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Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen

Görres, Peter Anselm

Abstract

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Görres, Peter Anselm Article Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Görres, Peter Anselm (1982) : Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 102, Iss. 4, pp. 337-362, https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291524 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen Von Peter Anselm Görres Von Wirtschaftswissenschaftlern sind zur Überwindung der Beschäftigungsprobleme sowohl Verkürzungen wie Verlängerungen der Arbeitszeit vorgeschlagen worden. Mit Hilfe einer Zerlegung in einzelne Komponenten versucht der folgende Beitrag zu klären, unter welchen Bedingungen Arbeitszeitverkürzungen als Instrument der Beschäftigungspolitik wirksam sein können und welche Rolle dabei Faktoren wie dem Lohnausgleich, den induzierten Produktivitätsgewinnen, Uberstunden und Personalfixkosten zukommt. Es folgen eine Diskussion der Wirkungen auf Nachfrage und Wachstum und eine vorsichtige Schätzung möglicher Beschäftigungseffekte. 1. Zur Ausgangsüberlegung Von empirischen Untersuchungen abgesehen, kann man die Erörterungen der Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen (AZV — hier im klassischen Sinn von Verkürzungen der durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitzeit verstanden) grob in zwei Sorten einteilen: — Der „Einerseits/Anderseits-Ansatz" konfrontiert die vermuteten positiven Beschäftigungs Wirkungen mit den hypothetischen negativen, ungefähr nach dem Motto: einerseits steigen die Löhne, andererseits aber auch die Nachfrage. So wird dann festgestellt, daß von der AZV ausgelöste Steigerungen der Produktivität zwar den (negativen) Kosteneffekt einer AZV dämpfen, zugleich aber auch den Mehrbedarf an Arbeitskräften wieder einschränken. Letztlich erschöpfen sich derartige Analysen in der — sicherlich verdienstvollen — Enumerierung zu berücksichtigender Faktoren und Einflüsse, ohne wesentlich über die bekannte Weisheit des alten Briest hinauszuführen1. — Der „Milchmädchenrechnungsansatz" operiert dagegen auf ausgesprochen engem Felde, indem er einen einfachen Dreisatz zur Grundlage nimmt. „Wenn zwanzig Millionen Arbeiter acht Stunden am 1 Zu Darstellungen dieser Art — es gibt ein weites Feld davon — vgl. etwa Adam/Buchheit (1977), Butschek (1979), Mittelsiefen (1978) sowie allgemein zur AZV die Literaturübersicht von Kühlewind (1979). 22 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften 1982/4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 338 Peter Anselm Görres Tag arbeiten müssen, um ein bestimmtes Sozialprodukt zu erstellen, wieviele Arbeiter werden dann benötigt, wenn jeder nur sieben Stunden täglich arbeitet?" Auf dieser Basis lassen sich natürlich phantastische Ergebnisse errechnen, die aber kaum mehr befriedigen als die Ergebnislosigkeit des ersten Ansatzes2. Das hier vorgeschlagene Verfahren kann selbstverständlich nicht beanspruchen, die Vielzahl der Faktoren in einer überzeugenden und umfassenden Weise zu integrieren. Es stellt lediglich den Versuch dar, durch eine Zerlegung der Effekte einer AZV in einzelne Komponenten die Analyse etwas systematischer zu gestalten und präzisere Schätzungen zu ermöglichen. Zu diesem Zweck wird die Beschäftigungswirkung einer AZV unterteilt in: a) Die Mengenkomponente (MK), die lediglich den rein rechnerischen Mehrbedarf an Arbeitskräften darstellt. Dieser ist prozentual etwas größer als die relative AZV: wird die Arbeitszeit um Vs gekürzt (von 40 auf 35 Stunden), so müßte zum vollen Ausgleich des Arbeitsausfalls die Beschäftigung um xh steigen. Je geringer die AZV, desto weniger fällt diese Feinheit ins Gewicht. Der der MK entsprechende Beschäftigungseffekt ist identisch mit dem, den der „Milchmädchenrechnungsansatz" erfaßt. b) Die Lohnkomponente (LK), die den negativen Effekt der AZVinduzierten Stundenlohnsteigerung ausdrückt c) Die Substitutionskomponente (SK). Diese zeigt an, welcher Anteil der rechnerischen Beschäftigungseffekte einer AZV durch die von ihr ausgelösten Anpassungsreaktionen, Produktivitätssteigerungen usw. aufgezehrt wird. Diese Komponente spielt somit auch die Rolle einer Art Störvariablen, in der Reibungsverluste und nicht eindeutig zuordnende Wirkungen ihren Ausdruck finden. Der Beschäftigungseffekt (BE)3 eine AZV ergibt sich dann als Saldo des (stets positiven) Mengeneffekts und der negativen Lohnund Substitutionswirkungen: (1) BE = MK -LKSK . 2 Ein Beispiel dafür ist die Argumentation von Vilmar (1976). 3 Die tatsächliche Entlastung bei der registrierten Arbeitslosigkeit ist natürlich geringer als eine durch AZV verursachte Mehrbeschäftigung. Gut ein Drittel der Neueingestellten dürfte aus der „Stillen Reserve" kommen — vgl. Reyher et al. (1979). