Page 1LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXXIV (1994)
LIETUVIŲ KALBOS TARMĖS IR JŲ TYRINĖJIMAI
K. ULVYDAS
A. SALYS’ WIRKEN AN DER VYTAUTAS-MAGNUS-UNIVERSITÄT 1930–1939
A. Salys ging als einer der bedeutendsten Litauisten und komparativistischen Baltisten des 20. Jahrhunderts in die Geschichte der litauischen Sprachwissenschaft ein. Die höchsten wissenschaftlichen Weihen – alle Grade und Titel – erreichte er dank seiner großen Begabung, die sich schon in frühester Jugend zeigte, als er noch das „Saulė“-Gymnasium in Telšiai besuchte. Wie Zeitgenossen bezeugen (z. B. die Lexikografin Z. Jonikaitė u. a.), hob er sich schon damals durch seine Gelehrsamkeit und seine Fähigkeiten von den anderen Jugendlichen ab, was besonders die Lehrer erstaunte und erfreute; A. Salys und ein weiterer Schüler desselben Gymnasiums, A. Jucys (der spätere Professor für theoretische Physik und Akademiker), galten als die Zierden des Gymnasiums.
A. Salys’ Begabung trat besonders während seines Studiums an der Universität Kaunas hervor, die später den Namen Vytautas Magnus erhielt. Hier hatte er 1923 das Glück, bei solchen Koryphäen wie K. Būga, dem bedeutendsten Litauisten und komparativistischen Baltisten in der Geschichte der litauischen Sprachwissenschaft, und J. Jablonskis, dem herausragenden Schöpfer und Normierer der litauischen Standardsprache, zu studieren. Den größten Einfluss auf A. Salys hatte wohl K. Būga, der damals bereits weltweit bekannt war und vermutlich bewirkte, dass ihm nach zwei Studienjahren in Kaunas die Möglichkeit eröffnet wurde, sein Studium in Leipzig fortzusetzen. Dort lehrte damals J. Gerulis, ein weltberühmter Litauist und Baltist, der A. Salys’ wissenschaftlicher Betreuer wurde. Unter einem solchen Betreuer schloss A. Salys 1929 seine Dissertation „Die žemaitischen Mundarten: Geschichte des žemaitischen Sprachgebietes“ ab und verteidigte sie. Diese Dissertation ist besonders bedeutsam, weil sie erstmals in der Litauistik die Geschichte der žemaitischen Mundarten von den ältesten Zeiten an so fundiert und umfassend erforschte und dabei in größerem Umfang die Chroniken des Deutschen Ordens sowie weitere historische Dokumente heranzog.
Es sei daran erinnert, dass zur selben Zeit in Leipzig auch ein anderer Student der Universität Kaunas, der Litauist P. Skardžius, studierte, ein außergewöhnlich fleißiger Student (wie A. Salys später Professor und Akademiker). Im selben Jahr wie A. Salys verteidigte auch er in Leipzig seine Dissertation „Die slavischen Lehnwörter im Altlitauischen“. Einer seiner wichtigsten Lehrer war ebenfalls J. Gerulis, der sich um beide Schüler kümmerte, ihre Arbeit beobachtete und sie förderte. Der Vergleich der beiden Sprachwissenschaftler soll hier noch einmal an die große Begabung des ersteren erinnern, die auch von einer anderen Person bezeugt wurde – ihrem Lehrer J. Gerulis selbst. Dieser freute sich über die Begabung des einen Schülers und den Fleiß des anderen und brachte diese Freude anderen gegenüber gern grob, aber bildhaft zum Ausdruck: „Salys hat seine Dissertation mit dem Kopf geschrieben, Skardžius mit dem Hintern.“ Als ich vor vielen Jahrzehnten unerwartet aus dem Mund eines berühmten Sprachwissenschaftlers eine solche Charakterisierung oder einen solchen Vergleich der Fähigkeiten meiner verehrten Lehrer hörte, konnte mich das als jungen Studenten nicht unberührt lassen. Erst später, als ich den interessanten Vorlesungen Maironis’ über das Preußisch-Litauen der Zeit K. Donelaitis’ und dessen Werk lauschte, verstand ich, dass auch J. Gerulis’ Muttersprache noch ebenso schlicht und konkret, manchmal grob, manchmal aber wunderbar sanft gewesen sein musste wie die Sprache der Bauern, die K. Donelaitis in seinem „Metai“ genial verewigt hat.
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Page 2A. Salys kehrte 1930 aus Deutschland an die Vytautas-Magnus-Universität zurück, nachdem er zuvor noch ein Semester lang sorgfältig im Phonetiklabor der Universität Hamburg gearbeitet hatte, und begann bereits im Herbst, dort Lehrveranstaltungen zur Litauistik und Baltistik zu halten.
In jenem Jahr feierte ganz Litauen den 500. Todestag Vytautas’ des Großen. Die in der Heimat und außerhalb ihrer Grenzen lebenden Litauer organisierten zahlreiche verschiedene Festveranstaltungen. Die ganze Republik war von einem großen geistigen und patriotischen Aufschwung erfüllt, der sich bereits einige Jahre zuvor, während der Vorbereitungen auf dieses Jubiläum, abgezeichnet hatte. Dieser geistige und patriotische Aufschwung hatte besonders die gesamte Jugend Litauens erfasst, in den Städten ebenso wie auf dem Land. Selbst die in jenem Jahr ausgestellten Reifezeugnisse waren außergewöhnlich: Sie bestanden aus anderem Papier als gewöhnlich, waren größer und trugen ein Bildnis Vytautas’ des Großen. Der geistige und patriotische Aufschwung der Jugend, insbesondere der Studierenden, fiel sogar Ausländern auf, die nach Litauen kamen. So verstand J. Gerulis, der aus wissenschaftlichen Gründen hierherkam, in der Vorrede zu seinem Buch „Die litauischen Dialektstudien“ (1930) den hier erwähnten geistigen Aufschwung der Studierenden geradezu als eine Art Renaissance der Litauistik. Und tatsächlich wählten Hunderte junger Menschen die Litauistik als Hauptfach. Schon die Studierenden des ersten Jahrgangs füllten den großen Hörsaal nicht; da die Universität jedoch ein Semestersystem hatte (Vorlesungen zu demselben Fach konnten gleichzeitig von Studierenden verschiedener Jahrgänge besucht werden), mussten viele während der Vorlesungen stehen. Der Enthusiasmus der litauistischen Studierenden konnte natürlich auch den Lehrenden selbst, darunter J. Gerulis und anderen, nicht entgehen.
