Page 1LEKSIKOS TYRINĖJIMAI
LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA
Wörter mit unregelmäßiger Phonetik und ihre Herkunft in den westlichen Oberlitauischen von Palatvė1
A. JONAITYTĖ
Manchmal kommen in einer Mundart Wörter vor, die in gewisser Hinsicht nicht ganz zu den übrigen passen. Manche weisen eine für die Mundart untypische, bisweilen sogar unregelmäßige Wortbildung auf, andere durchbrechen auf eigentümliche Weise ihre üblichen Lautgesetze, wieder andere sind unklar: Ob ihre „unnormale“ Wortbildung oder ihre Phonetik auffällig ist, lässt sich schlicht schwer sagen.
Hier wird vor allem versucht, das eine oder andere phonetisch nicht ganz gewöhnliche Wort aus den Mundarten des PVA zu untersuchen.
Zunächst ist hervorzuheben, dass die phonetische Unregelmäßigkeit dieser Wörter gewöhnlich erst beim Vergleich mit den Entsprechungen benachbarter Mundarten deutlich wird. An sich verletzt ihre Phonetik das Lautsystem der Mundart nicht, d. h., sie enthalten weder Laute noch Lautverbindungen, die dieser Mundart völlig fremd wären.
Allerdings ist diese phonetische Unregelmäßigkeit häufig nur scheinbar: So wirkt es lediglich auf den ersten Blick; untersucht man jedoch Herkunft und Wortbildung solcher Wörter genauer, lässt sich alles anhand der Gegebenheiten der Mundart selbst erklären, die bisweilen recht typisch, bisweilen als bestimmte Ausnahme zulässig sind.
Zum Beispiel ähneln sich auf den ersten Blick einige Wörter des PVA und der benachbarten žemaitischen Mundarten phonetisch sehr; vgl. PVA nėvešuoklis Škn und das Žemaitische von Kuršėnai nė˙vešuoklis. Da es in den westlichen Oberlitauischen Mundarten dieses Vorlandes Žemaitijas eine Fülle verschiedenster žemaitischer Merkmale gibt, könnte es scheinen, dass wir auch hier ein aus dem Žemaitischen entlehntes und phonetisch nicht an die oberlitauische Mundart angepasstes Wort vor uns haben, zumal auch die geografische Verbreitung des Wortes dem nicht widerspricht2. Tatsächlich handelt es sich hier jedoch um Ableitungen mit zwei verschiedenen Suffixen – dem oberlitauischen -uoklis, -ė und dem žemaitischen -oklis, -ė (mundartlich -uoklis, -i). Vgl. ferner folgende Ableitungen mit dem oberlitauischen Suffix -uoklis, -ė: aus Šakyna girtuokle „eine Pflanze oder Beere, Vaccinium uliginosum“, pākaruoklis, -e, pašpiruoklis „ein Tritt, ein Stoß“, sapniūoklis, -ė || sapniūk-lis, -e „ein verträumter Mensch“, svi˙ruoklis (von einer Birke), užmirš(i)uoklis, -e „1. Vergesslichkeit, 2. ein Vergessener“, aus Gruzdžiai užmiršuoklis sowie aus Skaistgirys, dem eigentlichen Randgebiet des Oberlitauischen, wo žemaitische Merkmale gewöhnlich nicht mehr vorkommen, nėvešuoklis, užmirštuoklėlis. Vgl. auch Ableitungen mit dem žemaitischen Suffix -oklis, -ė aus dem Kuršėner Žemaitischen: nē˙vešuoklis ~ nėvešoklis, pā˙karuoklis ~ pākaroklis, sausūoklis ~ sausōklis3. Diese zwei verschiedenen Suffixe verbindet
1 Mit der Bezeichnung westliche Oberlitauische von Palatvė (im Folgenden abgekürzt PVA) sind hier die Mundarten der Umgebung von Kruopiai, Šakyna, Gruzdžiai, Žagarė und Skaistgirys gemeint.
2 Übrigens kann das große Wörterbuch der litauischen Sprache als Beispiel dafür dienen, dass diese Auffassung nicht nur von einer Person vertreten wird: Für Šakyna wird darin das von „žemaitischen Merkmalen“ bereinigte Wort nēvešoklis angeführt; siehe Lietuvių kalbos žodynas (im Folgenden LKŽ), Bd. 8, Vilnius, 1970, S. 755.
3 Wörter dieser Wortbildungsart gibt es auch im PVA, z. B.: ī˙kabo˙klis „Gerät, Werkzeug“, svajōklis, -ė „ein verträumter, von der Realität losgelöster Mensch“. In jüngerer Zeit sind aus der Schriftsprache Wörter mit dem Suffix -oklis, -ė in die Mundart gelangt; hier verändert es nicht nur die Intonation, sondern bildet bisweilen auch Varianten mit -uoklis, -ė, z. B. stu˙mōklis || stu˙mūoklis.
31
Page 2nur eine – der in den Ableitungen der westaukštaitischen Mundarten südlich von Žemaitija mit -uoklis, -e häufig vorkommende Stoßintonation. Diese konnten die PVA vermutlich von dem dialektal ebenso klingenden žemaitischen Suffix -oklis, -ė übernehmen. Die Stoßintonation erhalten meist auch Wörter aus Ik mit dem Suffix -uoklis, -ė, z. B. die Bezeichnung eines Traktor- oder Autoteils važiuoklė.
Nicht durch Entlehnung, sondern durch unterschiedliche Wortbildung erklärt sich auch die äußerliche Übereinstimmung von PVA-Wörtern wie gárbanuoc, gárbanuota, kertúoc, kertúota „viereckig“ mit den žemaitischen gárbanuoc ~ gárbanotas, kertúoc ~ kertotas Krš. Die žemaitischen Wörter sind mit dem Suffix -otas, -a (mundartlich -uoc, -uota) gebildet, die benachbarten Aukštaitier dagegen mit -uotas, -a. Vgl. auch die ebenso gebildeten PVA-Wörter: garbanuóti lapė'lei Sk, gišluotas rankas Darg⁴, žemúotas kūrpes Darg, smalúoc Škn. Zur Verbreitung dieses nicht ganz üblichen Gebrauchs des Suffixes -uotas, -a trägt vielleicht teilweise bei, dass in der PVA das Adjektivsuffix -iniúoc, -inúota sehr verbreitet ist. Damit werden gewöhnlich Wörter gebildet, die Eigenschaften der Oberfläche eines Gegenstands bezeichnen, z. B.: druskiriúoc, -iúota „salzig, mit Salz bedeckt“, minkliniúoc, -úota „teigverschmiert, beschmutzt“, pieniniúoc „milchig“, plaukininiúoc „mit Haaren bedeckt, zerzaust“, plunksniniúoc „mit Federn bedeckt“, putriniúoc „mit Brei bespritzt, beschmutzt“, žeminiúoc „erdig“.