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen 339 2. Die Lohnkomponente Denken wir uns eine Ölgesellschaft, die ihr öl geschickterweise nicht dadurch verteuert, daß sie den Faßpreis aufschlägt, sondern indem sie zum gleichen Preis kleinere Fässer feilhält. Sicherlich wird — je nach Preiselastizität der Nachfrage — der Ölverbrauch zurückgehen, der Liter Öl ist ja teurer geworden. Dennoch ist keineswegs sicher, wie sich der Verbrauch entwickelt, mißt man ihn in Fässern. Reagieren die Kunden sehr empfindlich, könnte es sein, daß sie trotz des reduzierten Inhalts nicht nur weniger Liter, sondern sogar weniger Fässer Öl kaufen, statt dessen frieren oder mit Kohle heizen. Vielleicht werden sie auch die gewohnte Faßzahl trotz geizigerer Abfüllung gerade beibehalten, weil ihr Öletat eben feststeht. Durchaus denkbar ist aber auch, daß sie zähneknirschend mehr Fässer ordern, weil eben auf das Öl nicht verzichtet werden kann. Wie können wir nun zu präziseren Voraussagen über den Fässerabsatz kommen? Für die folgenden Überlegungen wird zunächst eine AZV mit vollem Lohnausgleich (LA) unterstellt. Unter vollem Lohnausgleich verstehe ich hier, daß die Monatsoder Wochenlöhne (i. f. auch Arbeitseinkommen) im gleich Umfang steigen wie ohne AZV, so daß sich der LA voll in einer entsprechenden zusätzlichen Erhöhung der Stundenlöhne niederschlägt4. Im Fall einer AZV ohne LA würde dagegen der Prozentsatz der AZV von der sonst statthabenden Erhöhung der Einkommen „abgezogen", so daß diese real und sogar nominal sinken können, während die Stundenlöhne im gleichen Maße steigen, wie sie es auch ohne AZV getan hätten. Voller Lohnausgleich bedeutet daher Einkommensneutralitäi der AZV für die Arbeitnehmer, Kostenerhöhung mit dem Prozentsatz der AZV für die Arbeitgeber. AZV ohne Lohnausgleich heißt demgegenüber Kostenneutralität für die Unternehmer (in bezug auf die erhaltenen Arbeitsstunden), Einkommenseinbuße in Höhe der relativen AZV für die Arbeiter5. Für die Praxis dürfte sich eine AZV ohne LA ausschließen lassen, da an deren Durchsetzung weder Arbeitnehmer noch 4 Gedanklich läßt sich die Trennung von normalen" und AZV-bedingten Stundenlohnerhöhungen so veranschaulichen, daß jeweils im Januar „normale" Tarifverhandlungen und im Juli Verhandlungen über AZV und LA stattfinden, wobei im Januar die üblichen Daten, nicht aber die Juli-Verhandlungen berücksichtigt werden. s Zu Definition und betrieblichen Kosteneffekten des LA siehe auch Kunz! Müller (1977) sowie Schattat (1979). AZV-bedingte Lohnkostensteigerungen sind durch den LA nicht vollständig erfaßt. Neben einmaligen Kosten (Umstellung, Neueinstellung) kann die AZV die „fixen Personalkosten" (etwa pro Beschäftigten oder aus anderen Gründen nicht proportional zu den bezahlten Stunden) erhöhen. Vgl. Abschnitt 3. d). 22* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 340 Peter Anselm Görres Arbeitgeber ein hinreichendes Interesse hätten6; mit einer partiellen Anrechnung von Arbeitszeitverkürzungen auf die ausgehandelten Lohnsteigerungen ist aber sicher zu rechnen. In einem einfachen partialanaytischen Modell läßt sich die Lohnkomponente wie folgt bestimmen, wobei zunächst voller LA zugrunde gelegt wird. Arbeit sei ein völlig homogenes Gut; Kapazitätsprobleme existieren nicht. So ist es den Unternehmern gleichgültig, ob sie sieben Arbeiter zu je 40 Wochenstunden oder acht zu je 35 beschäftigen. Die Arbeitsnachfrage H in Stunden hängt nur von Stundenlohn w ab. Damit wird bei konstantem Wocheneinkommen der Stundenlohn zur Funktion der Wochenarbeitszeit h (2) » - und deshalb ist Ldh dh (3) dw = ———— = — w——mit L = L . v ' 7i2 h Die Arbeitsstundennachfrage hängt nur vom Lohnsatz ab (4) H = H (w) , die Beschäftigung(snachfrage) A ergibt sich als H (5) A = — , weshalb (für nicht allzu große Veränderungen) dA dH dh (6) H Annahmegemäß wirken AZVen nur über ihren Lohneffekt, nicht direkt auf die Nachfrage nach Arbeitsstunden, so daß , .„, , dh (7) was sich umformulieren läßt zu (8) dA , , - dh o Dies auch die Auffassung des Wiss. Beirats (19977), 30 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen 341 In diesem Ausdruck sind nun MK und LK verbunden; 1 • dh/h drückt gerade die relative AZV und damit den Mengeneffekt aus, während die Auswirkung der Lohnerhöhung auf die Beschäftigung durch das Produkt aus relativer AZV und Elastizität der Arbeitsnachfrage gemessen wird7. Aus (8) ergibt sich, daß somit, daß die Beschäftigungseffekte einer AZV insgesamt positiv sind, solange die Lohnelastizität der Arbeitsnachfrage (absolut) unter eins bleibt. Dabei ist natürlich zu beachten, daß auch Elastizitäten sich ändern, wenn die Änderungen der unabhängigen Variablen kleiner oder größer sind. Erst wenn j W >1, überwiegt die negative LK gegenüber der stets positiven MK8. Um auf das Beispiel vom Anfang dieses Abschnitts zurückzukommen: Die Ölgesellschaft könnte ihren Faßabsatz trotz der Inhaltsreduktion bei unvermindertem Faßpreis noch ausdehnen, solange die Preiselastizität der für sie relevanten Nachfrage unter eins liegt. Ihr Gesamtumsatz stiege proportional mit der Zahl der verkauften Fässer, obwohl insgesamt wohl weniger Öl gekauft würde. Erfahrene Konsumenten wissen, daß nicht selten nach diesem Vorbild verfahren wird — offenbar mit Erfolg. 