Der Geist der damaligen Studierenden wurde auch dadurch gestärkt und ihr Patriotismus gefestigt, dass seit dem Ende der litauischen Unabhängigkeitskämpfe erst etwa zehn Jahre vergangen waren. Die historische Erringung der Unabhängigkeit und der Heldenmut der litauischen Freiwilligen, die als Soldaten gekämpft hatten, bewegten jeden Litauer, besonders die jungen Menschen. Jeder bemühte sich, nach dem Vorbild der Eltern, Brüder oder sonstigen Angehörigen, die erst kurz zuvor selbstlos für die Unabhängigkeit gekämpft hatten, wenigstens ein wenig zur Stärkung des Vaterlandes beizutragen.
Für jene Zeit war die Gründung und Blüte verschiedenster Jugendorganisationen außerordentlich charakteristisch. An der Vytautas-Magnus-Universität gab es Dutzende studentischer Korporationen, deren Mitglieder sich die edelsten Ziele setzten: Gott und dem Vaterland sowie den Mitmenschen zu dienen, die eigene Persönlichkeit zu entfalten, Tugend zu verbreiten, unermüdlich nach Wissen zu streben und sich gewissenhaft auf den künftigen Beruf vorzubereiten. Unter den ideologisch ausgerichteten studentischen Organisationen waren die Organisationen der Ateitininkai, der Nationalisten (Neolituaner) und der Varpininkai sowie die ideologisch ausgerichteten Korporationen die größten und aktivsten.
Zur Aktivität solcher Organisationen lassen sich hier einige Beispiele anführen. Die Ateitininkai hatten eine Spendenkampagne für den Bau eines Ateitininkai-Heims in Kaunas ausgerufen: Jeder sollte für den Bau mindestens einen Ziegelstein spenden, das heißt, ein nur wenige Cent kostendes Los kaufen. Diese Kampagne regte natürlich auch andere Menschen zu Spenden für den Bau des Hauses an. Das Ergebnis war ein damals monumentales Gebäude an der Laisvės-Allee in Kaunas, das in den Jahren der Unabhängigkeit zahlreichen bedürftigen Studierenden Unterkunft bot. Die Jugend trug auch durch Spenden und Spendensammlungen viel zum Bau der prächtigen Auferstehungskirche in Kaunas bei. In der noch nicht fertiggestellten Kirche wurde während der Besatzungszeit eine Fernsehgerätefabrik eingerichtet. Im unabhängigen Litauen sollte sie fertiggestellt und den Gläubigen zur Nutzung übergeben werden.
Auch die Neolituaner und die Varpininkai hatten eigene Räumlichkeiten: Die ersteren hatten sie eher mit staatlichen, die letzteren mit Mitteln und durch das Engagement der Gesellschaft beschafft. Überall herrschte ein reges, schöpferisches Studentenleben; es wurden wissenschaftliche und politische Diskussionen, kulturelle Veranstaltungen, gesellige Abende und anderes organisiert. In all diesen Räumlichkeiten gab es zudem Mensen, die für Studierende erschwinglicher waren als die in der Stadt.
Wenn von jener Zeit die Rede ist, darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass die Beziehungen zwischen den Studierenden, die sich – häufig auch nach Nationalität oder Herkunftsregion – auf verschiedene Organisationen, Vereinigungen und Korporationen verteilten, vollkommen normal, freundschaftlich und korrekt waren. Allenfalls die zahlenmäßig kleinen Gruppen linksradikaler Studierender bildeten eine Ausnahme; ihnen gehörten gewöhnlich Angehörige anderer Nationalitäten oder ansonsten junge Menschen an, die ihre litauische Identität abgelegt hatten. Diese verursachten oder provozierten bisweilen bestimmte Zwischenfälle, über die sich der Großteil der Studierendenschaft nur amüsierte.
Eine solche Atmosphäre herrschte in Litauen und an der Vytautas-Magnus-Universität, als A. Salys dort seine Lehrtätigkeit aufnahm. Sein allererstes Arbeitssemester
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Page 3Im Herbst 1930 begann er, einige wichtige Disziplinen der Litauistik (Altpreußisch, Lettisch u. a.) zu lesen und die praktischen Übungen zu betreuen. In den folgenden Semestern nahm die Zahl der von ihm gelehrten Fächer und betreuten Seminare stetig zu. Schon in den ersten beiden Berufsjahren entwickelte er sich zu einem der wichtigsten Dozenten der litauistischen Fächer an der Vytautas-Magnus-Universität. Ein Jahr zuvor (1929) hatte A. Salys’ Kollege P. Skardžius an derselben Universität seine Lehrtätigkeit aufgenommen.
Damals wurden die Geisteswissenschaften an zwei Fakultäten gelehrt: der Fakultät für Geisteswissenschaften sowie der Fakultät für Theologie und Philosophie. Diese Doppelung stellte weder für die Professorenschaft noch für die Studentenschaft ein Hindernis dar. Im Gegenteil, sie bot allen lediglich einen Vorteil und Vielfalt in Wissenschaft und Studium. Zunächst waren die Studienordnungen der beiden Fakultäten selbst nicht völlig gleich. Daher gab es dort auch unterschiedliche geisteswissenschaftliche Fächer. Neben den in der Studienordnung vorgeschriebenen Fächern konnte ein Student frei weitere Fächer wählen, die ihm gefielen, und zwar an einer der beiden Fakultäten. Dem Studenten wurden auch keinerlei Hindernisse in den Weg gelegt, wenn er einen der Professoren wählen wollte, die dasselbe Fach lehrten. So konnten die litauistischen Fächer an jeder der genannten Fakultäten belegt werden. Eine größere Zersplitterung gab es dabei jedoch gewöhnlich nicht: Die überwiegende Mehrheit der Fächer hörte der Student und legte die Prüfungen gewöhnlich an nur einer der beiden Fakultäten ab. Die Existenz der beiden Fakultäten war besonders vorteilhaft für mittellose Studenten, die keine Stipendien erhielten und ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen mussten. Denn Vorlesungen in entsprechenden Fächern fanden an den einzelnen Fakultäten häufig zu unterschiedlichen Zeiten statt: an der einen vormittags, an der anderen nachmittags. Dadurch konnte ein berufstätiger Student seine Arbeitszeit leichter mit den Vorlesungszeiten vereinbaren.