Freilich kommen gelegentlich auch Wörter vor, die durch Verdoppelung von Wortbildungselementen entstanden sind. Beispielsweise gibt es das eigene, wenig produktive diminutiv-abwertende Suffix -okšlis, vgl.: kru'mó'kšlei Škn, pievó'kšlis Dilb sowie das anders bedeutende, aber offenbar ebenfalls abwertende Wort peró'kšlis „Brutstätte, Nest“ (vågų peró'kšlei) Kyb. Neben Wörtern mit dem aukštaitischen Suffix wurden südlich von Žemaitija, etwa in der Gegend von Šakyna, auch Wörter gehört, die mit der žemaitischen Form desselben Suffixes gebildet waren, z. B.: gi'vuokšlis und das Hybride mú'žuokšlis „was für ein erbärmliches Geschöpf, kleines Tier“, vgl. bei den Kuršėnai-Žemaiten gi'vuokšlis ~ gyvókšlis.
Wirklich phonetisch „unnormale“ Wörter scheinen häufiger in Grenzmundarten vom Übergangstyp vorzukommen, deren typischer Vertreter auch die hier behandelte westaukštaitische Mundart südlich von Žemaitija ist. Das ist natürlich, denn solche Wörter entstehen meist durch den Kontakt zwischen Mundarten. Dieser Kontakt ist jedoch sehr komplex und vielschichtig; außerdem können damit oft verschiedene Eigenheiten der betreffenden Mundart zusammenhängen: Analogie zu anderen Wörtern, besondere Wortbildungstendenzen, mitunter Volksetymologie und Ähnliches.
Zum Beispiel haben die Aukštaitier von Šakyna die Wörter gilti'ne, ké'mpi'ne, má'lki'ne „Holzstapel“, tė'tervi'nc, während ihre östlicheren Nachbarn giltine Dam, tėtervinu ~ tetervinų Kyb haben. Mit kurzem i kommen diese Wörter – mit Ausnahme von má'lki'ni ~ málkynė „Haufen, Stoß“ – auch bei den Dünininkai-Žemaiten von Kuršėnai vor; zumindest einige von ihnen haben jedoch die benachbarten Dounininkai-Žemaiten mit dem durch den zurückgezogenen Akzent verlängerten i, vgl. gė'ltė'n(e) Vkš, tėtervė'nc Akm. Das lange i in den genannten Wörtern der Šakynaer hängt vermutlich zunächst analogisch mit solchen eigenen Wörtern zusammen, in denen das lange i hier regelmäßig vorkommt, z. B.: cí'pi'ne, grú'sti'ne, pálari'ne || pä'dari'ne, palá'idi'ne, šmírkšti'ne, tá'rški'ne, tri'ški'ne. Die Verallgemeinerung des langen i könnte jedoch auch durch das beim zurückgezogenen Akzent verlängerte i der Dounininkai-Žemaiten beeinflusst worden sein, umso mehr, als es auch südlich von Žemaitija und in den Aukštaitai-Mundarten Spuren des zurückgezogenen Akzents gibt.
4 Im Artikel werden für Ortsnamen die Abkürzungen des „Wörterbuchs der litauischen Sprache“ verwendet. Zusätzlich zu diesen wurden folgende eingeführt: Auks – Dorf Aukščiai, Rajon Šiauliai, Dam – Dorf Dameliai, Rajon Joniškis, Darg – Dorf Dargaičiai, Rajon Šiauliai, Dilb – Dorf Dilbiniai, Rajon Joniškis, Kyb – Dorf Kyburiai, Rajon Joniškis.
32
Page 3Als Ergebnis einer Volksetymologie ist möglicherweise das Mundartwort mẽːtuoge5 „metūgė“ Škn, Dam anzusehen. Diese Vermutung ist möglich, weil die Mundart selbst die Wörter ūgis, ūgėjimas, -ūgėti nicht kennt, sondern nur verschiedene Ableitungen der Wurzel aug- hat: á:ugums, ã:taugas und Ähnliches. Außerdem steht sie, soweit sich aus dem derzeit verfügbaren Material schließen lässt, mit anderen Mundarten, die diese Form kennen, unmittelbar nicht in Verbindung – ausgenommen die mittleren Aukštaitier von Joniškis. Vgl. Vegeriai á:ugõms „metūgė“, Viekšniai mètū:g(e)s. Die benachbarten Dünininkai-Žemaiten sprechen mẽ:tu:gi Krš; ob diese Form metūgė oder metūogę entspricht, ist unklar. Daher ist diese PVA-Form wohl als eine mundarteigene Umgestaltung anzusehen, bei der der zweite Bestandteil des Kompositums nach dem Wort ūoga verändert wurde. Freilich könnte das PVA-Wort mẽːtuoge auch als Hyperkorrektur entstanden sein, indem das Dünininkai-Wort aus Kuršėnai mẽːtu:gi mundartlich „transponiert“ wurde.
Somit sind die Entstehungsumstände fast jedes konkreten phonetisch nicht ganz „normalen“ Wortes nicht nur komplex, sondern auch unterschiedlich.
Welche phonetischen Abweichungen solcher Wörter für die Mundart am typischsten sind, hängt von ihren Nachbarn ab, denn die Phonetik dieser Wörter spiegelt gewöhnlich die Eigenschaften benachbarter Mundarten wider. Die hier beschriebene PVA-Mundart trennt die Žemaiten von den mittleren (und hinsichtlich mancher Merkmale auch von den östlichen) Aukštaitiern; daher weisen auch ihre unregelmäßigen Wörter gewöhnlich Merkmale dieser Mundarten auf.
In einzelnen Fällen können auch Entlehnungen aus anderen Sprachen die Wörter der Mundart beeinflussen. So wurden nach slawischen Lehnwörtern wie kõšel'na, gelegentlich kõšeliena Sk „Sülze“⁶ und pãdli·na ~ padlynà „Aas“ auch Hybride mit ähnlicher Bedeutungsart gebildet: dvẽ:šel'na, sprõ:geli-na || sprõ:geliena (selten). (Die benachbarten Žemaiten haben offenbar keine solchen Hybride; vgl. kuõšali·na, aber dvieseliena ~ dvėselėna Krš, kuõšalien(a), dvieselien(a) ~ dvėselėna Vks.)