3. Partieller Lohnausgleich und andere Modifikationen a) Kein voller Lohnausgleich Die Annahme eines vollen LA, die zur Vereinfachung zunächst getroffen wurde, kann ohne Schwierigkeiten fallengelassen und durch eine realistischere Variante ersetzt werden. Hierzu bedarf es nur der kleinen Modifikation, daß dw dh (3.a) = - a —r— w h nunmehr die AZV^bedingte Lohnerhöhung definiert. 7 Wie bereits erwähnt, sind sowohl die MK wie die Lohnerhöhung bei vollem LA größer als die relative AZV (nämlich dhJQi — dh/h). Durch die Verwendung marginaler Ableitungen anstelle von Differenzenquotienten verschwindet dieser Unterschied. Analoges gilt für die Verwendung von Punktals Bogenelastizitäten. Da wir in der LK ausdrücklich nur den Kosteneffekt der AZV erfassen möchten, können wir den Begriff der (Lohn-) Elastizität der Arbeitsnachfrage hier undifferenziert verwenden, weil bei Abstraktion von Änderungen der Arbeitszeit relative Änderungen der Nachfrage nach Stunden (dH/h) und der nach Beschäftigten (dA/A) identisch sind: VH, w = VA, W « Dieses Ergebnis läßt sich noch auf andere Weise veranschaulichen: Die Lohnsumme ergibt sich als Produkt von Beschäftigung und Wochenlohn: LS = A • L = H - w. Somit ist die Beschäftigung A = HwJL. Da L als konstant angenommen ist, muß A wachsen, wenn H weniger sinkt als w aufgrund der AZV steigt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 342 Peter Anselm Görres Durch a wird der Grad des Lohnausgleichs bezeichnet, so daß bei vollem LA a = 1 oder 100 °/o ohne LA a = 0. Für alle a < 1 würde die LK entsprechend an Gewicht verlieren, da nun dA , , - dh (8.a) = (1 - a | VH)W |)—y— • Der genaue Betrag von a läßt sich in der Praxis nur annähernd und auch nur ex post bestimmen. Zum einen müßten wir hierzu die „normalen" Lohnerhöhungen kennen, die ohne AZV ausgehandelt worden wären. Zwar gilt, daß der Verhandlungsspielraum der Tarifabschlüsse erfahrungsgemäß nicht allzu weit und relativ gut prognostizierbar ist; dennoch muß unsere Analyse mit einem fiktiven Referenzpunkt rechnen. Zum andern stellt sich der reale Wert von Lohnsteigerungen ja erst ex post, nämlich nach Kenntnis der Preisentwicklung heraus. Eine Kostenüberwälzung der AZV auf die Preise führt demnach zu einer erst nachträglich feststellbaren Reduzierung des tatsächlichen Ausmaßes von LA bzw a. b) Induzierte Preissteigerungen Gelänge es, empirisch beobachtete Inflationsprozesse einer AZV kausal zuzuordnen, ließe sich dieser Zusammenhang unschwer in unserem Modell darstellen. Es gälte nunmehr dp mit dp = AZV-induzierte p Preissteigerung dA , , — dh . , dp (8.a.b) =(l-a\ rjHiWr |) —+ | VHfWr | —. Der kostensenkende Effekt einer Preisüberwälzung wirkt sich also nur im Ausmaß der Lohnelastizität beschäftigungssteigernd aus. Im übrigen sprechen zumindest die Erfahrungen der AZV der 50er Jahre gegen inflationäre Effekte9. » Siehe hierzu Mertens (1962) ähnlich Krengel et al., Bd. 4 (1962), S. 67. Von den Lohnstückkosten her liefert AZV, wie noch zu zeigen sein wird, nur dann Anlaß zu Preissteigerungen, wenn a> \ rjn^h \. Dabei ist die oft vernachlässigte Trivialität zu wiederholen, daß Lohnkosten nur einen Teil der Produktionskosten ausmachen (vgl. Kalmbach (1978)). (3.a.b) und dwr — dh =a—^— wr h OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen 343 Die für Preisniveaueffekte wohl relevantere Auswirkung einer AZV auf die Stückkosten läßt sich erst im Zusammenhang mit den möglichen Produktivitätsänderungen näher bestimmen (siehe Abschnitt 5). c) Überstunden Häufig wird befürchtet, daß AZV nur einen verstärkten Rückgriff auf Überstunden auslösen und der Mengeneffekt somit neutralisiert werden würde. Durch Überstundenzuschläge käme es zu einer verkappten Lohnerhöhung mit zusätzlichen negativen Auswirkungen. Bei einer mit einem Anstieg an Überstunden verbundenen Arbeitszeitverkürzung sei h die durchschnittliche Wochenstundenzahl vor, hx nach der Maßnahme. Die effektive Änderung der Arbeitszeit dhx ergibt sich aus dh = nominale Verkürzung (dh < 0) und dh° = gleichzeitige Zunahme der Überstunden (dh° > 0). Somit gilt dhx = dh +dh°, und h + dhx = hx. Auch der Stundenlohn ändert sich: (3.a.c) dwx - dh l dhO \ c + dhO wobei dwx = wx — w, wx der durchschnittliche Stundenlohn inclusive Zuschlag und Lohnausgleich, und c der Überstundenzuschlag sind. Unter diesen Umständen kommt es zu einem Beschäftigungseffekt (8.a.c) (-x-r-- dhx h In.