b | duobẽta, taisìbė | m | mẽšlo, mėnásin, žãmės | v | dãvė, vẽl, vẽtra |

Wie aus der Tabelle ersichtlich ist, weist das Konsonantensystem im Umfeld von Marcinkonys keine regelmäßige Korrelation zwischen nicht palatalisierten und palatalisierten Konsonanten auf, da die Konsonanten [r], [š], [ž], [t͡ʃ], [d͡z], [t͡s], [d͡z] daraus herausfallen, das heißt, sie werden immer nicht palatalisiert ausgesprochen (vgl. Urbanavičiūtė 1970: 61). Nicht nur die genannten Konsonanten werden nicht palatalisiert ausgesprochen, sondern auch [l], [s] und sporadisch (nur in einigen Wörtern) [p], [b], [m], [v].

Das handschriftliche Material und die Tonaufnahmen des GCTA aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts enthalten auch Belege für die Verwendung der palatalisierten Konsonanten [ǯ], [ʃ̌], [t͡ʃ̌], [rʲ], z. B.: vežìmo, nùnėšė, incipràšė, pãǯčo (Mrc), ažãri (Drž), reĩke (Kb), die bereits auf beginnende dialektale Veränderungen hinwiesen.

14 Die handschriftlichen Texte wurden in einer vereinfachten verallgemeinerten Transkription verfasst, in der die wichtigsten Merkmale des Subdialekts wiedergegeben wurden. Ein Teil der Phonemvarianten, insbesondere die subtileren, ist in den Texten jedoch nicht gekennzeichnet; auch die Schwankungen der phonetischen Merkmale der Untersuchungspunkte werden nicht widergespiegelt. Aus diesem Grund wird das dialektale Material im Beitrag in IPA umgeschrieben. Zur verallgemeinerten vereinfachten Transkription siehe ausführlicher Bacevičiūtė 2010: 5–14.

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3. INVENTAR DER NICHT PALATALISIERTEN KONSONANTEN DER INFORMANTEN ZU BEGINN DES 21. JAHRHUNDERTS

Bei der Erhebung des dialektalen Materials für den Atlas der litauischen Sprache wurden die Unterschiede der Entpalatalisierung von Konsonanten bei Informanten unterschiedlichen Alters nicht untersucht. Die Tonaufnahmen der 28 an dieser Untersuchung beteiligten Informanten zeigten, dass die Entpalatalisierung nur für 22 Informanten charakteristisch ist, während bei 6 Jugendlichen keine solche Erscheinung festgestellt wurde. Die Informanten unterschieden sich auch hinsichtlich ihres individuellen Inventars nicht palatalisierter Konsonanten: In der Sprache der Informanten der ältesten Generation werden 5 bis 12, in der mittleren Generation 1 bis 6 und bei den Jugendlichen 0 bis 6 Konsonanten festgestellt (siehe Tabelle 3).

Wie aus Tabelle 3 ersichtlich ist, ist das größte Konsonanteninventar für die älteste Generation charakteristisch, doch auch in ihrer Sprache ist die Entpalatalisierung nicht systematisch, vgl.: [zʲrʲuˈi̯ːnʲɪ̯kʲɪs] ~ žervyniškis und [zʲe̯rʲuˈi̯n̪o̞s] ~ Zervynos (697Mrc3–1M), [atʊəˈz̪u̯i̯] ~ atvažįavę und [nʊədʒʲa̯e̯ˈu̯] ~ nuvažiavau (697Mrc3–3M), [ˈp̪ɔ.d̪es] ~ pėdsakas und [p̪ˈe̞²d̪e̯] ~ pėdsakai (704Kb3V) usw.