P. Skardžius lehrte die litauistischen Fächer seit 1929 an der Fakultät für Geisteswissenschaften, A. Salys dagegen seit 1930 an der Fakultät für Theologie und Philosophie. Doch schon in den ersten Jahren von A. Salys’ Lehrtätigkeit strömten litauistische Studenten beider Fakultäten zu seinen Vorlesungen, sodass die Hörsäle aus allen Nähten platzten. Das lässt sich von den Vorlesungen P. Skardžius’ nicht sagen, obwohl auch sie nicht weniger gehaltvoll und interessant waren. Beide aus Leipzig zurückgekehrten Dozenten brachten viel Neues an die Vytautas-Magnus-Universität. Sie bereicherten und belebten die gesamte Litauistik geradezu, deren Lehre nach dem Tod unserer großen Sprachwissenschaftler K. Būga und J. Jablonskis sehr erschwert worden war. Zum bereits erwähnten Aufblitzen einer litauistischen Renaissance, das J. Gerulis festgestellt hatte, trugen zweifellos sowohl A. Salys und P. Skardžius als auch natürlich J. Gerulis bei, der geholfen hatte, für Litauen zwei so hervorragende Wissenschaftler auszubilden. Es ist nur bedauerlich, dass die damalige litauische Regierung es offenbar aufgrund der Schwierigkeiten beim Aufbau des Staates nicht vermocht hatte, sich wenigstens einige Jahre früher um die Ausbildung hochqualifizierter Litauisten zu kümmern, obwohl sich dafür ausgezeichnete Mentoren leicht hätten finden lassen, wenn nicht in Litauen selbst, so doch zumindest in Deutschland oder sogar in Lettland (ich denke dabei an J. Gerulis und J. Endzelīns).
Wie der Leser bereits bemerkt haben dürfte, werden hier anlässlich des 90. Todestages von A. Salys auch P. Skardžius und J. Gerulis erwähnt. Das liegt daran, dass diese drei bedeutenden Sprachwissenschaftler durch ihr Leben und Werk eng miteinander verbunden sind: A. Salys und P. Skardžius waren in Leipzig Schüler J. Gerulis’, beide lehrten etwa zehn Jahre lang Litauistik an derselben Vytautas-Magnus-Universität, beide entgingen 1944 glücklich der zurückkehrenden Welle des roten Terrors, indem sie nach Deutschland flohen, und später in die USA, wo sie sich bis zu ihrem Tod unermüdlich der Litauistik widmeten. Sie entwickelten nicht nur die Litauistik weiter, sondern trugen auch wesentlich zur Förderung der litauischen Sprache und zur Hebung ihrer Kultur unter unseren Emigranten bei, belebten die litauistischen Forschungen in den USA und machten dort den Namen Litauens bekannt.
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Page 4Kehren wir nun zu A. Salys’ Lehrtätigkeit an der Vytautas-Magnus-Universität zurück. Zunächst möchte ich ihn als Pädagogen charakterisieren, denn als er damals gerade erst mit dem Lehren begonnen hatte, hatte er – abgesehen von seiner Dissertation – noch keine größeren litauistischen Arbeiten geleistet. Seine Vorlesungen und seine gesamte pädagogische Arbeit aber begeisterten uns Studenten, sowohl die Studienanfänger als auch jene, die kurz vor dem Universitätsabschluss standen, wie P. Jonikas, J. Kruopas, J. Senkus, J. Labokas, Z. Jonikaitė, E. Mikalauskaitė, I. Matuzevičiūtė und viele andere. Zu A. Salys’ Vorlesungen strömten geradezu Studenten aus beiden hier genannten Fakultäten. Was zog sie so sehr dorthin? Zunächst natürlich seine hervorragende Lehrweise, die auf sorgfältiger Vorbereitung der Vorlesungen, deren Neuartigkeit, der mustergültigen literarischen Aussprache des Dozenten und sogar auf seiner äußeren Attraktivität und Eleganz beruhte.
Zu Vorlesungen und Seminaren kam A. Salys in einem ausgezeichneten Anzug aus schottischem Cheviot und in Hosen im Golfstil, die damals in Westeuropa weit verbreitet waren und sich auch in Litauen zu verbreiten begannen. Später, während seines Wehrdienstes in einem Kraftfahrzeugbataillon, erschien er in der Uniform eines einfachen Soldaten, später eines Unteroffiziers, was für die Zuhörer auf besondere Weise interessant war. Natürlich waren hier das Wichtigste der Gehalt der Vorlesungen und die Art des Unterrichtens: eine freie, zusammenhängende, lebendige Sprache, die sich nicht nur sofort leicht verstehen, sondern auch mitschreiben ließ. A. Salys hat seine Vorlesungen nie vom Manuskript abgelesen, wie es viele andere Professoren taten. Zwar hatte er den Vorlesungstext bei sich, las ihn aber nie vor, sondern trug den Inhalt frei vor und warf nur gelegentlich einen Blick auf einen kleinen Zettel, von dem er die Beispiele selbst – sprachliche Fakten – an die Tafel schrieb. Uns alle erstaunte die methodische Art seines Unterrichtens, mit der er, wie es schien, von Natur aus begabt war. Später lehrten uns andere Professoren die Methodik des Sprachunterrichts, doch eine solche methodische Vorgehensweise, wie A. Salys sie an den Tag legte, kann man wahrhaftig weder aus Methodiken noch von Methodikern lernen, denn sie muss einem angeboren sein.