* dwx w der sich von dem in 'Gleichung (8) definierten scheidet: I dA\* dA (8.a.c) —— 1+ Vn.w dA wie folgt unter- -( hx \ 1 +CL- - dh dhO G G bezeichnet den relativen Anstieg des Stundenlohns, der sich zuzätzlich zur Wirkung des Lohnausgleichs aus der Ausdehnung des Überstundenanteils ergibt. Er ist, wenn rjn, w, c oder a nicht Null sind, größer als der relative Anstieg der Überstunden dh°/h. Offensichtlich wirken Überstunden doppelt negativ: einmal über die Beschneidung der Mengenkomponente, zum andern durch ihre Kosteneffekte. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 344 Peter Anselm Görres Ob und wieweit Arbeitszeitverkürzungen durch vermehrte Überstunden neutralisiert werden, ist schwer vorauszusagen. Ein Vergleich britischer und holländischer Erfahrungen aus den späten 50er und frühen 60er Jahren zeigt sehr unterschiedliche Reaktionen, die durch ökonomische Faktoren allein kaum erklärbar sein dürften10. Zur Erleichterung der Einführung neuer Arbeitszeiten sollten Überstunden kurzfristig zugelassen werden. Auf längere Sicht jedoch erscheint es höchst widersinnig, eine mühsam erkämpfte Verringerung der tariflichen Arbeitszeit durch betriebliche Überstundenregelungen unterlaufen zu lassen. Langfristig sollte nicht nur eine Kompensation der AZV auf diese Weise verhindert, sondern auch das bestehende Überstundenvolumen flankierend zur AZV abgebaut werden11. d) Fixe Lohnbestandteile Anders als im Modell macht es in der Wirklichkeit einen erheblichen Unterschied, ob eine Firma sieben Arbeiter je acht, oder acht Arbeiter je sieben Stunden beschäftigt. Neben dem wohl gelegentlich etwas überbetonten Problem der Unteilbarkeit von Arbeitskräften oder -plätzen12 spielen hier Personal-(neben-)kosten eine Rolle, die nicht proportional zu den geleisteten Stunden, sondern beispielsweise pro Kopf anfallen. Höchstbeiträge und Pflichtversicherungsgrenzen im System der Steuerund Sozialabgaben haben einen ähnlichen Effekt13. Sind die fixen Kosten pro Arbeiter und Periode F, so beträgt der effektive Stundenlohn wf =w + F/h. Für den BE gilt nun (8 / dA y - dh VH.I dwf wf mit dwf dw + (F/h) (- dh/h) wf w + F/h Unter Verwendung von Gleichung (3.a) kommt man zu -dh _ F/h I dA \f (8 a-d) hn - /« + /M 1 — VH.w ti + /J. , wobei f •• F 10 Vgl. Whybrew (1964). 11 Von einer Gewerkschaftsbewegung, die über genügend Stärke nach außen verfügt, um AZV durchzusetzen, dürfte auch die Solidarität nach innen erwartet werden, die zum Abbau der Überstunden gegenüber partikulären Interessen einzelner Arbeitnehmer erforderlich ist. Leslie (1977) behauptet sogar: „While trade unions and others do make pious statements about their exploited members, they do not, in practice, oppose overtime, and those who work it do so". Eine Auseinandersetzung hierzu findet sich in Görres (1980). tt Für ausführliche Diskussion siehe Reid (1979). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen 351 Durch Einsetzen von (11) in (10) ergibt sich dh (7.e) dH = (- VEt We - rjE, we 'VNTH~ ^ ,/»)H H MIT VE, we = VH,W< 026 und ynth<0. Dies führt uns zu dem neuen Resultat dA - dh (ß-e) A = (! - Vn. h | - | VH, W ! + VB. w Vn) oder, unter Berücksichtigung von (3. a), dA - dh (S.a.e) —= [1 - | rjnth | - | rjHtW | (a - | |)]—j— • Offensichtlich entspricht \rjn,h\ der SK, wie sie im zweiten Verfahren definiert wurde, also den AZV-induzierten Produktivitätsgewinnen. Haben diese sich bisher nur als Verringerung der MK und damit beschäftigungssenkend ausgewirkt — wie dies oben in dem 1 — | rjn, h \ zum Ausdruck kommt — so ist ihre Wirkung in (8. e) bzw. (8. a. e) zugleich eine die LK vermindernde und damit beschäftigungssteigernde. Wollte man die Produktivitätsgewinne nicht mehr als eigenständige Komponente (SK), sondern als modifizierenden Teil der Hauptkomponenten MK und LK darstellen, so könnte man schreiben (12) MK' = (1 - | th |) ( - dh/h) und (13) LK' = (| VHt w | (a - | Vx9 h |)) (- dhjh) . Die im Sinne der Gewinnmaximierung durchaus plausible Vermutung, daß sich Arbeitgeber eher an den Lohnstückkosten als an den Stundenlöhnen, also statt we an w orientieren, impliziert, daß sich die SK weniger negativ auf den BE auswirkt als aus der ursprünglichen Modellversion mit Gleichung (1) zu schließen wäre. 26 Die Gleichsetzung von RJE,we unc* VH w bedarf der Erläuterung, da normalerweise (gH + gn) J (gw — ga) 4= fi^ / Qw. Zunächst kann das gn im Zähler des ersten Ausdrucks = 0 gesetzt werden, da für die interessierenden Zeiträume (Stück-)Lohnsteigerungen eher Mengenreaktionen (= gH) als Produktivitätsänderungen induzieren. Das gn im Zähler der Output-/StücklohnElastizität r}E, we darf natürlich nicht mit d^ / n (AZV) verwechselt werden. Der verbleibende Ausdruck gH / (gw — g„) mißt die Stücklohnelastizität der Arbeitsstundennachfrage YjH,we> was in einer dynamischen Wirtschaft ohnehin sinnvoller ist als die reine (Real-)Lohnelastizität. R\E,we sicherlich größer als rjH w. Bei einer ausführlicheren