Es ist darauf hinzuweisen, dass einer der wichtigeren Faktoren, die Dialekte und den Gebrauch bestimmter sprachlicher Merkmale bestimmen, nicht nur das sprachliche Umfeld, sondern auch die Verbindung der Dialektweitergabe ist. Fumio Inoue (2008: 477) zufolge hat die Sprache der Mutter großen Einfluss auf die Sprachbeherrschung von Kindern. Das Untersuchungsmaterial zeigt, dass Informanten dreier Generationen derselben Familie dieselben nicht palatalisierten Konsonanten unsystematisch verwenden können, z. B.: 704Kb3M, 704Kb2V, 704Kb1V, 704Kb1–1V sprechen die Konsonanten [l], [r], [s], [z], [t͡s], [d͡z] unsystematisch ebenso aus wie die Informantin 704Kb3M der ältesten Generation. Daher ist es natürlich, dass bei Personen der ältesten Generation, die in verschiedenen Dörfern geboren wurden, aber in derselben Familie leben, das Inventar der nicht palatalisierten Konsonanten häufig nicht übereinstimmt, z. B.: Bei 696Drž3–1V umfasst es 4, bei 696Drž3–1M 7; bei 704Kb3V 13, bei 704Kb3M 6 Konsonanten.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass jeder Sprecher des Subdialekts das Inventar der nicht palatalisierten Konsonanten individuell gestaltet. Sein Umfang und seine Realisierung hängen sowohl von linguistischen als auch von extralinguistischen Faktoren ab.

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TABELLE 3. Inventar der nicht palatalisierten Konsonanten

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4. VYRIAUSIOSIOS KARTOS PRIEBALSİŲ KIETINIMO POLINKIAI

Im Umfeld von Marcinkonys spricht die älteste Generation die nicht palatalisierten Konsonanten [l], [r], [s], [š], [z] meist vor Vokalismus vom Typ [ε] aus. Wie nach allen entpalatalisierten Konsonanten werden auch hier die vorderen Vokale rückverlagert, z. B.: [baˈlʲə] ~ balelė (696Drž3M), [gɣu̯ˈlʲəːk] ~ gulėk, [ˈlʲaɪ̯dzə] ~ leidžia, [ˈlʲɛn̪də] ~ lenda, [raˈt̪u] ~ retu (696Drž3M), [saˈna] ~ sena (704Kb3-3M); [ˈsaːra] ~ šeria (696Drž3-1M), [ˈzaːmʲiː] ~ žemę (704Kb3V). Im Akkusativ und Instrumental Singular der weiblichen Substantive des ē-Stamms werden die Vokale in das rückverlagerte [i̯], [i] umgewandelt, z. B.: [spɔn¹ˈgu̯lʲiː] ~ spanguolę (697Mrc3M), [pʊˈpʲaːlʲi] ~ pupele (697Mrc3M), [pʊʂaˈlʲi] ~ pušele (704Kb3V).

Die älteste Generation verwendet die nicht palatalisierten Konsonanten [r], [s], [z] vor dem Vokalismus vom Typ [ɪ] regelmäßiger an den Punkten Darželiai (696) und Kabėliai (704), z. B.: [kʲoˈsʲɪnʲt͡ʃʲ] ~ kiaušinį (696Drž3-3M), [kuˈrʲɪna] ~ kūrena (Kb3V), [ˈʃʲi̯təs] ~ šitas (Drž3M), [ˈsʲi̯emʲɛt] ~ šiemet (697Mrc3M), [zʲiˈnʲɛv] ~ žinai (696Drž3-1M), [ɡrɔʑʲz̪] ~ graži (696Drž3V). Die Korrelation von Palatalität und Nichtpalatalität dieser Konsonanten kann sogar in der relevanten Position, das heißt vor hinteren Vokalen, verschwinden, z. B.: [srʊˈba] ~ sriuba (696Drž3V), [ˈʐurβʊs] ~ žiūriu (697Mrc3M), [ˈkʲrʲiːzʊ] ~ kryžių (697Mrc3M).

Die Tendenzen zur Entpalatalisierung der Konsonanten lassen sich anhand eines Diagramms veranschaulichen, in dem die aus einer halbstündigen Tonaufnahme ausgewählten (nicht) entpalatalisierten Konsonanten der Informantin 697Mrc3–2M sowie ihre Anzahl dargestellt sind (vgl. Abb. 2).

ABB. 2. Tendenzen zur Entpalatalisierung der Konsonanten bei der Informantin 697Mrc3–2M

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Wie aus Abbildung 2 ersichtlich ist, werden in der Sprache der Informantin 697Mrc3–2M die Konsonanten [l], [t͡s], [d͡z] systematisch entpalatalisiert, während [r], [ž] Schwankungen aufweisen. Am stärksten schwankt die Aussprache von [ʃ] / [ʒ], während [sʲ] stets palatalisiert ist.