So wurde den Studenten Altpreußisch vermittelt. Zunächst erhielt jeder vervielfältigte Texte in altpreußischer Sprache, die mit den damaligen Mitteln hergestellt worden waren; außerdem wurden die grundlegenden Quellen des Lehrfachs genannt. Die wichtigsten davon waren damals: R. Trautmanns ”Die altpreussischen Sprachdenkmäler” (1910), G. H. F. Nesselsmanns ”Thesaurus linguae Prussicae” (1873), E. Bernekeris ”Die preussische Sprache” (1896). Übrigens waren die den Studenten ausgehändigten vervielfältigten Texte sehr zuverlässig, denn sie stammten aus R. Trautmanns Buch, und dieser Autor ist, was die Genauigkeit der Textabschriften angeht, offenbar bis heute von niemandem übertroffen worden. Anschließend wurden die Texte linguistisch untersucht: ins Litauische übersetzt, jedes Wort semantisch, phonetisch und etymologisch erörtert, wobei besonders auf die Beziehungen zu den anderen baltischen Sprachen, vor allem zum Litauischen, geachtet wurde. Im Hörsaal fand so eine lebendige, umfassende Textanalyse statt, an der alle Zuhörer beteiligt waren. Bei dieser Arbeitsweise prägten sich die Texte den Studenten nach einigen Wochen regelrecht ein, und ihre Analyse wurde immer klarer und interessanter. Natürlich kam der Dozent zu solchen Vorlesungen, wie bereits erwähnt, sehr sorgfältig vorbereitet. Hier sei gesagt, dass auch andere Professoren eine solche Methode zur Untersuchung von Sprachtexten anwandten, insbesondere Absolventen westeuropäischer Universitäten; P. Brender beispielsweise vermittelte uns die lateinischen Autoren auf ähnliche Weise. Das Hauptmerkmal dieser Lehrweise war ihre Lebendigkeit, die Aktivität des Auditoriums und dessen Einbeziehung in die Arbeit. Natürlich verlangte die Studienmethode vom Studenten auch Vorbereitungsarbeit zu Hause, doch dafür fand leider kaum jemand von uns Zeit. Aber
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Page 5Sich auf die Prüfung in dieser Sprache vorzubereiten, war besonders für jene Studierenden, die eifrig die Vorlesungen besucht hatten, nicht schwer, denn nach einem solchen Unterricht blieben nicht mehr viele Lücken. Diese musste man anhand spezieller Literatur schließen, die fast vollständig auf Deutsch erschienen und für alle in der von V. Biržiška, A. Šalkauskaitė, I. Kisinas und anderen vorbildlich geführten Universitätsbibliothek leicht zugänglich war.
Ähnlich wurde auch der Lettischkurs unterrichtet. Die wichtigsten Werke und Quellen für dieses Fach waren für uns damals J. Endzelyns ”Lettische Grammatik” (1922), J. Endzelyns und Mylenbachs ”Latviešu gramatika”, eine kompakte, ausgezeichnet verfasste Grammatik, die an die Grammatik von J. Jablonskis erinnerte, sowie J. Endzelyns ”Lettisches Lesebuch” (1922), das zugänglichste und beliebteste Lehrbuch. In den Vorlesungen verwendeten wir hauptsächlich das letztgenannte Buch und entnahmen ihm Beispiele und Texte für die linguistische Analyse, die gewöhnlich im Anschluss an die theoretischen Vorlesungen praktiziert wurde. Es muss gesagt werden, dass auch die Prüfung in diesem Fach nicht schwer war, denn schon der eifrige Besuch der Vorlesungen und die Untersuchung der Texte halfen dabei, sich die Grundlagen des Lettischen anzueignen, zumal diese Sprache von einem hervorragenden Baltisten unterrichtet wurde, der die historisch-vergleichende Methode der indogermanischen Sprachen gut zu nutzen wusste.
Neben den altpreußischen und lettischen Sprachen unterrichtete A. Salys an der Vytautas-Magnus-Universität viele weitere vom Studienplan vorgeschriebene Fächer der Litauistik und Baltistik sowie der allgemeinen Sprachwissenschaft, mit Ausnahme des allgemeinen Litauischkurses, den an der Theologischen und Philosophischen Fakultät J. Balčikonis und an der Fakultät für Geisteswissenschaften S. Čiurlionienė unterrichteten. Übrigens behandelten A. Salys’ Vorlesungen zur allgemeinen Phonetik und seine Seminare auch die Phonetik der litauischen Standardsprache und die standardsprachliche Aussprache ausführlicher und eingehender als die Vorlesungen und Übungen zum allgemeinen Litauischkurs von J. Balčikonis oder S. Čiurlionienė.
A. Salys’ didaktisches Können trat besonders in den Vorlesungen und Übungen zur historischen Grammatik des Litauischen, zur Dialektologie und zur allgemeinen Phonetik hervor. Diese Fächer lagen ihm offenbar besonders am Herzen; er mochte sie nicht nur am liebsten, sondern war auch am besten auf ihren Unterricht vorbereitet. Den Kurs zur historischen Grammatik begann er mit der Phonetik und beendete ihn mit der Syntax, deren Grundlagen damals erst entwickelt wurden und die im Vergleich zu Phonetik und Morphologie noch am wenigsten „historisch“ war. Übrigens verfügen wir auch heute noch über keine umfassende historische Syntax des Litauischen, abgesehen von historischen syntaktischen Untersuchungen einzelner Konstruktionen oder einzelner Wortarten. Hier wartet noch viel Arbeit auf die Forschenden. Dennoch bilden A. Salys’ Vorlesungen zur historischen Grammatik des Litauischen einen ziemlich vollständigen Kurs dieses Fachs, den damals in Litauen niemand irgendwo so eingehend unterrichtete. Auf dem Gebiet des Unterrichts der historischen Grammatik war A. Salys an der Vytautas-Magnus-Universität in den Jahren 1930–1939, könnte man sagen, der einzige so hervorragend vorbereitete Fachmann. Den Unterricht in diesem Fach verbesserte auch die Fähigkeit des Dozenten erheblich, die Studierenden zur selbstständigen Arbeit anzuleiten. Die von den gewissenhafteren Studierenden angefertigten Mitschriften zu diesem Fach ersetzten geradezu ein universitäres Lehrbuch der historischen Grammatik.