Untersuchung, als sie hier möglich ist, sind diese unterschiedlichen Möglichkeiten der Definition und Messung von Lohnelastizitäten zu berücksichtigen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 352 Peter Anselm Görres Gleichung (13) macht deutlich, daß eine AZV ohne LA nicht verteilungsneutral wäre. Dies wäre nur bei a — r\n t A der Fall. b) Empirische Werte und Schätzungen Untersuchungen der AZV-bedingten Produktionssteigerungen kommen für verschiedene Länder zu ziemlich ähnlichen Ergebnissen. Während jedoch bis vor wenigen Jahren die meisten Schätzungen um einen Mittelwert von 0,4 bis 0,5 streuten, Arbeitszeitverkürzungen also knapp zur Hälfte durch höhere stündliche Leistungen wett gemacht wurden, tendieren neuere Untersuchungen deutlich zu niedrigeren Werten, die zwischen Null und ein Drittel liegen (Tabelle 2). Tabelle 2 Produktivitätsgewinne bei Arbeitszeitverkürzung (im Verhältnis zur relativen AZV) Verfasser/ Name der Studie Jahr der Veröffentl. Land Werte Anmerkungen Leveson 1967 USA 0,4 - 0,5 Für 1929 - 1957 Evans 1975 Italien 0,44 Engelen-Kefer ... 1977 Frankreich 0,5 IFO/IAB 1977 BRD <0,4 Van der Hoeven .. 1979 Niederlande 0,5 Walterskirchen ... 1979 Österreich 0,5 Nach 3 Jahren nur 0,2 Pitz 1979 Japan 0,7 - 0,8 Schattat/IFO .... 1979 BRD 0,33 Henize/IPES .... 1980 BRD 0-0,3 Quellen: Siehe Literaturverzeichnis. Es spricht vieles dafür, daß die Betriebe im Lauf der langanhaltenden Unterbeschäftigungsphase die meisten Personalreserven abgebaut haben, so daß hier kaum noch Produktivitätsspielräume bestehen. Rationalisierungsmöglichkeiten werden weitgehend vom technischen Fortschritt und vom Investitionstempo bestimmt und unabhängig von Arbeitszeitverkürzungen wahrgenommen, weshalb AZV-spezifische Impulse im wesentlichen vom organisatorischen „shuffle-through" und einer gewissen Beschleunigungswirkung ausgehen dürften. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen 353 Erhöhung der Arbeitsintensität kann sich quasi natürlich aus der Verkürzung der Arbeitszeit ergeben, wird aber auch von Seiten der Arbeitgeber — wie frühere Untersuchungen zeigen27 — bewußt forciert, um Kosteneffekte der AZV zu reduzieren. Nicht nur im Interesse der Humanisierung der Arbeit, sondern auch in Bezug auf die gewünschten Beschäftigungseffekte einer AZV sind solche Bestrebungen jedoch höchst widersinnig; um dieser Ziele willen ist ihre Verhinderung sehr zu wünschen. Insgesamt deutet vieles auf ein verringertes Gewicht der SK, was sich trotz des negativen Kosteneffekts per saldo zugunsten eines höheren Beschäftigungseffekts niederschlagen dürfte. 6. Nachfrageeffekte Die Auswirkungen einer AZV auf die Nachfrage von Arbeitnehmerhaushalten hängt in erster Linie von der Höhe des LA, des BE, und dem Rückgang der Afbeitslosenleistungen ab. Die Lohnsumme steigt, solange BE > (1 - a) (- dh/h). Für die Beurteilung der Nachfrageeffekte kommt es auf die insbesondere von der „Neuen Makroökonomie"28 betonte Unterscheidung von „klassischer" (== reallohnbedingter) und „keynesianischer" (= nachfragebedingter) Arbeitslosigkeit an. Das Konzept der Komponentenzerlegung der AZV bezieht sich in der vorgelegten Form offenbar auf den Fall klassischer Arbeitslosigkeit, da nur der (Real-)Lohn die Beschäftigung determiniert. Die Beschäftigungseffekte des Modells sind somit unter den ungünstigeren Prämissen abgeleitet. Dagegen ließe die Annahme keynesianischer statt klassischer Unterbeschäftigung ein in zweifacher Hinsicht besseres Urteil über die Beschäftigungsaussichten einer AZV zu: — die negativen Wirkungen der Lohnerhöhung (die LK) fallen vergleichsweise weniger ins Gewicht, da nicht das Lohnniveau, sondern der Nachfragemangel Vollbeschäftigung verhindert; 27 Abbau von "Unemployment on the job" und Verkürzung auch der täglichen Arbeitszeit (anstelle etwa der Vier-Tage-Woche) erhöhen die Produktivität automatisch bzw. arbeitsphysiologisch spontan. Daß es oft weniger spontan zuging, zeigen zumindest für die AZV der 50er Jahre die Berichte in Krengel et al. Bd. III. Zumindest aus Sicht der Belegschaften kam es teilweise zu erheblichen Arbeitsverdichtungen. 28 Die NMÖ nahm bekanntlich von den Arbeiten Clowers, Malinvauds und Leijonhufvuds ihren Ausgang. Vgl. die ausgezeichneten Einführungen von Gerfin (1979), ((1980) mit Möller) sowie Barro/Grossman (1971), Schäfer (1979) und Pethig (1979). 