Wörter mit fremden phonetischen Merkmalen gelangen aus verschiedenen Gründen in die Mundart. Die wichtigsten davon sind wohl zwei: 1) die Entlehnung einzelner Wörter, 2) der Umstand, dass die wichtigsten phonetischen Isoglossen mitunter nicht sehr strikt sind: Nur das Hauptgebiet eines phonetischen Merkmals fällt mit dem Gebiet einer Mundart zusammen, während bestimmte Fälle seines Auftretens und schließlich einzelne Wörter mit diesem Merkmal weit über die Grenzen des Hauptgebiets hinaus vordringen. Das deutlichste Beispiel für ein solches allmähliches „Verblassen“ einer Isoglosse in der PVA-Mundart ist die Verteilung der /-Palatalisierung: Die Grenze der vollständigen und regelmäßigen Palatalisierung (sowohl vor ė als auch vor e, ei) fällt mit der Westgrenze der mittleren Aukštaitier zusammen; die partielle Palatalisierung (vor ė, ei) erstreckt sich unter allmählicher Abschwächung über einen vergleichsweise breiten Grenzstreifen der westlichen Aukštaitier, während einzelne Wörter mit palatalisiertem / sogar bis an die Grenze der Žemaiten gelangen.
In einzelnen Fällen hängen diese beiden Hauptursachen miteinander zusammen und lassen sich nur schwer voneinander trennen.
Ein dritter Grund für das Auftreten unregelmäßiger Wörter ist, dass sich im Gebiet der beschriebenen Mundart häufig verschiedene lexikalische Areale – die der Žemaiten und der östlichen Aukštaitier – überschneiden.
Manchmal werden Wörter aus verschiedenen Arealen in der Mundart als gleichwertige Synonyme verwendet, häufiger jedoch werden ihre Bedeutungen leicht spezialisiert. So werden in der Mundart bãla und pẽ·ke gleich häufig gebraucht, doch bezeichnet bãla gewöhnlich eine nasse, minderwertige Wiese oder Weide (mitunter auch mit locker verstreuten Bäumen oder Sträuchern), während pẽ·ke eher für die vereinzelten Sträucher an einem nassen, sumpfigen Ort steht oder sogar für ein Wäldchen mit zahlreichen lichten Stellen, die mit schlechtem Gras und Seggen bewachsen sind, einen lichten Wald. Parallel dazu-
5 E. Frenkel verbindet den Bestandteil dieses Wortes -uogė mit ūgiu. Siehe E. Fraenkel, Litauisches etymologisches Wörterbuch, Heidelberg-Göttingen, 1955–1966, p. 446.
6 Zur Herkunft siehe E. Fraenkel, Litauisches etymologisches Wörterbuch, p. 283.
3. Leksikos tyrinėjimai
33
Page 4Hier werden rūpužė und krūpis verwendet, doch wenn von einer zu Heilzwecken gefangenen und getrockneten Kröte die Rede ist, sagt man immer nur krūpis: krūpi padūrį ant šākes; krūpi sudžōvinį; dīot krūpe kāulė·m no naujō·ses ligos usw. Manchmal erreicht ein einzelnes Wort eines anderen Areals die PVA auch bereits losgelöst von seinem vollständigen Bedeutungsgefüge und wird nicht weiter verbreitet, sondern nur in einer bestimmten Bedeutung verwendet. So treffen im Dialektgebiet beispielsweise die samogitische und die hochlitauische Bezeichnung für die Brennnessel aufeinander. Die hochlitauische Form — dilgi·ne — wird für die mehrjährige Brennnessel und die Weiße Taubnessel (baltoji dilgi·ne) verwendet, ebenso wenn allgemein von Brennnesseln die Rede ist, ohne sie nach Arten zu unterscheiden. Die einjährige Brennnessel wird mit einem Kompositum bezeichnet, dessen zweiter Bestandteil die samogitische Bezeichnung bildet, gewöhnlich in leicht veränderter Form, z. B.: gūdno·tere Žg, Dilb, Sk, Kyb, Škn, gūtno·tere Dilb, Grz, gūdmo·tere Dam, Škn, Siūpyliai und sogar Jnš, Rudiškiai (mittelhochlitauisch). Die am wenigsten veränderte Form wurde nur unmittelbar am Rand des Samogitischen gehört — gūdnuotneres ~ gūdnōtnerės Auks. Vgl. die benachbarten samogitischen Formen nuōtnier(e) ~ nōtnėrė Akm, Vgr, Vkš, nuōtn(i)erie ~ notnėrė Pp, nuōtnierė ~ notnėrė Krš. Im unmittelbar hochlitauischen Gebiet, bei N. Akmenė, wurde die Form nuōtner(e) ~ nōtnėrė. gehört.
Manchmal wird ein solches Wort nicht mehr in seiner eigentlichen, sondern nur noch in übertragener Bedeutung verwendet; zum Beispiel kommt zem. Baumstumpf „Baumstumpf, Busch“ in dieser Bedeutung bei den Aukštaiten von Šakyna (Baumstumpf) nur noch selten vor; dafür wird es hier häufig für einen ungeordneten – zerzausten, struppigen – Kopf verwendet, und vielen Sprechern des Dialekts ist nur diese Bedeutung bekannt. Manchmal kann sich die Bedeutung eines Wortes sogar völlig verändern: So nennen benachbarte Aukštaiten außerhalb des PVA-Dialektgebiets (stellenweise auch in den Randbereichen dieses Gebiets, zum Beispiel bei Gruzdžiai) den Zapfen einer Fichte oder Kiefer Fichtenzapfen. Auch im PVA-Dialekt ist dieses Wort bekannt, doch bezeichnet es hier, zumindest bei den Aukštaiten von Šakyna, Fichten- oder Kiefernnadeln oder sogar kleine Zweige mit allen Nadeln (neben dem häufigeren, üblichen Dialektwort Nadeln, Sg. Nadel). Mit der Bedeutungsveränderung hat sich auch das Genus des Wortes verändert: Im Dialekt wird meist die maskuline Form Nadel (Sg. Nadel) verwendet. Den Anstoß zu diesem Wandel könnte vielleicht das alte Dialektwort Nadel gegeben haben – mit der Annäherung der Bedeutungen könnte sich auch die grammatische Form der Wörter angeglichen haben. Im Dialekt ist Nadel heute dennoch weiterhin mit Fichten und Kiefern verbunden, denn soweit ich beobachten konnte, sagt man zumindest bei den Aukštaiten von Šakyna im Zusammenhang mit dem Wacholder gewöhnlich Nadeln.
Allerdings ist noch unklar, ob die Bedeutungsveränderung dieses Wortes möglicherweise mit dem Lettischen zusammenhängt, denn dort bezeichnet skuja (gewöhnlich in der Pluralform skujas) ebenfalls Fichten- oder Kiefernnadeln oder Zweige mit sämtlichen Nadeln.
Wenn sich ein Wort von seinem Hauptareal entfernt, sein umfassendes Bedeutungsgefüge verliert und isoliert wird, neigt es eher dazu, sich auf verschiedene Weise zu verändern, zumal man ein solches Wort mitunter noch an ein anderes Wort des eigenen Dialekts anzupassen versucht. Dies veranschaulicht auch das bereits erwähnte Beispiel, in dem gūdnōtnerių zu gūdmoterėmis wurde⁷.