Das zweite Lieblingsfach von A. Salys, das er nicht weniger talentiert unterrichtete, war an der Vytautas-Magnus-Universität die litauische Dialektologie. Hier schuf er, nachdem er bereits während seines Studiums in Leipzig die Geschichte der žemaitischen Dialekte erforscht und vor allem die Arbeiten von K. Jaunius, A. Baranauskas, Fr. Specht, K. Būga, J. Gerulis und anderen Forschenden umfassend und schöpferisch genutzt hatte sowie zu Fuß oder mit dem Motor-
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Page 6rad durch Litauen gefahren war und die Grenzen der litauischen Dialekte sorgfältig überprüft, meist aber selbst festgelegt hatte, zum ersten Mal in der Geschichte der Litauistik einen schlüssigen universitären Kurs der litauischen Dialektologie, den er nach und nach ergänzte und vervollkommnete. Eine schöne Ergänzung zu A. Salys’ Dialektologiekurs und eine Verbesserung des Fachunterrichts war auch die Karte der Dialekte, die zum ersten Mal in der Geschichte der Litauistik vom Verfasser des Kurses selbst so sorgfältig und zugleich vergleichsweise detailliert erstellt worden war und bis heute, ebenso wie der Kurs selbst, ihre große Bedeutung bewahrt hat.
Das erste Exemplar dieser Dialektkarte fertigte der Autor anhand der von P. Matulionis 1920–1922 eigens für die Dialektforschung neu erstellten „Höhen- und Gewässerkarte Litauens und seiner Randgebiete …“ an. Darauf zeichnete er die Dialektgrenzen mit Tusche in verschiedenen Farben ein und kolorierte, wo nötig, die Gebiete mit gestrichelten Linien unterschiedlicher Richtung. Natürlich konnte diese erste Karte von A. Salys im Vergleich zu modernen kartografischen Arbeiten noch nicht vollkommen und ganz genau sein; A. Salys verbesserte sie, solange er in Litauen lebte, doch kann man immerhin sagen, dass mit ihr die Kartografie der litauischen Dialekte ihren Anfang nahm. Eine gedruckte Ausgabe dieser Karte habe ich allerdings nirgendwo zu Gesicht bekommen, da sie in der Druckerei vermutlich nie vervielfältigt wurde. Für die Studierenden jener Zeit war sie dennoch leicht zugänglich: Während jeder Dialektologievorlesung hing sie vor dem Hörsaal. A. Salys lieh sie gerne jedem Studierenden, der sie abzeichnen wollte, und dabei empfand er offenbar eine gewisse pädagogische Genugtuung und Freude: Das von ihm eigenhändig gezeichnete Original der Karte war erstaunlich sorgfältig ausgeführt, wie ein gedrucktes Exemplar. Eine genaue Kopie dieser Karte, auf Leinwand aufgezogen, habe ich bis heute als schöne Erinnerung an die warmherzige Beziehung zwischen meinem geliebten Lehrer und seinem Schüler aufbewahrt. Übrigens veröffentlichte A. Salys eine Überarbeitung dieser Karte 1933 im IV. Band von ”Archivum Philologicum”. Diese wurde 1948 im ”Lietuvių kalbos rašybos žodyne” und anderswo verwendet.
Neben Altpreußisch, Lettisch, der historischen Grammatik des Litauischen und der litauischen Dialektologie unterrichtete A. Salys an der Vytautas-Magnus-Universität auch einige weitere Fächer: allgemeine Phonetik, eine Einführung in die baltische Sprachwissenschaft, Grundlagen der Sprachwissenschaft im Schulunterricht und anderes.
Besonders interessant und gehaltvoll waren die Vorlesungen zur allgemeinen Phonetik, die durch die Apparaturen und Daten der experimentellen Phonetik bereichert wurden. A. Salys hatte das erste phonetische Laboratorium in Litauen eingerichtet; es war gut ausgestattet und wurde laufend erweitert. Zu jeder Vorlesung brachte der Student J. Labokas (offenbar der Laborant dieses Laboratoriums) im Voraus Material aus dem Labor mit. Die gesamte Hörerschaft wurde in diese Vorlesungen einbezogen. Sie waren sehr lebendig und blieben in Erinnerung. Neben den Grundlagen der allgemeinen Phonetik wurden dabei auch die wichtigsten Fragen der experimentellen Phonetik behandelt. Da die Vorlesungen zur allgemeinen Phonetik hauptsächlich auf Fakten der Phonetik der litauischen Standardsprache beruhten, wurde dabei, könnte man sagen, zugleich auch ein Kurs zur Phonetik der Standardsprache absolviert. Interessant war es, den Professor während der Vorlesungen zur allgemeinen Phonetik zu beobachten. Auch die anderen Fächer unterrichtete er lebendig und ansprechend, doch während dieser Vorlesungen wurde er noch lebhafter, und es schien, als begeistere ihn dieses Fach geradezu. Offenbar hatte er es sehr liebgewonnen, als er sich im berühmten phonetischen Laboratorium der Universität Hamburg weiterbildete. Literatur zur allgemeinen Phonetik in litauischer Sprache gab es damals nicht (genau genommen gibt es sie auch heute noch nicht). Der Professor verwendete offenbar selbst und empfahl den Studierenden vor allem folgende Werke zur Phonetik: H. Gutzmanns
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Page 7”Physiologie der Stimme und Sprache” (1921), G. Panconcellio-Calzios ”Experimentelle Phonetik” (1921), desselben Autors — ”Die experimentelle Phonetik in ihrer Anwendung auf die Sprachwissenschaft” (1924) und P. Rousselots ”Principes de phonétique expérimentale” (1924).
Außerdem hatte A. Salys einen originellen Einführungskurs in die baltische Sprachwissenschaft ausgearbeitet und hielt ihn für uns; dieser unterschied sich stark von K. Būgas Arbeiten zu Fragen der baltischen Sprachwissenschaft. Ein Teil dieses Kurses wurde später in der ”Lietuviškoji enciklopedija” veröffentlicht.