Wie die Forschungsergebnisse zeigen, verwenden nur die Informanten der drei Generationen, die džūkavimas praktizieren, systematisch die nicht palatalisierten Affrikaten [t͡s], [d͡z], z. B.: [kuˈi̯eʲt͡su] ~ kviečių, [soˈd͡zus] ~ sodžius, [d͡zoˈu̯i̯tu] ~ džiovytų (697Mrc3–2M), ˈtsa ~ čia 704Kb1V. Vor [i]-artigem Vokalismus variiert die Aussprache dieser Affrikaten – sie können sowohl nicht palatalisiert als auch palatalisiert ausgesprochen werden, vgl.: [nak͡tsʲˈmʲi] ~ naktimi (697Mrc3M), [ˈzʲsmʲe̯rt͡sʲ] ~ mirčiai (696Drž3–3M), aber [ˈd͡zʲd͡eʲlʲis] und [ˈd͡zʲd͡ʲeʲlʲis] ~ didelis (704Kb3V)¹⁵

Anders verhält es sich mit der Entpalatalisierung der Konsonanten [t͡s], [d͡z], die aus dem dialektalen Gebrauch verschwindet. Nur einzelne Informanten der ältesten Generation sprechen diese Konsonanten nicht palatalisiert aus, z. B.: [ɪzʲˈd͡zu̯i̯] ~ išdžiūvę (697Mrc3M), [ˈpɐu̯i̯zʲd͡zu] ~ pavyzdžiui (696Drž3–3M), [traˈt͡sɐdʲi̯e̯nʲis] ~ trečiadienis (697Mrc3–4M), [u̯oˈkʲi̯eʲt͡sʲi] ~ vokiečiai (696Drž3V), [suoˈkʲt͡sʲimas] ~ švokštimas (696Drž3V), [sokerˈsʲt͡sɐu̯o] ~ sukarščiavo (696Drž3–2M), [ˈt͡sʲt͡sʲas] ~ tuščias, [ˈt͡sʲɐs] ~ laikas (697Mrc3M). Somit sind die nicht palatalisierten Konsonanten [t͡s], [d͡z] in der Sprache der mittleren und jüngeren Generation zu palatalisierten geworden.

Es lässt sich feststellen, dass auch die Entpalatalisierung der Konsonanten [bʲ], [pʲ], [mʲ], [u̯] zurückgeht, obwohl sie als ein jüngeres und noch nicht abgeschlossenes Phänomen gilt (LKTCh 38; Markevičienė 1970: 62; Garšva 2005: 263; Zinkevičius 2006: 143–144). Beispiele für diese vor [ə] nicht palatalisiert ausgesprochenen Konsonanten wurden nur in der Sprache der ältesten Informanten aufgezeichnet, z. B.: [rɐˈmʲi̯bʲe̯s] ~ ramybės (697Mrc3M), [nʊˈbʲe̯gɔ] ~ nubėgo (704Kb3V), [ˈkʲa̯e̯pʲ] ~ kepė, [məˈlʲi̯nʲu] ~ mėlyniu (aber [ˈmʲe̯lʲi̯nɐ] ~ mėlyna) (697Mrc3M), [mʲəˈsʲɐs] ~ mėsos (704Kb3V), [pastɪˈu̯əi̯o] ~ pastovėjo (696Drž3–2M), [ˈnʲe̯dɐu̯ɔ] ~ nedavė (696Drž3–3). Für den dialektalen Gebrauch, insbesondere in der Sprache der mittleren und jüngeren Generation, gilt die Aussprache der nicht palatalisierten Konsonanten [b], [p], [m], [u̯] vor dem Vokal [ə] als unprestigeträchtig und als Zeichen der Provinzialität¹⁶

5. TENDENZEN DER KONSONANTENVERHÄRTUNG IN DER MITTLEREN UND JÜNGEREN GENERATION

Noch dynamischer sind die Veränderungen der Entpalatalisierung der Konsonanten in der Sprache der mittleren und jüngeren Generation. Die stärksten Schwankungen weisen die nicht palatalisierten [l], [r], [s],

¹⁵ Zur Situation des džūkavimas im Gebiet der Südlichen Aukštaiten siehe Valentukevičienė 2021: 58–76.

¹⁶ Die Aussprache dieser Konsonanten wird als ein altertümliches Sprachrelikt bewertet und löst bei den Gesprächsteilnehmern Gelächter aus; daher können Personen der mittleren und jüngeren Generation diese Konsonanten aussprechen, um jemanden lächerlich zu machen.