7Manchmal kommt es vor, dass sich auch ein genuin eigenes Dialektwort auf unregelmäßige Weise lautlich verändert. So gibt es gelegentlich bei Šakyna und Kruopiai Menschen, die das übliche Dialektwort liežūvis als leizūvis aussprechen. In einzelnen Familien wurde die Aussprache des Wortes sal·klas als sai·klas, pūsėvere ~ pūžereze beobachtet. Offenbar wird in diesem Fall die Lautgestalt eines Wortes so verändert, dass es für den Sprecher aufgrund bestimmter individueller Eigenheiten seiner Sprechweise leichter auszusprechen ist. Später übernehmen die Kinder diese Aussprache von ihren Eltern; die allgemeine Dialektnorm unterdrückt solche Abweichungen jedoch gewöhnlich wieder.
Gelegentlich treten solche unregelmäßigen lautlichen Abweichungen in Lautmalereien auf, wenn eine besondere Handlungsintensität ausgedrückt werden soll, z. B.: tikš(t) (für ein leichtes Fallen oder einen leichten Schlag), tī·kš(t) (einen kräftigen) und teikš(t) (einen sehr kräftigen); (trėkš(t) (für ein leichtes Knacken), trė·kš(t) (ein kräftiges), treikš(t) (ein sehr kräftiges).
34
Page 5Wörter mit lautlichen Merkmalen benachbarter Dialekte sind in der PVA unterschiedlich häufig. Von einigen gibt es nur vereinzelte Wörter, während sich von anderen mehrere oder sogar ein Dutzend zusammentragen lassen.
Im Folgenden betrachten wir die charakteristischsten Fälle des Einflusses benachbarter Dialekte. Wir beginnen mit Wörtern, in denen das l vor e depalatalisiert ist. Davon gibt es im Dialekt mindestens einige, z. B.: abišala || abišals „eine dicke, große Scheibe Brot (nicht unbedingt über die ganze Länge des Laibs)“, dundūla „eine dicke, dick eingehüllte Frau; eine Frau mit hartem Kopf, eine Stubenhockerin“, mėlėta || mėlata, ō·bela || ō·belė (selten), pākela || pākelė, pundūla „ein dickbauchiges, aus Stroh geflochtenes Gefäß zum Einfüllen von Mehl o. Ä.; eine unbeholfene, dicke Frau mit hartem Kopf“, snīgule || snīgula (selten), šālīkela || šāl-kelė Škn, tetūla.
Diese Wörter haben nicht alle denselben Ursprung: abišala (und seine Umformung abišals), dundūla, pundūla und tetūla sind östliche Lehnwörter, die über die mittelhochlitauischen Dialekte übernommen wurden⁸. Das Wort dundūla gelangte in den Dialekt nur mit übertragener Bedeutung (in einigen östlichen Mundarten ist es ein Synonym von pundulės). Dass dieses Wort im PVA-Dialekt fortlebt, wird vielleicht auch durch das dialekteigene Verb dūndė·t begünstigt, das zunächst „verschwinden, abnehmen, vergehen, verfallen“ bedeutete, aber auch häufig für einen infolge des Alters oder aus anderen Gründen nachlassenden Verstand oder allgemein für einen Dickkopf verwendet wird.
Die übrigen fünf sind alte Wörter des Dialekts selbst, haben jedoch Varianten mit depalatalisiertem l. Das Vorkommen eines depalatalisierten l in diesen Wörtern ist zwar durch die Nachbarschaft der mittelhochlitauischen Dialekte bedingt, kann aber neben diesem Einfluss auch teilweise auf dialekteigene Merkmale zurückgehen, die günstige Voraussetzungen für den Einfluss der mittelhochlitauischen Dialekte schaffen. An erster Stelle ist hier zu nennen, dass der Dialekt etliche eigene Wörter mit der alten, regulären Endsilbe -la besitzt, z. B.: ā·nčāla Škn || ūškala „ein an den Querhölzern des Schlittens befestigter Stock, der längs der Kufen verläuft“, drumbila „ein dicklicher, schwerfälliger Mensch“, dru(k)tvila || dru(k)tvila „dicker Mensch“, lakštīnguola, pilkšāla, sāužgē·la, stī·pla, tābala „jemand, der gern umherstreift“, vādala „Landstreicher“, žō·pla und andere. Ein aus den östlichen Nachbardialekten übernommenes Wort mit depalatalisiertem Endungs-l und einem aus e entstandenen a fügt sich also gut in die eigenen Wörter mit der regulären Endsilbe -la ein.
Die recht leichte Verbreitung von Wörtern mit depalatalisiertem l kann auch durch einige Besonderheiten der Wortbildung in der PVA begünstigt werden. Denn hier bildet man gern Komposita mit dem Fugenvokal a. Endet das erste Glied eines Kompositums auf l, entstehen ganz natürlich Wörter wie etwa: arklādāntis || arklādāntis „ein Mensch mit großen, unschönen Zähnen“, arklāganis || arklīganis, arklāpalāikis || arklāpalāikis, arklā·ru·kšte || arklā·ru·kšte, arklāšeris || arklīšeris, arklāvagis || arklāvagis; grē·blā·dantis || grē·blā-dantis, grē·blā·ko·tis, grē·blāko·tis || grē·blā·ko·tis, grē·blāko·tis; kapladāntis || kapla-dāntis „mit hervorstehenden großen Zähnen“; kailā·dirbis || kailādirbis, kaulasnūkis, kaulā-šeris || kaulīšeris, meilāmedis „ein Zierstrauch mit paarweise angeordneten kleinen rötlichen Blüten“, meilā·špuogis, meilā·žoles, varlāmūsis, varlāro·mis || varlāro·mis „über ein stumpfes, stumpf gewordenes oder zu kleines Messer“, žvīrble rū·tas || žvīrblā·ru·tes. Unvoll-
8Für eine genaue Bestimmung des Areals dieser und vieler anderer im Artikel erwähnter Wörter liegen keine Materialien vor, da sie nicht in das Erhebungsprogramm für den Litauischen Sprachatlas aufgenommen wurden. Ein gewisses Bild ihrer geografischen Verbreitung vermitteln jedoch das Wörterbuch der litauischen Sprache und dessen Zettelkatalog, auf die man sich daher hier gewöhnlich stützt. Zur Verbreitung von abišalos || abišalės siehe LKŽ, Bd. 1, Vilnius, 1968, S. 9. Zur Bedeutung und Verbreitung von dundūlės (Dial. dundūla) siehe ebenda, Bd. 2, Vilnius, 1969, S. 855. pundulė (Dial. pundula) ist im Wörterbuch-Zettelkatalog aus Joniškėlis, Vaškai, Pašvitinys, Lauksodis, Pušalotas, Pakruojis, Linkuva, Baisogala u. a. belegt. tetūla ist im Dialekt nur aus verschiedenen Liedchen und als Spottwort bekannt; in allen anderen Fällen wird das Lehnwort čōce ~ čiōčė verwendet.