Die Studenten waren von dem bereits erwähnten Kurs über die Verwendung sprachwissenschaftlicher Fakten beim Sprachunterricht in der Schule sehr angetan. Dies war ein völlig neues und originelles Gebiet, mit dem man den Schülern bereits am Gymnasium linguistisches Denken lebendiger und nachhaltiger vermitteln wollte. Dieses Thema war für die Studenten der litauischen Philologie besonders aktuell, denn viele von ihnen gingen nach dem Universitätsabschluss an Schulen arbeiten.
Die Prüfung in jedem umfangreicheren von A. Salys unterrichteten Fach erforderte von den Studenten besonders ernsthafte und sorgfältige Arbeit, denn der Professor, der stets freundschaftlich und demokratisch mit den Studenten umging, war bei Prüfungen zugleich sehr anspruchsvoll. Allerdings kamen hier keine so außergewöhnlichen Prüfungen vor wie etwa die Prüfung im allgemeinen Litauischkurs von J. Balčikonis.
Bei J. Balčikonis musste zunächst die ganze Gruppe der Prüflinge einen Aufsatz zu einem von ihm vorgegebenen Thema schreiben; erst danach durfte man die Prüfung mündlich abschließen. Diese Erlaubnis erhielten jedoch nur sehr wenige Prüflinge: Von etwa 60 Schreibenden konnten 2–3 Studenten die Prüfung mündlich abschließen. Die anderen mussten sie wiederholen, meist mehrere Male. Aufgrund dieser Prüfungspraxis bekam J. Balčikonis, der zuvor an der Fakultät für Geisteswissenschaften gelehrt hatte, sogar den Protest der Studenten zu spüren, der wahrscheinlich auch seinen Weggang von dieser Fakultät bewirkte.
Die Prüfungen in den von A. Salys unterrichteten Fächern fanden ausschließlich mündlich statt. Streng zeitlich begrenzte Prüfungszeiten gab es, könnte man sagen, überhaupt nicht: Wenn man die Prüfung nicht zum festgesetzten Termin ablegen wollte oder konnte oder sie nicht bestand, war es leicht, mit dem Dozenten einen anderen Termin zu vereinbaren. Doch um sich gut auf die Prüfung vorzubereiten, musste man allein dafür mindestens einen ganzen Monat aufwenden und auf alle anderen Arbeiten oder Vergnügungen völlig verzichten. Manchmal gelang es selbst nach einer solchen Vorbereitung nicht, sofort die beste Note zu bekommen. Ich erinnere mich: Sorgfältig auf die Dialektologieprüfung vorbereitet und mir meiner Sache völlig sicher, beantwortete ich fast eine Stunde lang Fragen zur Dialektologie. Man bot mir nur die Note Vier an. Aufgeregt bat ich darum, die Prüfung am nächsten Tag wiederholen zu dürfen, und bereute es, als ich im Gesicht des Prüfers eine Art Unzufriedenheit zu erkennen glaubte. Tatsächlich: Wie konnte ich es wagen, auf einen solchen Vorschlag anders zu antworten als die anderen Studenten! Dennoch durfte ich die Prüfung am nächsten Tag wiederholen, wurde aber noch länger befragt und erhielt die Note Fünf. Mein Lehrer war anspruchsvoll, aber er verlangte auch von sich selbst nicht weniger und kam zu Vorlesungen oder Übungen stets außerordentlich gut vorbereitet.
A. Salys’ Tätigkeit in den Jahren 1930–1939 beschränkte sich nicht allein auf den Unterricht in litauistischen Fächern an der Vytautas-Magnus-Universität. Als außerordentlich lebhafter und energischer Wissenschaftler trug er viel zur Wiederbelebung der Gesellschaft für litauische Sprache und zur Gründung der Zeitschrift ”Gimtoji kalba” bei. Diese wiederbelebte Gesellschaft und die Zeitschrift spielten eine außerordentlich wichtige Rolle in der Geschichte der Kultur des litauischen Volkes und seiner Sprache. Diese beiden Erscheinungen unserer Kultur (die Gesellschaft und besonders die Zeitschrift) fanden ein großes Echo in der Intelligenz des unabhängigen Litauens. A. Salys war einer der
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Page 8aktivsten Mitglieder und führenden Vertreter der Gesellschaft für Sprache sowie Redakteure und Mitarbeiter der ”Gimtoji kalba”.
Die Sitzungen der Mitglieder der Gesellschaft für Sprache fanden meist im Phonetischen Laboratorium statt, das A. Salys leitete. An der Universität sah man abends nicht selten die aktivsten Mitglieder der Gesellschaft, Prof. P. Avižonis, den Lehrer J. Talmantas, Oberst J. M. Laurinaitis, P. Skardžius und andere, auf dem Weg zu den Mitgliederversammlungen oder Vorstandssitzungen der Gesellschaft, bei denen zahlreiche Fragen der Terminologie und des praktischen Sprachgebrauchs behandelt wurden. Die Teilnehmer dieser Zusammenkünfte und Sitzungen schätzten A. Salys’ Meinung und seine Autorität sehr. Das hat mein ehemaliger Lehrer J. Talmantas, ein eifriges Mitglied der Gesellschaft für Sprache, mehr als einmal bezeugt.
A. Salys’ Artikel (z. B. über zweistämmige litauische Personennamen), seine kurzen, außerordentlich wohlüberlegten Antworten auf Leserfragen, terminologische Hinweise u. a. belebten und bereicherten die Ausgaben der Zeitschrift ”Gimtoji kalba” sehr und zogen die Leser an; allein die Zahl der Abonnenten betrug 10.000.