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die Konsonanten [z], die in einzelnen Wörtern ausgesprochen werden, z. B.: [ɡɑˈlʲɛsʲɪ] ~ galėsi (Mrc2M-1M), [ˈpʲiːʂ] ~ pylė (Mrc2-2M), [ˈrɛːkʲæ] ~ reikia, [ˈʑuːro] ~ žiūri (Mrc1V) usw. (vgl. Abb. 3).

ABB. 3. Tendenzen zur Entpalatalisierung der Konsonanten bei der Informantin 697Mrc2–1M

Wie aus Abbildung 3 ersichtlich ist, zeigt die starke Konkurrenz der nicht palatalisierten Konsonanten [r], [s], [z] und der palatalisierten [rʲ], [ʃʲ], [ʒʲ], dass sich in der Subdialektvarietät Varianten mit palatalisierten Konsonanten durchsetzen, z. B.: [wɑrʲəˈnɑ] ~ Varėna (704Kb2V), [rʲæ̃tɑs] ~ retas (696Drž3M–1), [ʃʲɛrʲmʊ̃kʲɪnʲɔ] ~ šermukšnio (697Mrc2–1M), [ʃʲɛɪ̯mɑ] ~ šeima (704Kb2V) usw. Mit anderen Worten: Einige nicht palatalisierte Konsonanten werden aus dem dialektalen Gebrauch verdrängt.

Die sprachliche Verhaltensweise der jüngeren Generation bestätigt den Rückgang der Entpalatalisierung der Konsonanten. Von den 10 Jugendlichen, die an der Untersuchung teilnahmen, ist dieses Phänomen nur für 4 charakteristisch; 6 konnten die nicht palatalisierten Konsonanten und die ihnen folgenden zurückverlagerten Vorderreihenvokale [ɡ̑], [i̯], [l̴] nicht aussprechen. Daher ist offensichtlich, dass die Entpalatalisierung der Konsonanten ein unprestigeträchtiges phonetisches Merkmal der Subdialektvarietät ist, das Jugendliche öffentlich vermeiden.

Beispielsweise ist das Inventar der nicht palatalisierten Konsonanten des Informanten 704Kb1–1V umfangreicher als das der anderen Untersuchungsteilnehmer seiner Generation; er entpalatalisiert die Konsonanten jedoch nur in der Kommunikation im vertrauten Umfeld (vgl. Abb. 4).

Wie aus Abbildung 4 ersichtlich ist, konkurrieren in der Sprache des Informanten 704Kb1–1V [l], [r], [s], [z] und ihre palatalisierten Korrelate. Die Konsonanten [ts], [dz] sind keiner Konkurrenz ausgesetzt.

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4 ABB. Tendenzen zur Entpalatalisierung der Konsonanten beim Informanten 704Kb1–1V

Bei der Bewertung des Zusammenhangs zwischen der Entpalatalisierung der Konsonanten und den Generationen der Informanten wurde eine eindeutige negative Korrelation festgestellt: Je jünger der Informant, desto seltener werden die Konsonanten entpalatalisiert oder überhaupt nicht verwendet. Beispielsweise verwendete die Informantin 697Mrc1M in einer halbstündigen Tonaufnahme 18-mal die Verbform važiuoti und sprach sie nur sechsmal mit nicht palatalisierten Konsonanten aus: [atʋdˈʑuɔʑiem] ~ atvažiuojam(e), [atʋɑˈɫʑuɔt] ~ atvažiuotų, [atʋɑˈɫʑuɔs] ~ atvažiuos, [ɪsʋɑˈɫʑuɔʑiem] ~ išvažiuojam, [ɪsʋɑˈɫʑuˈi] ~ išvažiavę, [ʋɑˈɫʑuɔʑiem] ~ važiuojam(e).

Die Entpalatalisierung der Konsonanten in einzelnen Formen sollte nicht als stabiles dialektales Merkmal bezeichnet werden, das für den traditionellen Dialekt charakteristisch ist, sondern als differentielles dialektales Kennzeichen, das die Identifizierung des Subdialekts einer Person ermöglicht17. Danguolė Mikulėnienė (2019: 51–62) stellt fest, dass bei der Beschreibung der neuesten dialektalen territorialen Formationen die differenzierende Bedeutung nicht mehr einzelnen Kennzeichen, sondern ihrem gesamten Komplex zukommen wird.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Inventar der nicht palatalisierten Konsonanten und die Tendenzen zur Entpalatalisierung bei den Informanten der jüngeren und mittleren Generation zeigen, dass die Entpalatalisierung der Konsonanten im Zuge des Wandels der Subdialektvarietät der Südlichen Aukštaiten und der Herausbildung neuer dialektaler Formationen ihre Stabilität verliert und einige Konsonanten aus dem Gebrauch verschwinden.