3*
35
Page 6zumindest bei solchen regelmäßigen zusammengesetzten Wörtern wie: karklàvi·šnės „späte Kirschen, keine Knorpelkirschen“, mė·šlà·vežis, mė·šlàkabe, mė·šlàkrate (von einer Mistgabel), sti·pla·kō·jis, -e usw.
Die Analogie ähnlich klingender Dialektwörter könnte dazu beigetragen haben, dass sich Varianten einzelner Wörter mit hartem l etablierten.
Und allgemein schafft der Umstand, dass im PVA verschiedenste benachbarte Formen ein völlig normales Phänomen sind – bedingt durch den Übergangscharakter des Dialekts selbst –, sehr günstige Voraussetzungen für das Nebeneinanderbestehen von Doppelformen wie ò·belà || ò·belė, pàkela || pàkele, šàlikele || šàlike·la usw.
Im PVA gibt es auch noch einige Wörter mit benachbarten Formen mit hartem l, z. B.: baid·kle || baid·kla, bezd·kle || bezd·kla, jo·dri·kle || jo·dri·kla „jemand, der gern herumtollt und ausgelassen ist“, paleistūvis || palaistūvis || palaistūnus, rūkšle || rūkšla, saulō·li·dis || saulē·leidis || saulē·laidzēi (Pl.). Wahrscheinlich handelt es sich hier jedoch nicht um Entlehnungen aus den mittleren oder östlichen Aukštaitischen, sondern um Wörter mit anderer Bildung; einige könnten sogar aus dem Žemaitischen stammen, vgl. baidykla (4)⁹, Krš und Vidsodis, bezd·kla ~ bezdykla (2) Krš, palaistōnus ~ palaistūvas Akm, Vgr und sogar Žr, rūkšla Krš, rōkšla Vidsodis, saulēlaide Akm.
Wie aus dem mittleren Aukštaitischen Wörter mit einem vor e depalatalisierten l übernommen werden, so kommen aus dem Žemaitischen Wörter mit den Diphthongen ie, uo anstelle von ē und o. Doch auch hier muss man echte Entlehnungen von einigen lautmalerisch entstandenen Wörtern unterscheiden, die zwar mit ihrem ie der žemaitischen Aussprache entsprechen, dennoch aber keine Entlehnungen sind, z. B. piepsė·i und Ähnliches.
Eindeutig aus dem Žemaitischen entlehnt ist nėvieksla oder nėvieškļis, -e10. Dem im Wörterbucharchiv vorhandenen Material zufolge reicht dieses Wort im Aukštaitischen bis nach Joniškis¹¹. Ein weiteres žemaitisches Wort, das fest in den Dialektwortschatz eingegangen ist, lautet piēpī „schwächer werden, hinfällig werden, vergehen, abnehmen, krank sein“ samt einer ganzen Reihe von Ableitungen – niōpiepa, nupīpē·lis, -e usw.¹² Die im Dialekt vorkommenden Formen dieses Wortes mit -ei-: pēipī, nupēipē·lis, -e usw. sind offenbar Kontaminationsformen, entstanden dadurch, dass das žemaitische piēpī mit dem eigenen, bedeutungsmäßig sehr ähnlichen Wort gēipī ~ geibti. in Verbindung gebracht wurde.
Neben dem Verb knē·pō·i ~ knēbčioti „rupfen, stoßen, schikanieren“ sagt man im Dialekt häufig auch kniepō·i. Dieses Wort könnte eine phonetisch unvollständig transponierte žemaitische Entlehnung sein, vgl. das gleichbedeutende kuršėnische žemaitische kniepčuoti; es könnte aber auch ein eigenes Wort mit einer anderen Vokalisation der Wurzel sein, vgl. knō·pīt ~ knō·bti || kniepl ~ knie bti (rec.)¹³.
Als žemaitisch ist auch das Wort triēkšī, nutriekšī „niederdrücken, zerquetschen“ aus dem westlichen Teil des PVA-Gebiets anzusehen, vgl. das žemaitische triēkšti Krš.
Es gibt auch einige Wörter mit dem žemaitischen uo anstelle des aukštaitischen o.
9 Zur ungefähren Verbreitung in weiter entfernten Dialekten siehe LKŽ, Bd. 1, Vilnius, 1968, S. 556.
10 Im Wörterbucharchiv finden sich aus dem PVA-Gebiet auch neviekšla, neviekšlis, die ich im Dialekt nie gehört habe; der Aussprache der kuršėnischen Žemaiten neviekšla nach zu urteilen, könnten solche betonten Formen jedoch auch im PVA vorkommen. Ebenfalls von dort ist aus Šakyna nevēkšla verzeichnet; offenbar ist dies als literarisierte Form anzusehen, da das Wort in jener Gegend mit -ē- nicht verwendet wird.
11 Zu seiner ungefähren Verbreitung vgl. auch LKŽ, Bd. 8, S. 753–754.
12 Das Material des Wörterbucharchivs zeigt, dass dieses Wort žemaitisch ist: Aus der gesprochenen Sprache wurde es zuverlässig aus dem Gebiet der žemaitischen Dialekte aufgezeichnet, ebenso aus den als aukštaitisch gekennzeichneten Mundarten von Ž. Kalvarija, Tverai, Mosėdis, Ylakiai, Alsėdžiai, Skuodas, Veiviržėnai, Seda, Salantai, Plateliai, Gargždai, Mažeikiai, Viekšniai, Plungė, Užventis, Kuršėnai, Šaukėnai, Upyna usw.
13 Zur ungefähren Verbreitung und Bedeutung von kniebti siehe LKŽ, Bd. 6, S. 236–237.
36
Page 7Im westlichen Teil des PVA-Gebiets wird neben dem eigenen Wort skaptuof das Verb skūopf „schnitzen“ gebraucht, iskūopf. Vgl. das žemaitische Dialektwort der Bewohner von Kuršėnai skūopf ~ skóbti.
Wahrscheinlich gehört auch das im gesamten PVA-Gebiet vorkommende Wort vābuols „Käfer“ zu den Wörtern mit žemaitischem uo; es ist belegt in Škn, Žg und Sk (außerdem vābuole „Name einer schwarzen Kuh“ in Škn). Vgl. die Wörter benachbarter žemaitischer Dialekte: vā'buols ~ vābolas, šū'drabuolis ~ šūdavabolis Krš, vābiol(e) ~ vābole „Mistkäfer“ Vkš.
Über die Žemaiten sind auch die Wörter krištuols „Kristall“, krišnuols „Stein mit blauen Augen“ und mikuols „Mykolas“ in den Dialekt gelangt; vgl. žemaitisch krištuols ~ krištolas Krš, mikuols ~ Mīkolas Krš.