23 Zeitschrift für Wirtschafteund Sozialwissenschaften 1982/4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 354 Peter Anselm Görres — aus dem gleichen Grund kommt der von einer AZV im Falle von Neueinstellungen generierten Nachfrageausdehnungj29 noch größere Wirkung zu, da unter den gegebenen Umständen jede Nachfragesteigerung beschäftigungsexpandierend wirkt. Dies gilt zumingest solange und in dem Maße, wie die Löhne unterhalb des Niveaus liegen, von dem ab wieder die klassische Ursache der Unterbeschäftigung dominiert. Bis zu diesem Punkt würden die Unternehmer versuchen, den Arbeitsausfall durch AZV möglichst weitgehend, also auch durch Neueinstellungen, auszugleichen, um ihr Angebot angesichts einer ohnehin unzureichenden Nachfrage nicht noch weiter einschränken zu müssen. Erst jenseits dieses Punktes, also nur wenn AZV die Lohnkosten so stark erhöht, daß diese wieder zum limitierenden Faktor werden, würde wieder die pessimistischere Konstellation des vorgestellten Modells gelten. Dem hier entwickelten „Elastizitätsansatz" der AZV kann also kaum der Vorwurf gemacht werden, die Beschäftigungseffekte in ein zu freundliches Licht zu stellen. Eine Analyse von AZV in einem Mengenrationalisierungsmodell findet sich bei Schäfer, der aber aufgrund modellimmanenter Elastizitätsannahmen und formaler Mängel zu einer übertrieben pessimistischen Beurteilung der Beschäftigungswirkungen kommt30. Insgesamt spricht einiges dafür, daß die Vernachlässigung von Nachfrageeffekten häufig zu einer Überschätzung des negativen Einflusses des Lohnausgleichs auf die Beschäftigungseffekte einer AZV verleitet. Auch in makroökonomischen Simulationen führt die Berücksichtigung der Kreislauf zusammenhänge zu erheblich günstigeren Resultaten31. 29 Hierbei sind allerdings die ausfallenden Lohnersatzleistungen in Abzug zu bringen, worauf bereits Joan Robinson (1937), 44 ff. hinwies. — Dies Argument gilt allerdings umsoweniger, je mehr die neueingestellten Arbeiter sich aus der „Stillen Reserve" rekrutieren, und je geringer die durchschnittliche Unterstützung der registrierten und berechtigten Arbeitslosen ausfällt. Zudem kann die Ersparnis der Arbeitslosenversicherung an anderer Stelle nachfragewirksam werden, etwa durch höhere Zahlungen an die verbleibenden Arbeitslosen, andere Verwenndung der Staatszuschüsse, niedrigere Beiträge usw. 30 Vgl. Schäfer (1979), 11. Eine ausführliche Kritik erfolgt in Görres (1982). Vgl. hierzu insbesondere das Modell von Henize/Ipes (1980) sowie das französische METRIC-Modell. Zur Einbeziehung von Nachfrageeffekten in das vorliegende Modell siehe Görres 1981 a). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen 355 7. Wachstumseffekte der AZV Kurzfristig sind Wachstumseinbußen aufgrund einer AZV relativ leicht zu bestimmen: sie entsprechen genau dem Teil von ihr, der weder durch Produktivitätssteigerung noch durch irgendeine Form der Mehrbeschäftigung ersetzt wird. Da eine volle Kompensation — auch wenn kein LA erfolgt — ausgeschlossen werden kann, wird eine AZV daher auch bei Unterbeschäftigung das Sozialprodukt mindern. Bei höheren Beschäftigungsgraden geht BE notgedrungen gegen Null, so daß ein Ausgleich des Arbeitsausfalls nur durch erhöhte Produktivität erreicht werden kann. Unter solchen Umständen ist mit höheren Wachstumseinbußen zu rechnen. Die arbeitsabhängigen Wachstumskomponenten können definiert werden als (14) gy (H) = <x gn = & (gh + gA) mit « = Produktionselastizität der Arbeit, wobei induzierte Produktivitätsgewinne außer acht gelassen sind. Eine einmalige AZV hat auf die langfristige Entwicklung des Wachstums (wie der Verteilung) kaum Einfluß. Dauernde Wachstums Verringerungen sind nur bei weiterer kontinuierlicher Verkürzung der Arbeitszeit zu gewärtigen. Derartige Aussichten mögen diejenigen schrecken, die den Wohlstand der Nationen als Funktion der erzeugten Gütermengen zu messen gewohnt sind. Aber: — aus ökologischer Sicht stellen AZVen das einzige Mittel dar, eine gewünschte Wachstumsverlangsamung (oder gar Nullbis Minuswachstum) zu erreichen, ohne Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen zu müssen (wenn man die Alternative des Verzichts auf die Realisierung von Produktivitätsfortschritten weitgehend ausschließt); — aus wohlfahrtstheoretischer Sicht spricht vieles dafür, daß eine Mehrheit der Bevölkerung zukünftige Wachstumspotentiale zu einem größeren Teil als ¡bisher in mehr Freizeit statt in mehr Güter umsetzen möchte32; — aus entwicklungspolitischer Sicht scheint eine Verlangsamung des Wachstumstempos in den Industriestaaten die Kluft zwischen armen und reichen Ländern eher zu verringern als die vielfach widerlegte Hoffnung des „trickledown" — der Reichtum von oben sickert nicht durch nach unten, jedenfalls nicht zu den ganz Armen. 32 Individuelle wie kollektive Arbeitsangebotskurven geraten in den Bereich des inversen (rückgeneigten) Verlaufs, wie der Ökonom sagt. Demoskopische Untermauerung findet sich in Mertens/Henninges (1979). 23* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 356 Peter Anselm Görres Diese Aspekte dürften auch dann noch eine Rolle spielen, wenn das (hoffentlich) nur kurzfristig gültige Argument der Beschäftigungseffekte einer AZV nicht mehr aktuell ist. 8. Zusammenfassung und Schluß Mit dem hier vorgelegten Modell zur Analyse von AZVen lassen sich deren Lohnund Produktivitätseffekte getrennt und nach mehreren Verfahren untersuchen und somit der BE als deren kombinierte Wirkung präziser schätzen. Das Modell gestattet ohne großen Aufwand die Einbeziehung einer Reihe von modifizierenden Faktoren wie verschiedene Grade des Lohnausgleichs, Lohnfixkosten und Überstunden, Preissteigerungen aufgrund einer AZV, verschiedene Arten von Arbeitsnachfragefunktionen usw. Bei Berücksichtigung der SK ergibt sich für a = 1 die Faustregel, daß Elastizität der Arbeitsnachfrage und SK zusammen nicht größer als 1 sein dürfen, soll der Beschäftigungseffekt noch positiv sein. Diese Bedingung erscheint nach den bisherigen Erfahrungen und vorliegenden Schätzungen erfüllbar. Unterstellt man etwa für die SK vorsichtig einen Wert von 0,5 und setzt die Lohnelastizität mit 0,3 an, so betrüge der Beschäftigungseffekt einer AZV (mit vollem LA!) immerhin noch ein Fünftel der relativen Verkürzung. Im Laufe der Einführung etwa der 35-Stundenwoche könnte die Beschäftigung also um rund 2,5 °/o (ein Fünftel von 12,5 bis 14,36 W3) zunehmen, ein größerer Anstieg ist durchaus denkbar. So kommt auch eine allerdings nur auf Befragungen gestützte Studie des Ifo-Instituts zu dem Schluß, daß eine AZV unter den heutigen Bedingungen zu je etwa einem Drittel mit 'Substitutionsmaßnahmen, Überstunden und Neueinstellungen beantwortet würde, wobei längerfristig ein Teil der Überstunden sicher zugunsten von Neueinstellungen abgebaut werden könnte (Schattat, 79, S. 56)34. Makrosimulationen aus einer Reihe von OECD-Ländern bestätigen im wesentlichen die vorsichtig optimistische Einschätzung, die sich aus unserer Modelldiskussion ergab. Um einen groben Anhaltspunkt zu ss Die beiden Werte entstehen wieder durch das Problem der unterschiedlichen Bezugsbasis (vgl. Anmerkung 7). 34 ökonometrische Schätzungen für Österreich für die Periode von 1958 bis 1975 ergeben einen sehr hohen relativen BE von 60 % (der relativen AZV), der in Phasen relativer Unterbeschäftigung und Wachstumsverlangsamung noch stärker ausfiel (vgl. Butschek (1977)). Walterskirchen rechnet aufgrund des Schwindens der SK im Zeitverlauf mit einem langfristigen BE von 80 °/o (1979), 29. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen 357 geben: Zehn Untersuchungen mit insgesamt 34 Varianten kommen im Mittelwert zu einem Beschäftigungseffekt von über einem Drittel (37 Prozent) der relativen AZV35. Eine Auswertung zahlreicher Erfahrungen mit früheren AZVen auch in anderen Ländern läßt es als nahezu sicher erscheinen, daß negative Beschäftigungseffekte ausgeschlossen werden können. Schlimmstenfalls, so darf also vermutet werden, hätte eine AZV eben keine Auswirkung auf die Beschäftigung36. Zudem ist stets zu bedenken, daß die Wirksamkeit einer AZV ja nicht nur an der tatsächlichen Ausdehnung der Beschäftigung, sondern auch an der Verhinderung oder Verminderung ihres weiteren Abbaus zu messen ist. Die Gewerkschaften können zu einem höheren BE beitragen, wenn sie bei Verhandlungen über die Verkürzung der Arbeitszeit von ihrer Forderung nach einem vollen Lohnausgleich abrücken, im Gegenzug aber auf Begrenzung der Arbeitsintensität und Zusagen über Neueinstellungen bestehen würden. In einer Situation, in der die Verfechter anderer arbeitsmarktpolitischer Strategien in den meisten westlichen Industriestaaten am Ende ihrer Weisheit angelangt sind, scheint mir dies ein starkes Argument dafür, dem Instrument AZV eine Chance zu geben. Eine ernsthaft am Ziel der Vollbeschäftigung orientierte Wirtschaftspolitik wird am Einsatz dieses Mittels nicht vorbeikommen, was selbstverständlich nicht den Verzicht auf andere Maßnahmen bedeutet. Für die beschäftigungspolitische Wirksamkeit einer AZV spricht außerdem die zu erwartende Ausdehnung der Nachfrage, wenn es zu Neueinstellungen kommt. Von dieser Nachfragewirkung können, wie im 6. Abschnitt erörtert, wiederum wichtige Beschäftigungseffekte ausgehen. Doch im Gegensatz zur sogenannten „gewerkschaftlichen Kaufkrafttheorie des Lohnes", bei der die negativen Effekte einer Lohnsteigerung gegenüber dem keynesianischen Nachfrageargument vernachlässigt und damit die Expansionswirkungen vermutlich überschätzt werden, sind im vorliegenden Modell Kosteneffekte voll integriert; zusätzliche Nachfrageeffekte werden als „Bonus" gern in Kauf genommen. Die für das theoretische Verständnis der AZV wichtigsten Schlußfolgerungen wurden bereits im 3. Abschnitt zusammengefaßt. Für den 35 Vgl. Görres (1981 b). 36 Vgl. Beirat (1969), Görres (1981/82). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 358 Peter Anselm Görres praktischen Sprachgebrauch ergibt sich zudem die wichtige Folgerung, bei der Diskussion der AZV und ihrer Auswirkungen Mengenund Preisbzw. Lohnkomponente („Faß volumen" und „Literpreis" in unserem Bild) streng auseinanderzuhalten und den für unsere Zwecke zu vagen Begriff der Arbeitsnachfrage in die Nachfrage nach Stunden und die nach Arbeitern aufzuspalten. Die zentrale Rolle der Lohnelastizität mag eine Reihe höchst berechtigter Einwände provozieren. Doch gerade von Gegnern der AZV wird häufig im Rahmen recht einfacher (neo-)klassisch inspirierter Grundannahmen argumentiert, wo — Nachfrage hin, sonstige Faktoren her — in letzter Instanz doch das Lohnniveau die Beschäftigung reguliert und Arbeitslosigkeit demzufolge ohne (relative) Lohneinbußen nicht zu beheben ist. Das hier vorgeschlagene Modell dient — natürlich nur unter anderem — dem Anliegen, diese Argumentation sozusagen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, indem es nämlich zeigt, daß ihre einfachen Schlüsse nur bei impliziter Unterstellung unveränderter Arbeitszeiten gelten. Unter ähnlich rigiden Modellannahmen, wie sie neoklassischen Beschäftigungsfunktionen zugrundliegen, entsteht ein schlagartig anderes Bild, wenn neben dem Lohn auch die Arbeitszeit als Handlungsparameter erkannt und zugelassen wird (vgl. Abschnitt 4.3). Hier leiden jedoch Theoretiker, die für den Gütermarkt sehr wohl mit Mengenund Preishebeln zugleich zu spielen verstehen, oft an erstaunlicher Einfallslosigkeit37. Der quantitative Charakter der hier definierten Komponenten darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich dahinter keineswegs nur mechanische Prozesse verbergen. Sowohl die LK wie die SK drücken nicht nur technische Relationen, sondern Annahmen über das Verhalten gesellschaftlicher Akteure aus. In der Wirklichkeit besteht durchaus ein Spielraum für staatliche Maßnahmen und/oder gewerkschaftliche Aktivitäten mit dem Ziel, das Beschäftigungspotential einer AZV möglichst weitgehend auszuschöpfen. Hier wären — nur als Beispiel — eine begleitende Einschränkung von Überstunden, die Verhinderung von jeglicher Intensivierung der Arbeit, möglicherweise auch stärkere gewerkschaftliche Mitwirkung bei unternehmerischen Investitionsentscheidungen oder in der Personalplanung der Betriebe zu nennen. 37 ich wiederhole diesen Punkt u. a. deshalb mit soviel Insistenz, weil ich auch in persönlichen Gesprächen mit Ökonomen immer wieder der Meinung begegnete, AZV mit LA könne doch nur negative BE haben, „weil ja die Stundenlöhne steigen". OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.337 | Generated on 2023-04-04 12:00:37 Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzungen 359 Letztlich geben für die beschäftigungspolitische Wirksamkeit einer AZV, ebenso wie bei deren Einführung, nicht „objektive Faktoren", sondern nur die lebendige gesellschaftliche Auseinandersetzung den Ausschlag. Zusammenfassung Ein einfaches Modell der Arbeitsnachfrage dient zur Analyse der Beschäftigungseffekte von Variationen der wöchentlichen Arbeitszeit. Neben leicht zu integrierenden Variablen wie Preiseffekte, Überstunden und Personalfixkosten wird die Schüsselrolle der induzierten Produktivitätsänderungen — deren Einfluß zweischneidig ist — sowie des Lohnausgleichs deutlich. Unter bestimmten Umständen können Arbeitszeitverkürzungen auch bei vollem Lohnausgleich die Beschäftigung erhöhen, woraus ihr Charakter als quasi-monopolistische Strategie der Arbeitsanbieter und wichtige Unterschiede zu normalen" Stundenlohnsteigerungen und zur „Kaufkrafttheorie des Lohnes" erhellen. Doch trotz Nachfrageeffekten dürfte ein trade-off zwischen Lohnausgleich und Beschäftigungseffekt bestehen. Empirische Ausfüllung läßt mit hoher Wahrscheinlichkeit einen positiven Beschäftigungseffekt von mindestens einem Fünftel der relativen Arbeitszeitverkürzung erkennen, den auch andere Studien erwarten lassen. Summary A simple labour demand model serves to demonstrate employment effects of variations in hours. Besides variables like price changes, overtime and overhead costs of labour, induced productivity gains and the degree of wage compensation emerge as key factors with somewhat double-edged impact. Unter certain conditions, reductions in hours can increase employment even with full wage compensation, which illustrates their monopolistic qualities as a strategy of labour suppliers and important differences to "normal" wage raises. Empirical evaluation indicates high probability for positive employment effects of at least one fifth of the procentual reduction, which is in line with empirical studies and macrosimulations. Literatur Adam, H. und B. Buchheit (1977), Reduktion der Arbeitslosigkeit durch Arbeitszeitverkürzung? Aus Politik und Zeitgeschichte, B 11, 3-14. Allen, R. G. D. (1975), Macroeconomic Theory. London. Barro, R. J. and H. I. Grossman (1971), A General Disequilibrium Model of Income and Employment. American Economic Review 61, 82 ff. Barten, A. P., G. d'Alcantara and G. J. Carrin (1976), COMET — a Mediumterm Macroeconomic Model for the European Economic Community. European Economic Review 7, 63 - 115. 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