17 Zum Begriff dialektales Kennzeichen siehe ausführlicher Mikulėnienė 2019: 51–62.

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SCHLUSSFOLGERUNGEN

Nach der Bewertung der Tendenzen zur Entpalatalisierung der Konsonanten in drei Generationen lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Entpalatalisierung der Konsonanten in der Umgebung von Marcinkonys in der Sprache der ältesten Generation besonders lebendig.

Die Analyse des dialektalen Materials vom Beginn des 21. Jahrhunderts zeigt bereits eine veränderte Situation dieses Phänomens. Die Konsonanten [r], [s], [z] und [ts], [dz], [tʃ], [dʒ], die zuvor keine palatalisierten Korrelate hatten, unterliegen nun in der Sprache aller drei Generationen dem stärksten Wandel. Die nicht palatalisierten Konsonanten [r], [s], [z] werden in der dialektalen Sprache häufig durch palatalisierte Varianten ersetzt. Mit dem Rückgang des džūkavimas werden auch die nicht palatalisierten Affrikaten [ts], [dz] immer seltener verwendet. Ihre Vitalität korreliert mit der Bewahrung des džūkavimas als Phänomen. Die nur für die älteste Generation typischen Konsonanten [s], [ts], [dz], [p], [b], [m], [l] verschwinden aus dem Gebrauch.

Das uneinheitliche Inventar der nicht palatalisierten Konsonanten der Informanten und die Tendenzen zur Entpalatalisierung zeigen, dass die Entpalatalisierung im Zuge des Wandels der Subdialektvarietät der Südlichen Aukštaiten und der Herausbildung neuer dialektaler Formationen kontinuierlich zurückgeht. Einzelne Fälle der Entpalatalisierung von Konsonanten in der dialektalen Sprache sind nicht als dialektale Merkmale, sondern als dialektale Kennzeichen zu bewerten.

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Priebalsių kietinimo dinamika Marcinkonių apylinkėse

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Die Dynamik der Entpalatalisierung in der Umgebung von Marcinkonys

ZUSAMMENFASSUNG

Die Analyse dialektaler Daten vom Beginn des 21.ˢᵗ Jahrhunderts zeigt die bereits veränderte Situation dieses Phänomens. Die Konsonanten [rʲ], [sʲ], [zʲ] und [t͡sʲ], [d͡zʲ], [t͡ʃ], [d͡ʒ], die zuvor keine palatalisierten Korrelate hatten, unterliegen in der Sprache aller drei Generationen bereits dem deutlichsten Wandel. In der dialektalen Sprache werden die nicht palatalisierten Konsonanten [r], [s], [z] häufig durch ihre palatalisierten Varianten ersetzt. Mit dem Rückgang des sogenannten dzūkavimas werden die nicht palatalisierten Affrikaten [t͡s] und [d͡z] seltener verwendet. Ihre Vitalität korreliert mit der Aufrechterhaltung des dzūkavimas als Phänomen. Die Konsonanten [s], [t͡s], [d͡z], [p], [b], [m], [ʊ], die nur für die ältere Generation typisch sind, verschwinden allmählich aus dem Gebrauch.

Das unterschiedliche Inventar der von den Informanten verwendeten nicht palatalisierten Konsonanten und die Tendenzen zur Entpalatalisierung zeigen, dass die Entpalatalisierung mit dem Wandel der Subdialektvarietät der Südlichen Aukštaiten und der Entstehung neuer dialektaler Formationen allmählich schwächer wird. Fälle der Entpalatalisierung einzelner Konsonanten im dialektalen Sprechen werden eher als dialektale Kennzeichen denn als dialektale Merkmale betrachtet.

Eingegangen am 2. September 2022.

DANUTĖ VALENTUKEVIČIENĖ

Institut für litauische Sprache

Petro-Vileišio-Straße 5, LT-10308 Vilnius, Litauen

[email protected]

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