Die Herkunft des Wortes apāštuols ist nicht ganz klar, doch im PVA weist es eindeutig ein irreguläres uo auf. Die benachbarten žemaitischen Dialekte scheinen diese Form heute nicht zu haben, doch ist sie den Žemaiten insgesamt bekannt. Darauf weisen beispielsweise der žemaitische Donininkai-Dialekt von Laukuva sowie ein Beispiel aus Valančius’ Schriften hin, das in der ersten Ausgabe des ersten Wörterbuchbandes angeführt wird14.
Aus dem žemaitischen Donininkai-Dialekt hat der westliche Teil des PVA-Gebiets das Wort vāmbuole || vāmbuolė mit unverschobenem uo übernommen. Das Wort ist hier allerdings nicht sehr häufig; seine eigentliche Bedeutung ist verblasst, und gewöhnlich wird es in Vergleichen und Redewendungen verwendet, um die Größe eines kleinen Käfers, eines Samens o. Ä. hervorzuheben. Besonders gern greift man darauf zurück, wenn man die Größe einer Laus hyperbolisch beschreibt (ūtėles kai vāmbuoles; ūtėles ēin kai vāmbuoles usw.). Bei den Žemaiten bezeichnet das Wort einen Maikäfer oder Mistkäfer. Zunächst könnte es scheinen, als habe das PVA das Wort teilweise an das Hochlitauische angepasst: am sei verschoben worden, uo dagegen zu o nicht. Tatsächlich wurde es jedoch unverändert entlehnt, denn ein großes Gebiet der östlichen Donininkai – bis Mažeikiai, Luokė und bisweilen sogar noch weiter – hat dieses Wort mit dem für diese Mundarten nicht ganz üblichen Diphthong am: vā'mbiol(e) ~ vāmbole; nur der westliche Teil der Donininkai weist das erwartete om15 auf. Mit -am- kommt dieses Wort auch in den lettischen Dialekten vor16.
Nicht ganz klar ist, in welchem Verhältnis das PVA-Adjektiv āpuols, -i „rund“ zum entsprechenden Wort der benachbarten žemaitischen Dialekte steht. Vgl. die Formen benachbarter žemaitischer Dialekte: āpuōlūs ~ āpolus, āpuōlė ~ apolì || ā'puols ~ āpolas, āpuōlā ~ apolà Krš, āpūol(ō)s ~ apolūs, āpūol(e) ~ apolì Akm, aber āpal(ō)s ~ apalus Vgr. Dieses Adjektiv mit dem Diphthong uo reicht sogar bis zu den ostlitauischen Hochlitauern, etwa āpolė ~ āpuolio (Gen.) aus dem Dorf Bučiūnai nahe Pašvitinys, dagegen apvāls in Žeimelis.
Im PVA kann es unter dem Einfluss des Žemaitischen entstanden sein, es kann aber auch eine eigenständige Umformung des Dialekts sein: Um die Aussprache des Wortes zu erleichtern, könnte sich aus apvālus im Laufe der Zeit auch apuolūs entwickelt haben. Dass eine solche Umformung dieses Wortes möglich ist, zeigen jene Dialekte, die keinerlei Kontakt zu den Žemaiten haben, zum Beispiel der Zanavykai-Dialekt: Im Wörterbuch ist diese Form für Griškabūdis belegt17.
Verglichen mit anderen litauischen Dialekten weisen auch die PVA-Wörter lakštinguola18 und medūgalis „verkohltes Holzstück“ das ungewöhnliche uo auf; mit den Žemaiten haben sie jedoch nichts zu tun, sondern sind Eigenbildungen des Dialekts.
14 LKŽ, t. 1, Vilnius, 1941, p. 147.
15 Im Belegarchiv des Atlas der litauischen Sprache ist das Wort mit am in den Orten Knabikai, Dapšiai, Žastaučiai, Purvėnai, Kivyļiai, Gėpaičiai, Padvarėliai, Sablauskiai, Avižiai, Luokė und Medingėnai verzeichnet, mit om dagegen in Skliaustė, Židikai, Salantai, Gintališkė, Mišėnai, Babrungėnai, Lieplaukė, Plungė und Šakiniai.
16 Žr. K. Mülenbacha Latviešu valodas vārdnīca, t. 4, Rīgā, 1929—1932, p. 466—467.
17 Žr. LKŽ, t. 1, Vilnius, 1968, p. 267.
18 Dieses Wort mit -uo- kommt auch in einigen anderen litauischen Dialekten vor; vgl. LKŽ, t. 7, S. 97.
37
Page 8Bislang haben wir Wortgruppen betrachtet, die im PVA entweder unter dem Einfluss östlicher oder westlicher Nachbarn entstanden sind. Es gibt jedoch einen Fall, in dem beide Einflüsse nicht selten in dieselbe Richtung wirken. Dabei handelt es sich um Wörter mit den gemischten Diphthongen am, an, em, en. Sowohl ein Teil der benachbarten žemaitischen Dialekte als auch der Einfluss der ostaukštaitischen Dialekte, der über die zentralaukštaitischen Gebiete bisweilen das PVA erreicht, fördert in bestimmten Fällen den Wandel einzelner Wörter mit diesen Diphthongen oder bringt dem Dialekt eigene Wörter mit nicht umgelauteten Diphthongen.
Zu dieser Wortkategorie gehören selbstverständlich keine laut<malerischen> Wörter lautmalerischen Ursprungs und ihre Ableitungen, die im PVA regelmäßig sowohl am als auch um aufweisen können, z. B.: būm(t) || bām(t), plūm(t) || plām(t), pūm(t) || pām(t) usw. sowie būmsėˑt || būmsēˑt, bumbīnā || baˑmbīnā „schlagen, prügeln“, pūmpinī || pāmpinī, tūmpinī || tāˑmpinī „schlagen, zerbrechen“, bumbēˑt || bambēˑt „murmeln, brummen“ u. a. Zur starken Verbreitung der benachbarten Formen dieser Wörter mit um können jedoch bereits die benachbarten Žemaiten beitragen.
Ihrerseits schaffen benachbarte Formen solcher Wörter mit um günstige Voraussetzungen dafür, dass Wörter anderer Dialekte mit um übernommen werden und sich als Nebenformen durchsetzen. So wird neben den Verbformen skalāmptˑi || skalām(b)īˑt „bellen, unnötig mit der Zunge schlagen“ auch die Form skalūmpīˑt || skalūmbīˑt häufig verwendet. Die Formen mit um könnten bereits aus dem Žemaitischen stammen, vgl. skalūnīpˑti ~ skalanyti Krš.
Žemaitischer Herkunft ist auch die im Dialekt weiter verbreitete Form pumpēˑt, pumpēklis, -e, gegenüber pampēˑt „brummen“, pampēklis, -e, vgl. pūmpieti ~ pampėti, pūmpėklis ~ pampėklis Krš.