Gleichzeitig schrieb A. Salys viel für die ”Lietuviškoji enciklopedija”. Seine vor sechzig Jahren hier veröffentlichten Artikel (z. B. über die baltischen Sprachen und Völker) haben auch heute nichts von ihrer großen wissenschaftlichen Bedeutung eingebüßt. Erstaunlich ist die Fülle der während der Kaunaser Zeit veröffentlichten Artikel A. Salys’, ihre thematische Vielfalt und inhaltliche Tiefe. Sprachwissenschaftliche Artikel von ihm finden sich, könnte man sagen, in allen renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften, Publikationen und Zeitungen jener Zeit (”Archivum Philologicum”, ”Atheneum”, ”Židinys”, ”Naujoji Romuva”, ”Tautos mokykla”, ”Lietuvos aidas” und anderswo). Das Wichtigste aber ist, dass alle Artikel und sonstigen Arbeiten A. Salys’ ebenso wie seine Vorlesungen nicht nur wissenschaftlich sehr fundiert, sondern auch äußerst klar, verständlich und für die Leser leicht zugänglich sind. In ihnen finden sich weder Auslassungen noch Unklarheiten oder Unvollständigkeiten der Gedankenführung, wie sie in den Arbeiten anderer, insbesondere junger Wissenschaftler, mitunter reichlich vorkommen. Die Sprache von A. Salys’ Schriften war ebenso vorbildlich wie seine oben erwähnte Ausdrucksweise in Vorlesungen und Übungen. Zweifellos ragt er neben K. Jaunius, A. Baranauskas, J. Jablonskis, K. Būga, J. Balčikonis und P. Skardžius als wahrer Klassiker der litauischen Sprachwissenschaft hervor.
Die Breite und Vielfalt von A. Salys’ Tätigkeit in Kaunas zeigt sich auch daran, dass er Berater des Staatsrats in Terminologiefragen war, mit Juristen zusammenarbeitete und die Sprache der Gesetzbücher überarbeitete sowie als Mitglied der Familiennamenkommission des Innenministeriums viel Arbeit leistete. Er war einer der tatkräftigsten Organisatoren der Sammlung und Erfassung litauischer Familiennamen. Mit Unterstützung von Studenten legte er gemeinsam mit M. Jurkynas, dem Sekretär der Familiennamenkommission, eine Familiennamenkartei an, auf deren Grundlage mehrere von ihm betreute Abschlussarbeiten zu Familiennamen verfasst und verteidigt wurden. Auf Grundlage derselben Kartei wurde auf seine Initiative und durch seine Bemühungen ein Wörterbuch aller gesammelten Familiennamen erstellt. Mit Unterstützung von M. Jurkynas versah A. Salys dieses Wörterbuch mit Akzentangaben, gab die Paradigmen an und redigierte es vollständig. Im Familiennamenwörterbuch wurde anhand der in den 1930er Jahren gemeinschaftlich gesammelten und überprüften Daten mit Ziffern vermerkt, wo die jeweiligen Familien lebten. A. Salys setzte sich mehr als andere Sprachwissenschaftler für die Litauisierung der Familiennamen ein; deshalb wurden im Familiennamenwörterbuch zu den slawisierten Familiennamen bisweilen sogar mehrere litauische Entsprechungen (Varianten) angegeben, durch die sich der slawisierten Familienname leicht ersetzen ließ. Übrigens wurde auch die erwähnte Familiennamenkommission vor allem dank A. Salys’ Bemühungen gegründet, um zunächst die Litauisierung der Familiennamen vorzubereiten; wegen Besatzung und Krieg konnte sie nicht verwirklicht werden. Aus denselben Gründen gelang es nicht, das von ihm redigierte Familiennamenwörterbuch zu veröffentlichen, dessen Manuskript
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Page 9Das Schriftstück blieb im Institut für Litauische Sprache. Kaum war Vilnius zurückgewonnen, organisierte A. Salys die Sammlung und Überprüfung der Ortsnamen des Vilniuser Gebiets. Das Ergebnis dieser Arbeit war ein für den Druck vorbereitetes Wörterbuch der Ortsnamen des Vilniuser Gebiets, dessen Druck ebenfalls durch den Krieg verhindert wurde und dessen Manuskript sich noch immer im Institut für Litauische Sprache befindet.
Auch Fachleute aus dem Handelsbereich kamen ohne A. Salys’ Hilfe nicht aus. Besonders viel sorgfältige Arbeit investierte er in L. Dargis’ 1938 erschienenes Werk „Prekybinė korespondencija“ („Geschäftskorrespondenz“), dem am Ende ein sorgfältig erstelltes, man kann sagen, erstes Wörterverzeichnis von Handelsbegriffen in der litauischen Terminologie beigefügt ist. Nur dank A. Salys’ Arbeit war dieses Buch seinerzeit das beste und modernste Lehrbuch, das half, die Sprache der Kaufleute zu ordnen. Da er sah, dass in der Kirchensprache von alters her an vielen Stellen noch zahlreiche Missstände fortbestanden, leistete er auch hier Bedeutendes: Aus sprachlicher Sicht redigierte er die zweite Auflage (1938) des Gebetbuchs „Šloviname viešpatį“ („Wir loben den Herrn“) von Kanonikus A. Sabaliauskas. Es ist das beste bis heute erhaltene Gebetbuch.
Schon dieser Überblick über A. Salys’ Wirken im hier behandelten Zeitraum zeigt deutlich, dass er nicht nur ein bedeutender Wissenschaftler, sondern auch ein äußerst produktiver Sprachpraktiker war, der lebhaft auf jede aktuelle Frage des Sprachlebens reagierte. Selbst während seines Militärdienstes fand er Zeit, sich um die von Autofahrern verwendeten Begriffe zu kümmern (von denen es damals noch recht wenige gab). Die von ihm gebildeten Fachbegriffe sind erhalten geblieben.
Nachdem ich einige Jahre mit A. Salys als sein Student und Diplomand zu tun hatte und ihm auch sonst regelmäßig begegnete, besonders als er in Kaunas arbeitete, glaube ich, einige Worte über ihn als Menschen und Persönlichkeit sagen zu können. Vor allem war er für alle zugänglich und freundschaftlich, stets bereit, jedem zu helfen, aufrichtig, ein wahrer Demokrat und Humanist sowie ein großer litauischer Patriot. Als ich ihm 1940 während der ersten bolschewistischen Besatzung begegnete, spürte ich unmittelbar, wie sehr ihn die über Litauen hereingebrochene Tragödie bekümmerte und betrübte; zugleich verstand ich, dass er die Hoffnung auf Litauens Zukunft nicht aufgegeben hatte. Auch damals meinte er, dass nicht alle Litauer, die die Bolschewiki in die Regierung aufgenommen hatten, sich Moskau ausgeliefert hätten. Ich erinnere mich an seine Worte über den Agronomen M. Mickis: „Mickis ist überhaupt kein Kommunist“ (das heißt, er ist eine positive Persönlichkeit). Auf A. Salys’ politische Ansichten lässt sich schon daraus schließen, dass die ateitininkai-Studenten stets sein Wohlwollen und seine Zustimmung fanden.