Mit den Žemaiten in Verbindung zu bringen ist auch die Nebenform pūmti des Verbs pām(t) ~ pāmpti „anschwellen, aufquellen, sich vollsaugen“.
Bei einigen Wörtern des PVA lässt sich ihr Verhältnis zu den entsprechenden Formen des Žemaitischen schwer bestimmen; manchmal ist jedoch die Entlehnung eines Wortes mit einem nicht angeglichenen žemaitischen Diphthong sehr offensichtlich. So heißt die Frucht der Fichte oder Kiefer im PVA-Gebiet kukūtis. Am westlichen Rand des PVA gibt es jedoch auch die žemaitische Bezeichnung, die stellenweise vollständig nach den Lautgesetzen des Dialekts umgeformt wurde, z. B. kankōˑrēˑžis Šiupyliai, andernorts teilweise: kankōˑrēˑžis || kunkōˑrēˑžis Škn, kankūorēžis ~ kankorėžis || kunkūorēžis ~ kunkorėžis Auks, und an dritter Stelle mit völlig unverändertem Diphthong an: kunkūorēžis ~ kunkorėžis Krp. Vgl. die žemaitischen Formen: kɔn-kūorēž(ė)s ~ kankorėžis Pp, kunkūorēžėˑ ~ kankorėžiai Akm, kunkūorēž(ī)s ~ kankorėžis Vkš, kunkūorēžis ~ kankorėžis Krš19.
Einzelne Wörter gibt es auch mit nicht umgelautetem in < en. Aus den ostaukštaitischen Dialekten, vielleicht bisweilen auch über schriftliche Quellen, gelangte kimsas (und kimsiˑns, kimsiˑne)20. Übrigens kommt manchmal auch kemsiˑns, kemsiˑne vor; es bedeutet „nasser Boden“.
Sowohl aus den ostaukštaitischen als auch aus den žemaitischen Dialekten könnte vingras gekommen sein: „ein wandernder Quacksalber und zugleich Hausierer“.
Neben kēmī ~ kēmpti || kēmbti „trocknen, vergehen, erstarren, fest werden“ und kēˑmpēˑt „trocknen, vergehen“ kommen manchmal auch Nebenformen mit im: kīmī, kimpēˑt vor; unklar ist jedoch, woher sie stammen: Sind es Entlehnungen aus anderen Dialekten oder wird durch dieses im einfach eine größere Intensität der Handlung ausgedrückt?
Ein interessanter Fall ist das Wortpaar péˑndēˑt und, seltener, pindēˑt (manchmal pindēˑf) „vergehen, abnehmen, trocknen, zu etwas Wertlosem werden“. Wie die Wörterbuchkartei zeigt, ist die Variante péndėti in den an das PVA angrenzenden žemaitischen Dialekten belegt, pendėti (dial. pindēˑt) dagegen bei den Ostaukštaiten. Im PVA-Gebiet sind beide Varianten aufeinandergetroffen und miteinander verschmolzen. Doch soweit sich aus
19 Material aus der Kartei des Atlas der litauischen Sprache.
20 Zur ungefähren Verbreitung und zum Gebrauch des Wortes siehe LKŽ, Bd. 5, S. 563–564 und 803–804.
38
Page 9Hinsichtlich Verbreitung und Gebrauchshäufigkeit ist älter pėndė·t. Gewöhnlich kommt es auch mit dem regelmäßig transponierten en vor. Die ostlitauische Variante dagegen ist mit i eingetreten und hat das zu en gewandelte. Wahrscheinlich entstand die Form pindė·t, als beide miteinander vermischt wurden.
Einer der charakteristischeren Fälle der Entlehnung einzelner Wörter ist das Wort pō·stuvis „Mittagsmahl“. Für den Begriff der Mittagsruhe verfügte der Dialekt seit alters über das mit dem Niederlitauischen gemeinsame Wort pō·kaiti·s || pō·kaitis || pō·kaite. Doch kam über die mittleren Hochlitauer aus dem Osten auch das Wort pō·stuvis hinzu. Da das zweite o in diesem Wort unbetont ist, sprechen es die osthochlitauischen Mundarten des Mūša-Flussgebiets als unbestimmtes ə aus (vgl. Vos konių pō·stove laike21), das heißt genauso, wie sie sehr häufig das durch Assimilation verbreiterte u aussprechen. Die mittleren Hochlitauer setzten das unbetonte o, das bei den Ostlitauern mit u zusammengefallen war, als u um (vgl. Bridų pō·stuve, Gen. Sg.22); von ihnen übernahmen auch die PVA das Wort mit u.
Weitere von anderen Dialekten umgebildete Wörter, die den PVA fertig übermittelt wurden, ließen sich wohl noch finden.
Allerdings kommen schwer erklärbare lautliche Veränderungen von Wörtern auch im PVA-Dialekt selbst vor. Als Beispiel kann das in fast seinem gesamten Gebiet (Škn, Žg, Sk, Kyb) weit verbreitete Wort gi·vali·s „Vieh“ angeführt werden. Es entstand durch Umbildung einer vermutlich niederlitauischen Form mit nicht transponiertem uo < o gyvuolys23, die im Dialektgebiet auch heute noch vorkommt, zum Beispiel: gi·vuole (Gen. Sg.) Žg, Auks; gi·vuolus (Akk. Pl.) Sk, gi·vuolų (Gen. Pl.) Škn24.
Doch ist man im PVA-Dialekt mancherorts auch mit einer dritten Form dieses Wortes mit -u- vertraut, zum Beispiel: gi·vule (Gen. Sg.) Darg, gi·vului (Dat. Sg.) Kyb, gi·vulu ~ gyvulių Dam. Diese Form stimmt mit der Form des Wortes bei den benachbarten mittleren Hochlitauern überein; bezeichnenderweise wurde sie auch im PVA-Gebiet am östlichen Rand, näher bei den mittleren Hochlitauern, aufgezeichnet25.
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die Dialektform gi·vali·s in einige benachbarte niederlitauische Dūnininkai-Mundarten gelangt ist, zum Beispiel gi·valis in Pakšteliai.
Offenbar ist im Dialekt selbst das Wort nė·bė·lis anstelle von nebylys, nebylis entstanden; vgl. das Kuršėnai-Wort nė·bi·lis und das Viekšniai-Wort nėbi·l(i)s, obwohl solche Umformungen in entfernteren niederlitauischen Dialekten vorkommen; vgl. pavandeniai nė·belis26.
Den Vokal é anstelle des zu erwartenden i hat auch das Wort mūsmė·re || mūsmė·ris „Fliegenpilz“. Und zwar nicht nur im gesamten PVA-Gebiet, sondern auch in benachbarten und sogar weiter entfernten niederlitauischen und hochlitauischen Dialekten, wobei dort é häufig mit e wechselt27. Freilich könnte dieses e mancherorts auch dadurch entstanden sein, dass die Aufzeichnenden das verbreiterte i (ausgesprochen als e) und das reduzierte unbetonte ė (ebenfalls als e ausgesprochen) nicht unterschieden.
In dieser kurzen Übersicht sind selbstverständlich bei weitem nicht alle „unregelmäßigen“ Dialektwörter behandelt worden, sondern nur die charakteristischeren, auffälligeren. Bei ihrer Untersuchung wurde versucht, zu erwähn-
21 Lietuvių kalbos tarmės (chrestomatija), Vilnius, 1970, p. 247.
22 Dialekte der litauischen Sprache, S. 217.
23 Dass es sich hier um eine niederlitauische Form und nicht um eine Ableitung mit dem Suffix -uolis im PVA handelt, lässt ihre Betonung vermuten. Eigene Bildungen mit -uolis, -ė werden nach dem Akzentmuster II betont. Eine Ausnahme bildet nur das Wort ži·duolis || ži·duoli·s (iet) mit vermischter Betonung. In den benachbarten niederlitauischen Dialekten lauten die Formen dieses Wortes: gi·vuolis || gi·vuoli·s Krš, gi·vuo-l(i)s || gi·vuoli·s Pp, gi·vuol(i)s || gi·vuo·l(i)s Akm.
24 Die Form dieses Wortes mit -uo- aus Šakyna findet sich auch in den Dialekttexten von A. Baranauskas, siehe Litauische Mundarten gesammelt von A. Baranowski, Bd. 1, Leipzig, 1920, S. 252.
25 Das Material zur geografischen Verbreitung dieses Wortes stammt aus dem Zettelkatalog des Atlas der litauischen Sprache.
26 Siehe auch LKŽ, Bd. 8, S. 603.
27 Grundlage sind die Antworten auf dialektologische Fragebögen aus den ehemaligen Kreisen Šiauliai und Mažeikiai.
39
Page 10und die wichtigeren Fälle des Verhältnisses zwischen eigenen und aus anderen Mundarten entlehnten Wörtern sowie ihr Zusammenwirken zu untersuchen und zu erörtern, welche Wörter entlehnt werden, wie sie entlehnt werden und wie sie sich den Normen der Mundart anpassen.
Ein paar Worte zu ihrer Übertragung ins Litauische bleiben noch zu sagen. Offenbar sollten diejenigen von ihnen, die bereits fest in die Mundart eingegangen und zu einem Teil ihres eigenen Wortschatzes geworden sind, so behandelt werden wie Entlehnungen aus Fremdsprachen oder mundartliche Formen in der Sprache einzelner Schriftsteller. Zum Beispiel werden die Slawismen der žemaitischen Mundarten griekas, svietas, vėryti ins Litauische nicht mit ė, sondern mit ie übertragen (d. h. nicht zu grėkas, svėtas, vėryti umgeformt); die mundartliche Form aus Žemaitės Schriften kviėkš-ti führt das Wörterbuch der litauischen Sprache mit ie28 an; ebenso wird, ohne das mundartliche im ins Litauische zu übertragen, im Wörterbuch auch das in den Schriften verschiedener Schriftsteller verwendete Wort kimsas samt seinen Ableitungen29 usw. aufgeführt. Daher sollten auch die Entlehnungen aus den PVA gi'vuolis, nėvieklis, nupėpė, nūopėpa, vā-buols usw. nicht zu gyvalys zurückgeführt werden (sondern nur zu gyvuolys), nėvėkšlis (= nėviekšlis), nuōpėpa (= nuōpiepa), nupėpti (= nupiepti), vābolas (= vābuolas), da sie bereits zu einem Teil des Mundartsystems geworden sind; nach den lautlichen Gesetzen der Mundart ist eine solche Rückführung in diesem Fall unmöglich: ie, uo können darin nicht zu o, ė zurückgeführt werden.
Wörter mit unregelmäßiger Phonetik in den Mundarten der westlichen Aukštaiten im Grenzgebiet der Lettischen SSR und ihre Herkunft
А. ИОНАЙТИТЕ
Zusammenfassung
Der Artikel stellt fest, dass im untersuchten Gebiet mitunter Wörter mit eigentümlichen Abweichungen von den lautlichen „Normen“ der Mundart vorkommen, und analysiert die Ursachen ihrer Entstehung. Dabei wird hervorgehoben, dass die Unregelmäßigkeit der Lautung solcher Wörter erst beim Vergleich mit den entsprechenden Wörtern benachbarter Mundarten erkennbar wird, da diese Wörter keine Laute und Lautverbindungen enthalten, die dem Vokalismus oder Konsonantismus der Mundart grundsätzlich fremd wären.
Es wird darauf hingewiesen, dass phonetisch „unregelmäßige“ Wörter besonders charakteristisch für Grenzmundarten des Übergangstyps sind, da ihre Entstehung meist durch das Zusammenwirken benachbarter Mundarten bedingt ist; gelegentlich kommen jedoch auch verschiedene Faktoren der untersuchten Mundart selbst hinzu: die Analogie zu anderen Wörtern, besondere Wortbildungstendenzen, Volksetymologie u. a. Mitunter entstehen solche Wörter auch unter dem Einfluss einer fremden Sprache.
Es wird festgestellt, dass Wörter mit fremdartigen lautlichen Merkmalen in der untersuchten Mundart hauptsächlich aus zwei Gründen auftreten: 1) weil die Mundart einzelne Wörter entlehnt; 2) weil die wichtigsten phonetischen Isoglossen mitunter recht unscharf verlaufen und einzelne Wörter mit dem betreffenden lautlichen Merkmal häufig weit über die Grenze seines Hauptverbreitungsgebiets hinaus vordringen. Bisweilen hängen beide Gründe eng miteinander zusammen.
28 Siehe LKŽ, Bd. 6, S. 1084.
29 Siehe LKŽ, Bd. 5, S. 803–804.
40
Page 11Ein weiterer Grund für das Auftreten von Wörtern mit regelwidriger Phonetik ist das Aufeinandertreffen von Wörtern zweier verschiedener lexikalischer Areale – des žemaitischen und des ostaukštaitischen – im Gebiet des untersuchten Dialekts. Manchmal werden Wörter aus diesen entgegengesetzten Arealen im Dialekt als gleichwertige und bedeutungsgleiche Synonyme verwendet, manchmal gelangen sie jedoch bereits isoliert in den untersuchten Dialekt, losgelöst vom gesamten Komplex ihrer Bedeutungen. Dann unterliegen sie sehr leicht verschiedenen Arten von Veränderungen.
Der Artikel führt konkrete Beispiele für Wörter mit verschiedenen phonetischen Regelwidrigkeiten an.