A. Salys’ Patriotismus und seine politische Haltung zeigen sich besonders deutlich auch in folgenden Tatsachen. Da es den litauischen Hochschulen in den Nachkriegsjahren sehr an Dozenten für litauische Studien und der Akademie der Wissenschaften an Akademiemitgliedern mangelte, bemühte sich die kommunistische Regierung, P. Skardžius aus Deutschland zurückzuholen. Wie A. Venclova mir erzählt hat, wurde er auf Anweisung der Regierung gleich zweimal zu diesem Zweck zu P. Skardžius nach Deutschland geschickt und versuchte, ihn zur Rückkehr an die Akademie und die Universität zu bewegen. Beide Begegnungen blieben erfolglos: P. Skardžius weigerte sich kategorisch zurückzukehren. Schließlich erzählte mir ein anderer kommunistischer Funktionär jener Zeit, G. Zimanas, noch mehrere Jahre vor seinem Tod, dass er nach A. Venclovas erfolglosen Bemühungen aus demselben Anlass sogar nach Washington gereist sei und dort, nachdem er seinen Freund P. Skardžius zum Frühstück in ein Restaurant eingeladen hatte, erneut versucht habe, ihn zur Rückkehr nach Litauen zu bewegen. Doch dieser wollte davon nicht einmal etwas hören.
Die kommunistische Regierung vermisste A. Salys hingegen nie. Im Gegenteil: R. Mironas, der in den Nachkriegsjahren ein eifriger Parteimitglied geworden war und an der Universität Kaunas arbeitete, erklärte mir einmal, wenn A. Salys nicht nach Deutsch-
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Page 10land gegangen wäre, hätte man ihn nach Sibirien deportieren müssen. Natürlich konnte mich die Behandlung meines geliebten Lehrers A. Salys auf diese Weise damals weder unberührt lassen noch anders als empören; doch da ich wusste, was mein Protest bedeutet hätte, musste ich mich beherrschen und schweigen, zumal allen Dozenten und Studenten der Universität Kaunas damals R. Mironas allzu eifriger Dienst an der Partei und ihren Institutionen nur zu gut bekannt war.
Schon die hier angeführten Tatsachen reichen völlig aus, um zu verstehen, dass A. Salys’ Entschluss, sich rechtzeitig in den Westen abzusetzen, ihm und seiner Familie Freiheit und Leben sicherte. Hier, so könnte man sagen, rettete ihn Gottes Hand vor einem so schrecklichen Schicksal, wie es viele bedeutende litauische Wissenschaftler ereilte (z. B. P. Dovydaitis, L. Karsavinas, M. Reinys, V. Sezemanas, A. Žvironas, A. F. Jurskis und andere), von denen die große Mehrheit heldenhaft in Lagern oder Gefängnissen starb und nur der eine oder andere völlig zu Tode gequält nach Litauen zurückkehrte und dort starb.
A. Salys liebte Litauen, Žemaitija, seine Heimat und alle Litauer außerordentlich. Die Sommer verbrachte er meist entweder auf Reisen durch Litauen und bei der Erforschung der Dialekte oder in seiner Heimat (Reketė). Er war ein hervorragender Imker, besaß viele Bienen und entwickelte eine imkerische Terminologie. Jetzt, da er schon seit vielen Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilt und seine gesammelten Schriften im Druck erschienen sind, wird noch deutlicher, welch große Persönlichkeit die Vytautas-Magnus-Universität hatte, welch außergewöhnlicher Mensch an der wiedererrichteten Universität Vilnius tätig war und welch hervorragenden Professor für Ballistik und Komparatistik die Universitäten Deutschlands und später der USA nach dem Krieg gewonnen hatten. Hier muss unbedingt gesagt werden, dass A. Salys auch bei seiner Arbeit im Ausland seiner Heimat Litauen treu diente: Mit seinem ganzen Leben und Wirken machte er Litauens Namen in der Welt bekannt und trug so zur Erringung der Unabhängigkeit bei.
Seit mehreren Jahrzehnten ist es so: Wenn ich mich an die Unterrichtsstunden aus meiner Gymnasialzeit oder an die Vorlesungen an der Universität erinnere oder etwas über M. Valančius und sein Werk lese, erscheint in meinem Bewusstsein wie von selbst auch das strahlende Bild A. Salys’. Ich glaube, dass der Grund für diese Assoziation vor allem darin liegt, dass diese beiden Leuchttürme unserer Kultur zwar nicht zur selben Zeit, aber doch nahe beieinander im selben Kreis Salantai geboren wurden und aufwuchsen – der eine in Narsėnai, der andere in Reketė. Sobald ich mit dem Zug am Bahnhof Plungė vorbeifahre, erinnere ich mich seit vielen Jahren jedes Mal an meinen jungen, sportlich gekleideten Lehrer A. Salys, der mit seinem Motorrad auf den Zug wartete, um nach Kaunas zu fahren. So habe ich ihn als Student gesehen, wenn ich hier auf dem Weg nach Notėnai, wo ich meine Ferien verbrachte, Halt machte. Die Namen M. Valančius’ und A. Salys’ verbinden sich in meinem Bewusstsein stets mit den Namen S. Daukantas’, L. Ivinskis’, Žemaitės’, Lazdynų Pelėdos, Šatrijos Raganos und anderer großer Žemaiten, ebenso mit dem wunderbaren Land Žemaitija und seinen Menschen. Dies wiederum weckt folgenden Gedanken: Wenn dieses Land und seine Menschen, die jahrhundertelang schon von den Kreuzrittern niedergetreten und verwüstet, unter der Leibeigenschaft unterdrückt sowie von zaristischen Gendarmen und Kosaken gequält und vernichtet wurden, die Kraft besaßen, dem Vaterland solche großen Geister wie die hier genannten und viele andere heranzubilden, wird Litauen zweifellos viele kluge, rechtschaffene und hingebungsvolle Menschen hervorbringen, die es auf den Weg der freien und demokratischen Völker Europas führen werden.
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